G.

126.

Goethe an Kestner.

v. 1. Sept. 1785.

Euer Brief lieber Kestner hat mich vergebens in ienen Gegenden gesucht,

ich bin dem Hofe nicht gefolgt, und sas, da Ihr ihn schriebt, ziemlich

weit von Euch ab, in Carlsbad.

Wie viel Freude wäre es mir gewesen Euch wiederzusehen, Theil an

Eurer Freude und Eurem Kummer zu nehmen und die alten Zeiten wieder

herbey zu rufen. Der Todt Eures Mädgens schmerzt mich sehr. Ich sehe

was in Herders Familie so ein kleines Weibgen unter den vielen Knaben

wohlthut. Da Ihr immer fruchttragende Bäume seyd; so müsst Ihr den

Verlust zu ersezen suchen. Grüset Lotten herzlich, ich denke sie ist

mir noch gut und ich werde so lang ich lebe meine Gesinnungen gegen sie

nicht verändern.

Adieu. Alles liegt voll um mich von Papieren, deswegen nicht mehr.

d. 1. Sept. 85. G.

127.

Goethe an Kestner.

v. 4. Dec. 1785 d. 2. April 86 beantw.

Seit dem Empfang Eures Briefes, lieber Kestner, habe ich mich über

Euer Schicksal nicht beruhigen können, das Ihr mit so vielem guten

Muthe ertragt.[33] Bisher wart Ihr mir eine Art von Ideal eines durch

Genügsamkeit und Ordnung Glücklichen und Euer musterhaftes Leben mit

Frau und Kindern war mir ein fröhliches und beruhigendes Bild. Welche

traurige Betrachtungen lassen mich dagegen die Vorfälle machen die Euch

überrascht haben und nur Euer eignes schönes Beyspiel richtet mich

auf. Wenn der Mensch sich selbst bleibt, bleibt ihm viel. Seyd meines

herzlichen Antheils überzeugt, denn mein mannigfaltiges Weltleben hat

mir meine alten Freunde nur noch werther gemacht. Ich danke Euch für

den umständlichen Brief und für das sichere Gefühl meiner Theilnehmung.

Lebet wohl, grüst Lotten und die Kinder. Das Bad hat gute Würkung

hervorgebracht und ich bin recht wohl.

W. d. 4 Dez. 85. G.

128.

Goethe an Kestner.

v. 16. Jun. 1786.

Euer Doctor Riedel hat mir sehr wohl gefallen, und hat überhaupt hier

Beyfall gefunden. Schreibt mir doch etwas näheres über ihn, seine

Familie, seinen Character, seine Schicksale und Aussichten, besonders

ein näheres von diesen letzten, vielleicht fände sich etwas für ihn in

unsrer Gegend, sagt aber weder ihm noch sonst jemand davon.

Ich wünschte sobald möglich darüber einige Nachricht, denn ich gehe

mit Ende dieses Monats in's Carlsbad, schreibt aber nur auf alle Fälle

hierher. Ich bin wohl und liebe Euch. Wann werden wir uns einmal wieder

sehen! Grüßt Lotten und die Eurigen und behaltet mich lieb.

Weimar d. 16 Jun. 86.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 53 / 63 题