»Mit Schweden paktieren. Rasch.«
Eggenberg: »Nein sagt, Graf Trautmannsdorf, laßt dies einen Augenblick: ist
der Herzog nach Eurer Meinung so gefährlich?«
»Euer Feind. Weiter nichts. Gewiß nicht meiner. Er kann Euch jetzt
vielleicht nicht viel scheren; Ihr müßt damit zufrieden sein. -- Ihr wißt
übrigens, daß ich ihn liebe und hochschätze. Die Dinge haben es leider
dahin gebracht, daß er mit dem Erzhause verfeindet wurde.«
Trautmannsdorf war traurig und stützte den Kopf. Wieder Stillschweigen. Am
Tisch saß neben Questenberg der Beichtvater, der große Lamormain. Man müsse
sich der Menschen bedienen, wie sie sind. Man hätte Machtmittel in der Hand
gegen den Herzog. Friedland scheine sich schon jetzt zu irgendeinem Schlag
zu heben. Er sei offenbar noch kräftig. Man müsse sich seiner in beliebiger
Weise bemächtigen.
Questenberg bitter gegen Trautmannsdorf: ob der Herr Graf wisse, daß der
Friedländer fast alle Obersten Mährens und Niederösterreichs an sich
gezogen habe, die kaiserlichen Obersten? Zerschmettert die Armeen,
verzweifelt, schlecht entlohnt, in ihrem Ehrgefühl gekränkt die Offiziere.
»Es kann geschehen, daß unsere Regimenter zu Wallenstein übergehen, ohne
daß wir etwas dagegen ausrichten können; wir sind ja nichts. Wir sind
Geschlagene, schlechte Politiker, da wir ihnen diesen Wallenstein
weggenommen haben. Und er: er ist imstande, nimmt die Regimenter, die Juden
zahlen, was er braucht; er erobert sich seine Güter, verträgt sich mit dem
Schweden. Es ist alles möglich. Läßt man ihn, ist man vor nichts sicher.«
»Und wer ist schuld daran?« Trautmannsdorf zog brüsk die Arme vom Tisch,
schrie: »Ihr. Er war nicht unser Feind. Ihr habt ihn dazu gemacht. -- Aber
ich will davon nicht sprechen.« Er preßte sich erglühend in seinen Stuhl:
»Wenn es wahr ist, daß der Papst diesen Bescheid dem ungarischen Primas
gegeben hat, so wird man diesen Bescheid den geheimsten Geheimbüchern des
Erzhauses einverleiben müssen. Man wird es nicht nur in die kaiserlichen
Erinnerungsbücher für die Richtung der kommenden Politiker schreiben,
sondern für jeden im Reich und außerhalb des Reichs, der Interesse am
katholischen Glauben hat. Es ist unmöglich und zum Himmel schreiend, daß
die grausige Not, vor der sich Bayern und Österreich, alle Königreiche und
Erblande krümmen, blinde Augen beim Heiligen Vater findet. Er hat es
abgelehnt, das in höchster Not schwebende und fast zu gänzlichem Untergang
neigende Römische Reich aufzurichten. Er wird seine Schuld vor dem zu
verantworten haben, dessen Stellvertreter er ist. Und nicht ist. Die Schuld
liegt auch bei Euch, Fürst Eggenberg. Es war alles unnötig. Wir waren in
Macht, wir saßen im Sattel, dann kam der böse Anzetteler, der treulose
baumstarke Verderber des Reiches, der Bayer. Er hat die Kurfürsten gegen
Habsburg aufgewiegelt; wir hätten stark bleiben können und sollen. Statt
dessen hattet Ihr Furcht. Von Anbeginn. Ich sage Euch: Friedland war treu
bis zu dem Augenblick in Memmingen, wo wir ihn fallen ließen und wo er sah:
dem Kaiser liegt nichts an ihm. Er wurde nach solchen Diensten für uns wie
ein räudiges Tier zur Tür hinausgestoßen. Kaum daß die Kaiserliche Majestät
selber in ihrer persönlichen Liebe für den General ihn vor dem Äußersten
bewahrte: vor der offenen Infamie, der Degradierung, Absprechung der Titel
und Besitztümer. Warum? Die Herren wissen alle: um nichts. Wegen des alten
Hasses des Bayern, der hinter Habsburg wie die Bremse ist und in den
Wahnsinn stachelt. Was wäre geschehen? Fast wäre Deutschland ein
Kaiserreich geworden. Nun sitzen wir da, winseln vor dem Papst, werden vor
dem Herzog winseln. Jetzt hat er Rebellisches vor, ich zweifle nicht daran.
Er macht sich unsere Not zunutze. Wär' er doch ein Seraph, wenn er's nicht
täte. Er haßt uns alle, wie wir hier sitzen. Ich kann meine Liebe zu ihm
nicht verbergen und ihm nur recht geben. Ich muß es tun. Ihr seid schuld,
Fürst Eggenberg. Ihr habt einen Keil in uns getrieben und uns schwach
gemacht. Ihr habt uns und dem Kaiser den Mut genommen, daß wir in
Regensburg nicht sprechen konnten. Das Reich wird es Euch nie vergessen
dürfen. In hundert und tausend Jahren nicht.«
Verzweifelt lächelnd blickte der kleine Fürst auf seine zitternden kalten
Finger: »Wollt mir doch wenigstens das auch nicht vergessen, daß ich das
Beste gewollt habe, daß wir alle doch schon so schwer gebüßt haben.« »Noch
nicht genug. Der Schwede wird noch andere Register ziehen. Es ist soweit
gekommen, Fürst Eggenberg, daß ich ein offenes Wort hier sprechen muß. Ihr
hättet Euren Kopf dem Kaiser nach der Breitenfelder Schlacht anbieten
müssen. Sie war das Resultat Eurer Politik. Ihr habt die Versöhnungstaktik
dem Kaiser geraten. Habt Ihr das getan?«
Gedankenlos blöde lächelte ohne Aufblick der Fürst: »Liegt Euch soviel an
meinem Kopf?«
»Habt Ihr ihn dem Kaiser angeboten?«
Der Fürst fahl, eingefallen, einen Moment die Augen beschattend: »Nun will
ich Euch sagen, Trautmannsdorf, daß das, was Ihr mit mir tut, anfängt
unertragbar zu werden. Was habt Ihr mit mir vor?«
»Sollen wir nicht das Recht haben, über Euch zu Gericht zu sitzen und seid
Ihr hier nicht Rechenschaft schuldig?«
»Was ich getan habe, verantworte ich. Ihr seid in Eurer Liebe zu
Wallenstein ohne Verstand.«
»Meine Liebe zu Wallenstein. Ich will nicht nur Rache nehmen dafür, daß ich
gezwungen wurde, gegen ihn aufzutreten. Ich muß Protest erheben gegen die
Verwüstung der stärksten Position in der Welt, die das Reich hatte.
Friedland hätte das habsburgische Reich halten können. Nun ist er zunichte
geworden, verschandelt, in einen gräßlichen Dämon verwandelt, vor dem wir
zittern müssen. Aber eins gegen das andere: ist Wallenstein nichts und ist
Habsburg nichts: ist es da recht, daß Ihr etwas seid, der beide zu nichts
gemacht hat. Das sag' ich hier am Tisch: ich liebe Habsburg und hänge
unserer Kaiserlichen Majestät an -- aber Ihr, Fürst Eggenberg, tätet gut,
Euch jetzt und für alle Zukunft zu verstecken, weil Ihr und kein anderer
schuld seid an diesem vermaledeiten Regensburger Tag.«
»Die Herren werden alle einsehen, daß diese Debatte nicht so fortgehen
kann. Ich habe stets alles frei aufgenommen, was hier beraten wurde und dem
Kaiser berichtet. Er kennt alle Standpunkte und Gesichtspunkte. Man hat es
hier mehr auf meinen Kopf als auf etwas anderes abgesehen. Ich will Euch
einladen, Graf Trautmannsdorf: kommt mit vor den Kaiser.«
»Wozu soll das? Der Kaiser ist jetzt machtlos.«
»Er ist Richter.«
»Was soll das?«
»Kommt mit. Ich bin Euch Genugtuung schuldig für Euren Wallenstein. Ich
begehre es von Euch.«
»Was soll das?«
»Ich bin Euch wohlgesinnt. Ich versteh', was Ihr fühlt.«
* * * * *
Der Kaiser in dem menschenfließenden Abtstuhl: »Das ist wohl eine Art
Gericht. Ihr seid der Ankläger und Fürst Eggenberg der Malefizer. Oder
umgekehrt.«