Abb. 21. Krone König Reccesvinths. Paris.]

Der Bereich dieser ostgermanischen Kunst war ein gewaltiger; selbst

bis nach Sibirien hinein hat man ihr verwandte Arbeiten gefunden; in

Petersburg erfreut man sich des Besitzes zweier besonders kostbarer

Schmuckwerke; der Krone aus Neo-Tscherkask, eines reich mit

Tieren besetzten Diadems, und einer mächtigen Goldfibel in Form eines

Sperbers, der einen Steinbock in den Fängen hält; auch hier wieder der

reiche rote Steinschmuck.

[Sidenote: Guarrazar]

Jener oben erwähnte, so ungemein eigenartige westgotisch-spanische Fund

wurde 1858 gemacht, als man neben der Kapelle des Dörfleins Fuente

de Guarrazar bei Toledo auch ein uraltes Grab, und zwar das eines

Priesters, öffnete und darin einen wahrhaft erstaunlichen Schatz von

goldnen Weihekronen und Kreuzen vorfand, davon der größte Teil sich

heute im Cluny-Museum zu Paris, ein kleinerer Teil in der Armeria

real zu Madrid und dem Museo nacional daselbst (Abb. 20-22, Tafel

VI-VIII) befindet. Gewiß aus dem Besitz einer Toledaner Kirche vor dem

erobernden Strom der Araber 711 hastig gerettet, ein winziger Bruchteil

des dort vorher Vorhandenen dieser Art.

Es ist eine große Reihe goldner Reifen oder Kronen, mit Edelsteinen

aufs reichste besetzt, besonders mit orientalischen (hellen) Saphiren,

Perlen und Granaten. -- Dabei verschiedene Kreuze; teilweise ebenfalls

reich an Juwelen. Diese Steine, soweit nicht in Zellen reihenweise

eingefügt, sind in stark und hoch gewölbter Form aufgesetzt (cabochons).

Die Diademe wurden an goldnen Ketten mit verschiedenartigen Gliedern

aufgehängt, in ihrer Mitte oft ein Kreuz. An den unteren Rändern

mehrerer aber, was für uns von höchster Wichtigkeit ist, hängen an

kleinen goldnen Ketten die Namen der Spender: Reccesvinthus rex

offeret (Abb. 21, Tafel VIII) -- -- Svinthila rex offeret -- --; und

diese Buchstaben sind wieder in Gold ausgeschnitten und mit Granaten

in Zellen bedeckt. -- Auch an den Kreuzen und sonst finden sich

Weiheinschriften: Sonnica offeret, und ähnliche. Hier haben wir also

vor uns die bezeugten Weihegeschenke westgotischer Könige des 7.

Jahrhunderts, Svinthilas (621-31) Reccesvinths (649-72), genau datierte

und beglaubigte Werke altgermanischer Kunst, die seit jener Zeit

unberührt der Auferstehung harrten.

Der Reif des Reccesvinth ist in einer eigentümlichen Weise durch schräg

hochgetriebene Streifen eingeteilt, und diese Streifen sind dann durch

reihenweise angeordnete schiefe Schlitze blattartig gegliedert. Genau

dieselbe Technik kommt auch an den zwei Flügeln eines Kreuzes im Museo

nacional vor (Abb. 22, Tafel VI), welches sich damit als wohl auch vom

König Reccesvinth herrührend kennzeichnet.

Andere Kronen oder Ringe bestehen aus leichten goldnen Gliedern,

die durch Saphire unterbrochen sind; manche sind getrieben und

durchbrochen, so in Arkaden, einer uralten Zierform der Germanen.

Es ist wohl anzunehmen, daß viele dieser Weihekronen tatsächlich früher

als wirkliche Kronen gedient haben mögen, da richtige Diademe, ganze

und halbe, schon bei den Ostgoten am Schwarzen Meer sich vorfinden.

So weit solche Ringe mit Scharnieren versehen und für einen Kopfschmuck

zu eng sind, mögen sie dagegen Halsringe gewesen sein, von deren

Beliebtheit alte Schriftsteller viel und oft sprechen.

[Sidenote: Kelch von Petöháza]

Es ist überflüssig, den noch vorhandenen Besitz aus frühgermanischer

Zeit weiter anzugeben; nur einiger Kelche sei noch gedacht; so des von

Chelles und des kleinen aus Gourdon (Côte d’Or) des Burgunderkönigs

Sigismund († 524), heute in Paris (Bibl. nationale), nebst seiner

Platte, die mit einem Kreuze geschmückt ist, stark mit Zellenglas

besetzt; dann des einfachen kupfernen, mit Silber plattierten Kelches

von Petöháza, dessen Schmuck um den oberen und unteren Rand laufende

Geflechtsstreifen bilden; dazwischen ähnliche Vertikalbänder. Auf dem

mittleren Knauf die Inschrift: Gundbald fecit.

[Sidenote: Tassilokelch]

Vor allem aber des wundervollen Kelches des Tassilo, den dieser

Bayernherzog, von Karl dem Großen bekanntlich tief gedemütigt, der

Kirche schenkte, heute in Kremsmünster. Wenn auch erst im Anfang des

letzten Viertels des 8. Jahrhunderts entstanden, zeigt uns doch dieses

Kunstwerk noch den vollen Reiz jener altgermanischen Zellenglastechnik

und reichen Emails, alles in urwüchsiger Einfachheit, im Figürlichen

von fast finsterem Ernst, aber kraftvoll und wirksam aufgebaut (Abb.

23, Tafel IX).

[Sidenote: Andere Kirchenschätze]

Ähnliche Schätze bergen noch so manche Kirchen. So in Südfrankreich

besonders die an solchen Dingen reiche zu Conques, darunter die

sitzende Statue von Sainte Foy aus Gold, eine Reihe von Reliquiarien,

wie das Pipins von Aquitanien; in Nancy die Kathedrale Kelch, Patene

und Kamm des hl. Gozelin; in Berlin ist jetzt der Schatz Widukinds

aus der Kirche zu Engers (später in der Johanniskirche zu Herford),

Reliquiar und Taufschale, angeblich dem Sachsenherzog von Karl dem

Großen zur Taufe geschenkt. In Spanien prangt die Camara Santa in der

Kathedrale zu Oviedo mit einem herrlichen mit Silber überzogenen und

mit Niello geschmückten Schrein voller uralter Reliquien, worin die

letzten Westgoten die wertvollsten Schätze aus der Kathedrale zu Toledo

vor den Mauren geflüchtet haben sollen -- und manches schöne uralte

Stück bewahren auch unsere alten Dome und Kirchen von Trier, Cammin

(Abb. 24, Tafel IX), Gandersheim, Quedlinburg, Bamberg, Regensburg, St.

Gallen, Chur (s. Abb. 179, Tafel XLVI) usw.[8]. Das meiste ist freilich

jetzt in die Museen gewandert (Abb. 25, Tafel X).

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 40 / 114 题