G.

95.

Goethe an Hans.

Bestell er mir den Brief richtig und bald. Seiner ist auch bestellt.

Wünsche Alberten und Ernst gute Besserung. Empfehl er mich dem Papa,

grüss er die Schwestern und Lengen und Dorthel und schreib er mir

manchmal.

Goethe.

96.

Goethe an Lotte.

(1773 oder 1774.)

Liebe Lotte, es fällt mir den Augenblick so ein, dass ich lang einen

Brief von dir habe, auf den ich nicht antwortete. Das macht du bist

diese ganze Zeit, vielleicht mehr als jemals _in, cum et sub_

(lass dir das von deinem gnädigen Herrn erklären) mit mir gewesen. Ich

lasse es dir ehstens drucken -- Es wird gut meine Beste. Denn ist mirs

nicht wohl wenn ich an euch dencke?

Ich bin immer der Alte, und deine Silhouette ist noch in meiner Stube

angesteckt, und ich borge die Nadeln davon wie vor Alters. Dass ich ein

Tohr binn, daran zweifelst du nicht, und ich schäme mich mehr zu sagen.

Denn wenn du nicht fühlst dass ich dich liebe, warum lieb ich dich? --!

Goethe.

97.

Goethe an Kestner.

(Märtz 1774.)

Auf einen Brief vom 1^{ten} Weynachtstage erst den 13 Februar Antwort

zu haben, ist nicht schön. Künftig, Kestner, schick mir deine Briefe

mit der Post. Und schreib öfter, sonst wend ich mich an Lotten dass die

mir schreibt.

Die Max La Roche ist hierher verheurathet, und das macht einem das

Leben noch erträglich, wenn anders dran etwas erträglich zu machen ist.

Wie offt ich bey euch binn, heisst das in Zeiten der Vergangenheit,

werdet ihr vielleicht ehestens ein Document zu Gesichte kriegen. Und

wenn ihr nicht oft schreibt, und wenns häusliche Kleinigkeiten wären.

Ihr wisst dass mir daran am meisten gelegen ist.

Der Jakobi hat Lotten in sofern Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Er

hat eine sehr vorteilhafte Schilderung von ihr gemacht, und wie man mir

es schrieb, so wusst ich warrlich nicht dass das all an ihr war, denn

ich hab sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie so acht zu haben.

Die ~Iris~ ist eine kindische Entreprise, und soll ihm verziehen

werden, weil er Geld dabey zu schneiden denckt. Eigentlich wollen die

Jackerls den Merkur miniren, seit sie sich mit Wieland überworfen haben.

Was die Kerls von mir dencken ist mir einerley. Ehedessen haben sie auf

mich geschimpft wie auf einen Hundejungen, und nun müssen sie fühlen,

dass man ein braver Kerl seyn kann ohne sie iust leiden zu können. Dass

Lotte in der Reihe der Protectrices steht, kleidet sie gut zu Gesichte.

Von meinen Wünschen und Hoffnungen zu euch zu kommen mag ich nichts

reden. Mir gehts wie euch -- und also wollen wirs unterdessen auf sich

beruhen lassen.

Dass ihr Herdern nicht näher gesehn habt, ist doch fatal. War er denn

alleinn? Oder sein Weib mit? Ich binn wohl fleissich, und meine Lebens

Wirthschaft ist immer die alte. Wenn ich manchmal deine alten Briefe

ansehe, erstaun ich, dass ich nach so mancherley Veränderungen noch

derselbe binn. Und möchte das auch von euch hören. Desswegen schreibt

mir öffter und bittet Lotten, dass sie mir nur manchmal ein Wörtchen

schreibt, wenns ihr ums Herz ist. Das könnte sie wohl thun. Sie soll

mir die Pestel grüssen, das muss auch ein braves Weib seyn.

Die Kunckel hat dem Magistr. viel Schererey gemacht. Sie sas in

Strasburg. Der dortige Magistrat wollte sie nicht ausliefern, und da

der Kurfürst sich an den König gewendet, ist sie auf und davon in die

Schweiz. Das sind die neusten und noch zur Zeit geheimen Nachrichten.

Dass wir sehr Kayserlich sind, ist kein Wunder, da wir des Kaysers sind.

Adieu. Lasst bald wieder was hören. Ich binn der Alte, von Ewigkeit zu

Ewigkeit Amen.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 35 / 63 题