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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt; besondere
Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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Aus dem
Reiche des Buddha
Sieben Erzählungen
von Paul Dahlke.
[Illustration]
Breslau 1913.
Walter Markgraf.
Alle Rechte vorbehalten.
Titelzeichnung von Bruno Steigüber, Breslau.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Suriyagodas Erwachen 1
Nala, der Schweiger 45
Il Penseroso 62
Die Liebesgabe 86
Helene van Hoeven 113
Valmikas Hängen 192
Der heilige Kreis 200
[Illustration]
Suriyagodas Erwachen.
Wie der Mönch Suriyagoda in weltlichem Stande geheißen habe, ehe er in
den Orden des Erhabenen getreten war, dessen wußte sich niemand mehr zu
entsinnen. So lange lebte er schon im Orden. Auch über sein Alter wußte
niemand etwas sicheres. Kopf und Gesicht trug er stets glatt geschoren,
auch seine Haltung war stets aufrecht. Trotzdem behaupteten manche, daß
er das achtzigste Lebensjahr längst überschritten habe, und daß es die
Strenge und Leidenschaftslosigkeit seines Lebenswandels sei, die ihn
über das Alter siegen lasse.
Er war von einer wahrhaft vollendeten Magerkeit, und sein Auge
leuchtete in einem so gleichmäßig milden und doch so starken Glanze,
daß alle, die ihm nahe kamen, eher einen verklärten Geist als einen
unreinen Körper zu sehen meinten.
Auch stand er längst im Geruche, die Arahatschaft erreicht zu haben,
zur Einsicht gekommen zu sein: „Dieses ist meine letzte Geburt; nie
wieder werde ich auftauchen im Strudel des Samsara.“ Er selber freilich
hatte nie auch nur eine Andeutung darüber gemacht. Denn daß einer sich
seiner höheren Einsichten rühmt, anderen oder sich selber gegenüber,
das gibt es nicht im Orden des Erhabenen.
Seine Klause lag abseits von den anderen, auf dem Wege zum At-Vihara,
und wenn die Gläubigen an Mahasāya-Dagoba angebetet hatten und zum
At-Vihara hinaufgingen, so pflegten sie auch vor seiner Schwelle Blüten
vom Tempelbaum niederzulegen. So groß war der Ruf seiner Tugend und
Weisheit.
Mit Suriyagodas Erwachen war es merkwürdig zugegangen. Freilich ist das
innere Erwachen der Menschen stets das Merkwürdigste des ganzen Lebens,
aber selbst die ältesten Theras wußten sich niemandes zu erinnern,
bei dem das Erwachen so früh eingetreten war wie bei ihm. Auch die
Umstände, unter denen sich alles ereignet hatte, waren einigermaßen
merkwürdig. Der Eine erwacht wohl, wenn er einen kranken Menschen, ein
zu Tode getroffenes Tier sieht; ein Anderer, wenn er sinnend sitzt und
den Wind in den Blättern säuseln hört; wieder ein Anderer, wenn er eine
Flamme züngeln, ein Licht verlöschen sieht; die meisten freilich, wenn
sie, nach dem Almosengange zurückgekehrt, sich an einem stillen Orte
niederlassen, die Beine gekreuzt, den Körper gerade aufgerichtet und
der Einsicht pflegen, wie sie vom Buddha belehrt worden sind. So trifft
es den Einen so, den Andern so, je nach den Vorbedingungen. Mit dem
ehrwürdigen Suriyagoda war alles folgendermaßen zugegangen:
Er war wiedergeboren worden in das Haus eines reichen Brahmanen, der
von Süd-Indien arm herübergewandert war nach Lanka und in Anuradhapura
in Diensten des Königs stand, weil er einiges konnte, was die eigenen
Untertanen des Königs nicht konnten.
Dieser Mann wohnte in der Nähe des Tempels, den man schlechthin den
Pfau-Tempel nannte, nicht weit vom heiligen Bo-Baume, dem täglich
ungezählte Scharen von Anbetern ihre Ehrfurcht erweisen. Er selber
freilich hielt fest am Glauben seines Heimatlandes, in dem man Shiva
anbetete. Er verachtete das Gesetz des Buddha und nannte es eine
vergrübelte Narrenlehre, weil er es eben nicht verstand. Die Mönche
aber im Orden des Erhabenen nannte er „kahlgeschorene Pfaffen“.
Deswegen geschah es nie, daß diese auf ihrem täglichen Almosengange vor
seiner Tür stillstanden, um Gabe in Empfang zu nehmen.
Eines Tages nun kam ein fremder Bhikkhu durch Anuradhapura, um in
Mihintale am Mahasaya-Dagoba Ehrfurcht zu erweisen.
Das war so gekommen:
Seit vielen Jahren lebte er fern im Süden in Tissamaharama, ernsthaft,
enthaltsam, innig bemüht um Einsicht. Denn das sieht ja jeder
Nachdenkliche bald, daß Leben zwecklos ist, und hat es Zwecke, daß sie
von uns hineingelegt sind; also wozu das Ganze, wozu? Antwort gibt nur
der Tathāgata.
Zu diesem Mönch kam eines Tages ein Mönch aus dem Norden der Insel. Der
erzählte von der Heiligkeit der Plätze dort oben, so daß den Anderen
ein Verlangen ankam, dort Ehrfurcht zu erweisen. Als nun sein Besucher
ihn aufforderte, mit ihm nach Norden zu gehen, da stand er, wie er
gerade dasaß, auf und sagte: „Gut, so laß uns gehen!“ Der Andere aber
hatte allerhand Habseligkeiten bei sich, die er im Pánsala niedergelegt
hatte, so daß er nicht sogleich aufbrechen konnte. Da sagte der
Tissamaharama-Mönch: „Du bist kein rechter Jünger des Erhabenen. Es
dürfte besser sein, allein zu gehen.“ Damit wandte er sich und trat
unverzüglich seine weite Reise an; denn von Tissamaharama bis Mihintale
sind wohl zwölf Tagemärsche oder mehr.
Dieser Mönch nun trat, als er auf seiner Wanderung durch Anuradhapura
kam, vor des reichen Brahmanen Haus und wartete schweigend auf
Almosen; denn er wußte nicht, daß dieser die Bhikkhus verspottete und
kahlgeschorene Pfaffen schimpfte.
Der Brahmane saß gerade in der offenen Vorhalle seines Hauses beim
Essen und hatte viele und reiche Gerichte vor sich, wie es so seine
Gewohnheit war.
Als nun der Mönch herantrat und schweigend am Tore stehen blieb, da, wo
an jeder Seite ein kleiner Elefant aus Stein den Eingang bezeichnete,
da wandte er sich ein wenig seitwärts, gleichsam als ob er ihn nicht
sähe; denn er war nicht nur ein Verächter des Dharma, sondern auch ein
Geizhals. Suriyagoda aber war damals etwa zwölf Jahre alt.
Als nun der Knabe sah, daß sein Vater dem Mönch nicht geben wollte,
trat er auf diesen zu und sagte, gleichsam um seinen Vater zu
entschuldigen: „Er genießt die Frucht früherer Taten.“ Er meinte: Mein
Vater lebt jetzt üppig, weil er in früheren Leben Gutes getan hat,
wofür ihn jetzt der Lohn trifft. Worauf der Mönch, ohne den gesenkten
Blick vom Boden zu erheben, erwiderte: „Und ich lehre die Frucht
früherer Taten.“
Bei diesen Worten wurden die Augen des Knaben weit. Wie unschlüssig
stand er da, dann sagte er leise:
„Wenn du die Frucht früherer Taten lehrst, so will ich mit dir gehen.“
„So mußt du zuvor deinen Vater um Erlaubnis bitten.“
Da trat der Knabe auf den Essenden zu und sagte: „Vater laß mich
mit diesem da gehen.“ Und mit einer Stimme, die gedämpft war vor
verhaltener Leidenschaft, fügte er hinzu:
„Er lehrt die Frucht früherer Taten.“
Der Alte hielt erstaunt im Essen inne.
„Siehst du nicht, daß es so einer ist? Weißt du nicht, daß du eines
Brahmanen Sohn bist?“
„Vater, er lehrt die Frucht früherer Taten. Laß mich mit ihm gehen.“
Und zum zweiten Male der Alte:
„Siehst du nicht, daß es so einer ist? Wer soll an meinem Grabe die
Totenopfer vollziehen, wenn du uns verläßt? Überdies haben nicht auch
die Rishis die Frucht der Taten gelehrt?“
Der Knabe stand bedrückt; denn er fühlte, daß sein Vater recht hatte
mit dem Totenopfer. Indem kam des Brahmanen jüngeres Söhnchen, das
er mit einer anderen Ehefrau gezeugt hatte, in die Halle gehüpft und
schrie wie zum Scherz einmal über das andere: „Vater, Vater!“
Da richtete sich der Knabe plötzlich auf und sagte zum dritten Male:
„Laß mich mit dem Manne gehen. Ich will nicht Speise, nicht Trank
nehmen, läßt du mich nicht gehen.“
Weil nun der Vater merkte, wie es mit dem Kinde stand, daß es das
Geheimnis des Samsara gewittert hatte, sagte er, schweren Herzens
und dem Mönche grollend: „So geh!“ Dann aber, als er den am Tor noch
unbeweglich und gesenkten Blickes dastehen sah, überkam es ihn, und
sich vor seinem eigenen Groll fürchtend, daß er ihm in diesem oder
einem folgenden Leben schaden könnte, rief er dem Mönche zu: „Mönch,
ich zürn’ dir nicht!“
Es war aber auch schon vorher eigen zugegangen mit ihm.
Noch als kleiner Knabe hatte er einst zwei Papagei-Mangos vom Gärtner
geschenkt bekommen. Da dachte er:
„Ich will den einen auf den Altar legen für Sivī und will den anderen
nicht eher essen, als bis sie den ihren genommen hat.“
So legte er die Frucht hin und wartete, mit der anderen Frucht in der
Hand.
Aber die Göttin nahm die Gabe nicht. Sehnsüchtig blickte der Knabe bald
auf den Mango in der Hand, bald auf den auf dem Altar. Ihn hungerte,
auch aß er Mangos für sein Leben gern. Er begann leise zu weinen, erst
in sich hinein, dann lauter und lauter, bis schließlich sein Vater kam.
Als der ihn sah mit dem Mango in der einen Hand und dem anderen Mango
auf dem Altar, fragt er:
„Was ist das, Sohn?“
„Für Sivī, Vater! Sie nimmt nicht.“
„Sohn, es ist auch nicht so, daß die Götter nehmen.“
Damit nahm er den Mango vom Altar und gab ihn dem Knaben. „Iß nur!“
Worauf dieser schnell beide Früchte verzehrte.
Eine geraume Zeit danach fragte er seinen Vater unvermittelt:
„Vater, wie ist es, daß die Götter nehmen?“
Der Alte wußte erst nicht, was die Frage sollte. Dann erinnerte er sich
der Mangos.
„Sohn, es ist nicht so! Die Götter sind geheimnisvoll. Sie nehmen, sie
geben -- wir wissen nicht wie.“
Der Knabe schwieg dann.
„Und die in Tanjor?“
Er meinte die Priester am Subrahmanya-Tempel in Tanjore, ob die etwa
mehr wüßten.
Solch ein Knabe war Suriyagoda gewesen von jeher.
So nahm er jetzt seine Matte und sein Trinkgefäß und folgte dem Gelben
nach.
Der schritt fürbaß, ohne den Kopf zu heben, die Tempelstraße entlang,
am Abhayágivi-Dagoba vorbei dem Tissawēwa zu.
Als sie nun auf dem hohen Damme entlang gingen, über den der Sturm
hinwegsauste, -- es war gerade die Zeit des Monsun -- da sah der Knabe
mit Staunen, wie der See weiß am Ufer schäumte. Gespenstern glichen
die grauen Stümpfe abgestorbener Bäume, die halb im Wasser ertrunken
dastanden und ihre toten Äste in die Luft streckten. Jetzt wandte er
den Kopf und sah hinter sich, weit, am anderen Ufer Ruanweli hochragen
wie ein Gebirge, in seinem marmorweißen Mantel glänzend wie Silber.
„Wie weit bin ich fort von Hause“ dachte er. Er war noch nie hier
gewesen; denn die Kinder vornehmer Brahmanen verlassen selten das Haus,
weil sie Unreinheit fürchten.
Ihm wurde schwer und ängstlich zu Mut. Er dachte: „Ich will warten, bis
jener da wieder vor einer Hütte stehen bleibt und um Almosen bittet;
-- denn im Hause seines Vaters hatte er nichts bekommen -- dann will
ich um Erlaubnis bitten, zurückkehren zu dürfen, ich fürchte mich.“
Dabei sah er auf den Mönch, der vor ihm schritt, schweigend, das Haupt
gesenkt, das gelbe Gewand gebläht im Winde wie eine Glocke.
Der aber dachte bei sich: „Die Sonne hat ihren höchsten Punkt bereits
überschritten; die schickliche Zeit zum Essen für heute ist vorbei. So
ist es besser, ich warte bis morgen.“
So gingen sie an den letzten Hütten vorüber, ohne daß jener still
hielt, und der Knabe trottete hilflos hinter ihm drein, immer in der
Hoffnung, daß jener stille stehen oder sich wenden würde.
Und wie schrecklich war erst der Wald, in den sie jetzt traten. Vom
Sturm draußen gab es hier nichts. Regungslos alles, wie gelähmt von
etwas furchtbarem, bei dem das Herz fragt: „Was mag es nur sein?“ und
aus dem Ausbleiben jeder Antwort neue Schrecken saugt.
Die Augen schmerzten ihn, wenn er auf die Straße sah, die weiß,
blendend, scheinbar endlos sich vor ihm dehnte und über der die
Luft flimmerte. Seitwärts am Wege aber standen diese mächtigen
Termitenhaufen, und mit ängstlicher Scheu sah er große, häßliche
Eidechsen auf ihnen, die den Kopf erhoben, das Maul geöffnet,
regungslos dasaßen, wie bezaubert von dieser grimmigen Sonne. „Gewiß,
es sind böse Geister“ dachte der Knabe und blickte starr vor sich.
So mochten sie wohl zwei Stunden gewandert sein, da kamen sie an die
ersten Häuser eines anderen Ortes. Hinter dem erhob ein zweigipfeliger
Fels sich hoch in die Luft. Beide Gipfel aber waren gekrönt mit einem
Dagoba.
Der Knabe wußte wohl, das war Mihintale, das heilige Mihintale, aber
nie vorher war er hier gewesen.
An einem lieblichen Weiher, voll von Lotus, vorbei schritt der Mönch
auf diesen Berg zu. Die geisterhaften Schrecken des Waldes waren
vorüber. Machtvoll wehte der Wind über die Wasserfläche. Von weitem
schon winkte eine mächtige Eingangspforte. Durch sie schritt der Mönch;
Suriyagoda eng hinterdrein. Sie waren plötzlich wie in einer anderen
Welt. Große und kleine Dagobas, Hallen für Gebet und Speisung, heilige
Feigenbäume, von Mauern umrahmt, Steintafeln mit Inschriften, Bäder in
schön behauenen Stein gefaßt. Zwischen dem allen eine Treppe, deren
Stufen große Steinquadern bildeten, flach und so breit, daß wohl vier
Elefanten nebeneinander auf ihr gehen konnten. Diese Flucht von Stufen
verlor sich nach oben zu im geheimnisvollen Halbdunkel des Urwaldes:
die heilige Treppe von Mihintale.
* * * * *
So verlebte Suriyagoda in Mihintale, dem heiligsten Platze, Jahr für
Jahr. Früh vor Sonnenaufgang erhob er sich zusammen mit den anderen
Klosterschülern. Dann wurde der Hof gefegt, Blüten von den Bäumen
geschüttelt, um sie vor dem Buddha-Bilde nieder zu legen. Die Mönche
sangen im Vihara, auf der Erde vor dem Buddha-Bilde knieend, Gesänge,
die in ihrer Monotonie dem Klange tiefer Glocken glichen; Gesänge
zum Preise des Buddha, zum Preise des Gesetzes, zum Preise der
Mönchsgemeinde. Hörte der Gesang dann plötzlich auf, so tönte es von
den geschlossenen Lippen der Mönche noch ein Weilchen weiter, wie das
Nachschwingen in Erz.
Schon früh wurden die Knaben angehalten zum Meditieren über
Menschenliebe, über Wohlwollen gegen alles Lebende, über die
Allvergänglichkeit, über die Unreinlichkeit alles Körperlichen und
über den Tod. Auch mußten sie sich fleißig üben die Gedanken zu
regeln durch achtsames Ein- und Ausatmen. Auch die heiligen Schriften
wurden gelesen, indem ein älterer Mönch vorsprach und die Schüler
nachsprachen, vorläufig freilich ohne Sinn und Bedeutung zu verstehen.
Am Abend sangen die Mönche wieder vor dem Buddha-Bild im Vihara.
Wie lieblich aber waren die Festtage an den Neu- und Vollmonden, wenn
alle Anhänger kamen, schon früh am Tage, lautlos, in blütenweißen
Kleidern, alle Männer, Weiber und Kinder, ganze Körbe voll gelber und
weißer Blüten brachten und vor dem Buddha-Bilde aufhäuften, so viel
als ob es die ganze Nacht Blumen geregnet hätte; wenn dann alles still
niederkniete und ein Mönch die Satzung rezitierte.
Wenn aber abends der ganze Vihara vom Glanz der Lichter strahlte,
dann kam es dem Knaben wohl vor, als ob die bewegungslose Ruhe des
Buddha-Bildes Leben bekäme. Das Gesicht schien im Ausdruck zu wechseln,
die Lippen sich zu regen, die zum Predigen erhobene Hand sich zu
bewegen. Eine inbrünstige Ehrfurcht wallte dann im Herzen des Knaben.
Er mußte sich Gewalt antun, hier nicht anzubeten, wie er es im Hause
seines Vaters gewohnt war. Denn das muß man ja wissen, daß man zu einem
Buddha nicht beten kann; daß man ihm nur Dank und Ehrfurcht erweisen
kann dafür, daß er den Weg, den er selber gefunden, auch uns, der Welt,
gezeigt hat. Es war die mit der Muttermilch eingesogene Gottsucht, die
noch in dem Knaben arbeitete und seine Einsicht hinderte.
Am Abend spät begann dann das Predigen, das oft bis tief in die Nacht
dauerte. Gepredigt aber wurde von der Vergänglichkeit, dem Leiden, der
Wesenlosigkeit aller Dinge; dem Unbefriedigenden, Leiden züchtenden der
Lust, dem Segen des Entsagens. Wovon sonst sollte auch wohl ein Mensch
dem andern predigen!
Am Tage nachher aber folgte dann das Beichten der Mönche. Mit
gefalteten Händen knieten sie vor dem Abte nieder und sprachen mit
diesen tiefen, klangvollen Stimmen:
„Herr, wenn wir unwissentlich mit einer der drei Pforten (Tat, Wort,
Gedanke) gefehlt haben, so vergib uns.“ Worauf der Abt erwiderte:
„Ich habe vergeben. So vergebt auch ihr mir.“
So wird im Orden des Erhabenen gelebt, den der Erhabene selber „das
unvergleichliche Feld um Verdienst zu erwerben“ nennt. Und wirklich
sind ja diese Mönche, indem sie ständig allem Lebenden in einem
Wohlwollen zugetan sind, die größten Wohltäter der Menschheit. Ein
einziges Herz voll heiterer Entsagung trägt ja zum Wohle der Menschheit
mehr bei als ein ganzes Leben voll rastloser Philantropie.
* * * * *
Es war nun die Zeit gekommen, daß Suriyagoda mit der Robe bekleidet,
d. h. selber Mönch wurde. Wie die anderen machte er von da ab alle
Vormittage seinen Almosengang, indem er, das Gewand schicklich
geordnet, gefaßten Sinnes, gesenkten Auges von Haus zu Haus ging und
an den Türen schweigend wartete, bis ihm der Reis in die Almosenschale
getan wurde. Kam dann der Geber, hatte den Reis in die hingehaltene
Schüssel hineingetan und auf der Erde kniend, die gefalteten Hände vor
dem Gesicht, seine Ehrfurcht erwiesen, so ging der Mönch schweigend
weiter zur nächsten Tür, bis die Schale zur Genüge gefüllt war. Dann
trat er den Rückweg zum Kloster an und verzehrte dort, stets unter dem
gleichen Schweigen, sein Mahl an einem einsamen Orte.
Eines Tages nun, als Suriyagoda schweigend dastand, gesenkten Blickes
und auf die Gabe wartete, trat plötzlich ein Mensch auf ihn zu, der war
nackt bis auf einen Eulenflügel, der seine Scham notdürftig deckte.
Die Haut war Asche beschmiert und sah aus wie graues Leder; die Haare
verfilzt wie eine schmutzige Kokusmatte; der Blick wirr und unheimlich.
Der sprach leise aber heftig zum Mönch:
„Du, es ist mir gegeben, in deiner Zukunft zu lesen. Ehre und Lob dem
Allmächtigen! Du mußt durch eine große Liebe gehen.“
Dann dicht vor Suriyagoda hintretend fuhr er lauter fort:
„Wolltest du deine Augen nur einmal heben, so könnte ich dir sagen, wo
und wie.“
Suriyagoda verharrte unbeweglich. Es überkam ihn etwas Unheimliches,
einer jener Schauer aus unbekannten Regionen, unter denen er als Knabe
so oft gelitten hatte; jene Schauer, die den in Weisheit noch nicht
gefestigten immer wieder fragen lassen: „Gibt es doch wohl etwas hinter
dieser Welt hier, das über uns herrscht?“
Er fühlte instinktiv, wenn er den Blick heben und das Auge dieses
Menschen treffen würde, so würde es ihn greifen, ihn ansaugen, er würde
fallen -- einer grundlosen Tiefe zu.
Indem erschien der Anhänger, um den Reis in die Schale zu schütten.
Als er den Fakir sah, winkte er mit der Hand und rief „husch, husch!“,
wie man Krähen von einer Schüssel scheucht. Worauf der sich eilig
abwandte, aber knurrend und schnüffelnd, wie ein Jagdhund, der eine
Spur gewittert hat und sie nicht verfolgen darf.
Am selben Abend, als Suriyagoda, bevor er zur Ruhe ging, vor dem Abt
niederkniete und ihm Ehrfurcht bezeugte, bat er ihn um die Erlaubnis,
in Zukunft, wenn er den Anhängern und Anhängerinnen predigte, hinter
einem Palmblatt-Fächer sitzen zu dürfen. Er wollte sich dadurch davor
schützen, daß sein Auge auf irgend etwas träfe, was ihm Liebe erregen
könnte, denn er dachte: „Wofür bin ich schon als Knabe in den Orden des
Erhabenen getreten, wenn ich doch die Qualen und den Schmutz der Liebe
durchmachen muß? Es ist besser, ich schütze mich beizeiten.“
Nun war Suriyagoda von schöner Gestalt, schlank aber kräftig, von
feinem Gesicht, mit vollem, freiem Auge und von hoher Anmut bei allem
was er tat und redete. Daher war die Predigthalle stets am vollsten,
wenn er den Anhängern und Laien predigte.
So fragte der Abt, weshalb er denn von jetzt ab hinter dem Fächer
predigen wolle? worauf Suriyagoda stockte und errötete, dann aber die
Sache mit dem Fakir berichtete.
Der Abt lächelte ein wenig und gab ihm die Erlaubnis. Dann aber, als
leisen Tadel, fügte er den Spruch des Erhabenen hinzu: „Ist dieses,
wird jenes; ist dieses nicht, wird jenes nicht,“ womit er sagen wollte,
daß ein jeder Mensch aus dem jetzigen Moment heraus sich das nächste
selber schaffe, je nachdem was er tut, was er redet, was er denkt. Und
wie bei einem rollenden Stein ein Moment der Bahn das nächste bestimmt,
und dieses wieder das nächste, so auch beim Menschenleben. Nicht in den
Händen eines Schwärmers oder der Gestirne liege unsere Zukunft, sondern
in den Händen dieses Jetzt hier, das ich selber bin.
So predigte von jetzt ab Suriyagoda Jahr für Jahr hinter einem
Palmblattfächer. Die Prophezeiung des Fakirs hatte er längst vergessen,
aber der Fächer war ihm so zur Gewohnheit geworden, daß er überall der
Fächerprediger hieß.
* * * * *
Einstmals, am Upósatha-Tage des Vessak-Monats veranstaltete der
König eine große Feier zu Ehren des Erhabenen. Die ganze Straße von
Anuradhapura bis Mihintale, zwei Wegstunden lang, war mit gelben und
weißen Blüten bestreut. Überall am Wege hingen Fahnen und Banner.
Zur festgesetzten Stunde verließ der König seinen Palast in der Nähe
des Jetavanarama-Dagoba mit dreiunddreißig Elefanten. Auf ihnen ritten
die Adeligen, immer je vier in einer Reihe; an der Spitze aber der
König auf dem Königselefanten, der von Gold und Edelsteinen glänzte.
Dieser Elefant war so einer, von dem man sagt: „Er hat seinen Rüssel
preisgegeben.“ Denn ehe ein Elefant nicht im Kampf den Rüssel
preisgibt, leistet er nicht das höchste. Hat er aber den Rüssel
preisgegeben, so kann ihm nichts mehr widerstehen.
Hinter den Elefanten folgte die Mönchschaft vom heiligen Bo-Baum und
der anderen Klöster Anuradhapuras in Sänften; dahinter aber das Volk zu
Fuß.
Wie ein einziger Sadhu-Ruf ging es von der Hauptstadt bis hin nach
Mihintale.
Als nun der Zug am Ambastalla-Dagoba angekommen war, da stiegen alle,
selbst der König, ab; denn hier ist der heiligste Platz Ceylons nahe:
die Höhle, in welcher Mahinda, König Açokas Sohn, der Apostel Ceylons,
sein Leben in Heiligkeit, d. h. heil von Leidenschaften und Lüsten,
verbrachte. Das Felsenbett auf dem Boden dieser Höhle ist heute noch zu
sehen.
Hier nun stießen auch die Mönche von Mihintale, Suriyagoda mit ihnen,
zum Zuge.
Vom Ambastalla-Dagoba stieg alles, der König an der Spitze, zum
Mahasaya-Dagoba hinauf, auf jenen schwarzen Fels, in welchen flache
Stufen hineingehauen waren. Wer aber unten die schneeweißen Gewänder
auf dunklem Grunde leuchten und die goldenen Banner und Standarten in
der Sonne funkeln sah, der meinte, es wäre das schönste Schauspiel, das
Menschen überhaupt schaffen sowohl wie betrachten könnten.
Nun hatte es vor kurzem einen starken Regenfall gegeben und in den
Löchern der Steinstufen standen noch Wasserreste. Als nun der König,
Upatissa war sein Name, in feierlicher Langsamkeit hochschritt, da sah
er in einer dieser Lachen ein Insekt dem Ertrinken nahe. Sofort regte
sich Mitleid mit dem Lebendigen in ihm; er machte Halt und, indem er
den flimmernden Pfauenwedel in die Pfütze hineintauchte, rettete er das
Tierchen vom Ertrinken.
Als das umstehende Volk das sah, da wurden die Sadhu-Rufe noch viel
freudiger. Denn wie der König es liebt, ein frommes gesetzes-freudiges
Volk zu haben, so liebt auch das Volk, einen frommen König zu haben.
Mit dem Stillstehen des Königs ging eine Stockung durch den ganzen Zug
und ein jeder fragte, was geschehen sei, wobei dann, sobald Antwort
kam, das Sadhu-Rufen immer wieder aufs neue hochflackerte, wie ein
Feuer, das über trocknen Grasgrund hüpft.
Auch Suriyagoda ließ seinen Palmblattfächer, der groß war wie ein
Schild und ohne den er nie seine Zelle verließ, sinken und sah sich
um. Dabei fühlte er ein paar Augen auf sich gerichtet und verbarg sich
sofort wieder hinter seiner Wehr. Aber einige aus dem Volke hatten
ihn gesehen und raunten sich zu: „Der Fächerprediger! Es ist der
Fächerprediger!“ Er stand nämlich bei diesen Leuten in hoher Achtung.
Denn wer einen reinen Lebenswandel führt und sich bezähmt, der verdient
und erhält Achtung.
Nachdem nun der König und der ganze Zug den Mahasaya-Dagoba, ihn
zur rechten Hand habend, feierlich umwandelt und auf allen Altären
Blüten niedergelegt hatte, kehrten der Hof nach Anuradhapura und die
Mihintale-Mönche in ihre Klausen zurück.
Am nächsten Morgen fand Suriyagoda die Schwelle seiner Hütte mit Blumen
bestreut.
Gewöhnt an derartige Ehrfurchtsbezeugungen achtete er nicht darauf.
Dieses wiederholte sich Morgen für Morgen und Suriyagoda tat nichts als
täglich die Blumen wegzufegen.
Eines Abends gegen Dunkelwerden hörte er ein Geräusch vor seiner Tür.
Als er öffnete, sah er ein junges Weib auf den Knien liegen, die Hände
anbetend vor dem Gesicht.
Suriyagoda verharrte regungslos die schickliche Zeit. Denn der Mönch
muß schicklicher Weise warten, bis der Laie seine Ehrfurchtsbezeugung
vollendet hat.
Als das Weib aber liegen blieb, sagte er:
„Was ist?“
Die blieb erst regungslos, dann sagte sie leise:
„Das Glück, sagt man, Bhante, das Glück.“
Einen Moment war es, als ob sie sich aufrichten wollte, aber sofort
sank sie wieder zusammen.
Suriyagoda schwieg betroffen. Dann sagte er ruhig:
„Geh!“
Und wieder das demütige, lockende:
„Das Glück sagt man ja, Bhante, das Glück.“
Dabei wiegte sie leise den tiefgesenkten Kopf, sodaß die Wellen bis zu
den vollen Hüften zu gehen schienen.
Suriyagoda blickte starr gerade aus.
„Freilich, Weib! Das Glück, sagt man ja, das Glück. Aber was ihr
da draußen Glück nennt, das ist Unrat und Verderben im Orden des
Erhabenen. Und was ihr da Verderben nennt, das ist Glück und Schmuck im
Orden des Erhabenen. Aber geh! Ich darf hier nicht zu dir reden.“
Der Körper des jungen Weibes zuckte von unterdrücktem Schluchzen.
Mitleidig neigte sich Suriyagoda. Berühren durfte er sie nicht, aber
er wollte ihr im Näherkommen seiner Stimme Trost geben.
Sei es nun, daß das Weib sehr erregt oder schnell gestiegen war: Indem
Suriyagoda sich herabbeugte, stieg der Duft der Haut zu ihm empor.
Verwöhnt, überempfindlich gemacht durch die strengen, aber keuschen
Klostergerüche richtete er sich schnell auf. Dieser Duft war ihm
zuwider. „Geh, geh!“ sagte er fast ungeduldig.
Bei dieser dritten Aufforderung erhob das Weib sich; die gefalteten
Hände vor dem Gesicht behaltend wandte sie sich schnell und verschwand
in der Dämmerung.
* * * * *
Gerade in diesen Tagen wurde das Kloster, in welchem Suriyagoda lebte,
von einem schweren Schlag betroffen, indem der Abt, Suriyagodas Lehrer,
plötzlich starb.
Suriyagoda war sein Lieblingsschüler gewesen. Jahrelang hatten sie
sogar dieselbe Zelle geteilt -- der Ältere, um stets Belehrung geben,
der Jüngere, um stets Belehrung empfangen zu können.
Dem scharfen Auge des alten Denkers war Suriyagodas Charakter bis in
seine Tiefen klar. Denn sobald man das Licht der eigenen Ichsucht
ausgelöscht hat, sieht man jeden Schein im Innern des Anderen:
Dem Abte war nicht entgangen, daß Suriyagoda, trotz seiner
Aufnahmefähigkeit für die Lehre des Buddha doch immer noch durch
das körperliche Material, das er auf Grund seines Karma verarbeiten
mußte, am fessellosen Erkennen gehindert wurde; daß er immer noch
an der Fessel des Gottesglaubens krankte, wenn auch in jener reinen,
höchsten pantheistischen Form des Vedanta, die aber, wo es auf völliges
Durchdringen des Dharma ankommt, eben so hinderlich ist, wie der rohe
Glaube an einen persönlichen Gott.
Eines Tages, nach längerer Unterredung sagte er zu Suriyagoda:
„Die Liebe, vor der du dich durch den Palmblattfächer schützen willst,
ist gar nicht eine solche Liebe, daß man sich vor ihr durch äußere
Mittel schützen könnte.“
Suriyagoda verstand nicht. Da jener aber nichts weiter sagte, so wagte
er nicht zu fragen.
Der war nun plötzlich gestorben, aufrichtig betrauert von seinen
Mönchen und seiner ganzen Gemeinde. Und das Kloster war vorläufig
ohne Abt. Mancher munkelte, daß Suriyagoda trotz seiner Jugend (er
war damals noch nicht 30 Jahr alt) sein Nachfolger werden sollte.
Suriyagoda selber würde eine solche Ehrung ausgeschlagen haben. Sein
Streben ging nicht auf Amt und Würden, sondern auf ein Leben stiller
Nachdenklichkeit. Wer erkannt hat, wozu er lebt, der weiß auch, daß
jeder Augenblick aufgeht im Arbeiten an sich selber, im stillen zähen
Kampfe mit sich selber.
In der ersten Zeit nach dem Tode des Abtes, wenn die Mönche abends
still und beklommen in der weiten Halle saßen, in welcher das
flackernde irrende Kokosnuß-Lämpchen nur Schatten, nicht Licht zu
geben schien, da tauchte leise immer wieder die Frage auf: „Wohin mag
er wohl wiedergeboren sein?“, eine Frage, auf die freilich niemand
eine andere Antwort geben konnte als die: „Dahin, wohin seine Taten
ihn geführt haben.“ Denn nicht Vater und Mutter, sondern die Taten
dieses Lebens wahrlich sind der Mutterschoß, aus welchem das nächste
Leben hervorgeht. Deswegen ist es ja, daß der Buddha die Wesen
„Karma-entsprossen“ nennt, nicht „Eltern-entsprossen.“
Daß der Alte weiter wandern mußte im Samsara, daß er Nirwana, das Ende,
das Verlöschen, noch nicht erreicht habe, darüber war ja freilich kein
Zweifel. Er selber hatte es noch in seinen letzten Stunden gesagt, aber
in Ruhe und Fassung, so daß man wohl die frohe Hoffnung heraus hörte,
nicht in niederen Wesenheiten wiedergeboren zu werden. Man wußte auch,
daß der Verstorbene nicht ganz frei war vom Hängen an gewissen kleinen
Lüsten dieser Welt. Fast scherzhaft war seine Neigung für Süßigkeiten
gewesen und seine Anhänger, die seine Vorliebe kannten, hatten ihn
stets reichlich damit versorgt.
Als nun eines Abends wieder die große Frage erörtert wurde: „Wohin mag
er wohl wiedergeboren sein?“, da meinte einer der Klosterschüler, der
mittags die Schalen der Mönche am Brunnen wusch, ein kleiner Knirps,
aber keck wie einer:
„Beim Zuckerbäcker!“
Suriyagoda verwies ihm solche unziemliche Rede ernsthaft und sandte ihn
zur Strafe aus der Halle; aber ein Weilchen herrschte Schweigen, weil
jeder mit einem Lächeln kämpfte.
Von diesem Abende an wurde die Frage der Wiedergeburt des Abtes nicht
mehr berührt.
Suriyagoda befand sich damals in einer merkwürdigen Verfassung.
Im Verlauf jener Unterhaltung, an deren Schluß der Abt ihm gesagt
hatte, daß jene Liebe, durch die er gehen müsse, nicht durch einen
Palmblattfächer abzuwehren sei, hatten sie über den Wert der Religionen
gesprochen und der alte Abt hatte das Christentum mit ungewohnter
Schärfe abgetan. „Es befriedigt weder das Bedürfnis des Menschen
nach Wissen, noch sein Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Laß dich,“ fuhr
er eindringlich fort, „nicht durch dieses Aushängeschild der Liebe
bestechen. Erste Pflicht der Menschen ist nicht die Liebe, sondern
das Denken. Höchstes Menschtum liegt nicht im Lieben, sondern im
Denken. Lieben tun die Tiere auch, denken tut nur der Mensch -- und
die Götter,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu. „Liebe ohne denken ist,
als ob der Karren den Ochsen zieht.“ Er meinte, Liebe solle stets vom
Denken geleitet werden, nicht ihm vorauslaufen.
Dann hat Suriyagoda um die Erlaubnis gebeten, die Upanishaden in der
Ursprache lesen zu dürfen. Er war der beste Sanskrit-Kenner des ganzen
Klosters.
Der Alte hatte nicht gleich geantwortet. Die weichen Hände ein wenig
fester zusammenpressend hatte er in den Klostergarten hinausgeblickt,
wie interessiert in die letzten Regentropfen, die von den
Palmblattwedeln an der Halle zur Erde fielen. Dann hatte er ruhig
gesagt: „Wenn du willst, so lies.“ Nach diesem hatte er dann jene Worte
von Suriyagodas Liebe gesprochen, die der Mönch nicht verstanden hatte.
Noch am selben Abend hatte Suriyagoda seine Lektüre begonnen. Er las
und las. Ihm war, als ob er ertrinken müßte in diesem Gedanken-Ozean.
Was waren das für Menschen, diese Gott-Trunkenen, Yajñavalkya, der in
Worten und Gedanken spricht, welche Himmel und Erde gleichsam mühelos
in sich hineinsaugen; diese Maitreyi, die da sagt: „Gieb mir nicht,
was man Weibern gibt -- jenes große Wissen gib mir, das du hast.“ Sie
meinte das Wissen von der Einheit zwischen Mensch und Gott. War es
nicht etwas ungeheuerliches, mit einem einzigen Erkenntnisakt jenes
Wissen zu erreichen, das Seligkeit gibt für immer! Denn kann der Mensch
größere Seligkeit fühlen, als die Erkenntnis: „Ich und Gott, wir sind
eines Wesens; ich Gottes, Gott meines Wesens und Täuschung, wahrlich,
ist das, was mich von der All-Einheit trennt.“ Wie anders, wie erhaben
war das alles in Vergleich zu diesem dürren, nüchternen, mühevollen, ja
unerhört hartem Ringen mit jeder Tat, jedem Wort, ja jedem Gedanken,
wie die Lehre des Buddha es verlangt. Diese schreckliche, fast
aussichtslose Arbeit des Gedankenbändigens, das Stillstellen der ewig
mahlenden Räder, die sich selber mahlen, wirft man kein Korn zwischen
sie. Wie eine Art Wollust überkam es ihn, wenn er an die Geheimnisse
jenes mystischen Lautes dachte, den der Gott-Ergriffene von der
zitternden Lippe schweigt. Kurz: Er sehnte sich aus der harten Arbeit
des ewig wachen Denkens in die mollige Ruhe des Gottfriedens, wie der
Knecht nach den Fleischtöpfen des Herrn.
Alle diese Stimmungen und Gefühle fanden ihr ständiges Gegengewicht
im Dasein seines Lehrers. Mit dessen Tode ging das Steuer seines
Lebensschiffes verloren. Immer tiefer arbeitete er sich in diesen
Zwiespalt zwischen Verstand und Gemüt, zwischen Belehrung und
natürlicher Neigung. Immer wieder freilich sagte ihm der Verstand:
„Die Wahrheit lehrt der Tathāgata. Nur hier, wo gezeigt wird, daß ich
selber Frucht meiner Taten bin, nur da ist Gesetz; nur wo Gesetz ist,
ist Gerechtigkeit; nur wo Gerechtigkeit ist, ist Befriedigung.“ Aber
das Erdige an ihm, das von Vater und Mutter stammte, hing sich wie
ein Gewicht an den Flug dieses reinen Erkennens. Immer wieder raunte
es in ihm: „Wenn es doch ein Ewiges gäbe! Wenn es doch eine Seligkeit
gäbe, jenseits! Wenn dieses „Neti, Neti“ der Upanishaden doch dereinst
unerhörte Wirklichkeit werden könnte! Wenn die alten Rishis doch Lehrer
wären und nicht Schwärmer!“
Eines Tages ging er, müde vom fruchtlosen Denken, gegen Abend zum Ort
hinunter. Er fühlte das Bedürfnis, andere Menschen um sich zu sehen,
auch wollte er sich am Ufer des Sees, der einem großen Lotusteich
glich, ergehen.
An einem abgelegenen Winkel, von den überhängenden Zweigen eines wilden
Mangobaumes halb verdeckt, sah er einen Mönch aus dem Nachbarkloster
sitzen. Der saß, die Beine gekreuzt, die Hände ineinander gefaltet,
hoch aufgerichtet, da, und wiederholte immer das eine Wort:
„Wasserkranich, Wasserkranich!“
Erstaunt hörte Suriyagoda ihm eine Weile zu; dann, weil der Andere ihn
gar nicht bemerkte, räusperte er sich, trat höflich näher und ließ sich
zu seiner Rechten nieder. Dann begann er:
„Bruder, ist wohl eine Frage erlaubt?“
„Freilich, Bruder.“
„Weshalb sagtest du eben in einem fort das Wort ‚Wasserkranich,
Wasserkranich‘?“
Der sah ihn verdutzt an, dann erwiderte er:
„Bruder, nicht ‚Wasserkranich, Wasserkranich,‘ sondern
‚Vergänglichkeit, Vergänglichkeit‘ habe ich gesagt.“
„Verzeih, Bruder. Du sagtest ‚Wasserkranich, Wasserkranich‘.“
Da schlug sich der andere vor die Stirn und rief:
„Schöne Geschichte! Der Abt hat mir als Aufgabe zum Meditieren
‚Vergänglichkeit, Vergänglichkeit‘ gegeben, nun sitze ich hier
und sehe die Kraniche auf dem Wasser hin- und herziehen, und
statt, ‚Vergänglichkeit, Vergänglichkeit‘ sage ich ‚Wasserkranich,
Wasserkranich‘.“ (Beide Worte unterscheiden sich nämlich nur durch
+einen+ Laut, so daß sie leicht zu verwechseln sind.)
Dabei lachte er lustig und auch Suriyagoda lachte so kräftig, wie er
seit Jahren nicht gelacht hatte. Denn stille Heiterkeit gehört sich
wohl im Orden des Erhabenen, aber hörbares Lachen ist nicht schicklich.
Als er zurückkehrte, dachte er bei sich: „So ist das nun, und das wird
daraus.“ Er meinte: So ist die Lehre beschaffen, daß sie in dieser
geistlosen Weise verarbeitet werden kann. Er fühlte auch nicht einmal,
daß er ungerecht urteilte; denn zu geistloser Verarbeitung bietet auch
die Lehre der Upanishaden Anhalt zur Genüge.
Der Zufall wollte es, daß er auf dem gleichen Spaziergange in der Nähe
der großen Eingangspforte, auf dem Wege, der zum Rajagiri-Lena führt,
zwei Männer traf, die auf einer Stange einen Sack trugen. Als sie an
Suriyagoda vorbeigingen, sagte der eine: „Bhante, verzeiht, daß wir
heute nicht Ehrfurcht erweisen können. Es ist dieses wegen da.“ Dabei
zeigte er auf den Sack.
„Was habt ihr denn in dem Sack?“ fragte Suriyagoda.
„Herr“, antwortete derselbe Mensch, der vorhin gesprochen hatte, „es
ist eine Cobra, dick wie mein Arm. Wir sollen sie töten.“
„Seit wann tötet ihr denn Lebendiges?“ fragte Suriyagoda erstaunt.
Der Mensch schwieg.
„Herr,“ begann der andere, „wir sind arm; es ist des Lohnes wegen.“
Damit schien sich dem ersten die Zunge wieder zu lösen und er begann
eilfertig:
„Herr, die Sache ist die: Der Alte, unten am See, der die Lotusblüten
auf dem Brett feil hält, hat uns gedungen, sie zu töten. Er sagt, es
ist eine schlechte Schlange. Vor vier Jahren ist sie zu ihm an den
Feuerplatz gekommen, da hat er ihr gesagt: ‚Was willst du hier? Das ist
nicht dein Haus. Du weißt, dein Haus ist das Djangel‘. Darauf wendet
sich die Schlange schnurstracks und huscht zum Walde zurück. Sie war
damals noch eine gute Schlange. Gestern Abend nun tritt der Alte auf
seine Plattform. Was liegt da? -- die Cobra! -- aufgerollt und zischt.
Sie ist dick wie mein Arm, Herr. Er nimmt ein Steinchen und wirft es
ihr zu. Ist so erschrocken, daß er ihr nicht zureden kann. Sie geht
weg. Heute ist sie wieder da, zischt wieder. So meint der Alte, wenn er
mal im Dunkeln auf sie tritt, wird sie ihn töten. Deswegen bat er uns,
sie zu fangen und im Sack auf die Straße zu legen, daß ein Elefant sie
zertritt.“
„Weiß denn der Alte unten, daß es die nämliche ist, wie vor vier
Jahren?“
„Sicherlich Herr!“
„War sie denn damals schon ebenso dick?“
„Nicht doch Herr; sie war damals klein.“
„Wie kennt er sie denn wieder?“
„Er weiß es eben, Herr.“
Und wie zur Bekräftigung fügte der andere hinzu:
„Es ist so, Herr.“
Suriyagoda ging weiter und die beiden gingen die Straße entlang. Er
hatte nicht das Recht, diesen Menschen zu sagen: „Ihr dürft nicht
töten! Laßt das Tier frei! Seid ihr ihm wirklich wohlgesinnt, so wird
es nicht beißen.“ Aber wieder deutete er parteiisch. Er dachte bei
sich: „Ein Brahmane würde das nicht tun. Er würde eher sterben.“
In der nächsten Nacht hatte Suriyagoda einen Traum. Er sah den
verstorbenen Abt, seinen Lehrer, greifbar deutlich vor sich stehen. Der
sagte zu ihm:
„Suriyagoda, gehst du früh zum Eßsaal, ohne vorher im Vihara gewesen zu
sein?“
Der Mönch erwachte mit einem Schreck, den Traum noch lebendig vor sich.
Fast verdrossen fragte er sich:
„Was soll das? Ich bin doch nie zum Eßsaal gegangen, ohne vorher im
Vihara gewesen zu sein.“ Aber da sein Gewissen der Lehre wie dem Lehrer
gegenüber nicht rein war, so begann er seine Betübungen zu verlängern.
Er entzog sich Schlaf, woran er nicht gewohnt war, -- denn die Jünger
des Buddha sind wohl an ein strenges, aber nicht an ein asketisches
Leben gewöhnt -- und wurde matt und überreizt dabei.
Die Mönche badeten damals im Naga-Pokana, dem Schlangenbad, so benannt,
weil an der Felswand der einen Seite eine mächtige, dreiköpfige Cobra
ausgemeißelt war.
Eines Tages geschah es, daß er sein Bad außer der Zeit d. h. gegen
Abend nahm und infolgedessen allein badete.
Als er, wie es bei den Mönchen Sitte ist, mit dem losen Untergewand
bekleidet, langsam ins Wasser stieg, sah er aus der Tiefe eine
weibliche Person sich entgegenschweben, schön wie eine der Asparasen.
Als er aber hinblickte, da sah er, daß es sein eigenes Spiegelbild war.
Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie mager und großäugig er geworden war.
Halb belustigt, halb verächtlich lachte er auf:
„Soweit hätte ich es also gebracht, daß ich am hellen Tage von Weibern
phantasiere.“
Still setzte er sich auf einen Fels und blickte auf dieses
unvergleichliche Landschaftsbild zu seinen Füßen. Die Sonne ging
zur Rüste, glorreich wie ein Held, in einen schier überwältigenden
Strahlenmantel gehüllt. Über der unendlichen Waldfläche lag ein duftig
violetter Schimmer und scharf hoben sich zur Linken die Dagobas von
Anuradhapura -- das Dreigestirn Ruanweli, Abhayagiri und Jetawanarama
-- aus dem grünen Meer -- die ganze Welt ein einziger, stiller Feiertag.
Er saß da, der Körper gespannt, das Auge rücksichtslos am glühenden
Sonnenball hängend. „Was ist dieses Leben ohne ein Göttliches“ sagte
er endlich leise, als ob er sich vor dem Schall der eigenen Stimme
fürchte. „Eine Nacht in der Fremde.“
Er begann leise den Oberkörper hin und her zu wiegen. Plötzlich wurde
er sich dieser seiner Bewegung bewußt. „Weshalb wiege ich denn hin
und her wie ein Elefant im Stall?“ dachte er. Dabei fiel ihm jenes
Weib ein, das neulich abends liebebettelnd auf seiner Schwelle gelegen
hatte. Er sah das Wiegen des flechtenschweren Kopfes, das bis zu den
Hüften herab ging. Er hatte alles wohl gemerkt, trotzdem er geradeaus
gesehen hatte. Einen Moment wohl durchfuhr es ihn: „Sollte nicht auch
das Glück der Umarmung gesucht werden?“ Aber das waren nicht die
Bilder, an welchen Suriyagodas Phantasie haftete. Noch ehe ausgedacht,
war der Gedanke schon verdrängt von diesem rastlosen Suchen, diesen
Qualen seiner großen Liebe.
Als er ins Kloster zurückkehrte, fand er Leute beschäftigt, Ehrenbogen
aus Bambus zu errichten. Da es nicht die Zeit des Voll- oder Neumondes
war, so fragte er einen dabei stehenden Mönch nach der Ursache. Der
sah ihn erstaunt an. „Weißt du nicht, Bruder, daß morgen der neue Abt
einzieht?“
Suriyagoda wußte von nichts. Ganz in seinen Gedanken und Zweifeln
ertrunken, hatte er diese ganze Zeit wie abwesend gelebt.
Am nächsten Morgen hielt der neue Abt seinen feierlichen Einzug auf dem
heiligen Fels, von den Theras in Anuradhapura geleitet.
Fast mit Schrecken sah Suriyagoda, daß es jener Mönch war, mit dem er
vor so vielen Jahren von seines Vaters Hause nach Mihintale gezogen
war. Die Jahre hatten ihn wenig geändert.
Als er in dieses strenge und doch milde Mönchgesicht sah, fühlte er
blitzartig: „Dieser wird Hilfe bringen.“
Einzeln knieten die Mihintale-Mönche vor dem neuen Oberhaupte nieder,
mit vor der Stirn gefalteten Händen dreimal den Erdboden berührend.
Danach versammelte sich alles in der großen Halle, wo für jeden in zwei
gegenüberlaufenden Reihen ein Kissen bereit lag.
Nach dem Range, d. h. nach dem Alter in der Mönchschaft, ließ man sich
nieder, so daß die Ältesten im Orden an einem Ende, die Jüngsten am
andern Ende zu sitzen kamen.
Suriyagodas Sitz fiel etwa auf die Mitte. Zerstreut und befangen saß er
da. Ihm war, als ob der Abt die Augen auf ihn geheftet hielte, er wagte
aber nicht hinzusehen.
Plötzlich stand ein jüngerer Mönch vor ihm, der ihm leise sagte, daß
der Abt ihn zu sich wünsche. Er blickte hastig auf, da sah er jenen
sich zulächeln.
Als Suriyagoda vor ihm kniete, sprach jener nicht sofort. Suriyagoda
fühlte, daß er ihn prüfe und wandte das Gesicht so tief zum Boden wie
möglich.
Dann begann der andere in einer milden und liebreichen Stimme, die
von der Strenge seines Gesichtes merkwürdig abstach, sich nach seinem
Ergehen in all diesen Jahren zu erkundigen. Es waren nur wenige
leise Worte auf beiden Seiten; dann wurde Suriyagoda mit demselben
liebreichen Lächeln entlassen.
Von diesem Augenblick an wurde der junge Mönch nicht mehr von dem
Gedanken verlassen: „Dieser kann Hilfe bringen.“ Daneben aber wurmte
stets der gleiche Zweifel: „Wenn ich ihn frage und er auch keine Hilfe
weiß -- was dann?“ So geschwächt war sein Willenssystem, daß er das
Bewußtsein einer +möglichen+ Hilfe dem Versuch einer +wirklichen+ Hilfe
vorzog.
An den Voll- oder Neumondtagen nahm er sich wohl vor, zu beichten,
aber kam es dann so weit, so zerschellten diese Versuche stets an der
Frage: „Was soll ich denn nur beichten?“ Das, mit dem er rang, diese
Urneigung zu einem Göttlichen, hatte sich für ihn noch gar nicht klar
genug, begriffsmäßig formuliert, um es zum Gegenstand einer Beichte zu
machen. Überdies beichten mußte man Fehler. Was man beichtet, erkennt
man allein durch den Akt des Beichtens als Fehler an. Und dieses Ringen
mit dem Göttlichen -- war denn das überhaupt ein Fehl? Sagte nicht
alles rings um ihn, sagte nicht sein eigenes Dasein immer nur das Eine:
„Es +muß+ ein Schöpfer, es +muß+ ein Erhalter da sein!“
Also so geht es mit der Lehre des Buddha, wenn man sie nur mit dem
Verstande begreifen will, ohne sie an sich selber zu verwirklichen. Man
gleicht dem Toren, der vor der vollen Schüssel Reis sitzt und sagt:
„Nicht eher will ich hiervon essen, bis ich verstehe, wie und warum
diese Nahrung sättigen kann.“
Auf einem seiner einsamen Spaziergänge, als er, wie immer in
grüblerische Zweifel versunken, wieder einmal sich selber verloren
hatte, kam ihm plötzlich der Entschluß, den Orden ganz zu verlassen,
ins Haus seines Vaters zurückzukehren und dort in der Weise seiner
Vorfahren weiter zu leben.
So mächtig überwältigte ihn dieser Gedanke, daß er beschloß,
ihn auszuführen so wie er ging und stand. Ohne erst ins Kloster
zurückzukehren, wollte er sich sofort auf den Weg nach Anuradhapura
machen. Prüfend sah er nach der Sonne. Sie neigte sich schon merklich,
aber er konnte kurz nach Sonnenuntergang in seinem Vaterhause anlangen.
Seit vielen Jahren hatte er nichts mehr von dort gehört, ja er wußte
nicht einmal, ob sein Vater noch am Leben war. Für den Alten selber
war dieser Sohn tot. Ein Sohn, der die Götter der Väter verlassen
hatte, der die Opfer verachtete, konnte sein Kind nicht mehr sein.
Ganz allmählich, ohne Haß, aber auch ohne Rücksicht, hatte er den Sohn
abgestoßen, wie der Baum einen welken Zweig abstößt.
Halb willenlos bog Suriyagoda in den ersten Seitenpfad ein, der von
der heiligen Höhe, wo Reinheit und Keuschheit herrschte, in die Ebene
hinabführte, zu den Menschen mit ihren Sorgen und ihrem Schmutz.
Er ging hier durch dichten Urwald, über dem es schon wie Abendstimmung
lag. Hier und dort ließ sich das hohle Brüllen eines Affen vernehmen.
Jetzt hörte Suriyagoda ein schweres Geräusch dicht über sich in den
Zweigen. Es waren zwei dieser häßlichen Tiere, die miteinander kosten.
Widerwillig blickte er vor sich auf den Weg. „Überall Liebe, überall
Liebe!“ Eilig schritt er weiter. Dieses Dämmerlicht des Urwaldes war
ihm trotz der langjährigen Gewohnheit immer noch unheimlich.
Wieder hörte er ein schweres Geräusch, aber diesmal weit abseits im
Dickicht. Er fuhr zusammen. „Ein Elefant?“ Dann sich seiner Furcht
schämend, blieb er trotzig stehen. Er wollte in klarem Bewußtsein diese
Gefühle der Feigheit vorübergehen lassen.
Regungslos stand er da, den Blick fest auf den Boden geheftet. Ein
Zug von Ameisen lag wie ein dunkler Strick vor ihm quer über den Weg
hin, die eine Hälfte des Heeres in der einen Richtung, die andere ihr
entgegen strebend, und jede in einer Hast, als gelte es, die letzte
Stunde dieses Lebens auszunutzen.
„Es ist die blinde Liebe für ihr Heim, das sie treibt,“ dachte
Suriyagoda, während er nachdenklich auf dieses Gewimmel blickte.
Plötzlich wieder dieses schwere Geräusch im Dickicht, aber näher. Das
mußte ein Elefant sein. Er fühlte, wie ihm die Knie zitterten. Solche
einzeln umherschweifenden Elefanten sind nicht wie Herden-Elefanten
friedlich, man möchte fast sagen kultiviert, sondern sie sind das
schlimmste und bösartigste Wild, das ein Mensch treffen kann.
Er wollte davon stürzen. Aber im nächsten Augenblick kam wieder diese
Scham vor sich selber. „Ich will mich nicht fürchten,“ sagte er fast
störrisch. Dabei stemmte er den Fuß in den Erdboden des Fußwegs wie
ein Ringer, der einen Halt gegenüber dem Gegner sucht. „Ehe ich mich
fürchte, will ich wissen, warum ich mich fürchte.“
Indem sah er etwas Weißes durch das Dickicht schimmern und ein Mensch
arbeitete sich, halb kriechend an den Weg heran, auf dem Suriyagoda
stand.