Da wurde der Kolonel sehr böse und schrie: »Rede keine Albernheiten!«

Er lief ein paarmal hin und her und lachte in ironischer Wut: »Na, das

Fragen wird dir in Frankreich schon vergehen!« Und blieb so dicht vor

mir stehen, als ob er mir die Nase zum Abbeißen anbieten wollte, und

knurrte: »Ich sehe, du taugst doch nicht zum Sergeanten! -- Scher' dich

zum Teufel!«

So blieb ich wenigstens vor der Sünde bewahrt, mich über einen Brahmanen

zu erheben.

Als ich wieder in unserem Zelte war, warf ich mich nieder und dankte

Schiwa. Ich betete: »Beschütze mich in Frankreich und hilf mir, die

deutschen Dämonen vernichten! Und wenn du mir gnädig sein willst, so

lasse für jeden Deutschen, den ich töte, noch zwei Engländer umkommen!

Lasse mich heil in meine Heimat zurückkehren! Wenn du aber meinen Tod

beschlossen hast, so lasse mich auf dem Schlachtfeld sterben, lasse mich

nicht in die Hände der deutschen Dämonen fallen, welche uns Hindus

schlachten und verzehren! Wenn du aber auch dieses beschlossen hast, so

mache, daß mein Fleisch giftig sei, damit der deutsche Dämon, der mich

zum Frühstück frißt, qualvoll verenden muß! Lässest du mich aber leben,

so will ich nach Benares zum heiligen Strom wallfahren, und alles, was

ich inzwischen mit Hilfe der Götter stehlen werde, will ich dir opfern!

Oder wenigstens einen Teil davon! Und bewahre mich vor Kultur und allen

anderen Übeln!«

Damit war mein Gebet noch lange nicht zu Ende, aber mitten im Gebet kam

plötzlich das Signal zum Aufbruch und wir wurden auf das Schiff gejagt.

Nicht alle Hindus waren so fromm gewesen wie ich, einige hatten sich zum

Sergeanten befördern lassen, und mir quoll die Galle, als ich einem tief

unter mir stehenden Wasserträger gehorchen mußte.

Zu unserem Erstaunen wurden wir in dem Raum des Schiffes untergebracht,

in dem bisher die Mohammedaner gehaust hatten. Die Mohammedaner aber

blieben mit einigen englischen Offizieren zurück in Ägypten. Es hieß,

sie seien nicht würdig, gegen die deutschen Dämonen zu kämpfen, aber ich

denke mir, die Engländer fürchteten eine neue Revolte. Wohin sie die

Mohammedaner gebracht haben, weiß ich nicht. Aber sicherlich haben die

wenigsten ihre Heimat wiedergesehen.

Der Schiffsbauch unter uns blieb leer. Aber nicht lange. Denn nach

mehrtägiger Fahrt legten wir für ein paar Stunden an der Küste an und

luden Menschen ein, wie ich noch nie häßlichere gesehen habe:

tiefschwarze Neger.

Wir wollten zuerst gar nicht glauben, daß es Menschen seien, sondern

hielten sie für Tiere. Aber man sagte uns, auch sie seien Verbündete der

Engländer und Franzosen.

Seitdem hat sich meine Ehrfurcht vor den heiligen Affen stark

vermindert, denn wer weiß, ob nicht auch die Affen heimliche Verbündete

der Engländer sind.

Und weiter ging die Meerfahrt, immer weiter. Und immer kälter wurde es.

Meine Brust schmerzte mich, ich spuckte Blut.

Wenn mir das in meiner Heimat passiert war, so hatte ich heiligen

Kuhmist auf meine Brust gelegt. Hier aber, auf dem Meere, gab es dieses

köstlichste aller Heilmittel nicht, und so wurde ich kränker und

kränker.

Es kam auch einmal der Schiffsarzt zu uns herunter und sah mich an, und

er wußte einen fremdländischen Namen für meine Krankheit, nämlich

»Simulant«.

Wir alle froren jämmerlich, doch trösteten uns die Engländer: »Je weiter

wir nach Norden kommen, desto wärmer wird es! Das ist ein Naturgesetz!«

Aber bei den Weißen scheinen nicht einmal die Naturgesetze etwas zu

taugen.

* * * * *

Mister Galgenstrick hustete heftig.

»Bist du müde, mein Freund?« frug ich. Er sah mich gereizt an. »Ich bin

weder müde, noch bin ich dein Freund!«

Doch schien ihn diese Grobheit zu reuen, denn er meinte gleich darauf:

»Aber ich hasse dich auch nicht. Du hast mir schöne Bilder gebracht.«

Ich wollte das elektrische Licht andrehen, denn es war düster geworden.

Galgenstrick bat mich: »Tue es nicht! Öffne lieber das Fenster!«

»Das darf ich nicht, es ist kalt draußen. Die Kälte würde deine

Krankheit verschlimmern!«

»Eben deshalb habe ich darum gebeten. Meine Seele lechzt danach, in

einen anderen Leib überzugehen.«

Darauf konnte ich nichts erwidern.

Ich wartete, bis Mister Galgenstricks Mienen sich wieder glätteten und

er zu erzählen fortfuhr:

* * * * *

Die Stadt, in deren Hafen wir nun anlegten, liegt in Frankreich und

heißt Marzel. Geschrieben wird sie M-a-r-s-e-i-l-l-e.

Sie hat einen sehr schönen Hafen, in dem viele Schiffe lagen und auf das

Ende des Krieges warteten. Es kommen immer mehr dazu, und als ich einmal

einen englischen Kameraden frug, warum diese Schiffe untätig im Hafen

ruhen, lachte er:

»Zur Hebung des französischen Außenhandels.«

Mir fiel überhaupt bald auf, daß in den Augen der Engländer ein leises

Lächeln zuckt, wenn sie über Frankreich reden, und ich vermute, sie

betrachten die Franzosen als eine Art weiße Hindus und lassen sie eine

ähnliche Rolle in diesem Krieg spielen wie uns.

Die Franzosen sind kleinere Menschen als wir, aber sie sind viel

lebhafter, sie gestikulieren heftig, und auch wenn man, wie ich, ihre

singende Sprache nicht versteht, kann man meistens erraten, was sie

meinen. Sie reden sehr viel und sehr schnell. Man sollte es kaum für

möglich halten, daß die Frauen dort noch mehr sprechen als die Männer,

aber es ist #doch# so.

Ich habe von ihrer Sprache nur drei Wörter behalten können, die ich oft

hörte: »Oui«, »pardon« und »cochon«.

Bei unserer Einfahrt in den Hafen begrüßten uns die Schiffe mit lautem

Jubel. Alle Schiffe hatten sich mit bunten Fahnen behängt, und ich

glaubte zuerst, der Kaiser von Frankreich habe Geburtstag.

Später habe ich erfahren, daß es in Frankreich keinen Kaiser gibt,

sondern nur einen Präsidenten, der aber auch nichts zu sagen habe, daß

vielmehr jedes halbe Jahr ein neues »Ministerium« (ich weiß nicht, was

das ist) gebildet wird, um das Gegenteil von dem früheren »Ministerium«

zu tun, und daß man dies »Republik« nennt.

Geflaggt aber hatten die Schiffe und die ganze Stadt Marzel, weil eine

große, günstige Entscheidungsschlacht stattgefunden hatte: die Russen

hatten die Deutschen bei den Masurischen Seen vernichtend geschlagen.

Im Hafen wurden uns unsere Waffen zurückgegeben und wir wurden durch die

Stadt in die Kaserne geführt.

Dieser Einzug ist meine schönste Erinnerung an den Krieg. Die Menschen

drängten sich auf den Straßen, Freude leuchtete von ihren Gesichtern,

sie riefen uns jauchzende Begrüßungen zu, schwenkten Tücher.

Es war das einzige Mal, daß uns Hindus von den Weißen die Ehrfurcht

bewiesen wurde, die uns gebührt.

Besonders begeistert begrüßten uns die Frauen. Sie warfen uns Kußhände

zu und Blicke, für die jeder Hindu sein Weib totprügeln würde.

Während des Einmarsches geschah ein Wunder: es fielen vom Himmel weiße

Papierfetzen, die aber zu Wasser zerschmolzen. Die Europäer nennen sie

»Schnee«. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und fürchtete mich

gewaltig. Allein man beruhigte mich: dieser Schnee fiele jeden Winter,

er sei ganz ungefährlich. Man sagte mir auch, man mache daraus Männer --

aber das glaube ich nicht. Denn wenn die Weißen aus Schnee Menschen

machen könnten, weshalb hätten sie dann uns Hindus und die abscheulichen

Neger zu Hilfe holen müssen?

Aus allen Fenstern guckten Männer und Frauen, und aus einem Hause -- du

kannst dir meine Freude denken -- schauten Hindus herab. Es war ein

großes Gebäude, und von seinem Dache wehte eine große Fahne mit einem

roten Kreuz. Genau, wie sie an dem Hause flattert, in dem ich jetzt

liege.

Ich habe am nächsten Tage den Versuch unternommen, mit meinen Brüdern in

diesem Hause zu sprechen, ihnen meine Schicksale zu erzählen und sie

nach ihren eigenen Erlebnissen zu fragen. Ich fand auch nach vielem

Suchen das Haus, aber man ließ mich nicht hinein. Ja, es wurde uns sogar

ausdrücklich verboten, mit Verwundeten zu reden.

Heute kann ich mir dieses Verbot nur allzu gut erklären.

Sonst aber hatten wir in Marzel ziemlich viel Freiheit. Wir durften frei

auf den Straßen gehen, durften uns alles betrachten. Die Leute von

Marzel waren sehr freundlich zu uns, sie stopften uns die Taschen voll

Zigaretten, schenkten uns wollene Decken und lachten herzlich, wenn wir

uns in unserer, ihnen unverständlichen Sprache bedankten. Daß wir ihre

Speisen nicht genossen, wußten sie bereits.

Einmal begegnete mir auf der Straße ein Zug von Menschen, denen eine

Fahne vorausgetragen wurde, auf der ein weißes Weib in Waffen abgemalt

war. Ich fragte einen Mann auf englisch, wer diese Lady sei? Er

antwortete mir in derselben Sprache, aber er sprach lange kein so reines

Englisch wie ich.

Und ich erfuhr, diese Lady sei eine Jungfrau aus O-r-l-e-a-n-s (was

wieder ganz verrückt ausgesprochen wird) und die Engländer hätten sie

verbrannt.

Ich stimme sonst selten mit den Engländern überein, aber da mußte ich

ihnen vollkommen recht geben. Ein Weib, das die Vermessenheit hat, einem

Manne gleichen zu wollen, gehört getötet. Jeder Hindu wird diese Ansicht

teilen. Nur weiß ich nicht, weshalb die Engländer uns die

Witwenverbrennungen verbieten, wenn sie selbst früher Weiber

verbrannten?

Überhaupt scheinen die früheren Engländer viel vernünftigere Menschen

gewesen zu sein als die heutigen.

Ein andermal kam ich an einem Laden vorbei, da waren Tiere ausgestellt.

Auch eine große Schlange war dabei, die zusammengekrümmt in einem

Glaskasten lag und schlief. Vielleicht träumte sie von ihrer Heimat?

Ich mußte an Malatri, die Brillenschlange, denken und ein Schluchzen zog

mir den Hals zu.

O Malatri, hätte ich dich hier gehabt, wie hätte ich dich streicheln und

küssen wollen, meine glatte Freundin! Ich hätte dir meine Sehnsucht

geklagt nach dem warmen Indien, und du hättest meine Sprache verstanden

und mit mir getrauert!

O Malatri, warum bist du allein aus diesem Leben geflohen und hast mich

nicht mitgenommen, der ich dein bester Freund war?

Ich wischte mir die Tränen von der Nase -- da fiel mein verschleierter

Blick auf ein kleines Glaskästchen, in dem auf einem Leiterchen ein

grüner Frosch saß.

»Aha, ein gefangener Deutscher!« sagte ich mir und ward wieder heiter.

Die ersten Tage gefiel mir Marzel über die Maßen, doch als meine Neugier

gestillt war, nistete sich die Langeweile in meiner Seele ein und begann

ihre Eier auszubrüten.

Daher rieten mir meine Kameraden, die Mittage in einem jener Häuser zu

verbringen, welche die Weißen »Kaffeehaus« nennen. Aber dort war es noch

langweiliger.

Ich weiß nicht, weshalb die Weißen diese Stätten aufsuchen, in denen sie

ein Getränk trinken, das sie zu Hause sicherlich billiger, besser und in

reinerer Luft bekommen; in denen sie Spiele spielen, bei denen sie ihr

Geld verlieren und Streit miteinander bekommen; in denen zehn Menschen

gleichzeitig Musik machen, und wenn man durch Händeklatschen seinem

Mißfallen Ausdruck gibt, erst recht nicht aufhören.

Vielleicht tun es die Weißen, um sich zu kasteien.

Am heftigsten empörte es mich, daß in diesen Stätten so viele #Frauen#

herumsaßen, statt, von ihren Gebietern eingesperrt, zu Hause zu arbeiten

und in harter Fron die Schmach, ein Weib zu sein, abzubüßen.

Aber ich habe ja schon gesagt, daß die Weißen nicht wissen, wie man eine

Frau vernünftig behandelt.

Noch deutlicher sollte ich das erfahren, als ich an einem der nächsten

Abende, an dem ich länger Urlaub hatte, in ein anderes Lokal ging,

dessen Besuch mir die Kameraden empfohlen hatten.

Wir Soldaten genossen dort freien Eintritt, während alle anderen

Menschen Geld bezahlen mußten, um in das Gebäude zu gelangen, das außen

mit vielen farbigen Lichtern geschmückt war.

Zuerst kam man in einen großen Vorraum und dort gaben die Menschen ihre

Hüte und die Mäntel ab. Ich dachte, sie würden sich vielleicht noch

weiter ausziehen, aber das taten sie nicht.

Die Frauen, welche die Hüte und die Mäntel in Empfang nahmen, hatten

zuletzt eine Unmenge von diesen Bekleidungsstücken, und ich begreife

nicht, weshalb sie nicht im Laufe des Abends damit durchbrannten. Aber

die Weiber haben ja keinen Verstand.

Aus dem Vorraum führte eine Treppe in einen weiten, hellerleuchteten

Saal, in dem viele Tische standen.

Ein Mann, der ein merkwürdiges Kleid mit vielen Goldknöpfen anhatte,

führte mich an einen Tisch und machte mir ein Zeichen, ich sollte mich

hinsetzen.

Das tat ich, wenn auch widerstrebend. Denn ich hatte Angst, die Weißen

würden wieder Musik machen -- eine Befürchtung, die sich leider bald

erfüllte.

Als ich mich umsah, stand der Mann mit den Goldknöpfen noch immer hinter

mir und reichte mir ein bedrucktes Heft. Aus Gefälligkeit nahm ich es

ihm ab -- da wollte der freche Mensch Geld dafür haben, und ich gab ihm

das Heft wieder zurück.

Ich betrachtete mir den Saal, in dem schon viele Leute und auch einige

Hindus saßen, und mich interessierte besonders ein großes Tuch, das an

der Wand vorne hing. Darauf war allerlei Geflügel gemalt, aber mit

menschlichen Körpern.

Gerade wollte ich einen in der Nähe sitzenden Bruder fragen, in welchem

Lande es solche geflügelte Menschen gibt und ob sie auch Eier legen, als

plötzlich die Musik einsetzte. Und wenn bei den Weißen Musik gespielt

wird, sind sie ruhig und reden nichts, und das ist der einzige Vorteil,

den die weiße Musik hat.

Drei Stücke spielte die Musik, und es war sehr vorsichtig von den

Musikern, daß sie versteckt saßen und man sie nicht sehen konnte.

Das mittelste Stück war die englische Nationalhymne, die von allen

Leuten mitgesungen wurde und von mir auch, weil ich die Erfahrung

gemacht habe, daß ich dann Zigaretten geschenkt bekomme.

In Bombay hatten sie eine ganz andere englische Nationalhymne gehabt als

diese, welche lautet:

_It's a long way to Tipperary

It's a long way to go.

It's a long way to Tipperary,

To the sweetest girl I know.

Good-by, Picadilly!

Farewell, Leicester Square!

It's a long, long way to Tipperary,

But my heart's right there!_

Ich weiß nicht, wo Tipperary liegt und wer der Herr Picadilly ist, zu

dem man in dieser Nationalhymne »Adieu« sagt, noch weiß ich, wer die

Frau Leicester Square ist, zu der man »Lebewohl« sagt, ich weiß nur, daß

mir dieses Lied vorkommt wie ein großer Blödsinn. Und ich verstehe

nicht, daß die Engländer so eine dumme Nationalhymne singen, wenn sie in

die Schlacht ziehen, um andere für sich kämpfen zu lassen.

Nach dem dritten Musikstück wurde es finster und das große Bild mit den

Geflügelmenschen rollte sich bis zur Decke in die Höhe.

Und da sah ich, daß hinter dem Bild noch ein großer erleuchteter Raum

war, in dem ein Wald gemalt war. Ich freute mich und dachte, vielleicht

kommen jetzt Affen in den Wald.

Aber es kamen sechs französische Ladies und die Leute machten »Ah«, weil

sie so alt waren.

Die Ladies hatten englische Uniformen an, nur an den #Beinen# hatten sie

keine Uniform.

Und sie sangen auf englisch ein Lied: Daß sie die tapferen Highländer

wären und alle deutschen Barbaren töten würden, und sie stocherten dabei

mit den Beinen in der Luft herum, und ich glaube wirklich, daß kein

Deutscher diesen Anblick hätte ertragen können.

Die Leute gerieten denn auch in eine schreckliche Begeisterung und

schwenkten die Taschentücher und schrien minutenlang. Leider aber wurden

sie wieder ruhig, so daß die Ladies weiter singen konnten.

Und sie sangen eine zweite Strophe, die hatte denselben Inhalt wie die

erste.

Und dann eine dritte, die hatte denselben Inhalt wie die zweite.

Und immer warfen sie dabei ihre Beine in die Luft und ich muß zugeben:

das war eine Leistung in ihrem Alter.

Dann kamen die Geflügelmenschen wieder herunter und gingen noch ein

paarmal in die Höhe, damit die Ladies Kußhände werfen konnten, und es

wurde wieder hell.

Ich war sehr ärgerlich über diese Ladies. Noch zorniger aber war ich

über eine französische Miß, die am Nebentisch saß und ununterbrochen zu

mir herüberlächelte und ihre Augen verdrehte. Wenn ich Malatri, die

Brillenschlange, bei mir gehabt hätte, hätte ich sie auf dieses Weib

losgelassen.

Sie muß irgendeiner Kaste angehört haben, denn auch sie hatte sich mit

roter Farbe bestrichen -- allerdings nicht auf der Stirn, wie wir

Bekenner Schiwas, sondern auf den Backen.

Als die Miß sah, daß ich auf ihre Blicke aufmerksam wurde, lächelte sie

noch freundlicher und fragte etwas in ihrer unverständlichen Sprache.

Ich wollte freundlich sein, und antwortete das eine der drei

französischen Wörter, die ich weiß, nämlich »oui!«.

Da stand sie auf und setzte sich an meinen Tisch und begann, Süßigkeiten

zu knabbern.

Nun steigerte sich meine Wut noch erheblich: wie kann eine Frau sich

unterstehen, in Gegenwart eines Mannes zu essen, und auch noch an

demselben Tisch! Eine Hindufrau hätte nie den Mut dazu.

Zum Glück klingelte es in diesem Augenblick und die Geflügelmenschen

flogen wieder an die Decke.

Diesmal waren drei Männer in dem Wald, die machten auf Leitern

Turnkunststücke. Es war nichts Besonderes, jeder indische Gaukler kann

es besser, aber ich war ihnen dankbar, daß sie wenigstens dabei nicht

sangen.

Auch die französische Miß neben mir fing an zu turnen, indem sie immer

näher an mich heranrückte. Sie hatte ein Taschentuch in der Hand, das

roch nach verwelkten Blumen. Und weil sie nicht aufhörte zu schwatzen

und die Augen zu verdrehen, sagte ich das zweite französische Wort, das

ich weiß, nämlich »pardon!«.

Darüber lachte sie herzlich, zeigte mir ihre Zähne, von denen die

meisten aus Gold waren, und streichelte meine Hand.

Nun wollte ich nicht unhöflich sein und sagte das dritte französische

Wort, das ich weiß, nämlich »cochon!«.

Da wurde sie noch röter, als sie angestrichen war, und ließ meine Hand

los, stand wütend auf und ging fort.

Ich sah ihr verdutzt nach, denn gerade hatte sie angefangen, mir besser

zu gefallen.

Aber ich machte mir weiter kein Kopfzerbrechen über den Fall. Ich sah

noch eine Weile zu, was die Männer in dem Wald anstellten, und dann ging

ich fort.

Auf dem Wege zur Kaserne erblickte ich an einer Straßenecke einen

Menschenauflauf, der sich um einen weißen Zettel drängte, welcher an

einer Tafel hing.

»Was bedeutet dies, Herr?« frug ich einen englischen Soldaten aus der

Menge.

Er drehte sich um und ich bemerkte, daß er sich in dem heiligen Zustand

befand, den ich so oft an Jim Boughsleigh beobachtet hatte.

»Stütze mich, Junge!« sagte er und hängte sich in meinen Arm. Und im

Weitergehen, wobei er mich bald nach rechts, bald nach links zog und

manchmal nach beiden Seiten zugleich ziehen wollte, erklärte er mir:

»Ein Telegramm! In der Hauptstadt der deutschen Barbaren macht das Volk

aus Hunger Revolution!«

Er freute sich kindisch über diese Neuigkeit, und wenn ich ihn nicht

festgehalten hätte, hätte auch er mit den Beinen in die Luft gestochert.

Mich aber beschlich bittere Traurigkeit ob der Nachricht. Hungersnot!

Also hatten die Deutschen schon alle Hindus in ihrem Lande aufgefressen!

Und ich, statt meine Brüder zu rächen, war noch immer in Marzel.

O, wie ich diese deutschen Dämonen haßte! O, wie sehnte ich mich nach

dem Augenblick, wo ich den ersten von ihnen unter meinem Messer hätte!

Nach allem, was ich gehört hatte, waren die Deutschen nichts anderes als

wilde Tiere, blutgierige Dämonen, die auszurotten eine Pflicht, eine

Wohltat für die Menschen sein mußte!

»Mögen alle Deutschen unter den gräßlichsten Folterqualen zugrunde

gehen!« knirschte ich.

»Brav, Junge,« lallte der Tommy an meinem Arm torkelnd. »Hol' sie der

Teufel und seine Großmutter!«

Er hob die rechte Hand, beschrieb damit einige Kreise in der Luft, was

ihm aber nur halb gelang, weil seine Hand anders wollte als sein Kopf,

und schrie heiser: »Zerschmettern werde ich sie -- alle schlag' ich sie

kaputt -- so!!« Und wenn ich ihn nicht gehalten hätte, wäre er vor

lauter Begeisterung der Länge nach hingeschlagen.

Plötzlich aber ging -- wie das im heiligen Zustand öfters vorzukommen

pflegt -- sein Heldenmut in Rührung über, er fing an zu schluchzen, hing

sich an meinen Hals und heulte:

»Braunes Vieh, du bist der einzige wahre Freund! Gib mir einen Kuß!

Stinktier! -- O, wär ich doch zu Hause geblieben! Was liegt mir an dem

ganzen, verfluchten Krieg! ... Küsse mich, Rabenaas!«

Und dabei streckte er mir seine gespitzten Lippen entgegen. Weil ich

aber den Kopf zurückzog, verlor er das Gleichgewicht, stolperte und fiel

zu Boden.

»Ich bin erschossen!« schrie er. »Eine Kanone hat mich durchbohrt!«

Nur mit großer Mühe gelang es mir, ihn aufzuheben. Ich lehnte ihn an die

Wand eines Hauses. Er blieb eine Minute mit geschlossenen Augen stehen,

dann überkam ihn wieder die Tapferkeit.

»Wo ist ein Deutscher?« grölte er, und diesmal überschlug sich nur seine

Stimme, nicht mehr er selbst.

»Es ist keiner da!« beruhigte ich ihn.

»Das ist sein Glück! -- Komm, gehen wir weiter! Führe mich, braune

Kanaille!«

Ich zog ihn fort.

Ich hätte ihn am liebsten allein gelassen, aber er klammerte sich so

fest in meinen Arm, daß ich ihm nicht entkommen konnte.

»Ich muß dir ein Bild zeigen,« erklärte er plötzlich. »Ein Bild, was sie

für Halunken sind, die Deutschen! Lehne mich an die Laterne, mein

Junge!«

Als seinem Wunsche willfahrt war, kramte er in den Taschen herum und

suchte das Bild. Er warf zuerst den Inhalt seiner rechten Hosentasche

auf das Straßenpflaster, dann den Inhalt der linken Hosentasche. Mit

einem Mal schien ihm eine Erleuchtung zu kommen, er nahm seine Mütze ab

und holte aus dem Futter eine Ansichtskarte.

»Da!«

Ich nahm die Karte und betrachtete sie: sie zeigte eine Photographie,

unter der in Englisch und zwei anderen Sprachen stand: »Deutsche

Soldaten verteilen Brot an hungrige Belgierkinder.«

Fragend sah ich den Tommy an.

Er riß mir die Karte aus der Hand, wobei er um ein Haar wieder mit dem

Erdboden Bekanntschaft gemacht hatte, glotzte sie groß an und grinste:

»Das ist die falsche! Das ist eine ... von den Karten ..., die die

deutschen Flieger ... heruntergeschmissen haben ...!«

Das Sprechen fiel ihm schwerer und schwerer. Er sprach, als ob er zwei

Zungen im Munde hätte.

»Wie?« entsetzte ich mich. »Die Deutschen können #fliegen#?«

Und es lief mir eiskalt über den Rücken.

Ach, nun konnte ich mir das Bild auf dem Vorhang deuten: die

Geflügelmenschen waren Deutsche gewesen!

Der Tommy hatte meine Frage überhört; er hatte eine neue Karte aus dem

Mützenfutter gekramt, und diesmal war es die richtige: »Deutsche

Soldaten erschießen einen fünfjährigen Knaben, nachdem sie ihm die Ohren

abgeschnitten haben!«

Ich brüllte vor Wut laut auf, als ich dieses Bild sah. O, diese

deutschen Dämonen -- wie lechzte ich nach ihrem Blut!

Weshalb stellte man uns ihnen noch nicht gegenüber? Wie lange sollten

wir unseren Haß noch bezähmen?

»_It's a long way to Tipperary_,« begann mein Begleiter zu singen, »_it

is a long_ --,« bums, da krachte es.

Der Tommy war den Laternenpfahl abwärts geglitten und saß nun auf dem

Pflaster.

»Steh auf,« rüttelte ich ihn. »Du mußt in die Kaserne!«

Mit Anstrengung öffnete er seine Augen zu einem unsicheren Blinzeln.

»_Good bye, Picadilly_« ... grunzte er, ließ den Kopf sinken und

schnarchte.

»Steh auf!« wiederholte ich dringlicher. »Du wirst bestraft, wenn du zu

spät in die Kaserne kommst! Bedenke, daß du ein Soldat des Königs von

England bist, Herr!«

»Der König von England soll mir den Buckel herunterrutschen!« brummte er

im Halbschlaf und streckte sich der Länge nach auf dem Pflaster aus.

Da überließ ich ihn seinem heiligen Zustand und eilte allein der Kaserne

zu.

Er hatte mich lebhaft an Jim Boughsleigh erinnert. Sein Charakter

hinterließ mir einen Nachgeschmack von faulen Eiern, und seine

Taschenuhr ging so sehr nach, daß ich sie am nächsten Abend wegwarf.

Vor der Kaserne und im Hof herrschte, obwohl es schon eine Stunde vor

Mitternacht war, noch lebhafte Bewegung. Geschütze wurden hin und her

gefahren, nachgeprüft, Pferde wurden untersucht, -- ich wußte, was dies

zu bedeuten hatte, und Freude erwärmte mein Herz: endlich, endlich

setzten wir zum Sprung an auf die Kehlen der deutschen Dämonen.

Kleine, rollbare Instrumente fesselten meine Aufmerksamkeit.

»Was ist das?« bat ich um Belehrung.

»Maschinengewehre.«

»Was wird mit diesen Maschinen hergestellt?«

Und ich erfuhr, daß man mit dieser Waffe mehrere Hundert Menschen in der

Minute töten kann.

»Haben auch die Deutschen solche Maschinengewehre?«

»Nein! Überhaupt sind sie kläglich bewaffnet und es fehlt ihnen schon

lange an Munition!«

Der weiße Soldat, der mir diese Auskunft gab, hatte sicherlich geglaubt,

mir damit Mut und Angriffslust zu schärfen. Darin täuschte er sich. Ich

will lieber mit einem Gegner kämpfen, der ebenso stark bewaffnet ist wie

ich, als mit einem Schwächling. Ich wünsche mir männliche Feinde, die

mich zwingen, alle meine Kräfte anzuspannen, auf der Hut zu sein und das

Höchste zu leisten, dessen ich fähig bin. Ein Kampf mit Unfähigen

entehrt den Sieger ebenso, wie eine Disputation mit geistig Unterlegenen

verdummt.

Übrigens scheinen die Franzosen ihre Maschinengewehre als heilige

Gegenstände zu verehren, -- sonst würden sie sie doch nicht mit Vorliebe

auf #Kirchtürmen# aufstellen.

Bald genug bewahrheitete sich meine Vermutung, daß unser Aufbruch nahe

bevorstünde. Aber wie so anders als unser Einzug in Marzel spielte sich

die Abfahrt ab.

Beim Einzug Jubel, Jauchzen, Tücherschwenken -- bei der Abfahrt weinende

Frauen, jammernde Kinder, Gesang, der wie Schluchzen klang.

Wir Hindus verstanden diese Traurigkeit nicht. Hatten die Weißen keine

klugen Väter, die sie lehrten, wie mich der meine: »Lerne lachen, wenn

es dir weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen

möchtest!«

Oder glauben diese törichten Weißen, durch Tränen das Schicksal in

seinen Entschlüssen wankend machen zu können? Das Schicksal hat lange

vor deiner Geburt dein Leben in allen Einzelheiten vorausbestimmt, und

es hat dir einen kostbaren Talisman gegeben gegen alle trüben

Erlebnisse: die Gleichgültigkeit. Die Weißen halten sich für zu wichtige

Wesen.

Ich hatte gedacht, wir würden wieder in das Schiff verladen werden, aber

diesmal wurden wir in Eisenbahnwagen verpackt. Man sollte es gar nicht

glauben, wieviel Menschen in so einen Eisenbahnwagen hineingehen. Hatten

wir uns in dem Schiffsbauch gefühlt wie die Heringe in einer Tonne, so

glichen wir jetzt eher dem Sekt in einer Flasche, und wenn jemand

unvermutet die Wagentüre geöffnet hätte, wären wir mit einem lauten

Knall herausgequollen, wie der Sekt aus der entkorkten Flasche.

Viele Wagen zählte der Zug, und es fuhren außer uns Hindus noch mit:

Franzosen, Engländer und die häßlichen Neger.

»Wohin fahren wir, Herr?« frug ich einen Sergeanten.

»Ich weiß es nicht!«

»Werden wir viele Tage unterwegs sein?«

»Ich weiß es nicht!«

Da wandte ich ihm den Rücken und sagte zu meinen Beinen »Gute Nacht«,

denn sie fingen an einzuschlafen.

Eine Militärkapelle, die längs der Wagen des Zuges aufgestellt war,

setzte mit einem Marschlied ein. Mitten durch den Lärm der Musik gellte

ein Pfiff der Lokomotive, wir wurden wild durcheinandergeworfen -- der

Zug fuhr.

»Oui, pardon, cochon!« flüsterte ich vor mich hin. »Lebewohl, Marzel, du

warst eine schöne Stadt! Und wenn man die Weißen aus dir hinauswerfen

und dafür Hindus ansiedeln könnte, würdest du noch gewinnen! Wie hat

mich dein Schmutz angeheimelt! Lebewohl, auch du, Schlange in dem

Glaskasten, adieu Marzel!«

Betrachte auch du, Herr, den Lokomotivpfiff als ein Zeichen zum Aufbruch

und lasse mich nun allein! Ich bin müde.

* * * * *

Lächelnd über diesen eleganten Hinauswurf erhob ich mich.

Öfter als einmal hatte ich an diesem Mittag in den Augen Mister

Galgenstricks jenes durchtriebene Leuchten drollig-naiver Spitzbüberei

beobachtet, das mir bei meinem ersten Besuche aufgefallen war. Kein

Zweifel: Galgenstrick hatte in Marseille auch einige Abenteuerchen

erlebt, die er mir #verschwieg#. Ganz so eisern, wie er sich dessen

rühmte, hatte er sein Mienenspiel doch nicht in der Gewalt.

Ich setzte mich zu Hause an meinen Schreibtisch, legte mir die Notizen

und Manuskriptpapier zurecht und griff in meine Rocktasche, um mir die

gewohnte Arbeitszigarette anzuzünden, da -- ja, zum Kuckuck, wo war denn

mein Zigarettenetui?!

»Anna!«

»Gnä' Herr?«

»Sehn Sie doch mal nach, ob im Mantel meine Zigaretten stecken!«

Nach einer Pause, in der ein Stabsarzt ein halbes Regiment eingehend auf

seine Felddiensttauglichkeit hätte untersuchen können, brachte mir

Fräulein Anna den Bescheid:

»Im Mantel is fei' nix!«

»'s is gut!«

Teufel, wo war mein Etui hingeraten? Es wird doch nicht am Ende ..., aber

nein, pfui, so etwas von Galgenstrick zu denken! Wir Weißen sind

wirklich schlechte Kerle!

Vormittags telephonierte _Dr._ Heßberg an.

»Jawohl?« begrüßte ich ihn.

»Jawohl und da hört sich einfach alles auf! Wie kannst du dich

unterstehen, einem schwer lungenkranken Patienten Zigaretten zu

schenken!! Bist du denn ganz von Gott verlassen?«

Also doch! Hatte mir der ... der ... na, wählen wir mal einen milden

Ausdruck: der #Bazi# mein Etui geklaut! Aber ich konnte es doch nicht

übers Herz bringen, diese Missetat _Dr._ Heßberg zu verraten.

»Er hatte mich so flehend um ein paar Zigaretten gebeten,« log ich, »ich

konnt's ihm nicht abschlagen!«

»Und die Folge ist, daß er heute nacht einen schweren Anfall hatte! Zum

letzten Male sage ich dir's: Wenn du noch ein einziges Mal --«

»Und wie geht's deiner Frau?«

»Schluß!«

_Dr._ Heßberg klingelte ab. Wieder einmal war ich für fremde Sünden

gescholten worden. »Das Schicksal will es so,« dachte ich amüsiert, frei

nach Galgenstrick. »Und wenn das Schicksal etwas will, kann man nichts

dagegen machen!«

Aber ich nahm mir doch vor, dem Mister Galgenstrick klarzumachen, daß er

meine Rocktaschen außerhalb des Bereiches seiner Weltanschauung zu

lassen habe. Ich überlegte mir auf dem Weg ins Lazarett eine Rede, und,

wie es mit meinen meisten Reden geht, ich kam nicht dazu, sie zu halten.

Denn ich fand Galgenstrick in einem so erbärmlichen Zustand, daß ich ihm

kein böses Wort sagen konnte.

Seine kecken Augen hatten einen fiebrigen, hysterischen Glanz, seine

Hände, seine »geschickten« Hände zitterten auf der Bettdecke.

Auf dem Nachttischchen stand eine Medizinflasche, die ich noch nie

bemerkt hatte, und neben der Flasche lag friedlich -- mein

Zigarettenetui.

Ich öffnete es: Zigaretten waren keine mehr darin, wohl aber ein kleiner

Zettel, auf dem in ungelenker Bleistiftschrift stand: »_Excuse, Sire._«

Diese echt Galgenstrickische Art der Bitte um Verzeihung versöhnte mich

auf der Stelle. Die Angelegenheit war erledigt.

Ich steckte das Etui in die rückwärtige Hosentasche und frug: »Hast du

schlecht geschlafen, Galgenstrick? Dein Aussehen gefällt mir nicht.«

Er nickte eifrig. »Ich habe während der Nacht kein Auge geschlossen; so

oft sich der Gott des Schlafes niederbeugte, meine Wimpern anzuhauchen,

scheuchten ihn meine rastlosen Gedanken zurück. Sie kläfften ihn an, bis

er sich nicht mehr zu nähern wagte und mich wehmütigen Blickes meinen

wachen Träumen überließ.«

»Und worüber hast du denn so erregt nachgedacht, Galgenstrick?«

Er zuckte fröstelnd zusammen, strich sich die Bettdecke dichter an den

Leib und sprach ernst: »Ich habe versucht, mir Sätze zurechtzulegen, in

denen ich dir meine weiteren Erlebnisse berichten könnte. Aber es wollte

mir nicht gelingen, die Geschehnisse zu ordnen, ratlos stehe ich ihnen

gegenüber: wie die Perlen einer zerrissenen Kette liegen die Ereignisse

wirr zerstreut vor meiner Erinnerung, und ich weiß nicht, ob es mir

gelingt, sie wieder aneinanderzureihen. Ich habe zerstückelte Menschen

gesehen und friedlich schlummernde Leichen; ich habe verzweifelte

Schreie gehört und Gebete, die über jeden Schmerz triumphierten; ich

habe brennende Dörfer gesehen und Stätten des Trostes -- aber all diese

Töne und Bilder verschmelzen in meinem Gedächtnis zu Formlosigkeit. Der

Eindrücke, der neuen Gesichte waren zu viele ...«

Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen als zu mir. Nun schwieg er, und

seine erhitzten Augen starrten ins Uferlose.

Plötzlich hob er seine Hände, ballte sie gegen einen unsichtbaren Feind

und ließ sie langsam wieder sinken. Dann legte er die Mittelfinger der

rechten Hand auf die mittleren Finger der linken Hand und beschrieb mit

geschlossenen Augen jenes Zeichen, das ihn der Mohammedaner gelehrt

hatte.

Ich hatte den Eindruck, als handle er in Bewußtlosigkeit, als führe er

Reflexbewegungen aus.

Doch dem war nicht so. Denn, als sei nichts geschehen, öffnete er nun

die Augen, wandte sich mir zu und sagte:

»Ich will dir erzählen, so gut ich es vermag.«

Ich konnte mich eines leisen Schauers nicht erwehren, eines Schauers,

wie ich ihn einmal bei den Produktionen eines Willenskünstlers empfunden

habe, der es fertiggebracht hatte, sich selbst in hypnotischen Schlaf zu

versenken und selbst wieder zu erwecken.

* * * * *

Kannst du, Herr, es nachempfinden, wie einem Vater zumute sein muß, der

sich innig bemühte, seinen Sohn in seinem Geiste und auf Grund seiner

Erfahrungen zu einem guten Menschen zu erziehen, und der nun ansehen

muß, wie der Sohn in schlechte Gesellschaft gerät, deren leichtsinnigen

Ratschlägen er williger folgt als den gereiften Mahnungen des Vaters?

Armer Vater, vergeblich rufest du dein Kind zur Umkehr: schon ist es zu

weit entfernt, deine Stimme zu hören. Vergebens hoffst du, es werde den

Kopf zurückwenden, deine verzweifelte Gebärde sehen und in einer Wallung

der Liebe an deine Brust zurückeilen!

Wie einem solchen Vater erging es mir, Sahib, als ich zu erleben

verurteilt war, wie die Hindus im Verkehr mit den Weißen abtrünnig

wurden den Gebräuchen der Heimat, der Rasse. Ich habe dir schon erzählt,

daß einige von uns sich hatten zu Sergeanten befördern lassen, und ich

will hinzufügen, daß noch mehrere den Versuchungen anheimfielen, die in

Marzel lockten: sie gaben sich mit weißen Frauen ab, ja, was noch

schlimmer ist, sie aßen sogar Speisen, die nicht nach unseren Gebräuchen

zubereitet waren.

Ach, Herr, und auch ich war so schwach, mich unterjochen zu lassen von

einer Begierde, die mir fremd gewesen war: von der Sucht nach jenem

brennenden Dämon, der mir zum ersten Male aus Jim Boughsleighs

Whiskyflasche entgegengegrinst hatte.

Ich verlangte nach diesem betäubenden Gift, als ich frierend, hustend

und blutspeiend in dem stickigen Eisenbahnwagen eingepfercht saß, durch

dessen Fugen und Türspalten der eisige Wind kroch. Auf manchen Stationen

machte der Zug halt, fremde Menschen betrachteten uns neugierig, riefen

uns Aufmunterungen zu -- die wir aber bald genug nicht mehr

beantworteten. Einige Male hielten wir auch stundenlang auf offenem

Felde, inmitten von Schneegestöber. Keiner wußte, warum. Es war uns auch

gleichgültig.

Ich verlangte nach dem Flaschendämon, als man uns in einem fremden Orte

auslud, durch ein verlassenes Dorf trieb, eine endlose Landstraße

entlang, auf der uns Soldaten, Kanonen, aber auch abgehärmte Frauen,

halberfrorene Kinder begegneten.

Ich verlangte nach dem Dämon, als wir endlich, todmüde, unsere

erstarrten Glieder in einer Kirche auf den Boden strecken durften, um

wenige Stunden zu schlafen. Und meine Brüder hätten mich fast geprügelt,

weil ich durch mein Husten den Gott des Schlafes verjagte.

Da ich in meiner Brust tausend spitze Dolche spürte, erhob ich mich, um

im Dorfe nach heiligem Kuhmist zu suchen, daß meiner Krankheit Linderung

werde.

Aber vor der Türe stand ein Posten, der mich mit grimmigen Scheltworten

zurücktrieb. Und im gleichen Augenblick begann ein wildes Schießen nach

dem nächtlichen Himmel.

»Wollt ihr die Sterne herunterschießen?« frug ich verwundert den Posten.

»Ruhe! Mach', daß du in deinen Stall kommst!« fauchte er mich an.

Ich aber ließ mir Zeit, die Ursache des seltsamen Schießens zu erkunden,

in das sich nun deutlich auch Kanonendonner mischte.

Da sah ich hoch am Himmel einen Lichtschimmer sich bewegen, ein kleines

Licht mit einem grauen Riesenleib, der surrend knurrte.

Nie noch habe ich ein so furchtbares Lufttier gesehen, nie einen so

schreckenerregenden Dämon. O, ich verstand, daß sich die Franzosen und

Engländer vor diesem Ungetüm fürchteten, das sie »Zeppelin« nannten. Es

soll furchtbare Kugeln ausspeien, die Brand und Verwüstung zeugen.

Als ich in die Kirche zurücktrat, umringten mich meine Brüder, und ich

erzählte ihnen, was ich gesehen hatte.

Wir warfen uns zu Boden, beteten zu Schiwa und Wischnu, daß sie diesen

Luftdämon vernichten mögen, und mit ihm die deutschen Dämonen! ...

Am Morgen wurden wir weitergetrieben, immer weiter nach Norden. Etliche

von uns fielen um, erschöpft vor Kälte und Hunger, und wir durften ihnen

nicht helfen. Mögen die guten Götter sich ihrer Seelen erbarmt haben!

Und mit unserer Mühsal wuchs unser Haß gegen die Deutschen. Immer neue

Schandtaten dieser Dämonen erfuhren wir durch unsere Vorgesetzten.

Einmal begegneten uns Wagen, die waren mit roten Kreuzen bemalt. Sie

waren dicht verhängt, so daß wir den Inhalt nicht sehen konnten, aber

wir hörten aus ihrem Innern Stöhnen, Schreien und Wimmern.

Und unser Kolonel sagte: »Das haben die deutschen Barbaren verschuldet,

die den Krieg mitten im Frieden angefangen haben! Und deshalb müssen sie

vernichtet werden!«

»So sind es #deutsche# Dörfer, die ringsum brennen?«

»Ja, wir sind mitten in Deutschland! In der Provinz Brandenburg!«

Ich wollte ihn fragen, warum in Deutschland die Bauern alle Französisch

sprechen -- aber ehe ich den Mund öffnen konnte, geschah etwas

Entsetzliches: unter heulenden Fistelstimmen ging ein Regen von dicken

Eisenstücken auf uns nieder, die sich beim Anprall auf die Erde in

glühende, feuerspeiende Teufel verwandelten.

Der Kolonel griff sich nach dem Kopf, taumelte nach vorne und blieb, mit

dem Gesicht in den Schnee fallend, bewegungslos liegen. Wildes Geschrei

erhob sich, wir stoben auseinander, und wenig hätte gefehlt, daß wir uns

in der sinnlosen Verwirrung gegenseitig mit unseren Messern angefallen

hätten. Über die am Boden sich krümmenden Körper hinweg rannten wir

instinktiv zurück -- heraus aus der Hölle, deren Dämonen uns heulende

Eisenbälle nachschleuderten.

Hinter einem Hügel sammelten wir uns wieder.

Wir Hindus sprachen kein Wort. Ich dankte dem Schicksal, das mich

behütet und aufbewahrt hatte, meine Brüder zu rächen.

Die Weißen flüsterten aufgeregt miteinander. Manche von ihnen schrieben

Briefe und Karten an ihre Frauen und gaben sie sich gegenseitig.

An wen hätte #ich# schreiben sollen? ...

In der Nacht führte man uns in einem großen Bogen gen Westen. Lautlos

stapften wir über den gefrorenen Schnee; die Sterne, die in Indien so

gütig blicken können, starrten mit feindseliger Kälte auf unseren Zug

herab, der sich in Windungen vorwärtsschob -- einer riesigen Malatri

vergleichbar.

Und diese aus zitternden Menschen gebildete Schlange kroch über Hügel,

durch Schluchten, wälzte sich über zugefrorene Bäche und Flüsse. Wir

Hindus wurden ungeduldig: »Weshalb treibt man uns in der Irre umher,

statt uns den Feinden gegenüberzustellen?«

Die Engländer gaben uns zur Antwort: »Nur noch ein Weilchen! Dann wird

euer Wunsch erfüllt. Wir meinen es gut mit euch, deshalb kommt ihr in

die vorderste Reihe, wo es am ungefährlichsten ist; wir aber bleiben

waghalsig weiter rückwärts.«

Und so geschah es auch.

In die vorderste jener Erdfurchen, die sie »Schützengräben« nennen,

legten sie uns Inder. In einer Frostnacht, die uns die Glieder schier zu

steifen Stäben fror, lösten wir die Franzosen ab, die bisher in dieser

Furche gehaust hatten. Lautlos, als gälte es einen Einbruch, wechselten

wir die Plätze.

Und da lagen wir drei Tage, durften kein wärmendes Feuer entzünden und

warteten vergeblich, daß uns die Engländer den versprochenen Reis nach

vorne brächten.

Eisenkugeln flogen über unsere Köpfe hinweg -- wir beachteten sie nicht

mehr.

Ich war so matt, daß ich im Stehen stundenlang schlief. Einmal weckte

mich der rauhe Gesang jenes Liedes, das ich einst in Bombay hatte aus

dem Gefängnis singen hören, jenes seltsamen Liedes, das ich für ein

religiöses halte und das mit den Worten beginnt: »Deutschland,

Deutschland über alles.«

»Sind die Deutschen so nahe?« frug ich einen Sergeanten.

»Sie liegen fünfzig Meter von uns im Schützengraben.«

Ich weiß nicht, wie weit fünfzig Meter sind, aber es muß eine geringe

Strecke sein.

Konnten wir doch auch den Dunst gekochten Fleisches bis zu uns herüber

riechen.

»Haben denn die Deutschen etwas zu essen? Ich dachte, sie litten

Hungersnot?«

»Das tun sie auch! Sie essen Ratten und Mäuse und zwingen die gefangenen

Hindus, gleichfalls diese Tiere zu essen!«

Ich stierte ihn entsetzt an. »Ehe ich solch unreines Fleisch esse,

sollen sie mir alle Glieder einzeln vom Leibe reißen!«

»Das werden sie sowieso tun, wenn du in ihre Hände fällst! Sie martern

alle Gefangenen zu Tode!«

»Und fressen sie dann, ich weiß es!« schloß ich das Gespräch.

Ich war überzeugt, daß es nicht der Dunst von gebratenen Ratten war, der

zu uns herüberdrang, sondern der Geruch gerösteter Hindus. Der gutmütige

Sergeant hatte mir nicht die ganze schreckliche Wahrheit sagen

wollen ...

Wieder hatte mich die Erschöpfung überwältigt. Der Kopf war mir auf die

Brust gesunken. Ich träumte:

Durch die Straßen Bombays wandelte ich an der Seite meines Vaters. Um

seinen Hals baumelte ein Hanfstrick, aber er achtete dessen nicht,

sondern sprach liebevoll mit mir und ich hörte wieder seine Worte: »Der

Menschen Schicksal ist den Göttern nur ein Würfelspiel.« Wir kamen an

dem Regierungspalast vorbei und von seinem Türmchen herab wehte eine

blutrote Fahne. Auf der Fahnenstange aber kauerte Abu-Kalib, der

Mohammedaner, und weinte und klagte: »Armer Freund!« Und er machte das

geheime Zeichen, und ihm gegenüber, auf einer Palme, hockte ein heiliger

Affe und ahmte das Zeichen nach. Ich lachte hellauf und drohte dem

klugen Tier -- aber da war es kein Affe mehr, sondern eine große

Whiskyflasche, in der Jim Boughsleigh gefangen saß. Und er jammerte: »O,

mich is schlecht, very hundsmiserabel schlecht is mich!« Da hob ich

einen Stein auf, um ihn nach Jim Boughsleigh zu werfen. Aber nicht der

Stein flog, sondern ich selbst, denn ich war einer der Geflügelmenschen

geworden, die ich in Marzel auf dem bemalten Tuch gesehen hatte. Und ich

flog über die Stadt hinweg und landete in Ägypten. Da stand das

Tierspital, das bisher in Bombay gewesen war, und jene Dame aus Marzel

saß an der Pforte und rief: »Malatri hat nach dir verlangt, sie will

dich sprechen!« Und da kam auch schon Malatri durch ein Loch in der Türe

gekrochen und hatte vier große Beine bekommen und --

Ich fuhr empor. Dicht über mir, am Rande des Schützengrabens, stand ein

riesenhafter Mensch und schlug mit dem Gewehrkolben nach mir. Ich

schleuderte meinen vergifteten Dolch gegen seine Kehle, sprang aus dem

Graben und rannte durch ineinander verbissene Menschenknäuel laut

schreiend geradeaus.

Frage mich nicht, was ich sah, noch was ich hörte. Ich kannte mich nicht

aus, achtete nicht, wer Feind, wer Freund war, ich schoß um mich, lief,

warf mich hin, sprang wieder auf, riß das Bajonett von meinem Gewehr, um

es als Messer zu gebrauchen, und -- spürte plötzlich einen Schlag gegen

meine Achsel, der mich umwarf.

Ein Mensch stolperte über mich, faßte meinen Hals, würgte mich -- ich

verlor die Besinnung.

* * * * *

Ich weiß nicht, wie lange meine Seele sich von mir getrennt hatte. Waren

es Stunden, waren es Tage -- nur Schiwa vermag es zu sagen.

Sie kehrte wieder in demselben Augenblick, als zwei Hände mich bei den

Beinen packten. Ich wollte mich aufrichten, aber ein stechender Schmerz

in der Achsel drückte mich zu Boden. Und die tausend Dolche in meiner

Brust waren glühend geworden und verbrannten mich von innen heraus.

»Wer bist du?« fragte ich den Weißen, der meine Beine gepackt hatte, auf

englisch. Er war ein jugendlicher Mann, ich erkannte es trotz seines

Vollbartes. Um den Arm trug er eine Binde mit einem roten Kreuz.

»Wir sind deine Freunde!« antwortete eine englische Stimme mir zu

Häupten. Erschrocken wandte ich unter Schmerzen meinen Kopf und gewahrte

hinter mir einen zweiten Mann, der dasselbe Abzeichen trug und sich eben

anschickte, mich unter den Schultern zu fassen, um mich mit Hilfe seines

Begleiters auf eine Tragbahre zu legen.

Ich griff nach einer Waffe -- aber keine war im Bereich meiner Hände zu

finden.

»Laßt mich liegen,« ächzte ich. »Was wollt ihr von mir?«

»Wir sind deine Freunde!« antwortete jener wieder und rief seinem

Kameraden einige unverständliche Worte zu.

Ein heißer Schreck durchflutete mich. Welche Sprache redeten die beiden?

-- War es Deutsch?

Ich riß meine Beine, die der eine von neuem gepackt hatte, strampelnd

los.

»Seid ihr Deutsche?« entrang es sich mir stöhnend.

»Ja, das sind wir. Nun aber schweige, sei vernünftig und lasse dich von

uns wegtragen!«

»Nein!« schrie ich auf und wälzte mich in dem blutigen Schnee. »Nein!

Ihr wollt mich fressen! Ich will nicht geschlachtet werden! Lieber will

ich hier verenden wie ein wundes Tier! Berührt mich nicht!«

Die beiden sahen sich kopfschüttelnd an. Sie sprachen wieder in ihrer

fremden Sprache, und ich suchte, angstgepeinigt, in ihren Mienen ihre

Absichten zu lesen. Hätte ich einen Revolver gehabt, ich hätte sie

erschossen.

Schließlich zuckte der eine die Achseln, sie beugten sich nieder, hoben

mich mit eisernen Griffen auf die Bahre und trugen mich hinweg.

Ich brüllte: »Ihr Dämonen, Hunde, ihr wollt mich zerstückeln! Aber ich

esse euer unreines Fleisch nicht! Seid verflucht! Laßt mich los!«

Und ich spuckte meinen blutigen Auswurf nach ihnen. Aber sie ließen sich

nicht irre machen.

Ach, ich war zu schwach, mich ernstlich zur Wehr zu setzen. Meine

Gedanken verwirrten sich wieder, und meine Seele nahm von neuem Abschied

von meinem gefolterten Leibe. -- -- --

Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einem großen halbdunklen

Zelt, auf einer Bahre liegend. Um mich herum standen ähnliche Bahren und

auf jeder lag ein Mensch. Die Luft war von ungekannten, bitteren Düften

erfüllt.

Ich hob den Oberkörper, um besser sehen zu können, fiel aber sogleich

unter wildem Schmerz in mich zusammen. Was war mit meiner Brust

geschehen? Ein dicker Verband lief von der Achsel um Arme und Brust. Wer

hatte mich in diese Tücher eingeschnürt?

Langsam kam mir die Erinnerung und mit ihr das atemlose Entsetzen: Du

bist bei den Deutschen, sie wollen dich schlachten ... man hebt dich

hier mit anderen Hindus für das Opferfest auf ... eine Speisekammer

lebender Menschen.

Ich versuchte mich mit meinem Nachbarn zur Rechten zu verständigen,

indem ich ihn leise anrief.

Er wandte langsam den Kopf nach mir -- ich sah in ein weißes Gesicht.

Furchtbar: so fraßen also die Deutschen auch #weiße# Menschen!

Als ich die glanzlosen Augen auf mich gerichtet sah, vergaß ich schier

meine eigenen Schmerzen.

»Leidest du sehr, Herr?« lallte ich.

Der Weiße, der mein Englisch nicht verstand, wandte den Kopf wieder weg

von mir und wimmerte kaum hörbar.

Ich hörte Schritte und entdeckte nun im Halbdunkel zwei Männer in weißen

Kitteln, die mit einer ähnlich gekleideten Frau von Bahre zu Bahre

gingen. An jeder Bahre blieben sie eine Weile stehen, aber ich konnte

nicht unterscheiden, was sie machten.

Als sie sich mit meinem Nachbarn zur Rechten beschäftigten, sprachen sie

mit ihm in deutscher Sprache. Das nahm mich wunder -- woher kannte der

kranke Engländer die Sprache der Barbaren?

Nun standen sie bei mir.

Die Frau -- es war eine Krankenschwester -- schob ihren Arm unter meinen

Rücken, um sanft meinen Oberkörper aufzurichten.

Wütend biß ich nach ihr.

»Artig sein!« sagte der eine Arzt mahnend zu mir. »Wir tun dir nicht

weh!«

»Bist du ein Engländer?« forschte ich.

»Nein, ein Deutscher. Aber hier gibt es keine Völkerunterschiede mehr,

sondern nur noch Kranke, denen wir helfen wollen. Du siehst hier auf den

Bahren Freund und Feind, Weiße und Farbige --«

»Du lügst!« schrie ich -- aber ich dämpfte sogleich meine Stimme, denn

die Anstrengung des Schreiens zerriß mir die Brust. »Du lügst!«

wiederholte ich jämmerlich, »ihr wollt mich töten! Feige Bestien!«

Der Arzt sprach mit seinem Berufsgenossen einige Sätze in deutscher

Sprache. Wahrscheinlich überlegten sie, ob sie Gewalt anwenden sollten.

Schließlich gingen sie mit der Schwester zum nächsten Kranken, ohne mich

angerührt zu haben.

Ich lag, dumpf vor mich hinstarrend, und wenn sie nicht meine Arme fest

in den Verband mit eingewickelt gehabt hätten, hätte ich mir die Tücher

abgerissen. Lieber verbluten, als mich zu Tode foltern zu lassen.

Eine Weile später kehrte die Schwester an meine Bahre zurück, einen

dampfenden Teller in den Händen tragend.

»Jetzt wollen sie dich zwingen, verbotenes Fleisch zu essen!!«

durchzuckte es mich, und ich biß die Zähne zusammen.

Mochten sie mir sie mit Eisenzangen auseinanderreißen, wenn sie konnten!

Aber -- o wundersame Überraschung -- der Teller war angefüllt mit

gekochtem Reis. Und die Schwester beugte sich zu mir nieder und gab mir

mit dem Löffel zu essen, wie eine Mutter ihr Kindchen füttert. Und jeden

Löffel des heißen Reises blies sie zuvor.

Ich verschlang heißhungrig die willkommene Nahrung.

Die Schwester lächelte und frug auf englisch: »Siehst du, daß wir es gut

mit dir meinen?«

Ich musterte sie mißtrauisch und gab ihr keine Antwort.

»Willst du nicht deinen Verband erneuern lassen? Es wird deine Schmerzen

lindern!« frug sie weiter. Ihre ruhige Stimme tat mir wohl. Aber wer

weiß, vielleicht wollte sie mich nur in Sicherheit lullen.

»Nein!« erwiderte ich rauh. »Ich will keine Wohltaten von euch deutschen

Barbaren!«

Bei dem Worte »deutsche Barbaren« trat eine Träne in ihre Augen. Doch

sie erhob keinen Vorwurf, geduldig wischte sie mit einem Tuch die

Speisereste von meinem Mund und wandte sich anderen Kranken zu.

In meiner fiebernden Brust stritten sich die Gefühle. Ich sagte mir: Du

darfst den Deutschen nicht trauen, sie sind deine Feinde, und du hast so

viel Schändliches von ihren Sitten gehört, daß du sie verabscheuen

müßtest, auch wenn nur die Hälfte davon wahr wäre. Gleichzeitig empfand

ich, daß sich diese Krankenschwester nicht verstellt hatte und daß die

Güte, die aus ihrer Stimme leuchtete, ein Abglanz ihrer #Herzensgüte#

war.

Weshalb hatten mir die Deutschen Reis als Labe gereicht, da es doch

hieß, sie spotten unserer Speisegesetze?

War es Absicht, war es Zufall?

Ich beschloß, auf der Hut zu sein und doppelt streng zu beobachten.

Als die Nacht herannahte, machten die Ärzte abermals die Runde. Und

wieder forderte mich der eine in englischer Sprache auf, meinen Verband

erneuern zu lassen. Aber ich ließ mich nicht von ihnen anfassen.

Die Krankenschwester frug mich, ob ich schlafen könne?

Obwohl ich fühlte, daß der Gott des Schlafes mich vergessen werde,

bejahte ich doch diese Frage. Denn ich wußte: nun mußte bald die Stunde

gekommen sein, in der sich die Deutsche in Frösche verwandelten.

Als sich die Schwester mit einem guten Wunsche entfernt hatte, faßte ich

den kranken Deutschen, der mir zur Rechten lag, scharf ins Auge.

O, ich wollte gut aufpassen! Es sollte mir nicht entgehen, wie er zum

Frosch zusammenschrumpfte!

Immer dunkler ward es, immer kälter, es mußte schon um die elfte

Nachtstunde sein -- und der Deutsche hatte noch immer Menschengestalt.

Ich war nicht der einzige Wachende im Lazarett.

Ich hörte, wie sich Kranke fiebernd hin und her warfen, hörte Husten und

Röcheln, hörte raschelnde Schritte von Wärtern, und einige Male, wie

Wasser in Gläser gegossen wurde.

Vor allem aber hörte ich, wie der frostige Nachtwind an den Zeltwänden

riß und sie pfeifend peitschte.

Es mußte Mitternacht sein -- und noch immer hatte sich der Deutsche

nicht in einen Frosch verwandelt.

Er schlief unruhig, heiser atmend, murmelte im Traum aufgeregte Worte,

und ich unterschied mehrmals ein Wort, dessen Bedeutung ich damals noch

nicht kannte, das Wort: »Mutter«.

Ist es nicht wundersam, daß das erste deutsche Wort, das ich in mich

aufnahm, das Wort »Mutter« war?

Zuletzt überwältigte mich die Ermattung und ich entschlummerte.

Und ich erwachte mit der Gewißheit: die verruchten Engländer haben dich

schmählich belogen! Die Deutschen sind keine bösen Dämonen ...

Nein, Herr, ihr seid keine Dämonen; ich erfuhr es aus euren Reden und

mehr noch aus euren Taten!

Ich erfuhr es, als wenige Tage später das Lazarett zu unserem Entsetzen

beschossen wurde und ihr nicht an eure eigne Sicherheit dachtet, sondern

zuerst an die Rettung der Kranken.

Ich erfuhr es, als ihr mich mit euren derben, guten Händen in den

Eisenbahnwagen trugt, der mich in diese Stadt brachte.

Und wenn ihr auch nur Weiße seid, voll von törichten Vorurteilen wie

alle Nicht-Hindus, und mich mit euren Arzneien heilen wollt, statt mit

heiligem Kuhmist -- ich hasse euch nicht und bete zu Schiwa um euren

Sieg!

* * * * *

Mister Galgenstrick machte eine lange Pause.

Ich betrachtete ihn ergriffen. Denn so gleichgültig uns auch das Lob

eines Hindus sein kann, mich erwärmte doch die naive Bewunderung dieses

Naturkindes, das durch alle seine verschrobenen Vorstellungen hindurch

die Reinheit deutschen Wesens ahnte.

Plötzlich nahm Galgenstrick meinen Arm, zog mich zu sich nieder und

flüsterte mir ein Geheimnis ins Ohr: »Ich glaube nicht, daß die Götter

mir das Leben lassen. Wenn sie es mir aber gnädig vergönnen, in diesem

Leibe weiter zu wohnen, so will ich von neuem kämpfen! Aber nicht mit

euren Feinden gegen euch -- sondern mit euch gegen die Engländer!

Versprich mir, daß du mir dazu verhelfen wirst!«

Ich hätte ihm sagen können, daß wir Deutschen keine wilden Völkerstämme

in unsere Reihen aufnehmen, daß wir diese »Kulturerrungenschaft« neidlos

unseren Gegnern überlassen -- aber ich wollte den Kranken nicht durch

Widerspruch erregen.

So machte ich eine Geste, die er sich nach Belieben als Bejahung oder

Verneinung auslegen mochte.

Er lächelte befriedigt und ich schied von ihm mit dem Bewußtsein, ihm

eine belebende Hoffnung hinterlassen zu haben, die seine Genesung

beschleunigen würde.

Zwei Tage blieb ich dem Lazarett ferne, beschäftigt mit der

Überarbeitung von Galgenstricks Erzählungen.

Am dritten Tage besuchte mich _Dr._ Heßberg.

»Ei, welch eine seltene Ehre! Hab' ich schon wieder einen Verstoß gegen

deine Verordnungen begangen und, deiner gestrengen Ansicht nach, mich

gegen Mister Galgenstricks Heilung versündigt?«

_Dr._ Heßberg tat einen kräftigen Zug aus seiner Zigarre, blies langsam

den Rauch in die Luft und sprach einfach: »#Mister Galgenstrick ist

tot.#«

Ich trat erschrocken einen Schritt zurück: »Was sagst du da? Mister

Galgenstrick ist --?«

»Tot!«

Wir setzten uns.

_Dr._ Heßberg dampfte wie ein Fabrikschornstein, ein Zeichen, daß er

tief erregt war.

Ich schloß die Augen und sah im Geiste Mister Galgenstrick vor mir,

fühlte seinen spitzbübisch-naiven Blick.

»Schade,« murmelte ich, »schade um den armen Teufel.«

Mein Freund richtete sich vorwurfsvoll auf. »Es sterben in unseren

Lazaretten Leute, um die es tausendmal mehr schade ist!«

»Da hast du natürlich recht -- aber dennoch ...«

_Dr._ Heßberg zerbröckelte ärgerlich seine Zigarre. »Scheußliches Kraut

-- gib mir eine von deinen Echten!«

Ich erhob mich und bot ihm die Zigarrenkiste an.

Umständlich nahm er sich einen Glimmstengel, zündete ihn an, schmauchte

befriedigt und sagte: »Er ist friedlich gestorben. Bewußtlos

hinübergedämmert ... Dank einigen Morphiumspritzen ... Aber die Stunden

vorher« -- er machte eine abwehrende Handbewegung -- »sprechen wir nicht

davon! ... Ich hätte es übrigens voraussagen können. Die linke Lunge

total kaputt und die rechte in einem bejammernswerten Zustand! ... Na,

Gott hab' ihn selig!«

»Schiwa!« verbesserte ich, wehmütig lächelnd.

-- -- Armer Mister Galgenstrick! Du hast die Heimat nicht wiedersehen

dürfen. Unter fremden Menschen bist du gestorben, ein Opfer englischer

Habgier.

Nicht der größten Opfer eins. Aber dennoch schienen mir deine Erlebnisse

interessant genug, sie aufzuzeichnen und in das grelle Licht der

Öffentlichkeit zu stellen.

Ich habe nichts hinzugefügt, nichts weggelassen. Und so will ich, indem

ich Abschied nehme von dir, die Feder mit einem Ausruf in #deinem# Sinne

aus der Hand legen, indem ich sage:

»Will es das Schicksal, so wird deine Lebensgeschichte nachdenkliche

Betrachtungen in den Lesern wecken; will es das Schicksal anders, so

werden mir die Leser diese Blätter mit unfreundlichen Urteilen lohnen;

wie es aber auch das Schicksal fügen mag, #mir ist beides recht#!«

Mister Galgenstrick: und andere Humoresken · 第 15 / 18 题