Eine Woche war seit jenem Tage vergangen, aber das Spielglück, das sich
bei Hradscheck einstellen sollte, blieb aus und das Lottoglück auch.
Trotz alledem gab er das Warten nicht auf, und da gerade
Lotterie-Ziehzeit war, kam das Viertelloos gar nicht mehr von seinem
Pult. Es stand hier auf einem Ständerchen, ganz nach Art eines Fetisch,
zu dem er nicht müde wurde, respektvoll und beinah mit Andacht
aufzublicken. Alle Morgen sah er in der Zeitung die Gewinn-Nummern
durch, aber die seine fand er nicht, trotzdem sie unter ihren fünf
Zahlen drei Sieben hatte und mit sieben dividirt glatt aufging. Seine
Frau, die wohl wahrnahm, daß er litt, sprach ihm nach ihrer Art zu,
nüchtern aber nicht unfreundlich, und drang in ihn, »daß er den
Lotteriezettel wenigstens vom Ständer herunternehmen möge, das verdrösse
den Himmel nur und wer dergleichen thäte, kriege statt Rettung und Hilfe
den Teufel und seine Sippschaft ins Haus. Das Loos müsse weg. Wenn er
wirklich beten wolle, so habe sie was Besseres für ihn, ein Marienbild,
das der Bischof von Hildesheim geweiht und ihr bei der Firmelung
geschenkt habe.«
Davon wollte nun aber der beständig zwischen Aber- und Unglauben hin und
her schwankende Hradscheck nichts wissen. »Geh mir doch mit dem Bild,
Ursel. Und wenn ich auch wollte, denke nur, welche Bescheerung ich
hätte, wenn's Einer merkte. Die Bauern würden lachen von einem Dorfende
bis ans andere, selbst Orth und Igel, die sonst keine Miene verziehen.
Und mit der Pastor-Freundschaft wär's auch vorbei. Daß er zu Dir hält,
ist doch blos, weil er Dir den katholischen Unsinn ausgetrieben und
einen Platz im Himmel, ja vielleicht an seiner Seite gewonnen hat. Denn
mit meinem Anspruch auf Himmel ist's nicht weit her.«
Und so blieb denn das Loos auf dem Ständer, und erst als die Ziehung
vorüber war, zerriß es Hradscheck und streute die Schnitzel in den Wind.
Er war aber auch jetzt noch, all seinem spöttisch-überlegenen Gerede zum
Trotz, so schwach und abergläubisch, daß er den Schnitzeln in ihrem
Fluge nachsah, und als er wahrnahm, daß einige die Straße hinauf bis an
die Kirche geweht wurden und dort erst niederfielen, war er in seinem
Gemüthe beruhigt und sagte: »Das bringt Glück.«
Zugleich hing er wieder allerlei Gedanken und Vorstellungen nach, wie
sie seiner Phantasie jetzt häufiger kamen. Aber er hatte noch Kraft
genug, das Netz, das ihm diese Gedanken und Vorstellungen überwerfen
wollten, wieder zu zerreißen.
»Es geht nicht.«
Und als im selben Augenblick das Bild des Reisenden, dessen Anmeldung
er jetzt täglich erwarten mußte, vor seine Seele trat, trat er
erschreckt zurück und wiederholte nur so vor sich hin: »Es geht nicht.«
* * *
So war Mitte Oktober heran gekommen.
Im Laden gab's viel zu thun, aber mitunter war doch ruhige Zeit, und
dann ging Hradscheck abwechselnd in den Hof, um Holz zu spellen, oder in
den Garten, um eine gute Sorte Tischkartoffeln aus der Erde zu nehmen.
Denn er war ein Feinschmecker. Als aber die Kartoffeln heraus waren,
fing er an, den schmalen Streifen Land, darauf sie gestanden,
umzugraben. Überhaupt wurde Graben und Gartenarbeit mehr und mehr seine
Lust, und die mit dem Spaten in der Hand verbrachten Stunden waren
eigentlich seine glücklichsten.
Und so beim Graben war er auch heute wieder, als die Jeschke, wie
gewöhnlich, an die die beiden Gärten verbindende Heckenthür kam und ihm
zusah, trotzdem es noch früh am Tage war.
»De Tüffeln sinn joa nu rut, Hradscheck.«
»Ja, Mutter Jeschke, seit vorgestern. Und war diesmal 'ne wahre Freude;
mitunter zwanzig an einem Busch und alle groß und gesund.«
»Joa, joa, wenn een's Glück hebben sall. Na, Se hebben't, Hradscheck. Se
hebben Glück bi de Tüffeln un bi de Malvesieren ook. I, Se möten joa
woll 'n Scheffel 'runnerpflückt hebb'n.«
»O mehr, Mutter Jeschke, viel mehr.«
»Na, bereden Se't nich, Hradscheck. Nei, nei. Man sall nix bereden. Ook
sien Glück nich.«
Und damit ließ sie den Nachbar stehn und humpelte wieder auf ihr Haus
zu.
Hradscheck aber sah ihr ärgerlich und verlegen nach. Und er hatte wohl
Grund dazu. War doch die Jeschke, so freundlich und zuthulich sie that,
eine schlimme Nachbarschaft und quacksalberte nicht blos, sondern machte
auch sympathetische Kuren, besprach Blut und wußte, wer sterben würde.
Sie sah dann die Nacht vorher einen Sarg vor dem Sterbehause stehn. Und
es hieß auch, »sie wisse, wie man sich unsichtbar machen könne«, was,
als Hradscheck sie seinerzeit danach gefragt hatte, halb von ihr
bestritten und dann halb auch wieder zugestanden war. »Sie wisse es
nicht; aber _das_ wisse sie, daß frisch ausgelassenes Lamm-Talg gut sei,
versteht sich von einem ungeborenen Lamm und als Licht über einen rothen
Wollfaden gezogen; am besten aber sei Farrnkrautsamen in die Schuhe oder
Stiefel geschüttet.« Und dann hatte sie herzlich gelacht, worin
Hradscheck natürlich einstimmte. Trotz dieses Lachens aber war ihm jedes
Wort, als ob es ein Evangelium wär', in Erinnerung geblieben, vor allem
das »ungeborne Lamm« und der »Farrnkrautsamen«. Er glaubte nichts davon
und auch wieder alles, und wenn er, seiner sonstigen Entschlossenheit
unerachtet, schon vorher eine Furcht vor der alten Hexe gehabt hatte, so
nach dem Gespräch über das sich Unsichtbarmachen noch viel mehr.
* * *
Und solche Furcht beschlich ihn auch heute wieder, als er sie, nach dem
Morgengeplauder über die »Tüffeln« und die »Malvesieren«, in ihrem Hause
verschwinden sah. Er wiederholte sich jedes ihrer Worte: »Wenn een's
Glück hebben sall. Na, Se hebben't joa, Hradscheck. Awers bereden Se't
nich.« Ja, so waren ihre Worte gewesen. Und was war mit dem allem
gemeint? Was sollte dies ewige Reden von Glück und wieder Glück? War es
Neid oder wußte sie's besser? Hatte sie doch vielleicht mit ihrem
Hokuspokus ihm in die Karten gekuckt?
Während er noch so sann, nahm er den Spaten wieder zur Hand und begann
rüstig weiter zu graben. Er warf dabei ziemlich viel Erde heraus und war
keine fünf Schritt mehr von dem alten Birnbaum, auf den der
Ackerstreifen zulief, entfernt, als er auf etwas stieß, das unter dem
Schnitt des Eisens zerbrach und augenscheinlich weder Wurzel noch Stein
war. Er grub also vorsichtig weiter und sah alsbald, daß er auf Arm und
Schulter eines hier verscharrten Todten gestoßen war. Auch Zeugreste
kamen zu Tage, zerschlissen und gebräunt, aber immer noch farbig und
wohlerhalten genug, um erkennen zu lassen, daß es ein Soldat gewesen
sein müsse.
Wie kam der hierher?
Hradscheck stützte sich auf die Krücke seines Grabscheits und überlegte.
»Soll ich es zur Anzeige bringen? Nein. Es macht blos Geklätsch. Und
Keiner mag einkehren, wo man einen Todten unterm Birnbaum gefunden hat.
Also besser nicht. Er kann hier weiter liegen.«
Und damit warf er den Armknochen, den er ausgegraben, in die Grube
zurück und schüttete diese wieder zu. Während dieses Zuschüttens aber
hing er all jenen Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seit Wochen
ihm immer häufiger kamen. Kamen und gingen. Heut aber gingen sie nicht,
sondern wurden Pläne, die Besitz von ihm nahmen und ihn, ihm selbst zum
Trotz, an die Stelle bannten, auf der er stand. Was er hier zu thun
hatte, war gethan, es gab nichts mehr zu graben und zu schütten, aber
immer noch hielt er das Grabscheit in der Hand und sah sich um, als ob
er bei böser That ertappt worden wäre. Und fast war es so. Denn
unheimlich verzerrte Gestalten (und eine davon er selbst) umdrängten ihn
so faßbar und leibhaftig, daß er sich wohl fragen durfte, ob nicht
Andere da wären, die diese Gestalten auch sähen. Und er lugte wirklich
nach der Zaunstelle hinüber. Gott sei Dank, die Jeschke war nicht da.
Aber freilich, wenn sie sich unsichtbar machen und sogar Todte sehen
konnte, Todte, die noch nicht todt waren, warum sollte sie nicht die
Gestalten sehn, die jetzt vor seiner Seele standen? Ein Grauen überlief
ihn, nicht vor der That, nein, aber bei dem Gedanken, daß das, was erst
That werden sollte, vielleicht in diesem Augenblicke schon erkannt und
verrathen war. Er zitterte, bis er, sich plötzlich aufraffend, den
Spaten wieder in den Boden stieß.
»Unsinn. Ein dummes altes Weib, das gerade klug genug ist, noch Dümmere
hinter's Licht zu führen. Aber ich will mich ihrer schon wehren, ihrer
und ihrer ganzen Todtenkuckerei. Was ist es denn? Nichts. Sie sieht
einen Sarg an der Thür stehn, und dann stirbt Einer. Ja, sie sagt es,
aber sagt es immer erst, wenn Einer todt ist oder keinen Athem mehr hat
oder das Wasser ihm schon an's Herz stößt. Ja, dann kann ich auch
prophezeihn. Alte Hexe, Du sollst mir nicht weiter Sorge machen. Aber
Ursel! Wie bring' ich's der bei? Da liegt der Stein. Und wissen muß
sie's. Es müssen zwei sein ...«
Und er schwieg. Bald aber fuhr er entschlossen fort: »Ah, bah, es wird
sich finden, weil sich's finden muß. Noth kennt kein Gebot. Und was
sagte sie neulich, als ich das Gespräch mit ihr hatte? 'Nur nicht arm
sein ... Armuth ist das Schlimmste.' Daran halt' ich sie; damit zwing'
ich sie. Sie _muß_ wollen.«
Und so sprechend, ging er, das Grabscheit gewehrüber nehmend, wieder auf
das Haus zu.