»Nein.«
»Ich wollte Gott wieder in mir errichten. Zu ihm wollte ich beten, mich zu
ihm führen lassen. Zu ihm.«
»Nein.«
* * * * *
Wallenstein im Gespräch mit dem Venetianer Pietro Viko, der bei ihm
Kreuzzugsideen, gegen den Großtürken, propagierte.
»Will der Herr mir Neuigkeiten erzählen! Ich hab' in Gradiska für Ferdinand
gekämpft. Wittelsbach ist größenwahnsinnig, den Kaiser Ludwig, den Ketzer,
hat es nicht vergessen. Man hätte den Wittelsbacher zerschlagen sollen; nun
sitzt er an der Isar, der dunkle Mann, prunkt und protzt sich auf, geizt
und darbt. Ein Fürst!«
»Er wird dem Kaiser nicht übel zusetzen.«
»Ferdinand ist der beste Mann, ein Edelmann, ein Ritter. Er ist ein Kind.
Wenn Ihr daran zweifelt, so seht den Ausgang dieses Kriegsübels an. Den
guten Böhmen, meinen Vettern, sollte er den Schädel einschlagen. Er hätte
nur nötig gehabt, sein Kaiseramt auszuüben. Aber er war ein Kind. Ich kann
mir vorstellen, wie er damals glühte als Kaiser, mit dem Böhmersieg in der
Tasche. Und so vor den Bayern zu treten!«
»Ja, er war nicht gut beraten.«
»In der Löwenhöhle ein Kalb verzehren wollen! Warum ging er gerade damals
zu Maximilian? Weil München so am Weg lag. Versteht Ihr gut, die Wiener
Herren Räte? Er mußte dem Münchener Dank sagen, sich ihm vorstellen. Sie
konnten es nicht verhindern; die Herren hatten gerade etwas anderes zu
denken.«
»Und da hatte ihn der Max!«
»Die Maus kam ihm spaßhaft vor die Schnauze gelaufen.«
»Haha.«
»Sie fraß ihn. Einmal gepackt, herumgeworfen, dann in die Gurgel
geschnappt.«
Wallenstein sagte: »Herr, er hatte schon lange auf den Kaiser gewartet. Der
konnte ihm nicht entgehen. Er hatte geholfen, ihm den Kaisermantel umlegen,
aber nur um die Lust zu haben, ihn ihm herunterzureißen. >Zeig' mal, was du
anhast!< sagte der Max. Und als Ferdinand München verließ, hatte er schon
fast aufgehört, Kaiser zu sein.«
»Euer Liebden: es sind Zeiten, die erfreulicherweise längst vorbei sind.
Ihr werdet bald freie Hand für allerhand haben.«
Wallenstein lachte wieder grell: »Ich hätte in Wien sein mögen, als sie den
Ferdinand aus dem Wagen holten von dieser Reise. Begossen, lahm, stumm. Und
keiner wußte, was mit ihm war, und er hatte doch in Frankfurt gesiegt, war
Römischer Kaiser, und den böhmischen Sieg hatte er damit schon in der
Tasche. Was mögen sie sich gedacht haben in der Burg, die weisen Herren!
>Der Kaiser ist krank, er ist schwermütig,< haben sie geschrien, morgens
und abends, haben nach den Doktoren im ganzen Reich geschickt.«
»Es ist so.«
Maßlos lachte der Herzog: »Sie werden ihn weidlich zum Purgieren gebracht
haben. Gebüßt hat er es, daß er sich hat beglückwünschen lassen von seinem
Schwager Max.«
* * * * *
In das Dorf Bubna bei Prag, wo der Herzog eine Meierei besaß, kam eine
Truppe Schauspieler Zauberkünstler und Quacksalber gefahren. Erst riefen
sie ihre Künste bis nach Prag hin aus; dann schlugen sie einen Bretterzaun
auf, bauten eine tiefe Bühne. Vom Herzog auf sein kleines Sommerschloß
geladen, veranstalteten einige von ihnen unter großem Geheimnis eines
Nachmittags eine besondere Belustigung.
Ein großer Saal stand ihnen zur Verfügung; vornehme Herren und Damen
besetzten die Balkons und Galerien; Dienerschaft drängte sich an der
offenen Tür. Von den Balkons und Galerien führten Wendeltreppen in den
Saal; zu Beginn der Unterhaltung rief von der Tür ein maskierter
Schauspieler -- er hatte kothurnartige hohe Stiefel, ein griechisches
weißes Faltenkleid, trug einen mit Blitzen versehenen Keil in der
geschlossenen Rechten; der hoheitsvoll düstere Ausdruck des Zeus --, man
hätte davon abgesehen seitens der Truppe, sich am Spiel zu beteiligen. Man
möge heruntertreten in den Saal, wer Lust habe. Es werde absonderliche
Freude geben.
Im Saal herrschte eine ungeheure Hitze; blickte man von oben herunter, so
brodelte und wogte die Luft über dem gefügten Holzboden wie in einem Ofen
oder über einem Brand. Die aber unten gingen, merkten von Hitze nichts,
auch hatten sie keine Beklemmung der Brust. Aufrecht und übergroß
spazierten über die Diele zwei braune Schimpansen, die sich von Zeit zu
Zeit auf die Hände fallen ließen und dann rasch liefen; sie kletterten an
Säulen hoch, blickten spuckend mit weisen Gesichtern nach der Galerie
herüber, ließen sich wieder herab, zeigten vierfüßig jagend ihren hohen
Steiß. Woher sie gekommen waren, wußte man nicht. Unten tauchten immer neue
Wesen auf; es war nicht zu erkennen, woher sie kamen. Ein junges Fräulein
riß sich auf der Galerie von ihrer Begleiterin los, sie wollte sich die
kuriosen Affen in der Nähe ansehen. Wie sie die unterste Stufe der Treppe
betrat, der heiße Brodem des Saals gegen sie schlug, rannte stürmte sie
vorwärts: da lief ein nacktes Geschöpf, das auf der Stelle vor Übermut
sprang, sich um sich drehte und jauchzte. Sie ging mit ihren runden rosigen
Gliedern, prallem Leib langsam und ungeniert gegen den einen braunfelligen
Schimpansen an, der gerade wie auf einer Eisbahn über den Boden rutschte.
Ihr wuchs hinten aus dem Rückgrat ein armlanger peitschendicker schwarzer
Schweif heraus, mit dem schlug sie ihm vor die Nase; sie trug noch ihre
Silberschuh und bunten hängenden Strumpfbänder, ihre übervollen Brüste
schaukelten, ihr blondes lockengedrehtes Haar wogte wie eine Kapuze über
ihr stumpfnasiges vergnügtes Gesicht. Die beiden Affen balgten sich hinter
ihr, dann schlangen sie die Arme umeinander, begannen so, einer den andern
festhaltend, ihr zu folgen.
Dicht an der Treppe legte sich ein ernster kleiner Mann, nachdem er sich
unglücklich hin und her gewandt hatte, ruhig auf die Diele, zog sich mit
den Händen und Knien auf dem Bauch hin. Man trat ihn, schimpfte über ihn.
Er bat um Entschuldigung, kroch weiter zwischen den Füßen, unter den Füßen.
Bisweilen richtete er sich auf, verschnaufte ernst, sah wehmütig den andern
ins Gesicht, ging wieder an seine Arbeit. Niemand unter ihnen wunderte sich
über den anderen. Sie waren alle mit sich beschäftigt.
Eine ältere Dame mischte sich ein. Sie trug einen kostbaren Zobelpelz, den
sie auch in der Hitze nicht ablegte, aber ihre Hände rührten von Zeit zu
Zeit unruhig, während sie gespannt alle beobachtete, die Schnalle vorn an
ihrem Hals, die den Pelz zusammenhielt. Plötzlich schrie sie gräßlich,
dabei riß sie sich wie erstickend den Umhang auf. Und nun mit offenem Hals
stellte sie sich breitbeinig hin an dem Fleck, wo sie war, bog den Kopf
zurück, blähte den Hals auf, stieß hochroten Gesichts, während ihre hohe
graue Perücke wackelte, einen eselsartigen Trompetenruf aus, mit Blauwerden
der Lippen, Zittern der hochgehobenen Arme, die den Fächer fallen ließen.
Darauf ging sie rasch, den Fächer aufhebend, die seidenen Röcke wedelnd,
weiter, heftig atmend, gewissermaßen erleichtert. Um nach einigen
Rundgängen langsamer und zögernd werdend, nach Zausen an ihrem Pelz, wie
unter einer Eingebung das helle Geschrei von sich zu geben. Wobei ihr bald
von rechts und links, auch von den Zuschauern, heftiges Gelächter
antwortete, das sie mit Erblassen, entrüsteter Miene aufnahm.
Einem Offizier geschah, wie er sich in den Saal herunterbegab, ein großes
Unglück. Er hatte vor, mit seinem Degen und seiner Muskelkraft der Galerie
ein besonderes Schauspiel zu geben. Heimlich warf er sich die Treppe
herunter, die letzten Stufen glitt er ab, prallte auf den federnden Boden.
Und nun kam er nicht zur Ruhe. Er war wie ein kleiner holzgeschnittener
Mann mit zusammengeschlossenen Beinen anzusehen, zusammengeschlossenen
Händen, dickem Hals, dickem Kopf; er stürzte bald auf die Hände, da prallte
er hoch; stürzte auf den Rücken, da wippte er um; kam auf den Bauch, schoß
hoch, stand auf den Füßen, machte einen Schritt. Aber sein tretender Fuß
warf ihn hoch; er mußte sich Mühe geben, auf den anderen Fuß zu kommen, und
so schnellte er rechts und links meterhoch durch den Saal, immer bemüht,
unten ein freundliches Lächeln gegen die anderen, nach der Galerie herauf
zu machen, ihnen seinen Degen zu zeigen, seine gewaltigen Armmuskeln.
Sofort hatte der Saal sich gegen ihn gewandt, warf ihn auf die Knie,
schnellte ihn weiter.
Es kamen viel neue, überall aber war ersichtlich, daß die Situation Keime
zu Erregung und Zwistigkeiten barg und daß man einem bösen Wesen
gegenüberstand. Es wurde klar, als ein Geistlicher von oben sich
entschlossen unter Mitnahme eines Gebetbuches in das Treiben hineinwagte.
Auf der Treppe drückte er das Buch gegen seine Brust mit der Linken, mit
der Rechten hob er sein silbernes Brustkreuz vor sich. So dachte er bannend
in den Saal zu schreiten. In der Tat, sobald er erschien, geriet alles in
furchtbares Toben, das Geschrei nahm überhand, die Figuren fuhren toll
umeinander. Zugleich aber zog sich der heiße Brodem um ihn in sonderbar
spiralig schwebenden Wellen, rauchartig zusammen; wie er mit seinem Kreuz
schlug, hingen Flammen an den Spitzen; sein Gebetbuch öffnete er in
herausfordernder Ruhe, die Blätter kräuselten sich, wurden gelblich, an den
Rändern tief braun. Und jäh brannte das Buch; der erschreckte öffnete die
Hand, das Buch loderte am Boden. Wie er das zusammenrinnende bläulich
überlaufene Kreuz losließ und gegen die verbrannte Hand blies, seufzte er
aus tiefem Herzen auf; er streckte, die Augen schließend, schwarzhaarig,
langgewandig wie er war, die Arme sehnsüchtig aus: schon vergingen in den
scharfen Luftwellen um ihn seine Talarröcke, die weiten Ärmel. Er konnte
tanzartig gehen wie keiner im Saal, einen schmächtigen Jünglingsleib trug
er auf langen Beinen, die in Leinenhosen steckten. Aus unverschleierten
großen blauen Augen blickte er, er sang hymnisch. Hell trillernd, alle
siegreich übertönend, klang seine Stimme; so schön und freudig schmetterte
er, daß die auf den Galerien sich mit kleinen Augen scheu ansahen, von
gleichgültigen Dingen sprachen und das Beben in sich unterdrücken mußten.
Er hatte ein leicht albernes Jungengesicht mit Stuppnase. Einer der beiden
Schimpansen zog ihn bald an den Ohren hinter sich her, ängstlich folgte man
ihnen, von leisen Angstrufen wurde der Gesang unterbrochen.
Es wirkte verführerisch auf die Massen, die sich an den offenen Türen
drängten. Die Türmeister hielten die Stäbe vor, aber die Lockung war zu
groß. Man lief, während der Dunst des Saals schwoll, in kleinen Rudeln
hinein, hatte sich noch eben die Hände gereicht, war im Saal wie auf dem
babylonischen Turm, mit verrenkten Gliedern, hängenden Zungen, sonderbaren
Gebärden, fremd gegeneinander, von einer ungekannten Rastlosigkeit und
Befriedigung erfüllt. Man lief wie im Traum gegeneinander, prallte
voneinander ab, lief wieder gegeneinander, konnte sich darin nicht
sättigen. Sie sprangen, schoben sich mit irgendwelchen Begierden in den
Saal und dann waren sie jäh entgeistert, absonderlich verloren und
verwirrt. Ein paar edle Herren gingen streng durch die Menge, hoben die
Arme hoch, schrien den Hut schwenkend: »Hier ist der berühmte edle Soundso,
lobt ihn, ehrt ihn«; mit feierlicher Grimasse spazierten sie weiter. Fragte
sie einer: »Was kann der Herr?« antworteten sie: »Alles was man will;
nichts ist uns verborgen. Lobt uns, ehrt uns!« Sie breiteten die Arme aus,
nickten würdevoll.
Pferde tummelten sich unter den Menschen, auf denen Männer saßen. Hunde
sprangen lüstern umeinander, es war kein Hund in den Saal gekommen. Eine
Anzahl Herren blickten nach lauten Ausrufen ihre Umgebung an, dann
verunreinigten sie den Boden unter Gestank, wiesen darauf hin, schienen
hochentzückt, wieherten vor Lachen. Eine furchtbare Erscheinung zeigte ein
Mann, dem die Tränen aus den Augen troffen; ihm war der Kiefer bis auf das
Knie gesunken; ungeheuer schnappend mit klaffenden Lippen hing das Maul mit
armlangen Zähnen; der Schädel und das obere Gesicht stand trübselig klein
dahinter, die blicklosen Glotzaugen und das vertrocknete Bäuchlein mit den
Beinchen, die wie Stiele unten tripp-trapp liefen. Er hielt sich
bejammernswert an einer Säule auf; von Zeit zu Zeit trippelte er, schlürfte
schnaubte schnarchte grausig. Schnüffelnd sich einem Menschen nähernd,
faßte er den erstarrenden schreienden eisern bei den Händen, schlug den
Oberkiefer wie eine Zange über ihn, rang sich den gebückten strampelnden in
den Rachen, saugend, blauwerdend. Unter dem entsetzlichen Gekeif der
Zuschauer würgte er das Geschöpf in seinen anschwellenden Leib. Man schlug,
spie auf ihn, er heulte, schluchzte; Tränen und Speichel liefen
ekelerregend von ihm. Nach kurzen Minuten war das Treiben um den Stummen
wieder wie vorher. Nur bläuliche durchsichtige Schatten von Menschen
setzten sich neben ihn; das waren, die er verschlungen hatte: sie suchten
von Zeit zu Zeit in seinen Mund einzudringen, um ihre Leiber zu holen, aber
er sperrte krampfhaft die Kiefern, schnatterte grimmig gegen sie mit den
Zähnen.
Atemlos schweißbedeckt drängten manche in einer unsicheren Verzweiflung
zurück an die Treppe, an die Saaltür, hatten sogleich ihre alte Gestalt
wieder, lächelten lispelten ängstlich. Sie fragten, hatten ein Zittern an
sich, brachen in Gelächter aus, als man ihnen erzählte, was unten vorging,
drängten stürmisch fort. Manche waren, kaum bei sich, von einer Traurigkeit
befallen, saßen fassungslos da, bedeckten das Gesicht.
Unter der Hitze im Saale, dem wachsenden Andrang stieg der Lärm. Die
Menschen fielen sich gegenseitig an. Sie bemerkten sich allmählich. Wer
nicht fortgeschlichen war, fand sich in seiner neuen Heimat zurecht.
Plötzlich schwang sich der Hoppser, der unglückliche Offizier, mit einer,
dann einer anderen Dame in die Luft; sie schrie, er juchzte, improvisierte,
wenngleich nicht Herr seiner Sprünge, einen ungeheuerlichen klatschenden
Tanz über den Köpfen des Gedränges. Er riß dem Riesenmaul einmal einen
halberstickten aus den Zähnen; das Brüllen des Enttäuschten, das Keuchen
des Befreiten, der schlapp auf dem Arm des Springers durch den Raum
segelte. Die Hunde lagen verbissen im Kampf mit den Affen bald hier bald da
auf dem Boden. In einem rasenden Entschluß fiel der singende Jüngling,
plötzlich verstummend, die vorübertänzelnde Junge mit dem Pferdeschwanz an;
sie schlug ihm den Schweif um den Hals, er warf sie um; sie schrie
kläglich.
Eine Stimme rief, während grausig Massen von Tieren durch den Saal wogten,
Pferde, Kühe, Eber, während blitzartig manche Erscheinungen wechselten,
sich überkugelten, rief: »der Herzog, der Herzog.« Immer durchdringender
rief sie. Eine Feuersäule ging durch den Saal, sie sauste wie ein
Wasserstrahl, streckte sich langsam gegen die Decke auf; im Wandern
äscherte sie Menschen und Tiere ein, die nicht auswichen. Der beizende
Qualm wallte durch den Saal.
Da schlug man auf den Galerien und von außen am Saal die Fenster ein.
Erschütternd rasselte das Geschrei aus dem Saal und von oben. Die
Feuersäule bewegte sich nicht. Wie an den Füßen abgeschnitten brach sie
plötzlich zusammen. Der Rauch schwelte über die Diele, legte sich dick über
die Geschöpfe, die hilflos im Tumult kreischten und sangen. In Stößen drang
frische Tagesluft ein.
* * * * *
Nach diesem alarmierenden Vorfall erlebte die Bevölkerung um Prag und an
anderen Teilen Böhmens eine ganze Reihe Teufeleien. Zwei Teufel hatten sich
in der Hölle von ihren Ketten losgemacht und schweiften über den böhmischen
Boden. Sie suchten besonders die Gegend bei Aussig, an den Felsenwänden des
Ziegenberges, am Waltheimer Tal heim, ließen sich in der Abenddämmerung
blicken, scheuten bald frech das Tageslicht nicht. In den Monaten April Mai
sah man sie über die dreizipfligen Gipfel des Sperlingsteins mit den
Spießen im Rücken herumlaufen, langen wippenden mit Widerhaken versehenen
Stangen, die oberhalb der Hüften in ihrem Fleisch saßen, mit denen man aus
dem Höllenabgrund geworfen haben mußte, als sie entwichen. Sie taten in
diesen Monaten, als trügen sie wie müde Knechte der Artillerie ihr
Schanzzeug da hinten in einer Lederröhre am Leib und als mochten sie es
nicht von sich tun. Man entlarvte sie aber mehrfach, als sie leicht
berauscht am Schlosse Tetschen die Mäntel von sich taten und unversehens
die Bedienten der Losamente nach dem lustig schaukelnden Gestänge
zugriffen, um es davon zu tragen. Ein mordsmäßiges Geschrei, schrilles
Keifen und Jaulen erhob sich, die beiden Gevattern warfen die Arme hoch,
ihre Augen hingen ihnen wie Äpfel vor der Stirn, ihre Leiber bogen sich
nach vorn unter den schönen Westen zusammen, die Stangen zitterten,
klirrten metallisch auf den Dielen, jach sausten die Gesellen, Rauch um
sich schüttelnd, heulend in den Schornstein, von den Spießen lief grüner
Saft herunter, noch vom Dach klapperten und pfiffen sie. Gegen Ende Mai war
es aber in der ganzen Gegend, in der sie sich herumtrieben, schon zu
bekannt, daß sie entlaufene Teufel wären. Sie hatten einmal selbst davon
geplaudert, daß man sie bei einem Aufruhr in der Hölle nicht hätte bändigen
können, die Aufruhrsucht in der Hölle wüchse von Tag zu Tag, es werde alles
krank und ließe es auf Gewalt ankommen; sie seien nur die Vorläufer von
ganzen Scharen. Die beiden konnten sich darauf nirgends mehr sehen lassen,
und eines Abends bemerkten Viehtreiber an der Berghalde bei Bodenstedt ein
stumm ringendes Paar im Klee, das anscheinend mit Spießen sich zu Leibe
ging. Aber es waren Teufel, die geschworen hatten, sich umzubringen oder
sich von den Stangen zu befreien. Sie warfen sich in heißem Kampf rechts
und links; wie Schwänze, die hochgehoben waren, zappelten an ihnen die
Stangen; plötzlich hob der eine den andern, ein Knall, ein rasender Schrei,
Wimmern; der eine lag bleich bewegungslos auf dem Rücken, die Lanze dreißig
Schritt zersplittert vor ihnen, der Sieger kroch nach ihr, beschnüffelte
ihr Ende, von dem das grüne Satansblut troff. Er richtete den Bewußtlosen
auf, fuhr ihm mit dem Arm in den Rachen, holte die Zunge zurück, spritzte
ihm seinen brennenden Harn ein, wobei der andre würgte, sich wand und
wieder zu sich kam. Mit Baumrinde verpflasterten sie das sickernde Loch am
Rücken. Dann bellten sie wieder gegeneinander. Der Sieger lief heulend vor
Neid um den geraden schlanken andern; der nahm die abgebrochene Eisenlanze,
band seinen Gefährten an einen Baumstamm und fing an, lustig auf dessen
Stange zu klopfen, darauf ihn zu bespeien und, des Jammerns nicht achtend,
zu ziehen, bis er rückwärts stürzte, vom grünen Saft begossen, und jener
bald verreckt wäre. Entschlossen stemmte sich der andre an ihn, preßte,
Rücken gegen Rücken, die Wunde zu, verstopfte sie mit Pech, das ihm
zwischen den Zähnen hervorquoll, und mit dem Körper eines toten Kätzleins,
das gerade vor seinen Füßen lag.
So erschienen sie einmal unversehens zu zweit mittags vor der Wegkreuzung
bei Bodenstedt, als nackende buschige Teufel, mit trappsigen Pferdefüßen,
roten Fellen, stieren Glotzaugen, das schwarze Haar in Strähnen nach
rückwärts gestrichen, kaum größer als ein zehnjähriger Junge, rauh
miteinander schnatternd. Die Vögel auf den Feldern schwirrten vor ihnen
auf. Plötzlich schwirrten die Teufel selber als Raben hinter einer Magd
her, über deren Schultern sie fielen, hackend mit ihren spitzen Schnäbeln
in das blanke Fleisch. Das gräßliche Gebrüll der Weiber und Knechte; das
Geifern der scheugewordenen Ochsen, Flattern der Hühner und Quieken der
Schweine war grausig. Die Bauern verbarrikadierten sich in ihren Häusern,
läuteten Sturm. Nach einer reichlichen Stunde kamen zwei modisch gekleidete
edle Herren des Wegs, hatten Lehm an den seidenen bebänderten Schuhen,
schienen ermüdet. Sie sahen erstaunt auf der toten Dorfgasse um sich,
riefen sanft nach Menschen, nach einem Trunk Wein, spielten mit ihren
Degen. Zaghaft öffnete man die Laden; man fragte aus den Fenstern heraus,
ob sie nichts gesehen hätten. Aber die hatten nichts bemerkt; nur einen
abscheulichen Gestank hätten sie, wie sie verwundert erzählten, gespürt,
aber der könnte von verwesendem Vieh herrühren. Die Bauern hätten sich für
geäfft gehalten, wenn nicht die stumpfsinnigen Stalltiere auch jetzt noch
heftig um sich geschlagen hätten; das Loch in der Schulter der Magd
bearbeitete noch eben der Bader. Sie kamen heraus aus ihren Türen, erwiesen
sich beglückt, daß gerade jetzt zwei edle Herren des Weges kamen, denen sie
vertrauen könnten. Der eine der Herren betrachtete durch sein Brennglas mit
Grimm und Freude, die seine Lippen umwulstete, das Loch in der Haut der
Magd; die fuhr jammernd zurück, lief über die Gasse, es sei nicht richtig
mit denen, der eine sei der Teufel, der sie gehackt hätte. Allgemein
verspotteten die Bauern, die über die Gasse strömten, die Verletzte,
dienerten vor dem Besuch. Gerade auf die rabiate Magd hatte es aber der
eine Herr abgesehen; er ließ sich noch einmal die besalbte Wunde zeigen, er
wolle sie auf italienische Art kurieren. Das Mädchen weigerte sich, der
Herr wütete, lachte gell und drohend. Die beschämten und empörten Bauern
schoben in einem Häuschen die Widerstrebende ab, er wies stolz das andere
Gesindel hinaus. Da drin saß er mit der Magd allein, saß vor ihr, blickte
sie an, weidete sich an ihrer Angst. Und während er grinste und die Arme
hinter dem Rücken verschränkte, sich seine Nase lang herunterzog, hatte er
plötzlich einen dicken starken Schnabel, weitete hob sich sein loser Mantel
mit plusternden Federn, saß ein Rabe auf der Bank, stieß mit dem Schnabel
in die Wunde, pickte, hackte, riß. Er flatterte um sie, die aufgesprungen
war und unter entsetzlichem Geblök um sich schlug, drängte sie ab von der
Wand, aus einer Ecke heraus, fuhr ihr gegen die Stirn, vor den kreischenden
Mund, kratzte. Er krächzte und freute sich. Mit einem Bein krallte er sich
an ihrem Schürzenband über der Schulter fest, dann patschte er in die
spritzende Wunde hinein, hier verkniffen tastete er mit dem aufgebogenen
Bein ihren Mund ab, riß ihr von der Nase herunter Schramme auf Schramme.
Sein dicker fedriger Rumpf drängte sich an ihre erblichene Backe, der
Schnabel hackte; auf ihre Nase springend verteilte er nach rechts und links
auf die hochstoßenden Hände Hiebe zwischen die Haarwülste, die er
auseinanderzerrte, zerzupfte; die starken Flügel schlugen blendend vor ihre
Augen. So vertieft war er in den hitzigen Kampf, daß er das Klopfen nicht
wahrnahm. Erst als die Tür gesprengt platzte, ließ er wild von ihr. Die
draußen sahen noch den mächtigen Raben, seine Federn flogen. Aber schon
gleichzeitig saß da und kam ihnen entgegen der degenklingende Herr,
zornsprühend, blitzenden Auges, fest gegen sie geworfen: was sie sich
erfrechten, er sei eben dabei, den bösen Geist, der in sie gefahren, aus
ihr zu vertreiben; da lägen die Federn, nun sei er verschwunden; wüste
ungebärdige Tröpfe und Tölpel, die sie seien. Die Hände hatte er auf dem
Rücken; als er sie vorholte, waren sie bis an die Knöchel blutrünstig. In
ihrem Schrecken sagten sie nichts, ließen ihn durch, die Magd schlug
bewußtlos und schäumend um sich am Boden. Beim Wein in der Kammer des
Pfarrers beruhigten sich die beiden Herren; sie feierten lärmend den
Nachmittag über, bis gegen Abend der verwirrte Geistliche sich ermannte
nach der Spätmesse; er wolle sie examinieren, was ihm und dem Dorf die Ehre
brächte, von wannen des Weges sie kämen, dann --.
Und während er in der Küsterei nachdachte, war ihm schon, als wenn er
wuchs, als wenn etwas Geweihtes aus ihm sprach; fast zornmütig war er und
kaum zu halten, sich auf den Weg zu machen. Denn auch die andern Bauern
hatte ein Verdacht ergriffen, sie standen vor dem Kirchlein, munkelten
miteinander, fürchteten sich. Steckten die Köpfe in das Fenster des
Pfarrhauses, die Gäste waren ausgeflogen. Der eine von den beiden, der sich
im Hintergrund gehalten hatte, ging pfeifend in der Nachbarschaft herum,
hatte Interesse an den Kornhäusern Backöfen Vorratskammern Viehställen,
fragte rechts und links seine katzbuckelnden Begleiter, wovon sie meist
lebten, was sie am meisten quäle und betrübe. Es war Mißwachs im Jahr
gewesen, lange hatte der Regen gedauert, eine kurze Spanne, kaum eine Woche
schien die warme Sonne, und man mußte mähen und einbringen, das schwarze
Mutterkorn fiel über die Ähren. Der Edelmann, gänzlich unorientiert, sog
die Neuigkeiten ein. Seine eindringlichen Fragen waren kurios; wenn aber
welche aus dem Haufen über den Herrn lachen wollten und schon
daherpolterten, so sah er blitzrasch mit einem gräßlichen ins Herz
schneidenden, Blick an ihnen herunter; sie faßten sich an die Brust; es
schien, als ob kein Mensch so schnell die Augen bewegen könnte. Zischend,
leise, zum Boden schauend, fragte er nach seinem Freund, verschwand im
Augenblick um eine Ecke. Schon schoß er wieder gegen sie, scheltend, wo
also sein Freund wäre, ob sie ihm ein Leids angetan hätten, er wolle sich
beschweren bei der Landeshauptmannschaft, bei der Prager Statthalterei,
haderte, schrie, er wolle doch einmal wissen, wo sein lieber Geselle sei.
Eine schwarze Henne gluckerte vor ihnen auf einem Dach; er krähte, gackerte
sie höhnisch an, schlüpfte, über die Schulter weg den anwandernden Pfarrer
erkennend, ihm den Hut entreißend, in die offene Kirche, gackerte noch
grinsend an der Tür, er wolle seinen Freund suchen. Und schon schallte der
Raum innen wider vom Toben, Lachen, Klatschen. Gegen den Pfarrer höhnte er
hinter dem Altar: »Bring' mir mein Brüderlein«, jauchzte, lockte, der
Pfarrer suchte ihm den Hut zu entwenden, ein kalter Schleim sprühte ihn an,
er wich voll Ekels zurück, stürzte im Entsetzen die Turmstiege herauf, riß
das Glockenseil. Alarm läutete er über das Tal und die Nachbartäler. Die
Nachbardörfer antworteten, er gab nicht nach, unablässig unter dem
höllischen Krachen und Getobe unter sich riß er die Glocke und ließ sie
sausen. Vom Altar zu den Beichtstühlen hüpften sie, kauzten
schmutzverbreitend auf den Heiligensäulen Kruzifixen. Mit Wagen Äxten
Feuerspritzen Löscheimern knarrten und trabten die Nachbarn an, staubend
auf den Alleen. Der Pfarrer, angsterstarrt, sah und hörte im Regen und
Anspannen seiner Arme nichts mehr. Auf dem Turm stand er noch, als die
Glocke plötzlich hochanschwingend aus dem Stuhl flog, auf die Straße
wuchtete und berstend ein Schwein erschlug. Der gleiche Schwung riß ihn zur
Seite, er wehte der Glocke nach, zerknickte kopfaufgestellt. Der Raum
selbst der Kirche begann zu beben, sich zu dehnen, zu weiten, ein Dunst von
Kalk rann an ihren Wänden herunter, im Kirchturm klaffte plötzlich ein
Loch, daraus zwischen fallenden Steinen zwei kupferrote geschwänzte
Gestalten vorstießen im Zickzack. Aus der Luft meckerte es. In dem Tumult
unten fielen sich die Dörfler an; die Nachbarn glaubten sich gefoppt von
den Einheimischen, in rätselhafter Weise flammte bei den Leuten eine dunkle
Wut auf, sich zu zerfleischen und zerkratzen wie unter einem wilden
Juckreiz. Die Glocken der Nachbardörfer dröhnten; von Bergen herunter, die
Bäche entlang wälzten sich schreiende Menschen, gräßlich tieffaltige
Gesichter, dicke pralle Lippen, stöhnende Brüste, von der Arbeit, vom
Essen, vom Schlaf aufbrechend, wo sie standen und lagen. Unten an dem
geborstenen Kirchlein schlugen sich, zerrissen sich die verwirrten, sich
selbst nicht kennenden Männer und Frauen. In den Kessel mußten sie. Wie sie
stockten im Gedränge, schaute einer betrübt und leidend dem andern an den
Hals, griff ihm um die Kehle; es war die Not einer gräßlichen
zähneknirschenden umdampfenden Lust.
* * * * *
Die Bauern warfen ihre Pflüge hin, schickten die Weiber zum Vieh, saßen,
sich die Mäuler schleckend, finster vor ihren Häusern und Ställen. In
manchen Landschaften drängten sie zusammen, trollten über die Fluren,
fanden ein Behagen darin, sich wechselseitig zu sehen und zu befühlen.
Ziellos liefen sie in die Wälder ab, rotteten sich um die
Herrschaftshäuser, zerstoben wieder auf die Felder. Sie standen haufenweise
in einer stummen Gebanntheit, ratlos, mißtrauisch, mit stockenden Säften
vor den kleinen Holzstandbildern an den Wegen, den Kruzifixen. Hier jagte
sie keiner fort. Grimmig beschnüffelten sie das Holz. Verächtlich schrie
einer: »Wir haben keinen Grund, hier stehenzubleiben. Wir ziehen unserer
Wege.«
»Wir bleiben schon hier.«
Sie sahen sich prüfend an, schoben sich zusammen, fühlten wieder die Kraft
der Nachbarmuskeln, schoben sich dichter. Enger kreisten sie das Kruzifix
ein. Die hinten standen, fühlten sich ferngehalten, drängten heftiger, von
ihnen lief der Ruf nach vorn: »Das hat nicht auf unserm Acker zu stehen.«
Und dazu tönte grelles Lachen.
»Christus, Christus!« dumpften die vordern, schon fast die Säule berührend.
»Die Pfaffen haben ihn hingestellt.«
»Sie wissen, warum sie's tun.«
»Zieht die Mützen ab! Daß ihr wißt und nicht vergeßt, was man vor dem zu
tun hat. Der Herr Pfaff hat ihn hingestellt.«
»Das hat nicht auf unserm Feld zu stehen.«
In ihnen allen krampfte der Drang, etwas zu tun; von Muskel sprang es auf
Muskel.
»Werft es um.«
»Die Schandsäule um!«
»Schandsäule.«
Jeder Schrei hatte die Kraft, fünfzig neue nach sich zu ziehen. Wehrlos,
schaudernd wurden die vordersten, fast Anbetenden gegen die Säule geworfen;
mit ihren Gliedern brach die Menge den Holzstock entzwei, zerknisterte ihn.
Dann wußte man, was man wollte; man wogte weiter auf die nächsten
Kruzifixe; es war eine Jagd auf die Säulen des Gekreuzigten.
Aus den zurückliegenden Häuschen auf den gepflügten Berghängen sah man
ihnen vergrollt, vertattert zu, schloß sich in die Stuben ein: »Auch damit
ist es nichts! Sie schaffen's nicht.« Der graue Vikar der Gemeinde,
plötzlich angesteckt, zerknüllte seinen Talar, hatzte zu seiner Herde
herunter, hielt mit stürmischer Brust eine tobende Predigt: es sei
geistliches Werk, was sie täten, er nähme sich ihrer an, man hätte ihnen
Christus gestohlen, einen falschen untergeschoben. Die Menge verschlang
ihn; sie war nur Sturmbock, Stoßbock gegen die Holzsäulen. Aber immer
wieder machte er sich frei, von allen Seiten wuchs das Geschrei, man war
glücklich nachzustammeln: »Man hat uns Christus gestohlen. Das ist nicht
unser Christus. Das ist der Christus der Herren, der Fürsten, der Ritter.
Glaubt mir! Der falsche Christus. Zur Fron steht er hier. Sie haben Burgen
gebaut mit Kartaunen, Wällen, Gräben, Mauern, um uns zu unterjochen. Die
Kirchen sind Burgen. Der Heiland wollte uns befreien davon; sie haben ihn
in die Kirchen geführt, gefesselt, eingeschlossen. Auf den Äckern steht er,
damit wir wissen, daß wir dienen, daß wir Knechte zu bleiben haben. Kommt,
ihr Mühseligen -- hoho, kniet, ihr Mühseligen. In Rom steht er in der
Petersburg ganz aus Gold. Der Satan hat sich des Heilands bemächtigt. Er
hat ihn gestohlen!«
»Wir müssen ihn befreien!«
»Der Papst ist im Bunde!«
»In die Kirchen.«
»Rettet Jesum!«
Von Aussig und Tetschen kamen Männer und Frauen gelaufen, die Scharen
vergrößerten sich; die Masse gereizt, tatdurstig; dabei in der Tiefe
gepeinigt von dem Gefühl, falsch zu laufen, immer wieder stockend, sich
beruhigend. »Wir fordern das Evangelium Jesu, das die Herren uns geraubt
haben.«
»Betrüger! Schelme!«
Und doch lief man nicht wider die Herrschaftshäuser, auf die Edelgüter,
sondern durch die Dörfer gegen die Kirchen. Und unter dem Gefühl des
Irrlaufs wuchs die Wut. Sie schrien, gegen die Haustüren schlagend: »Machet
auf! Gebt Christus heraus! Sein Bild her aus den Häusern. Es ist der
Falsche.« Sie rissen Mistwagen aus den Ställen, spannten Ochsen davor,
stapelten Kruzifixe, Bilder, Gebetbücher darauf. An den Fenstern weinten
die Frauen, die Kinder erschraken vor ihren Vätern, die sie nicht ansahen.
Ein junger einäugiger Bauer aus Aussig, ein ehemaliger Mansfelder, weinte
brünstig, die Arme windend vor dem Stapel: »Besudelt hat man unsern Herrn
Jesum Christ. Du warst nicht unser Schild, denn wir haben dich nicht
gekannt. Es war nicht unsere Schuld, wir haben es nicht gewußt. Es war
nicht unsere Schuld, daß wir deiner so spät gedenk sind. Verzeih uns
Sündern!«
Viele brachen in der Nähe in die Knie nieder. Angstvolles Rufen: »Jesus,
Jesus!« »Verzeih uns!« »Erbarmen!« Die Starken, Grollenden ließen sich
nicht bewältigen: »Wir wollen ihn retten!« Einer drängte sich durch, mit
Schwimmerstößen gelangte er an den umzingelten Ziehbrunnen; als er am
Schwengel zu reißen begann, wich man rechts und links ab. Wie ein Tiger
schleppte er den vollen Eimer an den Wagen. Sie verfolgten aufmerksam seine
Bewegungen. Er goß im Schwung Wasser über die Kruzifixe, schreiend mit
wilder, überschlagender Stimme: »Die zweite Taufe. Es ist geschehen!«
Freudig, mit aufgehobenen Armen betrachtete er das triefende Gehäuf, auch
um ihn hob man dumpf sich hingebend die Arme. »In die Erde!« brüllte der
Täufer, fanatisch sich schüttelnd und erbleichend. Sie schoben, automatisch
gehorchend, den Wagen aus der Gasse; auf dem ersten Wiesenanger hieben sie
mit Piken ein Loch, versenkten die Kruzifixe, auch die schönsten mit den
milden Gesichtern und den weinenden Frauen am Fuß. »Sein Leib in die Erde.
Er selber auferstanden von den Toten, wohnt im Himmel über uns.« In das
Gewimmel, das sich weiterschob: »Nachdem uns alles so gut gelungen ist,
wollen wir zu Prag dem Statthalter sagen, was wir getan haben und was wir
denken?« Mit grimmig fletschenden Zähnen der berserkerhafte Täufer: »Wollen
wir nach Wien zum Kaiser und ihm sagen, daß wir die Herren nicht mehr
wollen und keine Gewalt wollen und nur Jesum Christum und den Römischen
Kaiser über uns anerkennen. Wir verlangen Verantwortung für die Schändung
unsers lieben Heilands, man soll uns Jesum wieder ausliefern. Und Buße
zahlen.« »Buße!« »Buße!«