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Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt den Brief in der Hand.
Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her
umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, -- weggeweht von dem
frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam
lächelnd und verheißungsvoll -- ein Frühlingskind -- auf mich zu. Ein
Menschenherz suchte Hilfe bei mir. -- Bei mir! Wie sah meine Stube
plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte
so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute,
die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.
Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum
und Glanz.
So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen?
Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher
schlafen gelegen in mir -- verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele,
verschüttet von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle
losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.
Und ich _wußte_ so gewiß, wie ich den Brief in der Hand hielt, daß ich
würde helfen können, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen
gab mir die Sicherheit.
Wieder und wieder las ich die Stelle: »und weiter, daß Ihr lieber,
seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat -- -- -- -- -- --«; -- mir
stand der Atem still. Klang das nicht wie Verheißung: »Heute noch wirst
du mit mir im Paradiese sein?« Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe
suchend, hielt mir das Geschenk entgegen: _die Rückerinnerung, nach der
ich dürstete_, -- würde mir das Geheimnis offenbaren, den Vorhang heben
helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte!
»Ihr lieber, seliger Vater« -- --, wie fremdartig die Worte klangen, als
ich sie mir vorsagte! -- Vater! -- Einen Augenblick sah ich das müde
Gesicht eines alten Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner
Truhe auftauchen -- fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt;
-- -- dann kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines
Herzens schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.
Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? Ich blickte auf
die Uhr: Gott sei Lob, erst halb fünf.
Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt
die Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln
Winkel, die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer
von ihnen aufstiegen: »Wir lassen dich nicht, -- du bist unser, -- wir
wollen nicht, daß du dich freust -- das wäre noch schöner, Freude hier
im Haus!«
Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und
Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem
lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an
Hillels Tür.
Sollte ich eintreten?
Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders
heute, -- so, als _dürfe_ ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb
mich die Hand des Lebens vorwärts, die Stiegen hinab. -- --
Die Gasse lag weiß im Schnee.
Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich erinnerte mich
nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fühlte ich an die Brust, ob
ich den Brief auch bei mir trüge:
Es ging eine Wärme von der Stelle aus.
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Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge auf dem
Altstädter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter
voll Eiszapfen hing, hinüber über die steinerne Brücke mit ihren
Heiligenstatuen und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.
Unten schäumte der Fluß voll Haß gegen die Fundamente.
Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten Sandstein der heiligen
Luitgard mit »den Qualen der Verdammten« darin: dicht lag der Schnee auf
den Lidern der Büßenden und den Ketten an ihren betend erhobenen Händen.
Torbogen nahmen mich auf und entließen mich, Paläste zogen langsam an
mir vorüber mit geschnitzten, hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe
in bronzene Ringe bissen.
Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiß wie das Fell eines
riesigen Eisbären.
Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten
teilnahmslos zu den Wolken empor.
Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vögel war.
Wie ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so
breit, wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um
Schritt die Stadt mit ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn.
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Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang, da trat ich auf
den einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der
Engel.
Fußtapfen -- die Ränder mit Krusten aus Eis -- führten hin zum Nebentor.
Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Töne
eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tränentropfen der
Schwermut fielen sie in die Verlassenheit.
Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentüre
mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in
starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer
sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle
niedersank. Funken sprühten aus roten, gläsernen Ampeln.
Welker Duft von Wachs und Weihrauch.
Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam still in diesem
Reich der Regungslosigkeit.
Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum -- ein heimliches,
geduldiges Warten.
Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.
Da! -- Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen
gedämpft, kaum merklich an mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte.
Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt.
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Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine
zarte, schmale Damenhand hatte meinen Arm berührt.
»Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt
mir, hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen
sagen muß.«
Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit. Der Tag
hatte mich plötzlich angefaßt.
»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, daß Sie
mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht
haben.«
Ich stotterte ein paar banale Worte.
»-- -- Aber ich wußte keinen andern Ort, wo ich sicherer vor
Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns
gewiß niemand nachgegangen.«
Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.
Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang
ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll
Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete.
Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anders
erwartet.
Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der
Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein
mochte. Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie
gebannt. Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße
geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, daß sie mich dazu erwählt
hatte.
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»Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, -- wenigstens so lange
wir hier sind -- die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben,«
sprach sie gepreßt weiter, »ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche
Dinge denken -- --«
»Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben
war ich so vermessen, daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine
Mitmenschen«, war das einzige, was ich hervorbrachte.
»Ich danke Ihnen, Meister Pernath«, sagte sie warm und schlicht. »Und
jetzt hören Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung
nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können.« -- Ich fühlte, wie
eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme zittern. -- »Damals
-- -- im Atelier -- -- -- damals brach die schreckliche Gewißheit über
mich herein, daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt
hat. -- Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß, wohin ich auch
immer ging, -- ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit -- -- -- mit
-- mit Dr. Savioli, -- stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses
Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen
verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen
bemerkbar, was er vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die
Angst: wann wirft er mir die Schlinge um den Hals!
Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein
armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte --
schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung
oder dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen weiß, wenn
der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli hält mir etwas geheim,
um mich zu beruhigen, -- irgend etwas Furchtbares, was ihm oder mir das
Leben kosten kann.
Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: daß ihn
_der Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!_ --
Ich _weiß_ es, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: es geht etwas
vor, das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange.
-- Was hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn
nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht länger mit an; ich muß
etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt.«
Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie ließ mich
nicht zu Ende sprechen.
»Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwürgen droht,
immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, -- ich
kann mich nicht mehr mit ihm verständigen -- darf ihn nicht besuchen,
wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe zu ihm
entdeckt wird --; er liegt in Delirien, und das einzige, was ich
erkundigen konnte, ist, daß er sich im Fieber von einem Scheusal
verfolgt wähnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: --
Aaron Wassertrum!
Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher -- können Sie
sich das vorstellen? -- wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer
Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften
Würgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen.
Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu
Dr. Savioli bekenne, alles von mir würfe, wenn ich ihn doch so liebe --:
alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber --« sie schrie es
förmlich heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, -- »ich _kann_
nicht! -- Ich hab' doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Mädel!
Ich _kann_ doch mein Kind nicht hergeben! -- Glauben Sie denn, mein Mann
ließe es mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath« -- sie riß im
Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnüren und
Edelsteinen -- »und bringen Sie es dem Verbrecher; -- ich weiß, er ist
habsüchtig -- er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind
soll er mir lassen. -- Nicht wahr, er wird schweigen? -- So reden Sie
doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen
wollen!«
Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens so weit zu
beruhigen, daß sie sich auf eine Bank niederließ.
Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre,
zusammenhanglose Sätze.
Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ich selbst kaum verstand,
was mein Mund redete, -- Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen,
kaum daß sie geboren waren.
Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in
der Wandnische. Ich redete und redete. Allmählich verwandelten sich die
Züge der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit
hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten
Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor.
Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch wieder da. Meine
Pulse schlugen zu laut.
Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte
still.
Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als
ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig
erfüllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.
»Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe,
Meister Pernath«, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. »Es
waren ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben -- und die ich nie
vergessen konnte die vielen Jahre hindurch --«
Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
»-- -- Sie nahmen Abschied von mir -- ich weiß nicht mehr, weshalb und
wieso, ich war ja noch ein Kind, -- und Sie sagten so freundlich und
doch so traurig:
>Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je
im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr,
daß _ich_ es dann sein darf, der Ihnen hilft.< -- Ich habe mich damals
abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen,
damit Sie meine Tränen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen
das rote Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals
trug, aber ich schämte mich, weil das gar so lächerlich gewesen wäre.«
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_Erinnerung!_
-- Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer
wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich --
unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid und
ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von alten Ulmen umsäumt.
Deutlich sah ich es wieder vor mir.
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Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie
fortfuhr: »Ich weiß ja, daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des
Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und -- und ich
danke Ihnen dafür.«
Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden
Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurück.
Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor
meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem
Bewußtsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen
herübergetragen: Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte
für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der
Balsam für meinen wunden Geist geworden.
Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte
die Tränen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und
stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen
sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.
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Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der
Hufe.
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Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.
Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus
geschlichteten Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und
silbernen Nüssen und vom kommenden Christfest.
Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten bei Kerzenglanz die
alten Bettelweiber mit den grauen Kopftüchern der Muttergottes ihren
Rosenkranz.
Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des
Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete
grell, von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bühne eines
Marionettentheaters.
Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und
daran an der Schnur ein Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem
Schimmel über die Bretter.
In Reihen fest aneinandergedrängt starrten die Kleinen -- die Pelzmützen
tief über die Ohren gezogen -- mit offenem Munde hinauf und lauschten
gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund
Zwakh da drinnen im Kasten sprach:
»Ganz vorne schritt ein Hampelmann,
Der Kerl war mager wie ein Dichter
Und hatte bunte Lappen an
Und torkelte und schnitt Gesichter.«
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Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mündete.
Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der
Finsternis vor einem Anschlagszettel.
Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich konnte einige Zeilen
bruchstückweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar
Worte auf:
_Vermißt!_