[Illustration: Abb. 73. Ravenna. S. Apollinare nuovo. Mosaik.
(Phot. Alinari.)]
Außerdem wird behauptet, daß Ambonen in arianischen Kirchen nicht
üblich gewesen seien. Das würde vielleicht heißen: die nachher unter
diesem Namen auftretenden Doppelkanzeln (meist von mitten leicht
ausgebogener Grundform) zu beiden Seiten der Schranken des Chors der
Psallierenden im Mittelschiff fehlten, wie dieser selbst, doch wird
wohl irgend eine Art von freistehenden Kanzeln vorhanden gewesen sein;
sonst müßte der Prediger von dem erhöhten Raum vor der Altarnische
aus geredet oder von dort aus die Vorlesungen von Evangelium und
Epistel stattgefunden haben. --
Es muß fraglich erscheinen, ob überhaupt solche besonders
ausgezeichnete erhöhte Standpunkte erst später eingeführt und bei dem
Gottesdienst der Arianer noch nicht nötig gewesen wären.
Jedenfalls finden wir in Theoderichs Palastkirche (S. Apollinare nuovo)
und in S. Teodoro (S. Spirito; Abb. 72, Tafel XVII) Ambonen, die
vielleicht noch aus der Zeit der Erbauung dieser Kirchen herrühren,
sicher nicht viel jünger sind.
Muß hierin der Forschung und Feststellung noch fast alles vorbehalten
bleiben, für die Baukunst in engerem Sinne kommt der Unterschied des
arianischen und orthodoxen Christentums offenbar so gut als nicht in
Frage; Kirchen ohne Giebel scheinen kaum noch vorhanden, ebensowenig
solche ohne Ambonen oder spätere Kanzeln. Die arianischen Gotteshäuser
sind in der Folge ausnahmslos katholisiert, die Bildwerke, soweit sie
an die Ketzer erinnerten, umgeformt oder zerstört worden -- und so wird
aus der Zeit, wo die arianischen Germanen in Italien und Spanien ihrem
Christentum in kirchlichen Bauwerken monumentalen Ausdruck gaben, wohl
nichts Charakteristisches mehr übrig geblieben sein. Aber wie gesagt,
es ist vermutlich alles das auch nur äußerlich und wenig bedeutsam
gewesen und hat auf das Bauwerk als solches kaum Einfluß gehabt. Sonst
könnten nicht so manche Kirchen zuerst katholisch gewesen, -- dann
arianisiert -- nachher dem katholischen Kultus zurückgegeben sein, ohne
daß man dies an ihnen wahrnimmt[29].
[Sidenote: Ravenna, S. Apollinare nuovo]
Jedenfalls ist es sicher, daß Theoderich, der milde Fürst, eine Reihe
neuer ansehnlicher Kirchen für seine arianischen Goten neu erbaute,
während er die bestehenden Kirchen und Kathedralen der Regel nach den
bisherigen Besitzern beließ. Solcher Bauwerke haben wir vor allem in
der Hauptstadt Ravenna mehrere. Zuerst seine Hauptkirche neben seinem
Palast, die er Jesus Christus, dem Erlöser, weihte, von Erzbischof
Agnellus als S. Martino in Coelo aureo umbenannt, heute S. Apollinare
nuovo oder dentro.
Dieses herrliche Bauwerk ist so oft beschrieben und zählt so sehr in
die Reihe der altchristlichen Basiliken Italiens, daß wir es hier
kaum besonders zu würdigen haben sollten. Trotzdem, und obwohl an ihm
sich kaum spezifisch germanische Eigentümlichkeiten von Belang zeigen,
müssen wir es doch, wenn auch in Kürze, beschreiben, schon deshalb,
weil es das beglaubigtste Werk der Kunstliebe Theoderichs ist und laut
einer (verschwundenen) Inschrift in seiner später ganz erneuerten
Chornische von Theoderich von Grund aus erbaut und bereits 504 geweiht
wurde. Wir dürfen glauben, daß der große König sie in vollster Pracht
ihrer Ausstattung gesehen und in ihr gebetet hat.
Der schriftstellernde Presbyter Agnellus schreibt: „Wenn du fleißig in
der Chornische (tribunal) nachschaust, so wirst du über den Fenstern
die aus Stein hergestellte Inschrift finden: „König Theoderich
machte diese Kirche von den Fundamenten an im Namen unseres Herrn
Jesu Christi““. Darum also hieß diese Hofkirche Salvatorkirche, bis
Erzbischof Agnellus (553-66) sie katholisierte und dem Heiligen
Martin weihte. Agnellus hat damals eine Reihe von Änderungen an ihr
vorgenommen, da er sie planmäßig aller ihrer Erinnerungen an Theoderich
zu berauben gedachte; trotzdem blieb der Körper der Kirche mit Ausnahme
der 856 eingestürzten und im 18. Jahrhundert nochmals erneuerten
Apsis und der Westwand im ganzen so, wie sie schon in ostgotischen
Tagen erschien. So ist sie für uns ein ganz unschätzbares Dokument
der Zeit und der Kunstliebe Theoderichs des Großen, wenn sie auch
selbst in keinem Teile als das Werk germanischer Künstler bezeichnet
werden darf, und eben nur in einigen Nebendingen das Germanische sich
andeutungsweise ankündigt.
Um so wichtiger ist uns die Kirche als erhaltenes umfangreichstes
kirchliches Bauwerk, das für die Ostgoten errichtet wurde, zugleich
wegen seiner prachtvollen Ausstattung von Mosaiken, die in ähnlicher
Weise aus jener Zeit sonst nirgends mehr vorhanden sind.
Es ist eine dreischiffige Basilika, deren Mittelschiff durch zwei
Bogenreihen auf je zwölf Säulen von den Seitenschiffen getrennt ist;
die Apsis ist innen rund, außen im Grundriß ein halbes Zehneck, und
verlängert sich nach dem Mittelschiff zu noch zu einem besonderen wohl
einst durch eine Schranke abgetrennten fast quadratischen Chorraume,
wie er in romanischer Zeit so oft vorkommt. Die Apsis hatte Fenster
nach der bei den arianischen Kirchen üblichen Weise.
Vor dem Eintritt in die Kirche durchschritt man ein Atrium -- einen
kleinen Säulenhof -- und dann die Vorhalle (Narthex). Ersteres ist
verschwunden, letztere umgebaut und kaum mehr erkenntlich.
Die Säulen, die die Schiffwände tragen, haben weiße Marmorkapitelle und
Füße und verjüngte, aber nicht geschwellte Schäfte aus Cipollinmarmor.
Hierbei ist bemerkenswert, daß diese Säulen, wie bei allen Bauwerken
Theoderichs, nicht von antiken römischen Bauwerken geraubt, sondern
eigens für die Kirche angefertigt sind. Man meint: im Osten, und
findet ihre Form byzantinisch. Die Akanthusblätter sind freilich nach
griechischer Art ziemlich stachlig. Doch zeigt sich an den Deckplatten
eigentümliche recht holzmäßige Verzierung mit eingekerbten parallelen
Linien; die einfach mit Kerbschnitt markierten vier Blütenknospen sind
nach der Seite gekehrt, bewegen sich also sozusagen nach der gleichen
Seite sich drehend um den Kern der Säule herum.
Das sind bescheidene doch neue dekorative Elemente, die vielleicht
durch die nordischen Barbaren in die Kunst eingeführt sind; derb und
anspruchslos, weit entfernt von der früheren plastisch vollendeten
Durchbildung des ornamentalen Blatt- und Blütenwerks der Antike --
doch wirksam und kernig. Es kann dahingestellt bleiben, woher dieser
Umschwung kam, sicher ist es, daß er mit dem Eintritt der Barbaren in
die Kunst erschien[30].
Die Bögen oberhalb der Säulen, die auf einem quadratischen derben
Kämpferstein mit Kreuz an der Vorderseite ruhen, sind in der frühen
Renaissancezeit erneuert und dekoriert; man hat damals die Säulen mit
den Bögen soweit als möglich höher gebracht. Seitdem mußte der Fußboden
nochmals erhöht werden, und so stehen die richtigen Säulenfüße heute
doch wieder etwa 60 cm unter dem Pflaster, bis ins Grundwasser hinein.
Der ursprüngliche Kirchenboden dürfte daher ungefähr 1½ m tiefer
gelegen haben, als heute. Das stetige Wachsen der Betten der beiden
Flüsse Lamone und Ronco, die die Stadt einfassen, machte ein
wiederholtes Aufhöhen des Bodens innerhalb der Mauern notwendig, das
seit den Tagen Theoderichs einen Niveauunterschied von mehr als 2 m
ergeben haben muß.
So ist der Eindruck der Kirche heute ein weit niedrigerer, als
ursprünglich. Dazu muß noch bemerkt werden, daß zu Zeiten Theoderichs
das Schiff mit einem prachtvollen vergoldeten Holzplafond bedeckt
war, dessen spärliche Reste noch oberhalb der aus dem 17. Jahrhundert
stammenden Decke vorhanden sein sollen. Und trotzdem ist der Eindruck
immer noch durch Verhältnisse und Ausstattung ein herrlicher und in
seiner Art einziger, denn wenigstens die Langwände der Kirche oberhalb
der Bogenreihen bis zur Decke sind noch heute mit ihren großenteils
ursprünglichen prachtvollen Mosaiken auf Goldgrund bekleidet.
Zunächst erblicken wir über den Bögen einen Fries, -- rechts von
Männern, links von Frauen, die in feierlichem Zuge nach dem Osten
wallen; links am Ende thront, von Engeln bewacht, die Mutter Gottes,
der die drei Weisen ihre Gaben bringen. Gegenüber der Erlöser auf hohem
Sitze.
Darüber zwischen den Fenstern dann Heilige unter schirmartigen
Baldachinen, und ganz oben in rechteckigen Feldern Einzelszenen aus dem
Leben Jesu.
Ein großartigster Zyklus heiliger Bilder, wie er sonst aus jener
Zeit an den Schiffwänden einer Kirche nicht mehr vorkommt, und eine
gewaltige Leistung kirchlicher Malerei von größter Schönheit und
Feierlichkeit.
Es ist schmerzlich, daß von der einstigen Pracht nur diese zwei
Längsseiten erhalten sind. Denkt man sich die Ausstattung der früher
so viel höheren Kirche vervollständigt, oberhalb der Säulen schon
die Bögen mit Mosaik geziert (wie bei anderen Beispielen), dann am
Chorbogen, im Chor und in der Apsis diese Malerei zu der höchsten
Wirkung gesteigert, darinnen einen Prachtaltar, über allem die goldene
Decke (coelum aureum), unten an den Wänden farbigen Marmor, dazu den
reichsten Marmorfußboden, die Kirche auch sonst noch ausgestattet mit
Altären, Lampen und anderem Schmucke, so muß das Ganze von einer Pracht
und Schönheit gewesen sein, der wohl nur zu vergleichen ist die heute
noch allein übrig gebliebene Herrlichkeit von S. Marco zu Venedig.
Das war Theoderichs Palastkirche, ein wahrhaft königliches Denkmal
seiner Frömmigkeit wie seiner Liebe zur Kunst. Freilich mit den
künstlerischen Mitteln des eroberten Landes gestaltet (Abb. 74, Tafel
XVIII). --
Es wird behauptet, daß die heutigen Mosaiken von Erzbischof Agnellus
herstammten, auf Grund der Nachricht des Presbyters Agnellus, der viel
später die Geschichte der Bischöfe Ravennas schrieb. Doch ist dessen
Ausdruck: „er zierte die Chorpartie und die beiden Wände mit Reihen
von wallenden Märtyrern und Jungfrauen in Mosaikwürfelchen“ sicher
nur auf die beiden Friese der Langwände und des Vorchors zu beziehen;
alles andere muß noch von Theoderich herrühren. Denn welcher Grund
sollte den Erzbischof und griechischen Exarchen dazu getrieben haben,
da ihm neuere noch größere und prächtigere Kirchen, so S. Vitale, S.
Apollinare in Classe viel näher am Herzen liegen mußten, nachträglich
der Hofkirche des Barbarenkönigs den herrlichsten Mosaikenschmuck zu
schenken? -- Und außerdem gibt es klaren Beweis genug dafür, daß die
Bilder der Hofkirche bereits ursprünglich dem Bau angehörten, und daß
der Bischof Agnellus nur Änderungen an ihnen vorgenommen haben kann,
indem er ihm ärgerliche Darstellungen beseitigte und durch ihm genehme
ersetzte. Davon später.
Der Ausgangspunkt der großen Schar der heiligen Jungfrauen und der
Märtyrer ist nämlich links ein Bild der Stadt Classe, rechts der Stadt
Ravenna. Zwei ungemein wichtige Darstellungen, die uns einerseits die
mauerumwallte Hafenstadt Ravennas mit Toren und allerlei über die
Zinnen ragenden Gebäuden, Wasserleitung, Rundbauten und anderem zeigen,
gegenüber rechts aber ein Stadttor mit der Überschrift: civitas Ravenna
und daneben ein Prachtgebäude, in dessen Giebel geschrieben ist:
Palatium (Abb. 85).
[Illustration: