Spuk

Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir

das Gehirn zermartert, wie ich »ihr« Hilfe bringen könnte.

Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen,

ihm zu erzählen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten.

Aber jedesmal verwarf ich den Entschluß.

Er stand im Geist so riesengroß vor mir, daß es eine Entweihung schien,

ihn mit Dingen, die das äußere Leben betrafen, zu behelligen, dann

wieder kamen Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in

Wirklichkeit alles das erlebt hätte, was nur eine kurze Spanne Zeit

zurücklag und doch so seltsam verblaßt schien, verglichen mit den

lebenstrotzenden Erlebnissen des verflossenen Tages.

Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich -- ein Mensch, dem das

Unerhörte geschehen war, daß er seine Vergangenheit vergessen hatte, --

auch nur eine Sekunde lang als Gewißheit annehmen, wofür als einziger

Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob?

Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel

lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in

persönlicher Berührung gewesen!

Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie

umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, daß ein unsägliches Weh an

meinem Herzen fraß?

Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da ließ ich sie wieder los; ich

sah voraus, was kommen würde: Hillel würde mir mild über die Augen

fahren und -- -- -- nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht,

Linderung zu begehren. »Sie« vertraute auf mich und meine Hilfe, und

wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte, mir in Momenten auch klein und

nichtig erscheinen mochte, -- _sie_ empfand sie sicherlich als

riesengroß!

Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit -- ich zwang mich, kalt und

nüchtern zu denken; -- ihn jetzt -- mitten in der Nacht zu stören? -- es

ging nicht an. So würde nur ein Verrückter handeln.

Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es wieder sein: der Abglanz

des Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und

gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht könnte

noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.

Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuzünden,

nur um den Tag zu erwarten, -- eine leise Angst sagte mir, der Morgen

rücke dadurch in unerlebbare Ferne.

Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender

Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben --

Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen, getürmt über die dunkeln

Modergrüfte, diese »Wohnstätten«, darein sich das Gewimmel der Lebenden

Höhlen und Gänge genagt.

Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu

wundern begann, warum ich denn nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch

von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein

Ohr drang.

Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze

Ächzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zögernd schlich.

Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde förmlich kleiner, so

preßte sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hören.

Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.

Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig

abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr

eigener Verräter ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.

Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt, das drohende Gefühl

in der Kehle, daß drüben einer stand, genau so wie ich und dasselbe tat.

Ich lauschte und lauschte:

Nichts.

Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.

Lautlos -- auf den Zehenspitzen -- stahl ich mich an den Sessel bei

meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zündete sie an.

Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen auf dem Gang, die

zum Atelier Saviolis führte, ging nur von drüben aufzuklinken.

Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück Draht, das unter

meinen Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlösser springen

leicht auf. Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder!

Und was würde dann geschehen?

Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, --

vielleicht in Kästen wühlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu

bekommen, legte ich mir zurecht.

Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischentrat?

Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare

Warten auf den Morgen zerfetzen!

Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre, drückte dagegen, schob

vorsichtig den Haken ins Schloß und horchte. Richtig: Ein schleifendes

Geräusch drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.

Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück.

Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl es fast finster war

und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem, schwarzem

Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, -- eine Sekunde lang

unschlüssig, wohin sich wenden, -- eine Bewegung machte, als wolle er

auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom Kopf riß und hastig damit

sein Gesicht bedeckte.

»Was suchen Sie hier!« wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:

»Pernath! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg!« Die Stimme kam mir

bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trödlers Wassertrum.

Automatisch blies ich die Kerze aus.

Das Zimmer lag halbdunkel da -- nur von dem schimmrigen Dunst, der aus

der Fensternische hereindrang, matt erhellt -- genau wie meines, und ich

mußte meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten,

hektischen Gesicht, das plötzlich über dem Mantel auftauchte, die Züge

des Studenten Charousek erkennen konnte.

»Der Mönch!« drängte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit

einem Male die Vision, die ich gestern im Dom gehabt! _Charousek! Das

war der Mann, an den ich mich wenden sollte!_ -- Und ich hörte seine

Worte wieder, die er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte:

»Aaron Wassertrum wird es schon erfahren, daß man mit vergifteten,

unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an dem Tage, an dem

er Dr. Savioli an den Hals will.«

Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wußte er ebenfalls, was

sich zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewöhnlicher Stunde ließ fast

darauf schließen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu

richten.

Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang hinunter auf die

Gasse.

Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze

wahrgenommen haben.

»Sie denken gewiß, ich bin ein Dieb, daß ich nachts hier in einer

fremden Wohnung herumsuche, Meister Pernath,« fing er nach langem

Schweigen mit unsicherer Stimme an, »aber ich schwöre Ihnen -- --«

Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.

Und um ihm zu zeigen, daß ich keinerlei Mißtrauen gegen ihn hegte, in

ihm vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzählte ich ihm mit kleinen

Einschränkungen, die ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem

Atelier habe, und daß ich fürchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in

Gefahr, den erpresserischen Gelüsten des Trödlers in irgendwelcher Art

zum Opfer zu fallen.

Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne mich mit Fragen zu

unterbrechen, entnahm ich, daß er das meiste bereits wußte, wenn auch

vielleicht nicht in Einzelheiten.

»Es stimmt schon,« sagte er grübelnd, als ich zu Ende gekommen war.

»Habe ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die

Gurgel fahren, das ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug

Material beisammen. Weshalb würde er sich sonst noch hier immerwährend

herumdrücken! Ich ging nämlich gestern, sagen wir mal: >zufällig< durch

die Hahnpaßgasse,« erklärte er, als er meine fragende Miene bemerkte,

»da fiel mir auf, daß Wassertrum erst lange -- scheinbar unbefangen --

vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als er sich

unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und

tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heißt, ich klopfte bei Ihnen

an, und dabei überraschte ich ihn, wie er draußen an der eisernen

Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte. Natürlich gab er es

augenblicklich auf, als ich kam, und klopfte ebenfalls als Vorwand bei

Ihnen an. Sie schienen übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es

öffnete niemand.

Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich,

daß jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier

heimlich ein Absteigequartier besäße. Da Dr. Savioli schwer krank liegt,

reimte ich mir das übrige zurecht.

Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um

Wassertrum für alle Fälle zuvorzukommen«, schloß Charousek und deutete

auf ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch; »es ist alles, was ich an

Schriftstücken finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr

vorhanden. Wenigstens habe ich in sämtlichen Truhen und Schränken

gestöbert, so gut das in der Finsternis ging.«

Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben

unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften. Ich entsann mich dabei

dunkel, daß Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer Zugang

führe von unten herauf ins Atelier.

Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.

»Wo sollen wir die Briefe aufheben?«, fing Charousek wieder an. »Sie,

Herr Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto, die

Wassertrum harmlos vorkommen, -- warum gerade _ich_, das -- hat -- seine

-- besonderen -- Gründe«, -- (ich sah, daß sich seine Züge in wildem Haß

verzerrten, wie er so den letzten Satz förmlich zerbiß --) »und Sie hält

er für -- --« Charousek erstickte das Wort »verrückt« mit einem raschen,

erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen wollen. Es tat

mir nicht weh; das Gefühl, »ihr« helfen zu können, machte mich so

glückselig, daß jede Empfindlichkeit ausgelöscht war.

Wir kamen schließlich überein, das Paket bei mir zu verstecken, und

gingen hinüber in meine Kammer.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Charousek war längst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht

entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit

nagte an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun,

fühlte ich, aber was? was?

Einen Plan für den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen hätte?

Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den Trödler sowieso

nicht aus den Augen, darüber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn

ich an den Haß dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.

Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?

Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur

Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich

verstand nicht.

Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reißen am Zügel

spürt und nicht weiß, welches Kunststück er machen soll, den Willen

seines Herrn nicht erfaßt.

Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?

Jede Faser in mir verneinte.

Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der

Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um

Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne

weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer

Zeit, das war gewiß: ich empfand es zu übermächtig, als daß ich auch nur

den Versuch gemacht hätte, es wegzuleugnen.

Buchstaben zu _empfinden_, sie nicht nur mit den Augen in Büchern zu

lesen, -- einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt,

was die Instinkte ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen,

sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen, begriff

ich.

»Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht«, fiel

mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung dazu ein.

»Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel«, wiederholten mechanisch meine Lippen,

derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich

plötzlich.

»Schlüssel, Schlüssel -- --?« mein Blick fiel auf den krummen Draht in

meiner Hand, der mir vorhin zum Öffnen der Speichertüre gedient hatte,

und eine heiße Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem

Atelier führen könnte, peitschte mich auf.

Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber in Saviolis Atelier und

zog an dem Griffring der Falltüre, bis es mir schließlich gelang, die

Platte zu heben.

Zuerst nichts als Dunkelheit.

Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.

Ich stieg hinunter.

Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang, aber

es wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, --

Windungen, Ecken und Winkel, -- Gänge geradeaus, nach links und nach

rechts, Reste einer alten Holztüre, Wegteilungen und dann wieder Stufen,

Stufen, Stufen hinauf und hinab.

Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall.

Der Golem · 第 26 / 70 题