1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund.[34]

Auf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. Ich will ein

Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie Sie zu glauben scheinen,

meine politischen Grundsätze verändert hat. Lassen Sie uns wieder einmal

nach dem Beispiel des schönen Sommers von 1806 ein patriotisches

Convivium veranstalten (bei Sala schlag ich vor,[35] er hat frische

Austern bekommen und sein Burgunder ist vom Beßten), so sollen Sie

sehen, daß ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhänger der Deutschen

bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe es, ist wider mich. Der

König hat mich nach dem Frieden bei Tilsit auf die Verwendung des

Reichsmarschalls Herzogs von Auerstädt,[36] dem ich einige Dienste zu

leisten Gelegenheit [hatte],[37] zum Obristen avancirt. Man hat mir das

Kreutz der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem ich,

wie Sie selbst einsehen, öffentlich zu erscheinen, nicht unterlassen

kann; ich würde den König, dem ich diene, auf eine zwecklose Weise

dadurch compromittiren.

Aber was folgt daraus? Meinen Sie, daß diese Armseeligkeiten mich

bestimmen werden, die große Sache, für die die Deutschen fechten, aus

den Augen zu verlieren? Nimmermehr! Lassen Sie nur den Erzherzog Carl,

der jetzt ins Reich vorgerückt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er

es von ihnen verlangt hat, ^en masse^ aufstehen, so sollen Sie sehen,

wie ich mich alsdann entscheiden werde.[38]

Muß man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen der Oesterreicher

übergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick nützlich zu sein? Mit

nichten! Ein Deutscher, der es redlich meint, kann seinen Landsleuten in

dem Lager der Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon,

die wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition an

Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend der Einquartirung

mildern?

Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w.

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 6 / 39 题