III.

Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit Ausnahme der

dramatischen, allen Stilgattungen Kleist's an; es sind Erzählungen in

Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite

als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage

seiner Satire ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste

war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des tragischen

Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam

wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf

dem Gebiet der Erzählung so trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die

Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann,

ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich

eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persönliche

Beweggründe hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen

gegenüber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire

hinleiteten, so drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum

Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur, zu Schutz

und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind

bitter und heftig. Nach der ungünstigen Aufnahme der Penthesilea und des

zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill

sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein »ungeheurer Witz« von der

Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzählt hat. Um

wie viel tödtlicher mußten seine Pfeile sein, wenn der Zorn für das

Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den

Feind seines Volkes schleuderte.

Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen

Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm.

Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er

bestand gewissermaßen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener

hervor, oder sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er

mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel

fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden

Kräfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem

Gegensatze fühlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd

mied, verachtete, haßte und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn

zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die

abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich

auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend;

für den einen drängte sich ihm der Verstand als Führer auf, während

Herz, Gefühl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte

eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den

Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig

würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne dringende

Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch

unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers

entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine

Stelle erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal zu

leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das

Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt,

ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen

Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wünschen und ist eine Puppe

am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei

weitem wünschenswerther wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft als

Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen

Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheißt? Aber

_die_ Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie

spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses

ungeachtet verfällt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in

gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht

vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt.

Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er

stets auf der Oberfläche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er

in seinem Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll

Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich.

Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem

Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheißen,

und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie

erweckt, es scheint ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein

Eigenthum zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles Mühen und

Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern und allem was Wissenschaft

heißt, möge man aufgeklärt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel

verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm

geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner

armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich

selbst vernichtet: »Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche«, ruft er

aus, »ist schön, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst

begreift. O, der Verstand, der unglückliche Verstand! Studiere nicht zu

viel, folge dem Gefühl!« Hatte er doch schon früher bei seinen logischen

Studien geseufzt: »nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe, nicht

im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein mathematischer

Lehrsatz bewiesen werden.«[23]

Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß macht und über alle

Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn »es

liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der

Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt.« Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses

gefährliche Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth nicht zu

berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem

Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht weiß, was recht ist?

Wird sich für ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und

Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt

er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, »deren Verstand durch

einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die

alte geheimnißvolle Kraft der Herzen verachten läßt.« Umsonst sagt er

sich und seinen Lebensplänen zum Trotz: »die Ueberlegung findet ihren

Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That«; die Menschen machen

einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das Gefühl für künftige

Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der

augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat

Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer

wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt

nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder

an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden

Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift über sein

Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als

klägliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus?

Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den

Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und

die Dinge zu begreifen. Und an dieses räthselhafte Ding, »das wir

besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht

wohin, ob wir darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist,

wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und

tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und

unergründlich«, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch

Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mögen

thun, was wir wollen, wir thun recht! Fürwahr jene orakelhaften Verse,

die in Thun über der Hausthüre zu lesen waren, und die Kleist so liebte:

Ich komme, ich weiß nicht von wo,

Ich bin, ich weiß nicht was,

Ich fahre, ich weiß nicht wohin;

waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers:

Mich wundert, daß ich so fröhlich bin!

paßte auf ihn nicht.[24]

In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat,

vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen

hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl

und Phantasie, so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so

mächtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt, wenn ein

Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen Gemüths hervorgehe,

dann müsse es auch der ganzen Menschheit angehören. Vergessene oder

ungeahnte Kräfte regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen

beginnt die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als

Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein höchstes

Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter

den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu den Dunkelheiten in Kleist's

Leben, daß die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht

mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor

seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke

zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle, versenkt er sich in

seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in

seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein

dichterisches Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer.

Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu erreichen, der

Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens

für den Buchstaben geben möchte, entflieht die Begeisterung, der

Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mängel aufdeckt,

flüstert er ihm hämisch und selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm

doch nicht gegeben. Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen, das

ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd

zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den höchsten Ruhm

Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als

jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht,

sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus

beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein

Denkmal gewiß![25]

Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben; schon der bloße

Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der

Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will

er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will

sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich bald

als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; überall tritt

seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer

Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft.

Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, überall Stück-

und Flickwerk gefunden, während seiner Seele das Ganze vorschwebt;

abhängig, bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten,

Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt er, der

strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er

das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint.

Auch das ist ein Räthsel in Kleist's Leben, wann er sich dieser dunkeln

Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war,

zuerst überlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum

eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder

rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon

entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus

realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglück von

1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die

Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im

Kohlhaas, milder im Käthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im

Mai 1808 erschienen, und in voller Stärke in den Beiträgen zu den

Abendblättern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im

Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle,

beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer scheinen sich die

Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter

Verstand und verzehrendes Gefühl, trockner Schematismus und glühende

Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth

und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her.

Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die

Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben

sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen tüchtigen Menschen ausstatten

können, sie alle in diesem Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer,

der für sein Glück zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur

allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: »Die Hölle gab mir

meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder

gar keins!« So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht

verstehen, nicht verstehen können, denn er versteht sich selber

nicht![26] Hätte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf,

eine große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit seines

Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht;

hätte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei

es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewiß viel höhern

Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet

worden wäre!

Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen

unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnißvolle Wandelung,

wie Menschen und Verhältnisse in räthselhafter Verkettung ihre

ursprüngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht

werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht

wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit,

führt der Frevel zur Versöhnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben

eines einfältigen Mädchens gehen blutsverwandte Familien in den

Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea's heiße Liebe verzerrt sich zum

todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl zum

Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen Menschen und

Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt

ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kämpfer für

Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling

wird der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen erwärmt

hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der

Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur sühnenden Liebe; im

Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem

plötzlichen Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre

Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des Dankgebetes

für die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der

heiligen Cäcilie werden die Sünder zu Boden geschmettert, als sie die

Hände zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der

Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3)

eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe

Ansicht in dem »allerneuesten Erziehungsplan« (I, 5, 1), der eine Schule

der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlägt. Milder sind

Käthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der

ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mädchens

unterworfen, hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld,

um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige Wendung

erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten

Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die

Versöhnung. Aber überwiegend sind es Nachtstücke, fern von allem

Idealismus der classischen Periode.

Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu Goethe und

Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicität setzte er mit kühner Hand den

schreienden Zwiespalt, das Grausige in seiner Nacktheit entgegen, den

allgemeinen idealen Gestalten derb realistische, dem Antiken das

volksthümlich Deutsche, Provinzielle, unbekümmert ob seine Dissonanzen

das verwöhnte Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem

classisch gebildeten Sinne brutal schien. Goethe's und Schiller's

Dichtung war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch

vielseitig; Kleist hat seine Räthsel in deutsche Stoffe und Charaktere

hineingelegt, er war volksthümlich und einseitig. So griff er als

vaterländischer Dichter in den großen Kampf der Befreiung ein.

Tiefer Schmerz erfaßte ihn, als er den ungeheuern Sturz aller

Verhältnisse überschaute. Schon im Herbst 1806 rief er seiner Schwester

zu: »Es wäre schrecklich, wenn dieser Wüthrich sein Reich gründete! Nur

ein sehr kleiner Theil der Menschen begreift, was für ein Verderben es

ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker

der Römer.« In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. Er

selbst fällt in die Hand des Feindes, mit jedem Siege wächst das

Verderben, er zweifelt, ob in hundert Jahren noch Jemand im deutschen

Norden deutsch sprechen werde.[27] In dem einen Leiden des Vaterlandes

geht jetzt alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem

Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen Menschen und

Verhältnissen auf die großen und größten, auf den Dämon der Zeit, auf

Napoleon den Korsenkaiser. In der erstarkenden Liebe zum alten

Vaterlande sammelten sich seine Kräfte noch einmal. Sie war nicht blos

ein verneinender Haß gegen das Fremde, für ihn ward sie eine Läuterung,

aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei großen

vaterländischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder ein Ziel gefunden; es

war kein willkürliches, durch die großen Ereignisse ward es ihm gegeben,

es war die Wiedererweckung des erstorbenen Gefühls für Freiheit und

Volksehre. So dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch

historisches Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der

Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie erscheinen

ließ. Seine Römer und Germanen bedeuten Franzosen und Deutsche, und doch

sind sie nichts weniger als Typen; es sind Menschen aus dem Volke der

Welteroberer und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft

glänzend bewährt.

Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen Fürsten dulden, »der

seinem Thron auf immer sich verbinde.« Es kennt diese kleinen Herren,

die um ein Wort, einen leeren Vorzug, eine scheinbare Selbständigkeit,

die nur durch Demüthigung vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann,

streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich unterwerfen.

Sie fallen sich »wie zwei Spinnen« an, und

-- Es bricht der Wolf, o Deutschland,

In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten

Um eine Hand voll Wolle sich!

Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene Freiheit

Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, »es

wird jedwedem Gräuel des Krieges Preis gegeben«, und die Abtrünnigen um

den Lohn der fluchwürdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das

deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn »für wen erschaffen

ward die Welt, wenn nicht für Rom?« Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms

Schmuck hergeben müssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche;

er ist eine Bestie, »die auf vier Füßen in den Wäldern läuft«, und

ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier,

»der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine«

den Franzosen? Napoleon's höhnende Politik, die mit zweizüngiger List

die Schwachen umgarnt, Krieg führt mitten im Frieden, das Markten

deutscher Fürsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der

Eifersucht Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler,

das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung Hessens,

Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort:

Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes

Den Willen meines Kaisers zu erspähn.

Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen;

ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, Ney,

Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, einer der

jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir der Damen die

gefährlichste Politik geheimer Verführung trieben.[28]

In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht

entschieden genug können die offnen oder geheimen Bundesgenossen der

Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der

rheinbündische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt,

ein Deutscher könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon's durch

Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das

Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den

Weiberchen, die einfältig genug sind, »sich von französischen Manieren

fangen zu lassen«, das den Verführer heirathen will, an dessen Rock das

Blut ihrer Brüder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die

Häuser der Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt

schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von

Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen

in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen

böswillig übertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich

festgestellte Thatsache, daß eine sechszigjährige Wittwe einen

zwanzigjährigen französischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten

ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen

diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cüstrin

und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstädte

niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem

Königlichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze

Gattung, bezeichnet worden als Knechte, »die ihre Pferde absträngen, um

davonzujagen.«[29]

War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des

Feindes als System darzustellen und die Lügenkünste der französischen

Journale nach Lehrsätzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den

Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift's gefaßt.

Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert

hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch

dar: »Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder

Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien

Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung

einen dritten herauszubringen, der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste

Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.« Oder wie Kleist

die Aufgabe stellt: »Alles was in der Welt vorfällt, zu entstellen, und

gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.« Mit sarkastischer

Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und

Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: »die Regierung über allen

Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther,

allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender

Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.«[30]

Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte dem Volke nicht

eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus

dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter

als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote

Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige

Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule gar manches zur

Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion

Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religiösen

Weihe gerühmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige

Darstellung eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die Heils-

und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprägt

werden.

Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, die Preußen je eher

je besser in den Kampf führen, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll

untergehen, als schmählich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst,

Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals

die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr

Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein

Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill erhoben sich, das Maß war

übervoll, das Volk genug geknechtet, geschmäht, getreten, um endlich in

voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale

vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes

Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen

sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Güter verkaufen, die Fluren

verwüsten, die Heerden erschlagen, die Plätze niederbrennen, denn der

That bedarf es, nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu

befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Römer

hängen, er will einen Krieg

Entflammen, der in Deutschland rasselnd

Gleich einem dürren Walde um sich greifen

Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!

-- --

Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens

Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm,

Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben.

-- --

Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten!

Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil

Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!

Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am 1. Januar 1809

sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein

Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der

Grundton seines Katechismus.[31]

In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt, von der

Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung des Vaterlandes, vom

Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen,

den freiwilligen Beiträgen, den obersten Staatsbeamten, vom

Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den

Mitteln, den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes,

vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf

der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. »Wo find ich dies

Deutschland? wo liegt es?« lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein

unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das

Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem Korsenkaiser, den

die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden

unterjocht. Und warum that er es? »Weil er ein böser Geist ist, der

Erzfeind, der Anfang alles Bösen, das Ende alles Guten!« So braust der

Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und

Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne. Der

Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe, des Morgens,

wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die

höchsten Güter, die Gott dem Menschen verliehen, »Gott, Vaterland,

Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst«

soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften

bekämpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am

Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, »weil es Gott lieb ist,

wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gräuel ist,

wenn Sclaven leben!«

So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit, des

nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blücher, Fichte. »Man

muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit einflößen«, schrieb

Scharnhorst an Clausewitz, »man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit

sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst

dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen

wissen!« Und Stein an Wittgenstein: »Die Erbitterung nimmt in

Deutschland täglich zu, und es ist rathsam, sie zu nähren und auf die

Menschen zu wirken. -- Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr

lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten

glauben sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine

vorsichtige Art zu verbreiten.« Endlich Blücher: »Mein Rath ist zu den

Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den

vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht

ehender nieder zu legen, bis ein Volck, daß uns unterjochen wollte, vom

dießseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen

wider uns getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum

wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen!« So der

Held, der Staatsmann, der Dichter.

Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif; aber um so

mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend,

sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zündende Funken schlugen die

Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man

Friedrich Schlegel und Gentz nannte. »Wir kämpfen«, sagte der Erzherzog

in seinem Aufruf an die deutsche Nation, »um die Selbständigkeit der

österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die

Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm

gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns jetzt bedrohen, haben

Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Stütze

zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands!« Und in einem

andern: »Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten

Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! -- Der jetzige Augenblick

kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht für

Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes Beispiel nach! --

Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und eine selbständige deutsche

Regierung und Gesetzgebung theuer sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt,

es aus der entehrenden Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem

Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.«[32] Noch einmal

erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das

Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das

alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthümlicher Größe, den sie

seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten.

Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart

fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen Heere

eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung für

Oesterreich, für Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater

und Wiederhersteller der Deutschen, »der den großmüthigen Kampf für das

Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland

unternommen hat«; für den Erzherzog Karl, der »die göttliche Kraft das

Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan hat.«

Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich führen mußte,

ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurückkehren, alle sich

gemeinsam umwenden würden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um »dann

nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel«, damit der

Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er

_einen_ Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen

von Homburg sagte:

Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,

Erweitern unter Enkels Hand, verschönern,

Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne

Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33]

So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre fort; in seinem

Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen York und nahm die Siege von

1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm

selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter

begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel

führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte,

verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu

verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur

Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland

galten, mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie

vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es

erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es

ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an

der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr.

Hätte er sterben können auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der

Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre

glücklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der

Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist,

sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich

jetzt Phantasie und Verstand die Hände, die Verzweiflung, die ihm von

jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter

Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden

Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein

Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt hat, und in

tragischer Ueberstürzung endet der tragische Dichter.

Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur

und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich. Jene Zeit hat

seinen Mahnruf überhört; desto eindringlicher tönt er zu uns herüber; es

ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren

warnend aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung, sie

heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugniß

vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten es sagen! Noch ist der

Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im

Schweiße des Angesichts, während andere die Früchte deutscher Arbeit

genießen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das

Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein König sein.

Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre

lüsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik

die unsichtbaren zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an

den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wäre das

möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen und schmerzlichen

Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker lernen aus der Geschichte, nur

langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafür gezahlt, als das

deutsche. Möge es durch die That zeigen, es habe Kleist's großes Wort

endlich erkennen gelernt:

»Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!«

Nachtrag

zu

Heinrich von Kleist's Werken.

Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken · 第 3 / 39 题