Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, daß
ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; -- -- -- ich schwor
es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen,
wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde.
Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen -- was lag mir daran!
Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm
die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums
Drohungen erzählte, -- keinen Augenblick zweifelte ich daran.
Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest würde das Gericht
auch Wassertrum wegen Mordverdacht verhaften lassen.
Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher vergehen möchten;
starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst.
Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und
zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein
kupfernes, riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten
Turmuhr. Doch die _Zeiger fehlten_; -- neuerliche Qual.
Dann schlug es fünf.
Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in
böhmischer Sprache führten.
Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett
herunter und -- sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche,
gegenüber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.
Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und
musterten mich geringschätzig.
»Defraudant? Was?«, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stieß
ihn mit dem Ellenbogen an.
Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas, kramte in seinem
Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.
Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder,
bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die
Stirn.
Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und
versteckte es wieder unter der Pritsche.
»Pan Pernath, Pan Pernath,« murmelte Loisa dabei beständig mit
aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.
»Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö,« sagte der Ungekämmte,
dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen
Wieners und machte mir spöttisch eine halbe Verbeugung: »Erlaubens mich
vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze Vóssatka. -- -- --
Brandstiftung,« setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu.
Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile
verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:
»Einbruch.«
Ich schwieg.
»No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie hier, Herr Graf?« fragte
der Wiener nach einer Pause.
Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: »Wegen Raubmord«.
Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren
Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie
riefen fast wie aus einem Munde:
»Räschpäkt, Räschpäkt.«
Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die
Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander.
Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prüfte schweigend die
Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund
zurück.
»Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu
haben?« fragte ich Loisa unauffällig.