Am ersten Christtage, morgends nach sechs. (1773.)

Es ist ein Jahr dass ich um eben die Stunde an euch schrieb, meine

lieben, wie manches hat sich verändert seit der Zeit.

Ich hab euch lange nicht geschrieben, das macht dass es bunt um mich

zugeht.

Ich danke dir liebe Lotte dass du mir für meine Spinneweben einen

Brief geschenkt hast. Wenn ich das gehofft hätte, wäre mein Geschenk

eigennützig gewesen. Ich habe ihn wohl hundertmal geküßt. Es giebt

Augenblicke wo man erst merkt wie lieb man seine Freunde hat.

Ich kann euch die Freude nicht beschreiben die ich hatte ~Merken~

wieder zu sehn, er kam acht Tage eh ich's vermuthete, und sas bey

meinem Vater in der Stube, ich kam nach Hause, ohne was zu wissen, tret

ich hinein und höre seine Stimme eher als ich ihn sehe. Du kennst mich

Lotte.

Die Stelle in deinem Brief die einen Wink enthält von möglicher

Näherung zu euch, ist mir durch die Seele gangen. Ach es ist das schon

so lange mein Traum als ihr weg seyd. Aber es wird wohl auch Traum

bleiben. Mein Vater hätte zwar nichts dagegen wenn ich in fremde

Dienste gienge, auch hält mich hier weder Liebe noch Hoffnung eines

Amts -- und so scheint es könnt ich wohl einen Versuch wagen, wieder

einmal wie's draussen aussieht.

Aber Kestner, die Talente und Kräffte die ich habe, brauch ich für

mich selbst gar zu sehr, ich binn von ieher gewohnt nur nach meinem

Instinkt zu handeln, und damit könnte keinem Fürsten gedient seyn. Und

dann biss ich politische Subordination lernte -- Es ist ein verfluchtes

Volk, die Franckfurter, pflegt der Präs. v. Moser zu sagen, man kann

ihre eigensinnigen Köpfe nirgends hin brauchen. Und wenn auch das nicht

wäre, unter all meinen Talenten ist meine Jurisprudenz der geringsten

eins. Das bissgen Theorie und Menschenverstand richtens nicht aus --

Hier geht meine Praxis mit meinen Kenntnissen Hand in Hand, ich lerne

ieden Tag und haudere mich weiter. -- Aber in einem Justiz-Collegio

-- Ich habe mich von ieher gehütet ein Spiel zu spielen da ich der

unerfahrenste am Tisch war -- Also -- doch möcht ich wissen ob deine

Worte etwas mehr als Wunsch und Einfall waren.

Meine Schwester ist brav. Sie lernt leben! und nur bey verwickelten

misslichen Fällen erkennt der Mensch was in ihm stickt. Es geht ihr

wohl und Schl. ist der beste Ehemann wie er der zärtlichste und

unverrückteste Liebhaber war.

89.

Goethe an Hans.

Hier ist ein guter Freund von mir, ich wäre gern mitgekommen lieber

Hans, aber das will nicht gehn. Wenn ihr mich lieb behaltet, so hoff

ich doch einmal zu erleben, dass ich euch wieder sehe. Was er an Hr.

Plitt thut will ich für mich annehmen. Bring er ihn zu Brandts, und

grüs er die Schwestern denen der junge Mann auch ohne mein Empfel

wohlgefallen wird. Meine Buben sollen mich lieb behalten. Ich schick

ihnen was aus der Mess. Sophie und Annel haben mich hoff ich nicht

vergessen. Sey er immer brav. Die ~Franckf. Zeitungen~ kauff er

sich nicht, er kann sie zu nichts brauchen. Wenn ich ein gut Buch für

ihn finde schicke ichs ihm. Adieu und vergiss er nicht zu schreiben.

Goethe.

90.

Goethe an Hans.

Lieber Hans bitt er Anngen um Verzeihung dass ich nicht ihr meine

Comission ausgerichet. Hr. Schmidt kann keine Muster geben, aber Stücke

will er einige schicken. Nun soll Anngen so gut seyn und schreiben was

für Farben und Art sie verlangen, so will ichs besorgen.

Noch eine Comission: bey Hr. v. Falck hab ich 9 fl. zu gut, hohl er sie

doch ab und schick er sie mit der fahrenden Post.

Grüß er das ganze Haus. Msll Dorthel -- er weis wohl -- und Lengen. Und

was Lotte schreibt und schickt mögt ich gern hören.

Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit · 第 30 / 63 题