Es war im Spätherbst des zweiten Kriegsjahres, im Lazarettgarten einer
kleinen österreichischen Provinzstadt, die am Fuße bewaldeter Hügel, wie
hinter einer spanischen Wand verkrochen, ihr verschlafen friedfertiges
Dreinschauen noch immer nicht abgelegt hatte.
Tag und Nacht pfiffen die Lokomotiven, rollten die schwerbeladenen Züge mit
singenden, geschmückten Soldaten, mit hochgeschichteten Heuballen,
brüllendem Schlachtvieh, sorgfältig verschlossenen, finsteren Wagen mit
Munition zur Front hinaus; krochen langsam die anderen heimwärts,
gezeichnet mit dem blutenden Kreuz, das der Krieg über Wände und Insassen
geworfen. Mit Raseschritten durcheilte die große Wut das Städtchen, ohne
seine Ruhe verscheuchen zu können, als hätten die niederen, hell getünchten
Häuser mit den zopfig verschnörkelten Fassaden stillschweigend das kluge
Übereinkommen getroffen, den anspruchsvollen, lärmenden Gesellen, der da
das unterste zu oberst kehrte, vornehm zu ignorieren.
In den Anlagen spielten die Kinder ungestört mit den großen, rostroten
Blättern der alten Kastanien, Frauen standen schwatzend vor den Ladentüren,
in jedem Gäßchen schwebte irgendwo ein Mädchen mit buntem Kopftuch, und
rieb eine Fensterscheibe blank. Trotz der Spitalfahnen, die auf Schritt und
Tritt von den Häusern wehten, trotz der vielen Tafeln, Aufschriften und
Wegweiser, die der Eindringling dem wehrlosen Städtchen ins Antlitz
geheftet, schien da, kaum fünfzig Kilometer hinter dem Gemetzel, dessen
Schein, in klaren Nächten, wie Theaterfeuer über den Horizont zuckte, der
Frieden immer noch in Permanenz. Wenn, für Augenblicke, der Strom der
schweren, fauchenden Kraftwagen und rasselnden Fuhrwerke versiegte, kein
Zug über die Eisenbahnbrücke polterte, und zufällig auch kein
Trompetensignal und kein Säbelklirren kriegerisch tat, dann steckte das
trotzige kleine Nest blitzschnell sein gutmütig-stumpfsinniges
Provinzgesicht auf, um sich vor dem nächsten Generalstabsauto, das mit
wichtigtuerischer Schnelle um die Ecke bog, resigniert hinter die
schlechtsitzende Soldatenmaske zu verkriechen.
Wohl brummten in der Ferne die Kanonen, als kauerte eine ungeheure Dogge
irgendwo tief unter der Erde, sprungbereit den Himmel anknurrend. Das
dumpfe Bellen der großen Mörser klang herüber, wie schweres Husten aus der
Krankenstube die Wachenden schreckt, die mit rotgeweinten Augen nebenan zum
Sterbenden hinüberlauschen. Auch die langen, niederen Häuserreihen zuckten
klirrend zusammen, horchten erschüttert auf, so oft dies Husten den Boden
krampfte, als läge die Kriegsnot, wie ein Alp, würgend auf der Brust der
Welt. Erstaunt blickten die Straßen einander in die Augen, schläfrig
blinzelnd im Widerschein der Nachtlämpchen, die drinn ihre fröhlich
huschenden Schatten über dichtgereihte Betten jagten. Gellende Schreie,
Wimmern, Stöhnen sandten die notgepfropften Räume in die Nacht hinaus.
Jeder menschliche Laut, der durch die offenen Fenster drang, fiel wie ein
wütender Angriff die Stille an, war wilde Anklage gegen den Krieg, der da
vorne seine Arbeit tat, und zerfetzte Menschenleiber wie Abfall hinter sich
warf, alle Häuser mit seinem blutigen Kehricht füllend.
Aber die schönen, schmiedeeisernen Brunnen auf den Plätzen rauschten doch
gleichmütig weiter, plauderten mit beruhigender Ausdauer von den Tagen
ihrer Jugend, da die Menschen noch Zeit und Sorgfalt für edel geschwungene
Linien gehabt, Krieg eine Angelegenheit für Fürsten und Abenteurer gewesen.
Aus jedem Schnörkel und jeder Ecke strömte das Märchen, lief auf leisen
Sohlen, von Frieden und Behagen flüsternd, wie eine unsichtbare Klatschbase
durch alle Gäßchen, und die greisen Kastanienbäume nickten zustimmend,
strichen mit dem Schatten ihrer gespreizten Finger besänftigend über die
erschrockenen Fassaden. So dicht wucherte die Vergangenheit aus den
rissigen Mauern, daß jedem, der in ihren Kreis trat, Brunnenrauschen den
Kanonendonner übertönte, die Kranken und Wunden besänftigt hinaushorchten
vom heißen Lager in die geschwätzige Nacht, bleiche Männer, die man auf
wippenden Bahren durchs Städtchen trug, die Hölle vergaßen, aus der sie
kamen, und selbst die schwerbepackten Opfer, die im nächtlichen Eilmarsch
dröhnend vorbeizogen, milde wurden für eine Wegspanne, als wären sie dem
Frieden begegnet, und ihrem eigenen, unbewaffneten Ich, im Schatten der
Pfeiler und blumengeschmückten Erker.
Es erging dem Kriege wie dem Fluß, der von Norden her in tobender Eile aus
den Bergen kam, schäumend vor Wut über jedes Steinchen, das ihm den Weg
vertrat; -- und der am anderen Ende, bei den letzten Häusern, doch sanft
gerührt Abschied nahm von der Stadt, ganz gebändigt, ganz leise
plätschernd, wie auf Fußspitzen, wie eingeschläfert von all' der
Verträumtheit, die er gespiegelt. Breitspurig trat er ins weite Wiesenfeld
hinaus, einen Bogen schlingend um das Garnisonsspital, das im Schatten
dickleibiger Platanen, wie auf einer Insel stand. Von drei Seiten her
mischte sich das Murmeln der trägen Flut in das Rascheln der Blätter, als
stimmte der Garten, wenn die Dämmerung auf ihn fiel, mitleidig ein
Schlummerlied an für die Geschundenen, die da in Reih und Glied zu leiden
hatten, reglementiert bis in den Tod hinein, bis ans Grab, in das man sie,
verunglückte Schuhmacher, Klempnergesellen, Bauernknechte und
Schreiberseelen, mit großmäuligen Gewehrsalven verscharrte.
Der Zapfenstreich war eben verklungen; die Wache hielt die Runde, stöberte
im Schatten der großen Allee drei Nachzügler auf und jagte sie ins Haus.
-- Seid's Ös vielleicht Offiziere, was? -- brummte gemütlich polternd der
Kommandant, ein stämmiger Landsturmkorporal mit ergrauten Schläfen. --
Mannschaft g'hört ins Bett um neune! --
Und nur um seine Würde zu wahren, fügte er mit schlecht gespielter
Bärbeißigkeit die Drohung hinzu:
-- Alsdann! Is g'fällig oder net? --
Beinahe hätte er die in solchen Fällen übliche Drohung, dem Einen oder
Anderen »Beine zu machen«, schon ausgesprochen, aus Gewohnheit; doch konnte
er im letzten Moment den Satz noch verbeißen, und schnitt ein Gesicht, als
hätte er sich verschluckt. Denn die Drei, die nun ergeben dem
Mannschaftseingang zuhumpelten, hätten gewiß nichts einzuwenden gehabt
gegen das Beinemachen. Sie krochen, zu dritt, auf zusammen zwei Füßen und
sechs klappernden Krücken. Als hätten Regisseurhände, ängstlich um
Symmetrie besorgt, das lebende Bild gestellt, ging rechts Einer, der nur
sein rechtes Bein behalten hatte, links sein Pendant, auf dem linken Fuße
hüpfend; und in der Mitte schaukelte, zwischen zwei hohen Krücken, der
armselige Rest eines Menschenleibes, die leeren Hosenbeine übers Kreuz auf
die Brust gesteckt, so kurz, daß der ganze Mann in einer Kinderwiege Platz
gefunden hätte.
Mit gesenktem Kopf und geballten Fäusten, wie geduckt unter der Last des
Anblicks, starrte der Korporal der Gruppe nach, knurrte einen Fluch, der
nicht gerade patriotisch klang, und spie in weitem Bogen zischend durch die
Vorderzähne. Als er sich zum Gehen wandte, schlug vom anderen Ende des
Gartens, aus der Richtung des Offiziersflügels, schallendes Gelächter an
sein Ohr. Versteinert blieb er stehen, zog den Kopf ein, wie aufs Genick
geschlagen, und über sein breites, gutmütiges Bauerngesicht huschte ein
Schein von unbändigem Haß. Er spie noch einmal aus, um sich zu beruhigen,
nahm einen Anlauf, und passierte, stramm salutierend, die lustige
Gesellschaft.
Die Herren dankten lässig. Sie saßen, -- angesteckt von dem Behagen, das
wie eine Wolke über dem ganzen Städtchen schwebte, -- fröhlich plaudernd
auf vier, zu einem Quadrat zusammen geschobenen Bänken vor dem Hause,
sprachen vom Krieg und -- lachten, wie vergnügte Schulkinder, die freudig
von überstandenen Prüfungsängsten schwatzen. Jeder hatte seine Pflicht
getan, sein Teil abbekommen, und saß nun, im Schutze seiner Wunde, in
molliger Erwartung auf Heimurlaub, Wiedersehen, Gefeiertwerden, und
wenigstens zwei ganze Wochen als unnumerierter Mensch.
Am lautesten lachte der junge Leutnant, den sie »Musulmann« nannten, wegen
seiner mohamedanischen Kopfbedeckung als Offizier eines Bosnjakenregiments.
Eine herabsausende Hülse hatte ihm das linke Bein gebrochen, und gründlich,
denn es lag seit Wochen schon verschient und eingewickelt in starrer
Gipshülse, sorgfältig gehegt von seinem Besitzer, der es, auf Krücken
gestützt, wie einen fremden, ihm anvertrauten Wertgegenstand mit sich trug.
Auf der Bank gegenüber dem Musulmann saßen zwei Herren: ein Rittmeister --
der einzige Aktive in der Gesellschaft -- mit einem Querschläger im rechten
Arm, und ein Artillerieoffizier, in Zivil Privatdozent der Philosophie --
daher kurz »Philosoph« genannt -- mit einer schon verheilenden
Hasenscharte, die ihm ein Granatsplitter in die Oberlippe gerissen. Diese
drei bestritten, mit den zwei Damen auf der Bank, die an der Mauer stand,
allein die Unterhaltung; denn der vierte: Landsturmleutnant mit gelichtetem
Hinterkopf, bekannter Opernkomponist in Zivil, saß versunken, mit zuckenden
Gliedern und unstet irrenden Augen auf seiner Bank, ohne Anteil zu nehmen
am Gespräch. Er war vor einer Woche erst eingeliefert worden, mit einer
schweren Nervenerschütterung, die er sich auf dem Doberdo-Plateau geholt.
In seinem Blick kauerte noch das Grauen. Finster vor sich hinbrütend ließ
er willenlos alles mit sich geschehen, ging zu Bett, oder saß im Garten,
von den anderen wie durch eine unsichtbare Wand getrennt, auf die er
stierte. Selbst die unverhoffte Ankunft seiner hübschen, blonden Frau hatte
die Vision des grausigen Erlebnisses, das ihn aus dem Gleichgewicht
gebracht, für keinen Augenblick verscheuchen können. Das Kinn auf der
Brust, ließ er die geflüsterten Koseworte seiner Frau ohne ein Lächeln über
sich ergehen, rückte, wie von einem Krampf gepackt, wie gepeinigt bei
Seite, so oft sie, mit unendlich viel Liebe in den Fingerspitzen, ängstlich
eine Berührung mit seinen armen, zitternden Händen suchte.
Schwere Tränen rollten über die zärtlichkeitshungrigen Wangen der kleinen
Frau, die sich so tapfer durch alle Sperrzonen gekämpft hatte, bis zu dem
Spital im Kriegsgebiet -- und nun, nach der erlösenden Freude: ihren Mann
lebend, unverstümmelt wiedergefunden zu haben, plötzlich einen rätselhaften
Widerstand spürte, ein letztes, unerwartetes Hindernis, das sie nicht mehr
wegbetteln, nicht wegweinen konnte, und das doch da war, sie unbarmherzig
von dem Ersehnten trennte. In qualvoller Ratlosigkeit saß sie lauernd neben
ihm, zermarterte sich das Hirn, ohne eine Erklärung finden zu können für
die Feindschaft, die aus ihm strahlte. Ihre Augen durchbohrten die
Finsternis, ihre Hände gingen immer wieder den gleichen Weg, sich
schüchtern vorwärts tastend, um wie versengt, zurückzuzucken, wenn sein
gehässiges Ausweichen sie von neuem in Verzweiflung stürzte.
Es war hart, so den Schmerz verbeißen zu müssen, nicht mit einem
vorwurfsvollen Aufschrei ihrem Manne das Geheimnis entreißen zu können, das
er in seinem Elend noch so trotzig zwischen sich und seine einzige Stütze
schob. Hart war es auch, mit geheuchelter Fröhlichkeit über das
»glückliche« Wiedersehen teilzunehmen an der leichtfertigen Unterhaltung;
immer wieder etwas erwidern müssen und nicht die Geduld zu verlieren über
das ewige Kichern der Andern. Die freilich hatte es leicht! Wußte den Mann
geborgen bei einem höheren Kommando hinter der Front, und war der
Langeweile ihres kinderlosen Hauses hierher entflohen in das ereignisreiche
Leben des Spitals. Seit sieben Uhr abends saß sie, aufbruchbereit, in Hut
und Jacke, ließ sich immer wieder zum Bleiben bewegen und schäkerte lustig
drauf los, als wüßte sie nichts mehr von all den Qualen, die sie tagsüber
in dem Hause gesehen, an das sie den Rücken lehnte. Die traurige kleine
Frau atmete auf, als die Dunkelheit so dicht geworden war, daß sie
unauffällig abrücken konnte von der frivolen Schwätzerin.
Und doch war die Frau Major, trotz des aufreizenden Gekutters, der
wichtigtuerischen Miene, mit der sie von ihren »Schwesternpflichten«
sprach, durchdrungen von einem Gefühl, das sie, -- ohne ihr Wissen, -- hoch
über sie selbst emporhob. Die große Mütterlichkeitswelle, die über alles
weibliche hereinbrach, als den Männem die schwere Stunde geschlagen, trug
auch sie. Die drei Männer, in deren Kreise sie jetzt mollig in Redensarten
plätscherte, hatte sie, -- wie tausend andere, -- blutüberströmt,
unbeholfen, vor Schmerzen wimmernd gesehen; und etwas von der Freude der
Henne, deren Küken flügge werden, durchwärmte ihre Koketterie. Seit die
Männer hockend, kriechend, hungernd, Monat auf Monat den eigenen Tod
austragen, wie Frauen ihre Kinder, -- seit Dulden und Warten, passives sich
Abfinden mit Gefahr und Schmerz das Geschlecht gewechselt, fühlen die
Frauen sich stark, und selbst in ihrer Lüsternheit glimmt noch ein wenig
von der neuen Leidenschaft des Bemutterns.
Die traurige blonde Frau, eben erst angekommen aus einer Zone, in welcher
der Krieg nur in Gesprächen lebt, ganz auf ihren einzigen Mann eingestellt,
litt unter der geschlechtslosen Vertraulichkeit, die sich da im Schatten
von Tod und Qualen breit machte, im Lazarettgarten, den die Dunkelheit
immer mehr verschlang. Die anderen aber waren daheim im Kriege, sprachen
seine eigene Sprache, gemischt aus trotziger Lebensgefräßigkeit, einer
paradoxen Milde in den Männern, geboren aus Übersättigung an Roheit, und
einer seltsamen, geschwätzigen Kaltblütigkeit der Frau, die so viel von
Blut und Sterben gehört, daß ihre ewige Neugier wie Härte und hysterische
Grausamkeit klang.
Der Musulmann und der Rittmeister hechelten den Philosophen durch,
spöttelten wegwerfend über Wortfuchser, Tüftler und ähnliche Tagediebe, und
freuten sich kindisch über seine breit lächelnde Verlegenheit vor der Frau
Major, die, aus weiblichem Anstand, der wehrlosen Gutmütigkeit des
Philosophen ihren Beistand lieh, während ihre Augen voll passionierter
Zuneigung zu den anderen hinüberblitzten, die ihre Fäuste patzig im Munde
führten.
-- Lassen Sie doch den armen Herrn Oberleutnant in Ruh' -- wehrte sie ab
mit gurrendem Lachen, -- er hat recht. Der Krieg ist scheußlich. Die Zwei
ziehen Sie ja doch nur auf! -- zwinkerte sie begütigend hinüber.
Der Philosoph schmunzelte phlegmatisch, und schwieg. Der Musulmann gab
seinem Bein, das, weiß schimmernd, einzig von ihm sichtbar blieb in der
Finsternis, mit leisem Zähneknirschen eine bessere Lage auf der Bank, und
lachte laut auf:
-- Der Philosoph? Ja, was weiß denn der Philosoph vom Krieg, Frau Major?
Der is ja doch Artillerist! Krieg führt nur die Infanterie. Wissen's Frau
Major . . . .
-- Hier heiße ich »Schwester Engelberta« -- fiel sie ein, und ihr Gesicht
wurde fast ernst für einen Augenblick.
-- Pardon, Schwester Engelberta! Artillerie und Infanterie, das is' nämlich
wie Mann und Frau. Wir Infanteristen müssen das Kind auf d'Welt bringen,
wann ein Sieg geboren werden soll. D'Artillerie hat nur's Vergnügen, wie
der Mann in der Liebe; fahrt stolz vor, wann's Kind schon aus der Tauf
gehoben wird. Hab ich nicht recht, Herr Rittmeister? Du bist ja jetzt auch
Reiter zu Fuß. --
Der Rittmeister stimmte dröhnend ein. Laut seiner summarischen Anschauung
gehörten Abgeordnete, die nicht genug Geld für's Militär bewilligten,
Sozialisten und Pazifisten, kurz alles was sprach, schrieb, überflüssige
Worte machte und »vom G'scheit sein lebte«, in das gleiche Kapitel
»Bücherwurm« wie der Philosoph.
-- Ja, ja, -- sagte er mit seiner überschrieenen Stimme, -- für
d'Artillerie is so a Philosoph grad's Rechte. Auf'm Berg oben hock'n und
zuschaun, sonst tun's ja eh nix. Wann's nit unsere eigenen Leut
z'ammschießn! Mit dene Katzlmacher vor uns, sein mir immer leicht fertig
worn; aber vor euch Meuchelmörder im Rücken hab ich immer an Mordsrespekt
ghabt. Aber jetzt hört's endlich auf vom Krieg zu reden, sonst geh ich
schlafn. Da sitzt man endlich mit zwei reizenden Damen, sieht nach langer
Zeit wieder ein G'sicht ohne Bartstoppeln, und Ihr sprichts immer noch von
der damischen Schießerei. Herrgott, wie zu mir in' Lazarettzug das erste
blonde Mäderl reinkommen is, mit 'm weißen Häuberl auf'm Wuschelkopf, ich
hätt's am liebsten bei der Hand g'nommen und immer nur ang'schaut.
Ehrenwort, Frau Major: das bisl Schießen wird einem höchstens fad mit der
Zeit; die Haustierln sind schon ärger; aber 's Ärgste ist das vollkommene
Fehlen der holden Weiblichkeit. Fünf Monat lang nix als Männer sehn, -- und
dann auf einmal wieder so an helles, liebes Frauenstimmerl hören! . . . .
Das is doch's Schönste! Dafür lohnt sich's schon in Krieg zu gehen. --
Der Musulmann verzog sein bewegliches, von Jugend blitzendes Gesicht zu
einer Grimasse:
-- Das Schönste? . . . Nein, weißt Herr Rittmeister, wann ich aufrichtig
sein soll . . . gebadet wer'n, dann, mit'n frischen Verband, ins saubere,
weiße Bett hinein, und wissen, daß ma sei' Ruh habn wird für a paar Wochen,
. . . das is a G'fühl, wie . . . . Da gibt's überhaupt kein Vergleich. Aber
wieder einmal Damen sehen is freilich auch sehr schön.
Der Philosoph hatte seinen runden, fleischigen Epikuräerkopf schief auf die
Schulter gelegt; seine kleinen, listigen Augen bekamen einen feuchten
Glanz. Er blickte hinüber, wo ein heller Fleck, in der fast greifbar
gewordenen Finsternis, das weiße Kleid der Frau Major vermuten ließ, und
hub in einem leise singenden Ton, ganz langsam zu erzählen an:
-- Das Schönste ist, finde ich, die Stille. Wenn man da oben in den Bergen
gelegen ist, wo jeder Schuß fünfmal hin- und hergeworfen wird, und dann
ist's auf einmal ganz still, kein Pfeifen, kein Heulen, kein Donnern,
nichts als eine herrliche Stille, der man zuhören kann, wie einem
Musikstück -- -- -- Ich habe die ersten Nächte sitzend durchwacht und die
Ohren gespitzt auf dieses Schweigen, wie auf eine Melodie, die man von
weitem erhaschen will. Ich glaube, ich habe sogar ein wenig geheult, so
schön war's zuzuhören, daß man gar nichts mehr hört!
Der Rittmeister schleuderte seine Zigarette weg, daß sie, wie ein Komet,
funkensprühend durch die Nacht flog, und schlug sich klatschend auf den
Schenkel.
-- Na, also -- rief er höhnisch -- hab'ns das verstanden, Frau Major?
»Zuhören, daß man nix hört.« Seh'ns, das heißt man Philosophie. Ich weiß
aber noch was Schöneres, du! Nämlich nicht zu hören, was man hört.
Besonders wann's so an philosophischen Stiefel zu hören gibt.
Man lachte, -- und der Gehänselte lächelte gutmütig mit. Auch er war ganz
durchtränkt von dem Frieden, der aus der schlafenden Stadt in den
herbstlichen Garten herüberwehte, und die aggressiven Scherze des
Rittmeisters perlten an ihm ab, wie alles, was geeignet gewesen wäre, die
Süße der wenigen Tage, die ihn von der Rückkehr an die Front noch trennten,
zu mindern. Er wollte seine Zeit ausgenießen, behäbig, mit geschlossenen
Augen; wie ein Kind, das ins finstere Zimmer muß.
Die Frau Major beugte sich vor:
-- Über das Schönste gehen also die Meinungen auseinander, -- sagte sie,
und ihr Atem ging rascher, -- was war aber das Gräßlichste, das Sie draußen
erlebt haben? Viele sagen das Trommelfeuer wäre das Gräßlichste; viele
können den Ersten, den sie fallen gesehen haben, nicht verwinden. Und Sie?
Der Philosoph, an den die Frage gerichtet war, schnitt ein gequältes
Gesicht. Dieses Thema paßte so gar nicht in sein Programm. Er suchte noch
nach einer ausweichenden Antwort, als ein unverständlicher, röchelnder
Ausruf alle Augen in die Ecke zog, in welcher der Landsturmoffizier und
seine Frau saßen. Man hatte die Beiden fast schon vergessen in der
Dunkelheit, und wechselte erschrockene Blicke, als der torkelnde Mann mit
den erloschenen Augen, die zerbrochene Gliederpuppe, deren Stimme kaum
einer kannte, jetzt im krähenden Diskant hastig zu reden anfing:
-- Gräßlich? Gräßlich ist nur der Abmarsch -- rief er -- Man geht, -- -- --
und daß man gelassen wird, das ist gräßlich! --
Ein kaltes, würgendes Schweigen folgte seinen Worten; selbst das ewig
fröhliche Gesicht des Musulmannes erstarrte in peinlicher Verlegenheit. Das
kam so unerwartet, klang so unverständlich, und hatte, -- vielleicht durch
das Vibrieren der Stimme aus dem zitternden Leib, oder den gurgelnden
Nebenton, der wie überschrieenes Schluchzen klang, -- doch alle an der
Kehle gepackt und ließ die Pulse schneller schlagen.
Die Frau Major sprang auf. Sie hatte den Mann ankommen gesehen, auf eine
Bahre geschnallt, weil ihn das Weinen so hoch schleuderte, daß die Träger
nicht anders seiner Herr werden konnten. Irgend etwas unsagbar häßliches
hatte, -- so hieß es, -- den armen Teufel halb um seinen Verstand gebracht,
und die Frau Major durchzuckte jäh die Angst vor einem Tobsuchtsanfall. Sie
kniff den Rittmeister in den Arm und rief mit geheuchelter Eile:
-- Um Gotteswillen! Da klingelt ja schon die letzte Tramway! Schnell,
schnell, gnädige Frau, wir müssen laufen.
Alle waren aufgestanden; die Frau Major hatte sich in den Arm der
unglücklichen kleinen Frau eingehackt und drängte immer hastiger:
-- Wir müssen eine Stunde zu Fuß gehen bis zur Stadt, wenn wir die
Elektrische verpassen.
Ratlos, am ganzen Leibe zitternd, beugte die Frau sich noch einmal zu ihrem
Mann hinab, um Abschied zu nehmen. Sie fühlte genau, daß dieser Aufschrei
ihr galt; daß er einen grimmigen, tötlichen Vorwurf enthielt, den sie nicht
begriff. Sie fühlte ihren Mann zurückweichen, sich verkrampfen unter der
Berührung ihrer Lippen, und schluchzte auf, bei dem gräßlichen Gedanken an
die endlose Nacht in dem frostigen, verwahrlosten Hotelzimmer, allein mit
diesem quälenden Zweifel. Aber die Frau Major zog sie mit sich, zwang sie
zum Laufen; ließ sie erst wieder los, als sie schon, an der Torwache
vorbei, auf die Straße traten.
Die Herren blickten ihnen nach, sahen die Figuren im Scheine der
Straßenlaterne noch einmal auftauchen, horchten dem Sausen der Trambahn
nach. Der Musulmann griff nach seinen Krücken, blinzelte dem Philosophen
bedeutungsvoll zu und sprach gähnend von Schlafengehen. Der Rittmeister sah
neugierig auf den Kranken hinab, fühlte Erbarmen, und wollte dem armen
Teufel eine Freude machen. Er klopfte ihm auf die Schulter und sagte in
seiner burschikosen Art:
-- Eine fesche Frau hast, das muß man sagen. Mein Kompliment!
Im nächsten Augenblick fuhr er erschrocken zurück. Das kümmerliche,
zusammengesunkene Häufchen auf der Bank sprang plötzlich hoch, wie
emporgeschnellt von einer jäh erwachten Kraft.
-- Fesche Frau? Ja, ja. Schneidige Frau! -- kam es geifernd über die
zuckenden Lippen, mit einer Wut, die wie brodelnd die Worte schleuderte, --
Hat keine Träne vergossen beim Einwaggonieren. Waren alle fesch wie wir
abmarschiert sind. Auch die Frau vom armen Dill. Sehr schneidig! Hat ihm
Rosen nachgeworfen in den Zug und war erst seit zwei Monaten seine Frau. --
Er kicherte höhnisch und ballte die Fäuste, schwer ankämpfend gegen die
Tränen, die ihm in der Gurgel glühten. -- Rosen, hehe, und auf
>Wiedersehen< gerufen. So patriotisch waren sie alle! Gratuliert hat unser
Oberst dem Dill, weil seine Frau sich so stramm gehalten hat, beim
Abmarsch. So stramm, verstehst du, als ging's zum Manöver.
Torkelnd, auf weitauseinandergespreizten Beinen, stand der Leutnant jetzt
aufrecht, stützte sich auf den Arm des Rittmeisters, und starrte ihm mit
seinen unsteten Augen erwartungsvoll ins Gesicht.
-- Weißt du, was ihm geschehen ist, dem Dill? Ich war dabei. Weißt du was?
Ratlos blickte der Rittmeister auf die andern.
-- Geh, komm schlafen. Reg di' net auf! -- stammelte er verlegen.
Mit einem Triumphgeheul fiel ihm der Kranke ins Wort, keifend, mit
unnatürlich hoher Stimme:
-- Weißt nicht, was ihm geschehen ist, dem Dill? Weißt nicht? So sind wir
gestanden, wie jetzt, er hat mir grad das neue Bild zeigen wollen, das ihm
seine Frau geschickt hat. Seine tapfere Frau, hehe, seine gefaßte Frau!
Denn gefaßt, das waren's alle. Auf alles gefaßt! Und wie wir so steh'n,
schlagt eine Achtundzwanziger ein -- ganz weit von uns -- gut zweihundert
Schritt -- haben gar nicht hing'schaut. Da seh' ich auf einmal was
schwarzes fliegen -- und der Dill fallt um, mit dem Bild von seiner feschen
Frau in der Hand, -- und im Kopf steckt ihm ein Stiefel, ein Bein, ein
Stiefel mit dem Bein von einem Trainsoldaten, den die Achtundzwanziger
zerrissen hat, ganz weit von uns. --
Einen Augenblick hielt er inne, starrte den Rittmeister triumphierend an.
Dann sprach er weiter mit einem gehässigen Stolz in der Stimme, und doch ab
und zu aussetzend, unterbrochen von einem merkwürdig glucksendem Stöhnen.
-- Nichts hat er mehr gesagt, der arme Dill, mit dem Sporn im Schädel, so
einem richtigen Komissporn, groß wie ein Fünfkronenstück. Nur die Augen hat
er verdreht, traurig das Bild von seiner Frau angeschaut, daß sie so was
hat zugeben können. -- -- -- So was! -- -- So was, mein Lieber! -- -- -- Zu
viert haben wir ihm den Stiefel rauszieh'n müssen, -- zu viert! Hin- und
herdrehen haben wir ihn müssen, du! Bis ein Stück von seinem Gehirn
mitgekommen ist, -- wie ausgerissene Wurzeln, -- wie ein grauer Polyp, ein
krepierter, auf dem Sporn. -- -- --
-- Geh, hör auf! -- schrie wütend der Rittmeister, riß sich los und ging
fluchend ins Haus. Die beiden anderen sahen ihm sehnsüchtig nach. Allein
konnten sie den Unglücklichen doch nicht lassen. Er war, als der
Rittmeister ihm den Arm entzog, erschöpft auf die Bank zurückgefallen, saß
wimmernd, wie ein geschlagenes Kind, mit dem Kopfe auf der Lehne. Erst als
der Philosoph leise seine Schulter berührte, um ihn, gut zuredend, zum
Gehen zu bewegen, fuhr er von neuem auf und brach in ein bellendes,
häßliches Lachen aus.
-- Aber wir haben sie ihm rausgerissen, seine fesche Frau. Zu viert haben
wir gezogen bis sie draußen war. Ich hab ihn befreit! Raus, weg ist sie.
Alle sind's weg. Meine ist auch weg; die Meine ist auch ausgerissen. Alle
werden ausgerissen. Keine Frau gibts! Keine Frau mehr, keine -- -- --
Nickend sank sein Kopf nach vorne; über das tieftraurige Gesicht rollten
langsam die Tränen.
Hinter seinem Rücken tauchte der Rittmeister wieder auf, gefolgt von dem
kleinen Sekundararzt, der die Nachtwache hatte.
-- Du mußt jetzt ins Bett, Herr Leutnant -- knarrte der Doktor mit
forcierter Strenge.
Der Kranke warf den Kopf zurück, starrte verständnislos in das fremde
Gesicht. Als der Arzt den Satz mit gehobener Stimme wiederholte, leuchteten
seine Augen plötzlich auf und er nickte zustimmend.
-- Müssen gehen, natürlich! -- wiederholte er eifrig und seufzte schwer --
Alle müssen wir gehen. Wer nicht geht, ist ein Feigling, und einen Feigling
wollen sie nicht haben. Das ist's ja! Verstehst du nicht? Jetzt sind Helden
modern. Die fesche Frau Dill hat einen Helden haben wollen zu ihrem neuen
Hut, hehe. Darum hat der arme Dill sein Gehirn hinaustragen müssen. Ich
auch, -- Du auch! Mußt sterben gehen, -- mußt dich treten lassen, ins
Gehirn treten! Und die Frauen schaun zu, -- fesch, -- weil's jetzt so Mode
ist.
Er hatte seinen abgezehrten Leib mühsam an der Banklehne hochgestemmt, sah
allen Umstehenden der Reihe nach fragend ins Gesicht, auf Zustimmung
wartend.
-- Ist das nicht traurig? -- frug er leise. Dann, mit plötzlich wieder
emporschnellender Stimme, von jäher Wut gepackt, schreiend, daß es
unheimlich durch den Garten gellte: -- Ist das nicht Betrug, he? Nicht
Betrug? War ich ein Messerstecher? Ein Raufbold? War ich ihr nicht recht,
am Klavier? Sanft und rücksichtsvoll haben wir sein müssen! Zartfühlend!
Und auf einmal, weil die Mode gewechselt hat, wollen sie Mörder haben.
Verstehst du das?
Losgelöst vom Arzt, stand er wieder torkelnd da, und seine Stimme sank
allmählich zu einem wehleidigen Klageton herab, der, aus gepreßter Kehle,
gröhlend, wie das Lallen eines Trunkenen klang.
-- Die Meine war auch fesch; versteht sich. Keine Träne! Ich habe gewartet,
immer gewartet, wann sie zu schreien anfangen wird, wann sie mich endlich
bitten wird auszusteigen, nicht mitzufahren, feig zu sein, für sie! Aber
sie haben nicht den Mut gehabt; -- keine hat den Mut gehabt; nur fesch
haben's sein wollen. Meine auch! Meine auch! Mit dem Taschentuch gewinkt,
wie die anderen.
Seine zuckenden Arme strebten, sich windend, in die Höhe, als wollte er den
Himmel zum Zeugen anrufen.
-- Was das Gräßlichste war, willst du wissen? -- stöhnte er leise, sich
unvermittelt wieder an den Philosophen wendend, -- die Enttäuschung war das
Gräßlichste, der Abmarsch. Der Krieg nicht! Der Krieg ist, wie er sein muß.
Hat's dich überrascht, daß er grausam ist? Nur der Abmarsch war eine
Überraschung. Daß die Frauen grausam sind, das war die Überraschung! Daß
sie lächeln können und Rosen werfen; daß sie ihre Männer hergeben, ihre
Kinder hergeben, ihre Buben, die sie tausendmal ins Bett gelegt, tausendmal
zugedeckt, gestreichelt, aus sich selbst aufgebaut haben, das war die
Überraschung! Daß sie uns hergegeben haben -- daß sie uns geschickt haben,
geschickt! Weil jede sich geniert hätt' ohne einen Helden dazustehen; das
war die große Enttäuschung, mein Lieber. Oder glaubst du, wir wären
gegangen, wenn sie uns nicht geschickt hätten? Glaubst du? So frag doch den
dümmsten Bauernburschen draußen, warum er eine Medaille haben möchte, ehe
er auf Urlaub geht. Weil ihn sein Mädel dann lieber hat, weil ihm die
Frauenzimmer dann nachlaufen, weil er mit seiner Medaille den anderen die
Weiber vor der Nase wegangeln kann; darum, nur darum. Die Frauen haben uns
geschickt! Kein General hätt' was machen können, wenn die Frauen uns nicht
hätten in die Züge pfropfen lassen, wenn sie geschrien hätten, daß sie uns
nicht mehr anschaun, wenn wir zu Mördern werden. Nicht Einer wär hinaus,
wenn sie geschworen hätten, daß keine von ihnen ins Bett steigt mit einem
Mann, der Schädel gespalten, Menschen erschossen, Menschen erstochen hat.
Nicht Einer, sag ich euch! Ich hab's ja nicht glauben wollen, daß sie's so
tragen können! Sie heucheln nur, hab ich gedacht; sie halten sich noch
zurück; aber wenn erst der Pfiff kommt, dann werden sie aufschreien, werden
uns herausreißen aus dem Zug, werden uns retten. _Einmal_ hätten sie uns
schützen können, und sie haben nur fesch sein wollen! Auf der ganzen Welt,
nur fesch.
Wie zerbrochen saß er nun wieder auf der Bank, geschüttelt von einem
sanften, kummervollen Weinen, den Kopf wehmütig hin- und herrollend auf der
keuchenden Brust.
Hinter seinem Rücken hatte sich ein ganzer Kreis gebildet. Auch der alte
Landsturmkorporal stand da, neben dem Arzt, mit vier Wachsoldaten, bereit,
jeden Augenblick einzugreifen. Im Offiziersflügel waren alle Fenster
aufgeflammt, notdürftig bekleidete Figuren beugten sich heraus, und sahen
neugierig in den Garten hinab.
Der Kranke musterte ängstlich die fremden, teilnahmslosen Gesichter. Er war
erschöpft; die heisere Kehle gab keinen Laut mehr her. Seine Hand griff
hilfesuchend nach dem Philosophen, der wie gebrochen an seiner Seite stand.
Nun hielt der Arzt den richtigen Augenblick für gekommen.
-- Komm', Herr Leutnant, geh'n wir schlafen, -- sagte er mit tölpelhaft
forcierter Gemütlichkeit, -- Die Weiber sind nun mal so. Da kann man nix
mach'n.
Er wollte weiter reden, um den Kranken, im Gespräch, unbemerkt ins Haus zu
locken; aber schon der nächste Satz blieb ihm vor Überraschung in der Kehle
stecken. Das kraftlose, schlotternde Skelett, das sich von ihm und dem
Philosophen eben noch wie ohnmächtig hatte aufrichten lassen, sprang
ruckartig hoch, schnellte die Arme auseinander, daß die beiden, die ihn
hatten stützen wollen, strauchelnd in den Kreis der Zuschauer flogen. Er
duckte sich, in den Knien wippend, wie ein Lastträger mit schwerer Fracht
im Nacken, und so hockend, mit schwellenden Adern, wiederholte er, keifend
vor Wut, die Worte des Doktors.
-- Sind nun mal so? . . . Sind nun mal so? Seit wann denn, he? hast du nie
was von Suffragetten gehört, die Minister geohrfeigt, Museen in Brand
gesteckt, sich an Laternenpfähle haben anketten lassen für das Stimmrecht?
Für das Stimmrecht, hörst du? Und für ihre Männer nicht? Nicht einen Laut,
nicht einen Schrei!
Einen Augenblick hielt er inne, atemholend; übermannt von wilder, würgender
Verzweiflung. Dann raffte er sich noch einmal auf und schrie, mühsam gegen
das Schluchzen ankämpfend, das ihn immer wieder gurgelnd erfaßte, aus
tiefster Not, wie ein gehetztes Tier:
-- Hast du von einer gehört, die sich für ihren Mann vor den Zug geworfen
hat? Hat eine für uns Minister geohrfeigt, sich an die Schienen gebunden?
Keine einzige hat man wegreißen müssen. Nicht eine hat gekämpft, nicht eine
hat uns verteidigt. Nicht eine hat sich gerührt, in der ganzen Welt.
Hinausgejagt haben sie uns! Den Mund verstopft haben sie uns! Die Sporn
haben sie uns gegeben, wie dem armen Dill. Morden haben sie uns geschickt,
sterben haben sie uns geschickt, für ihre Eitelkeit. Willst du sie
verteidigen? Ausgerissen müssen sie werden! Ausgerissen wie Unkraut, mit
der Wurzel! Zu viert müßt ihr zieh'n, wie beim Dill. Zu viert, dann muß sie
raus. Bist du der Doktor? Da! Mach ihn auf meinen Kopf! Ich will keine
Frau. Sieh, -- zieh sie raus . . . .
Weit ausholend sauste seine Faust, wie ein Hammer, auf den eigenen Schädel,
griffen seine gekrümmten Finger erbarmungslos in den spärlichen Haarwuchs
am Hinterkopf, bis er, aufbrüllend vor Schmerz, einen ganzen Büschel
ausgerissen in die Höhe hielt.
Im nächsten Augenblick lagen, auf einen Wink des Arztes, die vier
Wachsoldaten schon keuchend über ihm. Er schrie, knirschte, schlug um sich,
strampelte sich frei, schüttelte sie ab wie Kletten; auch der alte Korporal
und der Doktor mußten mit zugreifen, dann erst gelang es ihn ins Haus zu
schleppen.
Hinter ihm leerte sich rasch der Garten. Als letzter humpelte der
Musulmann, mit dem Philosophen an seiner Seite, dem Eingang zu. Vor dem
Portal blieb er stehen, sah, im Schein der Laterne, ernsthaft auf sein
vergipstes Bein, das wie leblos zwischen den Krücken hing.
-- Weißt, Philosoph, da ist mir meine Hax'n doch lieber. Narrisch wer'n,
wie dieser arme Teufel, is schon 's Ärgste, was ei'm draußen passieren
kann. Dann schon lieber gleich ganz weg mit'n Kopf! Oder meinst du, daß der
noch mal wer'n kann?
Der Philosoph schwieg. Sein rundes, gutmütiges Gesicht war aschfahl
geworden; seine Augen schwammen in Tränen. Er zuckte die Achseln und half
dem andern wortlos über die Treppe. Als sie auf den Korridor traten, hörten
sie, weit irgendwo im Haus, noch Türen schlagen und einen letzten, dumpfen
Schrei.
Dann wurde es still. Die Fenster im Offiziersflügel erloschen der Reihe
nach, und bald lag der Garten, wie eine buschige, schwarze Insel, in den
Fluß geschmiegt, der lautlos sich kräuselnd vorbeizog. Nur das Husten der
Geschütze brachte ein Windstoß ab und zu, wie fernes Echo, aus dem Westen
herüber.
Noch einmal knirschte der Kies, als die Patrouille, quer durch den Garten,
zum Wachtgebäude zurückmarschierte. Ein Soldat fluchte leise und nestelte
an seiner zerrissenen Bluse. Die anderen atmeten schwer, -- wischten sich
mit dem Handrücken den Schweiß von der roten Stirne. Hinter ihnen ging der
alte Landsturmkorporal, die Pfeife im Mundwinkel, mit gesenktem Kopf. Als
er in die Hauptallee einbog, flammte eben ein heller Feuerschein über den
Himmel und ein langes Rollen, das sich schließlich knurrend in die Erde
verkroch, machte alle Fenster erklirren.
Der Alte blieb stehen. Er horchte, bis das Grollen verstummt war, hob
drohend die geballte Faust, spie in weitem Bogen zischend durch die Zähne,
und brummte, mit einem Ekel, der aus tiefster Seele kam:
-- Pfui Teufel! .ch Feuertaufe
Eine halbe Stunde hatte die Kompagnie am Waldrande gerastet; nun gab
Hauptmann Marschner den Befehl zum Aufbruch. Er war, trotz der mörderischen
Hitze, ganz blaß, und sah beiseite, während er Leutnant Weixler den Auftrag
gab, dafür zu sorgen, daß innerhalb zehn Minuten alles marschbereit sei,
bis auf den letzten Mann.
Eigentlich hatte er sich selbst überrumpelt mit diesem Befehl. Denn nun,
das wußte er, gab es keinen Aufschub mehr! Wenn er Weixler auf die
Mannschaft losließ, dann klappte alles; die Leute zitterten vor diesem
knapp zwanzigjährigen Jungen, als wäre er der leibhaftige Teufel. Und
manchmal schien es dem Hauptmann selbst schon, als hätte die baumlange,
knochige Gestalt wirklich etwas Unheimliches an sich. Nie flammte auch nur
ein Funken Wärme aus diesen kleinen, stechenden Augen, die immer eine
flackernde Unruhe spiegelten, immer wie im Fieber glänzten. Nichts war jung
an dem ganzen Menschen, außer dem kleinen, schütteren Schnurrbart über den
verkniffenen Lippen, die sich nur auftaten, um mit hämischer Härte die
Bestrafung eines Soldaten zu fordern. Ein Jahr fast hatte ihn Hauptmann
Marschner schon an seiner Seite, und hatte ihn noch nie lachen gehört;
wußte noch nichts von seiner Familie, nicht woher er kam, ob er überhaupt
Angehörige hatte. Er sprach nur selten, in kurzen, hastigen Sätzen, die er
zischend hervorstieß. Wie das Brodeln einer verbissenen Wut, die in ihm
kochte, klang alles, was er sagte, und handelte immer von Dienst oder
Krieg, als gäbe es außer diesen beiden Dingen überhaupt nichts auf der
Welt, was Worte lohnte.
Und diesem Menschen hatte das Schicksal den Streich gespielt, ihn das ganze
erste Kriegsjahr hindurch im Hinterland zurückzuhalten! Elf und ein halb
Monate dauerte schon der Krieg, und Leutnant Weixler hatte noch keinen
Feind gesehen. Wenige Kilometer war er nur, gleich zu Beginn, über die
russische Grenze gekommen, dann hatte ihn der Typhus erwischt, ehe er noch
einen Schuß abgefeuert. Nun kam er endlich an den Feind! Hauptmann
Marschner wußte, daß er ein Mannschaftsgewehr für sich mitschleppen ließ,
und seine gesamten Ersparnisse für ein Zielfernrohr geopfert hatte, um ganz
auf Numero sicher zu gehen, und genau zu wissen, wie viel Feinden er das
»Lämpchen ausgeblasen«. Er war fast fröhlich geworden, seit man das Feuer
schon aus der Nähe hörte, gesprächig, von einem nervösen Eifer getrieben,
wie ein passionierter Jäger, wenn er die Fährte aufnimmt. Der Hauptmann sah
ihn bald da, bald dort aus dem Gedränge auftauchen, und wandte sich ab. Er
wollte es nicht sehen, wie der Kerl seine armen, totmüden Leute
drangsalierte, sie anfuhr, genau wie ein kläffender Schäferhund, der die
Herde zusammentreibt. Lange, ehe die zehn Minuten vergangen waren, würde
die Kompagnie gestellt sein, dafür sorgte Weixlers Ungeduld; und dann, --
dann gab es keinen Grund mehr, noch länger zu zaudern. Keine Möglichkeit
mehr, den schweren Entschluß weiter hinauszuschieben!
Hauptmann Marschner tat einen tiefen Atemzug, und sah mit merkwürdig
gespannten, weit aufgerissenen Augen zum Himmel hinauf. Da vorne, jenseits
des steilen Hügels, der jetzt noch die Aussicht auf das Gefechtsfeld
versperrte, tackten, in atemloser Eile, unsichtbar die Maschinengewehre;
und kaum eine Spanne hoch über dem Rande der Böschung schwebten, dicht
gesät, kleine, gelb-weiße Päckchen, wie hochgeworfene Schneeballen in der
Luft: die Sprengwolken des Sperrfeuers, durch das er seine Kompagnie zu
führen hatte.
Es war kein kurzer Weg! Zwei Kilometer noch, vom jenseitigen Fuße des
Hügels, bis zum Eingang der Laufgräben; und immer über freies Feld, ohne
jede Deckung. Für eine Landsturmkompagnie, für ehrwürdige Familienväter,
die seit wenigen Stunden im Felde standen, jetzt erst ihre Feuertaufe
erhalten, zum erstenmal Pulver riechen sollten, wahrlich keine kleine
Aufgabe. Für den Weixler, der nichts anderes im Kopf hatte, als das
Verdienstkreuz, das er sich je eher holen wollte, -- für solch einen
zwanzigjährigen Raufbold, der die Welt um die eigene, hochwichtige Person
rotieren ließ und noch keine Zeit gehabt hatte, das Leben schätzen zu
lernen, mochte das nur ein aufregender Spaziergang sein, eine prickelnde
Sache, bei der man sich so richtig fühlen, seine Unerschrockenheit ins
rechte Licht setzen konnte. Im Stillen machte der sich wohl längst schon
lustig über die Unentschlossenheit seines alten Hauptmanns, und fluchte
über diese letzte Rast, die ihn noch eine halbe Stunde länger auf seine
erste Heldentat zu warten zwang.
Marschner mähte mit seinem Reitstock die hohen Grashalme nieder, und
schielte, von Zeit zu Zeit, verstohlen zu seiner Kompagnie. Er merkte es an
den schleppenden Bewegungen der Leute, an dem Widerstreben, mit dem sie
sich erhoben, wie Kinder, die man aus dem Schlafe weckt, daß sie es längst
schon erfaßt hatten, wohin der Weg nun ging. Die lautlose Stille, in der
sie ihre Bündel packten und eintraten in die Reihe, krampfte ihm das Herz
zusammen.
Unermüdlich hatte er sich seit Kriegsbeginn auf diesen Augenblick
vorbereitet, Tag und Nacht gegrübelt, sich's tausendmal vorgesagt, daß wo
Höheres auf dem Spiele stand, die Not des Einzelnen nichts bedeutete; daß
ein gewissenhafter Führer sich wappnen müsse mit Gleichgültigkeit. Und nun
stand er da, -- und merkte mit Schrecken, wie alle guten Vorsätze
abbröckelten und nichts in ihm übrig blieb, als heißes, grenzenloses
Mitleid mit diesen aufgescheuchten Nesthütern, die sich so still ergeben
bereit machten; gleichsam ihr Leben in die Hände nahmen wie ein kostbares
Gefäß, um es in den Kampf zu tragen und dem Feinde vor die Füße zu werfen,
als wäre es ihr Geringstes, was da in Scherben ging!
Ein Kaninchen, das man selbst großgezogen hatte, unter's Messer zu liefern;
einen liebgewonnenen Haushund eigenhändig zum Schinder zu schleifen, schon
Solches hätte man ihm, dem gutherzigen »Onkel Marschner« -- wie er in
Bekanntenkreisen hieß --, nicht zumuten dürfen. Und nun sollte er Menschen,
die er selbst zu Soldaten ausgebildet, monatelang unter den Augen gehabt
hatte, Menschen, die er wie seine Taschen kannte, ins Schrapnellfeuer
hineinjagen! Was nutzten da alle tiefsinnigen Betrachtungen? Er sah nur die
ängstlich flehenden Blicke, die seine Leute zu ihm hinüberschickten, um
Schutz bittend, als glaubten sie, ihr Herr Hauptmann könne auch
Flintenkugeln und Sprengstücken den Weg vorschreiben. Und dieses Vertrauen
sollte er nun mißbrauchen? Sollte diese bärtigen Kindsköpfe, die er
vorgestern erst, von ihren Kleinen umringt, Abschied nehmen gesehen von den
weinenden Frauen, jetzt ohne Rührung in den Tod kommandieren? Sollte
unbekümmert weiter marschieren, wenn der eine oder andere getroffen
hinfiel, sich jammernd in seinem Blute wälzte? Woher sollte er die Kraft
nehmen, zu solcher Härte? Von dem höhern Ziele etwa? Es war nicht da. Nicht
mit den Händen zu fassen. Es war zu sehr gesprochen, zu sehr nur Klang, als
daß es ihm hätte seine Soldaten verdecken können, die mit
heimwärtsgewandter Seele dem Sperrfeuer entgegenbangten!
Wie ein Schlag in die Magengegend traf ihn die Meldung, die ihm Leutnant
Weixler strahlend, mit geröteten Wangen ins Gesicht schmetterte. Das klang
so herausfordernd! Die dreiste Frage: »Nun, warum freust du dich nicht auch
auf die Gefahr, wie ich?« war nicht zu überhören. Hauptmann Marschner
strömte alles Blut in die Schläfen, er mußte den Blick abwenden, und seine
Augen irrten unwillkürlich zu den Schrapnellwolken, trugen eine Bitte, eine
heimliche Invokation zu den dummen, wahllos niederprasselnden Dingern
hinauf: sie möchten diesem frostigen Burschen doch das Leiden lehren, --
ihn überzeugen von seiner Verwundbarkeit!
Eine Sekunde später senkte er schon beschämt den Kopf. Sein Zorn wuchs
gegen den Menschen, der ihm eine solche Regung hatte entlocken können. --
Danke. Laß die Leute »Ruht« stehen; ich muß noch einmal nach den Pferden
schau'n, -- sagte er gemessen, mit einer erzwungenen Ruhe, die ihm wohl
tat. Er wollte sich nicht drängen lassen, nun erst recht nicht, und freute
sich, als er den Leutnant zusammenzucken sah; lächelte zufrieden in sich
hinein über das indignierte Gesicht, und das trotzige »Zu Befehl, Herr
Hauptmann«, das lange nicht mehr so schmetternd hell klang, sondern
knirschend aus gepreßter Kehle kam. Der Junge sollte nur auch einmal
merken, wie wohl es tat, gebändigt zu werden! Sonst liebte er es ja, sich
auf Kosten der Mannschaft an seiner Macht zu berauschen, triumphierend, als
wäre es die Kraft seiner Persönlichkeit, die den Leuten Herr ward, und
nicht das Dienstreglement, das immer ihm zur Seite stand.
Mit gemächlichen Schritten ging Hauptmann Marschner in den Wald zurück,
doppelt froh, daß die Lektion, die er Weixler erteilt, seinen alten Knaben
eine kurze Galgenfrist bescheert hatte. Vielleicht sauste eine Granate vor
ihrer Nase in die Erde, und diese wenigen Minuten retteten zwanzig Menschen
das Leben. Vielleicht? . . . Es konnte freilich auch umgekehrt kommen: just
diese Minuten . . . Ach! was hatten solche Berechnungen für Zweck? Am
besten war nicht daran denken! Er wollte den Leuten helfen so viel er
konnte; Retter konnte er keinem sein.
Oder doch? . . . Den einen, der ihm eben mit Feuereifer aus dem Walde
entgegenstürzte, hatte er vorläufig geborgen. Der blieb, mit sechs Mann,
bei den Pferden und dem Train zurück. War es ein Unrecht, gerade diesen zu
bestimmen? Alle anderen Unteroffiziere waren älter, und verheiratet; der
kleine, dicke, mit den O-Beinen hatte sogar sechs Kinder daheim. Konnte er
es vor seinem Gewissen verantworten, diesen jungen, ledigen Burschen hier
in Sicherheit . . .
Mit einer wütenden Handbewegung unterbrach der Hauptmann seine Gedanken. Am
liebsten hätte er sich mit der Faust an der Brust gepackt und tüchtig
durchgebeutelt. Daß er das verdammte Grübeln und Abwägen noch immer nicht
lassen konnte! Gab es hier noch eine Gerechtigkeit, im Machtbereiche der
Granaten, die Taugenichtse verschonten und die Besten niederstreckten?
Hatte er sich's nicht fest vorgenommen, sein Gewissen, seine Rührseligkeit,
sein ewig waches Mitgefühl mit allen überflüssigen Gedanken daheim zu
lassen, bei seiner eingekampferten Zivilkleidung, in der Friedenswohnung?
Das alles gehörte zum Zivilingenieur Rudolf Marschner, der früher einmal
Offizier gewesen und mit dreißig Jahren noch einmal zur Schulbank
zurückgekehrt war, um das Kriegshandwerk, in das er sich als dummer Junge
verirrt hatte, gegen einen Beruf zu vertauschen, der seiner weichen,
nachdenklichen Natur besser entsprach. Daß ihn dieser Krieg jetzt, zwanzig
Jahre später, noch einmal zum Soldaten gemacht hatte, war ein Unglück. Eine
Katastrophe, die ihn -- wie alle --, unverdient traf; mit der er sich aber
endlich abfinden mußte. Und dazu gehörte, in erster Reihe, das Loskommen
von allem raisonieren! Wozu sich viel mit Fragen quälen? Einer mußte doch
im Walde zurückbleiben, zur Aufsicht. Der Kommandant hatte diesen jungen
Zugführer bestimmt, also blieb dieser da. Und damit basta!
Peinlich war es nur, daß der Kerl so ein gerührtes Gesicht schnitt.
Widerlich, einfach widerlich war die hündische Dankbarkeit, die ihm aus den
feuchtschimmernden Augen strahlte! Wie kam der Mensch dazu, etwas von
seiner Mutter zu stammeln? Er wurde hier gelassen, weil der Dienst es
erforderte; seine Mutter hatte dabei nichts zu tun. Die saß in Wien, -- und
hier war Krieg. Das mußte er sich gesagt sein lassen: sein Kommandant
wollte nicht hoffen, daß er es als Glück, oder gar besondere Gnade
empfinde, nicht mit in den Kampf zu müssen!
Es wurde Hauptmann Marschner gleich leichter ums Herz, als er den
zerknirschten Sünder so herunterkapitelt hatte. Sein Gewissen war jetzt
ganz frei, als hätte er den Mann wirklich nur ganz zufällig auf diesen
Posten beordert. Doch dauerte dieses Gefühl nicht lange, denn der alberne
Kerl ließ es sich nicht nehmen, ihn, wie seinen Retter, anzuhimmeln. Und
als er, in stramm militärischer Haltung, aber mit einer Stimme, die rauh
und zitternd klang von verschluckten Tränen, »Wünsche gehorsamst viel
Glück, Herr Hauptmann« stammelte, da strahlte aus diesem Wunsch eine solche
Inbrunst, eine so glühende Anhänglichkeit, daß es dem Hauptmann auf einmal
wieder leer wurde im Magen, und er mit einer plötzlichen Wendung auf und
davon ging.
Nun wußte er ja Bescheid. Konnte sichs beiläufig ausrechnen, was der
Weixler schon alles an ihm beobachtet, wie der sich schon insgeheim über
seine Rührseligkeit mokiert haben mußte, wenn ein einfacher Mensch, wie
dieser Tischlergeselle, seine geheimsten Gedanken erriet! Er hatte ihm ja
kein Wort gesagt; hatte ihn nur verstohlen beobachtet, vorgestern abend,
beim Einwaggonieren in Wien, wie er von seiner Mutter Abschied nahm. Woher
ahnte der verdammte Kerl, daß die verwuzelte, eingeschrumpfte Knusperhexe,
mit der Haut, die, wie ausgedörrt vom Leben, in tausend Falten, schlaff an
den Backenknochen hing, solchen Eindruck auf seinen Hauptmann gemacht
hatte? Er selbst wußte es ja sicher gar nicht, wie rührend es aussah, als
das winzige Mütterchen, so von unten her, zu ihm emporblickte, und weil es
sein Gesicht nicht erreichen konnte, mit der zitternden Hand den breiten
Brustkasten streichelte. Kein Mensch konnte es ihm verraten haben, daß sein
Kompagniekommandant ihn seither nicht anschauen konnte, ohne auf der
himmelblauen Bluse, wie hingemalt, die zitronengelbe, dichtgeaderte Hand,
die knolligen, verkrümmten Finger zu sehen, die mit so unsagbar viel Liebe
den rauhen, haarigen Loden berührt hatten. Und doch war der Lump irgendwie
dahintergekommen, daß diese Hand schützend über ihm schwebte, für ihn
gebeten und das Herz seines Führers erweicht hatte.
Wütend stampfte Marschner über die Wiese, beschämt, als hätte ihm jemand
eine Larve vom Gesicht gerissen. So leicht war es also, ihn zu
durchschauen; trotz der vielen Mühe, die er sich nahm? . . . Er blieb
stehen, um sich zu verschnaufen; hieb wieder auf das Gras ein und fluchte
laut auf. Nun ja, er konnte sich eben nicht verstellen, konnte nicht
plötzlich aus seiner Haut heraus, und wenn es tausendmal Weltkrieg gab! Er
war gewöhnt, sich von Neffen und Nichten, gutmütig lachend, um die Finger
wickeln zu lassen; war unfähig, von heut auf morgen, zum Eisenfresser zu
werden, der vergnügt auf Menschenjagd geht! Was war das auch für ein
wahnwitziger Gedanke, alle Menschen über einen Löffel barbieren zu wollen?
Niemand dachte daran, aus Weixler einen weichherzigen Philanthropen zu
machen; und er sollte, so mir nichts, dir nichts, auf Befehl, ein
blutrünstiger Haudegen werden? . . . Er war nun mal nicht mehr zwanzig
Jahre alt, wie der Weixler, und diese stillen, traurigen Männer, die man so
grausam aus ihrem Erdreich gerissen hatte, waren ihm jeder mehr, als nur
ein Gewehr, das man in Reparatur schickt, wenn es beschädigt, gleichgültig
liegen läßt, wenn es unbrauchbar geworden ist. Wer das Leben schon von
allen Seiten angesehen und überdacht hatte, konnte nicht so zum
»Nur-Soldaten« werden, wie sein Leutnant, der noch gar nicht richtig Mensch
geworden war, die Welt noch gar nicht anders gesehen hatte, als vom Hofe
der Kadettenschule und der Kaserne aus.
Ja, wenn es noch gewesen wäre, wie am Anfang, als noch lauter junge,
abenteuerlustige Burschen aus den Waggonfenstern johlten, die nichts daheim
zurückließen, als höchstens Eltern, denen sie nun endlich imponieren
konnten! Damals hätte auch er seinen Mann gestellt, so gut wie irgend
einer; so gut, oder besser, als der stramme Leutnant Weixler. Damals
marschierten die Leute zwei, drei Wochen lang, ehe sie auf den Feind
stießen. Da löste man sich noch langsam vom Leben los, ging durch tausend
Mühen und Entbehrungen; bis über Hunger, Durst und Müdigkeit allmählich
alles vergessen war, was man weit -- weit rückwärts zurückgelassen hatte.
Da schwelte der Haß gegen den Feind, der einem all' die Not angetan hatte,
von Tag zu Tag immer höher; und der Kampf war Erlösung nach der langen,
passiven Leidenszeit.
Heute aber ging das alles auf eins--zwei. Vorgestern noch in Wien, -- und
jetzt, noch mit dem Abschiedskuß auf den Lippen, noch nicht ganz
losgerissen, gleich hinein ins Feuer. Und nicht blindlings, nicht
ahnungslos, wie die ersten! Für diese armen Teufel hatte der Krieg keine
Geheimnisse mehr. Jeder hatte schon Tote in seiner Familie oder seiner
Bekanntschaft; jeder hatte schon mit Verwundeten gesprochen, hatte
verstümmelte, entstellte Invaliden gesehen, und wußte mehr über
Schrapnellwunden, Querschläger, Gasgranaten und Flammenwerfer, als, vor dem
Kriege, Artilleriegeneräle und Stabsärzte gewußt.
Und just diese Sehenden, diese grausam Entwurzelten, mußte er nun führen!
Er, der ausrangierte Hauptmann Marschner, der Zivilist, der anfangs hatte
zu Hause bleiben müssen, bei den Rekruten. Jetzt, da es tausendmal härter
war, jetzt kam die Reihe an ihn, den Führer zu machen und er durfte sich
nicht wehren gegen die Aufgabe, der er nicht gewachsen war. Nein, er hatte
sich noch vordrängen, hatte, -- aus Anstand, -- auf seinem Rechte bestehen
müssen, damit nicht andere, die schon draußen ihr Blut vergossen hatten,
noch einmal hinausgingen, für ihn! -- -- --
Eine dumpfe, ohnmächtige Wut kam über den Hauptmann, als er nun vor seine
Soldaten hintrat, die in breiter Reihe aufgestellt, in atemloser Spannung
auf seine Lippen starrten. Was sollte er ihnen sagen? . . . Es widerstrebte
ihm, die üblichen patriotischen Phrasen, die wie von außen her diktiert auf
die Lippen verlangten, gefügig abzuleiern! Seit Monaten trug er den
trotzigen Entschluß in sich herum, das vorgeschriebene »dulce est pro
patrira mori« nicht auszusprechen, koste es was es wolle. Nichts war ihm so
zuwider, als dieses Klimpern mit dem Opfertod, dieser Marktschreierkniff:
das Sterben auszurufen, während es drinn in der Bude um's Morden ging.
Er biß die Zähne aufeinander und senkte scheu den Blick vor dieser Mauer
aus bleichen Gesichtern. Die dumme, kindische Bitte: »Gieb acht auf uns!«
blinzelte aufreizend aus allen Augen; brachte ihn zur Verzweiflung.
Am liebsten hätte er sie alle zurückgejagt zu den ihren, und wäre allein
weiter! Mit einem Ruck warf er sich trotzig in die Brust, heftete den Blick
starr auf eine Medaille, die ein Mann, in der Mitte der langen Reihe, auf
der Brust trug, und rief:
»-- Kinder! Wir geh'n jetzt an den Feind. Ich rechne darauf, daß jeder von
euch seine Pflicht tun wird, getreu seinem Fahneneid. Ich werde nichts von
euch verlangen, was nicht im Interesse unseres Vaterlandes, in eurem
eigenen Interesse also, für die Sicherheit euerer Frauen und Kinder
geschehen _muß_; darauf könnt ihr euch verlassen. Viel Glück! Und jetzt
los! --«
Er hatte, ohne es zu bemerken, die Stimme Weixlers, seinen überlauten,
forciert-schneidigen Kommandoton nachgeahmt, um die Rührung zu
überschreien, die ihm zitternd in der Kehle lauerte; und nach dem letzten
Worte kehrte er sich blitzschnell ab. Nur über die Schulter hinweg, ohne
sich noch einmal umzuschauen, gab er Befehl zum Ausschwärmen, ließ den Kopf
auf die Brust fallen, und begann mit großen Schritten den Aufstieg.
Hinter ihm knirschten die Stiefel, schlugen die Eßschalen klappernd gegen
irgend ein Ausrüstungsstück. Bald setzte auch das Keuchen der
schwerbepackten Mannschaft ein, und eine dicke, würgende Schweißwolke legte
sich über die marschierende Kompagnie.
Hauptmann Marschner schämte sich! Ein tiefer, körperlicher Ekel überkam ihn
vor der Rolle, die er da gespielt hatte. Was blieb diesen einfachen Leuten,
diesen Maurern, Monteuren und Landarbeitern, die ohne Fernblick, über ihren
Werktag gebeugt, dahingelebt hatten, denn zu tun übrig, wenn die feinen
Herrschaften, die studierten Leute, wenn der Herr Hauptmann, mit den drei
goldenen Sternen auf dem Kragen, sie versicherte, es sei ihre Pflicht und
höchst rühmenswert, italienische Maurer, Monteure und Landarbeiter über den
Haufen zu schießen? Sie gingen; -- -- keuchten hinter ihm her; und er -- --
-- er führte sie! Führte sie, gegen seinen Glauben, aus erbärmlicher
Feigheit, und forderte von ihnen Mut und Todesverachtung. Er hatte sie
beschwatzt, hatte ihr Vertrauen mißbraucht, ihre Liebe zu Frau und Kind
ausgebeutet, weil er eben lieber, für eine Lüge, vielleicht am Leben blieb,
vielleicht doch noch heil aus dem Kriege heim kam, als sich für die
Wahrheit, an die er glaubte, sicher füsilieren zu lassen! Er setzte sein
Leben, und das ihre, va banque auf falsche Karten, weil er zu feige war,
dem sicheren Verlust allein ins Auge zu schauen! -- -- --
Die Sonne brannte mit mörderischer Glut auf den steilen, baumlosen Abhang.
In das Platzen der Schrapnells, das Tacken der Maschinengewehre, das
Aufbrüllen der eigenen Geschütze, mischte sich, jetzt schon immer näher,
immer heller, das Heulen der herankommenden Geschosse. Und immer noch war
die Kammlinie nicht erreicht! . . . Der Hauptmann fühlte seine Lunge
versagen, blieb stehen, und hob den Arm. Die Leute sollten sich einen
Augenblick verschnaufen; waren seit vier Uhr morgens schon unterwegs;
hatten Tüchtiges geleistet mit ihren vierzigjährigen Beinen. Er merkte es
an sich selbst.
Mitleidig blickte er auf die blauroten, schweißüberströmten Gesichter, und
fuhr zusammen, als er Leutnant Weixler mit großen Schritten auf sich
zukommen sah. Warum konnte er dieses Gesicht nicht mehr sehen, ohne sich
wie angefallen zu fühlen, wie an der Kehle gepackt von einem Haß, der sich
kaum noch zügeln ließ? Er hätte eigentlich froh sein müssen, ihn hier
draußen an seiner Seite zu haben. Ein Blick in diese lauernden Augen mußte
genügen, um jeder Rührung Herr zu werden.
-- Bitt gehorsamst, Herr Hauptmann, -- hörte er ihn schnarren -- ich geh
auf den linken Flügel hinüber. Da sind ein paar Kerle, die mir nit recht
g'fallen. Besonders der Simmel, der rote Hund! Der zieht jetzt scho' den
Kopf ein, wann drüben ein Schrapnell platzt. --
Marschner schwieg. »Der rote Hund?« -- -- »Der Simmel?« -- -- Das war doch
der rothaarige Flügelmann im zweiten Zug; der Tapezierer, der das
entzückende, kleine Mäderl auf dem Arm getragen hatte, bis zum letzten
Augenblick. Bis der Weixler ihn brutal in den Wagen gejagt . . . Dem
Hauptmann war's, als sähe er noch den erstaunten Aufblick der Kinder zu dem
mächtigen Mann, der ihren Vater anzuschnauzen wagte.
-- Laß ihn nur, er wird sich schon drann gewöhnen -- sagte er mild. -- Er
hat halt noch seine Kinder im Kopf, und hat's net eilig, sie zu Waisen zu
machen. Die Leut können ja net alle Helden sein! Wann's nur ihre Pflicht
tun. --
Das Antlitz Weixlers wurde starr. Um die schmalen Lippen erschien wieder
jener harte, verächtliche Zug, der den Hauptmann jedesmal wie ein
Peitschenhieb traf.
-- Er soll jetzt eben nicht mehr an seine Fratz'n denken, sondern an den
Fahneneid, den er seinem allerhöchsten Kriegsherrn g'schworn hat! Hast es
Ihnen ja eben erst g'sagt, Herr Hauptmann. --
-- Ja, ja. Ich hab's ihnen gesagt! -- nickte Hauptmann Marschner
geistesabwesend, und ließ sich langsam ins Gras nieder. Nicht daß dieser so
sprach, wunderte ihn. Aber daß auch ihm einmal vor fünfundzwanzig Jahren,
als er, durch und durch mit Begeisterung wattiert, aus der Kadettenschule
kam, »Fahneneid« und »allerhöchster Kriegsherr« genau so erschöpfend
geklungen hatten! Wie dieser, wäre damals auch er voll freudiger
Begeisterung in einen Krieg gezogen. Wie aber sollte er heute, taub
geworden für den Fanfarenklang solcher Worte, und hellsehend für das
Gebälk, das sie trug, Schritt halten mit der Jugend, die für alles, was
stehend und mit erhobener Stimme verkündet wurde, ein gläubiges Echo war?
Wie sollte er von seinen braven, behäbigen Spießern, die das Leben schon so
gründlich gebändigt hatte, daß sie daheim hungernd an Reichtümern
vorbeigingen, die nur eine dünne Glaswand von ihnen schied, hier plötzlich
ein wildes Draufgehen verlangen? Wie an den Tapezierermeister Simmel die
gleichen Anforderungen stellen, als an den jungen Leutnant, der noch nie
anderes erstrebt hatte, als im Fechten, Ringen und Mut zeigen unter den
ersten genannt zu werden? Waren je Söldner für ihre Sitten, biedere
Bürgersleute für ihre Unerschrockenheit berühmt, -- je ein und dieselben
Menschen zwanzig und fünfundvierzig Jahre alt zugleich gewesen? -- -- --
Zusammengekauert, den Kopf zwischen den Fäusten, war der Hauptmann so tief
in seine Gedanken versunken, daß er Zeit und Ort vergaß, und alle Versuche
Leutnant Weixlers, ihn durch wiederholtes Vorbeischleichen, lautes
Umherhetzen der Mannschaft aufzuscheuchen, blieben erfolglos. Endlich
brachte ihn nahes Pferdegetrappel wieder zu Bewußtsein. Auf dem Feldweg,
der in halber Höhe um den Hügel lief, galoppierte ein Offizier, die hohe
Generalstäblermütze auf dem Kopf. Er parierte sein Pferd, erkundigte sich
verbindlich nach dem Marschziele der Kompagnie, und rümpfte die Nase, als
Hauptmann Marschner die Nummer der Quote nannte.
-- Dorthin geht's Ihr! -- rief er aus, und die Grimasse ging langsam in ein
respektvolles Lächeln über. -- Aa, da gratulier' ich! Da kommt's ja grad in
die dickste Schweinerei hinein. Dort wollen die Herren Katzelmacher seit
drei Tagen scho durch. Da will ich Euch net aufhalten! Die armen Teufln,
die dort liegen, wern die Ablösung gut brauch'n können. Servus. Und viel
Glück!
Mit Grazie berührten seine Finger die Kappe; das Pferd schrie auf unter dem
Druck der Sporen; -- und fort war er.
Der Hauptmann starrte ihm wie betäubt nach. »Aa, da gratulier ich!« klang
es ihm in den Ohren. Ein Mensch, hoch zu Roß, gut ausgeruht, rosig, sauber,
wie aus dem Schachterl, trifft zweihundert todgeweihte Opfer: verschwitzt,
atemlos, am Rande der Gefahr; weiß, daß in einer Stunde so manches Gesicht,
das sich jetzt noch neugierig ihm zuwendet, schon leidverzerrt oder
totenstarr im Grase liegen wird; -- und sagt lächelnd: »Aa, da gratulier'
ich!« Reitet weiter, ohne daß ihm ein andächtiger Schauer über den Rücken
liefe, ohne daß ein Schatten seine Stirne streifte!
Spurlos wird die Begegnung aus seinem Gedächtnis verschwinden; . . . nichts
heute abend, beim tafeln, ihn an den Kameraden erinnern, dem er am Morgen,
als Letzter vielleicht, die Hand gereicht! . . . Was bedeutete diesen
Auserwählten, die, aus sicherem Hinterhalt die Kolonnen ins Feuer schoben,
der Todesmarsch einer Kompagnie? Und der unglückselige rothaarige
Tapezierer, da nebenan, zitterte, zog den Kopf ein, riß großmächtig die
Augen auf, als hinge das Schicksal der Welt daran, ob er sein rotgelocktes
Mäderl noch einmal wird auf dem Arm tragen. Wahrlich, wenn man die Sache so
aus der richtigen Perspektive sich ansah, -- als vorbeigaloppierender
Generalstäbler, der das Ziel, den Sieg, den man früher oder später, bei
Gläserklirren bejubeln wird, im Auge hat, -- dann hatte der Weixler
eigentlich recht! Es mußte ihn empören, ein so großzügiges Heldengedicht
von einem einzelnen Hasenfuß derart ins Lächerliche gezogen, zu einer
weinerlichen Familienangelegenheit degradiert zu sehen.
-- Die armen Teufel, die dort liegen! . . . Marschner überlief es kalt, als
ihm, über die Worte des Generalstäblers, jäh die Vision des zerschossenen,
blutgetränkten Grabens aufstieg, mit der zu Tode erschöpften Besatzung, die
ihn, wie den Erlöser, herbeisehnte. Er erhob sich stöhnend, übermannt von
einem grimmigen, erbitterten Haß gegen diese Zeit. Keine Masche blieb da
offen! Jede Minute, die er seinen Leuten noch schenkte, war Diebstahl oder
gar Totschlag, begangen an jenen dort vorne. Wild warf er den Arm in die
Höhe und schritt aus, fest entschlossen, nicht mehr stehen zu bleiben, ehe
der Graben erreicht war, den er zu beziehen hatte. Sein Gesicht war bleich,
vergrämt; verzerrte sich zu einem gequälten Lächeln, so oft vom anderen
Flügel das aufreizend schnarrende: »Vorwärts, vorwärts!« seines Leutnants
zu ihm herüberklang.
Auf einmal blieb er stehen. In das Knattern, Pochen, Knallen sprang
plötzlich ein neuer Ton hinein; hob sich hell aus dem ganzen, kaum noch ins
Bewußtsein dringenden Spektakel. Er kam so gellend, so scharf drohend und
blitzschnell heran, daß der Ton gleichsam sichtbar wurde, ein heulender
Bogen in der Luft entstand, sich nahe an die Stirne heranbiß, und dort mit
einem kurzen, harten Peitschenschlag abriß, während, wenige Schritte weiter
vorne, ein kleiner Staubwirbel aufstieg, und unsichtbare Hagelkörner
klatschend ins Gras prasselten.
-- Ein Schrapnell! . . . .
Verdutzt blickte Hauptmann Marschner sich um, und sah zu seinem Schrecken
alle Blicke auf sich gerichtet. Wie um Rat fragend starrten alle Augen ihn
an; um die Lippen aller spielte ein sonderbares, verlegen verschämtes
Lächeln;
Nun hieß es mit gutem Beispiel vorangehen! Unbekümmert weiter marschieren
ohne stehen zu bleiben oder aufzublicken! Es war ja im Grunde ganz alles
eins was man tat. Ein Davonlaufen oder Verstecken gab's da nicht. Da hieß
es Glück haben; -- sonst gab es keinen Schuß. Also vorwärts, als wüßte man
von nichts! War nur einer da, der sich nichts aus der Sache zu machen
schien, dann bekamen's die anderen mit der Scham, kontrollierten sich
gegenseitig, und dann war alles gewonnen. Er merkte es ja an sich selbst,
wie ihm das Gefühl, von allen Seiten beobachtet zu werden, Haltung gab.
Wäre er ganz allein gewesen, er hätte sich vielleicht hingeworfen; hätte
hinter einem Stein Deckung gesucht, und wenn er noch so klein gewesen wäre.
-- War nur ein Weitschuß! Vorwärts Kinder! -- rief er laut, fast fröhlich
gemacht von dem Gefühl: seinen Leuten eine Stütze zu sein. Da schwirrten,
-- ehe er noch fertig gesprochen hatte, schon die nächsten heran. Er
versteifte alle Muskeln, und knirschte vor Wut, als sein Oberkörper dennoch
zurückfuhr, und der Kopf für einen Augenblick zwischen den Schultern
versank. Nicht die Wucht, mit der das Heulen heranflog, ließ ihn
zusammenzucken! Die sonderbare Deutlichkeit, mit der die Flugbahn, genau
wie auf der Abbildung im Artillerieunterricht, sich vor ihm wölbte; dieses
widernatürliche Gefühl, einen Ton mehr mit den Augen, als mit dem Ohr
erfassen zu müssen, das war's, wogegen kein Wille aufkam.
Man mußte was tun, sich irgendwie die Illusion verschaffen, nicht ganz
wehrlos zu sein! -- Kompagnie Laufschritt! -- schrie er, so laut er nur
konnte, beide Hände als Sprachrohr vor dem Mund.
Wie erlöst stürmten die Leute los. Die Spannung schwand von ihren
Gesichtern; jeder einzelne war irgendwie mit sich beschäftigt, stolperte,
raffte sich auf, haschte nach locker gewordenen Ausrüstungsstücken; und in
dem allgemeinen Keuchen und Pusten ging der drohende Pfiff der ankommenden
Geschosse fast unbemerkt unter.
Nach einer Weile war es Hauptmann Marschner, als fauchte ihm jemand ins
linke Ohr hinein. Er wandte den Kopf, und sah Weixler, dunkelrot im
Gesicht, neben sich herlaufen. -- Was gibt's? -- frug er, unwillkürlich in
Schritt fallend.
-- Herr Hauptmann, ich meld' gehorsamst, man sollt' ein Exempel statuieren!
Der Simmel, der Feigling, demoralisiert die ganze Kompagnie. Bei jedem
Schrapnell schreit er »Jesus-Maria«, schmeißt sich hin und macht den andern
Angst. Man sollt' den Kerl als abschreckendes Beispiel . . . .
Mitten in den Satz sauste eine Lage von vier Schrapnells hinein. Das Heulen
schien noch lauter. noch schärfer geworden zu sein; dem Hauptmann war's,
als flitzte, blendend hell, eine ungeheure Sense in steilem Bogen direkt
auf seinen Schädel zu. Diesmal aber durfte er mit keiner Wimper zucken! Wie
beim Zahnarzt, wenn die Zange ansetzt, krampften sich seine Glieder;
zugleich starrte er seinem Leutnant forschend ins Gesicht, neugierig, wie
er sich im ersehnten Feuer nun benahm. Allein der schien von den
Schrapnells gar nicht Notiz zu nehmen. Er reckte sich, sah mit gespannter
Aufmerksamkeit zum linken Flügel hinüber und rief empört:
-- Da! Siehst, Herr Hauptmann! Da liegt der verdammte Kerl schon wieder!
Ich will ihm doch . . .
Ehe ihn Marschner erhaschen konnte, war er schon losgesprungen, blieb aber
auf dem halben Wege stehen, machte Kehrt und kam mißmutig zurück.
-- Der Kerl ist getroffen, -- meldete er mürrisch, mit einem verärgerten
Achselzucken.
-- Getroffen? -- entfuhr es dem Hauptmann, und ein häßlicher, bitterer
Geschmack klebte ihm plötzlich die Zunge an den Gaumen. Er sah die frostige
Ruhe in Weixlers Zügen, den teilnahmslosen, gleichgültigen Blick, und seine
Hand zuckte in die Höhe. Schlagen hätte er ihn mögen, so aufreizend wirkte
diese Unberührtheit, so weh tat ihm dieses hingeworfene »der Kerl ist
getroffen«. Das Bild des netten Mäderls, mit der hellen Schleife in den
roten Locken, blitzte vorbei, und die Vision einer verkrümmten Leiche, die
ein Kind in den Armen hielt. Wie durch einen Schleier hindurch sah er
Weixler, an sich vorbei, der Kompagnie nacheilen, und lief hinüber, wo
neben etwas Unsichtbarem zwei Sanitätssoldaten knieten.
Der Verwundete lag am Rücken; seine flammend roten Haare umrahmten ein
grün-graues, gespenstisch-regungsloses Gesicht. Vor wenigen Minuten hatte
Hauptmann Marschner den Mann noch laufen, -- dasselbe Antlitz noch erhitzt,
in erregter Lebendigkeit gesehen. Seine Kniee gaben nach; -- wie eine kalte
Hand wühlte der Anblick dieses unfaßbar jähen Wechsels in seinem Innern.
War das möglich? . . . . Konnte so alles Blut in einer Sekunde entweichen;
ein gesunder, kräftiger Mensch in wenigen Augenblicken zur Ruine zerfallen?
Welche Höllenkraft lauerte in so einem Stück Eisen, daß es die Arbeit
monatelangen Siechtums zwischen zwei Atemzügen verrichten konnte.
-- Keine Angst, Simmel, -- stammelte der Hauptmann, auf die Schulter eines
Sanitätssoldaten gestützt, -- man wird sie runtertragen zum Train! -- und
tief atemholend, rang er sich mühsam die Lüge ab: -- Jetzt kommen's gar als
Erster nach Wien zurück! -- Er wollte auch noch etwas von der Familie, von
dem rotlockigen Mäderl hinzufügen, brachte es aber nicht über die Lippen.
Es war ihm bange vor einem Aufschrei des Sterbenden nach den Seinen, und
ein inneres Zittern durchlief ihn, als der qualvoll verzerrte Mund sich
langsam auftat. Er sah die Augen sich öffnen; erschauerte vor dem gläsernen
Blick, der an nichts Körperlichem mehr einen Halt zu finden, durch alle
Anwesenden hindurch in weiter Ferne was zu suchen schien. Der Körper
krümmte sich unter den wühlenden Händen des Sanitäters; aus der
aufgerissenen, blutüberströmten Brust stiegen gurgelnd unverständliche
Laute, bliesen den roten Schaum vor dem Mund zu platzenden Luftblasen auf.
-- Simmel! Was wollen Sie Simmel? -- bat Marschner, tief über den
Verwundeten gebeugt. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er dem Lallen,
überzeugt, daß es eine letzte Botschaft zu erhaschen galt! Er atmete auf,
als die verirrten Augen endlich zurückfanden, und ängstlich forschend
haften blieben auf seinem Gesicht. -- Simmel -- rief er wieder und haschte
nach der Hand, die zitternd die Wunde suchte. -- Simmel! Kennen's mich denn
nicht?
Simmel nickte. Er riß die Augen auf, seine Mundwinkel sanken herab, und
weinerlich, vorwurfsvoll, -- wie es dem Hauptmann schien, -- kam aus der
zerfetzten Brust die Klage: -- Weh -- -- Herr Hauptmann -- -- -- so weh! --
und nach einem kurzen, röchelnden Schmerzenslaut wiederholte er schäumend,
mit einem gellenden Wutschrei: -- Weh! -- -- -- Weh! -- -- -- und schlug um
sich, mit Händen und Füßen.
Hauptmann Marschner sprang auf. -- Tragt's ihn hinunter! -- befahl er,
hielt sich, ohne zu wissen was er tat, die Ohren zu, und lief davon, der
Kompagnie nach, die schon oben auf der Kammlinie stand. Er lief, den Kopf,
wie in einen Schraubstock, zwischen die Hände gepreßt, torkelnd, atemlos;
von einer Angst getrieben, als stürmte das Wehklagen des Verwundeten mit
erhobener Axt hinter ihm her. Er sah den eingeschrumpften Leib sich winden,
sah das blitzschnell verwelkte Gesicht, das vergilbte Weiß der Augen, und
das »So weh, Herr Hauptmann« klang in ihm fort, krallte sich ihm in die
Brust, daß er, oben angelangt, halb erstickt niederfiel, als hätte man ihm
den Boden unter den Füßen weggezogen.
Nein, er konnte das nicht! Er wollte nicht mehr! . . . . Er war kein
Henker; war nicht fähig, Menschen in den Tod zu peitschen; konnte nicht
taub sein für ihren Jammer, für dieses Kinderwimmern, das wie bitterer
Vorwurf sein Gewissen traf! Seine Füße stampften trotzig den Boden; alles
in ihm bäumte sich gegen die Aufgabe, die ihn rief.
Unten dehnte sich das Schlachtfeld; trostlos grau. Kein Baum, kein
Fleckchen Grün. Eine steinerne Wüste; zerhackt, zermürbt, aufgewühlt, ohne
ein einziges Lebenszeichen. Die Laufgräben, die, in der Talsohle beginnend,
hinaufführten zum Hügelrand, aus dem die Drahtzäune starrten, sahen wie zum
Griff gespannte Finger aus; krallten sich tief in den erwürgten Boden ein.
Marschner blickte sich unwillkürlich noch einmal um. Hinter ihm senkte sich
die grüne Böschung steil zu dem Wäldchen, in dessen Schutz er seinen Train
zurückgelassen hatte. Weiter rückwärts glänzte weiß die Landstraße, wie ein
Fluß, von bunten Wiesen umrahmt. Eine kurze Wendung -- und das Grün
verschwand! Alles Leben ging unter, wie niedergebrüllt von den Geschützen,
von dem Heulen und Knallen, das, gleich dem Pulsschlag eines ungeheuren
Fiebers, in das jenseitige Tal hineinhämmerte. Granattrichter neben
Granattrichter gähnte dort unten; dicke, schwarze Erdsäulen sprangen
zuweilen auf, verdeckten für Augenblicke ein Teilchen dieser zu Asche
gebrannten Öde, aus der die geborstenen, wie mit dem Federmesser
zerschnitzelten Baumstümpfe höhnend emporragten, eine Herausforderung an
die ohnmächtige Phantasie: in diesem Totenfeld aus Schutt die Landschaft
wiederzuerkennen, die es gewesen, ehe der Wahnsinn darüber hinweggefegt,
und es mit Trümmern besät zurückgelassen hatte, wie einen Tanzboden, auf
dem zwei Welten um eine Dirn' gerauft.
Und in dieses Höllental sollte er nun hinuntersteigen! Dort unten _leben_,
fünf Tage und fünf Nächte lang, mit einem Häufchen Verdammter da
hinausgespien, bei lebendigem Leibe auf den Angelhaken gespießt, als Köder
für den Feind! . . . .
Ganz allein, von niemandem belauscht, umtobt von dem Platzen der Geschosse,
die da oben dicht, wie Gewitterregen fielen, -- gab Hauptmann Marschner
sich ganz seiner Wut hin, der ohnmächtigen Wut gegen eine Welt, die ihm
solches angetan! Er fluchte, schrie seinen Haß aus voller Kehle in den
tauben Lärm hinein, und sprang auf, als weit unten, fast im Tal schon,
seine Leute auftauchten, gefolgt von Leutnant Weixler, der hinter ihnen
herlief, wie ein Metzgergesell, der seine Ochsen zur Schlachtbank treibt.
Der Hauptmann sah sie eilen, sah die Sprengwolken sich mehren über ihren
Köpfen, sah, zwischen sich und ihnen, da und dort auf dem Abhang, wie
liegengebliebene Rucksäcke, blau-graue Häufchen zerstreut, regungslos die
einen, wie große Spinnen zappelnd die anderen; -- und stürmte los.
Wie toll raste er über die steile Böschung, fühlte kaum die Erde unter den
Füßen, hörte das Prasseln der Sprengstücke nicht, flog mehr, als er lief,
stolperte über verkohlte Wurzeln, fiel hin, raffte sich auf und sprang
weiter, ohne nach rechts oder links zu schauen, mit geschlossenen Augen
fast. Ab und zu sah er -- wie aus dem Eisenbahnfenster --, ein blasses,
verstörtes Gesicht vorbeihuschen; einmal war's ihm, als wimmerte jemand um
Wasser; aber er wollte nichts sehen, wollte nichts hören, lief weiter,
blind und taub, unaufhaltsam, gejagt von der Angst vor jenem bösen,
vorwurfsvollen »So weh!« . . . .
Nur einmal blieb er stehen, fest gewurzelt, als wäre er in eine Falle
getreten, die sich eisern an seine Beine klammerte. Eine Hand hielt ihn
auf, eine graue, verkrampfte Hand, die mit gekrümmten Fingern, wie aus
Stein gehauen, starr vor ihm aufragte. Ein Gesicht sah er nicht; hatte
keine Ahnung, wer ihm drohend die tote Faust entgegenhielt. Nur, daß diese
selbe Hand vor zwei Stunden noch gelebt, drüben im Wäldchen gemächlich
Schwarzbrot in Scheiben geschnitten, oder eine letzte Feldpostkarte
geschrieben hatte, wußte er. Und ein Grauen sprang ihn an vor diesen
Fingern, gab seinen Beinen neue Kraft, daß er, wie ein Knabe, in großen
Sätzen weiter stürmte, bis er mit fliegenden Flanken, eine rote Wolke vor
den Augen, endlich bei der Kompagnie ankam, ganz unten im Tal schon, am
Eingang der Laufgräben.
Leutnant Weixler trat stramm vor ihn hin, und meldete den Verlust von
vierzehn Mann. Marschner hörte den Stolz, der in seiner Stimme klang, wie
Triumph über das Geleistete, wie das Jubilieren eines unreifen Jungen, der
mit den ersten Härchen auf der Oberlippe prahlt, mit Würde seinen jungen
Baß forciert. Was waren diesem Burschen die Verwundeten, die oben, auf dem
Abhang, sich kugelten? Der rothaarige Feigling mit seinem Gewimmer, -- die
Kinder, die ihrer Ernährer beraubt einem Bettlerdasein, dem Sumpf,
vielleicht dem Gefängnis entgegenreiften -- alles Statisten, Hintergrund,
dessen Dunkel leuchtend den Heldenmut des Leutnant Weixler hob. Vierzehn
blutige Leiber säumten den Weg, den er furchtlos gegangen. Mußten seine
Augen nicht Hochmut sprühen? . . . .
Der Hauptmann eilte weiter, an Weixler vorbei. Nur nicht ihn anschauen --
sagte er sich, -- nur nicht diesem zufrieden leuchtenden Blick begegnen;
sonst könnte der Zorn Herr werden über alle Vernunft, die Zunge sich lösen,
die geballte Rechte den Weg des eigenen Willens gehen! Hier aber mußte er
diesen Menschen schonen, hier war der Leutnant Weixler in seinem Recht,
wuchs von Minute zu Minute, überragte alle, schwamm obenauf, während die
anderen, mit der Last ihrer gereiften Menschlichkeit behängt, klotzig
versanken. Hier galten andere Gesetze! Der finstere Schacht, in dem man nun
mit zitternden Knien vorwärts wankte, führte zu einer Insel, die nur der
Tod umspülte. Wer da strandete, durfte nichts mithaben, was er in einer
anderen Welt gebraucht. Nur wer nichts herübergerettet hatte, als Faust und
Axt, war hier der Meister; war der Reiche, an dessen Überfluß die anderen
sich klammerten. Immer klarer wurde es Hauptmann Marschner, während er sich
durch den glitschigen Graben betäubt weiter tastete, daß er seinen
verhaßten Leutnant jetzt wie einen Schatz hüten müsse, daß er verloren
wäre, ohne ihn! Er sah die Spur geronnener Blutlachen vor seinen Füßen,
trat auf zerfetzte, blutdurchtränkte Uniformstücke, auf abgeschossene
Hülsen, klirrende Konservenbüchsen, Geschoßtrümmer; gähnende Granattrichter
öffneten sich plötzlich, mit angebrannten Brettern halsbrecherisch
überbrückt; überall grinsten die Spuren tobsüchtiger Verwüstung, verkohlte
Reste, ein Wust von Drähten, Pfosten, Säcken, zerbrochenen Werkzeugen, eine
atemraubende, schwindelerregende Unordnung, eingehüllt in stickigen
Brandgeruch, Pulverdampf, und den scharfen, stechenden Atem der
Ecrasitgranaten; die Erde auf Schritt und Tritt von riesenhaften
Explosionen zerfleischt, mühsam zusammengeflickt, wieder aufgerissen, noch
einmal eingeebnet, -- daß man, wie durch einen Orkan, wie von einem Wirbel
erfaßt, bewußtlos dahintorkelte.
Zermalmt von der Wucht seiner Eindrücke, kroch Hauptmann Marschner wie ein
Wurm durch den Graben, und seine Gedanken kehrten immer leidenschaftlicher,
immer verzweifelter zu Leutnant Weixler zurück. Nur Weixler konnte ihm
helfen, konnte ihn ersetzen, mit seiner frostigen, grimmigen Energie, mit
seiner Blindheit für alles, was nicht an seinem eigenen Leben riß, was
überstrahlt wurde von der glanzvollen Vorstellung eines mit Dekorationen
übersäten, außertourlich beförderten Erich Weixler! -- -- Ängstlich sah er
sich immer wieder nach seinem Leutnant um; atmete auf, so oft von rückwärts
die schnarrende, treibende Stimme an sein Ohr schlug.
Noch immer wollte der Graben kein Ende nehmen! Marschner fühlte seine
Kräfte erlahmen, stolperte immer häufiger, und schloß doch erschauernd die
Augen vor den sich kreuzenden Blutspuren, die genau den Weg der Verwundeten
zeigten. Auf einmal riß er den Kopf hoch. Ein neuer Geruch drang auf ihn
ein, ein süßlicher Gestank, der immer stärker wurde, bis er, bei einer
Einbuchtung der Grabenwand, die hier, nach links einschwenkend,
halbkreisförmig zurücktrat, wie eine dichte Wolke vorbrach. Von Ekel
geschüttelt, den Magen in der Kehle sah er sich um, erblickte in der
Vertiefung einen Hügel von schmutzigen, zerfetzten Uniformen, übereinander
geschichtet, mit merkwürdig starren Kontouren. Nur allmählich erfaßte sein
Blick das Grauen, das sich vor ihm türmte. Gefallene Soldaten lagen da, wie
zusammengetragene Bretter und Traversen auf einem Bauplatz; verkrümmt, wie
der Todeskampf sie gelassen. Zeltbahnen waren über sie gebreitet, waren
beiseite geglitten, enthüllten steingraue, grimmige Fratzen, herabgefallene
Kinnladen, glotzende Augen. Die Arme der Obenaufliegenden hingen wie ein
Spalier bis zur Erde hinab, griffen den Unteren ins Gesicht, waren schon
übersät mit den bunten Flecken der Verwesung.
Hauptmann Marschner stieß einen kurzen, rülpsenden Schrei aus und torkelte
vornüber. Sein Kopf erzitterte im Genick, wie haltlos geworden; seine Knie
knickten ein, daß er den Boden schon auf sich zukommen sah, als plötzlich
ein unbekanntes Gesicht vor ihm auftauchte, seinen Blick auf sich zog, ihm
jäh wieder Haltung gab. Ein fremder Feldwebel stand vor ihm, starrte ihn
sprachlos an, mit großen, fiebrig glänzenden Augen in dem totenbleichen
Gesicht. Eine Sekunde lang blieb er wie gelähmt, dann riß er den Mund auf,
klatschte in die Hände, sprang in die Luft, wie ein Tänzer, und lief, ohne
an eine Ehrenbezeugung zu denken, in riesigen Sprüngen davon.
-- Ablösung! -- schrie er im Laufen, blieb stehen vor einem schwarzen Loch,
das wie der Eingang zu einer Höhle in der Grabenwand gähnte, und rief mit
unbeschreiblichem Jubel in der Stimme, mit einem Jauchzer, der wie durch
Tränen klang, gebückt, in die finstere Öffnung hinein: -- Ablösung! . . .
Herr Oberleutnant! Ablösung is' da! . . .
Der Hauptmann folgte ihm mit den Blicken, hörte den Ruf, und seine Augen
wurden feucht, so rührend war dieser kindliche Freudenschrei, dieses
Schmettern aus befreiter Brust. Langsam ging er dem Feldwebel nach, sah, --
als hätte der Schrei die Toten geweckt, -- aus allen Ecken blasse Gesichter
hervorlugen, Verwundete mit blutigen Verbänden, schlotternde Gestalten mit
dem Gewehr in der Hand. Von allen Seiten strömten Leute herbei, starrten
ihn an, formten mit den Lippen lautlos das Wort »Ablösung« nach, bis
endlich einer losbrüllte, ein gellendes Hurrah ausbrachte, das wie Feuer
weiterlief, ein Echo fand in unsichtbaren Kehlen, die es begeistert
wiederholten. Erschüttert beugte Marschner den Kopf; -- fuhr sich schnell
mit der Hand über die Augen, als ihm der Kommandant aus der Höhle
entgegenstürzte.
Nichts war mehr lebendig an diesem Menschen: sein Gesicht war aschgrau,
seine Augen erloschen, glanzlos, von fingerbreiten Rändern umzogen; die
Lider glühend rot vom Wachen. Haare, Bart, Kleidung waren überzogen mit
einer dicken Kruste aus Lehm und Schmutz, daß er aussah, als wäre er eben
aus dem Grab gestiegen. Die Hand, die, nach kurzer, militärischer Meldung,
mit überschwenglicher Freude die Rechte des Hauptmanns umklammerte, war
leichenkalt, und klebte von Schweiß und Erde. Unheimlich war der Gegensatz
zwischen diesem, mit Kleidern behängten Knochengerippe, zwischen dieser
starren Totenmaske, und der zappligen, überreizten Lebendigkeit, mit
welcher der Oberleutnant über seine Befreier herfiel.
Die Worte strömten wie ein Wasserfall von seinen zersprungenen Lippen. Er
zog Marschner in die Höhle hinein, drückte den Strauchelnden, der, wie
geblendet um sich griff, auf eine unsichtbare Sitzgelegenheit nieder, und
begann zu erzählen. Nicht einen Augenblick konnte er ruhig stehen. Er
hüpfte, schlug sich an die Schenkel, lachte überlaut, lief tänzelnd auf und
ab, warf sich auf das Lager in der Ecke, verlangte zwischendurch immer
wieder eine Cigarette, schleuderte sie, -- ohne es zu merken, -- nach zwei
Zügen schon weg, und bat gleich um eine neue.
-- Also drei Stunden später, -- krähte er selig, mit einer forcierten
Heiterkeit, -- Drei . . . nein! In _einer_ Stund schon wär's zu spät
g'wesen. Weißt', wie viel Patronen ich noch hab? Elfhundert im ganzen!
Maschinengewehr: ausgeleiert; Telephon: kaput, seit gestern Nacht schon!
Patrouille zum reparieren, -- unmöglich, weil ich jeden Mann im Graben
brauch. Hundertvierundsechzig san mir eingezogen, -- jetzt hab' ich noch
einunddreißig, und elf Verwundete, die kein G'wehr mehr halten können.
Einunddreißig Manderln, und damit soll ich den Grab'n halten. Heit Nacht
war'n wir noch fünfundvierzig, wie's kommen sind; haben's auch zum Teufl
g'jagt; aber vierzehn san wieder draufgangen! Die habn mir noch gar nicht
begraben können. Hast sie nit liegen g'sehn, vor dem Mannschaftsunterstand?
--
Der Hauptmann ließ ihn reden; hatte die Ellenbogen auf den primitiven Tisch
aufgestützt, hielt den Kopf zwischen den Händen, und schwieg. Seine Augen
irrten durch den finsteren, muffigen Raum, den ein blakendes
Petroleumlämpchen mit seinem Gestank erfüllte. Er sah das verschimmelte
Stroh in der Ecke, den verwaisten Fernsprecher neben dem Eingang, eine
leere Konservenkiste, auf der eine verknüllte Landkarte ausgebreitet lag;
sah einen Berg von Gewehren, Bündel von Uniformen, mit Zetteln besteckt;
und fühlte, wie langsam ein stummes, eisiges Grauen in ihm hochstieg, ihm
den Atem verschnürte, als läge die Erde, die da oben von geborstenen
Brettern gehalten, jeden Augenblick niederzustürzen drohte, mit Zentnerlast
auf seiner Brust. Wie ein böser Traum wirkte dieses tänzelnde Gespenst, mit
dem kichernden Totenkopf, der vor acht Tagen vielleicht noch jung gewesen;
und der Gedanke, daß jetzt an ihn die Reihe kam, in diesem Grabgewölbe
fünf, sechs, acht Tage lang auszuharren, die gleichen Greuel zu erleben,
die der andere lachend erzählte, steigerten seine Mutlosigkeit zu einer
heißen, hämmernden Empörung, die er kaum noch meistern konnte. Er hätte
brüllen mögen; aufspringen, hinauslaufen, und aus tiefster Seele heraus die
Menschheit anbrüllen, warum sie ihn dahergeworfen, warum er da liegen
bleiben sollte, bis er zu Aas oder zum Narren geworden. Er konnte es nicht
begreifen, wie er sich hatte hier hinaustreiben lassen; sah keinen Sinn,
kein Ziel, nur dieses Erdloch, die verwesenden Leichen draußen und --
gleich daneben --, einen Schritt weit nur von dieser Tobsucht, sein Wien,
wie er es vor zwei Tagen erst verlassen hatte, -- mit Trambahnen,
Schaufenstern, grüßenden Menschen und Theatersälen. Was war das für ein
Wahnsinn, hier zu kauern, in blöder Geduld auf den Tod zu warten, -- in
Schmutz und Blut, wie ein Tier, auf nackter Erde zu verrecken, während
andere froh, sauber, geschmückt, in hellen Sälen saßen, sich was
vormusizieren ließen, in ihr weiches Bett krochen, ohne Angst, ohne Gefahr;
gehütet von einer Welt, die entrüstet über jeden herfiele, der ihnen auch
nur ein Härchen krümmen wollte! . . . . War er schon irr, oder waren's die
anderen?
Seine Pulse tobten, als müßte die Brust ihm platzen, wenn er sich diese Not
nicht von der Seele schreien durfte. Und in diesem Augenblick kam Leutnant
Weixler in geschäftiger Eile, wie ein Ballarrangeur, in den Unterstand,
stellte sich stramm vor ihn hin und meldete, daß oben alles in Ordnung sei,
daß er die Posten schon bestimmt, die Wachen abgeteilt, die
Maschinengewehre schon plaziert habe. Der Hauptmann sah ihn an, und mußte
die Augen niederschlagen, wie geohrfeigt von dieser Gelassenheit, die seine
Wut jäh zu einer tiefen, brennenden Scham welken ließ. Warum blieb dieser
unberührt von der großen Todesangst, die hier die Luft schwängerte? Warum
konnte dieser da ordnen, befehlen, mit der Umsicht eines reifen Mannes
walten, während er wie ein verschüchtertes Kind sich verkroch, mit dem
sinnlosen Trotz der bedrängten Kreatur sich gegen das Schicksal bäumte,
statt es zu meistern, wie es seinem Alter geziemte? . . . War er denn feig?
. . War er wirklich von niedriger, kläglicher Angst beherrscht, -- von
jener erbärmlichen Blindheit der Seele, die über das eigene Ich nicht
emporblicken, für keine Idee sich selbst übersehen kann? War er so, ohne
Sinn für Gemeinschaft, wirklich ganz von kurzsichtiger Selbstsucht
beherrscht; um sein nacktes, elendes Dasein nur besorgt? . . . .
Nein, so war er nicht! Hing nicht mehr an seinem Leben, als irgend ein
anderer; könnte es begeistert hingeben ohne Fahnen, ohne Rausch, ohne
Applaus! Wenn der feindliche Graben da drüben mit Menschen, wie der Weixler
gefüllt wäre, wenn der Kampf gegen diese verbohrte Härte ginge, gegen diese
mit Menschenfleisch aufgemästeten Schlagworte, gegen diese ganze,
raffiniert aufgebaute Gewaltmaschine, die ihre Schützlinge als Schutzwall
vor sich hertrieb, -- -- -- er würde sich mit den bloßen Fäusten
hineinstürzen, ohne das Platzen der Geschosse, das Wimmern der Verwundeten
zu hören! . . . Nein, er war nicht feig. Nicht so, wie diese beiden
dachten! Er sah sie spöttisch blinzeln, sich heimlich lustig machen über
den unglücklichen Landsturmonkel, der wie ein Häufchen Elend in der Ecke
saß. Was wußten die von seiner Not! Standen da als »Helden«, fühlten den
Blick der Heimat auf sich ruhen, sprachen Worte, die, getragen von dem Echo
einer Welt, die Einsamkeit mit Gleichgesinnten bevölkerten und die Kraft
von Millionen in ihre Seele strömten; -- und lachten über einen, der töten
sollte ohne Haß, und sterben ohne Begeisterung, für einen Sieg, der ihm
nichts war als Gewalt, die sich durchsetzte, weil sie stärker zuschlug,
nicht aber weil sie im Rechte, weil ihr Ziel gut und edel war. Möchten
diese nur über ihn spotten; -- er hatte keinen Grund sich zu verkriechen
vor ihrem Mut!
Ein kalter, stolzer Trotz durchströmte ihn, daß er aufstand, auf einmal
stark geworden, wie gehoben von der übermenschlichen Last, die er allein
auf seinen Schultern trug. Er sah den Oberleutnant immer noch umhertänzeln,
alles zusammenraffen und in seinen Rucksack stopfen; hörte ihn brüllend den
Burschen beschimpfen, zur Eile treiben, und zwischendurch immer wieder neue
Einzelheiten auskramen, grausige Episoden aus den Kämpfen der letzten Tage,
die Weixler mit gespannter Aufmerksamkeit verschlang.
-- Was fragst? -- schrie er eben lachend seinen Zuhörer an, -- ob
d'Italiener auch große Verluste g'habt haben? Ja, meinst, wir hab'n uns nur
so z'ammpfeffern lassen wie die Has'n? Kannst dir ja ausrechnen, was die
verloren haben, in den elf Angriffen, wann mir schon auf dreißig Manderln
zammg'schmolz'n san, ohne aus'm Graben zu kriechen. Die soll'n nur so
weiter machen, noch a paar Woch'n lang, dann werden's bald fertig sein mit
ihrem Menschenmaterial! --
Hauptmann Marschner hatte nicht aufpassen wollen, stand über die Karte
gebeugt und fuhr in die Höhe, als das Wort »Menschenmaterial« an sein Ohr
schlug. Das klang in seine Gedanken hinein, wie ein Hohnschrei; -- als
hätten die beiden ihn durchschaut und sich verabredet, ihm so recht zu
zeigen, wie allein er war.
»Menschenmaterial!«
In einem Graben, den Leichengeruch durchzog, der Einschlag der Granaten
durchzitterte, standen zwei: jeder selbst Einsatz, und sprachen, während
auch um ihre Knochen die Würfel noch rollten, von »Menschenmaterial«!
Brachten dies ruchlos-schändliche Wort über die Lippen, ohne jede Empörung,
als wäre es nur natürlich, daß ihr Leib nicht mehr als eine Spielmünze war
in der Hand von Menschen, die sich das Recht nahmen, wie Götter zu spielen!
Legten ihr einzig-unwiederbringliches Leben ohne Bedenken einer Macht unter
die Füße, die es erst mit ihren Leichen beweisen konnte, ob sie den Einsatz
richtig zu plazieren weiß. Und die so sprachen, waren Offiziere! . . . . Wo
gab es da noch einen Hoffnungsschimmer?
Draußen bei den Einfachen, beim Kanonenfutter vielleicht! Die kauerten
jetzt ergeben auf ihren Plätzen, dachten nach Hause, und fühlten sich doch
jeder immer noch als Mensch. -- Es zog ihn zu seinen Leuten, zu ihrer
stillen, stumpfen Trauer, zu dieser wirklichen Größe, die ohne Pathos und
ohne Feierlichkeit, gleichsam in der Hausjoppe, geduldig den Heldentod
erwartete. Lautlos ging er, an den beiden Schwätzern vorbei, hinaus ins
Freie.
Vor dem Ausgang standen marschbereit die Übriggebliebenen der abgelösten
Kompagnie im Laufgraben: immer zwei Mann mit einem toten Kameraden auf der
Zeltbahn zwischen sich. Ein langer Zug, erschütternd in der lautlosen
Erwartung, in die von oben das Zischen und Knallen der Schrapnells, das
Krachen der Granaten wie eine Drohung an die noch Lebenden sich mischte.
Marschner ballte erbittert die Fäuste gegen diese dröhnende
Unersättlichkeit, als plötzlich der bleiche Feldwebel vor die Toten trat,
und ihn aus seiner Versunkenheit schreckte.
-- Herr Hauptmann, ich meld' gehorsamst, wir haben noch drei
Schwerverwundete, die net geh'n können, außer unsere vierzehn Toten. Für
die drei Italiener sind mir keine Träger geblieben.
-- Die lass'n wir euch zum Andenken da! -- fiel mit seinem dröhnenden
Lachen der Oberleutnant ein, der eben mit Weixler den Unterstand verließ.
-- Bei der Nacht kannst du sie da oben, zwischen den Laufgräben,
verscharren lassen, Herr Hauptmann. Wann's finster wird, verlegen die Herrn
Katzelmacher ihr Sperrfeuer weiter zurück, da kann man schon hinauf. Viel
Ruh werdens zwar net hab'n, denn die Granaten reiß'n alles wieder auf; aber
unsere eigenen Toten habens auch net schöner. Meinen armen Kadetten hab ich
scho' dreimal begraben lass'n.
-- Wie kommen denn die drei überhaupt her? -- fragte Leutnant Weixler sich
vordrängend, -- Habt's ihr denn einen Grabenkampf g'habt?
Der Oberleutnant schüttelte stolz den Kopf: -- Ja warum net gar! So weit
hab'ns die Herrschaften nie 'bracht. Die Drei hab'n uns vorgestern Nacht
den Stacheldraht abzwick'n wollen. Aber unser Maschinist hat's erwischt und
hat ihnen den Spaß verdorb'n mit seiner Kugelspritz'n. Na, und nachher
san's uns grad so vor der Nas'n g'legen, und haben so wunderschöne
kanariengelbe Schuh ang'habt; die haben ihnen meine Leut net gönnt. Da --
schloß er mit einem Fingerzeig auf die Füße des blassen Feldwebels, -- da
hast gleich ein Paar davon. Jetzt müss'n wir aber gehn! Los, Feldwebel!
Respekt, Herr Hauptmann. Die Katzelmacher wer'n schaun, heut abend, wann's
so daherkommen, um uns schön bequem abzukrageln, und auf einmal legen
hundertfünfzig Gewehre los und zwei feine neue Kugelspritzen. Haha! Schad',
daß i net dabei sein kann! Servus Kleiner, viel Glück! -- Einen lustigen
Gassenhauer trällernd folgte er seinen Leuten; ohne sich noch einmal
umzusehen, ohne zu bemerken, daß Marschner ihm noch ein Stück weit das
Geleite gab.
Fröhlich, wie einen Sonntagsausflug, traten da Menschen den Weg an, der
über das grausige Trümmerfeld, den steilen, zerschossenen Hügel führte.
Welche Hölle mußten die hier, in diesem Maulwurfsbau, durchlitten haben!
. . . . Mit einem schweren Seufzer blieb der Hauptmann stehen. Es war, als
ginge mit der langen, grauen Kolonne, die sich langsam durch den Graben
schlängelte, die letzte Hoffnung weg. Der Rücken des letzten Soldaten, wie
er so schaukelnd immer kleiner wurde, war die Welt; der Blick klammerte
sich an diesen Rücken, maß bang die schwindende Entfernung von der
Grabenecke, die ihn bald für immer verdecken mußte. Noch konnte man einen
Gruß nachrufen, -- im Laufschritt noch einen Brief nachtragen! Dann
verschwand auch dieser letzte Mittler, die letzte Möglichkeit, die Weite in
zwei Hälften zu teilen. Und die Sehnsucht scheute zurück vor dem endlosen
Raum, den sie nun allein zu überbrücken hatte.
Marschner sank in sich zusammen, als er nun ganz verlassen im leeren Graben
stand. Wie ausgehöhlt fühlte er sich, sah hilfesuchend umher, und sein
Blick blieb haften an der Mulde, die nun freigemacht war von den Leichen.
Nur die drei Italiener lagen noch da. Der eine zeigte sein Gesicht, sperrte
immer noch den Mund auf, zu einem Schrei, und seine Hände krallten sich,
wie abwehrend, in den aufgedunsenen Leib. Die anderen lagen mit
hochgezogenen Knien, den Kopf zwischen den Armen. Die nackten Füße starrten
mit den grauen, verkrampften Zehen wie ausgeraubt, wie eine stumme Anklage
in den Laufgraben hinein. Es lag eine Ferne um diese Leichen, eine
Verlassenheit um diese entblößten Füße! Ein wirres Gewebe aus Erinnerungen,
ein Gedränge von verwehten Gesichtern flimmerte auf: Ruderknechte aus
Venedig -- -- geschwätzige Kutscher -- -- eine zahnlose Wirtin aus dem
Posilipo; -- -- -- zwei Urlaubsreisen durch Italien jagten ein Heer von
Leidtragenden vorbei, -- -- und als Letzte schloß die eigene Schwester den
Reigen, saß sorglos bei der Musik auf der Türkenschanze, während der Bruder
schon irgendwo starr auf der Erde lag, als toter Feind, den man mit dem Fuß
beiseite schob.
Schaudernd eilte der Hauptmann weiter, als gingen die drei Toten, auf ihren
nackten Sohlen, lautlos hinter ihm her; fühlte sich wie geborgen, als er
endlich bei seinen Leuten ankam. Die Granaten fielen jetzt so dicht, daß
keine Pause mehr die einzelnen Einschläge trennte, daß alle Geräusche zu
einem einzigen, gleichmäßig fließenden Donner zusammenschmolzen, der die
Erde wie einen Schiffsleib erzittern machte. Nur einem Volltreffer, der
oben die Deckungen auseinanderwirbelte, folgte ein scharfes Krachen und
Splittern, und, wenige Minuten später, schleppten zwei Männer ächzend eine
Leiche herunter, lehnten sie an die Grabenwand und stiegen, durch den
schmalen Schacht, wieder zurück auf ihren Posten. Marschner sah den
Feldwebel aufstehn, den Mund bewegen, -- dann erhob sich in der Ecke ein
Soldat, nahm sein Gewehr und stapfte mit schweren Schritten den beiden
anderen nach. Das war so trostlos! So unbarmherzig sachlich; etwa, wie man
bei Einzelübungen im Kasernenhof, gelangweilt »der Nächste« ruft. Nur daß
sich um den Toten sofort eine kleine Gruppe zusammenscharte, von der
scheuen Neugier getrieben, die einfache Leute unwiderstehlich zu Leichen
und Beerdigungen zieht. Auch von ihm erwarteten die meisten, -- er fühlte
es an ihren Blicken, -- daß er nun hinübergehen werde, um dem Toten seine
Reverenz zu erweisen. Aber er wollte nicht! Er war fest entschlossen, nicht
zu erfahren, wie der Gefallene hieß; fest entschlossen, sich endlich
beherrschen zu lernen, allen kleinen Ereignissen gegenüber gleichgültig zu
bleiben! So lange er das Antlitz des Toten nicht gesehen, seinen Namen
nicht gehört hatte, war nur »ein Mann« gefallen, Einer von den vielen
Tausenden. Wenn man Distanz behielt, sich nicht über jeden Einzelnen
beugte, kein fest bestimmtes Schicksal vor sich aufsteigen ließ, war es gar
nicht schwer, gleichgültig zu bleiben.
Trotzig ging er vor den zweiten Schacht hin, der nach oben führte, und
merkte jetzt erst, daß es ganz still geworden war; daß kein Heulen, kein
Bersten mehr herunterdrang. Lähmend löste dieses Schweigen den betäubenden
Lärm ab, -- füllte den Raum mit einer gespannten Erwartung, die ängstlich
in allen Augen flackerte. Er wollte sich befreien von diesem beklemmenden
Druck, und kroch durch den bröckelnden Schacht in die Stellung hinauf.
Das erste was er erblickte, war der gekrümmte Rücken Weixlers, der sich mit
dem Fernglas vor den Augen an ein Schutzschild schmiegte. Auch die anderen
standen wie angesaugt an ihren Schießscharten, und die Regungslosigkeit
ihrer Schulterblätter hatte etwas Erschreckendes. Auf einmal durchlief ein
Zucken die erstarrte Reihe! Weixler sprang zurück, prallte gegen den
Hauptmann, schrie: -- Sie kommen! -- stürzte weiter zum Schacht, und blies,
mit geblähten Backen in seine Alarmpfeife.
Hilflos starrte ihm Marschner nach, trat zaudernd zur Schießscharte, und
sah hinaus in das weite, rauchdurchzogene Feld, das jenseits der zerzausten
Drähte, grau, zerrissen und blutbefleckt sich wölbte, wie der geblähte Leib
einer riesenhaften Leiche. Weit rückwärts ging eben die Sonne unter, wuchs,
halb schon versunken, rotglühend aus dem Boden. Und vor diesem blendenden
Hintergrund tanzten schwarze Silhouetten, wie Mücken im Mikroskop, wie
Indianer, die das Kriegsbeil schwingen. Ganz klein waren sie noch
verschwanden bisweilen, sprangen hoch, kamen näher, fuchtelten mit den
Gewehren wie mit Polypenarmen, und ihr Geschrei wurde allmählich hörbar,
anschwellend, wie fernes Hundebellen; hell heulend, wenn sie »Avanti«
brüllten; wie von dumpfem Donnerrollen abgelöst, wenn der Ruf »Coraggio«
durch ihre Reihen lief.
An der Böschung stand jetzt, dicht gedrängt, Kopf an Kopf die Kompagnie;
die Gesichter aus Stein, verbissen, kreideweiß, mit lippenlosem Mund, das
Gewehr im Anschlag; -- ein einziges Raubtier mit hundert Armen und Augen.
-- Nicht schießen! Nicht schießen! Nicht schießen! -- gellte die Stimme
Weixlers ohne Atempause durch den Graben; schlang sich um alle Kehlen, und
hielt die Finger fest, die sich in bleicher Gier um die Hähne krallten.
Schon flog die erste Handgranate in den Graben! . . . . Der Hauptmann sah
sie kommen; -- sah einen Mann sich aus der Masse lösen, dem Ausgange
zutaumeln, mit ausgebreiteten Armen, vornübergebeugt, einen roten Schleier
aus Blut vor dem Gesicht. Da setzte -- endlich! -- erlösend das Tacken der
Maschinengewehre ein, und sofort rasten auch die Gewehre los, wie eine
schnaubende Meute. Eine abstoßende, kalte Gier lag auf allen Gesichtern.
Manche schrieen laut auf vor Haß und Wut, wenn wieder neue Gruppen
auftauchten hinter den gelichteten Reihen; -- die Gewehrläufe glühten
schon, -- und immer noch kam das gröhlende »Coraggio« näher und näher.
Wie von Tobsucht befallen hüpften draußen die Silhouetten, sprangen in die
Luft, fielen hin, kollerten durch einander, als hätte der Kriegstanz jetzt
erst seinen Paroxismus erreicht.
Da sah Hauptmann Marschner, wie der Mann neben ihm für einen Augenblick das
Gewehr senkte, und mit hastigen, schlotternden Händen das Bajonett auf den
rauchenden Lauf klemmte. Ein Erbrechen stieg in ihm hoch, daß er
schwindelnd die Augen schloß und sich gegen die Grabenwand gelehnt, auf die
Erde niedergleiten ließ. -- Sollte, . . . sollte er das . . . das sehen?
. . . Menschen morden sehen, aus nächster Nähe? . . Er riß den Revolver aus
der Tasche, nahm das gefüllte Magazin heraus und warf es weg. Nun war er
wehrlos, -- wurde auf einmal ruhig, richtete sich auf, von einer
wunderbaren Gefaßtheit gehoben, bereit sich niedermachen zu lassen von
einem dieser keuchenden Tiere, die da, von blinder Todesangst gehetzt,
heranstürmten. Er wollte als Mensch sterben, ohne Haß, ohne Wut, mit
sauberen Händen! . . .
Ein heiseres Aufbrüllen, ein fürchterlicher, entmenschter Schrei in seiner
nächsten Nähe, riß seine Gedanken in den Graben zurück. Ein breiter Strahl
aus Licht und Feuer fiel in steilem Bogen, blendend neben ihm nieder; floß
spritzend über die Schulter des großen, pockennarbigen Schneiders vom
ersten Zug. Im Nu stand die ganze linke Seite des Mannes in Flammen. Er
warf sich heulend auf die Erde, wälzte sich kreischend, sprang wieder auf,
lief wie eine lebende Fackel jammernd umher, bis er zusammenbrach, halb
schon verkohlt, zuckend um sich griff, und erstarrte. Hauptmann Marschner
sah ihn liegen, atmete den Geruch des verbrannten Fleisches, und sein Blick
fiel unwillkürlich auf die eigene Hand, wo, unter dem Daumen, ein winziger,
weißer Fleck, an die Qualen einer Brandwunde erinnerte, die er sich als
Junge zugezogen.
Durch den Graben lief in diesem Augenblick ein brausendes, jauchzendes
Hurrah aus hundert befreiten Kehlen. Der Angriff war abgeschlagen! Leutnant
Weixler hatte den Flammenwerfer auf's Korn genommen und auf den ersten
Schuß getroffen. Die erstarrte Hand des Gefallenen hatte die Flammen, steil
aufsteigend wie eine Fontaine, auf die eigenen Kameraden ergossen, und die
dezimierten Reihen waren von der unerwarteten Gefahr jäh zurückgescheut, --
wichen Hals über Kopf, -- verfolgt von rasendem Feuer aus allen Gewehren.
Wie leblos fielen die Soldaten hin, mit schlaffen Zügen und erloschenen
Augen, als hätte jemand den Kontakthebel der Leitung abgestellt, die diese
toten Leiber von irgendwoher mit Kraft gespeist hatte. Einzelne lehnten
käseweiß an der Grabenwand, legten den Kopf beiseite, und erbrachen sich
vor Übermüdung. Auch Marschner fühlte ein Übelsein in sich aufsteigen;
tastete sich dem Ausgange zu. Nun wollte er in seinen Unterstand, -- ganz
allein sein, -- sich irgendwie befreien von der Verzweiflung, die ihn
umklammerte.
-- Holla! -- rief Leutnant Weixler ganz unerwartet in die Stille hinein,
und galoppierte nach links, wo die Maschinengewehre standen.
Der Hauptmann wandte sich noch einmal um, stieg auf den Antritt und sah ins
Vorfeld hinaus. Da, dicht vor den Drahthindernissen, kniete ein Italiener,
die Linke schlaff am Leib, die Rechte flehend erhoben, und rutschte langsam
heran. Weiter rückwärts, halb verdeckt von dem Knienden, regte sich etwas
auf der Erde. Drei Verwundete krochen dort, an den Boden gepreßt, dem
eigenen Graben zu; man sah genau, wie sie hinter Leichen Deckung suchten,
immer wieder eine Weile regungslos liegen blieben, um nicht entdeckt zu
werden vom Feind. So jämmerlich war der Anblick dieser gottverlassenen
Kreaturen, die so mit Zähnen und Krallen an das bißchen Leben sich
klammerten, vom Tod umlauert, jede Sekunde wie eine Ewigkeit über sich.
-- Geht's, ist nicht irgendwo ein Strick da? -- rief ein alter Korporal in
den Graben zurück, -- Der arme Teufel von an Salamucci dauert mich. Ziehg
mer ihn rein! --
Mitten in seine Rede perlte eine Skala des Maschinengewehres. Der Knieende
vor dem Stacheldraht horchte auf, warf sich zurück, wie zum Anlauf, und
fiel aufs Gesicht. Hinter ihm sah man die Erde stauben vom Einschlagen der
Kugeln, und die anderen, weit rückwärts, sich wie Schlangen aufrichten.
Dann machten alle drei einen kurzen Satz nach vorne; -- und blieben liegen.
Einen Augenblick stand Hauptmann Marschner sprachlos, sperrte den Mund auf,
und brachte keinen Laut aus der Kehle. Endlich löste sich seine Zunge, und
er schrie, mit einer wahnsinnigen, würgenden Wut in der Stimme: -- Herr
Leutnant Weixler! --
-- Befehlen Herr Hauptmann? -- kam es unbefangen zurück.
Er lief dem Leutnant entgegen mit geballten Fäusten, krebsrot im Gesicht.
-- Haben Sie geschossen? -- keifte er atemlos.
Der Leutnant sah ihn erstaunt an, legte die Hände an die Hosennaht und
meldete stramm: -- Zu Befehl, Herr Hauptmann. --
Wieder blieb Marschner für einen Augenblick die Stimme aus; seine Zähne
schlugen klappernd aneinander. -- Schämen Sie sich! -- stammelte er am
ganzen Leibe zitternd, -- auf wehrlose Verwundete schießt ein Soldat nicht,
merken Sie sich das! --
Weixler wurde kreideweiß. -- Melde gehorsamst, Herr Hauptmann, der eine,
der bei uns war, hat mir die anderen verdeckt; ich hab' ihn nicht
verschonen können. -- Dann, mit jäh sich aufbäumendem Zorn, fügte er
trotzig hinzu: -- Ich dachte auch, wir hätten genug hungrige Mäuler daheim.
Wie ein bissiger Hund fuhr der Hauptmann ganz nahe an ihn heran, stampfte
mit dem Fuß und schrie: -- Was Sie denken interessiert mich nicht. Ich
verbiete Ihnen, auf Verwundete zu schießen! So lange ich hier das Kommando
führe, ist jeder Verwundete heilig! Ob er zu uns will, oder zum Feind!
Haben Sie mich verstanden?
Der Leutnant reckte sich hochmütig. -- Dann muß ich Herrn Hauptmann
gehorsamst bitten, mir diesen Befehl schriftlich zu geben. Ich halte es für
meine Pflicht, dem Feinde möglichst viel Schaden zuzufügen. Ein Mann, den
ich heute laufen lasse, kommt in zwei Monaten geheilt zurück, und schießt
mir vielleicht zehn Kameraden tot.
Eine Sekunde lang standen sie sich regungslos gegenüber, und starrten sich
an, wie zwei Kämpfer auf Leben und Tod. Dann nickte Marschner ganz leise
mit dem Kopf, und sagte tonlos: -- Sie sollen es schriftlich haben! --
machte kehrt, und ging. Vor seinen Augen tanzten farbige Kugeln, er mußte
alle Kraft zusammennehmen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und
fiel zerschlagen auf die Konservenkiste nieder, als er endlich den
Unterstand erreicht hatte. Sein Haß wandelte sich langsam in eine tiefe,
erbitterte Mutlosigkeit. Er wußte genau, daß er im Unrecht war. Seinem
Gewissen gegenüber nicht! Ihm galt die Tat als feiger Meuchelmord, -- aber
er und sein Gewissen hatten hier nichts zu sagen, hatten sich hierher
verirrt, und mußten Unrecht behalten. Was sollte er tun? Gab er den Befehl
schriftlich aus der Hand, dann bescherte er Weixler eine erwünschte
Gelegenheit, sich hervorzutun, und brachte sich selbst vor den Auditor. Und
diesen Triumph wollte er dem hämischen Kerl nicht gönnen! Lieber selbst
Schluß machen: hingehen zum Brigadekommando, und es den hohen Herren offen
ins Gesicht sagen, daß er das blutige Scheibenschießen nicht länger
mitanschauen, daß er Menschen nicht wie reißende Tiere jagen könne,
gleichviel welche Uniform sie trugen. Wenigstens hörte das
Versteckenspielen endlich auf. Sie sollten ihn nur füsilieren, oder
aufknüpfen lassen, wie einen gemeinen Verbrecher. Er würde ihnen zeigen,
daß er zu sterben wußte.
Mit festen Schritten ging er hinaus, befahl einem Soldaten, den Herrn
Leutnant zu holen. So hell war es jetzt in ihm, und so ruhig! Er hörte das
höllische Feuer, das die Italiener wieder auf den Graben legten, und ging
langsam, wie ein Spaziergänger, nach vorne.
-- Jetzt schmeißens mit schweren Minen! -- meldete der alte Korporal, --
und schaute den Hauptmann verzweifelt an. Aber der ging vorbei, ungerührt
von dem flehenden Kummer. Das alles ging ihn nichts mehr an. Der Herr
Leutnant übernahm hier das Kommando. Das wollte er ihm eben sagen; konnte
es kaum erwarten, die Verantwortung von sich zu wälzen! . . . Und kroch,
als Weixler noch immer nicht kam, durch den Schacht in die Stellung hinauf.
Die kleinen, schlechten Augen flogen ihm entgegen, suchten den
geschriebenen Befehl in seiner Hand. Er tat, als merkte er den fragenden
Blick gar nicht, herrschte ihn hochfahrend an: -- Herr Leutnant, ich
übergebe Ihnen jetzt die Kompagnie bis . . . .
Ein kurzes Heulen von unerhörter Stärke schnitt ihm das Wort ab. Er hatte
das Gefühl: -- Das trifft mich! -- sah im selben Augenblick auch schon
etwas wie einen schwarzen Walfisch, vor seinen Augen aus dem Himmel sausen,
kopfüber in die rückwärtige Grabenwand hineinfahren -- -- -- dann brach ein
Krater aus der Erde, ein Flammenmeer, das ihn aufhob, und ihm die Lunge mit
Feuer füllte.
Als er langsam zu sich kam, lag er unter einem Erdwall begraben, nur der
Kopf und der linke Arm waren frei; die anderen Glieder fühlte er nicht
mehr. Sein ganzer Körper war gewichtlos geworden, er fand seine Beine
nicht, es war nichts da, was er hätte bewegen können, nur ein Brennen und
Wühlen, das von irgendwo her in sein Gehirn mündete, die Stirne versengte,
und die Zunge zu einem schweren, würgenden Klumpen anschwellen ließ.
-- Wasser! -- stöhnte er. -- War denn niemand da, um ihm einen Schluck
Wasser in die ausgebrannte Mundhöhle zu träufeln? War niemand? . . . . Wo
war denn Weixler? Der mußte doch da in der Nähe stehen, oder? -- -- -- oder
sollte der . . . am Ende auch verwundet? . . . Er wollte hochschnellen, --
wissen, was mit Weixler geschehen war -- -- -- er wollte! . . . . Wie ein
überlasteter Dampfkran mühte sich seine linke Hand, den Kopf zu erreichen,
und als es ihm endlich gelang, sie unter den Nacken zu schieben, da fühlte
er erschauernd, daß der feste Widerstand der Hirnschale ausblieb, daß er in
einen weichen, warmen Brei hineingriff, in dem seine Haare, vom geronnenen
Blut verkleistert, wie ein feuchter, warmer Filz an den Fingern pappen
blieben.
-- Sterben! -- durchfuhr es ihn kalt, -- Hier sterben, ganz allein. . . . .
Und Weixler? . . . Er mußte erfahren, was mit dem . . . . mußte! . . . .
Mit übermenschlicher Anstrengung stemmte er seinen Kopf, mit der Linken, so
weit hoch, daß er einige Schritte weit den Graben überblicken konnte. Und
nun sah er Weixler, mit dem Rücken gegen sich, mit dem rechten Arm an die
Wand gelehnt, schief dastehen, die linke Hand an den Leib gepreßt, die
Schultern hoch oben, wie im Krampf. Noch eine Spanne höher reckte er sich,
erblickte den Boden, und einen breiten, dunklen Schatten, den Weixler warf.
-- Blut? . . . Er blutet! . . . . Oder? -- Das war doch Blut! . . . Konnte
nur Blut sein . . . . Und dehnte sich doch so merkwürdig, zog wie ein
dünner, roter Faden zu Weixler hinauf, dorthin, wo er sich den Leib hielt,
-- -- -- als wollte er die Wurzeln abreißen, die ihn an die Erde fesselten.
-- -- --
Er mußte doch sehen! . . . schleuderte den Kopf nach vorne -- -- -- und
stieß einen röchelnden Schrei aus, einen Schreckensschrei, -- als er
erkannte, daß der Unglückliche seine Eingeweide hinter sich herzog. --
Weixler! -- entfuhr es ihm gellend, von heißem Mitleid durchzittert.
Der Angerufene wandte sich langsam, sah fragend zu Marschner hinunter,
blaß, traurig, mit erschrockenen Augen. Nur den Bruchteil einer Sekunde
lang stand er so, dann verlor er das Gleichgewicht, taumelte und fiel
nieder, verschwand aus dem Gesichtskreis des Hauptmanns. Kaum daß ihre
Blicke Zeit gehabt hatten, sich zu kreuzen, -- vorbeigehuscht war nur das
bleiche Gesicht! Und doch stand es da; blieb haften in der Luft, mit einem
milden, weichen, klagenden Zug um die schmalen Lippen, mit einem
unvergeßlichen Ausdruck von sanftem, ängstlichem Sichergeben.
-- Er leidet! -- . . . . durchflammte es Marschner. -- Er leidet! --
. . . . jauchzte es in ihm. Und ein Leuchten ergoß sich über seine Blässe,
. . . . seine blutverklebten Finger fuhren wie streichelnd durch die Luft
. . . . bis der Kopf zurücksank, und die Augen brachen.
Die ersten Soldaten, die durch den hochgetürmten Erdwall endlich bis zu ihm
vordrangen, fanden ihn schon entseelt; um seinen Mund schwebte, trotz der
gräßlichen Verwundung, ein zufriedenes, fast glückliches Lächeln.