VI.

»Herr Falk hat sich entschlossen, bei uns zu essen,« erklärte Frau

Bender. »Er will seine Einsamkeit endlich ein bißchen verlassen.«

Mely antwortete mit einer höflichen Grimasse. Sie betrachtete ihren

grauen Schlafrock und ärgerte sich, daß sie nicht eleganter erschienen

war. »Wo ist denn Fräulein von Erdmann heute?« fragte sie.

»Herr Doktor Brosam besucht mit ihr das Theater,« erwiderte Frau Bender

lachend. »So zum Abschied, wissen Sie. Ach, sie liebt ihn doch so,«

flötete sie mit komischer Innigkeit.

»Ja, denken Sie, und nicht einmal ein Liebesdrama wird aufgeführt,«

sagte die boshafte Helene.

»Wir bekommen jetzt eine noch ältere Dame, ein Fräulein von Mahnke,«

erzählte die Hausfrau. »Auch eine Gelehrte oder so was Ähnliches.«

»Hoffentlich nur was Ähnliches, denn etwas Schlimmeres gibt es nicht,«

bemerkte Falk. Er hatte bis jetzt seine junge Nachbarin noch nicht

betrachtet. Nun sah er sie an, wandte aber sofort den Blick wieder ab.

»Wie werden Sie da erst über mich urteilen!« sagte Mely.

»Warum?«

»Fräulein Mirbeth malt,« erläuterte Helene, das letzte Wort ironisch

betonend.

»Ach, eigentlich nur ein wenig. Ich lerne ja noch,« setzte Mely hinzu.

»Ich habe nicht viel Talent und nicht viel Lust. Aber ich muß,« fügte

sie rasch bei, als sie den erstaunten Blick des jungen Mannes bemerkte.

»Ich muß,« wiederholte sie schüchtern. »Man muß doch etwas sein.«

»So–o! – Was malen Sie? Porträt?«

»Landschaft – nur Landschaft,« sagte sie mit blitzenden Augen, denn der

geringschätzige Ton seiner Stimme reizte sie. »Sie wollen wohl auch, daß

die Frauen stumpfsinnig bei der Kocherei und bei der Näherei bleiben?«

fragte sie, schon erschreckend über ihre Kühnheit.

»Nein, nein,« entgegnete Falk stirnrunzelnd. »Sie müssen schon

verzeihen« – er errötete und machte eine linkische Geste – »aber ich

meine, wen es dazu treibt, der soll’s treiben. Das ist ja

selbstverständlich. Ich spreche ungern darüber, weil man immer dieselben

Dinge sagen muß. Gewiß, die Frau soll nicht beschränkt sein in dem, was

sie thut, aber auf zehn talentvolle Männer wird doch höchstens eine

talentvolle Frau kommen, die es auch um der Sache willen thut. Bei den

meisten Frauen ist die Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst nichts

als eine verfehlte Heirat. Aber das ist ja alles so oft gesagt worden

und so selbstverständlich.«

»Ja, Sie haben recht,« pflichtete Mely bei. Sie sah Vidl Falk ein wenig

träumerisch an, ohne sich dessen bewußt zu werden. Durch ein verstecktes

Lächeln, das um seine Lippen spielte, erwachte sie gleichsam, und

errötend pickte sie mit den Fingern die Brotkrumen vom Tischtuch.

Das Mahl ging unter gleichgültigen Gesprächen zu Ende.

»Sie sehen sehr abgespannt aus, Fräulein,« sagte Falk beim Thee zu Mely.

»Als ob Sie eine große Fußreise gemacht hätten.«

»Ja, ich habe Kopfweh,« entgegnete sie rasch mit gesenkten Lidern.

Seltsam, aufs neue, aufs quälendste erwachte gerade in diesem Augenblick

die Reue in ihr. Die Worte Falks erwärmten sie. So vergessen von aller

Welt erschien sie sich, daß diese in fast besorgtem Ton gemachte

Bemerkung, die doch möglicherweise eine bloße Redensart sein konnte, ihr

wie eine Liebkosung erschien. Sie preßte die Hand an die Stirn, wie um

zu beweisen, daß sie große Schmerzen habe.

Frau Bender hatte um Entschuldigung gebeten. Sie lag auf dem Divan und

war dort eingeschlafen. Helene, in der altjüngferlichen Haltung, die ihr

oft eigen war, saß im Stuhl zurückgelehnt und hörte zu, bald Beifall

lächelnd, bald grundlos errötend. Eine Riesenrose aus Kreppstoff hing

über dem Milchglassturz der Hängelampe und hüllte die eine Hälfte des

Raumes in Dunkelheit. Der Divan mit der schlafenden Frau Bender, das

Pianino, die Thüre nach dem Schlafzimmer der Familie und ihre braunen

Portieren, ein Stahlstich nach einem Hobbema und ein Genrebildchen von

Horstik, – das alles lag in Dämmerung. Falk rauchte, und der blaue

Dunst schwebte in Schlangenlinien, in feinen Schleiern, in

verschnörkelten Figuren, gegen das Licht, über welchem er, von dem

heißen Luftstrom erfaßt, blitzschnell nach der Decke emporwirbelte.

»Haben Sie sehr große Schmerzen?« fragte Falk. »Ich kann sie lindern.

Oft schon hab’ ich das gethan. Ich brauche nur die Hand auf Ihre Stirn

zu legen.«

»Nein –?«

»Gewiß, – gewiß,« beteuerte er und seine Augen funkelten. Er stand auf

und stellte sich vor Mely hin. Dann nahm er ihre beiden Hände in seine

beiden und forderte sie auf, ihn unverwandt anzublicken. Sie zögerte

lange, mit scheuem Lächeln streifte sie die überlegen dreinschauende

Helene, und endlich wagte sie es, den jungen Mann anzusehen. Aber sie

ertrug es nicht, sie mußte den Blick zu Boden senken. Auch schämte sie

sich, daß sie gelogen hatte, denn in Wahrheit hatte sie gar keine

Schmerzen. Doch es war, als ob sein Blick sie zwänge die Augen

aufzuschlagen, und sie gehorchte. Sie begegnete seinem Blick und ein

paar Sekunden lang sah sie ihn ganz starr an. Dabei lag etwas Staunendes

in ihren Augen und zugleich etwas Flehendes.

Er nahm nun ihre zwei Hände in seine Rechte. Ihre Hände waren kalt wie

Stein und glatt und trocken. Mit seiner Linken bedeckte er ihre Stirn.

Da schüttelte sie energisch den Kopf, und unwillig stand sie auf. Falk

war bestürzt, aber nur deshalb, weil er nicht länger in diese glänzenden

Augen sehen konnte, in denen sich der Augapfel so überaus rein von dem

milchigen Weiß des übrigen Auges abhob.

»Sehen Sie nur her!« rief Mely am Fenster, Helene und Falk traten zu ihr

und schoben die Gardine zurück. Der erste Schnee war gefallen. Er

bedeckte die Dächer und die ganze Straße und die Höfe und die Gärten,

wie Konditoreiwaren mit Zucker bestreut sind. Auch der Mond stand am

Himmel, gerade zwischen zwei Schlöten eines Nachbarhauses. Alles war

grün von seinem Licht.

Wie fremd fühlte sich Mely ihren früheren Leiden gegenüber! Es war ihr

zu Mute, als lägen Jahre dazwischen. Nicht daß sie gewaltsam die Augen

vor Gefahren geschlossen hätte, – sie sah keine Gefahren mehr. Sie kam

sich auch gar nicht mehr vereinsamt vor. So schnell wechselte ihre

Stimmung, so sehr konnte sie sich der Behaglichkeit eines Moments

hingeben.

»Haben Sie immer noch Kopfschmerz?« fragte Falk.

Sie verneinte und schämte sich aufs neue ihrer Lüge. Dabei fragte sie

sich, warum sie eigentlich gelogen und warum ihr diese Lüge gerade jetzt

peinlich sei. Wieviel Lügen hatte sie schon gesagt, ohne viel

nachzudenken. »Sie wollten mich wohl hypnotisiren?« fragte sie, den

jungen Mann furchtsam anblickend.

»Bei Ihnen wär’ es nicht schwer,« erwiderte er. »Wollen Sie?«

»Nein, niemals!« rief sie erschrocken. »Nicht wahr, da kann man einem

alle Geheimnisse entlocken?«

»O –!« machte Falk.

Jetzt denkt er sicher, ich sei dumm, dachte Mely. Ich sehe es deutlich

an seinem Lächeln. Bah, das macht ja nichts.

»Es ist komisch,« meinte Helene, »wenn man so dasteht wie jetzt und man

schaut hinaus, und es ist alles so ruhig, – da wünscht man sich doch

etwas. Oder, – wie will ich sagen, man fühlt sich besser als in andern

Stunden, nicht?«

Wenn sie so sprach, ernst und nachdenklich, berührte alles sympathisch

an ihr. Man fühlte, daß es aufrichtig war, was sie sagte, und war ihr

dankbar, daß sie dadurch das Innige der Stimmung vermehrte. Sie war

klug.

»Das ist wahr,« antwortete Falk. »Ihnen sieht man zum Beispiel an, was

Sie wünschen.«

»Nun was – was?« drängte sie ein wenig kokett und als sei sie überzeugt

davon, daß niemand in ihr Innerstes einzudringen vermöge.

»Ich halte Sie für sehr ehrgeizig.«

»Das mag sein,« bestätigte Helene geschmeichelt und blickte Falk dankbar

an. »Ja, das bin ich auch,« fuhr sie nach einer Pause eifrig fort. »Ich

möchte etwas anderes als andere.«

»Und das wäre –?«

»Ich möchte vielleicht zu meinem Vater, – möchte ihm bei seinen

Arbeiten behilflich sein, – Sie wissen ja, er ist Bildhauer, ich möchte

vielleicht selbst – ach Gott, was möchte man denn nicht!« brach sie ab,

die Worte fast singend. Es schien, als bereue sie, so offen gewesen zu

sein. Aber immer noch lag diese Dankbarkeit gegen Falk in ihrem Gesicht,

als hätte er bewiesen, daß er ihre Natur richtig beurteile, und als

hätte er durch diese harmlose Äußerung ungewöhnlichen Scharfsinn

verraten. »So viel möchte man, so viel!« wiederholte sie, halb

sehnsüchtig, halb ironisch.

Sie möchte, aber sie thut nichts, dachte Mely. Den ganzen Tag faullenzt

und träumt sie und ihre Mutter mag sich quälen und abarbeiten. Nicht

einmal etwas nähen, nicht einmal bügeln mag sie. »Aber warum zürne ich

ihr?« fragte sie sich gleich darauf. »Vielleicht weil sie etwas Kluges

gesagt hat?« Ja, warum zürnte sie ihr?

»Können Sie auch über mich etwas sagen?« fragte sie den jungen Mann,

indem sie die Ellbogen auf die Kniee stützte und sich weit vorbeugte.

Wieder konnte Falk in ihre Augen blicken, die gespannt und furchtlos auf

ihn gerichtet waren; und er vergaß darüber fast, zu antworten. Er wurde

verwirrt und strich die schwarzen Haarsträhne aus der Stirn. Er

stotterte: »Ich – ich halte Sie für sehr vertrauensselig und – nun ja

– für sehr vertrauensselig,« schloß er, als könne dies eine Wort alle

andern in ihrer Charakteristik ersetzen.

Sie lächelte. »Der Herr Oberst sagt immer, ich sei schrecklich

mißtrauisch,« sagte sie leise.

»Der Herr Oberst, – wer ist das?«

»Das – das ist – mein Vormund.« Ein dunkler Schatten fiel gleichsam

über sie und machte sie unruhig.

»Sind Sie hier geboren?« fragte Falk.

»Nein, ich bin Fränkin. Unterfranken ist meine Heimat. Dort in den

Weinbergen, – in Sommerhausen ...«

»Da sind wir ja Landsleute, auch ich bin Franke. Und Sie haben keine

Eltern mehr? Auch keine Geschwister?«

Beides verneinte sie. Und es trieb sie, die neue Lüge wahrscheinlicher

zu machen. »Ganz allein hab’ ich immer gespielt als Kind,« erzählte sie.

»Meine Eltern ließen mich gar nicht mit andern Kindern spielen. Immer

vom Fenster aus hab’ ich zugesehn, wenn die andern so vergnügt waren, –

wie eben Kinder vergnügt sind. Und ich durfte nicht mitthun. Es ist

merkwürdig, – gerade jetzt träum’ ich so oft von der Kinderzeit, –

aber ganz genau, wie es damals war. Ich seh’ meine Mutter noch mit ihrem

schwarzen, dicken Haar und dem Scheitel in der Mitte. Meine Mutter hatte

nämlich herrliches Haar, ganz blauschwarz. Wie oft hat sie mich für

nichts und wieder nichts geprügelt. Sie war jähzornig, gerade wie ich.

Und denken Sie, davon träum’ ich oft so deutlich, gerade von den

Prügeln.«

»Träumen Sie denn nicht auch von schönen Dingen? Vom Heiraten zum

Beispiel –? Nein? Und Sie denken auch nicht daran?«

»Jetzt nimmer, früher. Früher, als ich noch dreizehn Jahre alt war oder

vierzehn, da dacht’ ich mir immer: Wie schön wird es sein, wenn ich

einmal zwanzig alt bin. Da könnte ich dann heiraten. O, es wäre fein.«

Sie lachten.

»Haben Sie denn auch ein Ideal gehabt?« fragte Falk. »Das gehört doch

dazu. Ein Dichter oder ein Raubritter, wie?«

Mely ging auf den Scherz ein. »Ach nein,« sagte sie melancholisch. »Ich

hätte am liebsten einen Katecheten mögen.«

»O, wie komisch! Das ist wenigstens originell! Haben Sie immer so aparte

Wünsche?« – –

Es war spät geworden, und Mely erhob sich, um zu gehen. Sie drückte Falk

und Helene die Hand, und zündete dann ihre Kerze an, die auf der Kommode

stand, und die sie allabendlich dorthin stellte.

In ihrem Zimmer angelangt, war das erste, was sie that, dies: Sie nahm

den Revolver, der auf dem Tisch lag, und versteckte ihn sorgfältig in

ihrem Wäscheschrank. Dann setzte sie sich auf den Rand des Bettes,

stützte die Arme rückwärts auf die Kissen und sah mit halbgeschlossenen

Augen ins Licht. »Haben Sie große Schmerzen – ich kann sie lindern,«

sagte sie leise vor sich hin und klemmte die Unterlippe zwischen die

Zähne. Jedes Wort, das an diesem Abend gefallen war, hätte sie

wiederholen können. Warum bin ich denn nur so heiter? dachte sie. Warum

ist mir so leicht? – –

Halb vier Uhr schlug es auf den Türmen, da lag sie noch mit offnen Augen

und blickte in die Finsternis. Alle ihre Romane hatte sie schon

durchlebt, den Millionenpalast und die Sklavenschar, und die

abenteuerlichen Ritte, wobei sie vom Pferde fiel und von einem stolzen

Grafen und seiner Mutter verpflegt wurde. Sie konnte keinen Schlaf

finden. »Ich möchte einmal so recht von Herzen glücklich sein,«

flüsterte sie in ihr Kissen, und sie drückte einen Kuß auf das weiße

Linnen. Das war das letzte, woran sie sich am andern Tag noch erinnern

konnte.

Melusine: Ein Liebesroman · 第 11 / 57 题