Abb. 18. Angelsächsische Spange von Bonsell.]

[Illustration: Abb. 22. Kreuz König Reccesvinths. Madrid.]

Überhaupt ermöglichen uns erst die Nachrichten der alten Schriftsteller

eine schwache Vorstellung von dem einst an Schönheit da wirklich

vorhanden Gewesenen, dem leider die Kostbarkeit des Stoffes stets ein

rasches Ende schuf, sobald es als Kriegsbeute oder Tribut in andere

gierige Hände fiel.

[Sidenote: Horte]

So wissen wir auch aus unserer ältesten Poesie viel von dem Schatze,

den jeder alte Germanenkönig besaß; wir wissen aus dem Nibelungenliede,

in dem ja der Nibelungenhort jene so furchtbare bluttriefende Rolle

spielt, daß jeder Fürst seinen Recken wie seinen Gästen mit reicher

Goldgift lohnte und sie begabte, daß er dafür als „mild“ weit und breit

gepriesen wurde. Freigebige Mildigkeit, die mit goldenen Ketten und

Kleinodien, Bechern, Schwert, Helm und anderen kostbaren Gewaffen die

Getreuen überströmte, war der erste Ruhmestitel des größten Königs.

Alles dies gewinnt doppelt an Bedeutung, wenn wir uns vergegenwärtigen,

daß der Hort des Königs auch gleichzeitig den Staatsschatz bildete, aus

dem die öffentlichen Ausgaben für Volk und Heer bestritten wurden. Wir

wissen, daß die südfranzösischen Westgoten in ihren erbitterten Kämpfen

mit den Franken mehrfach ihres Hortes verlustig gingen, den sie zuletzt

in der gewaltigen Feste Carcassonne bargen, die noch heute mit ihrem

imponierenden Mauer- und Turmkranz als ein unvergleichliches Wunderbild

aus längstvergangener Zeit über die Lande ragt. Überall suchten sich

die Germanen für solchen Schutz burgartig hochgelegene starkumringte

Städte, deren uns die spätere Hauptstadt des westgotischen Reiches in

Spanien, Toledo, ein Gegenstück zum festen Carcassonne zeigt.

Von dieser Kunstliebe der germanischen Fürsten gewährt uns das

Testament eines ihrer letzten, Karls des Großen, ein Bild, in dem der

sterbende Kaiser über seine Schätze zugunsten von Kirche und Armen,

von Stiftungen und auch seiner Söhne verfügt; einen Schimmer davon,

welche Schätze der mächtige Mann in seinem Palast zu Aachen aufgehäuft

hatte.

[Sidenote: Schatzfunde]

[Sidenote: Szilagy-Somlyó]

Als die bedeutsamste Ergänzung traten kleinere und größere wirkliche

Schatzfunde hierzu. Dergleichen kam wohl überall gelegentlich vor,

in großem Maßstabe aber besonders in Ungarn und weiter im Osten. So

kam schon 1797 in Szilagy-Somlyó plötzlich ein kleiner Hort, 1889 ein

zweiter zutage, die man offenbar, um sie zu sichern, vergraben hatte;

Ketten, Gehänge, Armbänder, Gürtel, Medaillons, prachtvolle Spangen

mit reichem Steinbesatz, Schalen, Ringe, eine gewaltig große Goldfibel

mit reichen Steinen von stärkster Plastik, vielleicht ein kaiserliches

Kleinod u. dgl. m.[7]

[Sidenote: Petrossa]

Großes Aufsehen erregte aber vor 20 Jahren der umfangreiche Goldfund

von Petrossa (Petreosa) in Rumänien, den man für den Schatz des

Gotenkönigs Athanarich († 381) erklärt. Erhebliche Stücke davon sind

in den Besitz des Königs von Rumänien gerettet, von denen große

Amphoren, eine diskusförmige Platte mit getriebenen Figuren, zwei

kleinere schlanke Krüge, eine Fibel in Gestalt eines Sperbers, zwei

in Vogelform, reicher Halsschmuck, zwei durchbrochene Schalen die

Hauptstücke bilden. Auch hier, wie bei allen Arbeiten aus dem Besitze

der Goten, spielt ein überreicher Besatz von roten Steinen, als

Plättchen in Zellen und Kästchen ein-, wie in runden, erhabenen Formen

aufgesetzt, die wichtigste Rolle. So weit aber die Goten ihren Bereich

und ihre Wohnsitze erstreckten, so weit findet man dergleichen häufig,

und Hampels Buch, welches doch nur von dem in Ungarn, einem Hauptsitze

der Ostgoten, ehe sie in Italien einbrachen, Gefundenen handelt,

enthält eine Menge solcher Kleinodien aller Art.

Die Ergebnisse der Nachforschungen in jenen Gegenden, Südrußland

einbegriffen, zeigen uns unter den germanischen die gotischen Völker

als die ersten Träger dieses neuen Kunstgeschmackes, der so rasch

sich über alle verbreiten sollte. Sie mögen, wie man glaubt, dazu

starke Anregungen nicht nur aus dem oströmischen Reiche und von der

griechischen Kultur, sondern selbst von Persien aus und von den

Sassaniden her empfangen haben. Aber sie haben zuerst auf solchen

ihnen gewordenen Grundlagen neu aufgebaut und eine neue germanische

Kleinkunst zu begründen verstanden.

[Illustration:

Die älteste Kunst, insbesondere die Baukunst der Germanen von der Völkerwanderung bis zu Karl dem Grossen · 第 36 / 114 题