Heinz erlebt eine bittere Nacht und will kein Held mehr sein

Als Heinz wieder in seinen Schützengraben eintraf, war er bestürzt,

gerührt, beglückt, von frommen Schauern durchdrungen, und die Kameraden

fanden ihn verändert. Bestürzt war er über dem Erlebnis von soviel

Schönheit, Leidenschaft und Liebe, gerührt von der Reinheit und Güte

eines hingebenden Menschen, beglückt von der Helligkeit seiner Sinne.

Die ersten Tage ging er still und in sich gekehrt seinen Pflichten

nach, ließ die Kameraden spotten und dachte nur an den Schatz, den

er in der Heimat gefunden hatte. Sein Blut war noch voll von ihrem

Feuer. In seinem Ohr wohnte ihre Stimme und flüsterte unbeschreiblich

köstlich, wie sie's eine Nacht lang getan hatte; sie verstummte auch im

schwersten Geschützlärm nicht. Jeden Augenblick fühlte und roch er sie,

und den Geschmack ihrer Küsse trug er ständig auf den Lippen. Man sah

ihn oft abwesend lächeln und sich an irgendeinem zufälligen Gegenstand

festgucken. Er vertrug weniger gleichmütig den Anblick von Gefallenen

und Verstümmelten. Sein Gewehr mit dem Zielfernrohr rührte er nicht

an. Seine Untergebenen behandelte er freundlich, und wenn sie älter

waren, achtungsvoll; früher war er für einen etwas groben Ton bekannt

gewesen, und die Mannschaft hatte über unnötige »Stripsereien« geklagt.

Gefährliche Patrouillen führte er gewissenhaft und zweckmäßig aus, aber

mit möglichster Schonung seiner Leute und sogar des feindlichen Lebens;

eine gute Gelegenheit, mehreren Engländern das Licht auszublasen,

wies er ab mit der Bemerkung, daß es genug an den Menschen sei, die

man im Gefecht blindlings töten müsse; der Krieg sei kein Sport. Bald

war es ausgemacht, daß er verliebt sei, und zwar gründlich. Er sollte

erzählen, aber wer noch träumt, der erzählt nicht.

Als er dann doch endlich zu berichten anfing, träumte er nicht mehr.

Das war in der zweiten Woche nach einem abgeschlagenen und glücklich

überstandenen englischen Sturmangriff, der ihm etwas ins Gemüt

gegangen war. In den halbzerschossenen Drahtverhauen hingen noch die

frischen Leichen. Verwundete suchten sich umsonst aus dem Stacheldraht

herauszuwinden; jammernd sahen sie um Hilfe her, aber niemand sprang

ihnen bei; man erwartete einen neuen Angriff. Eben begannen die

Geschosse ihrer eigenen Landsleute wieder neben, hinter und vor

ihnen einzuschlagen. In den Schützengräben wurden neue Handgranaten

ausgeteilt, und man brachte frische Munition für die eingebauten

Maschinengewehre. Ab und zu, in unregelmäßigen Abständen, schrie

hier einer getroffen auf, oder trug man einen Verwundeten durch den

Verbindungsgraben nach dem Verbandsplatz ab. Heinz war weich und nahe

am Weinen. Die Sehnsucht machte ihn gefühlvoll, und er fühlte sich

von Todesahnungen beunruhigt. Damit aber Linde nicht ohne Nachricht

bliebe, wenn ihm etwas widerführe, zog er einen Freund ins Vertrauen;

in Wirklichkeit war eben sein Geheimnis mitteilungsreif und sehnte sich

seine gesunde, unternehmende Natur danach, sich zu erleichtern, um

weiterleben zu können.

Zuerst erklärte er nur in knappen, ernsten Worten, daß er ein edles

Mädchen liebe, und gab dem Offizier ihren Namen und ihre Adresse.

Später, als auch der folgende Sturmangriff gut überstanden und ihm

schon etwas leichter war, ihn auch die Toten in den Drähten nicht

mehr so dauerten, erzählte er ein bißchen mehr. Mittlerweile gewöhnte

er sich wieder an Schußverletzungen und Verstümmelungen, und in dem

Maß, wie er die Achtung vor seinen ältern Untergebenen verlor und die

Freundlichkeit gegen die jüngern, verfiel er wieder in seinen groben

Ton. Beim erstenmal schämte er sich, beim zweitenmal zuckte er die

Achseln, und bald war wieder alles wie früher, auch die Stripserei fing

wieder an. Bei der nächsten Patrouille verlor er zwei Mann, obwohl

er sie hätte erhalten können; dafür »versaute« er auch vier oder fünf

Engländern das Leben, wie er sich auszudrücken pflegte. Es ist nötig,

hier zu bemerken, daß er ganz und gar kein schlechter Mensch war; er

war nur etwas gedankenlos und besaß die Fähigkeit, sich zu rasch an

Mißstände zu gewöhnen, weil ihm noch der Lebensstolz fehlte, der sich

erst nach einer Reihe von schwereren Erfahrungen einstellt. Darum war

er auch in seiner Eitelkeit noch ganz unangefochten, und sie verleitete

ihn zu den meisten Roheiten, die er beging, weil er gern für einen

Teufelskerl galt. Nach Ablauf der dritten Woche griff er eines Tages

wie in Gedanken nach seinem Gewehr, ließ es von seinem Burschen putzen

und noch einmal wegstellen; aber am andern Morgen stand er wieder wie

früher auf der Lauer hinter seinem Zielfernrohr, und diesen Tag trug er

zwei Kopfschüsse in sein Notizbuch ein.

Allmählich begann er mit der eleganten Großstädterin zu prahlen, die

ihm nachgestellt hatte, und bald gab es nicht mehr viel Geheimnisse,

die seine Freunde nicht auch wußten. In der Folge machte es ihm

zu schaffen, daß sich die meisten mehr für die ausgewachsene Frau

interessierten als für das scheue Mädchen, und daß sich alle etwas

an ihren seidenen Strümpfen und Spitzen entzündeten. Ein junger

Oberleutnant sagte ihm gerade heraus, daß er ein Schöps sei, und

diese Meinung blieb unwidersprochen, wenn man sie auch nicht als eine

besondere Lebensweisheit betrachtete; schließlich legten sie alle der

Sache viel weniger Wichtigkeit bei als Heinz selber, und hätten die

meisten in seinem Fall auch selbstverständlich seine Wahl getroffen,

aber er argwöhnte anders. Die ersten vierzehn Tage schrieb er an

Linde täglich; reichte die Zeit nicht zu einem Brief, so schickte er

ihr doch eine Karte: »Bin wohl und denke an Dich!« Dann fanden sich

Tage, an denen er zwar auch wohl, aber sich nicht gedrungen fühlte, es

ihr mitzuteilen, obwohl er immer noch an sie dachte. Eine Zeitlang

hielt er den zweitägigen Verkehr aufrecht, darauf schrieb er zweimal

in der Woche, schließlich wöchentlich einmal, was mit den Tag und

Nacht anhaltenden Stürmen der Engländer glaubhaft zu erklären war. Im

weiteren kamen Tage des Wegs, an denen er sich weniger wohl fühlte und

immer noch an Linde dachte, aber nicht mehr an sie allein, endlich

solche, an denen ihn nichts mehr an Linde erinnerte, dagegen manches an

die schlanke, elegante norddeutsche Frau Malva Klinger mit den Spitzen

und seidenen Strümpfen und den Errungenschaften der großen Welt, von

denen er für diesmal sowenig profitiert hatte.

Die ersten Wochen hindurch beunruhigte er sich darüber, daß bei seiner

Rückkehr um vier Uhr morgens in seinem Schlafzimmer das Licht gebrannt

hatte, und über die andern seltsamen Umstände, die sich am Morgen

seiner Abreise nacheinander zutrugen. Man fand nicht nur die Tante

in ihrem Zimmer bewußtlos vor, sondern auch Brigitt wurde beinahe

stehenden Fußes von einer Krankheit überfallen; sie machte in der

Folge einen ziemlich schweren Anfall von Gelenkrheumatismus durch.

Über die Krankheit der Tante erfuhr man lange nichts Näheres. Lindes

Mitteilungen darüber lauteten etwas dunkel, besonders über den großen

Verbrauch von Verbandstoffen, die fremde Pflegerin und die strenge

Verschwiegenheit der Patientin. War ihm damals die Enthebung von der

Abschiedszeremonie eine Erleichterung gewesen, so fing ihn später

die ganze Sache an zu beunruhigen, weil er sie mit dem brennenden

Licht in Zusammenhang brachte. Dann mischte sich etwas unaufrichtiges

Mitleid zwischen seine Betrachtungen über die bittere Enttäuschung,

die eine »immerhin liebende Frau« durch ihn erlebt hatte, und dem

Mitleid folgte eine ziehende oder leise nagende Art von Reue, die ihn

in sehr gegensätzliche Unternehmungen hineinbegleitete, zum Beispiel

in die Abfassung seiner Feldberichte an Linde. Sie führte dazu, daß

er in Briefwechsel mit der Kranken trat und nachher mit der Gesunden

darin blieb; den Anstoß dazu gab freilich Linde, die in ihrem echten,

heiligen Mitgefühl wünschte, daß Heinz ihr ein paar gute Worte

schreibe. Sie war es auch, die zuerst den Gedanken andeutete, daß bei

der Tante vielleicht ein Selbstmordversuch vorliege, aus Gründen,

die sie ihm nicht weitläufiger auszuführen brauchte, und sie selber

machte so bei ihm die Bahn wieder frei in ein Gehege, dem sie ihn

für immer hatte entreißen wollen, in ihrer Großmut auch entrissen

glaubte, in das zurückzukehren ihm aber nicht so schwer fiel, wie

sie voraussetzte; eine weniger herzliche Zurede hätte dafür auch

genügt. Die Klingse antwortete sofort auf seinen ersten Brief, und so

entwickelte sich schließlich ein Nebenverkehr, der Linde auf die Dauer

nicht ganz gleichgültig bleiben konnte, wie Heinz in gewissen klareren

Augenblicken sich richtig sagte, aber nun waren die Dinge einmal wieder

ins Treiben gekommen, so mochten sie treiben. Schließlich, solange er

im Feld blieb, konnte ja nichts passieren, und nachher, redete er sich

vor, würde es sich hier wie überall finden, daß eben die stärkere Macht

siegte; mit dieser würde er dann marschieren. Eine solche Abfindung mit

den Dingen nannte er »moralische Notwendigkeit«, und er fühlte sich

ganz ordentlich darin geborgen. Inzwischen verlangte es der männliche

Anstand, daß er einer Frau, die für ihn einen Selbstmordversuch

begangen hatte, nicht anders als ehrerbietig und zartfühlend

gegenübertrat. Das tat er denn in einem Briefwechsel, der seinen

Nachrichtenaustausch mit Linde nicht an Häufigkeit, aber doch nach und

nach an Gehalt übertraf, und zwar nach Umfang wie nach Gefühlsart.

Schwere und herzliche Sorgen hatte ihm von Anfang die Betrachtung

gemacht, seine Geliebte mit der Feindin im gleichen Haus zu wissen,

ohne durch seine persönliche Gegenwart sie vor vergifteten oder

verletzenden Bemerkungen und vor schlechter Behandlung schützen zu

können. Diese Wirkung hätte zwar selbst seine leidenschaftlichste

Anwesenheit nie gehabt, aber die Selbstüberschätzung entsprach

zunächst noch seinem innigen und ergriffenen Gefühl für die Geliebte.

Vorerst äußerte sich dieses in Ratschlägen über das rechte, stolze und

unnahbare Betragen gegen die Klingse, indessen lag diese krank und

gab dazu keinen Anlaß. Außerdem erwartete Heinz wie jedermann, daß

sie bald nach ihrer Wiederherstellung die Koffer packen und ein Haus

räumen würde, worin sie soviel peinliche Erfahrungen gemacht hatte. Als

jedoch ihre Entschlossenheit sichtbar wurde, den Platz noch länger zu

behaupten, besaß Heinz bereits nicht mehr die ursprünglichen Gründe,

das Verhältnis seiner Geliebten zu der enttäuschten und beleidigten

Frau zu bedenken, sondern andere; jenes schmerzliche Zusammenleben

machte ihn nun weniger traurig und besorgt, als verlegen, und es wurde

ihm um so peinlicher, je weniger er sich auf sein gutes Gewissen

verlassen und die ganze Sache der Gerechtigkeit Gottes anheimstellen

konnte. Schließlich, als die daraus fließenden Erwägungen die rechte

Temperatur hatten, bekam Linde in einer Woche zwei Briefe; im zweiten

machte ihr Heinz den Vorschlag, doch zeitenweise eine Gesellschaft zu

verlassen, von der ihr sowenig Freude werde, und die weder ihrer noch

seiner Selbstachtung dienlich sei. Sehe es immer noch nicht aus, als

ob »Tante Malva« -- er nannte sie bereits nicht mehr die Klingse --

bald reisen werde, so müsse man eben seinerseits sehen, dem Verhältnis

eine Wendung zu geben. Er sei sehr besorgt um ihre, Lindes, Gesundheit

und Lebenslust und könne das als ihr bester Freund nicht mehr länger

mit ansehen. Es gebe genug Verwandte, die sie mit Freuden aufnehmen

würden. Vielleicht würde es überhaupt nichts schaden, wenn sie eine

Strecke, etwa ein halbes Jahr, in einer großen Stadt lebe; man müsse

heute alles kennen. Über die Gründe der Tante zu ihrem hartnäckigen

Verhalten wisse er nichts, aber vielleicht verlören sie sich, wenn ihr

die »Reibungsfläche« entzogen werde, und im Frühjahr sei dann das Haus

wieder für Linde frei.

In dem letzten Satz verbarg sich eine bescheidene Lüge wie der Hase im

Kohlfeld, denn schon durch die naive Schlußerwartung bewies Heinz, daß

er über die Gründe zum »hartnäckigen Verhalten« der Klingse eine ganz

deutliche Ahnung besaß; sie wollte, so überlegte er, Linde körperlich

von dem Kampfplatz vertreiben, auf dem sie menschlich so schmerzhaft

unterlegen war, um wenigstens eine »taktische Genugtuung« zu genießen.

Dann, meinte er freilich weiter, werde ihr auch am längern Beharren

in dem kleinen Städtchen, das sie ja verachtete, nichts mehr liegen,

zumal sie die wieder angeknüpften Fäden mit ihm von einem andern Platz

aus ebenso bequem oder bequemer weiterspinnen könne. Aber just aus

ähnlichen Betrachtungen zog das Mädchen die Gründe, seine Vorschläge

abzulehnen, deren Fadenscheinigkeit Linde in ihrem geradsinnigen

Vertrauen nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte, wie denn auch

von der Möglichkeit, daß Heinz die Beziehungen zu dieser Frau in

irgendeinem doppelsinnigen oder gar verräterischen Licht erwägen

könnte, nichts in ihrem frommen Mädchenkopf war. Ihre Antwort hatte

folgenden Wortlaut:

»Liebster Mann, habe Dank für alle Nachrichten über Dich und Deine

Welt. Ihr steht vieles aus, und wir leiden sehr tief mit. Du sagst,

daß Ihr für uns sterbt, so bleibt uns nichts übrig, als für Euch zu

leben. Indem wir's tun, ist es unser Gebet, daß Ihr einen Trost und

eine Zuversicht darin findet. Ach, was sind wir ohne Euch, aber Ihr

seht die Heimat in uns, und so sind wir alles durch Euch. Vor allen

Dingen sollt Ihr uns nicht jammern hören. Wir lachen nicht viel, aber

wir weinen auch nicht viel. Wir kommen Tag und Nacht nicht von einem

gewissen Stolz weg, der uns, ich möchte sagen, kühn und traurig macht.

Doch gibt es auch Stunden, die uns fröhlich finden; ich weiß nicht, ob

wir Euch dann besonders lieben, aber jedenfalls sind wir dann in einer

ganz besonderen Weise für Euch da. Verstehst Du das?

Leider seid Ihr fern, aber wenn Ihr da wäret, so wäre auch dies alles

anders.

Dein Vorschlag ist lieb, und ich danke Dir für Deine Fürsorge, aber

ich kann in diesem Fall nichts damit machen. Ich müßte nur sagen, der

Onkel braucht mich, so wäre alles übrige schon abgeschnitten. Oder ich

könnte noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß ich nicht aus

einer Schule laufen will, auch wenn sie mir nicht gefällt; ich weiß ja

nicht, ob ich dem Lehrer besonders gefalle. Aber ich will ganz ehrlich

sein und Dir den wahren Grund schreiben. Siehst Du, hier hängt alles

mit Dir und unserm Glück zusammen. Die Bäume und Büsche erzählen: Als

er da war, trugen wir noch Laub. Das ist schon etwas. Die Vögel rufen

manchmal ganz plötzlich: Wir haben ihn auch gesehen. Oder Bob kommt,

stößt die schwarze Nase an mein Knie und sieht mich ernsthaft an,

bis ich ihm einen Blick zuwende; dann bewegt er schnell den kurzen

Schwanz, und das heißt: ›Wann kommt der Offizier wieder?‹ Ich habe mir

im Pflaster ganz bestimmte Steine gemerkt, über die Du gegangen bist.

Die Türme haben wir miteinander betrachtet und untersucht; das eine

Eulennest ist noch da, und die Eule sitzt auch noch drin. Nun sage, ob

ich von hier weg soll. Eine Wirklichkeit ist immer eine Wirklichkeit.

Nachher würde es nicht halb wirklich, sondern ganz unwirklich sein.

Also rede mir nicht mehr davon, wenn Du mich liebhast.«

Von der Klingse stand kein Wort im Brief; seitdem sie wiederhergestellt

war, erwähnte Linde sie nicht mehr. Darum war sie über den ganz

unvermittelten Vorschlag ihres Geliebten eigentlich ein bißchen

betroffen gewesen, denn woher sollte er außer durch sie von der stillen

Feindschaft wissen? Inzwischen schrieb sie es ihm als Feingefühl zugut.

Der Stern oder Geist seines Schicksals dachte: »Vielleicht fehlt ihm

nur ein ganz schweres Geschehnis, so klingt sein etwas ausgeklungenes

Herz wieder mit den Sphären! Man müßte es erzittern machen!« Nun

fehlte es ihm ja nicht an schweren Erfahrungen; jeder neue Sturmangriff

der Engländer war eine, und wenn ihm ein Geschoß einen Kameraden

wegriß, so war es auch eine. Aber einem gewöhnlichen Menschen wird

alles rasch gewöhnlich; es braucht ein ungewöhnliches Herz, um auch im

Gewohntesten immer das Ungewöhnliche zu fühlen. Ein Ungewöhnliches im

äußern Geschehen betraf ihn in einer Nacht.

Die Engländer legten in der letzten Zeit ihre Sturmläufe auf die späten

Abend- und Mitternachtstunden, nachdem sie bis zur Dämmerung furchtbar

mit schweren Geschossen gearbeitet hatten in der Erwartung, die Erde

und die armen Seelen bis auf den Grund aufzuwühlen. Das geschah auch,

jedoch aus den armen Seelen wühlten sie immer neuen Heldenmut heraus.

Wie nun aber auch die deutschen Gewehre stürmten und die Spechte des

Todes, die Maschinengewehre, hämmerten, so drangen doch immer eine

Anzahl überlebende Feinde durch die zerfetzten Drahtverhaue, wenn

auch selber zerfetzt, kampfwütend vor und erschienen im Nachtlicht

riesengroß über den Rändern der Schützengräben. Diejenigen Verteidiger,

die nicht schon vorwärts herausgesprungen waren, um sich ihnen auf dem

freien Feld entgegenzuwerfen, empfingen sie drunten, und nach dem wild

lärmenden Vorspiel hob dann stets eine stumme, grausame Todesarbeit von

Mann zu Mann an, wobei ab und zu ein zwischen den Zähnen geknirschter

Fluch und selten ein Revolverschuß erklang. Gerade dieser Abschnitt

der langen Grabenreihe war durch seine ungewöhnlich wilde Verteidigung

bekannt. Die Engländer schickten immer neue und immer ausgewähltere

Truppen dagegen vor, aber immer seltener sah man etwas davon wieder,

und auch wenige Angekommenen überlebten einen solchen Gang außer mit

entsetzlichen Wunden in deutschen Lazaretten.

Es war schon tief im Winter, daß man nach einem vulkanischen

Tagesbombardement stumm und verbissen den gewohnten geisterhaften

Dämmersturmlauf der englischen Infanterie erwartete. In Eile hatte

man sich aus den Verwüstungen ausgegraben, einigen Schutt zur

Verteidigung vor sich aufgeworfen, sich mit Handgranaten versehen

und die blanken Messer griffbereit in die Stiefelschäfte oder unter

den Gürtel gesteckt. Gesprochen wurde nicht viel. Im Laufschritt

kamen aus der Reservestellung noch Mannschaften mit frischen

Maschinengewehren für die zerschossenen oder ganz verschütteten an, die

sie hastig aufstellten und einrichteten. Das war schon ein vollkommen

gespenstischer Vorgang. Wer an seinem Platz nicht mehr genug Tiefe zum

Stehen hatte, der kniete oder lag auf der frisch aufgeworfenen Erde.

Heinz stand mit einem Infanteriegewehr neben dem Grabengeschütz seiner

Abteilung, das halb umgestürzt zwischen den Trümmern seines Aufbaues

lag. Wie jeder Mann hatte auch er sich eine Anzahl Handgranaten

bereitgelegt. Wer ihm im jetzigen Zustand unvermutet begegnet wäre,

der hätte ihn nicht wiedererkannt. Da er im Lauf des Tages zweimal aus

Verschüttungen hatte ausgegraben werden müssen, war er über und über

mit Lehm bedeckt. Aus dieser elementaren Farbe blickte sein junges

Gesicht bleich und etwas hohl in das letzte fahle Verglimmen des

Tages hinter den englischen Grabenlinien, und da er fest die Lippen

aufeinanderpreßte, so gewannen seine Züge einen bittern und leidenden

Ausdruck, der ihn um Jahre älter und reifer erscheinen ließ, als er

wirklich war. In seinem Geist lebte nicht die geringste Bewegung; er

wartete schweigend und entschlossen auf die Engländer, und wenn er

etwas dachte, so war es nichts als die Beobachtung: »Sie brauchen heute

länger als sonst.« Dieselbe Beobachtung machte jeder im Graben, aber

keiner sprach sie aus; es herrschte ein vollkommenes Schweigen. Hinter

den englischen Schützengräben zog wie den ganzen Tag das feuchte,

graue Gewölk herauf, doch ohne zu regnen; jetzt schien es sich zu

beschweren und wurde dunkler, weil sich die Dämmerung auch dort an

die Körper hing. Plötzlich wie aus dem Boden gewachsen oder aus dem

Gewölk vorgetreten waren sie wieder da. Sie schrien nicht Hurra und

hielten sich mit keinen Heldenhaftigkeiten auf, sondern liefen um ihr

Leben, um möglichst schnell durch die Schieß- und Wurfzone hindurch dem

Feind an den Leib zu kommen. Es war ein leiser, gehetzter Vorgang voll

Schaurigkeit und Todesahnung. Aber auch das war nur ein Augenblick,

denn schon schrien die Gewehre auf, rasselte das Maschinenfeuer aus

hundert Läufen ihnen entgegen und krachten die wenigen übriggebliebenen

Grabengeschütze. Bereits sah man Feinde wie unselige Schatten vor dem

fahlen Himmel zu Dutzenden hinsinken, andere schwankend noch einige

Schritte vorstürzen und ebenfalls im Dunkel verschwinden, das auf

der Erde lag. Doch unaufhaltsam hastete die schwer gelichtete Linie

vorwärts und betrat im nächsten Moment die doppelt mit Sterblichkeit

geladene Region der Drahtverhaue und der Handgranaten. War vorhin der

Tod unsichtbar in der Luft gewesen, so sprang er jetzt körperlicher von

der Erde auf.

Heinz warf wie eine Maschine, ganz ohne Erregung, beinahe bewußtlos.

Leiber brachen zerfetzt mit nun sichtbarer Schwere frisch blutend hin

zu andern, die längst ausgeblutet hatten und vergeblich von immer

neuen Eisenwirbeln erfaßt, immer neu zerrissen auf die endliche Ruhe

warteten. Aber auch durch den vorgeschleuderten Riegel von Rauch und

Feuer brachen noch kampffähige Körper vor, nicht mehr viele und auf

dem Grabenrand hundertfach von Revolverkugeln und Bajonettstichen

empfangen, jedoch einige Dutzend kamen dennoch ihrerseits zum Wurf

und dann auch an ihren Mann; damit fuhren überall die Messer heraus.

Indessen folgte der ersten Sturmlinie beinahe auf dem Fuß eine zweite.

Wer mit seinem Mann zusammenhing, sah, wie er mit ihm fertig wurde;

kaum fand man Zeit, den einen oder andern durch einen gut geführten

Stich von seinem Feind zu befreien, als man wieder ans Gewehr mußte.

Inzwischen waren es soundso viel Schützen weniger, und der zweite Sturm

brachte ebensoviel Feinde mehr zum Nahkampf. Da ihm der dritte und

diesem dichtauf der vierte folgte, so füllte sich der Graben allmählich

mit Engländern, toten und lebendigen, aber die lebendigen nahmen immer

mehr zu als die toten, während sich bei den Verteidigern das Verhältnis

umkehrte. Übrigens kamen die Engländer in Gasmasken und glichen mehr

traumhaften und bösartigen Teufeln als Menschen.

Heinz hatte seinen Posten mit Bedacht gewählt, weil vor ihm der

Drahtverhau beinahe vollständig weggeräumt war und ein ganz freies

Einbruchstor offen ließ. Es wurde auch von den suchend und eilig hin

und her huschenden Gestalten gefunden und mit Leidenschaft benutzt,

daher stand er bald erwarteterweise im Mittelpunkt der Nahkämpfe. Die

ersten Eindringenden erledigte er durch gezielte Revolverschüsse;

was übrigblieb, das stachen Infanteristen mit den Bajonetten nieder.

Indessen taten die englischen Handgranaten ihre Wirkung, und

allmählich vereinsamte Heinz auf seinem Posten. Als er den Revolver

leer geschossen und keine Zeit hatte, ihn frisch zu füllen, warf er

ihn weg und griff zu seinem Seitengewehr. Den ersten Engländer, einen

jungen Offizier, der zu ihm in den Graben sprang, bekam er mit einem

raschen Griff an der Brust zu fassen; ehe es ihm noch gelang, Stand zu

nehmen, brach ihn Heinz schon rückwärts über das Grabengeschütz, wo

er seinen letzten Seufzer tat. Dem nächsten, der sich wie ein Tiger

auf ihn stürzte, wich er aus, so daß er zunächst in die Knie brach;

bevor er sich wieder erheben konnte, empfing er seinen Todesstoß, der

ihn vollends hinstreckte. Obwohl nun die Handgranaten schon rings um

ihn krepierten, blieb er doch wunderbarerweise heil. Zwischen zwei

Angriffen fand er noch rasch Zeit, auch seinerseits die Gasmaske

vorzubinden, denn die englischen Handgranaten erfüllten den Graben nach

und nach mit einem schweren, beizenden Qualm. Er wußte nicht mehr, was

die andern taten, blickte sich auch nicht nach ihnen um. Einmal kam

irgendein Infanterist hergelaufen, um ihm zu helfen; eine Handgranate

krachte, und er sank weg, als ob er nie dagewesen wäre. Einen Stürmer

erledigte Heinz, als er seine Handgranaten aufgebraucht hatte, durch

einen Steinwurf vor die Brust, bevor er an den Rand des Grabens kam.

Den Dienst des fehlenden Drahtverhaus begannen nun die gefallenen

Körper der Engländer zu leisten, die sich dunkel gegen den Horizont

häuften.

Aber es schien, daß die englische Heeresleitung die vielverwünschte

deutsche Bastion heute nacht um jeden Preis endlich in ihre Hand

bekommen wollte. Den Londonern folgten Schotten, diesen Kanadier, ihnen

Inder; darauf kamen Australier und wieder Inder, von den grausamen,

viehischen Bergstämmen, deren Ausdünstung schon so widerlich ist.

Heinz tat, was er konnte, schlug und stach an seinem Ort noch ein

Erkleckliches um sich, alles in voller Zweckmäßigkeit, aber schon ganz

mechanisch, stieß einem Inder das Seitengewehr durch den aufgerissenen,

schreienden Mund in den Hals, schlug einen andern mit dem Schädel auf

das Geschützrohr, bis ihn die Kräfte verließen; inzwischen fühlte er

freilich ebenso die seinen abnehmen, und sah er mit fatalistischer

Gelassenheit den Moment voraus, der auch für ihn der letzte sein würde.

Doch fand ihn der übernächste Brust an Brust mit einem kanadischen

Unteroffizier am Boden liegen und um sein Leben ringen, während der

fortgesetzte Sturm der englischen Massen nun schon ganz ungehemmt über

ihn weg und tiefer in die deutschen Stellungen hineinfuhr. Weil droben

nur jeder vorwärts wollte, blieb Heinz im Graben mit dem Unteroffizier

und dieser mit ihm allein. Er lag, wie ihn der Anprall des großen

Menschen hingeworfen hatte, auf dem Rücken im Grabenschlamm, mit der

linken Hand den Messerstoß des Kanadiers aufhaltend, und von diesem

gleicherweise selber am Zustoßen gehindert. Mit einer gefährlichen

Aufmerksamkeit, jeder des andern Blick bewachend, strebte zunächst

jeder angestrengt nach der ersten freien Bewegung, die dem andern das

Leben kosten mußte. Ein nur halb parierter Stoß des Kanadiers hatte

Heinz die Gasmaske weggerissen, zu seiner Befriedigung, da er ihm Blick

und Atem befreite. Bald wußte jeder, daß er es mit einem vollgültigen

Gegner zu tun habe, und dachte jeder auf eine überraschende Wendung, um

den andern zu verwirren und in der nämlichen Sekunde abzutun, zugleich

aber seinerseits mit größter Anspannung der Geistesgegenwart auf

ähnliche Unternehmungen des andern gefaßt.

Das stumme Todesspiel dauerte bereits nach Minuten, und eben überlegte

Heinz, daß, wenn er plötzlich die Stoßhand des andern fahren ließe

und blitzschnell dessen Kopf an sich risse, er vielleicht durch die

Überraschung seine eigene Hand befreien könnte, um jenem im gleichen

Moment die Schlußrechnung zu machen -- als ihm ein unbewachtes leichtes

seitliches Abirren im Blick des Kanadiers auffiel, dem er ebenso

unwillkürlich folgte, ohne freilich etwas anderes zu bemerken als die

Toten und Sterbenden, die um ihn herumlagen; in demselben Bruchteil

einer Zehntelsekunde war er schon wieder mit ganzer Spannung über

seiner Todesrechnung für den Feind. Nebenher fiel ihm ein gewisses

Nachlassen der körperlichen Anstrengung beim Gegner auf, das er

sogleich unbedenklich in die Kalkulation mit einsetzte. Wenn er, so

dachte er, nun den Kopf des Kanadiers rasch niederriß, während dessen

rechte Hand in der Luft frei wurde und die linke zunächst fortfuhr,

Heinzens Stoßhand an der Erde festzuhalten, so mußte er notwendig

im ersten Augenblick nach seiner rechten und also Heinzens linker

Seite fallen; raffte nun Heinz alle Kräfte in einen Moment zusammen,

so konnte es ihm gelingen, sich mit dem Kanadier schnell nach links

hinüberzuwerfen, und als beinahe sicher durfte er erwarten, daß der

Unteroffizier über der doppelten Überraschung weder sofort daran

dachte, mit dem nun freien Messer zuzustoßen, noch sich augenblicklich

an das drohende Seitengewehr des Deutschen erinnerte, sondern nach

aller Wahrscheinlichkeit würde er ganz instinktiv der Umwälzung

begegnen wollen. In der Zeit würde aber Heinz schon zustoßen.

Nun war er seiner Sache so gewiß, daß er einem neuerlichen Abirren im

Blick des andern nach derselben Seite überhaupt nicht folgte, sondern

sich in aller Tiefe auf den Augenblick zu sammeln begann, in dem er

seinen Plan ausführen wollte. Dunkel ging es ihm noch durch den Kopf,

daß er in seiner nächsten Nähe einen scheinbar schwerverwundeten Inder

bemerkt hatte, der sich, immer noch den Dolch in der ausgestreckten

Hand, wohl sterbend noch einmal regte; gleich erinnerte er sich

auch, daß es der Mensch war, dem er das Seitengewehr in den Schlund

gestoßen hatte. Er wollte eigentlich noch einmal hinsehen, aber eine

wiederholte, sehr merkliche Schwächeäußerung des Kanadiers, oder was

Heinz dafür hielt, bestimmte ihn, sofort die Tat auszuführen. Eben

spannte er seine Nerven und Sehnen zur höchsten Leistung, als plötzlich

neben ihm eine dunkle Hand mit einem indischen Messer in die Höhe

flog, um niederfahrend mit einem fühlbar harten Stoß seine Brust zu

treffen. Der halb aufgerichtete indische Soldat hatte freilich mit

dieser Unternehmung alles gegeben, was er vermochte; er brach neben

Heinz röchelnd zusammen, indem er aus seinen weit geöffneten Augen, die

vieles Weiß zeigten, voll befriedigten Hasses ihn aus nächster Nähe

anstarrte. Zugleich spürte Heinz, wie eine freudige Bewegung durch die

Glieder des Unteroffiziers ging; ebenso rasch wurde er sich klar, daß

der Stoß an seiner gefüllten Brieftasche sich gebrochen hatte, und

bevor der völlig überrumpelte Kanadier irgendeinen Vorteil ausnützen

konnte, fühlte er durch den Deutschen mit einem harten Ruck seinen

Kopf herabgerissen, seinen ganzen Körper gewaltig herumgeworfen, und

seufzend empfing er das deutsche Eisen seitlich in die Lunge.

Ohne ihm noch einen Blick zuzuwenden, erhob sich Heinz. Aber er merkte

sofort, daß er für die nächsten Stunden nicht zu brauchen war. Vor

seinen Augen hing es wie Trauerflor. Seine Knie wankten unter ihm, und

von seinem Herzen ging ein Zittern aus, das sich dem ganzen Körper

mitteilte. Nachdem er sich einige Schritte hingeschleppt hatte, ohne zu

wissen, wohin, setzte er sich auf die umgestürzte Schützengrabenkanone,

und dort fanden ihn die zurückkehrenden Deutschen, als sie die

Engländer vor sich hintreibend die Bastion wiedernahmen. Zwei Tage

sprach er nicht. Am dritten begann er wieder, aber mit einem tief

veränderten Ton. Unterdessen kam sein Regiment in die Reservestellung,

um wieder aufgefüllt zu werden. Das indische Messer hatte etwa acht

Briefe durchstoßen, sechs von der Klingse und nur zwei von Linde, und

noch in seine Brust eine etwa zolltiefe Wunde geschlagen. Dazu kam, daß

die Briefe der Klingse schöngeistig und wenigstens achtseitig waren,

die Lindes einfach liebend und nur vierseitig, machte im ganzen dreißig

Blätter von der Tante und nur vier von der Geliebten. Es war also nicht

schwer zu sagen, wer ihm das Leben gerettet habe. Am Abend des vierten

Tages schrieb er zwei Briefe, einen an Linde und einen an die Klingse.

Der an Linde lautete:

»Liebes Mariechen, wir sind abgelöst nach einer verdammt dreckigen

Nacht, in der nicht viele von uns übrigblieben. Aber was hilft das

üble Leben? Jetzt liegen wir in Reserve und sollen erst wieder

aufgepumpt werden. Bis dahin fahre ich jeden Tag nach Lille hinein und

genieße meine Jugend. Das Messer eines Shiks fing meine Brieftasche

auf; zwei Bogen von Dir sind auch daran beteiligt. Daß Ihr überhaupt

noch von Seele, Nation und dergleichen zu reden wagt. Wartet, bis

wir wiederkommen. Sonst habt Ihr nichts zu tun. Und dann seht, was

wir mit Euch machen. So steht das. Mein Zielfernrohr ist in Scherben

geschossen. Mag's der Teufel haben. Ein neues wird nicht angeschafft.

Für mich ist die Heldenlaufbahn vorbei. Von jetzt an wird die Pflicht

getan. Fasse das aber nicht in Deinem übersittlichen Sinn auf; das wäre

ein Irrtum. Ich habe es einfach satt, mit dem Tod zu spielen. Das

Leben hat dafür zuviel Reize. Laß Dir's gut gehen. Herzlich Dein Heinz.«

Linde schrieb ihm zurück:

»Liebster Heinz! Ich habe eine Kerze gestiftet zum Dank dafür, daß Du

heil aus der Gefahr gekommen bist. Oder vielleicht nicht einmal so

rein aus Dank als aus Freude darüber, und in der Freude tut man gern

etwas, das hübsch ist und wohl lautet. Wenn mir jemand sagte, ich wäre

unfromm, so würde es mich sehr treffen, aber ich fürchte, daß sich

jemand finden wird, und daß ich ihm nichts werde erwidern können. Der

Onkel sieht mich manchmal verwundert an, und auch der Brigitt gebe ich

zu denken; ich sehe es wohl. Aber ich kann's nicht ändern. Und, lieber

Heinz, ich bitte Dich herzlich, werde wieder ein Held, auch wenn ich je

länger, je weniger eine Heldin bin. Es steht Dir so wohl, daß wir alle

um Dich Angst haben; Gott verzeihe mir die Lästerung. Wie soll ich mich

erklären? Das Herz läßt sich nicht gern etwas nehmen. Du denkst daran,

daß ich damals sauer dazu sah. Heut seh' ich süß. Liebster Schatz,

ändere nichts; Gott wird Dich bewahren! Mehr kann ich heute nicht

schreiben; in mir braust's wie ein Bienenvolk, und jeder Flügel will zu

Dir. Man hätte viel Honig. Wenn Du aber auf Urlaub denkst, so folge dem

Gedanken nicht. Schicke mir die vier Blätter oder eins davon; ich will

sie sehen, dann bekommst Du sie wieder. Deine Marie Linde.«

Sie bekam sie nie, aber der Klingse hatte er von sich aus eins von

ihren geschickt. Dazu schrieb er folgendes:

»Liebe Tante Malva! Ich habe vor einigen Tagen mit den Engländern

eine ekelhafte Nacht erlebt und darüber allerlei Scheu verloren. Sieh

Dir das beiliegende Blatt an. So sehen sechs Briefe von Dir aus, etwa

dreißig Blätter, die ich in der Brieftasche trug. Ohne sie wäre ich

wohl nicht mehr in der angenehmen Lage, an Dich zu schreiben, denn

der betreffende Shik hat, obwohl sterbend, doch noch ganz anständig

zugestoßen. Ich kann es also betrachten, wie ich will, so hast Du mir

das Leben gerettet. Und ich kann auch das betrachten, wie ich will, so

habe ich Dich nicht in gleicher Weise vor dem Stoß bewahrt. Das ist

der Sinn von dem, was ich von der verlorenen Scheu sage. Du bist eine

große Frau, und ich bin ein deutscher Offizier, und wir werden einander

nichts mehr vormachen. Sieh mal, in mir war bis neulich die Lust, ein

übriges über meine Pflicht zu tun, mit dem Schicksal anzubinden, denn

da war etwas, was verausgabt sein wollte, die Lust am Besonderen, die

ihre Abenteuer forderte. Damit bin ich jetzt fertig. Ich habe meine

Orden und meine beiden Eisernen Kreuze. Weiter komme ich ohnehin nicht

mehr. Und das Eiserne erster wird mir später im Frieden schon die

Türen auftun, die ich offen haben will. Meinen Anteil am Krieg habe

ich geleistet, das übrige ist Pflicht, nicht mehr, nicht weniger. Es

war ein Moment, da gehörte ich schon mehr dem Tod als dem Leben; von

einem solchen Standpunkt aus bekommt manche Sache ein anderes Gesicht.

Jetzt habe ich den Wunsch durchzukommen, weil ich nachher mit meiner

Jugend und Kraft etwas anzufangen weiß. Es soll mir keiner mehr mit

dem Kaisertum der deutschen Seele und der deutschen Weltanschauung

die Ohren vollreden. Was ist das, die deutsche Weltanschauung? Du

mußt hören, was sie gerade vor meinen Fenstern singen. ›Denn dieser

Feldzug geht auch vorüber, und diese Schweinerei ist bald vorbei.‹

Wir haben alle die Nase voll vom Heldentum. Nehmt Euch in acht, wenn

wir zurückkommen. Manchmal leben wir in einer ganz gefährlichen Wut,

aber meistens denken wir nicht weiter als in unsre Patronentaschen und

Brotbeutel. Jetzt hat man uns in Reserve gestellt, um das Bataillon

wieder aufzufüllen. Vorläufig bin ich jeden Nachmittag in Lille. Etwas

elegantes Leben zu sehen tut wohl nach der Dreckhamsterei. Alles was

wahr ist, für solche Frauen kann sich der Franzose schon schlagen.

Wofür schlagen wir uns eigentlich? Ich frage für die andern; für

mich bin ich nicht im Zweifel. Aber um ehrlich zu sein: noch lieber

hörte ich jetzt mit der Schlägerei auf, und zwar aus der gleichen

Betrachtung. Leb wohl und vergiß mich nicht. Dein Heinz.«

Die Antwort der Klingse lautete folgendermaßen:

»Mein lieber Junge! Wenn ich's genau überlege, so muß dieser furchtbare

Stoß Dich noch getroffen haben. Warum verschweigst Du mir das? Hast

Du Dich unnötigerweise in diese Gefahr begeben, so muß ich Dich

heftig tadeln. Und hat die Nacht, von der Du sprichst, Dich von

einer Jünglingsschwärmerei geheilt, so sei sie immerhin gesegnet.

Deinen Entschluß kann ich nur billigen. Nach dem Krieg kommt wieder

ein Frieden; was hilft er dem, der ihn nicht erlebt? Wohl Dir, daß

Du weißt, wofür Du kämpfst, und noch besser, wofür Du leben bleiben

willst. Was dann Eure Wut angeht, so werden wir uns schwerlich sehr

in acht nehmen, wenn Ihr zurückkommt. Dazu sind wir schließlich wohl

auch nicht da. Nun, was Du noch nicht weißt, das wirst Du ja erfahren.

Kannst Du nicht einen Urlaub bekommen? Es ist ja nicht gesagt, daß Du

ihn wieder in einer Kleinstadt bei Kleinstädtern verbringen wirst. Sei

ein Mann, mein Junge, und rechne mit Deinen Kräften, damit ich auf Dich

stolz sein kann. Deine Malva.«

Nach diesem Brief beantragte er sofort Heimaturlaub, aber er wurde ihm

abgeschlagen, weil die Wiedereinrichtung des Bataillons bereits in

vollem Gang war. Da faßte er sich ziemlich kalt und begann seine neue

Soldatenlaufbahn.

Der Dechant von Gottesbüren · 第 9 / 33 题