Den reichsten Schmuck der Altäre aber bildeten die Ziborien,
tempelartige Überbauten auf vier Säulen oder Pfeilern. Auch ihrer gibt
es eine Reihe, dazu eine Menge Reste von solchen. Vortrefflich erhalten
vor allen das echt langobardische des Leocadius in S. Apollinare in
Classe, ein Prachtwerk mit reichen Skulpturen auf kanellierten Säulen.
Das Flechtwerk der Bögen, das Ornament der Bogenzwickel mit ihren
mannigfaltigen Tiergestalten gehören mit zum Besten der flachen
Langobardenskulptur. Reiche Reste von solchen Ziborienbögen und andere
Teile von ihnen sind in Oberitalien noch zahlreich vorhanden.
Inmitten des mit einem Gewölbe (Kuppel) oder einer Flachdecke bedeckten
Ziboriums hing in einem Gefäße von oben die Eucharistie an Ketten
herab; die Bögen ringsum waren mit Vorhängen versehen.
[Sidenote: Ambonen]
Ambonen oder Kanzeln sind ebenfalls noch in Resten oder ganz, manchmal
mit gut germanischem Ornament geschmückt, vorhanden; so die in S. Elia
zu Nepi, in Ravenna in S. Apollinare dentro und S. Spirito, beide wohl
noch aus ostgotischer Zeit, im Dom und Museum Reste von solchen; auch
in S. Giovanni und Paulo daselbst; in Grado Ähnliches. Diese Ambonen
waren auf Säulen freistehende Balkone mit meist mitten nach vorn
flachgebogener Vorderbrüstung. Der letzte Nachkomme dieser Art wird die
Kanzel Kaiser Heinrichs II. in Aachen sein.
Andere Kanzelformen, die germanisch sein können, finden wir in S. M.
in Castello, einen Rest in S. Ambrogio zu Mailand, einen anderen zu
Besançon.
In Spanien dagegen hat sich keine Spur eines Ambo gefunden; in manchen
Fällen mag da die starke Erhöhung des Santuario, das durch Treppen
zugänglich war, für die Predigt und Verlesung genügt haben.
[Illustration: Abb. 70. Moschee zu Cordoba. Weihwasserbecken.]
[Sidenote: Weihwasserbecken]
Weihwasserbecken scheinen meist frei gestanden zu haben; die
französischen sind eine Art kurzer Säule mit ausgehöhltem Kapitell
(Abb. 69); das spanische aus Cardona bei Barcelona zeigt ein
Vierpaßbecken in einen Würfel gehöhlt, der auf vier kurzen Säulen ruht
(vgl. Abb. 1).
Ein anderes steht noch in der Moschee in Cordoba; ein längliches
viereckiges, unten abgeschrägtes Becken auf einem rechteckigen hohen
Fuße, dessen vier Seiten mit gekerbtem Ornament bedeckt sind (Abb. 70).
[Sidenote: Taufbecken]
Taufbecken ältester Zeit, reine Eintauchbecken, sind nachweisbar. In
St. Jean zu Poitiers befindet sich mitten in der Kirche die achteckige
Vertiefung, in die man über hohe Stufen hinabstieg; darin Wasserzufluß
und Abfluß unterirdisch. Später waren große runde oder polygone auf
dem Boden stehende Steinbecken mit hoher, oft reicher Brüstung üblich;
glatt in S. Miguel de Lino; in Verona (S. Giovanni in Fonte) steht der
Priester in einem besonderen kleeblattförmigen Becken trocken inmitten
des gefüllten Achtecks; hier jedenfalls aus jüngerer Zeit, doch eine
alte Idee, die schon in dem Baptisterium der Orthodoxen in Ravenna
ähnlich ausgebildet ist.
Das interessanteste Beispiel der ältesten Art ist das Becken zu
Cividale im Dom, achteckig, unter einem offenen Tempel (Ziborium auf
acht Säulen) befindlich (s. Abb. 97, Tafel XXV). Die acht Bögen sind
genau entsprechend solchen von Altartempeln geschmückt, noch aus dem 8.
Jahrhundert.
Allzu viel bergen die Gotteshäuser jener Zeit sonst nicht mehr für
unsere Betrachtung. Prachtvollen Mosaikbilderschmuck freilich hat
schon Theoderich der Große seinen Kirchen, insbesondere S. Apollinare
dentro in Ravenna, gestiftet; doch natürlich Werke nicht germanischer
Künstler. -- Die Mosaikfußböden seines Palastes (s. Abb. 86, Tafel
XIX), seiner Kirchen, die späteren aus der Langobardenzeit, so in Grado
und Torcello, die aus Ravenna geholte Marmorplättung des Aachener
Münsters, die von Alt-S.-Quirin zu Neuß und vieles Ähnliche -- alles
ist nicht von Germanen gemacht. Doch ist zu rühmen, daß diese sich
solcher Mittel gerne bedienten und so das Fortleben dieser Künste
förderten.
[Sidenote: Bischofsstühle]
Vielleicht aber stoßen wir in anderen Gegenständen, die sich in den
Kirchen öfters finden, noch hie und da auf germanische Einwirkung. So
scheint mancher steinerne oder marmorne bischöfliche Stuhl -- wenn auch
die meisten nur Nachbildungen antiker sein mögen -- eigene nordische
Art zu atmen; darunter der einfache im Dom zu Cividale, einst zu
Aquileja, dessen obere Zapfen und Hufeisenbögen an der Seite wohl nicht
antike Reminiszenz sind (Abb. 71).
Karls des Großen Stuhl zu Aachen aber ist in keiner Hinsicht nordisch;
der Spätling im Goslarer Kaiserhause nur eine reichere Nachbildung
davon.
[Sidenote: Sarkophage]
Dagegen haben wir an zahlreichen Sarkophagen, vor allem fränkischen,
viel germanische Originalität. Der der Teodata in Pavia ist noch mit
rein langobardischem Ornament überall bedeckt; von fränkischen gibt es
eine unzählbare Menge in Frankreich, deren Schmuck sich freilich oft
auf einfache holzmäßige Flächenverzierung oder gar nur Parallelrippung
des Steins beschränkt. -- Oft ist ein Kreuz über die Fläche des Deckels
gestreckt. Reichere finden wir in Menge in S. Jean zu Poitiers, auch in
Bordeaux, andere in Köln, Mainz.
Die Herrscher freilich, schon Gisulf in Cividale, aber auch
Karl der Große und Ludwig, sein Sohn, ließen sich lieber in
römischen Prachtsärgen mit oft heidnischen Reliefs bestatten.
(Proserpina-Sarkophag Karls des Großen.)
An kleineren Grabsteinen aber ist manches übrig, was uns anmutet;
einfache Steinplatten, die mit Zierat, meist in Geflecht, bedeckt sind;
davon bemerkenswerte in Gallia cis- und transalpina. So in Narbonne
der, den ein treuer Liebhaber oder Gatte sue Siniofredae gesetzt hat.
Wenn wir von ein paar Brunneneinfassungen in langobardischer
Dekoration, wie sich solche in Venedig, aber selbst in Rom finden,
absehen, so mag hiermit, was von Kleinarchitektur der Germanen noch
übrig sein wird, wohl ziemlich erschöpft sein.
[Illustration: Abb. 71. Cividale. Dom. Patriarchenstuhl.]
[Sidenote: Möbel]
An Möbeln und hölzerner Ausstattung scheint natürlich so gut als
alles dahin. Nur in S. Paulin zu Trier haben wir noch ein zartes
Holzkästchen, recht nordisch, dessen Flächen in ganz flachem
Flechtwerk gradlinig bedeckt sind; und in Terracina könnte sich in
einer beträchtlichen Truhe vielleicht ein Möbel aus langobardischer
Zeit -- also von vor 1000 -- erhalten haben, eine Truhe von 1,05 m
Länge, 0,67 m Breite und 0,58 m Höhe, aus Zedernholz; ihre Seiten
sind mit ganz flacher Schnitzerei in zwei Arkadenreihen übereinander
geschmückt, die Architektur sehr zimmermannsmäßig, in den Feldern
phantastische Tiere, Greifen, Löwen und allerlei, miteinander kämpfend,
nordisch märchenhaft, doch offenbar auch durch östliche Vorbilder
stark beeinflußt. Jedenfalls aber für die ganze germanische Welt
höchst verehrungswürdig, sollte es sich wirklich als fast ältestes
germanisches Möbel in Holz erweisen[27].
Es ist ja sicher, daß es der Holzmöbel, vor allem in den Wohnungen,
einst viele und schöne gab. Der bronzene Dagobertstuhl aus St. Denis
hat in seiner feinen Gestalt ja sicher viel Antikes, ist aber doch
ein Beweis des einstigen Vorhandenseins solcher Stühle, die wir
uns sonst mehr in nordischer Erscheinung, nach Art der sogenannten
Wikingerstühle, an denen es in Skandinavien noch nicht fehlt, denken
müssen. Bänke und Tische gab es von jeher, auch Betten, alles im
Sinne des heutigen Gebrauchs, aus Holz, oft reich geschmückt. Der
hortus deliciarum der Herrad von Landsberg gibt ein reiches Material
romanischer Möbelformen in Drechslerarbeit; die ältesten germanischen
Miniaturen enthalten eine Menge verschiedenster Darstellungen, die
beweisen, daß die germanische Tischlerarbeit hoch entwickelt war. An
anderen Möbeln, kleinen und großen Stühlen jeder Form, Schränken,
Truhen und sonst allem nur Erwünschten ist da kein Mangel.
Soweit das Holz also in Frage kommt, haben wir das Kunstgewerbe der
Germanen im 5.-9. Jahrhundert als durchaus auf respektabler Höhe
stehend anzusehen.
[Illustration]
[2] Der Schatz wurde damals von dem gelehrten Arzt Dr. Chiflet
untersucht, beschrieben und auf Kupferstichen dargestellt;
sein berühmtes Buch heißt: Anastasis Childerici I Francorum
regis sive thesaurus sepulcralis Tornaci Nerviorum effosus et
commentario illustratus, Antwerpiae 1655.
[3] Die Musterung, die durch die Goldstreifen erzeugt wird, ist
dabei oft sehr mannigfaltig. Es kommen darunter nicht selten
sogar Vierpässe vor, ganz denen des Mittelalters ähnlich (Abb.
14). Daraus schließen einzelne, der Name des gotischen Stiles
könne vielleicht gar durch späteres Nachbilden solcher uralter
Motive entstanden sein.
[4] Bedeutet im Gotischen wahrscheinlich: Haus, Familie, Gatte.
[5] Die Ergebnisse beider Grabungen heute im Thermenmuseum zu Rom.
[6] Zufällig im Walde gefunden, also nicht aus einem Grabe stammend.
[7] Was man schon 1799 in Nagy-Szent-Miklos gefunden hatte an
überreichen Goldwerken, die man als den Schatz des Attila
zu bezeichnen liebt: Kannen mit Figuren, andere mit
Kettenornamenten und Buckeln, Schalen, Trinkgefäße in
Muschelform und reichem Kleinwerk, das kennzeichnet sich
allerdings als ungermanisch, weshalb man es den Hunnen
zuschrieb. Neuerdings neigt man der Vermutung zu, daß dieser
Schatz späteren bulgarischen Ursprunges sei.
[8] Von Bedeutung ist ein schönes goldnes Reliquiar in St. Maurice
(Wallis) von Kästchenform, ganz mit Juwelen in Goldzellen
bedeckt und überreich; es trägt die Inschrift: Teudericus
presbiter in honore sci Maurici fieri jussit amen -- Nordoalaus
et Philindis ordenarunt fabricare -- Undiko et Ello ficerunt.
Also hier die Namen zweier deutscher Goldschmiede, wenigstens
germanischer. Mit dem des obengenannten Gundbald eine
erfreuliche Erhaltung uralter deutscher Künstlernamen.
(Abgebildet bei Venturi, storia dell’arte in Italia).
[9] Die großen Deckel des Evangeliars der Königin Theudelinde im
Dome zu Monza sind mit Friesen von Juwelen in Zellen, mit
Kreuzen in ähnlicher Art, mit Saphiren, Smaragden, Perlen und
antiken Kameen auf das reichste geschmückt (Abb. 26, Tafel XI);
sie tragen die Inschrift: De donis Dei offerit Theodolinda
regina gloriosissima Sancto Johanni Baptiste in baselica quam
ipsa fundavit in Modica prope palatium suum. -- Die Königin
betont also, daß dies Werk für ihre Kirche gemacht sei.
[10] „VVOLVINIVS MAGISTER PHABER.“
[11] Woher Lindenschmitt den Gedanken nimmt: „oder in Zinn“
-- scheint unklar. Für unsere Betrachtung wäre dies übrigens
unerheblich, da dies weiche Metall sicher ganz in der gleichen
Schnitzmanier bearbeitet worden sein müßte.
[12] Die Literatur ist an besonderer Stelle eingehend angegeben. Ich
vermeide absichtlich die „wissenschaftliche“ Verbrämung mit
Noten und Quellen.
[13] Ich unterlasse es, das verschiedenartige frühe Vorkommen dieses
Motivs hier näher zu untersuchen. Es ist im 8. Jahrhundert
schon überall dekorativ angewandt; so als Balkenschmuck ca.
770 (Cattaneo, Fig. 82), als Bogeneinfassung aber schon um 500
in Syrien, Kalb-Luseh (Holtzinger, Fig. 167), um dieselbe Zeit
am Theoderichdenkmal zu Ravenna als Fries um die Mitte des
Gebäudes. Bei den Germanen am Geräte und der Waffe ist aber der
Bogenfries schon 1000 Jahre früher im Gebrauch (Montelius, Fig.
195); für spätere Zeit s. Lindenschmitt, S. 247, 252.
[14] Man vergleiche das schöne Portal von N. Dame du Port zu
Clermont-Ferrand; XI. Jahrhundert (Abb. 57).
[15] Daß in Syrien, dem Lande des Bauens in ganz großen Steinen,
das Ausschneiden der Bögen, nicht minder ihre Herstellung durch
Überkragen ebenfalls ein paarmal vorkommt, ist bei der Natur des
dortigen Steinmaterials um so weniger ein Wunder, als man dort
vom Wölben auch nicht allzu gerne Gebrauch machte. -- Gleiche
Auffassung führt von alters her überall zu gleichen Ergebnissen,
denn sonst kämen schließlich hier auch die ähnlichen
Gepflogenheiten in Mykene und Tiryns in Betracht, die doch gewiß
nicht hierher gehören.
[16] Dort läßt sich diese Anordnung auch damit erklären, daß solcher
Vorsprung zum Auflagern von Querbalken (für Vorhänge u. dgl.)
bestimmt gewesen sein könnte.
[17] Ganz gleiches gilt ja auch für das Flechtwerkornament, dessen
wir oben gedacht haben.
[18] Der an frühen Bauwerken der Araber im Nillande, z. B. an der
Amru-Moschee in Kairo, bereits auftretende Hufeisenbogen ist
doch dort überall jünger als die spanische Eroberung, und dabei
zuerst noch ganz zaghaft angedeutet. Wir haben in ihm nur das
Ergebnis eines Zurückströmens neuer Formen aus den neueroberten
Ländern nach den früher gewonnenen in Afrika zu erkennen; er
ist denn auch überall meistens ein Jahrhundert jünger, als die
Moschee zu Cordoba.
[19] Von verwandter Art sind die Stuckumrahmungen der Nischen im
Grabe Kaiser Heinrichs in Quedlinburg.
[20] Die (fränkische) Abtwohnung in Tours war mit Metallfenstern,
deren Öffnungen verglast waren, versehen. Hölzerne Läden
schützten sie von außen.
[21] Von den Langobarden wissen wir außerdem, daß bei ihnen die
Fensterverschlüsse für ihre Wohnhäuser vom Tischler in
Gitterwerk gefertigt wurden; die steinernen Vergitterungen der
Kirchenfenster waren davon gewiß die monumentale Übertragung.
[22] Nach Strzygowski sogar an mesopotamische.
[23] Die ravennatischen Kirchen Theoderichs des Großen sind eben nur
Spätlinge des altchristlichen Kirchenbaues des Südostens.
[24] Später St. Germain des Prés, die alte Grabkirche merowingischer
Fürsten.
[25] Im Süden, wie auch bei besseren Bauwerken des Nordens,
liebte man die Täfelung der unteren Wände mit Marmorplatten nach
altchristlichem Vorbild.
[26] Rh. Maurus, de universo 1, XXI. C. 8.
[27] Doch macht Strzygowski darauf aufmerksam, daß dies Möbel
koptischer Herkunft sein könne, was heute wohl noch nicht sicher
zu entscheiden ist.
[Illustration: BAUWERKE]
Von den Gebäuden, welche die germanischen Völker in den von ihnen
eroberten Ländern errichteten, ist fast alles durch die folgenden
Zeitfluten wieder hinweggeschwemmt und verschwunden. Von den
Holzgebäuden versteht sich dies bei der Vergänglichkeit des Materials
schon von selber; aber auch den steinernen Bauwerken war bei ihrer
Kleinheit und Primitivität als ersten Versuchen auf einem den
Nordländern fremden Gebiete leichtes Vergehen gewiß. Um so mehr, als
sich an ihre Stelle im Fortschreiten des Könnens und der Ansprüche,
wie ihrer gesteigerten Bedeutung stets neue schönere Nachfolger
setzten. Für die anfangs ganz kleinen Kirchen erstanden größere, oft
mehrere hintereinander, in wachsenden Abmessungen; die germanischen
Schlösser und Hallen draußen fielen in Ruinen, wenn sie nicht mehr
dienten; standen sie in volkreichen Städten, so verschwanden sie, um
anderen Gebäuden Platz zu machen. An die Statt von Theoderichs Palast
in Ravenna trat außer anderen Gebäuden ein kleines Kloster und ein
weiter Gartenbezirk, da der Bau im ewig wachsenden Erdboden versank
und unbewohnbar wurde; in Verona war später eine mittelalterliche
Burg, dann eine Kaserne an der Stelle, da Theoderichs Schloß geprangt
hatte. Wo die Westgotenkönige in Toledo einst Hof hielten, dehnt sich
jetzt ein großer Platz neben wildem Gewirr regelloser Wohnhäuser; wo
in Aachen Merowingerkönige, später Karl der Große thronten, wo der
kaiserliche Saal sich oberhalb des Münsters erhob, lastet heute die
schwere Masse des Rathauses; den einstigen Platz der fränkischen Dome
zu Tours, Paris, St. Denis, Köln, Fulda füllen seitdem mittelalterliche
oder jüngere Riesenbauten; die große Schar der Kirchen in der
merowingischen Hauptstadt Austrasiens, Metz, ist bis auf eine den
Festungsbauten und dem Wandel der Zeiten zum Opfer gefallen; die
langobardischen Hauptkirchen zu Pavia, Mailand sind durch wiederholte
Umbauten völlig erneuert, die westgotischen in den wichtigeren Städten
haben Moscheen, diese nachher wieder neueren Kathedralen weichen müssen.
Und doch erzählen alte Schriftsteller von reicher Bautätigkeit der
jungen germanischen Völker, und nicht nur auf kirchlichem Gebiete; so
bauten nach Theoderich d. Gr. der Westgotenkönig Theoderich II., die
Vandalenkönige Thrasamund und Gelimer, spanische Westgotenherrscher
wie Leovigild, Recared, Reccesvinth und Wamba Paläste und Städte,
deren Größe und Pracht gerühmt wurde; von den Merowingern wissen wir
Ähnliches; noch die Karolinger bis auf Ludwig den Frommen folgten in
gleichem Sinne.
Aber auch die großen kirchlichen Bauten der germanischen Eroberer
wurden hoch gerühmt, und die einzigen, die noch stehen, die Theoderichs
zu Ravenna und Karls des Großen zu Aachen, sind bis heute ragende
Zeugen reicher und bedeutungsvoller Bau- und Kunsttätigkeit, wenn
auch leider die künstlerischen Formen gerade dieser übriggebliebenen
Bauwerke am wenigsten von eigener germanischer Kunst zeugen. An den
anderen haben wir unersetzlichsten Verlust erlitten; vielleicht auch
hat die kirchliche Sonderart der germanischen Völker, die anfänglich
sämtlich, mit Ausnahme der Franken, nicht orthodoxe Katholiken, sondern
Arianer, also Ketzer, waren, wo sich dies erkennbar aussprach, zur
Vernichtung ihrer Hauptdenkmäler in den rasch folgenden Zeiten der
reinen römischen Kirchenherrschaft besonders beigetragen.
So sind uns von Kirchen fast nur die in Winkeln vergessenen und
unscheinbaren geblieben. Doch einiges wenige läßt sich auch von diesen
sagen, was sie außer ihrer Kleinheit charakterisiert und für uns von
Wert und Bedeutung sein muß.
[Sidenote: Grundrißeigentümlichkeit der Kirchen]
So insbesondere über die Grundrißanordnung.
Es fällt auf, daß diese da, wo sie sich nicht direkt an ein italisches
oder hellenistisches Vorbild anschließt, besonders im höheren Norden
und fernen Westen, wohin jener Kulturstrom nicht mehr in gleicher
Stärke wirkte, häufig eine zwar höchst einfache, doch ganz eigenartige
ist. Schon Seesselberg macht darauf aufmerksam, daß die ältesten
skandinavischen Kirchen der Regel nach aus einem langen Rechteck
bestehen, von dem ein kleinerer östlicher Teil durch eine Quermauer
als Chorraum oder Altarhaus abgetrennt ist, durch eine verhältnismäßig
enge Öffnung mit dem größeren Gemeinderaum verbunden; dieser Chorraum
wird im Laufe der Entwicklung schmaler, also zur rechteckigen Apsis;
die Öffnung aber, freilich langsam, immer breiter, bis sie zu weitem
Chorbogen geworden ist. Erst dann tritt an die Stelle der rechteckigen
die hufeisenförmige oder halbrunde Apsis, die den nordischen
Holzkirchen wie unseren ältesten Kirchlein noch fehlte.
Seesselberg macht ferner darauf aufmerksam, daß diese einfache
Grundgestalt der nordischen Kirchen mit der der letzten germanischen
Tempel übereinstimme. Nur daß dort der Chorraum, das Allerheiligste,
ohne Verbindung mit dem Schiffraum blieb.
[Sidenote: Heidnische Tempel]
Solche Tempelreste haben sich in dem äußersten Winkel, wohin die
germanische Götterwelt floh, ehe sie ganz verschwand, in Island,
gemeinsam mit den Trümmern der germanischen Mythologie und Sage, die
in die Edda gerettet sind, noch erhalten und beweisen, daß in der Tat
diese Tempel nicht ohne Bedeutung waren.
Sie bestanden aus zwei rechteckigen Räumen nebeneinander. Der kleinere
chorartige Raum war für die Aufstellung der Altäre der Götter bestimmt
und die Stätte der eigentlichen Opferung; der größere umfaßte die
Gemeinde, welche nachher in langen Reihen längs der Wände um den
mittleren Feuerherd versammelt das Opfermahl unter Leitung des
Opferspenders beging, der an der Wand nach dem Altarraum zu seinen
Hochsitz hatte.
Grundmauern solcher Tempel sind noch erhalten, oft mit denen einer an
einer Seite an das Schiff angebauten Vorhalle oder Nebenkapelle. Es
bedurfte nur der Errichtung eines stattlichen hölzernen Aufbaus, um
ein Gebäude zu erhalten, welches ohne weiteres auch als christliche
Kirche zu benutzen war, sobald man nur eine Öffnung in die Mitte der
Trennungswand brach, um die Verbindung beider Räume herzustellen.
Und die nordischen ältesten Kirchlein haben in der Tat diese Anordnung.
Die Öffnung des Chors -- des Altarraums -- nach dem Schiff zu ist
anfänglich ganz klein, nur eine Tür, bisweilen noch wirklich mit einem
Türflügel zu verschließen (auch bei den ältesten angelsächsischen
Kirchen oft weniger als 1 m breit), manchmal sind selbst zwei Türen
vorhanden, mit Pfeiler dazwischen, so daß der Altar hier offenbar an
das Ostende des Schiffes gerückt worden sein muß. -- Und so sieht man
deutlich, daß diese Verbindung zwischen Chor und Schiff anfänglich fast
ohne Bedeutung war und der Chorraum eher als eine Art Sakristei dienen
mochte.
Daher ist es tatsächlich wahrscheinlich, daß in ganz
nordisch-germanischen Landen man sich entweder vielleicht kurzerhand
der alten Tempel für die Einrichtung des ersten christlichen
Kirchendienstes bediente oder an Stelle der verbrannten neue Gebäude
desselben Aufbaus errichtete, wie ja die neue Religion sich überall
gern der altheiligen Stätten bemächtigte. Nur die Tür zwischen Schiff
und Chor war neue Zutat.
Erst langsam drang vom Süden herauf die breite Öffnung des Chors bis
zur völligen Beseitigung der trennenden Wand oder Pfeiler.
Aber das scheint in der Tat richtig: die christliche Religion bediente
sich im Lande der zu bekehrenden Nordgermanen öfters für ihre ersten
kirchlichen Gebäude einer ganz ähnlichen Grundform, wie sie die
heidnischen Tempelgebäude auch gehabt hatten.
Und wohin auch die Sendboten des Christentums ihren Fuß zuerst
niedersetzten, gerade da finden wir noch solche uralte Form der
Missionskirchlein, so selbst am Bodensee -- wohl lange ehe die Insel
Reichenau der Mittelpunkt des dortigen Christenwesens wurde -- zu
Goldbach, gleich bei den „Heidenhöhlen“; ein winziges Kirchlein, das
sich wohl hier als Vorbote des kommenden Evangeliums an wichtigster
weithin schauender Stelle eingenistet hatte und in karolingischer Zeit
dann mit der prächtigsten Ausmalung geschmückt wurde.
Das Eindringen der italienischen Basilika und der zentralen aus dem
Osten stammenden Gestalt des Martyrions oder des heiligen Grabes gehört
dagegen erst der folgenden Zeit an, der der völligen Ausbreitung des
Christentums über die germanischen Länder, der gesicherten Besitznahme
von Grund und Boden und der dauernden Einrichtung von Kirchen und
Wohnstätten durch die Geistlichkeit nach südlichem Muster.
So dürfen wir jene erste Form als die der germanischen Heidenkirchlein
betrachten.
[Sidenote: Nebenräume]
Zu dieser einfachen Grundform tritt dann an der Westseite die später
fast unentbehrliche Vorhalle -- der Narthex -- die in karolingischer
Zeit sich öfters zu einer selbst mehrstöckigen Vorkirche entwickelte:
Werden, Essen, Korvey, Köln (S. Pantaleon), Büdingen, St. Menoux
in Frankreich. -- Weitere Vorhallen werden nicht selten auch links
und rechts an das Schiff angebaut, so daß eine kreuzförmige Gestalt
entsteht, wie in Bradford-on-Avon (s. Abb. 182, hier ohne Westhalle).
Diese Vorräume wandeln sich öfters zu Kapellen oder Nebenräumen,
Sakristeien und dergleichen, wie sie ja unentbehrlich waren. So in S.
Pankras (Canterbury), Sta. Cristina de Lena (Spanien, s. Abb. 133).
Tritt wie später auf der iberischen Halbinsel die aus Italien und dem
Osten stammende Anordnung der Seitenschiffe, die Basilikenform an
Stelle des einen Schiffes, so entsteht ein Typus, der ganz logisch die
zwei Nebenräume als Apsiden neben den Chor (links und rechts) schiebt,
unter Beibehaltung der westlichen Vorhalle. Findet man eine ähnliche
Grundform auch bereits in Syrien, so ist doch dort die mittelste der
Apsiden so gut wie immer polygon oder rund. Es ist daher sehr wohl
möglich, daß diese zwei nachher scheinbar so ähnlichen Grundrißtypen
nichts miteinander zu tun haben; es kann vielmehr der spanische sich
selbständig zu ähnlicher Gestalt entwickelt haben, während der im Osten
nur eine Weiterbildung der querschifflosen Basilika darstellt.
Über der Vorhalle oder gleich dahinter im Schiff erhebt sich in Spanien
der Regel nach eine Sängerempore. Die höchste Ausbildung dieses Systems
haben wir dort, wo zahlreiche Vorstufen dazu vorhanden sind, wohl in S.
Miguel de Lino bei Oviedo zu sehen. Hier war ein ziemlich quadratisches
Schiff, das fast den Eindruck eines Zentralbaus macht, nach Osten mit
drei rechteckigen Apsiden geschlossen (die mittlere war zweistöckig);
westlich erhob sich eine Empore über der Eingangshalle, oben neben den
beiden Treppenausgängen noch zwei gewölbte Kammern (Bibliotheken?)
enthaltend. Dazwischen dann das völlig quadratische Schiff von drei
Jochen, auf vier mittleren Säulen ruhend (s. Abb. 124).
Bei Erwähnung dieser Kirche muß auf eine technisch bedeutsame Leistung
und Errungenschaft hingewiesen werden, welche den germanischen
Architekten jener Zeit, die der karolingischen direkt voranging, hoch
anzurechnen ist: die Ausbildung eines eigenartigen Gewölbebaus.
[Sidenote: Gewölbebauten]
Wie früher bemerkt, vermieden die Germanen das Gewölbe anfänglich
grundsätzlich, da es ihnen in ihre Holzbauweise durchaus nicht passen
konnte, selbst dann noch, als die Wände der Gebäude bereits massiv
geworden waren. Man begnügte sich nach alter Sitte meist mit offenen
Dachstühlen oder flachen Holzdecken.
Erst ganz langsam entschloß man sich zur Anwendung von Gewölben,
beschränkte sich aber so gut als ausschließlich auf Tonnengewölbe, und
zwar auf solche von ganz geringer Spannweite. Kreuzgewölbe scheinen --
wenn sie wirklich vor dem 11. Jahrhundert auftreten -- durchweg fremder
Import zu sein. -- Selbst Kuppelgewölbe mied man im allgemeinen.
Doch, nachdem einmal das Tonnengewölbe in den Bereich der anwendbaren
Möglichkeiten gezogen war, machte man von dieser Form der Überdeckung
mehr und mehr Gebrauch und suchte durch allerlei Kombinationen ihr
manches abzugewinnen, was sonst nur durch kompliziertere Wölbformen zu
erzielen schien.
Vor allem gilt das wieder für Spanien, wo die letzten Westgoten sich
der Tonne in mannigfaltigster Weise bedienten. Es gibt eine ganze Reihe
von Kirchen, deren Mittelschiff hochgeführt und mit solchen Gewölben
bedeckt ist, teilweise durch Quergurten verstärkt. Dem Seitenschub
dieser Gewölbe begegnete man frühzeitig durch Anfügung einer Reihe von
Strebepfeilern.
Selbst dreischiffige Kirchen mit drei längslaufenden recht hohen
Tonnengewölben kommen vor (Val de Dios, s. Abb. 137), das Merkwürdigste
und Geschickteste aber auf diesem Gebiete leistete man, indem man die
hoch in die Luft geführte Mitteltonne durch niedrigere Quertonnen über
den Seitenschiffen stützte (S. Miguel de Lino).
Ähnliche Systeme, auf dem Tonnengewölbe fußend, hielten sich in
Südfrankreich noch lange in den romanischen Stil hinein, besonders im
Auvergnatischen, auch solche mit stützenden längslaufenden Halbtonnen
über den Seitenschiffen. Ein kühner Versuch, auf ähnlichem Wege wie in
S. Miguel de Lino zu großen Ergebnissen zu kommen, tritt noch im 11.
Jahrhundert an St. Philibert zu Tournus auf, da man das Mittelschiff
durch Quertonnen auf Bögen, die Seitenschiffe durch Längstonnen mit
Stichkappen überwölbte.
Die letzte und großartigste Konsequenz dieser germanischen Richtung im
Gewölbebau finden wir in Aachen am Hochmünster angewandt, wo man, um
die Mittelkuppel zu stützen, die acht quadratischen Felder des oberen
Umgangs mit ansteigenden Tonnen bedeckte (s. Abb. 165). Ähnlich beim
Chorumgang zu Vertheuil aus etwas jüngerer Zeit mit Quertonnen um das
mittlere Chorgewölbe, die sich sogar nach der Mitte zu verengern.
Hier ist als verwandt der interessante Zentralbau der Kirche von
Germigny-des-Prés bei Orleans noch zu nennen; dort stoßen gegen eine
mittlere Kuppel oder einen flachgedeckten Mittelturm ebenfalls vier
Tonnengewölbe (s. Abb. 160); die übrig bleibenden Ecken sind mit
kleinen Kuppeln überdeckt; die Ostseite ist mit drei Apsiden von
hufeisenförmigem Grundriß abgeschlossen[28].
Kurz -- es ist erstaunlich, wie die germanische eben erwachte Wölbkunst
unter gänzlicher Abkehr von südlichen Mitteln und Formen rasch eigene
Wege einschlug, die sie erst verließ, als der herrschend gewordene
romanische Stil die ausschließliche Anwendung der Kreuzgewölbe
sozusagen erzwang und damit jener eigentümlichen Richtung ein
allzufrühes Ziel setzte.
Erst die Renaissance hat den abgerissenen Faden wieder angeknüpft
und die großartigsten Wirkungen durch Kombination von Haupttonne und
niedrigeren Quertonnen und Nebenkuppeln geschaffen, manchmal durch die
Vierungskuppel zum Höchsten gesteigert. Eine Anordnung, die selbst in
St. Peter in Rom noch durchblickt.
Es muß aber als kaum zufällig bezeichnet werden, daß auch diese
Wiederkehr des Gedankens ihre klarste und großartigste Durchbildung auf
deutschem Boden gewann: in der Michaelskirche zu München, einem der
kühnsten Wölbwerke kirchlicher Baukunst aus der Renaissancezeit.
[Sidenote: Emporen]
Eine auffallende Beobachtung ist die, daß auch seitliche Emporen bei
den späteren Kirchenbauten, die wir noch als germanisch bezeichnen
dürfen, häufig sind, nicht nur westliche. So finden wir bereits
im Aachener Münster und in Nymwegen wie bei S. Michael in Fulda
solche, dort freilich an das Muster von S. Vitale erinnernd. In
der Peterskirche zu Werden desgleichen rings um den quadratischen
Mittelraum (s. Abb. 172). In der Stiftskirche zu Gernrode, S. Lorenzo
zu Verona wie in S. Ambrogio zu Mailand nach südlichem Muster nur über
den Seitenschiffen.
An diese nordische Art, wie sie z. B. in Werden geübt ist, erinnert
lebhaft manche spätere Doppelkapelle, z. B. die in Nürnberg; um
einen quadratischen Mittelraum auf Säulen zieht dort die Oberkapelle
emporenartig herum. Diese Ähnlichkeit ist von hohem Interesse.
Was die Wölbung bei Profanbauten anlangt, so zeigt die letzte uns
erhaltene steinerne Königshalle in Spanien noch heute ein langes
Tonnengewölbe mit Querrippen und Strebepfeilern.
[Sidenote: Balkendecke]
Sonst scheint, sowohl nach dem, was die Reste sagen, als was durch
Schriftsteller sich an Nachrichten erhielt, in den Königspalästen wie
sonst in germanischen Profangebäuden die Holzbalkendecke herrschend
gewesen zu sein. Ermold Nigellus erwähnt solche in der Pfalz Ludwigs
des Frommen in der Charente; die Reste des Merowinger-Saalbaus in
Aachen zeigen noch die Konsolen für die Deckenbalken.
Selbst eichene Holztäfelung wird als Schmuck der Räume desselben
Palastes gerühmt, was ja wohl als selbstverständlich scheint. Denn
Holzbekleidung der Wände ist von alters her bis heute den germanischen
Völkern das Eigentümlichste.
Um zuletzt das nicht unerwähnt zu lassen: auch bei den Germanen bildete
das wärmende Herdfeuer von jeher den Mittelpunkt des Hauses, wie es
sich bei den niedersächsischen Bauernhäusern noch bis zur Gegenwart
zeigt. Hie und da finden sich ähnliche Anordnungen selbst noch im
Stadthause.
[Sidenote: Herd und Heizung]
Im langobardischen Friaul ist eine solche uralte Herdform noch häufig
im Gebrauch: eine runde Aufmauerung, die die Mitte eines eigenen
Raumabschnittes einnimmt, der sich mit großer Öffnung gegen den
Hauptraum auftut; Treppenstufen führen hinzu und nach zwei Seiten
herum, in der Decke darüber fängt ein mächtiger Schlot den Rauch.
Für das frühzeitige Vorhandensein von ausgebildeten Kaminen zur
Erwärmung sprechen noch heute Reste aus Karolingerzeit (Salzburg); aber
selbst der nordische Ofen ist uralt. Früh fand er im hohen Norden in
der Hirdstofa an Stelle des mittleren Herdes in der Ecke eine Stätte;
bei den Langobarden wird er ebenfalls erwähnt, indem gesetzlich das zu
einem Ofen nötige Material auf 250 Kacheln beschränkt wird.
[Illustration]
[28] Es ist ja nicht zu leugnen, daß gerade diese karolingische
Kirche in mancher Hinsicht wieder mit syrischen und
byzantinischen Bauwerken in der Anordnung Ähnlichkeit besitzt.
Man kann aber auf allerlei Wegen zu gleichen Ergebnissen
gelangen, und so kann es hier unentschieden bleiben, ob wir in
ihr eine Konsequenz der germanischen Wölbungsweise oder einen
Ableger des Ostens vor uns sehen.
[Illustration: DIE OSTGOTEN]
Gegen das Ende des 5. Jahrhunderts tritt dieser Volksstamm auf die
Weltbühne als Erbe des weströmischen Reiches in Italien. Seine
Herrlichkeit gipfelt in der gewaltigen Gestalt Theoderichs des Großen,
Dietrichs von Bern. Nach seinem Tode (526) war in weniger als einem
Menschenalter das riesige Ostgotenreich gestürzt und zertrümmert; seine
letzten Reste verschwanden spurlos. Ein furchtbares Schicksal, das
die besten und begabtesten unter allen Germanen zerschmetterte; wie
stets, nur durch die Hilfe, ja die Hand ihrer germanischen Brüder, die
byzantinische Arglist und Staatskunst gegen sie gewaffnet und geführt
hatte. Germanenhilfstruppen vernichteten schon vorher die Vandalen;
das auf den Ruinen des Gotenreiches entstandene letzte Germanenreich
in Italien, das der Langobarden, fiel durch der germanischen Franken
stärksten Herrscher, Karl den Großen.
Doch die Spuren des verschwundenen Ostgotentums in Italien auf dem
Gebiete der Kunst sind unverwischbar. Wenn auch merkwürdig genug seine
Gräber noch nicht gefunden zu sein scheinen, von ihren Bauwerken
wenigstens steht noch genug aufrecht, um von ihnen zu zeugen und ihr
Andenken würdig zu erhalten.
[Sidenote: Theoderich]
Es ist freilich nicht zu verkennen, daß Theoderichs Streben
vorwiegend darauf gerichtet war, seinem Volke alle Segnungen der
römisch-byzantinischen Kultur zu erschließen und zu erhalten, daß
sein merkwürdig klares Auge ohne Zögern den unermeßlichen Schatz, den
Jahrtausende in Italien gehäuft hatten, umfaßte und seinen Wert völlig
erkannte. Und so trat er ohne Zögern dies ganze Erbe an, nicht nur
der Kultur, sondern insbesondere auch der Kunst. Es ist bekannt, daß
Theoderich ein Jahrzehnt seiner Knabenzeit als Geisel in Byzanz hatte
zubringen müssen und schon dort völlige Kenntnis dessen gewann, was
Ostrom bot. Später machte er sich auch das Weströmische geistig zu
eigen, wie seine Taten beweisen.
Trotzdem dürfen wir uns keineswegs von ihm vorstellen, daß er in
völlige Abhängigkeit von diesen Einflüssen geraten sei. Vielmehr blieb
er Ostgote, Germane, durch und durch; auch das bezeugen seine Taten.
Selbst einen gewissen inneren Widerstand muß er dem fremden Wesen
entgegengesetzt haben, wie er sein Leben lang in Unkunde des Schreibens
verharrte. Der Chronist sagt von ihm, daß er seine Unterschrift durch
eine metallene Schablone mühsam malte. Das hinderte ihn doch nicht, mit
Auge, Sinn und Geist alles umher als Eigentum zu ergreifen.
Seine umfassenden Vorschriften zur Erhaltung der römischen
Kunstdenkmale sind bekannt; er setzte große Jahresbeträge, allein für
Rom 200 Pfund Gold und 25000 Ziegel jährlich, zu diesem Zweck aus
und ließ verfallende Bauwerke erneuern. Hier ging sein Kampf gerade
gegen der großen Römer klägliche Nachkommen, deren Eigensucht und
Gleichgültigkeit der schlimmste Feind der herrlichen Hinterlassenschaft
der Antike in Italien war, die wir uns als damals noch annähernd
vollständig vorhanden denken dürfen.
„Es ist ergreifend, den Germanenkönig unablässig und in jeder Weise für
die Rettung der von den Römern bedrohten und vernachlässigten Monumente
wachen und wirken zu sehen“, sagt Dahn; „ein besonderer Beamter, der
custos palatii, Palastwart zu Ravenna, hat diese gesamte Tätigkeit
der Regierung in Erhaltung, Pflege, Restauration der antiken Werke
und die Herstellung von Neubauten zu leiten ... Zunächst soll er den
Palast zu Ravenna instand halten, schmücken und verschönern; aber er
soll auch unter treuer Verwendung der vom Könige dafür ausgeworfenen
Summe das ganze große Heer von Baumeistern, Bildhauern, Erzgießern,
Mosaikarbeitern überwachen und beschäftigen, dem König die Pläne für
alle Bauten zu Kriegs- und Friedenszwecken vorlegen.“
Wenn man bedenkt, daß der König für das italienische Volk, das
eingesessene, ganz wie die alten Kaiser noch neue Theater,
Amphitheater, Bäder, Wasserleitungen, Kanäle und Kloaken erbaute, dazu
Kirchen und Paläste, Befestigungen und militärische Bauwerke, selbst
ganze Städte, so muß man staunen, besonders wenn man sich erinnert,
daß auch noch großartige reine Kulturwerke nebenhergingen, so die
Austrocknung der Sümpfe bei Terracina und Spoleto.
Geschah das für die eigentlichen Italiener, so tat er nicht Geringeres
für sein Gotenvolk und sich selber. Schützte und besserte er einerseits
die gottesdienstlichen Gebäude der Katholiken und der Juden, so
errichtete er nicht minder zahlreiche Kirchen für die Arianer; denn
die Goten hingen ja anfänglich ausnahmslos dem Arianismus an; auch
Vulfilas, der Gotenbischof, der Schöpfer der gotischen Schriftsprache,
war Arianer gewesen. Eine besonders große der von Theoderich in Ravenna
erbauten Kirchen hieß S. Andreas Gotorum.
Viele bedeutende Städte schmückte er mit einem Palatium; größere
Paläste erstanden an den ihm wichtigsten Orten, so in Ravenna, Verona,
Spoleto u. a., deren Reste überall noch einer gründlichen Untersuchung
harren. Das allermeiste ist leider längst verschwunden; zuerst seine
Sommerpaläste, die er, wie in Monza, an geeigneten kühleren Orten
errichtete.
Wie natürlich sind die Bauwerke Theoderichs, soweit Reste davon von uns
mit Augen noch geschaut werden können, im Geiste und in der Art denen
nahestehend, die er im italischen Lande gerade damals vorfand, und die
zu seiner Zeit dort maßgebend waren. Seine eigentlichen Bauhandwerker
mußten daher in der Hauptsache italienische oder östliche sein, da
für so große und neue Anforderungen die gotischen Zimmerleute nicht
ausreichen konnten; also reihen sich der Regel nach die unter seiner
Regierung entstandenen Gebäude den gleichzeitigen italienischen
oder byzantinischen an. Ihre Ausstattung erst recht; Mosaiken,
Marmorbekleidungen, Bronzewerke konnten nur durch West- oder Oströmer
hergestellt werden; selbst für Sarkophage ließ Theoderich besondere
Arbeiter aus Rom nach Ravenna kommen.
Immerhin zeigen einige -- die letzten -- der von den Ostgoten
herrührenden Bauwerke bereits starke selbständige Züge, eigenartige
Gedanken und besondere Formen, in denen sich germanische Art und
germanischer Wille auszusprechen und durchzuringen, in denen unter alle
dem fremden italienischen, byzantinischen, syrischen Wesen auch das
germanische zur Geltung zu gelangen weiß. Gerade diese Bauwerke haben
uns natürlich eingehender zu beschäftigen.
Andere aus Theoderichs Zeit, insbesondere die kirchlichen, sind seit
langem gründlich studiert und im Anschluß an die altchristliche
Baukunst gewürdigt; doch müssen wir auch bei ihnen verweilen.
[Sidenote: Arianische Kirchen]
Die Arianer bedurften zu ihrer Religionsausübung im ganzen nicht
andersgestalteter Räume, als die athanasianischen Orthodoxen.
Die eigentlichen baulichen Unterschiede zwischen den Kirchen der
beiden Richtungen konnten bisher nicht genau festgestellt werden,
so wünschenswert das wäre. Es scheint überhaupt, als ob man wenig
äußere bauliche Merkmale des Arianertums gekannt hätte. Vielleicht
ist das bekannteste die Vermeidung der Symbole der Dreieinigkeit,
z. B. der Dreieckform, folglich auch der Dreiecksgiebel. So sollen
die arianischen Kirchen stets unter Ausschluß dieser Form horizontale
Frontabschlüsse -- also Walmdächer -- gezeigt haben.
Auch scheint es, als ob die Chorapsiden der arianischen Kirchen
ausnahmslos durch große Fenster beleuchtet gewesen wären, während die
Apsiden der orthodoxen Kirchen meist ohne Fenster blieben.
Wie das „arianische“ Kreuz eigentlich gebildet war, ist nicht klar,
obwohl davon öfters gesprochen wird. Einige steinere Kreuze zu Ravenna
neben dem arianischen Baptisterium eingemauert (s. Kopfleiste),
haben einen nur wenig verlängerten Kreuzesstamm und Runde an den
Kreuzesenden. Ob diese Runde von wesentlicher Bedeutung waren, ist
unsicher. Vielleicht ist überhaupt gar kein ganz bestimmter Unterschied
vorhanden gewesen, sicher erscheint, daß das bei den Arianern
gebräuchliche Kreuz dem gleicharmigen sich näherte, also zwischen
lateinischem und griechischem Kreuze stand.
[Illustration: