Abb. 37. Aquileja. Schranke.]

[Illustration: Abb. 38. Como. S. Abbondio.]

Denn eine besondere Stilisierung dieser Schmuckweise geht mit ihrer

Anwendung wieder Hand in Hand: die holzmäßige Behandlung, das absolut

Flächenhafte. Auch das Flechtwerk wird, wie das Kerbgeschnitze, aus der

Fläche heraus oder in sie hineingeschnitten, ganz glatt oder flach auf

Grund gesetzt. Wie das der Zimmermann eben gewöhnt ist, der in sein

gehobeltes Brett oder seinen Pfosten nachher mit grobem Werkzeug in

einfachster Technik den Schmuck hineingräbt. Und diese Art überträgt

sich in jedes Material, vom Holz in den Stein, in das Metall, in den

Stuck und in die Malerei.

[Sidenote: Verbreitung]

Wie eine neue Mode überzieht solcher Neugeschmack nun die ganze

okzidentalische Kulturwelt, von England an bis sogar über Griechenland

und nach Armenien, vom höchsten Norden bis nach Süditalien und Spanien,

ja auch wohl nach Afrika hinein. Da darf wohl die Vermutung deutlicher

ausgesprochen werden, die schon öfters angedeutet ist, z. B. von Salin,

der sie, wenn auch schüchtern, von ferne zeigt, daß die Neubelebung und

ganz außerordentlich fruchtbare und vielgestaltige Ausbildung dieses

ja gewiß uralten Ziergedankens vielleicht von den Germanen ausgegangen

sein dürfte. Trifft doch die Zeit seiner Herrschaft mit dem politischen

Höhepunkte des Germanentums zusammen oder folgt ihm unmittelbar! -- Daß

wenigstens die Kelten in Irland in ihrer berühmten Miniaturornamentik

das Flechtwerk wie die geometrische und die Tierornamentik von den

Germanen übernommen haben werden, zeigt Salins kurze Zusammenstellung

höchst überzeugend. Nach Osten zu ins byzantinische und armenische

Land hinein läßt sich aber das allmähliche Eindringen der nordischen

Schmuckmotive zeitlich und in klarer Entwicklung und Umbildung ganz

wohl verfolgen, und es bedarf weniger des Gedankens, daß „im 7. und

8. Jahrhundert der allgemeine Gebrauch geradezu nach dieser Zierform

verlangt habe“, als daß in der Tat hier die gewaltige Übermacht des

Germanentums dieser vorher in ganz bescheidenem Maße gebrauchten

Schmuckweise zu einer so allgemeinen Anwendung verholfen hat.

Die Byzantiner haben sich ihrer in der Folge in nicht geringem Umfange

bedient, doch unterscheidet sich ihre Auffassung von der germanischen

nicht unbeträchtlich und ist für das geübte Auge bald zu unterscheiden,

da sich das Neue dort sehr rasch in den ihnen gewohnten Charakter

einfügt und einpaßt, d. h. sanft umgestaltet zu herkömmlicher

Regelmäßigkeit und einem gewissen der Antike näherstehenden Schema.

Was der germanischen Art darin eigentümlich blieb, war die urwüchsig

knorrige Art und Kraft, die frische Unbekümmertheit in der Anwendung

und Durchbildung, der Mangel an streng systematischer Behandlung und

ein sozusagen weit weniger architektonisches Wesen.

Ganz besonders vielfältigen Gebrauch von dieser Art der Verzierung

aber haben die Langobarden gemacht, in Anschluß an sie dann die

Franken, zuerst die südlichen. Von Capua und Neapel zieht sich über

ganz Italien, in Südfrankreich bis etwa nach Poitiers und Orleans,

nach der Schweiz und Süddeutschland hin das Verbreitungsgebiet dieses

eigentümlichen Zierstiles, des Geriemsels, wie es Stückelberg nennt.

Charakteristisch ist dabei die Riefung oder Falzung des Riemens durch

ein, zwei oder auch drei parallele Längseinschnitte, die ihn der Länge

nach in meist drei schmale Riemen teilen; scharfkantig oder auch so,

daß drei runde Stäbe wie Schnüre nebeneinanderliegen. Alles ganz flach

in einerlei Ebene. Dazu treten tauförmig gewundene Rundstäbe, die der

Zimmermannskunst ja bis heute eigentümlich geblieben sind. -- Später

wurde die Riefung zur Abwechslung im mittelsten Strange gern geperlt

(Abb. 36).

Was nun mit diesen Grundmotiven angefangen wurde, bildet einen Schatz

von verschiedenen Gestaltungen. Taue, Riemen, Zöpfe, Schlingen,

Geflechte, Netze aller Art entwickeln sich daraus; ein, zwei, drei und

noch mehr Riemen schlingen sich durcheinander, achterförmige Figuren

reihen sich, Kreis-, Rauten- und andere Geflechte bis zum richtigen

Netz mit großen oder kleineren, runden oder viereckigen Maschen oder

Feldern werden immer neu kombiniert, zuletzt treten runde Figuren in

Form eines „Korbbodens“ hinzu (Abb. 37, Tafel XIII); mit allerlei

Rosetten zusammen wird die neue Zierweise zu fröhlichstem Spiel der

Linien und Motive verbunden. Selbst das laufende Ornament der Ranke

wird in die neue Art gezwungen, indem z. B. seine Schlingen als sich

drehende Rosetten aneinandergefügt werden (Abb. 38, Tafel XIII), eine

Behandlung, die auch ins Byzantinische übergeht.

[Sidenote: Pflanzliche Grundformen]

Von pflanzlichen Motiven aus der Natur kommen dabei nicht gar viele in

Betrachtung; am meisten die christlich-symbolische Weinranke, deren

Teile getrennt oder gemeinsam in zahllosen Fällen auftreten; sodann

Palmen und Palmwedel (Abb. 39, Tafel XIV); von Tieren zunächst die

ähnlich bedeutungsvollen Gestalten des Pfaus und der Taube, dann

auch Pferd, Hirsch und Löwe; eine Gestaltenwelt, die ja auch in der

vorhergehenden und gleichzeitigen anderen altchristlichen Welt überall

als bedeutungsvoll üblich und verbreitet war.

In Spezialwerken ist das einzelne hinreichend ausführlich behandelt[12].

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 48 / 114 题