Kestners an Goethen.
(Von Hannover 1783.)
Ich dancke, daß Ihr mir von dem Vorhaben, den Werther umzuarbeiten,
Nachricht geben wollen. Ich freue mich aber, lieber bester Freund, nur
in so fern darauf, als das Anstössige darin hoffentlich wenigstens
gemildert werden kann, und -- wenn Ihr einigen Errinnerungen darüber
Raum geben wolltet, welches ich doch zu Eurer Freundschaft gegen uns
zuversichtlich hoffe, jetzt am mehrsten hoffe, da Euer Jugendliches
Feuer sich in 10 Jahren etwas gemildert haben, und der kältern
Ueberlegung des Mannes von selbst etwas nachgeben wird.
Ich erinnere mich gleich damals, als Ihr uns ein Exemplar davon
schicktet, einige Erinnerungen gemacht zu haben, um die völlige
Publication noch aufzuhalten, welches aber zu spät war. Da das Buch
auch einmal in aller Welt Händen ist; so wird nicht allen, wenigstens
nicht ganz abgeholfen werden können. -- ich besitze jetzo das Exemplar
nicht mehr. Es muß mir entwandt seyn. Von andern mag ich es auch nicht
fordern, theils aus den in meinem letzten Briefe bemerkten Gründen,
theils um nicht bemercklich zu machen, daß ich von der vorhabenden
Umarbeitung gewußt habe. Ich will es mir zwar verschreiben, um es
nochmals genau durchzugehen, und meine Erinnerungen darüber bestimmter
zu machen. Vorläufig aber etwas, das mir eben gerade einfällt.
1) ~Die Ohrfeigen~, welche Lotte austheilt, waren uns beyderseits
anstössig. Diese Episode ist weder in der wahren Geschichte gegründet,
-- es sey denn, daß Ihr solches anders woher genommen -- noch dem
Character ~der~ Lotte, welche Ihr schildert, genug angemessen.
Meine Lotte wenigstens, wäre nie im Stande gewesen, sich so zu
benehmen. Ob sie gleich ein lebhaftes, muthwilliges Mädchen war; so
blieb sie doch immer ein Mädchen, und behielt bey solcher Lebhaftigkeit
und Muthwillen doch immer die weibliche _Delicatesse_ -- ein
andres Wort fällt mir nicht gleich ein -- bey.
2) Der Umstand, daß sie Werthern auf dem Balle gleich zu verstehen
gegeben, daß sie schon engagirt sey, war uns auch anstössig. Meine
Lotte, wenn die damit gemeynt wäre, hätte solches nicht äussern können;
weil wir nie eigentlich versprochen gewesen sind. Wir verstanden uns,
wir waren einig, wir waren nicht mehr zu trennen, das ist wahr. Es
beruhte aber nur zum Theil auf einer stillschweigenden Uebereinkunft.
Wir hätten, menschlichen Gesetzen nach, uns noch immer trennen können.
Auf meiner Seite hatte eine gewisse Eigenheit oder _Caprice_, wenn
Ihr wollt, daran Schuld.
123.
Goethe an Kestner.
v. 24. Jun. 1784.
Lange hätte ich Euch schon schreiben sollen, denn ich habe Euch noch
nicht für die gute Aufnahme meiner Iphigenie gedankt. Besonders war
mir sehr lieb daß Ihr ins Detail gegangen seyd und mir gesagt habt was
Euch daran gefiel, denn ein allgemeines unbestimmtes Lob hat wenig
tröstliches und belehrendes.
Das Exemplar habe ich lange wieder erhalten, und auch Euren Brief von
Zelle.
G.... konnte Euch wenig von mir sagen, ich habe nichts gemeines mit
ihm. Es ist ein töriger Mensch der sich zu Grunde richtet.
Was Ihr mir von Euren Kindern schreibt höre ich gern, glückseelig der
dessen Welt innerhalb des Hauses ist. Erkennts nur auch recht wie
glücklich Ihr seyd und wie wenig beneidenswerth glänzendere Zustände
sind.
Die Grafen Stollberg haben uns besucht, es war eine sehr angenehme
Erinnerung voriger Zeiten und eine neue Befestigung der alten
Freundschafft.
Wann werd ich Euch einmal wiedersehn! Grüset Lotten, und lebt wohl,
gesund und vergnügt mit den Eurigen, laßt manchmal von Euch hören und
behaltet mich lieb.
Eisenach d. 24 Jun 1784.