Abb. 64. Cöln. Türflügel in S. Maria im Capitol.]

Ein später Nachkomme, aber viel reicher noch als die erstgenannte,

stark im Relief seiner figürlichen Füllungen, teilweise schon von

mittelalterlicher Art ist die prachtvolle Doppeltür von S. Maria

auf dem Kapitol zu Köln; wenigstens in den Rahmen, die mit feinem

Flechtwerk überzogen sind, ebenso wie den Knöpfen auf ihren Kreuzungen,

gewiß eine Nachbildung längst verschwundener älterer Vorgänger (Abb.

64, Tafel XV). Bewiesen wird dies schon durch die dritte Holztür, die

Haupttür der Kathedrale in Le Puy in Frankreich, die, mindestens

noch 100 Jahre älter, sich mit gleichem ganz flachem Flechtwerk auf

den Rahmen, aber auch in den Füllungen schmückt. Letztere sind hie und

da mit arabischem Ornament und kufischen Schriftzügen durchzogen. Die

Araber sandten bekanntlich ihre Sendboten bereits zu Karl dem Großen

bis nach Aachen und Paderborn, nachdem sie ein Jahrhundert vorher durch

Karl Martell in den nahen Gefilden von Poitiers und Tours in ihrem

Siegeslaufe gen Norden gehemmt worden waren. Jedenfalls gingen ihre

Beziehungen damals bis weit ins Frankenreich hinein; und sicher ragt

diese Türe noch in die Karolingerzeit zurück.

Die drei Türen sind in ihrer Ausbildung gute Repräsentanten der an

germanischen Kirchen üblichen Türformen.

[Illustration: Abb. 63. Parma. Tür von S. Bertoldo.]

Als höchste und edelste Art der Türflügel haben wir die in Bronze

gegossenen zu betrachten; eine rein italisch-römische Erbschaft,

auch in den Formen, aber von den größten germanischen Fürsten gern

übernommen und gepflegt. Theoderichs Grabmal war sicher mit solchen

Toren geschlossen; Beweis dafür die noch vorhandenen Türpfannen; auch

an seinem Palast gab es deren gewiß, wie er nach einer Nachricht

des Chronisten Bronzegießereien für solche Zwecke einrichtete. Daß

die jetzt in Aachen befindlichen Bronzetüren des Münsters etwa aus

Ravenna stammen wie die Gitter des Hochmünsters, kann vermutet werden.

Jedenfalls haben die Aachener Türen durchaus noch römisch-antike

Art und Felderteilung. Aber in den beiden eigentümlich gesträhnten

Löwenköpfen mit Ringen scheint ein neues Schmuckelement hinzuzutreten,

das bis ins 16. Jahrhundert den nordischen Kirchentüren treu bleibt.

[Sidenote: Stuck der Innenwände]

In den Kirchenraum eingetreten, bemerken wir in manchen germanischen

Kirchen jener Zeit noch eine Besonderheit, die ihnen zu eigenartigem

Schmucke gereicht: reiche Dekoration der Wände mit bemaltem Stuck[25].

Die Römer hatten ja die Stukkaturtechnik zur höchsten Vollkommenheit

gefördert; auch die Byzantiner hatten sich ihrer noch lange bedient.

So ist in der späteren Zeit S. Vitale zu Ravenna in seinen Nebenräumen

reich an solchem Ornament in Feldereinteilung, besonders an den

Gewölben; doch, wenn auch ziemlich roh, ist alles hier in völlig

antik-römischem Sinne behandelt und gebildet; dazu farblos. Einige

Jahrhunderte später bedienten sich die Germanen gleicher Technik zum

Wandschmuck (Abb. 65), aber in neuer und besonderer Behandlung. Der

Umrahmung von Fenstern und Türen mit Halbsäulchen und Archivolten ist

bereits gedacht. Aber die Ausgrabungen von Disentis (Schweiz) z. B.

haben ergeben, daß die Wände der dortigen Kirche unten in reichem

Stabwerk von Stuck verschiedenste Muster zeigten, darüber dann die

Hauptfläche mit einer Menge von Figuren in Lebensgröße und darunter

bedeckt war; alles in kräftigem Relief ausgeführt und bemalt.

Auch der Deutsche Rhabanus Maurus[26] gedenkt dieser Schmuckweise.

Das klassische Beispiel dafür ist die, wenn auch sonst verstümmelte,

doch auf der Westseite ziemlich vollständig erhaltene Prachtdekoration

des Tempietto Longobardo zu Cividale, des sogenannten Oratoriums der

Herzogin Peltrudis -- noch heute vorhanden, wohl aus der Mitte des

8. Jahrhunderts stammend --, wo auf einem starken Gesimse großartige

Gestalten heiliger Frauen (oder Prinzessinnen) zu beiden Seiten des

reichgeschmückten Fensters, oberhalb des wundervollen Stuckportals, zu

wandeln scheinen, Kronen und Kränze in den Händen tragend. Die Bemalung

ist freilich verschwunden, doch der stärkste künstlerische Eindruck

des einzigartigen Kunstwerkes immer noch vorhanden (s. Abb. 104, Tafel

XXIX).

Viele möchten auch dieses Werk, dessen handwerkliche Verfertiger

vielleicht byzantinische Stukkateure gewesen sein können, zu einem

Werke rein byzantinischer Kunst stempeln. Aber vergeblich, denken

wir; wenigstens dem Geiste nach. Denn nirgends in der byzantinischen

Kunstwelt findet sich ähnliches, auch nicht in Nachrichten, während

die Verwandtschaft dieser Stuckdekoration in Cividale einerseits in

der Architektur mit Germigny-des-Prés und Quedlinburg, anderseits in

der durchaus ähnlichen Anordnung des Figürlichen mit Disentis -- dazu

jene literarische Erwähnung aus gleicher Zeit -- uns beweist, daß wir

hier ein gerade bei den Langobarden, den Franken, in der Schweiz und in

Deutschland, sonst aber nirgends bekannte Dekorations- und Kunstweise

vor uns haben.

Hier darf man füglich auf das Weiterleben dieser Kunstart in unseren

sächsischen Kirchen im 11. und 12. Jahrhundert verweisen. Die

überlebensgroßen Stuckgestalten in Goslar, Hildesheim, Halberstadt sind

jenen zu Cividale durchaus wesensverwandt; vielleicht fehlen uns nur

hier die Bindeglieder zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert.

[Illustration: Abb. 65. Innere Stuckverzierungen.]

[Sidenote: Bauliche Ausstattungsgegenstände]

Ehe wir der noch übrigen einzelnen Bauwerke gedenken, bleibt uns noch

das Gebiet der kleineren dekorativen Arbeiten für die Ausstattung

der kirchlichen und profanen Gebäude zu besprechen. Und zwar ist

dieses Gebiet verhältnismäßig etwas reicher und vielgestaltiger, weil

so mancher derartige Gegenstand den Abbruch oder gänzlichen Umbau

des Gebäudes, zu dessen Zier er zu dienen bestimmt war, überleben

durfte; weil die Pietät, die sich im Neubau der Gebäude selber nicht

genug zu tun wußte, doch seinen alten Inhalt manchmal schonte und

weiter verwandte oder als Erinnerung an die alte Zeit zu erhalten

suchte; weil sich an diese Dinge gar oft der Begriff einer gewissen

Heiligkeit knüpfte, da vielleicht der Name irgendeines großen Menschen

der Vergangenheit sich damit verband. Zuletzt, weil Ausgrabungen und

Abbrüche an alten Bauwerken oft genug die Reste ältester Ausstattungen

in der Erde oder in den Mauern verborgen fanden und zutage förderten.

Von diesen erst noch ein Wort.

[Sidenote: Schranken]

Das meiste richtet sich auf diesem Gebiete nach dem im gleichzeitigen

Italien und Byzanz Üblichen. Im einzelnen aber sehen wir doch nordische

Art eindringen. So an den überall üblichen steinernen Schranken, die

das Heilige, den Raum vor dem Altar, von dem für die Gemeinde zu

trennen pflegten. In manchen Kirchen -- Torcello, S. Miguel d’Escalada,

Sta. Cristina de Lena, Canterbury -- ist der Kirchenraum durch eine

Säulenstellung quer abgeschlossen, so daß vor dem Altar ein freier

Raum bleibt. Diese Säulenstellung scheint durch Vorhänge abschließbar

gewesen zu sein; wenigstens finden sich in manchen kleinen Kirchen (S.

Wiperti Quedlinburg) Spuren hölzerner Querbalken, die den Raum vor dem

Altar in entsprechender Höhe abgrenzten und Vorhänge getragen haben

müssen.

Auf zahllosen Werken altchristlicher Bildnerei und Malerei erscheinen

Vorhänge zwischen Säulen und unter Arkaden.

Wenn ein Balken an die Stelle steinerner Abtrennung tritt (trabes

doxalis), so trägt er oft das Triumphkreuz, (das bis ins späte

Mittelalter im Norden üblich bleibt), von Leuchtern flankiert; von ihm

hängen häufig Lampen herab.

In S. M. in Valle zu Cividale wie in Torcello (jünger) finden sich

an dieser Stelle noch Steinbrüstungen oder Schranken, die im Dom zu

Aquileja sind ins südliche Querschiff versetzt. In S. Clemente zu Rom

ist im Mittelschiff in ähnlicher Weise, sehr weit sich erstreckend, ein

länglicher Raum durch prächtige Marmorschranken abgeschnitten, dessen

seitliche Mauern die beiden Ambonen tragen. Solche Einbauten scheinen

im Süden durch die Langobarden eingeführt zu sein.

Dieser Raum war für den chorus psallentium bestimmt und hat sich bis

heute als Einbau in vielen späteren spanischen Kirchen erhalten.

Die Franken nahmen von den Langobarden das meiste an, und so sind auch

bei ihnen solche Schranken weit verbreitet. Die schönsten Reste der Art

fanden sich in St. Peter zu Metz.

Auch in Spanien waren solche nicht selten; die große Masse aber ist

bei den Langobarden zu Hause. Und bei ihnen sind dann die Flächen der

Schranken oder Brüstungen das wahre Tummelfeld für die eigenartige

Ornamentik dieses urspünglich deutschen Stammes, insbesondere das

Flechtwerk in allen Auffassungen. So in Aquileja (s. Abb. 37, Tafel

XIII), Grado, Ferrara, Mailand, Venedig, Torcello, -- bis nach Assisi

und Rom.

Solche Brüstungen wurden entweder zwischen große Säulen eingeschoben

oder trugen selbst eine Stellung von kleineren Säulchen oder

Pilastern, wie sie in Italien vielleicht nur noch in Cividale, S. M.

in Valle, wohl erhalten stehen, aber in Torcello im Dom in einer etwas

jüngeren Nachbildung noch in prächtigster Art auftreten.

Prachtvoll eigenartig ist diese Trennwand, noch vollständig, in St.

Cristina de Lena bei Oviedo. -- Dort tragen die schlanken Säulchen

weitgespannte Bögen und diese wieder eine noch höher gehende reich

durchbrochene Steinwand, die mit Rundbögen nach oben frei abschließt

(Abb. 134). Die Brüstung ist aus weißem Marmor und mit feinem

Kerbornament geschmückt.

[Sidenote: Altäre]

Im Raume hinter der Brüstung steht der Altar. In ältesten Zeiten

wie es scheint ein niedriger Tisch, hinter dem der Priester mit dem

Gesicht gegen die Gemeinde amtierte. Erst mit den steigenden Aufbauten

des Altars veränderte sich dies. -- Solche niedrige Altäre sind noch

vorhanden, so einer aus der Ostgotenzeit in S. Giovanni Evangelista

zu Ravenna, eine Platte auf einem geschlossenen Unterteil mit

Pilastern an den Ecken und einem Schrank in der Mitte (für Reliquien

oder heilige Gefäße), ein ähnlicher in S. Apollinare in Classe, nur

auf freistehenden Ecksäulen, dann in S. Martino in Cividale der

Altar, den König Ratchis zu Ehren des Herzogs Pemmo errichtete, mit

höchst charakteristischen Skulpturen auf allen vier Seiten reich

geschmückt. Auf der Vorderseite Christus in der Glorie, rechts die

Anbetung der Könige, links die Heimsuchung, auf Rückseite von Ornament

umgebene Kreuze; alles von höchst dekorativer Wirkung und in echtest

langobardischem Stile (s. Abb. 100, 101, Tafel XXVII).

[Illustration: Abb. 66. Regensburg. St. Stephan. Altar.]

Tischförmige Altäre, auf Säulen ruhend, bestehen noch in Vaison

in Frankreich und Mettlach bei Trier, beide mit vertiefter oberer

Fläche, um Wegfließen des Abendmahlweins zu hindern. -- Ein uralter,

auf fünf Säulchen in Tarascon. Manche nordische zeigten, wie die

genannten ostgotischen, nach vorn eine Öffnung, um das in ihnen ruhende

Reliquien-Heiligtum den Gläubigen zu zeigen (S. Wiperti Quedlinburg),

andere fensterartige Öffnungen, um einen Blick wie durch Fenster in

die Krypta darunter zu gestatten: Hildesheimer Dom, St. Stephan in

Regensburg (Abb. 66). Ähnlich ist der Altar in Orléansville in Algier

angeordnet. Auf der Rückseite des Ratchisaltars zu Cividale ein

Schränkchen.

Ein großes mit Goldblech überzogenes reichgetriebenes Kreuz aus S.

M. in Valle zu Cividale (Abb. 67, Tafel XVI) dürfte einen solchen

niedrigen Altar geziert haben, den man in der allerersten Zeit nur mit

einem Tuche bedeckte, auf dem der Kelch stand. Dann kamen solche Kreuze

und Leuchter dazu.

Der dekorative Aufbau hinter dem Altar, der die Stellung des Priesters

mit dem Rücken nach dem Volke mit sich brachte, stellte sich sofort

ein; er enthielt dann wohl gleich die Reliquien, wie eine solche

Rückwand zu Aquileja es zeigt (Abb. 68).

[Illustration: Abb. 68. Aquileja. Altarrückwand.]

[Illustration: Abb. 69. Germigny-des-Prés. Weihwasserbecken.]

[Sidenote: Ziborienaltäre]

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 53 / 114 题