[Illustration: Abb. 24. Cordulaschrein. Cammin.
(Nach F. Prieß, Denkmalpflege 1902.)]
Darunter befinden sich auch Dinge anderer Art; besonders sind
die Einbände heiliger Bücher oft mit dem wundervollsten Schmucke
ausgestattet[9]; anderseits sind für wertvolle Reliquien köstliche
Gefäße zur Aufbewahrung gebildet; aber auch sonst haben die
Schenker, besonders Fürsten, ihren kostbarsten großen und kleinen
Hausrat in die Heiligtümer ihrer Zeit gestiftet. Der Dagobertstuhl in
Paris, Kamm und Fächer Theudelindens in Monza, Kästchen, Trinkbecher
und Kämme, wie der des Kaisers Heinrich I. zu Quedlinburg (letztere
waren überhaupt besonders beliebt), und so vieles andere geben Zeugnis
davon. Nur die nicht minder oft geschenkten Waffen scheinen aus
den Kirchenschätzen fortgeschwunden, wie die vom Langobardenkönig
Liutprant dem Petersdom zu Rom einst dargebrachten. Von solchen ist
im kirchlichen Besitze heute leider nichts mehr erhalten. -- Dagegen
zeugen noch zahlreiche Reste prachtvoller Stoffe und Gewänder von
der Pracht, die auch darin entfaltet wurde; freilich dürften diese
vorwiegend südlicher oder östlicher Herkunft sein.
[Sidenote: Ambrosius-Altar zu Mailand]
Das größte Stück kirchlicher Goldschmiedekunst und Ausstattung,
ausnahmsweise gleich wirklich für diesen Zweck geschaffen, darf nicht
übergangen werden: der Ambrosiusaltar in S. Ambrogio zu Mailand, den
inschriftlich Bischof Angilbert vor 835 durch Meister Wolvinius[10]
dem Heiligen bilden ließ, ein in der Hauptsache aus getriebenem
Gold und Silber mit reichsten figürlichen Reliefs in mannigfacher
Einteilung auf allen vier Seiten geschmückter Sarkophag oder Schrein,
dessen Flächen durch nach Art des Steinbesatzes in Zellen emaillierte
Rahmen eingeteilt sind. Ob, wie geglaubt wird, die figürlichen
Darstellungen nicht fast alle jünger sind, kann hier dahingestellt
bleiben; auch ich glaube mich dieser Ansicht anschließen zu müssen;
jedenfalls aber ist der Körper und die architektonische Einteilung
des Ganzen der Hauptsache nach noch ursprünglich, vermutlich nur nach
dem Kuppeleinsturz 1196 wiederhergestellt und zum Teil mit neuen
figürlichen Füllungen versehen. Der Schrein prangt außerdem mit
prachtvollem Edelsteinschmuck (Abb. 190, Tafel XLIX).
Das Technische.
[Sidenote: Metalltechnik]
An allen jenen Werken zeigt sich das Germanentum jener Zeitspanne
eigentlich jeder Kunsttechnik, wenigstens in Metall, mächtig.
Des Schmiedens der Schwertklingen haben wir oben schon gedacht.
Der Guß und das Schmieden der Bronze stand schon seit Jahrtausenden in
germanischen Ländern auf hoher Stufe, wie uns die ältesten Bronzewaffen
selbst Skandinaviens beweisen; später auch jede Art von Bearbeitung
dieses schönen Metalls, das dann während der Völkerwanderungszeit
gegossen, getrieben, ziseliert, verzinnt, versilbert und vergoldet
wurde. Gleich kundig waren die germanischen Völker der Silber- und
Goldschmiedekunst; die schöne Kunst des Einlegens von Niello in Silber
ist besonders bei den nördlicheren vielfältig geübt worden. In Gold
verstand man neben dem Schmieden, Treiben, Ziselieren und Schneiden
auch das Löten, das für die Herstellung von Zellenglas, wie des
besonders bei Franken und Langobarden höchst beliebten Filigrans
unentbehrlich war.
Auch das Email, die Schmelzkunst, tritt sehr früh auf; es schließt
sich bereits an die späten römischen Arbeiten an, in deren Nachahmung
es zuerst geübt zu sein scheint. Natürlich als reines in Vertiefungen
gelegtes Grubenemail, meist auf Bronze, so daß bei verschiedenen
Farben diese gewöhnlich durch Bronzestege getrennt sind. Aber auch in
Verbindung mit Gold erscheint diese schöne Verzierungsweise, so z. B.
bei der reizenden viereckigen Goldfibel, die man in Cividale 1874
bei der Eröffnung des Sarkophags des Langobardenherzogs Gisulf auf
der Brust des Toten auffand. Es ist ein farbiger Vogel, blau, grün,
rötlich und weiß, der da in die Vertiefungen der goldnen Vorderfläche
eingeschmolzen ist (Abb. 16). Ganz ähnliche Technik finden wir in der
Camara santa zu Oviedo in dem prachtvollen goldnen Mittelstück des
Reliquiars König Fruelas II. (910), das mit kunstvoll verschlungenen
Linien von rotem Zellenglas oder von Zellengranaten umgeben und gefaßt
ist. -- Auch jener herrliche Altar des Bischofs Angilbert in Mailand
(s. o.) ist mit reichen Streifen transluziden Emails geschmückt und
gilt als ein Werk des beginnenden 9. Jahrhunderts; nach Venturi soll er
in Frankreich auf Befehl Ludwigs des Frommen gefertigt sein.
Das Email in direkt nebeneinander geschmolzenen Farben ohne
Metalltrennung, wie es die späten Römer liebten, ist an frühen
germanischen Schmuckteilen, besonders bronzenen, auch nicht selten,
scheint aber nachher zu verschwinden.
Die Technik des Tauschierens (Aufhämmerns) von Silber und Gold auf
Eisen muß hier nochmals genannt werden als eine ganz besonders
eigenartige und interessante von großer Pracht. Vor allem bediente man
sich ihrer zum Schmucke eiserner Schnallen und Gürtelbesatzstücke,
deren Verbreitungsgebiet sich etwa von Orleans bis nach Wien zu in
breitem Streifen hinzieht. Aber auch zu allem anderen, wozu Eisen
überhaupt gebraucht ist, bediente man sich dieser Schmuckart; so
findet sich in Orleans im Museum ein prächtiges Zaumzeug mit solcher
Verzierung; Schwerter, besonders ihre Griffe, selbst das Blatt der
Speere wurden so verschönert. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen,
daß ganze kriegerische Ausrüstungen, vom Helm und der Brünne bis zum
Schildbuckel, in dieser reizvollen Kunstweise einheitlich ausgestattet
wurden. -- Auch in Bronze legte man wohl gerne getriebene silberne
und goldne Plättchen in vertiefte Felder zum Schmucke ein; es gibt
prächtige Spangen in dreierlei Metall hergestellt.
Das Land der Bayern war früh wegen seiner trefflichen Metallarbeiten
berühmt, die hohen Ruf schon bei den alten Norikern besessen hatten.
Noch im Annoliede wird Regensburg als Stätte gepriesen, da Helme und
Brünnen in besonderer Güte zu finden seien, auch das „norische“ Schwert
(noricus ensis) als die Waffe, die besser als alle beißend „dikke durch
den Helm slug“.
Wie man denn offenbar die Härte und Schärfe der Klingen bereits durch
Anstählen aufs höchste zu steigern verstand, und edle Schwertklingen
allgemein, wie schon von Theoderich in einem Schreiben an den
Vandalenkönig Thrasamund, der solche als Geschenk gesandt hatte,
höher als ihre reiche Goldfassung gewertet wurden. Vandalen, aber
auch Langobarden und Burgunden galten weit und breit als treffliche
Waffenschmiede.
[Sidenote: Holz als Grundmaterial]
Hatte man sich also rasch in das Technische der Metallbehandlung
gefunden und sich seiner im weitesten Umfange bemächtigt, so war doch
für die künstlerische Gestaltung bei den Germanen von alters her
etwas anderes maßgebend: die Holzschnitzerei. Der Germane ist, wie es
scheint, seit der frühesten Jugend seines Volkes an den Wald gefesselt,
mit ihm von jeher innigst vertraut; dieser hat ihm von Beginn seiner
Welt an Unterkunft, Nahrung und Stoff für alles Nötige geboten. Des
Waldes Wild war ihm als Speise die älteste Quelle seiner körperlichen
Kraft, bot ihm dazu ganz früh die Grundlage für Anfertigung von Waffen
aus Horn und Knochen. Für alles Weitere seines wirtschaftlichen Daseins
aber mußte das Holz unzweifelhaft den Grundstoff hergeben, nachdem auch
Stein und Metall noch Waffen geliefert hatten. Der Stamm, der Ast, der
Zweig und die Rinde war für alles zu gebrauchen, was mit dem wohnenden
Dasein zusammenhing, von der Hütte und dem Hause selber bis zum
Flechtwerk für Hürde, Wand und Tür; bis zum hölzernen oder geflochtenen
Gefäß, das mit Harz gedichtet wurde, zum Stuhl und Tisch, wie zu jedem
andern Möbel, zum Stiel jeglichen Werkzeuges, zum Schafte der Waffen,
für Pflug und Wagen, zum Einbaum, in dem man den Fluß und den See
befuhr, zum Sarge oder Totenbaum.
Noch bis heute ist der Deutsche derjenige Mensch, der am wenigsten ohne
das Holz leben kann; seine ganze Kunst und Gestaltungskraft in der
Vergangenheit war auf ihm begründet. Viel mehr noch war dies in den
Anfängen seines Volkstums der Fall, und so ist es nicht merkwürdig, daß
aus der Bearbeitung des Holzes und der Eigenart seiner Behandlung die
künstlerischen Formen des Germanen von Anfang an hervorquellen.
Daher sind wir genötigt, auch die formale Durchbildung der Metalle,
fast der einzigen Dokumente, die von jener uralten Zeit heute noch
zeugen, von diesem Gesichtspunkte aus zu beurteilen oder wenigstens zu
prüfen; wir werden nur so die Eigentümlichkeiten der von uns als rein
germanisch angesehenen Kunstprodukte der ältesten Zeiten Arbeiten zu
verstehen vermögen.
In der Tat, wenn wir die mannigfachen Werke der germanischen
Metallkunst, die durch Guß hergestellt sind, näher betrachten, so
finden wir bestätigt, daß alle Originalmodelle, nach denen solche
gegossen sind, in Holzschnitzerei hergestellt gewesen sein müssen[11].
[Illustration: Abb. 27. Nordisches Tierornament. Nach Salin.]
[Sidenote: Kerbschnitt]
Am besten werden wir uns dies vergegenwärtigen, wenn wir an die im
Winter zur Ruhe gezwungenen Seeleute des Nordens denken, die an kurzen
Tagen und langen Abenden beim flackernden Kienspan die notwendigen
Geräte mit Messer und Eisen in Holz schnitten und nach ihrem
Geschmack verzierten. Da bildete sich ganz von selbst die hier allein
mögliche Technik des Schmückens, das Hineinschnitzeln in die glatte
Brettfläche, das Kerben, der Kristallschnitt. Dieser ist heute noch
beim einsamen Landsiedler im hohen Norden oder im Gebirge derselbe,
genau wie vor tausend oder auch zweitausend Jahren. Und überall,
wo Germanenblut hingeflossen ist, da gedeiht auch bis heute der
Kerbschnitt; in Norwegen und Schweden, am Schwarzen Meer und in Spanien
und Nordportugal. Wo aus Gründen, die sich überall ergeben, anderes,
mehr und besseres als gewöhnlich erstrebt wird, da bleibt trotzdem
der Grundsatz der Holzbearbeitung bestehen, daß der Schmuck in die
vorher bestehende Fläche hineingearbeitet wird, eine rein dekorative
Flächenbehandlung bleibt. Charakteristisch für den Holzkünstler ist
dabei die besondere Eigentümlichkeit, daß seine Verzierung sich im
allgemeinen stets über die ganze gegebene Fläche ergießt, in allerlei
Wechsel, auch in verschiedener Auffassung, aber meist so, daß von dem
einmal für Schmuck bestimmten Gebiet nichts unverziert übrigbleibt.
Kurz, unser Künstler kennt den Wechsel zwischen glatt, in Muster
eingeteilt, teilweise und ganz verziert, nicht. Dieser Wechsel und
diese Abstufungen sind eben ein Ergebnis der Antike, dem Nordländer
fremd.
[Illustration:
X
Abb. 25. Fränkisches Reliquienkästchen aus Ton.