Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet, ich wußte nicht
warum.
Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer
von mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe,
auf mich los gleich einem Pfeil.
Schnell male ich mir das scharfe, süßlich grinsende Profil der roten
Rosina aus, und es gelingt mir auf diese Weise dem Pfeil auszuweichen,
der sich sogleich in der Finsternis verliert.
Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch stärker als die
stumpfsinnig plappernde Stimme; und gar, wo ich jetzt gleich wieder in
meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse geborgen sein werde, kann ich ganz
ruhig sein.
I
Wenn ich mich nicht getäuscht habe in der Empfindung, daß jemand in
einem gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe
heraufkommt in der Absicht, mich zu besuchen, so muß er jetzt ungefähr
auf dem letzten Stiegenabsatz stehen.
Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine
Wohnung hat, und kommt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur
des oberen Stockwerkes, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist.
Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, muß er,
mühsam im Finstern buchstabierend, meinen Namen auf dem Türschild lesen.
Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum
Eingang.
Da öffnete sich die Türe, und er trat ein.
Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm weder den Hut ab,
noch sagte er ein Wort der Begrüßung.
So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fühlte ich, und ich fand es
ganz selbstverständlich, daß er so und nicht anders handelte.
Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus.
Dann blätterte er lange darin herum.
Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von
Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt.
Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete darauf.
Das Kapitel hieß »Ibbur«, »die Seelenschwängerung«, entzifferte ich.
Das große, in Gold und Rot ausgeführte Initial »I« nahm fast die Hälfte
der ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich überflog, und war am Rande
verletzt.
Ich sollte es ausbessern.
Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in
alten Büchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dünnen Goldes zu
bestehen, die im Mittelpunkte zusammengelötet waren und mit den Enden um
die Ränder des Pergaments griffen.
Also mußte, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten
sein?
Wenn das der Fall war, mußte auf der nächsten Seite das »I« verkehrt
stehen?
Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt.
Unwillkürlich las ich auch diese Seite durch und die gegenüberliegende.
Und ich las weiter und weiter.
Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel
deutlicher. Und es rührte mein Herz an wie eine Frage.
Worte strömten aus einem unsichtbaren Munde, wurden lebendig und kamen
auf mich zu. Sie drehten sich und wandten sich vor mir wie bunt
gekleidete Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie
schillernder Dunst in der Luft und gaben der nächsten Raum. Jede hoffte
eine kleine Weile, daß ich sie erwählen würde und auf den Anblick der
Kommenden verzichten.
Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in
schimmernden Gewändern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen.
Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider
gefärbt, -- mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit
häßlicher Schminke verdeckt.
Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, und mein Blick glitt
über lange Züge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewöhnlich und
ausdrucksarm, daß es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen.
Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und
riesenhaft wie ein Erzkoloß.
Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich nieder zu
mir.
Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper, und sie deutete stumm
auf den Puls ihrer linken Hand.
Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte, es war das Leben einer
ganzen Welt in ihr.
Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran.
Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von weitem kommen,
und immer näher brauste der Zug.
Jetzt hörte ich den hallenden Gesang der Verzückten dicht vor mir, und
meine Augen suchten das verschlungene Paar.
Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und saß, halb
männlich, halb weiblich, -- ein Hermaphrodit -- auf einem Throne von
Perlmutter.
Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz;
darein hatte der Wurm der Zerstörung geheimnisvolle Runen genagt.
In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein getrappelt eine Herde kleiner,
blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem
Gefolge führte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten.
Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Munde
strömten, etliche, die kamen aus Gräbern, -- Tücher vor dem Gesicht.
Und blieben sie vor mir stehen, ließen sie plötzlich ihre Hüllen fallen
und starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, daß ein eisiger
Schreck mir ins Hirn fuhr und sich mein Blut zurückstaute wie ein Strom,
in den Felsblöcke vom Himmel herniedergefallen sind -- plötzlich und
mitten in sein Bette. --
Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht, sie wandte
es ab, und sie trug einen Mantel aus fließenden Tränen. --
Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten sich nicht um mich.
Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir und kehrt zurück.
Pflanzt sich vor mich hin und blickt in mein Gesicht hinein, als sei es
ein Spiegel.
Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme, bald
zögernd, bald blitzschnell, daß sich meiner ein gespenstiger Trieb
bemächtigt ihn nachzuahmen, mit den Augen zu zwinkern wie er, mit den
Achseln zu zucken und die Mundwinkel zu verziehen.
Da stoßen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten zur Seite, die alle vor
meine Blicke wollen.
Doch keines der Wesen hat Bestand.
Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, die einzelnen
Töne nur einer Melodie, die dem unsichtbaren Munde entströmen.
Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine
Stimme, die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich
mich auch abmühte. Die mich quälte mit brennenden, unverständlichen
Fragen.
Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und
ohne Widerhall.
Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos, wie
jegliches Ding einen großen Schatten hat und viele kleine Schatten, doch
diese Stimme hatte keine Echos mehr, -- lange, lange schon sind sie wohl
verweht und verklungen. -- -- --
Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und hielt es noch in den
Händen, da war mir, als hätte ich suchend in meinem Gehirn geblättert
und nicht in einem Buche! -- --
Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich lebte, in mir
getragen, nur verdeckt war es gewesen und vergessen und hatte sich vor
meinem Denken versteckt gehalten bis auf den heutigen Tag. --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Ich blickte auf.
Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte?
Fortgegangen!?
Wird er es holen, wenn es fertig ist?
Oder sollte ich es ihm bringen?
Aber ich konnte mich nicht erinnern, daß er gesagt hätte, wo er wohne.
Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen, doch es
mißlang.
Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er jung? -- Und welche
Farben hatten sein Haar und sein Bart gehabt?
Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. -- Alle Bilder, die
ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste
zusammenzusetzen vermocht.
Ich schloß die Augen und preßte die Hand auf die Lider, um einen
winzigen Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen.
Nichts, nichts.
Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tür, wie
ich es getan -- vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt
biegt er um die Ecke, jetzt schreitet er über den Ziegelsteinboden,
liest jetzt draußen mein Türschild »Athanasius Pernath« und jetzt tritt
er herein.
Vergebens.
Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen,
wollte in mir erwachen.
Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wünschte mir im Geiste die
Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte.
Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob sie entblößt gewesen,
ob jung oder runzlig, mit Ringen geschmückt oder nicht, konnte ich mich
entsinnen.
Da kam mir ein seltsamer Einfall.
Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen darf.
Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den
Gang und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zurück in mein
Zimmer.
Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und wie ich die
Tür öffnete, da sah ich, daß meine Kammer voll Dämmerung lag. War es
denn nicht heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?
Wie lange mußte ich da gegrübelt haben, daß ich nicht bemerkte, wie spät
es ist!
Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in Gang und Mienen und
konnte mich an sie doch gar nicht erinnern. --
Wie sollte es mir auch glücken, ihn nachzuahmen, wenn ich keinen
Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte.
Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte.
Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten sich plötzlich, ohne
es dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht
wünschte, und nicht beabsichtigte.
Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehörten!
Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, wie ich
ein paar Schritte im Zimmer machte.
Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im Begriffe ist, vornüber
zu fallen, sagte ich mir.
Ja, ja, ja, so war sein Gang!
Ganz deutlich wußte ich: so ist er.
Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden
Backenknochen und schaute aus schrägstehenden Augen.
Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen.
Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es
betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in
die Tasche und holte ein Buch hervor.