gezeichnet
Dr. Freiherr von Leisetreter.«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Der Boden schwankte unter meinen Füßen, und ich verlor eine Minute das
Bewußtsein.
Als ich erwachte, saß ich auf einem Stuhl, und der Gefangenwärter
klopfte mir freundlich auf die Schulter.
Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich
und sagte zu mir:
»Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute hinausgezogen, weil Ihr
Name mit einem >Päh< beginnt und naturgemäß im Alphabet erst gegen
Schluß vorkommen kann.« -- Dann las er weiter:
Ȇberdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider, in Kenntnis zu
setzen, daß ihm laut testamentarischer Verfügung des im Mai mit Tod
abgegangenen ^stud. med.^ Innocenz Charousek ein Drittel von dessen
gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist, und ist er zur
Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten.«
Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing
an zu schmieren.
Ich erwartete gewohnheitsmäßig, daß er meckern würde, aber er meckerte
nicht.
»Innocenz Charousek«, murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach.
Der Gefangenwärter beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr:
»Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr Dr. Charousek, und hat
sich nach Ihnen erkundigt. Er läßt Sie viel--vielmals grüßen, hat er
g'sagt. Ich hab's natürlich damals nicht ausrichten dürfen. Es ist
streng verboten. Ein schreckliches Ende hat er übrigens genommen, der
Herr Dr. Charousek. Er hat sich selbst entleibt. Man hat ihn tot auf dem
Grabhügel des Aaron Wassertrum, auf der Brust liegend, gefunden. -- Er
hat zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt, sich die Pulsadern
aufgeschnitten und dann die Arme in die Löcher gesteckt. So ist er
verblutet. Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char
-- -- --«
Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und reichte mir die
Feder zum Unterschreiben.
Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines
freiherrlichen Vorgesetzten:
»Gefangenwärter, führen Sie den Mann hinaus.«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Säbel und
Unterhosen im Torzimmer seine Kaffeemühle vom Schoß genommen; nur daß er
mich diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine, das
Portemonnaie mit den zehn Gulden darin, meinen Mantel und alles übrige
zurückgab.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Dann stand ich auf der Straße.
»Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Wiedersehen!« -- Ich
unterdrückte einen Schrei wildesten Entzückens.
Es mußte Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler
Messingteller hinter Dunstschleiern.
Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz bedeckt.
Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein
zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten
fast den Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte -- auf
empfindungslosen Sohlen wie ein Rückenmarkskranker. -- --
»Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie können, in die Hahnpaßgasse 7!
-- Haben Sie mich verstanden?: -- Hahnpaßgasse 7.«