Apropos ist denn Lotte immer noch so schnippisch? Schickt mir doch
einmal Eure Silhouetten, und Sophies und der Kinder.
118.
Goethe an Kestner.
Pfingstsonntag 1780.
Es ist recht schön dass wir einander wieder einmal begegnen. Vor
einigen Tagen dacht ich an euch und wollte fragen wie es stünde. Schon
lange habe ich Plan gemacht euch zu besuchen vielleicht gelingt mir's
einmal und ich find euch und eure 5 Buben wohl und vergnügt. Es wär
artig wenn ihr mir einmal einen Familienbrief schicktet wo Lotte und
wer von den Kindern schreiben kann auch einige Zeilen drein schrieben
dass man sich wieder näher rückte. Ich schick euch auch wohl einmal
wieder was, denn ich habe schon mehr Lufft an meine Freunde zu denken
ob sich gleich die Arbeit vermehrt.
Ausser meiner Geheimeraths Stelle, hab ich noch die Direcktion des
Kriegsdepartements und des Wegebaus mit denen dazu bestimmten Kassen.
Ordnung, Präzision, Geschwindigkeit sind Eigenschaften von denen ich
täglich etwas zu erwerben suche.
Uebrigens steh ich sehr gut mit den Menschen hier, gewinne täglich
mehr Liebe und Zutrauen, und es wird nur von mir abhängen zu nuzzen
und glücklich zu seyn. Ich wohne vor der Stadt in einem sehr schönen
Thale wo der Frühling jetzt sein Meisterstück macht. Auf unsrer lezten
Schweizerreise ist alles nach Wunsch gegangen und wir sind mit vielem
Guten beladen zurückgekommen.
Für Henningsens Deducktion dank ich. Das Gedicht kenn ich nicht und die
ganze Sache zeugt von nicht sehr klaren Begriffen. Adieu Grüsse Frau
und Kinder und behaltet mich lieb. Pfingstsonntag 1780.
Goethe.
Dass dir Oberon so wohl gefällt konnt ich denken, es ist ein ganz
trefflich Gedicht. Wenn ein Deutscher Dichter ist so ist ers. Meine
Schriftstellerey subordinirt sich dem Leben, doch erlaub ich mir, nach
dem Beyspiel des grosen Königs der täglich einige Stunden auf die Flöte
wandte, auch manchmal eine Uebung in dem Talente das mir eigen ist.
Geschrieben liegt noch viel, fast noch einmal so viel als gedruckt,
Plane hab ich auch genug, zur Ausführung aber fehlt mir Sammlung und
lange Weile. Verschiedenes hab ich für's hiesige Liebhaber Theater,
freylich meist Conventionsmäsig ausgemünzt. Adieu.
119.
Goethe an Kestner.
v. 30. May 1781. _acc._ 22. Jun. 81.
Wieder ein gutes Wort von Euch zu hören mein lieber Kestner war mir ein
angenehm Begegnen unter den schönen Schatten meiner Bäume, unter denen
ich Freud und Leid still zu tragen gewohnt bin.
Grüst mir Lotten mit ihren vielen Buben, es mögte wohl hübsch seyn wenn
ich euch besuchen könnte.
Jetzt werd ich täglich mehr leibeigen, und gehöre mehr der Erde zu der
wir wiederzukehren bestimmt sind. Die Aufzählung eurer Thaten, in euren
kleinen Selbstgens, hat mir recht wohl gethan, ich hab euch dagegen
nichts zu geben, denn ich bin ein einsamer Mensch. Brandes[29] war nur
wenige Zeit bey mir.
Hierbey schick ich Lotten ein klein Nachspiel; sie solls nur nicht aus
Händen geben dass es nicht gedruckt wird. Adieu, wie vor Alters. W. d.
30 May 81.