N. S.

Eltern, die uns ihre Kinder nicht anvertrauen wollten, aus Furcht, sie

in solcher Anstalt, auf unvermeidliche Weise, verderben zu sehen, würden

dadurch an den Tag legen, daß sie ganz übertriebene Begriffe von der

Macht der Erziehung haben. Die Welt, die ganze Masse von Objecten, die

auf die Sinne wirken, hält und regiert, an tausend und wieder tausend

Fäden, das junge, die Erde begrüßende, Kind. Von diesen Fäden, ihm um

die Seele gelegt, ist allerdings die Erziehung Einer, und sogar der

wichtigste und stärkste; verglichen aber mit der ganzen Totalität, mit

der ganzen Zusammenfassung der übrigen, verhält er sich wie ein

Zwirnsfaden zu einem Ankertau, eher drüber als drunter.

Und in der That, wie mißlich würde es mit der Sittlichkeit aussehen,

wenn sie kein tieferes Fundament hätte, als das sogenannte gute Beispiel

eines Vaters oder einer Mutter, und die platten Ermahnungen eines

Hofmeisters oder einer französischen Mamsell. -- Aber das Kind ist kein

Wachs, das sich in eines Menschen Händen, zu einer beliebigen Gestalt

kneten läßt: es lebt, es ist frei, es trägt ein unabhängiges und

eigenthümliches Vermögen der Entwickelung, und das Muster aller

innerlichen Gestaltung, in sich.

Ja, gesetzt, eine Mutter nähme sich vor, ein Kind, das sie an ihrer

Brust trägt, von Grund aus zu verderben: so würde sich ihr auf der Welt

dazu kein unfehlbares Mittel darbieten, und, wenn das Kind nur sonst von

gewöhnlichen, rechtschaffenen Anlagen ist, das Unternehmen, vielleicht

auf die sonderbarste und überraschendste Art, daran scheitern.

Was sollte auch, in der That, aus der Welt werden, wenn den Eltern ein

unfehlbares Vermögen beiwohnte, ihre Kinder nach Grundsätzen, zu welchen

sie die Muster sind, zu erziehen: da die Menschheit, wie bekannt,

fortschreiten soll, und es mithin, selbst dann, wenn an ihnen nichts

auszusetzen wäre, nicht genug ist, daß die Kinder werden, wie sie;

sondern besser.

Wenn demnach die uralte Erziehung, die uns die Väter, in ihrer Einfalt,

überliefert haben, an den Nagel gehängt werden soll: so ist kein Grund,

warum unser Institut nicht, mit allen andern, die die pädagogische

Erfindung, in unsern Tagen, auf die Bahn gebracht hat, in die Schranken

treten soll. In unsrer Schule wird, wie in diesen, gegen je Einen, der

darin zu Grunde geht, sich ein andrer finden, in dem sich Tugend und

Sittlichkeit auf gar robuste und tüchtige Art entwickelt; es wird Alles

in der Welt bleiben, wie es ist, und was die Erfahrung von Pestalozzi

und Zeller und allen andern Virtuosen der neuesten Erziehungskunst, und

ihren Anstalten sagt, das wird sie auch von uns und der unsrigen sagen:

»Hilft es nichts, so schadet es nichts.«

Rechtenfleck im Holsteinischen,

den 15. Oct. 1810.

_C. J. Levanus_,

Conrector.

2. Nützliche Erfindungen. Entwurf einer Bombenpost.

(12. October.)

Man hat, in diesen Tagen, zur Beförderung des Verkehrs, innerhalb der

Gränzen der vier Welttheile, einen elektrischen Telegraphen erfunden;

einen Telegraphen, der mit der Schnelligkeit des Gedankens, ich will

sagen, in kürzerer Zeit, als irgend ein chronometrisches Instrument

angeben kann, vermittelst des Elektrophors und des Metalldraths,

Nachrichten mittheilt, dergestalt, daß wenn jemand, falls nur sonst die

Vorrichtung dazu getroffen wäre, einen guten Freund, den er unter den

Antipoden hätte, fragen wollte: wie geht's dir? derselbe, ehe man noch

eine Hand umkehrt, ohngefähr so, als ob er in einem und demselben Zimmer

stünde, antworten könnte: recht gut. So gern wir dem Erfinder dieser

Post, die, auf recht eigentliche Weise, auf Flügeln des Blitzes reitet,

die Krone des Verdienstes zugestehn, so hat doch auch diese

Fernschreibekunst noch die Unvollkommenheit, daß sie nur, dem Interesse

des Kaufmanns wenig ersprießlich, zur Versendung ganz kurzer und

lakonischer Nachrichten, nicht aber zur Uebermachung von Briefen,

Berichten, Beilagen und Packeten taugt. Demnach schlagen wir, um auch

diese Lücke zu erfüllen, zur Beschleunigung und Vervielfachung der

Handels-Communikationen, wenigstens innerhalb der Gränzen der

cultivirten Welt, eine _Wurf-_ oder _Bombenpost_ vor; ein Institut, das

sich auf zweckmäßig, innerhalb des Raums einer Schußweite, angelegten

Artillerie-Stationen, aus Mörsern oder Haubitzen, hohle, statt des

Pulvers, mit Briefen und Paketen angefüllte Kugeln, die man ohne alle

Schwierigkeit, mit den Augen verfolgen, und wo sie hinfallen, falls es

ein Morastgrund ist, wieder auffinden kann, zuwürfe; dergestalt, daß die

Kugel, auf jeder Station zuvörderst eröffnet, die respektiven Briefe für

jeden Ort herausgenommen, die neuen hineingelegt, das Ganze wieder

verschlossen, in einen neuen Mörser geladen, und zur nächsten Station

weiter spedirt werden könnte. Den Prospectus des Ganzen und die

Beschreibung und Auseinandersetzung der Anlagen und Kosten behalten wir

einer umständlicheren und weitläufigeren Abhandlung bevor. Da man auf

diese Weise, wie eine kurze mathematische Berechnung lehrt, binnen Zeit

eines halben Tages, gegen geringe Kosten von Berlin nach Stettin oder

Breslau würde schreiben oder respondiren können, und mithin, verglichen

mit unseren reitenden Posten, ein zehnfacher Zeitgewinn entsteht, oder

es eben soviel ist, als ob ein Zauberstab diese Orte der Stadt Berlin

zehnmal näher gerückt hätte: so glauben wir für das bürgerliche sowohl

als handeltreibende Publicum, eine Erfindung von dem größesten und

entscheidendsten Gewicht, geschickt, den Verkehr auf den höchsten Gipfel

der Vollkommenheit zu treiben, an den Tag gelegt zu haben.

Berlin d. 10. Oct. 1810.

^rmz.^

3. Schreiben aus Berlin.

(15. October.)

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 20 / 39 题