Hier überall, aber auch im Bereich der Alamannen und Bajuvaren,
tritt nun noch eine andere Technik der Verzierung auf, die nach
Westen bis tief ins fränkisch-merowingische Reich gefunden wird: die
Herstellung des Schmuckes, besonders der Schnallen (vgl. Abb. 8), der
Riemenzungen und Besatzstücke aus Eisen mit Silber- und Goldauflagen,
mit edlen Metallen „tauschiert“. Woher diese Kunst kam, ist noch nicht
festgestellt; arabisch-maurische, persische und indische Metallarbeiter
pflegten sie später besonders. Band- und Tierverschlingungen, aus
Streifen und Stückchen des edlen Metalls gebildet, wurden auf den
rauh gemachten Eisengrund aufgehämmert und ergaben prächtige Wirkung;
herrliche Arbeiten dieser Art fand man bei Reichenhall wie im
Burgundischen und an der Loire bei Orleans. Es scheint indessen, daß
die süddeutschen Stämme die Hauptträger dieser reichen und schönen
Technik blieben, deren Ergebnis sich dann ins Reich der Franken
verbreitete.
[Illustration: Abb. 19. Nordische Spange. Nach Salin.]
Auch das Niello, das Einlegen schwarzen Schwefelsilbers in reines
Silber (heute in Rußland als Tula bekannt), wurde gerade in jenen
Gegenden geübt, übertrug sich übrigens weit nach Norden.
[Sidenote: Skandinavien]
In ganz besonders großem Maßstabe jedoch haben die hochnordischen
Gräber ihren Inhalt wieder hergegeben, und eine ungeheure Fülle der
schönsten Arbeiten sind in Dänemark und Schweden, auch in Norwegen
gefunden worden (Abb. 19). Hat doch in jenen Gegenden das Germanentum
sich viel länger ungestörter Ruhe und Entwicklung erfreuen können;
selbst das Christentum drang dort erst im späteren Mittelalter ein. So
folgte der Völkerwanderungszeit noch die Wikingerzeit als eine weitere
Phase rein nordisch-germanischen Völkerlebens; und erst das 11. und 12.
Jahrhundert brachten die inzwischen eingetretene weitere künstlerische
Entwicklung, die wir den romanischen Stil zu nennen pflegen, fertig
nach dem Norden. Dann erlosch auch da die alte Selbständigkeit und das
original-germanische Wesen langsam; freilich hatte es dort bis dahin
sozusagen nur eine Art von Provinzialkunst gegeben, wenigstens in bezug
auf die Baukunst.
[Sidenote: Einheit dieser Kleinkunst]
Jedenfalls aber hatte sich germanische Kleinkunst dort am
ungestörtesten entwickelt und verbreitet und bis heute noch in großem
Umfange erhalten. Denn schon die Königsschätze und Horte waren
nicht wie im Süden fortwährendem Besitzwechsel, ihr Edelmetall dem
Umschmelzen und Umformen ausgesetzt; vieles von ihren Bestandteilen hat
sich gerettet, und so bieten die nordischen Museen uns vergleichsweise
eine Überfülle wirklich prachtvoller Arbeiten, obwohl es im Süden deren
einst unendlich viel mehr gegeben haben wird. Aus ihnen und ihrer
Vergleichung ist aber stets aufs neue zu entnehmen, daß die germanische
Kleinkunst in einer wahrhaft erstaunlichen Gleichmäßigkeit über alle
germanischen Stämme gebreitet war, und daß es selbst heute bei so
gewaltig gewachsenem Material noch nicht leicht ist, diese Arbeiten
sicher auf ihren engeren Ursprungsort zu bestimmen. Der Gotenstrom
brachte seine reiche Goldtechnik mit Steinbesatz vom Schwarzen Meer bis
nach Portugal und Nordafrika; andere eigentümliche Zierformen, so die
Langfibel, finden sich in gleichartiger Bildung in vertikaler Richtung
dazu gleichmäßig vorhanden in Skandinavien wie in Süditalien. Nur
wenige besondere Eigentümlichkeiten lassen sich etwa als hochnordisch,
andere als burgundisch, andere als süddeutsch bezeichnen. Es muß eine
andauernde ausgleichende Wechselwirkung unter den germanischen Stämmen,
ein fortwährender Austausch, sei es durch Handel, Wanderung, Heirat
oder auch Erbeutung oder Schenkung, stattgefunden haben, so daß wir
in Ostungarn Typen finden, die uns plötzlich in der Normandie wieder
begegnen, in England solche, die langobardischen Künstlern anzugehören
scheinen, in Portugal andere, die von der Küste des Schwarzen Meeres
stammen. Auch der Schatz Childerichs enthielt solche der letzten Art.
Daher bleibt der altgermanische Kleinkunstschatz, wie ihn die Gräber
bieten, eine merkwürdig kompakte und gleichmäßige Masse und lehrt uns
das Germanentum während und nach der Völkerwanderung doch wenigstens
auf diesem Gebiete als eine abgerundete und in sich höchst gleichartige
Einheit kennen.
Andere Werke der Kleinkunst.
[Sidenote: Stiftungen für Kirchen]
Eine andere Fundgrube herrlichster Arbeiten auf dem Gebiete der
altgermanischen Gold- und Silberarbeiten bieten uns die alten Schätze
der Kirchen. Fromme Fürsten haben von jeher dem Höchsten und den
heiligen Stätten reichste Geschenke gemacht, bei ihrem Tode auch oft
ihre köstlichste Fahrhabe vererbt, und davon birgt noch mancher uralte
Kirchenschatz trotz der fast anderthalb Jahrtausende einen Rest. Von
den Geschenken der Königin Theudelinde, der großen Langobardenkönigin,
die dem Schatze ihres Domes in Monza eine Fülle von solchen hinterließ,
an gerechnet, bis zu denen der Ottonen an die Quedlinburger Domkirche
ist Prächtiges genug vorhanden, wenn auch sicher Raub, Not und Habsucht
wie Unfall uns nur einen winzigen Bruchteil des einst Geschenkten
übrigließen. Einen ungefähren Blick in die Welt der verlorenen
Kirchenschätze gestattete uns der glücklichste Fund, der vor einigen
Jahrzehnten in Spanien einen kleinen Schatz von goldenen Weihekronen
und Kreuzen, wohl vor dem Arabereinbruch von 711 gerettet, zutage
förderte, uns einen Begriff gebend von dem Reichtum, mit dem die
westgotischen Könige und Großen ihre Kirchen schmückten. Erzählt doch
ein arabischer Schriftsteller Wunderdinge von den von den Arabern
erbeuteten Mengen solcher goldener Kronen, die die Frömmigkeit der
Westgoten in der Hauptkirche, der späteren Moschee, zu Cordoba zum
Schmucke des Gotteshauses aufgehängt hatte.
[Illustration: