16. Mai 1849.

Th. M. Dostojewsky.

Eine biographische Studie

von

N. Hoffmann.

Mit Bildnis.

Berlin.

Ernst Hofmann & Co.

1899.

Nachdruck verboten.

Übersetzungsrecht vorbehalten.

Meinen russischen Freunden

gewidmet.

[Griechisch: Daimôn].

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Grusse der Planeten,

Bist alsobald und fort und fort gediehen

Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen, so Propheten;

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Goethe.

Inhalts-Übersicht.

Seite

I. Das Milieu 1

II. Kindheit und Jugend 17

III. Katastrophe 59

IV. Semipalatinsk 130

V. Petersburg 171

VI. Publizistik 191

VII. Zweite Vermählung. Schuld und Sühne. Abreise 252

VIII. Vierjähriger Aufenthalt im Auslande 276

IX. Briefwechsel aus der Fremde 300

X. Petersburg; die letzten zehn Jahre 405

_Anhang._ Bibliographische Übersicht 443

Personen- und Sach-Verzeichnis 446

An meine Leser.

»Vorreden sind immer Entschuldigungen«, hat jüngst ein geistvoller

Schriftsteller in einer der seinigen gesagt. Der Verfasser des

vorliegenden Buches geht weiter. Er erhebt Einspruch dagegen, dass seine

Arbeit als ein litterarhistorisches Werk angesehen werde; er will sie

durchaus nur als Lebensdokument einer ungeheuren Persönlichkeit

betrachtet wissen, und wünscht als einzigen Erfolg dieses Buches, dass

etwas von dem zwingenden und zugleich versöhnenden Geiste des grossen

Dichters durch seine Blätter wehe und die Gemüter in seinem Sinne

erfasse. Eine Entschuldigung allerdings wäre am Platze: dem Dichter und

dem unerschöpflichen Material gegenüber, das ganz zu bewältigen dereinst

die Arbeit Vieler ausmachen wird.

Einige orientierende Bemerkungen sollen jedoch hier ihre Stelle finden.

Im grossen Ganzen habe ich den Stoff chronologisch geordnet. An einigen

Stellen indes schien es mir notwendig, um ein Ereignis von allen Seiten

plastisch hervortreten zu lassen, spätere briefliche Äusserungen des

Dichters sofort heranzuziehen.

Die Werke der ersten Periode, welche ich, mit Ausnahme der »Armen

Leute«, in die Periode des Tastens und der Nachahmungen einreihen muss,

habe ich nicht im Einzelnen besprochen, da sie mir unter denselben

Gesichtswinkel zu fallen scheinen und sich, bei aller Vortrefflichkeit

und Feinheit psychologischer Einzelheiten -- vom Standpunkt der

russischen breiten Ethik aus, den allein ich festhielt --, nicht

allzusehr von einander differenzieren.

Die Werke der zweiten, nachsibirischen Periode, ebensoviele Etappen auf

dem Wege zur Vollendung seines Apostolats, habe ich nach Massgabe ihrer

Ausgeprägtheit und ihres Verstandenseins durch den westeuropäischen

Leser mehr oder weniger breit behandelt.

Inbetreff der Fussnoten, welche eine Arbeit haben muss, die aus

vielfachem Material geschöpft hat und auf Glaubwürdigkeit Anspruch

erheben darf, befand ich mich in einiger Verlegenheit. Für den deutschen

Leser wären Orts- und Seitenangabe meiner Quellen wertlos gewesen, da

ich aus unübersetzten russischen Autoren schöpfte. Auch die den Werken

des Dichters entnommenen Stellen könnte der deutsche Leser nicht in den

umlaufenden Ausgaben nachschlagen, da ich sie selbst nach meinem

Verständnisse aus dem Original übersetzte. Der russische Leser aber

kennt alles, was über Dostojewsky geschrieben worden, sofern er sich für

diesen Dichter und seine Richtung interessiert, vortrefflich und findet

in den Namen und Quellen, die ich im Texte reichlich angab, genug

Anhaltspunkte zum Nachschlagen. So verzichtete ich denn auf Nachweise,

die mir in diesem Falle als eine Spiegelfechterei erscheinen mussten.

_Wien_, Januar 1899.

N. Hoffmann.

I.

Das Milieu.

Über Theodor Michailowitsch Dostojewsky in seiner Gesamt-Erscheinung als

Dichter, Psychologe, als Ethiker und Mensch zu sprechen, ein

erschöpfendes Bild seines Lebens und seiner künstlerischen, sowie vor

allem seiner seelenzwingenden Wirksamkeit zu geben, das wäre heute,

sogar in Russland unter seinen Landsleuten, ein gewagtes Unternehmen.

Einerseits ist er der gegenwärtigen Generation noch zu nahe; alles was

über ihn gesagt werden könnte, stünde noch im Zeichen des Kampfes. Er

hat ja, wie alle mächtig ausgeprägten Individualitäten, im Leben bis zu

seinem letzten Atemzuge heftig gekämpft und Kampf erzeugt.

Anderseits leben seine nächsten Angehörigen, seine Freunde noch, und

diese sind im Besitze der intimeren Erinnerungen und Äusserungen seines

persönlichen Lebens, die sie begreiflicherweise heute schon preiszugeben

nicht geneigt sein können; ganz abgesehen davon, dass die Ausnützung

intimer Lebensverhältnisse zum Zwecke des Litteraturklatsches, ohne

Hinblick auf die inneren Zusammenhänge und die Einheitlichkeit des

Wesens, dem man nahe zu kommen trachtet, nicht scharf genug als müssige

Indiskretionen gebrandmarkt und verpönt werden können.

Wir Europäer hinwieder bringen dem Dichter eines uns in hohem Grade

interessierenden Volkes eine Art unbehaglicher, verblüffter Neugierde

entgegen, zu der uns der grosse Seelen- und Krankheitskenner und Maler

wohl zwingt, lehnen aber die nähere Bekanntschaft seines tiefen

Zusammenhanges mit jenem Volke aus Bequemlichkeit, aus Furcht vor dem

Fremdartigen dieses Volkes ab, das, wie Nietzsche sagt, »die

allerstärkste und erstaunlichste Kraft, zu wollen, in sich

aufgespeichert hat, mit der ein Denker der Zukunft wird rechnen müssen«.

Dazu tritt noch, dass unser grosses Publikum alles, was von Russland

kommt, unserer heutigen Ideenrichtung nach nur dann besonders fesselt,

wenn es die Äusserungen sozialistischer, revolutionärer, atheistischer

Anschauungen einer unter harter Despotie seufzenden Intelligenz

vermittelt. Äusserungen, deren Intensität im Gegensatze zu den sie

hervorrufenden Zuständen, es fast als litterarische Pikanterie geniesst.

Aber mit der eigentümlichen Erscheinung eines Dichters, der zugleich

lebensvoll (nicht asketisch wie Tolstoi) und mystisch religiös, der

durchaus demokratisch und dabei durchaus konservativ ist, wissen wir

nichts anzufangen.

Dostojewsky ist, wenn nicht der einzige, so doch der grösste

Repräsentant dieser merkwürdigen Konstellation, und wir müssen die

scheinbaren Widersprüche, die darin liegen, in der Grösse seines Genies

und seines Herzens auflösen und etwa so ansehen, wie wir die

Widersprüche der Natur ansehen, welche Tag und Nacht, Ost und West mit

einem grossen Ringe umspannt. Vor allem dürfen wir Dostojewsky nicht

litteraturmässig auffassen, sondern als einen grossen, seelenbewegenden

Schöpfer »in einem ungeheuern Reich, mit einem ungeheuern Willen«. Unter

uns hört man oft den Ausspruch: »Dostojewsky ist ein grosser Künstler,

aber sein mystisches Christentum ist sehr störend«. So angesehen

zerfällt sein Bild sofort in einzelne Teile. Man muss vielmehr sagen: er

ist ein Apostel des Glaubens an die Mission der Volksseele, an die

Läuterung _auch Europas_ durch das russische Volk, und er kann, vermöge

seines unvergleichlichen Dichtergenius, seine Wahrheiten nicht anders

hinausrufen, als in Werken von hohem künstlerischen Werte.

So gefasst bleibt uns seine Erscheinung eine Einheit, die wir in allen

seinen Werken wiederfinden, so fest und kompakt wie etwa ein Urgestein,

das bei dem kleinsten Bruch dieselbe Krystallgestalt zeigt.

Wir werden also vor allem diese ethische Einheit im Auge haben, wenn wir

es versuchen, an der Hand lückenhafter russischer Biographieen, sowie

des Materials, das uns seine Tagebücher, die Aufzeichnungen seiner

Gattin, seiner Freunde und Mitarbeiter und vor allem seine Werke

vermitteln, ein, soweit es möglich ist, getreues Bild seines Lebens und

Wirkens einem deutschen Leserkreis zu geben.

Ehe wir aber das biographische Material ausgestalten, müssen wir einige

Vorbemerkungen über das Milieu einschalten, dem der Dichter entsprossen

ist.

Wenn wir nämlich die Werke französischer, englischer, italienischer,

kurz europäischer Schriftsteller lesen, so bringen wir ihrem Milieu so

viel Kenntnis und Anpassungsvermögen entgegen, dass wir ohne weiteres

sagen, der oder jener schildere die _Menschen_ so oder so. Lesen wir

indes russische Werke, so ist unser Urteil steuerlos; wir sehen ein

fremdartiges, uns sehr unbequemes Milieu und darin -- einen _Russen_,

den wir uns erst in unser Menschliches übersetzen müssen, wobei wir oft

unsere liebe Not haben. Das hat seine tiefe Bedeutung. Wir haben da wohl

mit Halbbarbaren zu thun, aber mit jungen, ungebrochenen Kräften, mit

einem Volke, das wir erst kennen lernen, demgegenüber wir manches

»umlernen« müssen.

Allerdings kann ein Nichtrusse, namentlich, wenn er sich nicht eine

lange Zeit im Lande selbst umgesehen hat, kein lebendiges und ganz

zutreffendes Bild von Russland und seinem Volke entwerfen. Lässt ja

Dostojewsky selbst in einem seiner Romane zwei gute Patrioten ein

Gespräch miteinander führen, in dem der eine ungefähr sagt: »Der M. N.

giebt vor, zu wissen, was Russland ist -- ja wissen wir es denn selbst?«

Nun aber kann ein Fremder, der sich die Sprache so zu eigen gemacht,

dass er ihre intimen Nüancen, die familienhafte Unmittelbarkeit ihrer

Laute nachempfindet, ein solcher Fremder kann wohl mit frischem Blicke

und ganz unbefangen gewisse Hauptmerkmale der Volksseele, die diese

Sprache ausdrückt, gewahr werden. Dies ist hier um so leichter der Fall,

als alles Russische ein so durchaus uneuropäisches Gepräge an sich

trägt.

Was uns als ein durch alle Schichten dieses Volkes gehender Zug vor

allem auffallen muss, ist die familienhafte Zusammengehörigkeit und

Brüderlichkeit aller mit allen. Dies drückt sich schon in der Sprache

aus: Väterchen, Mütterchen, du mein Verwandter, oder: du meine Verwandte

sind die gebräuchlichsten Formen der Anrede. Dieses Familiengefühl geht

von unten hinauf, nicht umgekehrt, allein das ist es, was ihm ewige

Dauer sichert. Dadurch, dass der Sprachgebrauch in der direkten Anrede

keine Titel und keinen Geschlechtsnamen, nur Taufnamen mit dem höflichen

Zusatz des Vatersnamens zulässt, geht eine, wenigstens formale Intimität

durch die ganze Nation, von welcher sich kein modern »demokratisches«

Volk etwas träumen lässt. Nicht nur der Bauer, sondern auch der Hoflakai

führt für den Kaiser oder Grossfürsten keine andere Benennung oder

Anrede im Munde als etwa: »Nikolai Alexandrowitsch, Helene Pawlowna

lässt Euch bitten« oder ähnliches. Für das Volk ist diese Form eine

intime Herzenssache, für die »Gesellschaft« hat sie nur den Wert einer

patriarchalischen Reminiscenz, und das Volk selbst als »Brüder« zu

betrachten, ja einen wie immer beschaffenen Massstab an seine Leiden und

Freuden zu legen, hat die Gesellschaft der oberen Zehntausend bis heute

noch nicht geträumt. Darin liegt wohl, wie es scheint, die scharfe

Trennung der konservativen russischen Kreise von den neueren liberalen.

Allerdings wachsen auf diesem Gebiete Missverständnisse wie die Disteln

empor. Denn, indem sich viele energische Liberale nicht auf die

Vermenschlichung ihrer Beziehungen zum Volke, auf den guten Einfluss der

Bildung allein beschränken, die sie diesem hochintelligenten, aber in

tiefe, abergläubische Religiosität eingesponnenen Kinde vermitteln, so

fallen ihnen andere Wohlmeinende in die Hände, welche von der

Vernichtung der Unwissenheit und des Aberglaubens auch jene des Glaubens

und der Ehrfurcht befürchten; so wird die Beziehung der Intelligenz zum

Volke in ein Gebiet übergeleitet, das sich von den ursprünglichen

Absichten allmählich und unbemerkt entfernt.

Ein anderer Zug, welcher durch alle Schichten des russischen Volkes geht

(die Gesellschaft als solche aus dem Spiel gelassen), ist eine Fähigkeit

zum Leiden und Mit-Leiden, das sich auf den Schuldigen und Verbrecher

erstreckt. Auch hier giebt uns die Sprache bedeutsame Fingerzeige; das

Volk nennt jeden Verbrecher einen »Unglücklichen«, und die Sprache

selbst, welche für das Menschliche drei Ausdrücke streng unterscheidet,

nämlich: »Menschlich«, »Allgemeinmenschlich« und »Allmenschlich«, sie

hat für die Nüancen der Schuld, die wir dreifach besitzen:

»Übertretung«, »Vergehen«, »Verbrechen«, ausser dem Worte Schuld nur das

eine Wort »Übertretung« (Prestupljenie).

Wir sehen hier, dass wir es mit etwas anderem zu thun haben, als mit

unserem europäischen Mitleid, das die Franzosen unter anderem »une

fonction purement cérébrale« nennen, eine reine Gehirnangelegenheit, im

Gegensatze zur allmächtigen und allberechtigten »passion«. Hier ist eine

Kluft zwischen den Ausgangspunkten der ethischen Anschauungen von Ost

und West, die man nicht ernst genug betrachten kann.

Ein anderer auffallender Zug der russischen Natur ist die mit tiefer

Religiosität verbundene Demut des Russen, die auch da erhalten bleibt,

wo, wie in den Kreisen der dem Westen nachstrebenden Intelligenz, jede

Spur von Glauben gewichen ist. Der Russe ist sehr schnell bereit, sein

Unrecht einzusehen und auch einzugestehen, sowie sich um deswillen vor

Freund und Feind zu demütigen oder anzuklagen. Da nun ein solcher

Einsichtswechsel bei seiner nervösen, grübelnden und immerfort »die

Wahrheit« suchenden Natur sehr oft vorkommt, so bietet er uns

Westländern, die wir Dekadenten, d. h. mit unseren Gebrechen

kokettirende Menschen sind, ein Bild feiger Selbsterniedrigung. Denn der

Westen versteht heute zumeist unter dem Begriff »Charakter haben«, dass

man nichts verzeihen und nichts zugeben solle, und es ist ihm um viel

realere Güter zu thun, als um die bei den Russen in jeder Lebenslage

auftauchende Sorge und Frage »wie soll mein Leben sein?«

Ein dritter, hervorstechender Zug, der uns bei dem Russen auffällt, ist

das, was wir Deutsche Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit, Regellosigkeit

nennen müssen. Wenn man die Unmöglichkeit erprobt hat, ein echtes Kind

der russischen Erde zu einer festgesetzten Zeit an einen bestimmten Ort

zu bekommen, oder in seinem Hause, seiner Tageseinteilung auch nur das

geringste System oder die geringste Ordnung zu finden oder zu schaffen,

so möchte man fast das bekannte Sprichwort erweitern und sagen: »Dem

Glücklichen, sowie dem Russen, schlägt keine Stunde«. Russen können zu

jeder Stunde des Tages ihr Lager aufsuchen, wenn sie etwa verstimmt

sind, zu jeder Stunde der Nacht Thee trinken und Freunde besuchen.

(Dabei spielt wohl der Einfluss der hellen, den Schlaf bannenden Nächte

eine grosse Rolle.) Aber nicht das allein. Sie bringen ihre Freunde zu

anderen Freunden, ohne Anfrage, ohne Umstände, zu allen Mahlzeiten,

mitten in der Nacht. Diese Freunde der Freunde sind etwa krank,

erkranken dort in fremdem Hause, oder sie erhalten dort eine schwere

Nachricht -- so ist das ganze fremde Haus, das nun nicht mehr ein

fremdes ist, in Mitleidenschaft gezogen. Man bleibt zusammen auf, man

quartiert den Freund des Freundes und sich im eigenen Hause wie in einem

Bivouac ein, das man zum erstenmal bezogen, kurz es ist eine

selbstverständliche Lebensgemeinschaft. Ein Russe, dem man einmal seine

absolute Unpünktlichkeit vorwarf, erwiderte mit vielem Ernste: »Ja, das

Leben ist eine schwere Kunst! es giebt Augenblicke, die richtig gelebt

sein wollen und viel wichtiger sind, als das pünktlichste Worthalten.«

Und nun die russischen Frauen. Sie leben und weben von innen heraus, sie

haben grosse Ziele, ernste Interessen, ein offenes Auge für die

Aussenwelt, für das, was sie umgiebt und was not thut. Die russische

Frau verbindet die Reinheit und den Enthusiasmus eines jungen Mädchens

mit der Klarheit und der Vorurteilslosigkeit des Mannes; sie hat etwas

Jünglinghaftes an sich. Dabei nimmt sie es allerdings mit der bis ins

kleinste gehenden Akkuratesse einer deutschen Hausfrau, oder mit der bis

in die feinste Abschattung durchgeführten Eindrucks-Delikatesse der

Französin nicht auf. Das Daheim einer echten Russin wird mitunter ein

Chaos aufweisen, das unsere Landsmänninnen, namentlich jene des Nordens,

abschrecken müsste. Doch auch die Russin wird uns auf unsere

Vorstellungen über Genauigkeit und Ordnung antworten: »Ja, jeder

Augenblick will richtig gelebt werden, das Kleine darf das Grosse, das

Detail nicht das Allgemeine verbauen«, und wir hörten einmal eine Russin

sagen, dass die Petersburger Frauen und Mädchen auf der Strasse sehr

eilig gehen und in die Ferne schauen, so dass man sehen könne, wie sie

einem Ziele entgegen gehen, während die Frauen europäischer Grossstädte

so gehen, als wäre die Strasse selbst das Ziel. Es ist eben die »breite

russische Natur« (»schirokaia russkaia natura«), wie sie es nennen, was

sich überall geltend macht, und wir möchten uns, gerade auf diese so

unharmonisch scheinende Verbindung gestützt, der Anschauung Dostojewskys

anschliessen, welcher sagt, dass die nächste Zukunft des

Menschengeschlechtes in der Hand der Russin liegt.

Hier muss jedoch sofort betont werden, dass diese Umgestaltung nicht auf

dem Wege der Frauenbewegung als vor sich gehend gedacht werden darf. --

Die russische Frau hat ihre ethische und soziale Befreiung längst

vollzogen und zwar -- wenn wir die Spezies Nihilistin ausnehmen -- ganz

organisch, von einem rein natürlichen Standpunkt aus in Angriff

genommen, von dem der Mütterlichkeit. Sie will und muss die Gefährtin,

ja Führerin ihrer männlichen Hausgenossen sein, ihre Interessen teilen,

in ihrem Rate eine vollwichtige Stimme haben. Ferner wirkt im Gemüte der

russischen, von Vorurteilen befreiten Frau vor allem der Wunsch,

nützlich zu sein, ihrem Volke zu dienen. So ist es gekommen, dass die

Russin heute ihre Fähigkeit zu Freiheit und Kultur schon durch ihr Leben

bewiesen hat, während die europäische bewegte Frau ihre Freiheit und

Kultur mittels des Beweises anstrebt, dass sie fähig sei, abseits von

der Familie zum Leben zu gelangen. Dies ist ein grundlegender

Unterschied.

Den genannten Hauptcharakterzügen des Russen gesellt sich ein

unausrottbares Misstrauen in allen seinen Beziehungen zum Nebenmenschen

bei, allein ein Misstrauen, das viel mehr dem immerwachen Gefühle der

eigenen Unzulänglichkeit und »Sündhaftigkeit« entspringt, als dass es

sich auf den Unwert des anderen bezöge. Es ist das Misstrauen der Demut

im Gegensatze zum Misstrauen der Routine.

Sehen wir uns dazu den geographischen und historischen Hintergrund an,

aus dem heraus sich diese Volkspersönlichkeit entwickelte, so finden wir

ein ungeheures, kompaktes Reich mit uferlosen Steppen und einem

unermesslichen Horizont, wo das träumende Auge des Steppenbewohners in

eine grenzenlose Einsamkeit hinausblickt, dünn bevölkert, ohne

bedeutende Küstenentwicklung, ohne namhaften Welthafen -- »ein Riese in

einer grossen, niedern Stube«, wie Dostojewsky sagt. Diese kolossale

Einheit ist einer Sprache, eines Glaubens, sie hat keine durchgreifenden

Mischungen und sprachlichen Umbeugungen erlitten, kein fremdes Blut, es

sei denn finnisches, hat diesen Riesenkörper durchädert. Sein »weisser

Kaiser« ist ihm Vater, hoher Priester, Herr, zu dem es als zu dem Helfer

in aller Not blind vertrauend aufblickt. Dieses Volk macht seine

Entwickelungsprozesse langsam durch, steht heute in seiner Kindheit und

wandelt seinem Mittelalter zu. Ackerbau und Viehzucht sind noch heute

seine vornehmlichen Lebensquellen, die Städte sind dünn gesäet, der

Kleinhandel ist in den Händen des moskowitischen Kleinbürgers,

Grosshandel und Industrie ebenfalls in den Händen des grossen Moskauer

Kaufherrn, sowie in denen des Ausländers und des Juden. So giebt es denn

kein eigentliches grosses Bürgertum, und die Gesellschaft, die wir heute

Bourgeois nennen, setzt sich aus dem kleinen Landsassen -- Gutsbesitzer

-- und dem Beamtenstande zusammen.

Dieses höchst langsame, doch organische Wesen der Volksentwickelung hat

Peter der Grosse mit seinen Reformen durchrissen. Ein mit unermesslichen

Mühen und Opfern dem Meere abgerungenes Stadtgebiet ist der Beginn und

gleichsam das Symbol seiner zivilisatorischen Thätigkeit. Petersburg,

das »ausgebrochene Fensterchen« gegen Europa zu, hat europäische Luft

und europäisches Wesen, Europas Sitten und Unsitten, Europas

Philosophie, Aufklärung und Dekadenz, kurz den »Europäismus«, wie sich

Dostojewsky ausdrückt, hereindringen lassen. Die kompakte Masse des

Volkes indessen ist von diesen Neuerungen nicht berührt worden, und wenn

auch hie und da in den Städten der altrussische Bart der europäischen

Schere, und der Zipun, der altrussische Kittel, dem europäischen Kleide

zum Opfer gefallen ist, so ist doch der Bauer bis auf den heutigen Tag

nicht zum Bewusstsein seiner Bürgerrechte im europäischen Sinne erwacht.

Gleichwohl ist er im Besitze gewisser alter Gemeinderechte und

-freiheiten (Obscina, Mir), welche in den Augen vieler zeitgenössischer

Agrarier als die einzige Lösung aller Schwierigkeiten des Grundbesitzes

und als das einzige Arcanum gegen die Proletarisierung des Bauernstandes

erscheinen. Ob dies eine richtige Anschauung sei, können wir hier nicht

untersuchen.[1] Auch über die wichtigste Streitfrage, welche die

führenden Geister Russlands seit der nachpetrinischen Zeit bewegt hat

und noch heute bewegt, wiewohl sie im Erlöschen zu sein scheint, können

wir hier nur ganz kurz sprechen, müssen sie jedoch berühren, weil die

zwei Hauptströmungen des russischen Lebens aus ihr entspringen und dem

Europäer nur durch den Einblick in diese Frage das Verständnis für

Russland und sein künftiges Werden aufzugehen vermag. Es ist dies die

Frage, die v. Reinholdt in seiner »Geschichte der russischen Litteratur«

folgendermassen formuliert: »Wie verhält sich die orthodoxe Kirche zur

römischen und protestantischen? als ursprüngliche Gemeinschaft

anfänglicher Unterschiedslosigkeit, aus welcher, auf dem Wege späterer

Entwickelung und des Fortschritts andere, höhere Formen religiöser

Weltanschauung sich entwickelten, oder als ewig dauernde und

ungeschmälerte Vollkommenheit der Offenbarung, welche in der

occidentalen Welt der römisch-germanischen Anschauungen sich

unterworfen, und infolgedessen in entgegengesetzte Pole sich spaltete«?

Endlich: »Worin besteht der Gegensatz zwischen der russischen und der

westeuropäischen Zivilisation? -- bloss in der Entwickelungsstufe oder

in der Eigentümlichkeit der Bildungselemente? Steht es der russischen

Zivilisation bevor, nicht allein von den äusseren Resultaten, sondern

auch von den Grundlagen der westeuropäischen Bildung durchdrungen zu

werden? -- oder wird sie, nachdem sie ihr eigenes orthodox-russisches

geistiges Leben tiefer erfasst, die Grundlagen einer neuen, künftigen

Phase allgemein menschlicher Bildung abgeben?«

[Fußnote 1: Wir verweisen auf Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk

»Russia«, sowie auf Leroy-Beaulieus »L'Empire des Tsars et les Russes«.]

Die Anhänger der westlichen Einflüsse bejahen den ersten Teil dieser

Frage, die Slavophilen den zweiten. Einige Slavophilen,

darunter J. Kirejewsky, erwarten von einer Synthese beider,

einander so widersprechender Bildungsformen das Heil künftiger

Menschheitsentwickelung und zwar so, dass die westliche Kultur die

Gedankenwelt des Ostens entwickele und kläre, die östliche tiefe

Seeleneinheitlichkeit hinwieder die Gefühlswelt und Ethik des Westens

mit ihrer »Allmenschlichkeit« befruchte. Und in der That, wer seine

Hoffnungen und Schlüsse für die Zukunft des grossen Volkes mit der

»erstaunlichen Kraft zu wollen« nicht nur auf seine Historie, sondern

auf diese in jedem Russen zu findende latente und eigenartige

Menschheitskraft und Fähigkeit aufbaut, der muss, unbefangen urteilend,

finden, dass nicht sowohl Russland von unserer Zivilisation etwas

Umgestaltendes zu erwarten hat, als dass vielmehr wir von seiner Kraft

eine Rückkehr zur Natur, eine Neu-Vermenschlichung zu empfangen gewärtig

sein können.

Es ist hier, wie angedeutet, nicht der Ort, die bedeutenden Führer im

Streite ihre Sache selbst führen zu lassen. Die slavophile Richtung

wurde zum erstenmale theoretisch formuliert durch den unter Katharina

II. lebenden Geschichtschreiber, Fürsten Michael Schtscherbatow, um das

Ende des 18. Jahrhunderts herum; die bedeutendsten späteren Vertreter

dieser Richtung sind Kirejewsky,[2] Chomjakow, die Brüder Aksakow u. a.

Die westlichen Einflüsse vertreten vornehmlich Belinsky, A. Herzen,

Granowsky u. a.

Am eindringlichsten und tiefsten ward diese Frage durch Dostojewsky

behandelt, wie wir dies in seinem Leben und seinen Werken erkennen.

Indessen geht schon durch die ganze russische Litteratur neben der Frage

nach dem Werte der westlich-östlichen Kultur, ja als Wurzel dieser Frage

die Sorge des russischen Menschen hindurch: »wie soll mein Leben sein?«

-- Dostojewsky hat in seiner berühmten Puschkin-Rede im Jahre 1880 in

Moskau die Bedeutung Puschkins, dessen Standbild man eben enthüllte,

dahin erklärt, dass dieser Dichter -- nachdem mehr als ein Jahrhundert

nach Peters Reformen verflossen war, ehe sich der Keim einer russischen

Litteratur entwickelte -- nicht nur, wie Gogol gesagt hatte, des

russischen Geistes grösste und einzige, sondern auch seine prophetische

Offenbarung gewesen sei. Dostojewsky führt in dieser Rede den Gedanken

aus, dass Puschkin schon in seiner früheren Periode der Nachahmung André

Cheniers und Byrons plötzlich einen neuen, ganz und nur russischen Ton

gefunden hat, die echt russische Antwort auf die Frage, die »verfluchte

Frage«, wie er sie anführend nennt, »nach dem Glauben und der Wahrheit

des Volkes«. Diese Antwort laute: »Demütige dich, stolzer Mensch, und

vor allem brich deinen Hochmut, demütige dich, eitler Mensch, und vor

allem mühe dich auf heimatlichem Boden« -- und weiter: »nicht ausser dir

ist deine Wahrheit, sondern in dir selbst; finde dich in dir und du

wirst die Wahrheit schauen«.

[Fußnote 2: s. Masaryks vortreffliche Studie »Iwan Wassiljewitsch

Kirejewsky« in seinen »slovanske studie«. Prag, Bursik u. Kohout.]

Wir haben diese Stelle wörtlich angeführt, weil sie für Dostojewskys

Stellung in der Litteratur und seine Auffassung vom Apostolat des

Dichters und namentlich des Publizisten von grosser Wichtigkeit ist.

Der Herausgeber von Dostojewskys gesammelten Werken, K. Slutschewsky,

sagt in seiner Vorrede ganz im Sinne Dostojewskys: »Mit ganz besonderer

Schärfe treten in unserem Volke drei grundlegende, wesentliche,

ausschliesslich ihm zukommende Züge hervor. Schon im Jahre 1861, in der

Anzeige von der Ausgabe der »Wremja« hat Dostojewsky gesagt, dass

vielleicht die russische Idee die Synthesis aller jener Ideen sein

werde, welche Europa entwickelt hat, weil wir nicht umsonst alle

Sprachen sprechen, alle Zivilisationen begreifen, an den Interessen

aller europäischen Nationen Anteil nehmen, was unbedingt bei keiner

anderen Nation vorkommt. Unser zweiter, ausschliesslich uns gehöriger

Zug, den Dostojewsky wiederholt dargelegt und mit Zähigkeit in That und

Wort durchgeführt hat, das ist die in unserem Volke lebendige Erkenntnis

seiner »Sündigkeit«, eine Erkenntnis, welche es sehr gut erklärt, warum

wir so leicht verzeihen, so geneigt zur Selbstgeisselung sind, warum wir

unsere Unvollkommenheit nicht in ein Gesetz zu bringen, die sogenannten

»Rechtsverhältnisse« nicht anzuerkennen vermögen und gerne das Kreuz

innerer Reinigung und äusserer schwerer That tragen mögen, sei es auch

unserem eigensten Ich zum Trotz. Der dritte Zug ist unsere rechtgläubige

Religion, die niemals und nirgends, wie etwa der Katholizismus und

Protestantismus (von den anderen zu schweigen), als streitende Kirche

aufgetreten ist.«

Fügen wir noch zwei kleine, sehr bezeichnende Episoden aus Dostojewskys

Erlebnissen hinzu, die hierher gehören, so haben wir annähernd ein Bild

von dem Milieu gewonnen, aus dem heraus sich dieser Dichter-Genius

entwickelt und auf das er hinwieder gewirkt hat.

K. Aksakow erzählt im März 1881, schon nach Dostojewskys Tode,

folgendes: Auf einer Durchreise Dostojewskys geschah es, dass er sich in

Moskau aufhielt und uns besuchte. Er begann unter anderem mit einer Art

Begeisterung von dem verstorbenen Kaiser Nikolaus Pawlowitsch zu

sprechen; davon, wie sich auf dem Hintergrunde der Vergangenheit das

historische Bild dieses Monarchen grossartig abhebt, eines Monarchen,

der fest an seine Würde, an sein Recht glaubte, und wie sympathisch ihm,

Dostojewsky, dieses Bild sei. Während unseres Gespräches trat der

englische Reisende Mackenzie Wallace bei uns ein, welcher schon einmal

drei Jahre in Russland gelebt hatte, das Russische vortrefflich sprach

und mit der russischen Litteratur sehr vertraut war. Als er erfuhr, dass

er Dostojewsky vor sich habe, entbrannte seine Neugierde und er lauschte

gespannt dem bei seinem Eintritte unterbrochenen und von Dostojewsky

wieder aufgenommenen Gespräch über Nikolaus Pawlowitsch. Dostojewsky

führte seine Rede zu Ende, ohne den Engländer im geringsten zu beachten,

und entfernte sich bald darauf.

»Sie sagen, dies sei Dostojewsky,« fragte uns der Engländer. »Ja wohl.«

»Der Verfasser des >Totenhauses<?« »Derselbe.« »Das kann nicht sein; er

ist ja doch zur Zwangsarbeit verschickt gewesen.« »Ganz richtig, was

weiter?« »Ja, wie kann er denn einen Menschen loben, der ihn zur

Zwangsarbeit verurteilt hat?« »Euch Ausländern ist das schwer zu

begreifen,« antworteten wir, -- »uns aber ist es als ein durchaus

nationaler Zug begreiflich.«

Als zweites, den nationalen Zug bezeichnendes Erlebnis erzählt K.

Slutschewsky, Dostojewsky sei einige Monate vor seinem Tode auf einen

Ball in irgend eine höhere Schule gekommen. Die Jugend, auf die er

damals schon grossen Einfluss gewonnen hatte und die er immer aufrichtig

liebte, war hoch erfreut und drängte sich dicht um ihn.

»Wir fingen zu plaudern an,« erzählt er selbst, »und sie begannen eine

Diskussion. Sie baten mich, ich solle von Christus reden. Ich fing an zu

sprechen und sie lauschten mit grosser Aufmerksamkeit.« »Eine Predigt

über Christus auf einem Balle und nicht im geringsten durch die Musik

und den Tanz zurückgeschreckt -- fährt Slutschewsky fort -- das Lob des

Machthabers, der uns zur Zwangsarbeit verurteilte -- wo könnte das

jemals vorkommen als in Russland?«

Und nun wenden wir uns dem Lebenslauf des Dichters zu. Wir verdanken,

was wir davon wissen, den zu einem Buche vereinigten Aufzeichnungen

zweier seiner nächsten Bekannten, welchen die Witwe des Dichters die

Durchsicht seiner Papiere und Briefe anvertraute, dem Litterarhistoriker

Orest Miller, welchem auch ein bedingter Einblick in die Papiere des

Prozesses Petraschewsky zugestanden wurde (was er jedoch nicht

auszunutzen verstand) und dem mehrjährigen publizistischen Mitarbeiter

Dostojewskys, Kritiker Nikolai Nikolaiewitch Strachow, ferner den

Erzählungen seiner Witwe, Anna Grigorjewna Dostojewskaia, alter

Bekannter, guter Freunde und Feinde, vor allem aber dem »Tagebuch eines

Schriftstellers«, jenem Blatte, das der Dichter in seinen letzten

Lebensjahren allein besorgte und das sehr viel autobiographisches

Material enthält.

Orest Miller und Nik. Strachow haben sicher mit grosser Pietät alles

zusammengetragen, was sie teils selbst miterlebten, teils durch

Mitteilungen anderer, namentlich eines jüngeren Bruders, Andreas, sowie

der Gattin des Dichters erlangten. Allein es will uns, besonders nach

einigem Einblick in die intimere Korrespondenz des Dichters scheinen,

als ob sie bei der Wahl jener Briefe, die sie der Öffentlichkeit

übergaben, schlecht beraten gewesen seien und manchen intimen Brief ganz

unbeschadet der Diskretion mit anderen hätten vertauschen sollen,

die sich in immerwährenden Wiederholungen der Geldnot und

Schuldenkalamitäten bewegen. Es ist, als hätte ein neidischer Geist

heimlich da seinen Spuk getrieben, um einen Dichter, dessen Tod von

Hunderttausenden öffentlich betrauert wurde, dessen Leichenzug ganz

Petersburg war, dessen Hülle 63 Deputationen Kränze brachten und der Hof

die letzte Ehre erwies, nicht allzusehr aufkommen zu lassen, sondern all

diese Teilnahme lieber als einzelnes, die Leiden eines Kämpfenden

verherrlichendes Faktum hinzustellen, als sie zu Ungunsten lebender

Dichter auch noch durch eine bedeutende Korrespondenz zu bestätigen.

Indessen sind auch die veröffentlichten Briefe interessant genug, um

auszugsweise daraus Lebensdokumente herzuholen, was im weiteren Verlaufe

unserer Aufzeichnungen an seiner Stelle geschehen wird. Die erwähnten

Wiederholungen schildern, wie schon gesagt, unzählige immer

wiederkehrende Sorgen, zeugen von Geldverlegenheiten, von einer

unglaublich sich fortspinnenden Misere, einem ewigen Ringen um die

Bestreitung des täglichen Unterhaltes für sich und die Seinen. Wir

bekommen durch sie einen Blick in die unaufhörlichen Kämpfe mit Not,

Krankheit, Widerwärtigkeiten aller Art, und staunen immer wieder über

die ausserordentliche Kraft, die das alles überwand.

II.

Kindheit und Jugend.

(1821-1849.)

Theodor Michailowitsch Dostojewsky war der Sohn eines in Civildienste

übergetretenen Militär-Arztes, welcher unter dem Titel eines Stabsarztes

im Moskauer Armenspital angestellt war, wo er mit seiner zahlreichen

Familie eine aus zwei, später drei Zimmern, einem Vorzimmer und einer

Küche bestehende Wohnung einnahm. Bei der Knappheit der Räumlichkeiten

half man sich, wie man sich in den minder wohlhabenden Familien in

Russland zu helfen pflegt, mit dem Holzverschlag. Ein solcher

Holzverschlag teilte das Vorzimmer in zwei Teile, wovon der vordere, mit

dem Fenster versehene als Entrée, der rückwärtige, halb finstere Teil

als Schlafzimmer der beiden ältesten Kinder, Michael und Theodor,

diente.

Theodor M. Dostojewsky wurde am 30. Oktober 1821 geboren. Zu seinen

ersten Erinnerungen gehört jene aus seinem dritten Lebensjahre, dass er

einmal von der Kinderfrau in die gute Stube geführt und veranlasst

worden war, hier, vor der »heiligen Ecke« kniend, in Gegenwart einiger

Freunde der Eltern sein tägliches Abendgebet aufzusagen. Das Gebet

lautete: »Alle Zuversicht, Herr, lege ich auf dich, Mutter Gottes, nimm

mich unter deinen Schutz.« Den Wortlaut dieses Gebets hat er sein Leben

lang bewahrt und dieses später seinen Kindern übermittelt. Vier Jahre

alt wurde er schon ans Buch gesetzt. Den ersten Unterricht im

Buchstabieren nach alter Methode besorgte die Mutter, später bekamen die

Knaben einen Lehrer für französische Sprache und die üblichen

Schulgegenstände, sowie als Religionslehrer einen Diakon, welcher ihnen

»die hundertundvier Geschichten des alten und neuen Bundes« vortrug und

damit den grössten Eindruck auf sie machte.

Man muss hier beide Brüder immer zusammen nennen, denn es verband sie

ausser der Kameradschaft so naher Altersgenossen (sie waren nämlich nur

um ein Jahr im Alter von einander getrennt) ein Band innigster

Freundschaft, das ihr ganzes Leben hindurch währte. Der ältere, Michael,

war jedoch durchaus anders veranlagt als Theodor, welcher überschäumend

von Temperament war, »das reine Feuer«, wie ihn die Eltern nannten. Er

war natürlich Angeber und Anführer in allen Spielen, während sich

Michael ihm widerstandslos unterwarf. An Winterabenden war es zumeist

ein Kartenspiel, das sie nach ihrem streng verbrachten Arbeitstage

vornahmen, wobei Theodor, in seiner Ungeduld zu gewinnen, sehr oft

betrog.

Im Sommer spielten sie, wenn die Familie ihr kleines Landgütchen bezogen

hatte, im nahegelegenen Birkenwäldchen meist »Indianer«; sie kleideten

sich dazu ganz aus, tättowierten sich, schmückten sich mit Laubgürteln

und Hahnenfedern, fabrizierten Pfeile und Bogen und führten erbitterte

Kämpfe. Der Gipfel des Vergnügens war erreicht, wenn die Mutter an einem

heissen Sommertage ihnen erlaubte zu Mittag im Walde zu bleiben, und

ihnen unter irgend ein Gebüsch ihr Essen stellen liess, das sie ohne

Benutzung von Gabel und Messer verzehrten, sodass sie bis in den späten

Abend hinein »wild« bleiben durften. Ein Übernachten im Walde jedoch,

das sie so sehr wünschten, wurde ihnen niemals gestattet. Als die Knaben

grösser wurden, übernahm der Vater den vorbereitenden Lateinunterricht

für das Gymnasium. Das war eine harte Plage. Der Vater nahm sie

gewöhnlich abends nach seiner zweiten Runde bei den Patienten vor. Der

Unterricht währte meistens eine Stunde, wobei die Schüler, nicht nur

sich nicht setzen, sondern sich auch nicht einmal an den Tisch lehnen

durften. In dieser Zeit verschlang Theodor viele Bücher. Namentlich

begeisterte ihn Walter Scott, dessen Quentin Durvard er unzählige Male

las. Als sie dann in ein vortrefflich geleitetes Privat-Pensionat kamen

(die Eltern zogen dies, obwohl es sie grosse Opfer kostete, dem übel

beleumundeten Gymnasium vor), wurden sie an jedem Sonnabend nach Hause

gebracht und kramten sofort bei Tische den ganzen Schulklatsch aus;

namentlich erzählten sie gerne die schlechten Streiche ihrer Kameraden.

»Dabei gab unser Vater,« so erzählt Andreas Dostojewski, »den Brüdern

keinerlei Lehren. Bei der Erzählung verschiedener Streiche, die in der

Klasse verübt worden waren, sagte er nur: >Ei, der Nichtsnutz, ei, der

Elende< -- -- --, allein er sagte nicht ein einziges Mal: >sehet zu,

dass ihr es nicht auch so macht.< Damit sollte angedeutet werden, dass

der Vater solche Schelmenstücke auch nicht im entferntesten von ihnen

erwartete.«

Die Brüder lasen fortwährend sehr viel. Michael, der zumeist Gedichte

las, versuchte sich auch poetisch, Theodor war zu ungeduldig, um jemals

etwas in gebundener Rede auszuarbeiten. Er zog auch im Lesen die Prosa

vor und las, wenn nichts Neues da war, Karamsins russische Geschichte

immer wieder. In Puschkin aber einigten sich die Brüder und es gab keine

damals bekannte Dichtung Puschkins, welche sie nicht auswendig gekannt

hätten, wie denn auch Theodor überhaupt ein leidenschaftlicher

Deklamator war, dessen Vortrag die Grenzen künstlerischer Mässigung

immer überschritt. Im Jahre 1837 starb die Mutter, und die Söhne

verliessen die Vaterstadt, um in die höhere Militär-Ingenieurschule in

Petersburg einzutreten. Der Vater rechnete hierbei auf die Protektion

eines Verwandten, der Generallieutenant im Armee-Inspektorat war und so

den Jünglingen zu einer, bei ihren geringen Mitteln sehr

wünschenswerten, schnelleren Karriere helfen konnte.

Nun traf es sich aber, dass der sie untersuchende Arzt den älteren

Bruder, der kerngesund war, für krank erklärte, während er Theodor, der

von Kindheit an kränklich und schwächlich war, für tauglich annahm. Das

führte die Trennung der Brüder herbei. Michael kam in die medizinische

Akademie nach Reval, während Theodor in Petersburg blieb. Um diese Zeit

besuchte ihn ein Freund des Hauses, Dr. Riesenkampf, der uns sein

Äusseres folgendermassen schildert: »Ein ziemlich runder, voller, heller

Blondin mit einem runden Gesicht und etwas aufgestülpter Nase ... die

hellkastanienfarbigen Haare waren kurz geschoren. Unter einer hohen

Stirne und schwachen Augenbrauen waren kleine, tiefliegende graue Augen

wie verborgen; die Wangen waren bleich, mit Sommersprossen besäet, die

Gesichtsfarbe war krankhaft, erdig, der Mund etwas wulstig. Theodor war

bedeutend lebhafter, beweglicher, heftiger als sein gesetzter Bruder.«

... Die kränkliche Gesichtsfarbe war das Begleitsymptom einer sehr früh

gesteigerten nervösen Reizbarkeit, die, wie wir wissen, noch vor seiner

Gefängniszeit in Epilepsie ausartete. Schon als Kind hatte er manchmal

Hallucinationen gehabt, an deren eine er die Erinnerung an den Bauer

Marej knüpft. Er erzählt diese Geschichte in seinem »Totenhause«, und

ein zweites Mal im Januarheft 1876 seines »Tagebuchs eines

Schriftstellers« mit derselben Betonung der »Volkswahrheit« wie dort.

Wir fügen hier diese kleine Begebenheit samt den Betrachtungen ein,

welche der Dichter 46 Jahre später daran knüpft. Er beginnt damit, wie

er in der Strafkaserne in Sibirien oft von Erinnerungen an die

Kinderzeit heimgesucht worden war, und fährt fort: »Ich erinnerte mich

an einen August in unserem Dorfe. Der Tag war hell und trocken, doch

etwas kühl und windig; der Sommer ging zur Neige und nun hiess es: bald

nach Moskau zurück und wieder den ganzen Winter hindurch über den

französischen Lektionen sitzen. Und mir wars so leid, das Dorf zu

verlassen. Ich ging um die Scheunen herum, stieg in den Hohlweg hinab

und wieder durch die »Schlucht« hinauf; so wurde ein dichtes Strauchwerk

von uns genannt, das jenseits des Hohlweges bis zum Wäldchen hinanstieg.

Da verlor ich mich tiefer ins Gebüsch und hörte, wie, ungefähr 30

Schritte von mir, auf einer Waldwiese ein Bauer ganz allein die

Pflugschar führte. Ich erkenne, dass er gegen die steile Höhe hinauf

pflügt, dass das Pferd mühsam hinaufklimmt, und höre, wie hie und da des

Bauern Zuruf »Nu, nu!« zu mir herüberklingt. Ich kenne fast alle unsere

Bauern, nur weiss ich nicht, welcher von ihnen eben pflügt. Aber es ist

mir ganz gleich, denn ich bin ganz in meine Arbeit vertieft, denn auch

ich bin beschäftigt; ich breche mir eine Haselnuss-Staude, um damit die

Frösche zu peitschen. Die Haselstauden sind so schön, aber so unhaltbar

-- ganz anders als die Weidengerten! Auch die hartgeflügelten Käferchen

interessieren mich, ich sammle sie, es giebt sehr zierliche darunter.

Ich liebe auch die kleinen, behenden, hellgelben Eidechsen mit den

schwarzen Fleckchen, aber die kleinen Schlangen fürchte ich. Übrigens

trifft man die Schlänglein bei weitem seltener an als die Eidechsen.

Schwämme giebt es hier wenige. Nach Schwämmen muss man ins

Birkenwäldchen gehen und ich mache mich auf den Weg dahin. Nichts in der

Welt liebe ich so sehr, wie den Wald mit seinen Schwämmen und wilden

Beeren, mit seinen Käfern und Vögelchen, den Igelchen und Eichhörnchen

und dem mir so angenehmen feuchten Geruch verwesender Blätter. Und jetzt

auch, da ich dieses schreibe, habe ich den Duft unseres Birkenwäldchens

leibhaftig verspürt. Diese Eindrücke bleiben fürs Leben. Plötzlich,

mitten in das tiefe Schweigen hörte ich laut und deutlich einen Schrei:

»Der Wolf kommt«. Ich schrie auf und lief ausser mir und schreiend

geradeaus nach der Wiese auf den pflügenden Bauer los.

Das war unser Bauer Marej. Ich weiss nicht, ob es einen solchen Namen

giebt, aber alle nannten ihn Marej. Es war ein Bauer von etwa fünfzig

Jahren, stämmig, ziemlich gross, mit einem breiten, stark gesprenkelten

dunkelblonden Barte. Ich kannte ihn, doch hatte es sich bis dahin nicht

ereignet, dass ich mit ihm gesprochen hätte. Er brachte sein Pferdchen

zum Stehen, als er mein Schreien gehört hatte, und als ich im vollen

Anlauf mit einer Hand mich an die Pflugschar, mit der zweiten an seinen

Ärmel hing, da erkannte er mein Entsetzen.

»Der Wolf kommt,« schrie ich atemlos.

Er wendete den Kopf und sah sich unwillkürlich ein wenig im Kreise um,

mir einen Augenblick fast glaubend.

»Wo ist der Wolf?«

»Man hat gerufen ... jemand hat eben gerufen: der Wolf kommt,« stammelte

ich.

»Was sagst du, was sagst du, was für ein Wolf -- geschienen hat es dir,

geh! Was soll hier für ein Wolf sein!« murmelte er, mich beruhigend.

Allein ich zitterte noch immer und klammerte mich noch fester an seinen

Zipun und muss sehr blass gewesen sein. Er sah mich mit einem

beunruhigten Lächeln an und war offenbar um mich in Angst und Sorge.

»Geh, schau, bist erschrocken, aj, aj!« sagte er kopfschüttelnd. »Genug,

mein Trauter. Geh, Kleiner, aj!«

Er streckte die Hand aus und streichelte mir plötzlich die Wange.

»Nu, genug doch, nu, Christus ist mit dir, mach das Kreuz.« Allein ich

bekreuzte mich nicht; meine Mundwinkel zuckten und das scheint ihn

besonders ergriffen zu haben. Er streckte seinen dicken, mit Erde

beschmutzten Daumen mit dem schwarzen Nagel leise aus und berührte damit

ganz leise meine zuckenden Lippen.

»Geh doch, aj,« lächelte er mich mit einem mütterlichen, auf seinen

Lippen verweilenden Lächeln an. »Herrgott, was ist denn das, geh doch,

aj, aj!«

Ich begriff endlich, dass kein Wolf da war, und dass mir etwas wie ein

Schrei »der Wolf kommt« nur so geklungen hatte. Der Schrei war übrigens

sehr laut und deutlich gewesen, allein solche Schreie (nicht nur von

Wölfen) hatte ich schon früher ein- oder zweimal zu vernehmen geglaubt

und ich wusste davon. (Später vergingen diese Hallucinationen mit den

Kinderjahren.)

»Nun werde ich gehen,« sagte ich fragend und schaute ihn furchtsam an.

»Geh du nur, ich werde dir schon nachschauen. Ich werde dich schon dem

Wolf nicht geben!« fügte er hinzu, indem er mir immer noch mütterlich

zulächelte, »nu, Christus sei mit dir, nu geh,« und er machte das

Zeichen des Kreuzes über mich, dann über sich selbst.

Ich ging weiter und schaute mich fast bei jedem zehnten Schritte um.

Marej blieb, so lange ich ging, mit seinem Pferdchen immer da stehen und

schaute mir nach, mir, so oft ich mich umsah, mit dem Kopfe zunickend.

Offen gestanden schämte ich mich ein wenig vor ihm, darüber, dass ich

solche Furcht gehabt hatte, allein sie erfasste mich auch im Gehen noch

hie und da, ehe ich nicht zur ersten Riege des Abhanges gelangt war.

Hier verliess mich die Angst schon ganz; und plötzlich, wie vom Boden

heraus, sprang mir unser Hofhund Wölfchen entgegen. Mit ihm an meiner

Seite wurde ich schon ganz mutig und wendete mich zum letzten Male nach

Marej um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr genau unterscheiden, aber

ich fühlte, dass er mich noch immer mit demselben zärtlichen Lächeln

ansah und mit dem Kopfe nickte. Ich winkte ihm mit der Hand, auch er

winkte mir zu und dann trieb er sein Pferdchen an.

»Nu, nu!« hörte man in der Ferne wieder seinen Zuspruch, das Pferdchen

zog wieder an seiner Pflugschar. --

Als ich damals von Marej nach Hause kam, erzählte ich niemand mein

Erlebnis. Ja, was war es denn auch für ein Erlebnis? Auch Marej habe ich

damals sehr bald vergessen. Wenn ich ihn später seltene Male traf, so

sprach ich gar nie mit ihm, weder vom Wolf, noch überhaupt. Und

plötzlich jetzt, zwanzig Jahre später in Sibirien, fiel mir diese ganze

Begegnung mit einer solchen Klarheit, bis in das kleinste Detail ein.

Das heisst also, dass sie sich in meine Seele festgesetzt hatte,

unbewusst, ganz allein und ohne meinen Willen, und plötzlich ist sie

dann aufgetaucht, wann sie nötig war.

Es tauchte dieses sanfte, mütterliche Lächeln des armen leibeigenen

Bauern in mir auf; seine Kreuze, sein Kopfschütteln, sein »Geh schon,

bist erschrocken, Kleiner!« Und besonders sein dicker, mit Erde

beklebter Finger, mit welchem er still und mit sanfter Zärtlichkeit

meine zuckenden Lippen berührt hatte. Gewiss hätte ein jeder einem

kleinen Kinde Mut zugesprochen, allein hier in dieser einsamen Begegnung

geschah etwas von gleichsam ganz anderer Art, und wenn ich sein

leiblicher Sohn gewesen wäre, so hätte er mich nicht mit einem von

hellerer Liebe leuchtenden Blicke ansehen können -- wer aber hat ihn

dazu genötigt? Er war unser eigener Höriger, ich aber war immerhin sein

junges Herrchen; das hätte niemand erkannt, als er mich streichelte und

mich es nicht fühlen liess. Liebte er etwa so sehr die kleinen Kinder?

Solche giebt es. Die Begegnung war in völliger Abgeschiedenheit erfolgt,

auf einem öden Feld, und nur Gott sah vielleicht von oben, mit welchem

tiefen und heiligen Menschheitsgefühl, und mit welcher feinen, fast

weiblichen Zartheit das Herz manches groben, tierisch unwissenden,

leibeigenen russischen Bauern erfüllt sein kann, eines solchen, der

seine Befreiung auch nicht einmal erwartete, nicht ahnte. -- Sagt mir,

ist es nicht das, was Konstantin Aksakow verstand, als er von der hohen

Bildung unseres Volkes sprach?

Und sieh da, als ich von meiner Pritsche herunterstieg und mich rings

umsah, da, ich erinnere mich dessen, fühlte ich plötzlich, dass ich mit

ganz anderen Blicken auf diese Unglücklichen zu schauen vermochte, und

dass mit einem Male, wie durch ein Wunder, jeder Hass und jeder Zorn in

meinem Herzen ausgelöscht war. Ich ging umher und schaute in die

Gesichter der mir Begegnenden. Jener geschorene und entehrte Bauer,

gebrandmarkt, berauscht, der da sein betrunkenes heiseres Lied brüllte,

das kann ja ebenfalls der nämliche Marej sein; ich kann ja nicht in sein

Herz hineinschauen.«

Bald nach dem Tode der Mutter gelangte zu den Jünglingen die Nachricht

vom tragischen Ende Puschkins. Hätten sie nicht schon Trauergewänder

getragen, so hätten sie um die Erlaubnis gebeten, solche nach Puschkin

anlegen zu dürfen. In jedem Falle verabredeten sie sich auf der Reise

nach Petersburg, sofort nach ihrer Ankunft den Ort aufzusuchen, wo das

Duell stattgefunden, und die Stube, wo der Dichter seinen Geist

ausgehaucht hatte.

Diese Fahrt in langen Tagereisen, mit unterlegten Pferden und

wechselnden Fuhrleuten, war reich an Hoffnungen und poetischen

Stimmungen, namentlich des älteren Bruders, der: »täglich etwa drei

Gedichte machte, auch unterwegs« --, wie Theodor in seinem Tagebuche

1876 erzählt. Er selbst dachte wohl ebenfalls nicht an die

Aufnahmeprüfung in der Mathematik: er deklamierte, disputierte und

ereiferte sich über poetische Fragen, hatte aber doch offene Sinne für

alles, was um ihn her vorging. So machte ihm eine Scene Eindruck, die er

vom Fenster des Einkehrhauses eines kleinen Dorfes beobachtete. Es war

an das Stationsgebäude eine Kurier-Trojka herangeflogen, ein betresster

und befiederter Feldjäger sprang herab, trank ein Gläschen Schnaps und

schwang sich auf die Telega zurück, wo indessen der neue Kutscher, ein

junger Bursche, ein neues armseliges Dreigespann angebracht hatte. Kaum

hatte sich dieser Junge auf seinen Platz geschwungen, als der Feldjäger

aufstand und ihm ohne jegliche Erregung, ohne ein Wort zu reden, mit der

Faust einen wuchtigen Hieb in den Nacken verabfolgte. Unmittelbar darauf

setzte der Kutscher diesen Hieb in einen Knutenstreich auf die Pferde

um. Das wiederholte sich so lange, als der Zuschauer das Gefährt nicht

aus dem Auge verlor, so dass gleichsam aus jedem Faustschlag, wie durch

eine Feder geschnellt, der Knutenhieb hervorsprang. Dostojewsky erwähnt

in späten Jahren diese Begebenheit gelegentlich eines Artikels über den

Petersburger Tierschutzverein, dem er diesen Vorgang als Emblem auf das

Petschaft gravieren lassen möchte.

Die Trennung vom Hause und dem Bruder ruft die erste Korrespondenz

hervor. Wir finden darin die erste reale Misère um einiger Kopeken

willen und den ersten philosophischen Weltschmerz, der sich jedoch schon

in der, Dostojewsky eigentümlichen, mystischen Weise ausdrückt. So sagt

er in einem Briefe an den Bruder: »Ich weiss nicht, ob meine traurigen

Gedanken je verstummen werden -- mir scheint unsere Welt ist ein

Fegefeuer himmlischer Seelen -- die ein sündiger Gedanke verwirrt hat --

aus der hohen, herrlichen Seelenhaftigkeit ist -- eine Satire

herausgekommen.« -- -- -- Weiter sagt er: »Sehen, wie unter einer

spröden Hülle sich eine Welt in Qualen windet, wissen, dass ein

Willensausbruch genügt, sie zu zerbrechen, und mit der Ewigkeit

zusammenzufliessen, das wissen und dem niedersten der Geschöpfe gleich

sein -- -- schrecklich! Wie armselig ist doch der Mensch! Hamlet,

Hamlet!« Weiter heisst es: »Pascal sagt einmal: Wer gegen die

Philosophie protestiert, ist selber ein Philosoph« -- eine traurige

Philosophie das!« --

Wir sehen unter anderem aus diesem Briefe, dass seine Lektüre sich den

Franzosen zugewendet hat; er zählt einmal auf, was er im Übungslager

alles gelesen hat: »Mindestens nicht weniger, als Du«, ruft er dem

Bruder zu. Den ganzen Hoffmann, den ganzen Victor Hugo, den er unter

anderem mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit mit Homer vergleicht, einen

Homer in »christlichem, engelhaftem Sinne« nennt. Einen ganz

ausserordentlichen Eindruck macht auf ihn George Sand, »eine der

hellsehendsten Ahnenden, einer die Menschheit erwartenden glücklichen

Zukunft.« So drückt er sich im Jahre 1876 im Junihefte seines Tagebuches

aus. In der Nachschrift eines Briefes finden wir eine Verteidigung der

französischen Klassiker in folgenden hitzigen Worten: »Hast du Cinna

gelesen? Armseliger, wenn du ihn nicht gelesen hast! Besonders das

Gespräch Augusts mit Cinna, wo er ihm den Verrat verzeiht ... Du wirst

sehen, so sprechen nur beleidigte Engel ... Hast du Le Cid gelesen? Lies

ihn, erbärmlicher Mensch, und sinke in den Staub vor Corneille .....

Übrigens«, schliesst er begütigend, »sei mir um meiner beleidigenden

Ausdrücke nicht böse .....«

Sehr merkwürdig ist seine Beurteilung des Vaters. »Mir ist leid um den

armen Vater. Ein seltsamer Charakter! Ach, wieviel Unglück hat er nicht

schon ertragen! Es ist bis zu Thränen bitter, dass man ihn mit nichts

erfreuen kann! -- Und, weisst du? -- Papachen kennt die Welt ganz und

gar nicht; er hat fünfzig Jahre darin gelebt und ist bei der Meinung

über die Menschen geblieben, die er dreissig Jahre vorher von ihnen

gehabt hat. Glückliche Unwissenheit! -- Allein er fühlt sich sehr

enttäuscht, das scheint unser allgemeines Los zu sein.« Hier bietet sich

schon ein Stück echt Dostojewskyscher psychologischer Feinheit, welche

im Vater die Enttäuschung über die Welt und zugleich die Unfähigkeit

sieht, daraus Nutzen zu ziehen und anderer Meinung über die Menschen zu

werden.

Übrigens finden wir nur in den Jugendbriefen und erst wieder in den

Briefen aus des Dichters letzten Jahren Ausbrüche persönlichster

Innerlichkeit, wie wir das nennen möchten. Dies ist indessen zum grossen

Teil auf die unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe

zurückzuführen, deren wir oben erwähnten. Es ist da, als ob die

Herausgeber durch diese Zusammenstellung die Armut und die ewigen

Nahrungssorgen des Dichters so recht herauskehren wollten. Sein späterer

Briefwechsel mit seiner Gattin Anna Grigorjewna (er schrieb ihr während

seiner kleinsten Abwesenheiten täglich, so dass sie, die immer nur sehr

kurz von ihm getrennt war, 464 Briefe von ihm besitzt), den die Witwe

aus begreiflichen Gründen zurückhält, ist voll von solchen Ausbrüchen.

Allein wir würden irren, wenn wir annähmen, dass es schwunghafte

Dichterbriefe seien. Nein, so schlicht, dabei gegenständlich bis ins

kleinste, so voll von Zweifeln an sich selbst, berauschtem Stolz über

einen Erfolg, Kleinmut und Zerknirschung, wenn er wieder so nichtswürdig

schwach gewesen, alles zu verspielen, mit einem Wort, so unlitterarisch

sind sie, wie jene, die wir vor uns haben. Auch so naiv in einem

gewissen Sinne. So frägt er in einem Briefe aus Moskau, wohin er zur

Puschkinfeier gereist ist, am Tage dieser Feier: Was meinst du, soll ich

im Frack erscheinen oder im Gehrock? Doch von dieser Korrespondenz

später.

Eine andere sehr wertvolle Korrespondenz, welche mir vom Besitzer zur

Verfügung gestellt wurde, ist leider im Schlosse des Grafen Alexis

Tolstoi, dessen Gast jener war, bei einem Brande, dem das ganze Schloss

zum Opfer fiel, zu Grunde gegangen. In dieser Korrespondenz hätten wir

wohl viel Polemisches, vieles über des Dichters politische Anschauungen

ausgedrückt gefunden, allein sicher nicht mehr Andeutungen über

Arbeitspläne, als jene Briefe enthalten, die wir vor uns haben.

Dostojewsky hatte eine Art darüber in Briefen zu schweigen, welche die

Annahme nicht zulässt, als habe er dies nur je nach der Person und dem

Augenblick gethan. Zur Zeit seiner grössten litterarischen Thätigkeit

bewegen sich viele seiner Briefe zumeist um Äusserliches. Doch auch

davon später.

Auch im Verkehr mit den Kameraden war Dostojewsky sehr zurückhaltend; er

schloss sich immer ab, mischte sich nicht in die gemeinsamen

Unternehmungen und teilte sich niemand mit. Die Schwächeren, namentlich

die Neueintretenden, welche Spott und Unbill zu erleiden hatten,

verteidigte er energisch. In den Unterrichtsfächern blieb er im

geometrischen Zeichnen und im Reglement zurück, so dass er ein Jahr

wiederholen musste, was ihn um des Vaters willen sehr kränkte. Seine

Briefe an diesen letzteren sind zumeist Schulberichte, Bitten um Geld

und Aufzählung seiner notwendigsten Ausgaben. An den Bruder schreibt er

einmal: »Du beklagst dich über deine Armut -- -- auch ich bin nicht

reich -- da ist nichts zu sagen -- wirst du mir glauben, dass ich, als

wir das Lager verliessen, nicht eine Kopeke hatte? Auf dem Marsche

erkrankte ich infolge Erkältung und Hunger (es regnete den ganzen Tag

und wir gingen blank) und ich hatte keinen Groschen, um mir die Kehle

mit einem Schluck warmen Thees anzufeuchten. Aber ich wurde wieder

gesund. Doch auch im Lager war mein Zustand ein erbärmlicher, bis ich

Väterchens Geld bekam. Da bezahlte ich die Schulden und behielt das

Übrige zurück. Aber die Beschreibung deines Zustandes übersteigt alles.

Kann man denn wirklich fünf Kopeken nicht haben, sich mit Gott was

füttern müssen, und nur mit lüsternen Blicken die herrlichen Beeren

betrachten, die du sehr liebst!« Er hat eben erst erzählt, dass er,

hungrig und krank, keinen Groschen zu einem Schluck warmen Thees gehabt;

dies scheint er aber in der Entrüstung darüber, dass sich der Bruder die

geliebten Beeren nicht kaufen kann, ganz zu vergessen.

Um diese Zeit liest er viel Schiller und schreibt einmal an den Bruder,

der ihm vorwirft, Schiller nicht zu kennen: er habe ihn mit einem teuern

Freunde gelesen, der nun fort sei, und dies sei der Grund, warum auch

der Name Schiller ihm wehe thue, nicht über seine Lippen komme. Er

bearbeitet Maria Stuart in seinem Sinne, ebenso auch Puschkins Boris

Godunow; beide Manuskripte sind in Verlust geraten. Überhaupt sieht man

ihn viel heimlich schreiben, Nächte hindurch, und einige seiner

Biographen sind der Meinung, er habe seinen am sorgfältigsten

ausgearbeiteten Roman »Arme Leute« in der ersten Fassung schon in der

Akademie begonnen.

Am 5. August 1841 wurde er zum Unteroffizier ernannt, mit Belassung in

der Anstalt, um den Offizierskurs zu vollenden, und am 11. August 1842

wird er nach bestandener Prüfung in die Offiziersklasse versetzt. In

dieser Zeit scheint er schon auswärts gewohnt, nach dem Tode des Vaters

seine Erbschaft angetreten und den jüngeren Bruder Andreas bei sich

beherbergt zu haben, was ihn sehr einengt und worüber er sich gegen

Michael beklagt.

Im Jahre 1843 trat Dostojewsky aus dem höheren Offizierskurs aus und

wurde dem Petersburger Kommando des Ingenieurkorps zugeteilt. Nun

scheint ein freies, genusssüchtiges und sehr kostspieliges Leben für ihn

begonnen zu haben. Seine Jahreseinkünfte waren durchaus nicht gering; er

bezog eine jährliche Rente und einen Offiziersgehalt, die zusammen 5000

Rubel ausmachten. Allein, da er einerseits seinen Neigungen lebte,

andererseits ausserordentlich unpraktisch in der Einteilung seiner

Finanzen war, geriet er bald in Schulden. Er besuchte sehr fleissig das

Theater, »auch das Ballett«, sagt Orest Miller, alle kostspieligen

Konzerte etc. Zudem mietete er eine geräumige Wohnung, nur weil ihm das

Gesicht des Hausherrn sympathisch war und er sah, dass ihn dieser Mann

nie stören würde. Freilich standen in der grossen Wohnung nur ein Bett,

ein Divan, ein Tisch und einige Stühle. Dazu zeigte sichs bald, dass nur

sein Arbeitskabinett heizbar war, also lebte er in diesem, behielt

jedoch die ganze Wohnung weiter. Eine andere Ursache der Verwirrung

seiner Geldangelegenheiten war die, dass er einen Diener bei sich

behielt, der ihm auch so sympathisch war, dass keine Mahnung, er solle

ihn weggeben, da er ihn bestehle, bei ihm Eingang finden konnte. »Mag er

mich doch bestehlen,« sagte Dostojewsky, »er wird mich nicht ruinieren.«

Thatsächlich, erzählt O. Miller, ruinierte dieser Diener ihn doch, denn

er hatte eine Geliebte mit grosser Familie, die schliesslich alle auf

Kosten seines Herrn lebten, bis es nicht mehr weiter ging, dieser in

Schulden geriet und endlich doch die Wohnung aufgeben musste. Als es

anfing schief zu gehen, zog sich Dostojewsky von allem zurück, schloss

sich in sein Arbeitszimmer ein und verkehrte mit niemand. Nach den

Mitteilungen des Doktors Riesenkampf, der ihn zu jener Zeit oft

besuchte, war er sehr in sich gekehrt, verschlossen, sehr leidend, ohne

es zugeben zu wollen. Seine Stimme war infolge einer schweren

Halskrankheit, die er noch im Elternhause durchgemacht hatte, beständig

heiser, seine Gesichtsfarbe erdfahl.

Hier beginnt seine intensive Beschäftigung mit der Litteratur; er liest

viel französisch: Balzac, George Sand, Victor Hugo, Lamartine, Soulié.

Entwürfe zu Erzählungen jagten einander nur in seinem Kopfe. Bei diesen

Beschäftigungen war ihm sein militärischer Beruf eine grosse Last, die

er indes nicht abzuschütteln wagte, weil der Vormund ihm mit Entziehung

seiner Rente drohte.

Wie wechselnd Schicksal und Laune des Dichters zu jener Zeit waren,

davon giebt uns die Erzählung Dr. Riesenkampfs ein drastisches Bild. Zur

Zeit der grossen Fasten im Jahre 1842 sei plötzlich ein Geldzufluss bei

Dostojewsky sichtbar geworden. Er besuchte die Konzerte Liszts, der eben

angekommen war, sowie die des Sängers Rubini und eines berühmten

Klarinettisten. Nach Ostern traf ihn Riesenkampf in einer Aufführung von

Puschkins »Ruslan und Ludmila«. Im Mai aber schloss er sich abermals ein

und versagte sich jedes Vergnügen, um sich zur letzten Prüfung

vorzubereiten. Zu gleicher Zeit hatte sich Riesenkampf zur medizinischen

Prüfung vorbereitet, erkrankte infolge zu grosser Anstrengung und hütete

noch am 30. Juni das Bett. Da erscheint plötzlich Dostojewsky an seinem

Lager, bis zur Unkenntlichkeit verändert; strahlend, gesund aussehend,

mit sich und dem Schicksal zufrieden, denn er hatte eben die Prüfung

sehr gut bestanden, war als Lieutenant aus der Anstalt entlassen; hatte

überdies vom Vormund eine so grosse Geldsumme erhalten, dass er imstande

war, seine Schulden zu bezahlen. Zudem hatte er einen längeren Urlaub

bekommen, den er benutzen wollte, um seinen Bruder, welcher sich

inzwischen verheiratet hatte, in Reval zu besuchen, was er am folgenden

Morgen zu unternehmen gedachte. Nun zerrt er den Freund aus dem Bette,

kleidet ihn an, setzt ihn auf einen Wagen und führt ihn in eines der

ersten Restaurants am Newsky Prospekt. Hier verlangt er ein gesondertes

Zimmer mit einem Flügel, bestellt ein lukullisches Mahl mit kostbaren

Weinen und nötigt den kranken Freund, mit ihm zu essen und zu trinken.

Diese zwingende Heiterkeit wirkte wohlthätig auf den Kranken; er ass und

trank, musizierte und -- wurde gesund. Am anderen Morgen begleitete er

den Freund zum Dampfer!

In Reval scheint Dostojewsky durch Herrnhutersche Unduldsamkeit einen

sehr üblen Eindruck empfangen zu haben, der ihn Zeit seines Lebens gegen

die Deutschen, denen er höhere Kultur zugeschrieben hatte, verstimmt

liess.

Der Bruder Michael hatte indessen mit Hilfe seiner Frau Theodor mit

neuer Wäsche und Kleidern ausgestattet und bat nun Riesenkampf, welcher

auch nach Reval gekommen war, er möge, da er sich in Petersburg

niederlasse, gemeinschaftlich mit dem Bruder wohnen, damit er, der

niemals etwas über den Stand seiner Habe wisse, sich an dessen deutscher

Ordnungsliebe ein Beispiel nehme. Als Riesenkampf im September 1843 nach

Petersburg zurückkam, erfüllte er diesen Wunsch. Er fand Theodor ohne

eine Kopeke, von Milch und Brot, und das sogar auf Kredit, lebend.

»Theodor Michailowitsch,« schliesst er den Bericht, »gehört zu jenen

Personen, neben denen zu leben allen wohl wird, die aber selbst immer in

Not sind.« Man bestahl ihn unbarmherzig, allein bei seiner

Vertrauensseligkeit und Güte wollte er den Dingen weder auf den Grund

gehen noch seine Diener samt Anhang beschuldigen, die sich seine

Harmlosigkeit zu nutze machten. Ja, sogar das Zusammenleben mit dem

Arzte war ein neuer Anlass zu vergrösserten Auslagen. »Jeden armen

Teufel nämlich, der um ärztlichen Rat zum Doktor kam, nahm er wie einen

teuren Gast auf,« erzählt Orest Miller. -- Darüber zurecht gewiesen,

antwortete er entschuldigend: »Da ich mich daran mache, die Lebensweise

armer Leute zu beschreiben, so bin ich froh, dass ich Gelegenheit habe,

das Proletariat der Hauptstadt näher kennen zu lernen.« Bei Abschluss

der Monatsrechnungen fand sich, dass eine ganze Herde von Menschen ihren

Vorteil aus Dostojewskys Sorglosigkeit gezogen hatte; nicht nur Bäcker

und Krämer, sondern auch Schneider und Schuster reichten unerhörte

Rechnungen ein. Dazu war die Wäsche und Garderobe, die bei jedem

Geldzufluss immer wieder neu hergestellt wurde, immer ganz

zusammengeschmolzen. Seine äusserste Not dauerte um diese Zeit zwei

Monate. Da plötzlich fand ihn der Doktor eines Tages laut, selbstbewusst

und stolz im grossen Saale auf und ab gehen -- er hatte aus Moskau 1000

Rubel erhalten. »Am anderen Morgen aber,« erzählt Dr. Riesenkampf, »kam

er wieder in seiner gewöhnlichen stillen, sanften Weise in mein

Schlafzimmer und bat mich, ihm 5 Rubel zu leihen.« Der grösste Teil des

Geldes war zur Tilgung von Schulden aufgegangen, und das, was übrig

blieb, hatte er zum Teil im Billardspiel verloren; die letzten 50 Rubel

waren ihm von einem Fremden, den er zu sich gerufen und in seinem Zimmer

allein gelassen hatte, gestohlen worden.

Im März 1844 musste Dr. Riesenkampf von Petersburg scheiden und Theodor

Michailowitsch zurücklassen, ohne dass sein deutsches Beispiel etwas

gefruchtet hätte.

Um diese Zeit herum beschäftigt sich der Dichter, um Geld zu verdienen,

mit Übersetzungen. Er übersetzt Eugenie Grandet von Balzac, Schillers

Don Carlos und George Sand, wofür er 25 Papierrubel für den Druckbogen

erhält. Nun reicht er um Entlassung aus dem Militärdienst ein, »denn«,

schreibt er an den Bruder, »ich bin des Dienstes überdrüssig,

überdrüssig wie einer Kartoffel« -- -- --

In einem Briefe vom 30. September 1844 sagte er: »Ich habe einen Roman

geschrieben, im Umfange der Eugenie Grandet; bis zum 14. (der Termin

seiner Dienstentlassung) werde ich gewiss schon Antwort darüber haben.

Er ist ziemlich originell.«

Den Geldverlegenheiten hofft Theodor Michailowitsch so zu begegnen, dass

er auf seinen Gutsanteil verzichtet, wenn man ihm 500 Silberrubel

sofort, später abermals 500 in monatlichen Raten sendet. Er ist immer

»verloren«, wenn man ihm nicht hilft, ihn nicht rettet, fleht um aller

Heiligen willen, der Bruder möge ihm helfen, sonst müsse er ins

Gefängnis. »Chlestakow« (aus Gogols »Revisor«), sagt er, »erklärt sich

bereit ins Gefängnis zu gehen, wenn nur in nobler Weise. Wie soll ich

aber nobel ins Gefängnis gehen, wenn ich keine Hosen habe?« Dabei ist

der Brief noch immer aus der kostspieligen Wohnung datiert. In der

Nachschrift heisst es: »ich bin mit meinem Roman ausserordentlich

zufrieden«. Er blickt auf diesen Roman als auf seinen Rettungsanker. Er

sieht in ihm den Probierstein seiner dichterischen Kraft, und nun,

nachdem er ihn dem Dichter Njekrássow übergeben, welcher damals an der

Redaktion des »Zeitgenossen« teilnahm, kommt für ihn die bedeutende

grosse Lebenswende, die er uns 30 Jahre später in seinem Tagebuch eines

Schriftstellers folgendermassen erzählt, wobei begreiflicherweise im

Gedächtnis des Dichters eine kleine Verschiebung bezüglich des

Zeitpunktes stattfindet.

»Es geht manchmal eigentümlich zu mit den Menschen; wir haben einander

[hier ist der Dichter und Njekrássow gemeint] nicht oft im Leben

gesehen, es hat auch Missverständnisse zwischen uns gegeben -- aber

etwas hat sich doch mit uns ereignet, eine Begebenheit, die ich niemals

habe vergessen können. Und nun, als ich unlängst Njekrássow besuchte,

fing er, der Kranke und Erschöpfte, beim ersten Worte an, von diesen

Tagen zu sprechen. Damals (es sind nun 30 Jahre her) geschah etwas so

jugendliches, frisches, hübsches, eine der Begebenheiten, die für immer

im Herzen der Beteiligten fortleben. Wir waren damals etwas über zwanzig

Jahre alt. Ich lebte nach meinem Austritt aus dem Ingenieurkorps schon

ein Jahr in Petersburg, ohne zu wissen, was ich anfangen würde, voll von

dunklen, unbestimmten Zielen. Es war im Mai des Jahres 1845. Anfangs des

Winters hatte ich plötzlich meine Erzählung »Arme Leute« begonnen, ohne

vorher je etwas geschrieben zu haben. Als ich diese Erzählung beendet

hatte, wusste ich nicht, was ich damit anfangen, wem ich sie übergeben

sollte. Litterarische Bekanntschaften hatte ich absolut gar keine,

ausser etwa D. W. Grigorowitsch, aber dieser hatte damals selbst ausser

einer kleinen Erzählung für eine Sammlung (die Erzählung hiess

»Petersburger Leiermänner«) noch nichts geschrieben. Ich glaube, er war

damals im Begriff nach seinem Landsitz hinauszufahren; vorläufig wohnte

er für einige Zeit bei Njekrássow. Als er einmal zu mir kam, sagte er:

»Bringen Sie doch Ihr Manuskript (er hatte es selbst noch nicht

gelesen); Njekrássow will zum nächsten Jahr ein Sammelwerk herausgeben,

und da will ich ihm das Manuskript zeigen.« Ich brachte es ihm, sah

Njekrássow etwa eine Minute -- wir reichten einander die Hand. -- Ich

schämte mich bei dem Gedanken mit meinem Werke gekommen zu sein und ging

so schnell als möglich fort, fast ohne mit Njekrássow ein Wort

gesprochen zu haben. Ich dachte wenig an Erfolg und vor dieser »Partei

der Vaterländischen Annalen« (eine Zeitschrift, welche damals von einer

Anzahl vortrefflicher und gesinnungstüchtiger Schriftsteller und

Kritiker herausgegeben wurde), wie man sie damals nannte, fürchtete ich

mich. Belinsky las ich schon seit einigen Jahren mit Bewunderung, aber

er erschien mir fürchterlich, dräuend und -- der wird meine »Armen

Leute« verlachen -- dachte ich manchmal bei mir. Aber nur manchmal. Ich

hatte die Erzählung mit leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Thränen

geschrieben. Sollte denn alles dies, sollten all diese Augenblicke, die

ich mit der Feder in der Hand bei dieser Erzählung verlebt hatte, sollte

das alles Lüge, Gaukelei, unwahre Empfindung gewesen sein? Doch dachte

ich nur für Augenblicke so, und die Zweifel kehrten immer gleich wieder.

Am Abend desselben Tages nun, da ich die Handschrift abgegeben hatte,

ging ich irgendwo hin, weit fort, zu einem ehemaligen Kameraden; wir

sprachen die ganze Nacht durch über die »toten Seelen«; wir lasen darin,

ich weiss nicht zum wievieltenmale; das war damals so unter den jungen

Leuten. Es kommen zwei, drei zusammen: »Wollen wir nicht etwas im Gogol

lesen, meine Herren?« Sie setzten sich und lasen -- wohl meist die ganze

Nacht durch. Damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die

von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend etwas erwarteten. Ich

kehrte nach Hause zurück -- es war schon vier Uhr morgens, eine weisse,

taghelle Petersburger Nacht. Es war herrlich warmes Wetter, und als ich

in meine Wohnung gekommen war, legte ich mich nicht zu Bette, sondern

öffnete das Fenster und setzte mich daran. Plötzlich höre ich zu meinem

grössten Erstaunen die Thürklingel ertönen -- und da stürzen auch schon

Gregorowitsch und Njekrássow über mich her, umarmen mich in voller

Entzückung, und es fehlt nur noch, dass sie beide zu weinen anfangen.

Sie waren am Vorabend zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript in die

Hand genommen und zur Probe zu lesen angefangen -- »nach zehn Seiten

wird man schon sehen«. -- Aber nachdem sie zehn Seiten gelesen hatten,

beschlossen sie weitere zehn zu lesen, und darauf lasen sie schon ohne

Unterbrechung die ganze Nacht durch, laut, einer den andern ablösend,

wenn dieser ermüdet war. »Er liest vom Tode des Studenten«, erzählte mir

später, als wir allein waren, Gregorowitsch, »und da, an der Stelle, da

der Vater dem Sarge nachläuft, merke ich, wie Njekrássows Stimme

umschlägt, einmal, das zweite Mal, und plötzlich hält er's nicht aus und

schlägt mit der flachen Hand auf das Manuskript »Ach! dass ihn doch! --

damit meinte er Sie, und so gings die ganze Nacht«.

Als sie geendet hatten (es waren sieben Druckbogen!), da beschlossen sie

einstimmig, sofort zu mir zu gehen. »Was liegt daran, dass er schläft,

wir wecken ihn auf, das ist mehr wert als der Schlaf!« -- Wenn ich

später den Charakter Njekrássows betrachtete, wunderte ich mich öfters

über diesen Augenblick. Sein Charakter ist verschlossen, misstrauisch,

vorsichtig, wenig mitteilsam. So wenigstens ist er mir immer erschienen,

sodass dieser Augenblick unserer ersten Begegnung in Wahrheit die

Offenbarung einer tiefen Empfindung bedeutete. Sie blieben damals etwa

eine halbe Stunde bei mir. In dieser halben Stunde sprachen wir, weiss

Gott was alles durch, einander in halben Worten verstehend, in

Ausrufungen, hastig -- -- Wir sprachen von Poesie und Wahrheit, von der

»damaligen Lage«, natürlich auch von Gogol, indem wir Stellen aus seinem

Revisor, aus seinen »toten Seelen« citierten. Aber hauptsächlich

sprachen wir von Belinsky. »Noch heute bringe ich ihm Ihre Erzählung,

und Sie werden sehen -- ja das ist ein Mensch, o was für ein Mensch ist

das!« rief Njekrássow mit Entzücken, indem er mich mit beiden Händen an

den Schultern fasste und schüttelte. »Nun aber gehen Sie schlafen,

schlafen Sie, wir gehen fort und morgen -- zu uns«. Wie hätte ich

daraufhin einschlafen können! Welches Entzücken, was für ein Erfolg! und

vor allem das kostbare Gefühl, ich erinnere mich dessen sehr gut: hat

ein anderer Erfolg, nun man lobt ihn, man beglückwünscht ihn, man kommt

ihm entgegen -- aber seht, diese kommen mit Thränen in den Augen

herbeigelaufen, um vier Uhr morgens, um mich zu wecken, »weil das mehr

wert ist, als der Schlaf«! -- Ach! wie schön! so dachte ich; wo wäre da

Schlaf gekommen?

Njekrássow brachte das Manuskript den selben Tag zu Belinsky. Er betete

Belinsky an und es scheint, dass er ihn sein lebenlang mehr geliebt hat,

als alle andern. Damals hatte Njekrássow noch nichts von der Bedeutung

geschrieben, wie dies ihm im nächstfolgenden Jahre gelingen sollte.

Njekrássow befand sich, soviel mir bekannt ist, ungefähr sechzehn Jahre

in Petersburg. Er schrieb ungefähr schon seit seinem sechzehnten Jahre.

Über seine Bekanntschaft mit Belinsky weiss ich wenig, aber dieser hat

ihn gleich anfangs richtig taxiert und hat wahrscheinlich grossen

Einfluss auf seine Dichtung genommen. Ungeachtet des damals noch

jugendlichen Alters Njekrássows und des grossen Altersunterschiedes, der

zwischen ihnen bestand, waren sicherlich auch damals solche Augenblicke

vorgekommen und solche Worte zwischen ihnen gefallen, welche auf das

ganze Leben Einfluss nehmen und unlösbare Bande knüpfen.

»Ein neuer Gogol ist erstanden«, rief Njekrássow, als er, die »armen

Leute« in der Hand, bei Belinsky eintrat. »Bei Euch wachsen die Gogols

wie die Pilze«, antwortete ihm strenge Belinsky, -- aber er nahm das

Manuskript. -- Als Njekrássow wiederkam, da kam ihm Belinsky entgegen

»geradezu bewegt«: bringen Sie ihn her, bringen Sie ihn schnell!

Und da brachten sie mich (schon am dritten Tage) zu ihm. Ich erinnere

mich, dass mich beim ersten Anblick sein Äusseres sehr frappiert hat;

seine Nase, sein Kinn -- ich hatte mir ihn, Gott weiss warum, durchaus

anders vorgestellt, diesen schrecklichen, diesen furchtbaren Kritiker.

Er begegnete mir mit ausserordentlichem Ernst und grosser Zurückhaltung.

»Nun es muss ja auch so sein«, dachte ich bei mir; allein es verging

kaum eine Minute und alles hatte sich verwandelt. Es war nicht der Ernst

einer bedeutenden Persönlichkeit, eines grossen Kritikers, welcher einem

22jährigen Jünglinge entgegen kam, der eben seine schriftstellerische

Laufbahn betritt, sondern dieser Ernst floss sozusagen aus der Achtung

vor jenen Gefühlen, die er so schnell als möglich in mich giessen

wollte, vor jenen wichtigen Worten, die er mir zu sagen sich gedrängt

fühlte. Er redete mich nun leidenschaftlich, mit leuchtenden Augen an:

»Ja, verstehen Sie denn selbst -- wiederholte er mehreremale, nach

seiner Gewohnheit schreiend --, was Sie da geschrieben haben?« Er schrie

immer, wenn er in starker Bewegung sprach, »das haben Sie nur durch

unmittelbares Gefühl, nur als Künstler schreiben können. Aber haben Sie

denn selbst die schreckliche Wahrheit bedacht, auf die Sie uns

hingewiesen haben? Es kann nicht sein, dass Sie mit Ihren 20 Jahren das

verstehen könnten. Ja, dieser Ihr unglücklicher Beamte, ja, der ist

schon dahin gekommen und hat sich selbst schon dahin gebracht, dass er

sich selbst aus Erniedrigung sogar nicht mehr einen Unglücklichen zu

nennen wagt und die geringste Klage als eine Freidenkerei ansieht; der

es nicht einmal wagt, sich das Recht zuzusprechen, unglücklich zu sein,

und als ihm der gute Mensch, der General, jene 100 Rubel giebt, ist er

ganz zermalmt, ganz vernichtet vor Verwunderung, dass »ihre Excellenz

haben« einen solchen, wie er ist, bemitleiden können, »ihre Excellenz

haben«, wie Sie ihn sich ausdrücken lassen, nicht »seine Excellenz hat«.

Und der abgerissene Knopf, und der Augenblick, da er dem General das

Händchen küsst, ja, da ist nicht mehr Mitleid mit einem Unglücklichen,

da ist Grauen! Grauen! In dieser Dankbarkeit liegt etwas Grauenhaftes,

das ist eine Tragödie. Sie haben das innerste Wesen der Sache getroffen,

das allerwichtigste mit einem Strich gezeigt. Wir Publizisten und

Kritiker beurteilen nur, wir trachten das Ding mit Worten zu erklären,

aber Sie, der Künstler, stellen mit einem Strich die tiefste Wesenheit

der Sache im Bilde hin, so dass man es auf einmal fassen kann, dass dem

urteilslosesten Leser mit einem Male alles begreiflich werde. Da haben

Sie das Geheimnis des Künstlertums, da haben Sie die Wahrheit in der

Kunst. So dient Ihr der Wahrheit. Ihnen ist sie offenbart und verkündet

als einem Künstler; Sie haben sie als ein Geschenk empfangen. --

Schätzen Sie also diese Gabe hoch, bleiben Sie ihr treu, und Sie werden

ein grosser Künstler werden!«

Alles dieses sagte er mir damals, alles dieses sagte er auch später über

mich vielen anderen, die jetzt noch leben und es bezeugen können. Ganz

berauscht ging ich von ihm fort; ich blieb an der Ecke seines Hauses

stehen, sah den Himmel über mir, sah den hellen Tag, die

Vorübergehenden, und fühlte mit meinem ganzen Wesen, dass in meinem

Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten war, ein Durchbruch nach

der Ewigkeit, etwas ganz Neues; aber etwas, das ich damals auch in

meinen leidenschaftlichsten Träumen nicht vermutet hatte (und ich war

damals ein schrecklicher Träumer!). »Wär' es möglich, bin ich in

Wahrheit so gross?« -- dachte ich schamhaft, in einer Art schüchterner

Entzückung, bei mir. O, lachet nicht! Niemals nachher habe ich gedacht,

dass ich gross sei, aber damals -- konnte man denn das ertragen! O, ich

werde dieses Lobes würdig sein! -- Und was für Menschen, was für

Menschen! Ich werde es verdienen, ich werde trachten so prächtig zu

werden wie sie, ich werde ausharren, getreu sein! O, wie bin ich doch

leichtsinnig! Wenn Belinsky nur sähe, was für niedere, schändliche Dinge

in mir sind! Übrigens giebt es solche Leute nur in Russland, sie stehen

allein, aber bei ihnen allein ist Wahrheit; und diese, das Gute und

Wahre siegen und triumphieren überall. -- So werden wir über das Böse

und das Laster siegen -- o, zu ihnen also, mit ihnen! ......

Das alles dachte ich, ich erinnere mich des Augenblicks in seiner ganzen

Klarheit, und niemals habe ich ihn später vergessen können; das war der

hinreissendste Moment meines ganzen Lebens.

Mit dieser Erzählung »Arme Leute«, sagt N. Strachow, »hat Dostojewsky

einen neuen Ton in die russische Litteratur gebracht. Die Situation und

die Figur des armen Helden, welche eine gewisse Ähnlichkeit mit der

Hauptfigur aus Gogols »Mantel« hat, weist Züge rührender Schönheit und

Herzenseinfalt auf, während Gogol nur das Factum, das Erniedrigende und

Lächerliche desselben darstellt«. Dass Dostojewsky mit vollem

Bewusstsein diesen grossen Schritt gethan und diesen echt russischen Zug

von Teilnahme und Liebe zu den Unbegabten und Erniedrigten in die

Litteratur gebracht hat, beweist die Stelle, wo Makar Djewuschkin (der

Held), dem das geliebte Mädchen Bücher leiht und einmal Gogols »Mantel«

zu lesen anrät, diese Erzählung als ein böswilliges Pasquill auf alle

Armen aufnimmt, »die man ja jetzt auf der Strasse erkennen kann«, und

sich in seiner Verzweiflung zum ersten Male im Leben -- einen Rausch

antrinkt. Es ist dies Dostojewskys schärfste Kritik Gogols, den er im

übrigen unendlich bewundert und den er sich infolge ähnlicher Anlage zum

Humor eine Zeit lang äusserlich zum Muster nimmt. -- Wir mussten länger

bei dieser Erzählung verweilen, weil sie eigentlich schon das

»Leitmotiv« der litterarischen Thätigkeit von Dostojewskys ganzem Leben

anstimmt. Im Gegensatze zu anderen Dichtern, welche in ihren

Erstlingswerken höchst unoriginal sind und erst später zu sich selbst

kommen, setzt Dostojewsky kräftig und zielbewusst mit dem Ton an, der

durch alle seine Werke geht, den er in der Seele hört, und um deswillen

allein er schreibt. Seine Biographen und Arbeitsgenossen nennen vier

Anlässe oder Anläufe des Dichters, welche seine vier, nach ihrer

Grundidee bedeutendsten Werke hervorgerufen haben, gleichsam grosse

Etappen auf seiner Dichterlaufbahn. N. N. Strachow, des Dichters Freund

und Mitarbeiter, sagt in seinem Nachruf: »In seiner litterarischen

Thätigkeit hat Dostojewsky eine Lebenskraft und Energie gezeigt, wie

kein Zweiter. Er hatte Perioden der Erschlaffung, gleichsam des

Verfalles -- dann aber hat er sich immer wieder höher aufgeschwungen als

je zuvor und sich immer wieder von einer neuen Seite gezeigt. Man kann

vier solche neue Krafterhöhungen bei ihm nachweisen: 1. »Arme Leute«, 2.

»Das Totenhaus«, 3. »Schuld und Sühne« und endlich 4. »Das Tagebuch

eines Schriftstellers«.

Uns scheint diese Einteilung eine ziemlich äusserliche zu sein. Die vier

Grundideen, welche sich in diesen vier Werken äussern, sind durchaus

einheitlich und nur verschiedene Äusserungen des in »Arme Leute«

angeschlagenen Themas. Hat man aber dieses Grundthema herausempfunden,

so wird man, nämlich seiner Wirkung nach aussen nach, finden, dass zwei

andere Werke es noch kräftiger, eindringlicher, zwingender durchführen.

Diese Werke sind: »Der Idiot« und »Die Brüder Karamasow«. Wir werden bei

der Besprechung jedes einzelnen eingehender darauf zurückkommen.

Gleichwohl wird der aufmerksame Leser von Dostojewskys Werken in Bezug

auf seine litterarische Entwickelung zwei Epochen seiner

schriftstellerischen Thätigkeit unterscheiden. Die erste Phase, welche

gleich nach dem herrlich sicheren Ansetzen des Lebensthemas in »Arme

Leute« beginnt, hat etwas Tastendes, sowohl was die Wahl der Stoffe, als

was die Wahl der Form anlangt. Unmittelbar nach dem Erfolge der »Armen

Leute«, die indessen noch nicht im Druck erschienen waren, da Njekrássow

die Sammlung, in welcher der Roman untergebracht werden sollte, erst

1846 herauszugeben dachte -- also im Jahre 1845 macht sich Dostojewsky

daran, den »Doppelgänger«, den er schon lange mit sich herumgetragen und

von dem er sich anfangs viel versprochen hatte, auf Papier zu bringen.

Durch das Auf und Ab seiner eigenen Verhältnisse gequält, schreibt er,

wahrscheinlich nach seinem Besuch in Reval, an seinen Bruder:

.... »Wie traurig war es mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr

...... Wenn mein Leben in diesem Augenblicke abgerissen wäre, so wäre

ich, scheint mir, mit Freuden gestorben .... Mein Diener hat sich zu

Hause nicht gezeigt, der Hausmeister gab mir den verwaisten Schlüssel

meines 600 Rubel-Quartiers, dessen Zins ich schuldig bin ...

Gregorowitsch und Njekrássow sind nicht in Petersburg .... Sie werden

kaum bis zum 15. September da sein ... Wie schade, dass man arbeiten

muss, um zu leben. Meine Arbeit verträgt keinen Zwang ... Ich bin jetzt

selbst der wahrhaftige Goljadkin, mit dem ich mich übrigens gleich

morgen beschäftigen werde. Goljadkin, der abscheuliche Schuft, will

durchaus nicht vorwärts, will durchaus vor der Hälfte November seine

Carriere nicht vollenden« ....

Am 16. November 1845 schreibt Dostojewsky: Ȇberall unglaubliche

Ehrerbietung, überall eine schreckliche Neugierde in Bezug auf mich:

Fürst Odojewsky bittet mich, ihn mit meinem Besuch zu beglücken, und

Graf Sologub reisst sich in Verzweiflung die Haare aus; Panajew hat ihm

gesagt, dass ein Talent da ist, welches sie alle in den Staub tritt«.

Weiter schreibt er: »Dieser Tage war ich ohne einen Groschen; Njekrássow

hat indessen »Zuboskala«, einen prächtigen humoristischen Almanach, ins

Leben gerufen, dessen Vorrede ich geschrieben habe. Diese Vorrede hat

Lärm gemacht ... Dieser Tage, als ich kein Geld hatte, ging ich zu

Njekrássow, und als ich so bei ihm sass, kam mir die Idee eines Romans

in neun Briefen. Nach Hause gekommen, schrieb ich diesen Roman in einer

Nacht; er wird in der ersten Nummer der Zuboskala gedruckt werden. Du

wirst schon selbst sehen, ob dies schlechter ist, als Gogol«. Weiter

schreibt er: »Ich denke, ich werde Geld bekommen; Goljadkin wird

vortrefflich -- er wird mein chef d'oeuvre sein«. Als Nachschrift heisst

es: »Belinsky schützt mich vor den Unternehmern«. Eine zweite

Nachschrift lautet: »Ich habe meinen Brief überlesen und finde mich

erstens ungrammatikalisch und zweitens einen Prahler«. Eine letzte

Nachschrift sagt: »Die Minnuschkas, Claruschkas und Mariannen etc. sind

unglaublich schöner geworden, kosten aber schrecklich viel Geld. Neulich

waren Turgenjew und Belinsky da und haben mich über mein unordentliches

Leben ausgescholten«. In einem Briefe vom 1. Februar 1846 teilt

Dostojewsky seinem Bruder mit, dass er endlich am 28. des

vorhergegangenen Monates »seinen Schuft Goljadkin« vollendet habe. Dann

weiter: »Für Goljadkin habe ich rund 600 Silberrubel bekommen; ausserdem

erhielt ich noch einen Haufen Geld, so dass ich nach meinem Abschied von

Dir schon 3000 ausgegeben habe. Ich lebe eben sehr unordentlich und das

ist die ganze Geschichte. Ich bin ausgezogen und habe zwei sehr schön

möblierte Zimmer bei Vermietern genommen. Ich lebe sehr gut«. (Folgt die

Adresse, zufällig dasselbe Haus, in dem er starb.) Zum Schluss schreibt

er: »Ich bin nervenkrank und fürchte ein Nervenfieber; regelmässig leben

kann ich nicht, so sehr bin ich unordentlich«.

Zwei Monate später, am 1. April, schreibt er:

»In meinem Leben giebt es jeden Tag soviel Neues, so vieles, das für

mich gut und angenehm ist, soviel Unangenehmes und Widerwärtiges auch,

dass ich selbst nicht Zeit habe, darüber nachzudenken. Erstens bin ich

sehr beschäftigt, Ideen eine Unzahl, und schreibe unaufhörlich. Denke

nicht, ich sei auf Rosen gebettet, Unsinn. Erstens habe ich gerade 4500

Rubel verbraucht seit der Zeit, da wir uns trennten, und habe um 4000

Papierrubel von meiner Ware voraus verkauft; ... aber das ist nichts,

mein Ruhm hat seinen Höhepunkt erreicht. Innerhalb zweier Monate wurde

35 mal in verschiedenen Werken von mir gesprochen ... aber was widrig

und quälend ist, ist das: die Meinen, die Unsern, alle sind mit meinem

Goljadkin unzufrieden. Der erste Eindruck war massloses Entzücken,

Reden, Lärm, Auseinandersetzungen, dann Kritik: Alle, das heisst die

Unsern und das ganze Publikum, haben gefunden, dass Goljadkin so

langweilig und fade, so in die Länge gezogen ist, dass es unmöglich ist,

ihn zu lesen.« Weiter sagt er zu seinem eigenen Troste: »Alle sind

zornig über diese Längen, und alle lesen es doch über Hals und Kopf und

lesen es wieder über Hals und Kopf.« Noch weiter sagt er: »Ich habe ein

schreckliches Laster: eine unbegrenzte Eigenliebe und Ehrliebe ... mir

ist jetzt Goljadkin widerwärtig; vieles darin ist in Hast und Ermüdung

geschrieben. Die erste Hälfte ist besser als die letzte; auf glänzend

geschriebene Seiten folgt ein abscheulicher Schund, dass es einem die

Seele umdreht und man nicht weiter lesen will. Das ist es, was mir in

der ersten Zeit zur Hölle wurde, und ich bin aus Kummer krank geworden.«

Man sieht aus diesen überschwänglichen Mitteilungen, wie sehr der erste

Erfolg dem 24jährigen Dichter zu Kopf gestiegen war und seine

Selbstkritik geschädigt hatte, da er den Roman in neun Briefen »eine

Perle, nicht schlechter als Gogol« und den Doppelgänger sein chef

d'oeuvre nennt. Bald jedoch, und das wieder von aussen angestossen,

fällt sein Selbstbewusstsein, da »Alle, alle, die Unsern, sowie das

Publikum über den Doppelgänger losziehen.«

Es ist für den Dichter eben jetzt erst die Zeit der Nachahmung und des

Suchens nach seinem Stil angebrochen, ein Herumtasten, das ihn

einerseits auf die Wege Gogols und der Humoristen führte, denen er

seiner Anlage nach sehr nahe stand, andererseits den Spuren Balzacs und

George Sands nachgehen hiess, wozu ihn der überwuchernde Reichtum seiner

ethischen Phantasie und namentlich die Lust an Scenen- und

Situationenwechsel verführen mochte. Dieser Periode des Tastens

entsprangen ausser dem Doppelgänger und dem Roman in neun Briefen sehr

bemerkenswerte kleinere und grössere Erzählungen, auf die wir an ihrer

Stelle im einzelnen zurückkommen werden. Ihre Hauptmerkmale sind: Eine

unwiderstehliche Situationskomik, wie in der »Frau des Andern«, »Eine

heikle Geschichte«, ferner ein kräftig satirischer Zug, wie in »Das

Krokodil«, und eine unendliche Zartheit und ehrfürchtige Jugendlichkeit

in der Zeichnung weiblicher Gestalten, wie in »Njetotschka Njezwanowa«

und »Helle Nächte«. Es ist sehr zu bedauern, dass es keine Gesamtausgabe

von Dostojewskys Schöpfungen in deutscher Sprache giebt, welche sie in

der Reihenfolge ihrer Entstehung und damit ein übersichtliches Bild der

inneren und äusseren Entwickelung des Dichters brächte. Es würden daraus

dem eindringenden Leser die zwei Phasen vor und nach Sibirien sofort

erkennbar werden; es würde daraus erhellen, wie der Dichter allmählich

sich wieder findet, auf die glänzendste Komik und die reichste

Ausgestaltung der Fabel sehr oft, nicht nur aus Hast und Geldmangel,

oder weil ihm der Humor ausgegangen wäre, verzichtet, und immer

kräftiger, unentwegter auf das Ziel seiner Lebensaufgabe lossteuert, bis

er zuletzt zum »Tagebuch eines Schriftstellers« gelangt, das ihm

ermöglicht, ganz subjektiv, ohne Umschweife und künstlerische Umwege,

rein publizistisch »die Wahrheit« zu verkünden. -- »Denn«, sagt er immer

wieder, »ein Journal ist eine grosse Sache«.

Wir haben diese Abschweifung für notwendig erachtet, weil mit dem

Hinweis auf die einheitliche Grundidee seines ganzen Lebenswerkes, die

sich so mächtig in seinen Arbeiten vor uns auslegt, ein Punkt gewonnen

ist, von wo aus wir sowohl sein Leben, als seine Thätigkeit und sein

Streben bis ans Ende klar überblicken können.

»Der Doppelgänger« schildert den Zustand eines im Grunde

mittelmässigen Menschen, welcher aus dem Unvermögen heraus, das

wirklich darzustellen, zu thun, zu fordern, zu sein, was er

darstellen, thun, sein und fordern will, wahnsinnig wird. Anfangs

zwingt er sich zu allen jenen mutigen Lebensäusserungen, die

seinem eigentlichen Wesen fehlen, da er sie aber an unrechtem

Ort, zu unrechter Zeit und in unziemlicher Weise verübt, so ist

Spott und Verachtung und niedrigste Entehrung sein Lohn, so dass

er, nun in Wahnvorstellungen versunken, jenes andere Ich, das, er

sein möchte, als Hallucination fortwährend an seiner Seite sieht,

bis am Schluss sein Wahnsinn offenkundig und er in ein Irrenhaus

gebracht wird. Nun wäre dieser Vorgang an sich verständlich und

mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ergreifend, deutlich,

wenn der Dichter hier nicht eine Gewaltsamkeit verübt hätte,

welche die Einheit des Werkes und dadurch dessen Klarheit

zerstört. Er stellt nämlich da, wo es zum Ausbruch der

Katastrophe kommt, einen wirklichen, allen anderen sichtbaren

Doppelgänger und zugleich Namensvetter des Herrn Goljadkin mitten

in seine Karriere hinein, an Goljadkins Arbeitspult, unter

Goljadkins Kollegen und Vorgesetzte und lässt in Wirklichkeit den

Narren durch seinen klugen, streberhaften Doppelgänger

verdrängen. Es ist, als ob der Dichter kein anderes Mittel

gefunden hätte, um uns zu zeigen, dass oft kluge Routine allein

sich an die Stelle dessen setzt, dessen Kraft nicht ausreicht, um

in der Erscheinung ein Charakter zu werden. Man wüsste sonst

nicht, warum dieser gewaltsam hingesetzte deus ex machina

auftaucht, dessen es nicht bedurft hätte, um die Tragödie eines

isolierten Charakters, wie ein geistvoller Essayist den

Doppelgänger nennt, darzustellen.

In mehreren Briefen Dostojewskys finden wir Andeutungen darüber, dass

das Buch ein »Bekenntnis« und ein specifisch russisches Bekenntnis ist,

dass es einem Grundfehler des »russischen Menschen« an den Leib geht und

dass es auch den Finger auf die Stelle legt, wo geistige Zerrüttung

beginnt, die im Wahnsinn endet.

Der »Roman in neun Briefen« entstand, wie wir gesehen haben, ebenfalls

in der ersten Epoche von Dostojewskys schriftstellerischer Thätigkeit

und, wie wir ja aus seinem Briefe an den Bruder sehen, in einer Nacht.

Er ist nichts weiter, als eine psychologische Spielerei, in welcher der

Dichter mit Meisterschaft die ebenbürtige, wenn auch sehr verschieden

nuancierte Niederträchtigkeit von fünf Personen in knappster Weise in

neun Briefen heraus arbeitet.

Im Dezember 1845 kommt der Dichter in einem Brief an den Bruder noch

einmal auf den unglücklichen Goljadkin zurück und erzählt, Belinsky habe

eigens einen Leseabend veranstaltet, zu welchem auch Turgenjew

eingeladen gewesen sei, damit er einige Kapitel dieser Erzählung höre.

Allein Turgenjew entfernte sich sehr bald nach Beginn der Vorlesung,

äusserte sich sehr lobend, war aber sehr eilig fortzukommen. Drei oder

vier Kapitel hätten Belinsky sehr gefallen, »obwohl sie es nicht wert

waren«, wie Dostojewsky sich ausdrückt, worauf er sagt, dass diese

Erzählung, der eine der ernstesten Ideen zu Grunde liege, welche der

Dichter bis heute in die Litteratur eingeführt habe, dennoch misslungen

sei. Er hat sie nach 15 Jahren einer gründlichen Umarbeitung unterzogen,

sie aber dann noch als eine »völlig misslungene Sache« bezeichnet. --

Des Dichters äussere Verhältnisse zeigen in dieser Zeit immer dasselbe

Bild grösster Veränderlichkeit und Unordnung, dem immer auch ein Wechsel

in der Stimmung entspricht. Eines aber ist bleibend: sein grosses

Selbstgefühl. So sagt er in einem Briefe vom 1. April 1845: »Ein ganzer

Schwarm neuer Schriftsteller ist aufgetaucht«. Die bedeutendsten

darunter scheinen ihm Gontscharow und Herzen zu sein. »Man lobt sie

ausserordentlich«, fährt er fort »der Vorrang aber bleibt vorläufig noch

mir und wird wohl immer mir bleiben«.

Allerlei Pläne schwirren in seinem Kopfe herum. Er beginnt für Belinskys

»Vaterländische Annalen« zwei kleine Geschichten: »Der rasierte

Backenbart« und »Die zerstörten Kanzleien«. -- Diese letztere dürfte

wohl die unter dem Namen »Herr Prohartschin« später erschienene

Geschichte sein. »Beide«, sagt er, »haben ein erschütterndes, tragisches

Interesse und sind -- dafür stehe ich Dir gut -- schneidig bis aufs

äusserste«. Auch eine gemeinsame Übersetzung von Goethes Reineke Fuchs

schlägt er dem Bruder vor.

Nach einem zweiten Besuch in Reval kündigt er dem Bruder an, dass er

abermals ausziehen werde, zwei kleine, möblierte Zimmer in Aftermiete

genommen habe, wohin er indes, wie wir später sehen werden, gar nicht

übersiedelt. Er erzählt ferner, dass im »Zeitgenossen«, einer von

Njekrássow redigierten Zeitschrift, Gogols geistiges Vermächtnis

erscheine, worin dieser sich von allen seinen Werken lossage. »Also,«

fügt er hinzu, »ziehe selbst den Schluss daraus.« -- Dass man seinen

Prohartschin in der Zeitschrift Njekrássows zu besprechen beginne, teilt

er auch mit und schliesst abermals mit einem Ausbruch von Trauer und

Melancholie, »wo es am besten sei zu schweigen«. Es ist diese Stimmung

nämlich die Folge eines rivalisierenden Geplänkels der Redakteure, denen

er sich abwechselnd verdingen muss, um schnell zu Geld zu kommen.

Namentlich scheint Njekrássow immer in sehr kaufmännischer Weise alle

Transaktionen geleitet zu haben. Ein bedeutendes Aufschnellen von

Dostojewskys Stimmung tritt jedoch wieder ein, als der junge Dichter

einen Kreis von Freunden findet, die festigend und ordnend in sein

äusseres Leben eingreifen. Es sind die Brüder Beketow, vor allem aber S.

D. Janowsky, mit dem er noch nach vielen Jahren in Korrespondenz stehen

sollte. Nun schreibt er an den Bruder voll Vertrauen und Hoffnung, sich

unabhängig zu machen, und voll Durst nach heiliger Kunst, nach einer

reinen, heiligen Arbeit, mit der ganzen Aufrichtigkeit eines Herzens,

»das noch nie in ihm so heftig erbebt habe, wie jetzt, da so viele neue

Bilder in seiner Seele erstehen. Bruder,« sagt er, »ich bin in einer

Wiedergeburt begriffen, nicht nur geistig, sondern auch physisch; noch

niemals habe ich eine solche Fülle und Klarheit in mir getragen, so viel

Gleichmässigkeit des Charakters, so viel physische Gesundheit empfunden.

Darin bin ich meinen teueren Freunden Beketow und -- anderen tief

verpflichtet, mit denen ich lebe. Das sind thätige, gescheite Menschen,

Menschen, die ein vortreffliches Herz, Seelenadel, Charakter haben ...

sie haben mich durch ihre Genossenschaft gesund gemacht. Zuletzt habe

ich ihnen vorgeschlagen, dass wir miteinander wohnen sollten; wir haben

eine grosse Wohnung aufgenommen, und die Gesamtauslagen für die

Erhaltung jedes einzelnen übersteigen nicht 1200 Rubel jährlich. So

gross ist die Wohlthat der Association.«

Dieser Schluss dürfte, wie Orest Miller richtig bemerkt, wohl schon im

Zusammenhang mit Dostojewskys neuester Beschäftigung stehen, mit dem

Sozialismus:

Ein tiefer gehendes Merkmal dieser Beschäftigung mit dem Sozialismus ist

wohl der Umstand, dass sich der Dichter nachträglich in seiner eigenen

Beurteilung der »Armen Leute« von der rationalistischen Anschauung

Belinskys beeinflussen lässt, welcher die positiven Schönheiten dieses

Buches durchaus nicht in den weichen Schatten sieht, welche »Armut im

Geiste« über die Gestalt des Helden breitet, sondern ganz einfach in

gewissen, schärfer hervortretenden, gleichsam das Mitleiden

escomptierenden Zügen dieser missbrauchten, zertretenen Figur.

Dostojewsky selbst schliesst sich, vermöge der seinen Geist jetzt

beschäftigenden Ideen von Kollektivismus und Association, dieser

flacheren Betrachtung an, und wir werden später sehen, wie er sich,

seinem innersten Wesen nach, wieder davon lossagt.

Über des Dichters Leben in den Jahren 1846 und 47 geben uns sowohl die

Berichte N. Strachows, Dr. Granowskys und anderer Freunde, als auch

seine stets die Stimmung des Augenblicks malenden Briefe an den Bruder

ein ziemlich klares Bild. Obwohl er noch immer im Verein mit den

Freunden lebt, »angenehm und ökonomisch,« wie er sagt, leidet seine

nervöse Konstitution doch schwer unter den doppelten Qualen eines

schöpferischen Dranges, die Probleme, die ihn förmlich bestürmen,

auszulösen, sie mit allerfeinster analytischer Genauigkeit

herauszuarbeiten, und der misstrauischen Ängstlichkeit, mit welcher er

auf den Eindruck lauert, den seine Arbeiten hervorrufen; wobei seine

Eigenliebe bald den Gipfel des entzückten Triumphes und der

Selbstüberschätzung erklimmt, bald abgrundtief in Kränkung und

melancholischen Unwillen versinkt. Zudem plagt ihn das Ungeordnete, das

dem Schriftsteller-Handwerk durch die Zahlungs-Verhältnisse zwischen

Dichter, Redakteur und Verleger an und für sich anhaftet, doppelt.

Dennoch finden wir nicht einen Augenblick wirklicher Mutlosigkeit oder

eines Nachlasses in der Arbeit, und wir sehen von hier an, wo sich sein

schriftstellerischer Beruf ihm und aller Welt schon klar gezeigt hat,

eine immer gesteigerte Arbeitskraft, die alle Widerwärtigkeiten, die

schwere, sich entwickelnde Epilepsie und die daraus entstehende

Gedächtnisschwäche überwindet und geradezu verblüffende Leistungen

schafft. Im Dezember 1846 teilt er dem Bruder mit, dass er ganz in

Arbeit versunken ist. Er schreibt Tag und Nacht, erholt sich nur hie und

da, wie er gleichsam als Entschuldigung zufügt, an der italienischen

Oper. Er schreibt an der Erzählung »Njetotschka Njezwánowa« -- »auch

eine Beichte«, sagt er, »wie Goljadkin, wenn auch in einem andern Tone.

Mir scheint immer«, fährt er fort, »als führte ich einen Prozess gegen

unsere gesamte Litteratur; und mit den drei Teilen meines Romans, die in

den Vaterländischen Annalen erscheinen werden, stelle ich auch für

dieses Jahr meinen Vorrang gegenüber meinen Neidern fest.« Anfangs 1847

drückt er dem Bruder sein Bedauern darüber aus, dass dieser »ohne

Umgebung« lebe. Wir haben oben gesehen, wie sehr ihm die Deutschen der

Ostseeprovinzen missfielen. Doch tröstet er ihn mit Worten, welche

gleichfalls die neue, seinem ursprünglichen Wesen widersprechende

Richtung kennzeichnen. Weiter berichtet er in überschwenglichen

Ausdrücken über seine »Wirtin«, die er eben schreibt, gerade so

selbstzufrieden, als mit dem Roman in neun Briefen. »Diese Erzählung

wird besser, als die »Armen Leute«, sie ist in derselben Art«, meint er.

»Meine Feder treibt eine Quelle der Inspiration, nicht so wie bei

Prohartschin, an dem ich mich einen ganzen Sommer lang herumquälte.«

»Herr Prohartschin« ist eine jener Erzählungen aus der Zeit

einer, wie wir oben gesagt, tastenden Nachahmung. Eine

lächerliche, armselige Gestalt unter anderen armseligen und

ungebildeten Menschen, bei einer armen Witwe »in Kost und

Wohnung« und von den anderen durch allerlei abgekartete

Mystifikationen in die Flucht und dadurch in Krankheit und Tod

geschreckt; dies wird namentlich durch die Angst Prohartschins

gefördert, dass man sein durch zwanzig Jahre zusammengeknausertes

Kapital von kleinen Münzen nicht in der schmutzigen Matratze

vermute, die er in allen Mussestunden mit seinem Leibe deckt.

Die Aufhäufung menschlicher Schwächen und Lächerlichkeiten im

Raum eines Druckbogens, dabei ein absichtliches Fernhalten aller

jener Züge im Helden, welche Teilnahme erwecken müssten, also ein

forcierter, bis ins Groteske gehender Humorismus mit Anklängen an

Gogol und Dickens, und Stellen feiner Detailschilderung, die

jener würdig wären, kennzeichnen diese Erzählung, an welcher sich

der Dichter »einen Sommer lang herumquälte«.

»Die Wirtin« wurde von Belinsky, wie wir später erfahren, sehr

abfällig kritisiert. Es scheint uns diese Ablehnung gerade von

Belinskys Seite erklärlich genug. Vor allem konnte dem scharfen

Progressisten und Vertreter der sozialen Richtung in diesen Tagen

der Bewegung ein Buch ohne Tendenz oder eine tendenziös

auszunutzende Pointe nicht genügen. Andererseits war sein

Geschmack zu fein, um jene Unebenheiten, jene Ungleichheiten im

Ton derselben, sowie den jugendlich unrealen Romantismus, der im

Hauptteil der Erzählung zu Tage tritt, nicht zu empfinden. Er

hätte diese Mängel allenfalls milder beurteilen können, wenn sich

dahinter eine zeitgemässe Forderung oder Anspielung verborgen

hätte. Wie dem auch sei -- wir sind trotz jener Fehler von diesem

Jugendwerke hingerissen und erschüttert.

Die Gestalt des Alten, des eigentlichen Helden der Erzählung,

wirkt auf den Leser mit derselben abstossenden Anziehung, wie sie

nach der Schilderung Katharinas auf alle, die in seine Nähe

kommen, wirkt. Wir begreifen seinen mystisch-verbrecherischen

Sieg über das »schwache Herz«, das sich an seiner Seite

vergeblich nach junger Liebe, jungem Leben sehnt, das sich

losmachen möchte und ihm doch immer wieder anheimfällt. Ein

Grauen durchbebt uns bei dem nächtlichen Bekenntnis Katjas, das

in der geheimnisvoll-süssen Sprache der Primitiven mehr

verschweigt als enthüllt, und die Schilderung der Brandnacht,

jene der Flucht auf der Wolga mit dem Boot, das im Sturme »nicht

dreie tragen kann«, hüllen uns, eine ossianische Ballade, in alle

Schauer altnordischer Poesie. Die Herrlichkeit dieser Sprache,

die Anschaulichkeit dieser Bilder, die ganz rein dichterisch

wirken -- das hat sich bei Dostojewsky nie mehr in dieser Art

wiederholt. Was Belinsky darin gefehlt haben mochte, war wohl

jene reife, frühreife Menschenkenntnis, die er in den »Armen

Leuten« so sehr bewundert hatte. Ihn mochte der Taumel des

26jährigen, »von einer Quelle der Inspiration getriebenen«

Dichters enttäuschen, dem Himmel und Hölle aus diesen zwei

Menschenangesichtern entgegenschlugen. Auch konnte er unmöglich

darüber hinwegsehen, dass Ordynow, der nominelle Held der

Liebesgeschichte, nichts anderes ist, als ein Deus ex machina,

eine Entladungsstelle für die elektrischen Pole Muryn und

Katharina. Ordynow ist kein Mensch mit Fleisch und Knochen,

sondern ein Bündel Nerven, an dem die Geschichte ausgeht. Auch

könnte ein realistischer Kritiker durch die meisterhafte

Zeichnung der Nebenfigur Jaroslaw Ilitsch, in welcher sich

Dostojewskys ganze realistische Kraft mehr verrät als zeigt,

nicht über das Schattenhafte alles übrigen ausgesöhnt werden. Wir

aber finden in diesem Romantismus Stellen einer tiefen

Seelenahnung auch vom Wesen der Frau -- an welches der Dichter in

der ersten Periode seines Schaffens überhaupt mit ehrfürchtiger

Scheu herantritt. Am Schlusse der Erzählung spricht der Dichter

durch den Mund Ordynows an folgender Stelle seinen Hauptgedanken

aus:

»Es schien ihm (Ordynow), dass Katharinens Geist nicht gestört

war, dass aber Muryn in seiner Weise Recht hatte, als er sie ein

schwaches Herz nannte. Es schien ihm, dass ein Geheimnis sie mit

dem Alten verbinde, dass aber Katharina, ohne ihre Schuld zu

erkennen, so rein wie eine junge Taube, in seine Macht gekommen

war. Wer waren sie? Er wusste es nicht; allein ihm träumte

unaufhörlich von der tiefen, unentrinnbaren Tyrannei über ein

armes, schutzloses Wesen. Und sein Herz wurde unruhig und pochte

in ohnmächtiger Entrüstung in seiner Brust. Es schien ihm, dass

man vor die erschreckten Augen der plötzlich erwachenden Seele

hinterlistig ihren Fall hingestellt, in listiger Weise ihr armes,

schwaches Herz gequält, Wahres und Falsches vor ihr vermengt

hatte, da, wo es nötig schien, ihre Blindheit absichtlich

unterhielt, in schlauer Weise den unerfahrenen Neigungen ihres

aufstürmenden, beunruhigten Herzens schmeichelte; dass man nach

und nach die Flügel ihrer fessellosen, freien Seele stutzte, so

dass sie zuletzt nicht mehr fähig war, sich aufzurichten, noch

ihren freien Schwung zu nehmen in das Leben der Wirklichkeit.«

Vielen Lesern dieser Erzählung hat sie unklar und unvollendet

geschienen. Dies muss auch bei jenem französischen Übersetzer der

Fall gewesen sein, welcher den Mut hatte, sie mit der 17 Jahre

später geschriebenen Erzählung »Memoiren aus einem Souterrain«[3]

(deutsch: Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt)

zusammenzuschweissen und unter dem Titel »l'Esprit souterrain« zu

veröffentlichen. Derselbe französische Übersetzer hat es auch

gewagt, die »Brüder Karamazow« einer Verstümmelung zu

unterziehen, indem er den Roman beim zweiten Buche beginnen

lässt. Traduttori traditori!

[Fußnote 3: Anlässlich einer Besprechung der Übersetzer-Sünden und

Kühnheiten hat Dr. Friedrich Löhr in einem Heft der »Deutschen Worte«

auch dieses französischen Kraftstückes Erwähnung gethan und sich bei der

Erhärtung dessen, dass »Die Wirtin« und die »Memoiren aus einem

Souterrain« ganz getrennte Arbeiten Dostojewskys sind, auf eine

Mitteilung von mir berufen. Leider hatte ich damals in der russischen

Ausgabe die verdruckte Jahreszahl 1846 anstatt 1864 gefunden und gab

sie, da in des Dichters Briefen nie bestimmte Angaben über Namen und

Zeitpunkt seiner Publikationen zu finden sind, als authentisch an.

Indessen wurde ich bei genauerer Verfolgung der chronologischen Lebens-

und Arbeitsdaten bald den Irrtum inne, den ich hiermit berichtige; was

jedoch auf den Umstand keinerlei Einfluss hat, dass die zwei Erzählungen

sowohl durch eine lange Zeit, als durch ihre Veranlassung und ihren

Inhalt vollständig getrennt sind und keinerlei Berechtigung vorhanden

ist, sie in eins zu verschmelzen.]

Die »Wirtin« wurde also von Belinsky sehr übel behandelt, was den

Dichter tief kränkte, obwohl er sich gar nicht schriftlich darüber

geäussert hat. Seine nächsten Mitteilungen an den Bruder sind wieder

Berichte über angestrengte Thätigkeit, bestellte Arbeit, die man mit

Vorschüssen sichert, »kurz eine Hölle«. Hier muss erwähnt werden, was er

in allen seinen Briefen während der ganzen Dauer seiner Laufbahn immer

wieder betont: »Auf Bestellung arbeiten werde ich niemals; ich habe es

mir zugeschworen. Von solcher Arbeit würde ich zu Grunde gehen!« -- Der

einzige Weg, den er einschlug, um durch seine Arbeit zu Gelde zu kommen,

war der, dass er von den vielen Plänen und fertigen Entwürfen, die er

immer mit sich herumtrug, einen oder den anderen den bekannten

Redakteuren vorschlug und einen Termin angab, bis zu welchem er die

Arbeit vollenden könnte. Meistens wusste er von vornherein fast ganz

genau, wieviele Druckbogen sie ausmachen würde, und überschritt selten

das selbst gestellte Mass. Um diese Zeit gestaltet sich Dostojewskys

äusseres Leben sehr bewegt. Nach der einen Seite findet er im Hause des

Malers Maikow, eines Bruders des bekannten Dichters dieses Namens,

Anregung und Förderung durch den Verkehr mit Schriftstellern und

bedeutenden Menschen, worunter Gontscharow, Dudyschkin, A. Maikow und

andere. Er hat Gelegenheit, dort die Werke Gogols und Turgeniews bis in

das kleinste Detail der Charakteristik analysierend zu besprechen, auch

seinen Prohartschin herauszuarbeiten, welcher »den meisten Lesern

unverständlich« war, findet aber auch im Ehepaar Maikow thatkräftige

Freunde, welche ihm bei seinen Geldkalamitäten hilfreich beispringen.

Nach der andern Seite tritt er in den Verkehr mit einem Kreis junger

Leute, welche den neuen Ideen huldigen. Ein Brief aus dieser Epoche vom

9. September 1847 spricht nur eine energische Zustimmung zu des Bruders

Absicht aus, seinen Abschied zu nehmen. Er rät ihm, gemeinsam eine

Gesamtausgabe von Schillers Dramen, die er ja übersetzt habe, zu

veranstalten, und schliesst mit den Worten: »Warte nur, Bruder, wir

werden schon hinauf kommen; es ist unmöglich, dass wir beide uns nicht

durchschlagen.« Am Rande schreibt er: »Siehst Du, was Association

bedeutet? Arbeiten wir getrennt, so gehen wir unter, zusammen aber gehen

wir einem grossen Ziele entgegen -- das ist etwas ganz anderes!«

Hier haben es die Herausgeber für angebracht befunden, eine Lücke von

nahezu zwei Jahren in die Korrespondenz zu reissen, welche allerdings

nicht sehr ausgiebig und nicht sehr expansiv gewesen sein dürfte. Die

»neuen Ideen« Sozialismus, Fourierismus hatten den Feuerkopf ergriffen.

Er schloss sich um diese Zeit jenem Kreise sehr nahe an, in welchem über

die künftigen Umgestaltungen Russlands, über eine Änderung der

Staatsverfassung lebhaft debattiert wurde. Dies war aber zu einer Zeit,

da es geradezu gefährlich sein mochte, sich eine Ansicht über den

Umschlag des Wetters, eine Prognose zu erlauben. Sprach man schon im

Kreise von Freunden und Gesinnungsgenossen, so hütete man sich wohl, die

Worte, die gefallen waren, nach aussen auszusprechen oder

aufzuschreiben; so kann es wohl sein, dass nicht viele Briefe

Dostojewskys an seinen Bruder in Gang kamen. Theodor Michailowitsch war

an und für sich nicht mitteilsam; wo er sich mitteilte, geschah es

zumeist in nervöser, durch Gegensatz und Widerspruch oder durch eine

aufgestachelte Lust am Paradoxen hervorgerufene Kampfstimmung.

Indessen sind aus dieser Zeit noch einige Briefe im Besitze der

Rechtsnachfolger, welche sich noch heute in der schwierigen Lage

befinden, den Dichter lavierend nach beiden Seiten hin schützen und

immer fürchten zu müssen, ihn nach rechts oder nach links zu

kompromittieren. Es wäre zu untersuchen, ob nicht ein kühnes

Durchbrechen dieser Schwierigkeiten durch offene Darlegung des

Sachverhalts, Veröffentlichung auch der »gravierendsten« Briefe, mit

einem Schlage die Luft um seine Erscheinung von allen Miasmen der

Missgunst, des stillen Grolls und der Verurteilung zu reinigen

vermöchte.

III.

Katastrophe.

Der Verkehr mit jenem Kreise junger Politiker, mit neuen Ideen führte

Dostojewsky immer tiefer in dieselben ein, und die vielen, wenn auch

sicher fruchtlosen, so doch von aufrichtiger Glut für Freiheit,

Menschen- und Bürgerrechte beseelten Debatten im Hause des

Ministerialbeamten Petraschewsky und dem des Kollegien-Assessors und

Litteraten Durow beschleunigten die Katastrophe, welche für 23 Männer

verschiedenen Alters und Berufs verhängnisvoll werden sollte. Für

Dostojewskys Leben, seine weitere Charakter-Entwickelung, sowie für sein

künstlerisches Lebenswerk sollte diese Katastrophe von den

entscheidendsten Folgen sein.

In einem, wie O. Miller sagt, leider spurlos verschwundenen Artikel:

»Meine erste Bekanntschaft mit Belinsky«, nennt der Dichter diese Epoche

seines Lebens »eine schwere, schicksalsvolle Zeit.« Es muss angenommen

werden, dass er von Belinsky in die Lehre vom Sozialismus eingeführt

worden sei, die er sich, wie er sich selbst ausdrückt, »leidenschaftlich

zu eigen gemacht hat«, obwohl ihm Belinsky von vornherein das Axiom

entgegenschleudert: »die Revolution hat vor allem das Christentum zu

vernichten, denn sie ist vor allem auf den Atheismus gegründet«.

Dostojewsky scheint sich der bestrickenden Persönlichkeit Belinskys doch

so weit hingegeben zu haben, dass er den Bestrebungen jenes Kreises nahe

trat; allein wir finden noch 22 Jahre später in einem Briefe an N.

Strachow, sowie in einem Artikel seines »Dnewnik Pisatela« (Tagebuch

eines Schriftstellers) heftige Ausfälle gegen Belinsky, gleichsam unter

dem unverwischten Eindruck der Entrüstung, welche jener Streit für und

wider das Christentum im Dichter hervorgerufen hatte. »Dieser Mensch« --

sagt er da -- »hat Christum vor mir beschimpft, dabei ist er doch

niemals imstande gewesen, sich selbst oder irgend einen von allen

Führern der ganzen Welt vergleichend an Christi Seite zu stellen; er

vermochte nicht es zu sehen, wie viel kleinliche Eigensucht, Zorn,

Ungeduld, Reizbarkeit, Kleinheit, vor allen aber Eigensucht in ihm

selbst und in allen anderen vorhanden ist. Als er Christum beschimpfte,

sagte er sich niemals: was werden wir denn an seine Stelle setzen? etwa

uns, die wir so hässlich sind? -- nein, er hat sich auch niemals darauf

besonnen, dass er hässlich ist, er war im höchsten Grade mit sich

zufrieden«.

Aus alledem können wir uns eine Vorstellung davon machen, wie

Dostojewsky sich mit den Lehren der vierziger Jahre beschäftigte, und

wie klar doch bei alledem in ihm die Grenze vorgezeichnet war, die er

vermöge seiner innersten Wesenheit nicht zu überschreiten vermocht

hätte, so dass er sich uns als das darstellt, was wir heute einen

christlichen Sozialisten im reinsten Sinne nennen möchten.

Um diese Zeit, oder vielmehr einige Jahre früher, hatten sich aus dem

Schosse der Universität heraus mehrere Studentenkreise gebildet, die ein

ernsteres Streben vereinigte, als die Lust an Skandal, Mensuren etc. Sie

bildeten Lesekreise, legten eine gesonderte Studenten-Bibliothek an,

wobei wissenschaftliche Werke des In- und Auslandes, darunter nicht

wenige eingeschmuggelte Bücher, erworben wurden. So machten sie sich mit

den Werken L. Steins, Jaxthausens, sowie denen Fouriers, Louis Blancs,

Proud'hons bekannt. Diese Lesekreise nun benutzt jener ehemalige

Student, nunmehrige Angestellte im Ministerium des Äusseren

Butaschewitsch-Petraschewsky dazu, um die sogenannte »Gesellschaft der

Propaganda« durch alle möglichen Elemente zu vergrössern. Es sollten die

einzelnen Kreise wieder Kreise bilden, nach dem System der »Fünf« eines,

dem bei uns unter dem Namen »Schneeballen« bekannten, ähnlichen

Vorganges. Die Teilnehmer der einzelnen Kreise sollten einander nicht

persönlich kennen, jedoch alle mit dem Leiter Petraschewsky in Fühlung

sein. In den Notizen, welche Anna G. Dostojewskaja aus den letzten

Lebensjahren ihres Gatten aufbewahrt hat, finden wir die Stelle: »die

Sozialisten (die russischen nämlich) sind aus den Petraschewzen

hervorgegangen; die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut«.

»Ebenso glaubten sie« -- diktierte er weiter -- »dass das Volk mit ihnen

sei und« -- fügt er hinzu -- »sie hatten eine Grundlage dafür, denn das

Volk war leibeigen.«

Dieser letzte Satz scheint mir der Schlüssel dafür zu sein, warum sich

Dostojewsky überhaupt an den Besprechungsabenden des Petraschewskyschen

Kreises bei diesem und bei Durow beteiligte. Ihn interessierte von jeher

das Volk, er nahm tiefen Anteil an seinem Schicksal und hoffte und

wünschte nichts sehnlicher, als die Aufhebung der Leibeigenschaft. Alle

seine Reden hatten vornehmlich dies zum Gegenstande, und so erzählt

einer der Teilnehmer in einem dieses Thema behandelnden Roman von einem

Genossen, dem er Dostojewskys Worte in den Mund legt. Er sagte still und

langsam: »die Befreiung der Bauern wird unbedingt der erste Schritt in

unsere grosse Zukunft sein«.

Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky sehr lebendig als

einen, »dessen ganzes Wesen sich zum Verschwörer geeignet habe; still,

einsilbig, nicht mitteilsam, nur fähig, sich unter vier Augen

auszusprechen«, sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer

hinreissenden, alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn

bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen des Sozialismus,

wie die anderen es verstanden, zuwiderlief, vermöge der Macht seiner

Persönlichkeit doch die Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises,

sowie jenes andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwürdigerweise liess

man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange gewähren, zum Teil darum,

weil man lange kein geeignetes Individuum fand, welches genug Wissen

besessen hätte, um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbürtig

teilnehmen zu können, und das über dem »Vorurteile« erhaben wäre,

welches den Namen eines Angebers brandmarkt. -- Endlich fand man einen,

diesen »erhabenen Standpunkt« einnehmenden Menschen in einem Beamten des

auswärtigen Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht mit

Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky selbst stand mit diesem

in keiner nahen persönlichen Verbindung, obwohl er seine Freitagsabende

besuchte, wo von der Aufhebung der Leibeigenschaft und der

Unvermeidlichkeit eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen

wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus, dieser Schritt müsse von oben

gemacht werden. »Wenn er aber nicht geschieht?« warf man ein, -- »ja

dann meinetwegen mit Gewalt.« Bei Durow hingegen wurde die Frage einer

geheimen Druckerei aufgeworfen und von Dostojewsky befürwortet, allein

von der Versammlung abgelehnt.

In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden die Hauptpersonen

dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie

irrtümlicherweise auch sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt

und nach dem Hause der »dritten Abteilung« der geheimen Polizei

abgeführt. Wir haben, um, wenn es möglich wäre, authentische Daten über

diesen Prozess, soweit er Dostojewsky angeht, zu erhalten, den Versuch

gemacht, an Ort und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente

desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es würden keine allzugrossen

Schwierigkeiten gemacht werden, da einerseits nahezu ein halbes

Jahrhundert verstrichen sei und jetzt die Zustände andere und andere

Personen am Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol,

welcher den Anklagepunkt für Dostojewsky abgegeben, längst publiziert

und aller Welt bekannt sei. Ausserdem habe man die Archive des

Ministeriums des Innern immer bereitwillig jenen geöffnet, welche in

einem litterarischen Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So

hat der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor der

reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau, eine Studie über den

kleinrussischen Dichter Schewtschenko auch in jenen Archiven

vervollständigt.

Man kam uns, soweit dies möglich war, von Seiten des Ministeriums des

Innern und des Kriegsministeriums (da der Prozess dem Kriegsgericht

übergeben worden war) bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe

von Dokumenten zur Verfügung, welche die Verhaftung Dostojewskys, seine

Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines »Verhaltens« im Gefängnis, seine

Befreiung, sein Avancement zum Fähnrich, die Wiedererlangung des Adels

und seine endliche vollständige Befreiung, mit der Erlaubnis nach

Petersburg zurückzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut seiner

Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstände, nachdem er 50 Jahre im

Aktenstaube vergraben gewesen und vorerst von den massgebenden Personen

mit grossem Interesse gelesen worden war, zur Veröffentlichung

überlassen. Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente, je an ihrer

Stelle, hier im Anschluss.

Kopie.

III. Abteilung

von Sr. Majestät des

Kaisers Privatkanzlei. --

Expedition St. Petersburg,

22. April 1849.

No. 675.

Geheim.

Dem Herrn Major der Petersburger

Gendarmerie-Division

Tschudin.

Auf allerhöchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren

(Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um 4 Uhr nach Mitternacht,

den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant Theodor Michailowitsch

Dostojewsky, welcher an der Ecke der kleinen Morskaia und des

Wosnesensky-Prospekt, im Hause Schill auf der dritten Etage in

der Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere

und Bücher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach der

dritten Abteilung von Sr. Majestät Privatkanzlei zu bringen.

Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darüber zu wachen, dass

von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt werde.

Es kann sein, dass Sie bei Dostojewsky eine grosse Menge von

Papieren und Büchern vorfinden, so dass es nicht möglich sein

wird, sie sofort in die dritte Abteilung zu befördern. In diesem

Falle sind Sie gehalten, eines wie das andere in eine oder zwei

Stuben, je nach dem es nötig ist, niederzulegen, diese Stuben zu

versiegeln und Dostojewsky selbst unverweilt in der dritten

Abteilung abzuliefern.

Im Falle Dostojewsky bei dem Versiegeln der Papiere und Bücher

aussagen sollte, dass einige darunter irgend einer anderen Person

gehören, so haben Sie dieser Aussage keine Beachtung zu schenken,

sondern auch diese zu versiegeln.

In Ausführung dieses Befehls haben Sie die grösste Achtsamkeit

und Vorsicht (Ostoroshnost) anzuwenden.

Der Herr Stabs-Kommandant des Gendarmerie-Corps,

General-Lieutenant Dubelt, verfügt, dass sich in Ihrer Begleitung

befinden sollen: ein Offizier der Petersburger Polizei und die

unumgänglich nötige Anzahl von Gendarmen.

Der General-Adjutant

Graf Orloff.

Der Bericht an Graf Orloff über die aufgegriffenen Papiere lautet:

Geheim 148/6.

Hochgeehrter Herr!

Iwan Alexandrowitsch!

Nach Durchsicht der Dostojewsky betreffenden Papiere hat sich

nichts gefunden, das direkt Bezug auf die Sache hätte. Es wurde

nur gefunden: ein Brief von Belinsky, enthaltend eine Einladung

zu einer Gesellschaft bei einer Person, mit der er noch nicht

bekannt war, ein Brief aus Moskau von Pleschtschejew, in welchem

er von seinem Eindruck bei der Ankunft der kaiserlichen Familie

in Moskau spricht und beauftragt, jenen Personen seinen Gruss zu

bringen, welche der bekannten Gesellschaft angehören. Zwei Bücher

unter dem Titel: Le berger de Cravan und La consécration du

Dimanche.

16. Mai 1849.

Fürst Alex. Galitzin.

Nabokow, Präsident der Untersuchungs-Kommission.

»In Ergänzung meines Berichtes habe ich die Ehre, Euer Excellenz

den Abschied (Ukas ob otstawkie), welcher sich unter den bei

Dostojewsky gefundenen Papieren befand, zu übermitteln.

Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie · 第 1 / 45 题