Eines Tages erklärte der Vater, das Söhnchen habe nun genug gebummelt
-- und am nächsten Morgen schon ging Arnold in dem großen Geschäft auf
und ab, die Schachteln an den Wänden mit neugierigen Blicken musternd.
Der Abschied von der Universität wurde ihm nicht schwer. Daß aus
den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden
könne, war ihm längst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine
vollständige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins
Geschäft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue
gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschütteln;
ein Mann zu werden. Vielleicht im Geschäft. Doch täuschte er sich
da nicht in der Voraussicht, daß der Vater in seinem pedantischen
Geschäftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand
lassen würde. Zunächst versuchte Arnold allerdings Einfluß zu
gewinnen, das Geschäft umzudrehn, da er natürlich sofort, noch ehe
er den naturgemäßen Lauf der Sache kannte, schon Umwälzungsideen im
Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht
mißzuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewöhnte
sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bücher seines Geschmacks
zu lesen und an Nachmittagen sich überhaupt nicht mehr im Geschäft
blicken zu lassen. Auf dem einförmigen Boden des Geschäfts- und
Familienlebens wucherten seine Launen nun noch üppiger und bunter als
vordem.
Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch als bei seinen
Freunden im Wert. Schon seit seiner Jugend, da er als »Wunderkind«
frühzeitig aufsagen, lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein
großer Stolz auf ihn in ihren Herzen eingebürgert. Dann war er der
Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den Mahlzeiten gesprächig,
heiter und ausgelassen, was den Eltern Freude machen mußte. Auch
zärtlich wurde er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn überall
deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel als eines
hochbegabten Musterknaben im Munde geführt. Einen Zirkel älterer Damen,
der sich an regelmäßigen Nachmittagen bei Frau Beer einfand,
entzückte er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines Vaters
unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, mit den letzten
Kuplets, die in seinem Jugendkreise eben aufkamen. Er war der Liebling,
die Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, wodurch er so
viel Enthusiasmus erregt haben konnte. Ja es nützte auch gar
nichts, wenn er einmal sich vornahm unliebenswürdig zu sein. Ein Besuch
kam aus Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, überlaut und
temperamentvoll, vor der er in einem fort seine Arme, Beine und
Wangen in Sicherheit bringen mußte. Zur Strafe sprach er kein Wort
mit ihr, erwiderte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit möglichst
gleichgiltigen. Es half nichts, einige Tage nachher schickte sie ihm, in
einem Brief an Frau Beer, spezielle Grüße, zerschmelzende: »Dem lieben
lieben liebenswürdigen Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe.«
»Aber warum denn? -- Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. Ich war doch
auch gar nicht lieb zu ihr« fragte er die Mama. »Du hast sie an ihren
Sohn erinnert« war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war stärker
als er ... Nur einmal, erinnerte er sich, in frühester Jugend war diese
Weihrauchwolke um ihn zerrissen worden -- durch die Großmutter, die
sonst in Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfüllten kurzen
Besuchszeit dahin wieder abreisen mußte. Sie hatte an allem etwas
auszusetzen gefunden, auch ihm einmal einen Stoß vor die Brust gegeben,
weil er ihr nicht schnell genug auswich, das wußte er noch genau ...
Doch da sie als unverträglich bekannt war, man sprach von ihr als von
einer »Furie«, dem »bösen Geist der Familie«, tröstete er sich schnell
über diesen Mißerfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt.
-- Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer der Kurorte. Oder beim
Kurkonzert, wo er in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen
Opern wie »Zampa«, »Wasserträger« vom weiten erkannte, zum allgemeinen
bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfüllte. Von
solchen Philistern gelobt werden, pfui! Beschämt gestand er sich selbst,
daß das nur daher komme, weil er seinen Mund nicht halten könne, immer
gleich sagte, was er wußte. Er überlegte eben nicht, vor wem er sprach;
jedes Publikum war ihm recht. Dann fiel ihm ein, daß ja wiederum solche
Leute in keine andere als eine höchst bewundernde Stellung ihm gegenüber
gehörten. Wenngleich er selbst sich für nichts Besonderes halte, diese
dürften schon von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie müßten es,
und kniefällig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz und Ekelgefühl,
Schmeichelei und Überdruß, und diese Mischung beschwingte ihn zwar
nicht, doch drückte sie ihn auch nicht nieder, sie wurde seine
gewöhnliche Atmosphäre ... Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb er
der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, die Seele des Heims,
und selbst der Bruder der Mama, Poldi Goldberg, der als armer
Verwandter mit der ganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenüber
eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen Gruß ... So hätte nicht
viel gefehlt, daß er ganz in der Sphäre häuslichen Wohlgefallens
eingeschlossen geblieben wäre, in der er so viel Beifall erntete; aber
seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu fesseln. Die Mutter
eine sanfte Hausfrau, die alles in peinlichster Ordnung hielt, ohne daß
man je ein lautes Wort aus ihrem Munde gehört hätte; der Vater mit
all seiner nicht unbeträchtlichen Energie im Geschäft, sein
einziges Glück »sich zu vergrößern«, daß heißt: den Laden jedes Jahr
umzubauen, Wände durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit
seinem Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der Stadt zu
prozessieren. Beide waren ordentliche gute gewissenhafte Leute,
aber ohne jede Spur von Romantik, beide alt; und so wurde eben Arnold
zunächst ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde
getrieben, wo es so viel Resonanz für sein lautes Geschrei gab.
Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren nach dem Austritt
aus der Hochschule einigermaßen geändert; Arnold wußte selbst nicht
recht, wie es gekommen war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen
ging, hatte er die regelmäßigen Treffpunkte mit einigen verloren.
Andere blieben aus, weil er die studentischen Vereine nicht mehr
besuchte. Mit Krause, der immer fanatischer das Jüdische
herauskehrte und gegen die »Assimilanten« loszog, hatte er sich nach
einem Wortwechsel ganz zerschlagen. Dafür war Philipp Eisig nach
mehrjährigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, gänzlich
verändert in seinem Äußern, einem eingeborenen Ur-Chicagoer nicht
nur in der Kleidung, sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszügen
gleich, als hätte das fremde Land ihn von Grund aus umgeboren. Die
alte Jugendliebe blühte unverwandelt wieder auf und mit ihr auch das
alte Pumpverhältnis. Während nämlich Eisig für die väterliche Firma
große Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken Haufen von
Banknoten, die er sich angeblich erspart hatte, in die Stadt
zurückkam, wurde Arnold für seine kärgliche Betätigung mit einem
schmalen Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte
Bedürfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, das hatte
er in einer Anstalt drüben sich abgewöhnt, und behauptete überhaupt in
allem die Oberhand, mit seiner tiefen mürrischen, aber sehr
entschiedenen Stimme, seinem wankenden Korpus, dem sich der breite
Kopf nur ungern nachschob, so daß er manchmal in der Luft
zurückzubleiben schien, unsicher schwebend. Er hatte jetzt breite
Schultern, ein reines Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das
in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, helle mutige
Augen, den Mund regelmäßig, die Stirn kindlich. Und dieses neue
Gesicht trug er mit derselben Selbstverständlichkeit wie die neue
überseeische Tracht, den niedrigen, wie ein weißer Ring ganz
zusammenschließenden Kragen, die schön hellgelben Stiefel, die
nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. Unter seinem sehr
langen Rock -- er fiel bis fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff,
doch von vollendetem Schnitt -- konnte man keine Weste vermuten,
eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. Und ebenso
bequem wallten die Hosen herab, oben breit, am Fußgelenk schmal,
wallten wie Fahnen im Wind und man hatte das Gefühl, darunter müsse
gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. So zog er mit Arnold
durch die Nachtlokale der Stadt, von denen keines ihm wüst genug war,
und statt diesen alltäglichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber
selbst einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, der ihm
lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit kleinen Schritten,
fast auf demselben Fleck, während die Arme aufwärts schwebten, sein
Kopf sich langsam senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer
genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder empor, während
die Füße abwechselnd im Cakewalk mit Spitze oder Absatz aufklopften;
dann waren in die Hände plötzlich fremdartige Matrosenbewegungen
gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten es
unsichtbar in den Saal; zum Schluß glitten die Beine aus, ganz steif
fiel der Körper hin, lag schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber
unvermutet wieder gerade in die Höhe ... Der Clown verwandelt sich in
einen Gentleman, der, die Hände in den Taschen, ohne Lächeln, ja mit
trüben Augen an seinen Tisch sich zurückbegab, den Applaus
überhaupt nicht hörend. Er beklagte sich darüber, daß es hier kein
starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten dunklen Sorten.
Nichts. Er hatte sich eben, Gott verdamme es, an Ale gewöhnt ...
Arnold war entzückt von solchen Kraftausbrüchen. Nun ließ er sich
von Philipp in die Gesellschaft anderer Geschäftsleute und junger
Börsengrößen führen, die Nachmittags in matten Glaszellen, hinten
in einem großen Kaffeehause, an kleinen grünen Tischchen Karten
spielten. Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem größten Eifer
Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben und Aufschlagen, mit den
lustigen Zwischenreden dabei, die überlaut klangen, weil sie kurz
waren, fühlte sich gemütlich und doch kampflustig in den Hemdärmeln,
schloß sich von keiner noch so gewagten Kombination aus. Er verliebte
sich ganz in die schlechte aufregende Kaffeeluft; gab es keinen
Tarock, so las er nächtelang Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn
schon und schütteten gleich Stöße von Tagesblättern neben ihn auf das
Plüschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte neben ihm in
die Luft oder malte Zahlen auf den Tisch, wie es überhaupt seine Art
war, sich lange Weilen schweigsamen Berechnungen hinzugeben, über die
er nie etwas Näheres verlautete, die aber den Eindruck von Verwicklung
und oft auch Ärgerlichkeit machten, nach seinen dicken Falten auf der
Stirn zu schließen. Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins
Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig mit allen war
... Diese Art von Geselligkeit nahm ihn nun fast vollständig in
Anspruch; dazu noch Bobenheims Ruderklub, dann Söhne von
Geschäftsfreunden, die sich ihm nach und nach angeschlossen
hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus oder
Weiber oder Jagden, und die Arnold natürlich in der gewohnten Weise
regierte. In Börsekreisen lernte er damals auch den jungen Walder
Nornepygge kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich mit
Erfindungen und Börsenspekulation befaßte. Die gemeinsamen
Freunde, die das Zusammentreffen der beiden arrangiert hatten,
waren überzeugt, daß die beiden so ähnlichen Charaktere, beide so
tätig und so vielseitig, einander schnell verstehn würden. Doch
unerwarteterweise stießen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge
äußerte später, daß er Arnold roh gefunden habe, und Arnold nannte
den andern im vertrauten Kreise »einen eingebildeten melancholischen
Narren«. Überdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust zu
neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer noch außerordentlich
beschäftigt, in Anspruch genommen, und davon war noch lange keine Rede,
daß er endlich einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden hätte.
Schon die paar Stunden im Geschäft, nicht viele, aber regelmäßig
einzuhalten, nicht nach Belieben zu schwänzen wie die Universität,
fielen ihm lästig, behinderten ihn aller Ende. Im Geschäft machte er
übrigens bald gar nichts mehr, auch für sich nichts, schon der bloße
Gedanke, daß er dort Gelegenheit habe, allein zu sein und seine innere
Tüchtigkeit und wirkliche Arbeitskraft also zu erproben, reizte und
verdroß ihn, -- daß dies gewissermaßen ein Prüfstein sein könnte. Er
erfand also allerlei Ausreden, wie den Lärm und die unziemliche
Örtlichkeit, und nur in Briefen raffte er sich dazu auf, nebst
schmetternden und daher eigentlich glanzvollen Klagen über den jetzigen
Zustand baldige Änderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschluß an
diese leeren Vormittagsstunden floß der ganze Tag wie von selbst
schnell und lustig dahin, ohne daß Arnold jemals das ausgeführt hätte,
was ihm im Sinne lag. »Ja, stärker wie Löschpapier bin ich eben nicht«
seufzte er manchmal, in humoristischer und doch selbstanklägerischer
Weise ... Im ganzen war sein Umgang jetzt um einiges weniger geistig
als vorher, doch er selbst war genau derselbe geblieben, immer tätig
und befeuernd, auch mit großer Behaglichkeit, wenn er unter
Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in ein neues Abenteuer zu
werfen, immer unterwegs, im Wagen oder zu Fuß, wie er sich denn auch
eine eigene, besonders schnelle Gangart angewöhnte, mit weit
gespreizten Beinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs zu genügen
-- und da hatte die Mutter gut sagen: »Kleine Schritte machen,
Arnold, kleine Schritte.« Sie fand nämlich, daß seine schöne aufrechte
Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun,
beispielsweise, daran, eine regnerische Abendstunde bei seinem Schneider
zu verbringen, in der hübschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng
wurde durch allseits anrückende Stellagen, behangen mit Röcken und
Hosen. Lässig an den Pult gelehnt sah er dem alten Herrn zu, der
mit geübter Hand die scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser
angenehm-klebrigen gelblichen Fläche, über die Stoffe wandern ließ und
dann eine Schere -- sie war so schwer, daß sie bei jedem Schnitt
herabzusinken schien -- die schnell geschwungenen Linien entlang in das
Dunkel der hingebreiteten Stofflagen führte. Arnold bewunderte ihn, wie
jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, aufs innigste. Und dann kamen so viele
Bekannte hin, um sich Maß nehmen zu lassen oder zu probieren wie er,
man plauderte, der Schneider erzählte die neuesten Anekdoten, empfing
neue von den Kunden dafür, es war ein heiteres erbauliches
Stelldichein, in dem man doch immer durch den Anblick des Chefs, der
bei aller Artigkeit und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Geschäft
weiter besorgte, vor dem Gedanken völligen Faulenzens, wie etwa im
Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging auf und ab, setzte sich auf die
roten Holzsophas, die mit ihren dünnen Stäbchen (wie Möbel beim
Photographen) einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte sich in
Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile ab, um ein
Modegruppenbild an der Wand zum hundertstenmal zu studieren, über
die Ideen und möglichen Beziehungen dieser Leute zu einander
nachzudenken, die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes
auf dasselbe Blatt gemalt waren, also im Grunde ebenso zufällig und
ohne innern Trieb beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem Raum;
plötzlich aber lachte man auf über einen Witz, der hinter dem Rücken
einem andern erzählt wurde, schwang sich wieder zu ihnen herum,
fühlte wieder einen wärmenden menschlichen Zusammenhang in der
beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das feine Kommen und
Gehn über Teppiche hin, die gebeugten Köpfe, von denen der schöne Hut
sich entfernt, diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein
geeigneter Platz für den Schirm im Schirmständer gesucht wird, o diese
Wunder einer zivilisierten Gegenwart, einer vornehmen reichen
Stadt, diese laue Luftströmung unserer gefühlvollen Höflichkeiten!
Und dazu klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht ratsam
fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse mit eilenden
Menschen, deren Schirme im Wechsel der Beleuchtung sich unaufhörlich
zu drehn schienen und wie schwarzes Glas funkelten, und in die
gelberleuchteten Auslagen gegenüber, die mit all ihrer Pracht im Kot
zu zerfließen drohten ...
Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele Leute sah und
Anregung hatte. Er besuchte alle Bälle, die Rennbahnen, die
Tennisturniere. Ohne irgendwo als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er
sich schnell die entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an,
entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, eine
solche lustige Unbekümmertheit, daß stets ein Kreis bedürftiger und
weniger erfinderischer Köpfe ihm Gefolgschaft leistete. Der
harmlose Leichtsinn, mit dem er alles mitmachte, hatte von außen
gesehn etwas Sympathisches, und graue würdevolle Herren klopften ihm
manchmal auf die Schulter als einer Zierde und Hoffnung der Stadt,
erfreut über sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die
flotte Konversation, sie machten träumerische Augen, als dächten
sie an ihre Jugend, als hätten sie eine Erinnerung ihm mitzuteilen,
gerade ihm: daß sie früher mal es auch so getrieben, ach lange
lange vorbei --, als unterdrückten sie eben das alles, um ihn nicht
aufzuhalten und weil das ja keinen Zweck habe. Das alles lag
manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, mit
dem sie ihn zugleich wegschoben, wieder in das Fest hinein ... Arnold
kannte bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder weniger
flüchtig. Einigen Spaßvögeln gegenüber, die ihm besonders gefielen
und die ihn nicht minder schätzten, hatte er die Gewohnheit
angenommen, sich gegenseitig in scheinbarer Rührung um den Hals zu
fallen, so oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer noch der
Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; und wenn er hie und da ein
kleines Klatsch- und Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt
veröffentlichte, gleich hieß es: »Sie sind aber fleißig! Wo nehmen Sie
nur all die Zeit her?« und neidisch fast: »Na, ich gratuliere.« Er
erschrak immer bei so billigem Lob, fand aber zugleich etwas
Angenehmes dabei, wie Betäubung, wie Halbschlaf. Selbst dachte er
immer unlieber über sich nach. »Ich bin halt eine Fernwirkung«
stellte er bei sich fest »von fern schaut's nach was aus, was ich
treibe. Aber wenn man's näher anschaut ...« Nun näherte er sich bald
dem Dreißigerjahr und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwie
begründete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf als
Anhängsel seines Vaters durch, dessen Geschäft er ja später einmal
erben würde -- ja, aber eben so sicher auch ruinieren. Seine einzige
Hoffnung, sein Rückzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit
-- nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf Lamberts Rat
und mit dessen Vermittlung durch beträchtliche Ankäufe vermehrte.
Die gedachte er gelegentlich vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff
besaß sie jetzt schon einen Wert von fünfzehntausend Mark, und mit
dem auf diese Art selbstverdienten kleinen Kapital wollte er
sodann etwas Selbständiges und Ehrenvolles beginnen, in irgend
einem fremden Land, eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich
einmal Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll pflegte
er also diese Sammlung, mit großem Ernst schrieb er alljährlich in
kleinen Bleistiftziffern den erfreulich steigenden Wert unter jede
Marke; wobei er sich natürlich nicht verhehlte, daß der wirkliche
Verkaufswert kaum mehr als die Hälfte des angegebenen Katalogwerts
ausmachte. Aber auch er hatte ja die Marken nicht teurer als zum
halben Wert gekauft, noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese
Art von Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und mochte auch
der Vater diese ganze Sammlerei als dumme Verschwendung, als
hinausgeworfenes Geld beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht
einwenden: »Und wo wäre das Geld, wenn ich es nicht für Marken
ausgegeben hätte? Ich hätte es für andere Dinge ausgegeben und jetzt
hätte ich gar nichts davon.« »Und was hast du jetzt davon! Großartig!
Du meinst doch nicht, daß dir irgendwer für die Papierl etwas gibt?«
Arnold bestand darauf, daß Marken ein Wert wie jeder andere sei. »Aber
die Zinsen?« jammerte der Vater, in die Enge getrieben. Arnold
lachte ihn aus: »Vierzig Knöpfe jährlich!« und wußte überhaupt für
jeden Grund Gegengründe in Masse, da war er ja in seinem Element. --
Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit es war, von der
Seite plötzlich heranzukommen und mit der ganzen Masse seines Leibes
sich dem Angeredeten in den Weg zu stellen: »Du, was sagst du zu
Blériot?«
Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten Erfolge zum Staunen der
ganzen Welt errang. Die Brüder Wright hatten sich mit ihren Apparaten
in beträchtliche Höhen erhoben, Zeppelin war mit seiner ersten Reise
glücklich gewesen, Blériot hatte den Ärmelkanal überflogen ... Eisig,
der eben von einer Tour aus Frankreich kam, wußte Wunderdinge zu
erzählen. Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es war so weit
gekommen, daß er einmal in Reims, als man in die Restauration von
der Gasse hereinrief, draußen fliege eben ein Luftschiff über die
Stadt hin, gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war er an
diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch bereits ein Projekt:
man müsse Blériot einmal in der Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht
ihn, so doch wenigstens einen Schüler. Das koste nicht viel und man
könne damit ein gutes Geschäft machen.
Arnold wäre nicht er selbst gewesen, wenn ihn die Neuheit dieser Idee
nicht sofort gepackt hätte. Er geriet in Entzückung, beschwor den
Freund um nähere Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie
ein Vogel? Sei er groß, so groß wie die Gasse, größer, nein kleiner?
Eisig antwortete, mit seiner tiefen Stimme, der die Langsamkeit der
Aussprache stets einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit
kontrastierte merkwürdig genug die Zielbewußtheit, die List, die aus
den Worten selbst sprach. Auch war sein Hals kurz und dick, beinahe
null, so daß das dicke Kinn an die Brust stieß, und wollte er einmal
lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er nicht den Kopf,
sondern senkte, um den Mund besser zu öffnen, mit fauler Miene das Kinn
noch mehr, so daß es sich in Falten und mehreren Lagen über einander
über die Kravatte hin ausbreitete. Für Arnold hatte dieses Stockende,
Langsame, ihm so Entgegensetzte von jeher einen besondern Reiz
gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, daß er einen Vereinsabend des
»Bürgerklubs« ausließ, obwohl er dort neulich als jüngstes Mitglied in
den Ausschuß gewählt worden war. Er nachtmahlte mit Eisig im »Schweizer
Keller« und schon zwischen Vorspeise und Braten war der Plan fertig:
ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung des ersten hiesigen
Schaufluges.
Am nächsten Nachmittag konstituierte man sich. Eisig hatte noch
einige Herren mitgebracht, von denen Arnold nur Lambert näher kannte.
Es wurden sofort Listen angelegt, um die reichsten Mitbürger zu einem
Garantiefond heranzuziehn. Man mußte nun von einem zum andern fahren,
ihm die Wichtigkeit, kulturelle und andere, des Unternehmens vorhalten,
den sichern Gewinn, mußte die Regierung einladen, das Militär.
Arnold überlegte gerade für sich, daß er sich da wieder in eine
hübsch zeitraubende Geschichte verwickelt habe; da schlug Eisig vor,
ihn zum Obmann zu wählen. Es geschah mit freudiger Akklamation.
Unser Held hatte, wiewohl er sich darüber nicht klar war, im Grunde
nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in
ironischer Laune den »geborenen Vereinsobmann« zu nennen. Wie vielen
Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon präsidiert!...
Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch
gleichsam auch schon geübten Anlauf hinein. Zunächst die Presse. Man
beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch
einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen
Beredsamkeit, indem er gänzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar
andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen
neuen Artikel zusammenkochte, und was für einen strahlenden, über die
»Eroberung der Luft«. Er begann mit Ikarus, selbstverständlich,
widmete sich in aller Kürze den Brüdern Montgolfier, wobei die drei in
die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung
gelangten, entfaltete sich behaglich über das Los der unglücklichen
Erfinder von ehemals, über das Unmögliche und unmöglich Scheinende
(Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Röntgenstrahlen, drahtlose
Telegraphie), gewann allgemach Donnerkräfte, besang in sparsamer
Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger
Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit,
wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen,
schüttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem
Füllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verheißung nieder,
daß man derartiges vielleicht bald auch in allernächster Nähe zu sehen
bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt,
sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung über die Flugwoche in
Brescia. -- An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen
der Arrangeure und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und
Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u. s. f.
In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies sich Arnold als fest
und schlagfertig, geduldig und kühn, ja mit der Größe der
Veranstaltung schienen sich seine Kräfte zu vervielfachen. Man hatte
mit den Fliegern in Frankreich zu korrespondieren, die von allem
Anfang die unverschämtesten Preise verlangten, wie beleidigt und
zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, daß
sie ins Ausland sollten. Dagegen drängten sich Deputationen der
Vororte heran, von denen jeder den schönen Vorrang und Profit des
ersten heimatlichen Fluges einheimsen und jeder daher den
geeignetsten Platz zur Verfügung stellen wollte. Indessen wählte das
Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und auch aus technischen
Gründen angeblich, eine weite Wiesenfläche in der Nähe von Waldbrunn,
dem kleinen Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden
Verhandlungen veröffentlichte Arnold in handfertigen Artikelchen;
es wurde bald zum Stadtgespräch, daß die Eisenbahndirektion in
entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte,
während sonst die Züge nur in der nahegelegenen Stadt Bischofstein
hielten, daß sogar ein Nebengeleise zum Flugplatz gelegt wurde, daß
die Postverwaltung ebenso liebenswürdig die Aktivierung eines eigenen
Post- und Telegraphenamtes mit der Stampiglie »Waldbrunn-Aerodrom« für
die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. Die städtischen Omnibuslinien
nahmen Sonderfahrten in Aussicht, die Hotels erwarteten großen Zuzug
vom Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf Pläne
für diese neue schwierige Aufgabe, auch die Militärbehörde wurde
unruhig. An den Straßenecken, in den Wagen der Straßenbahnen machten
sich die ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren.
Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben und wieder
beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig und die andern besorgten das
Geschäftliche, die Verrechnungen, den Kampf mit den Lieferanten, das
Engagement des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, alles
hingegen, was das Äußere betraf, Repräsentation und ehrenvolle Fassade
gegen die Mitbürger, oblag Arnold, und es zeigte sich bald, daß das
Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr mit der Welt zu
übertragen, denn an vielen Stellen, wo er vorfuhr und Anhänger
warb, sagte man ihm: »Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns
ja die ganze Sache nicht sehr reell.« Man fragte ihn nach der
Solidität dieses und jenes Mitglieds, einer wollte sogar wissen, daß
der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, vorher von Lambert gekauft
und durch einen Vormann dem eigenen Konsortium gegen gehörigen
Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrüstet wies Arnold
derartige Anwürfe zurück, was für Verleumdungen, und in seinem Innern
war er eigentlich nur darüber verwundert, daß diese jungen Leute,
die mir ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen
zu setzen pflegten, doch irgendwie aus rätselhaften Gründen nicht für
voll angesehen wurden, wie sich jetzt herausstellte, während er,
Arnold, ein redliches Ansehn genoß. Doch dachte er darüber nicht
weiter nach, nahm solches nur für die üblichen Schwierigkeiten,
die sich großen unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in den Weg
stellen müßten, und nicht etwa in seinem Vertrauen machte es ihn
wankend, sondern wie ein leises Prickeln der Gefahr drängte es ihn
nur noch ungeduldiger vorwärts, trieb ihn noch mehr, alle Kräfte
aufzubieten, das Zerbröckelnde zu stützen mit den Armen eines Atlas,
und zu leisten, was nur zu leisten war, in eigener Person. Er kam
nun oft von früh bis Abend nicht aus dem Automobil. Das Telephon
hörte nicht auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so
zerstreut, daß er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte.
Ängstlich sahn ihm die Eltern zu. »Ich warne dich«, sagte der
Vater, »aber du machst ja doch nur immer, was du willst.« -- »Er ärgert
sich, weil ich jetzt überhaupt nicht mehr ins Geschäft komme,«
registrierte der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, daß er
nun auch die Vormittage mit geistsprühender geselliger Tätigkeit
anfüllen konnte. Er schlief jetzt nur wenige Stunden, so daß er
morgens vor dem Spiegel manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn,
wie unversehrt noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, noch
gescheitelt und noch wie zusammengepreßt vom Rauch der Weinlokale.
Aber unter der Stirn ging es wirr und polternd, die Ideen wie
Steinlawinen. Er überredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem
Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich patrizischen
Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte sich nun die allgemeine
Neigung, mit ihr die Sicherheit des Unternehmens. Die Beiträge liefen
jetzt beträchtlicher ein. Der Landesausschuß gab eine Subvention.
Man trug sich mit Unerhörtem, nach dem ersten Flug sollte ein
ganzer Zyklus veranstaltet werden, ein Wettbewerb der verschiedenen
Systeme, ein Rundflug über viele Städte hin, man wollte die
Maschinen kaufen und eine Schule gründen, das Aerodrom sollte
jedenfalls für ständige Veranstaltungen stehen bleiben. Kurz, Arnold
glaubte endlich den Beruf gefunden zu haben, für den er paßte. Wer
weiß, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm
eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehn, würde dann
sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen
Kenntnisse und Beziehungen würden ihn dann wie nach einem Plan zu
diesem großen Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf
wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen
stürmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind wälzte sich
noch der Schwall anderer Lebensverknüpfungen hinter ihm her, die
Vergangenheit mit ihren Ansprüchen, die er möglichst schnell und
nebenher abtat.
Draußen in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben rohen Holzplanken
des Aerodroms, und für Arnold, der auch die ganze Korrespondenz
besorgte, war aus ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines
Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete zwar das Wichtigste
in der Stadt, im Palasthotel, in dem das Komitee über einige Zimmer
verfügte, doch fuhr er gegen Abend täglich auf den Rennplatz
hinaus, um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu überzeugen, oft
brachte er auch Journalisten, Offiziere, Sportsleute, Gönner mit.
Und da fand er, daß ihm manchmal da draußen, im kühlen Abend, aus
der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken kamen --
sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm Bedürfnis, und da man
ja im Kleinen das Geld nicht sparte, das ganze Komitee vielmehr die
herrlichsten Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung
des sichern Glücks, herunterschluckte, hatte er eiligst dieses
»Wigwam«, wie er es nannte, sich bauen lassen. Nirgends noch hatte er
sich so wohl gefühlt wie zwischen diesen schnell zusammengenagelten,
groben, harzig-riechenden Brettern, die man nicht anrühren durfte,
ohne einen Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal bis
ganz auf den Boden reichten, so daß man untendurch den Wiesenboden
sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. Herein klangen unaufhörlich
Hammerschläge und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache
Stimmen verwirrt. Man fühlte förmlich das Werk, wie es rüstig
wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus aus dem Tal gegen die
Waldanhöhen hin emporstieg, und Arnold, der sich als das Herz dieses
Lebens fühlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen noch,
schrieb auf elegantem bläulichen Briefpapier, das eine Art Wappen
des Konsortiums in Reliefpressung trug, seine befehlshaberischen
oder einschmeichelnden Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte
sein Leben, das fühlte er wohl, zum erstenmal einen Höhepunkt
erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte er, um diesen
Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme ich nie zum Eigentlichen.
Aber was ist es denn, das Eigentliche im Menschenleben, das,
weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine
Phantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses Eigentliche schon einmal
in der Hand gehabt und habe es nicht gewußt. Vielleicht geht es allen
Menschen so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das
Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los ... Seine Angst
verschwand, er atmete tief und kühl, er schaute einen Augenblick durch
das kleine Fensterchen in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte.
»Die ist doch das größte Etablissement hier in der Nähe« sagte er leise
vor sich hin, wie einen kleinen verliebten Witz, ein Kompliment, als
stünde er auf du und du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese
Fläche, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne aus die letzte
Hitze emporschlug. Und er errötete bei diesem Gedanken, als fühle er
sich heute, in der Blüte seiner Energie, einer solchen Freundin nicht
unwürdig. Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem Blick schon
aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung deutlich als dünne zitternde
Linie, und die gelbe glänzende Fläche schien gleichsam tiefer in den
Himmel hineingedrückt, wie eine Münze mit scharfem Rand ...
Abends nach getaner Arbeit überfiel ihn ein ruhiger tiefer
Glücksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus seiner Brettertüre ins
Freie, fühlte den schwachen Waldwind an seinen Schläfen, in die
Haare hinein, und obwohl er gar nicht wußte, wohin mit all der
Kraft, machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, ließ gleichsam den
Deckel über seine inwendige Zufriedenheit stürzen und sie sorgsam gar
kochen in ihrem eigenen Dunst ... Manchmal rief er auch die Kinder zu
sich, die von der Straße her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und
begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder und Kinder von
Waldbrunner Kurgästen, alle freuten sich über das, was da gebaut
wurde, waren gespannt auf das Kommende, verstanden am Ende mehr
davon als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte Kinder;
unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene Lust am
Fußballspielen aufs neue, sein Vergnügen an jedem tollen
Herumschrein und Vorwärtsstürmen, sein oft sinnloses Kommandieren und
Kommandiertwerden. Von Zeit zu Zeit, wenn er zufällig in eine
Kindergesellschaft geriet, fühlte er sich auch immer schnell als
einer der ihren, fand unter ihnen Trost gegenüber dieser langsam
klebrigen Welt, ohne jedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern
von einem zum andern Mal vergaß er diesen Eindruck und war immer aufs
neue überrascht ... Einmal arrangierte er jetzt, in Waldbrunn, ein
Wettrennen längs des Waldsaums. Der blonde Gerhart, ein großer Junge
von etwa fünf Jahren, fiel über jede Baumwurzel hin, endlich aber
so derb, daß er zu schrein anfing ...
Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich bei ihr zu entschuldigen.
»Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient er, tüchtige.«
Jetzt erst, erstaunt über diese in devotem Ton hervorgebrachte und,
wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige Rede, blickte Arnold die
Dame an, während er bisher nur an dem kleinen quäkenden Kerlchen
herumgearbeitet hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der Nase zu
wischen ... Es war eine große auffallende Blondine, die er schon
mehrmals gesehn haben mochte, und nun wußte er auch, wo: sie hatte ihm
einigemal, wenn er hier auf Bauplätzen und Gerüsten herumregierte,
mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich schmeichelhaft und
widerlich vorgekommen war, ohne daß er sich übrigens viel um sie
bekümmert hätte.
»Aber verzeihn Sie, gnädige Frau ...«
»Ich bin nur die Gouvernante« entgegnete sie in einem Ton, als könne
sie sich nicht schnell genug demütigen. »Im Gegenteil, ich habe Ihnen
zu danken, Herr Beer ...«
»Sie kennen mich ...«
Sie lächelte und nickte: »Par Renommée! Ich war einige Jahre bei
Grünbaum, bei der jüngeren Schwester des Herrn Technikers Grünbaum. Da
hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste ...«
Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, errötete sogar
ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen,
welches Gute denn die Schwester Grünbaums mit ihrer Gouvernante von ihm
gesprochen haben dürfte ... Als müsse er so unverdientes Lob abwehren,
stotterte er: »Dafür treffen Sie mich jetzt in einer Situation ...«
»O nein, ich bewundere Sie ja -- wie Sie sich auch noch mit Kindern
abgeben können, ein so beschäftigter Mann ...«
»Ja, ich treibe viel unnützes Zeug,« seufzte er.
»Unnütz? O wer dürfte das sagen. Im Gegenteil ...« Sie stockte, und
Arnold fand es grausam süß, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon
zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu
lassen. Endlich fuhr sie fort: »Was Sie leisten, davon erzählt ja die
ganze Stadt.«
»Was man erzählt, das ist nicht immer wahr.«
»Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn
... nur in den letzten Tagen zum Beispiel ...«
»Das war ein hübscher Oberleutnant neulich ... was?«
»Wollen Sie mich auslachen?« Sie machte ein beinah beleidigtes
Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas störte die Wirkung des
Gekränkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte,
allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklärte: »Sie
meinen, daß ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar
nicht ...«
»So, so ...« Arnold schüttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung
wenig interessierte, fand er bei sich, daß das Fräulein allerdings so
aussehe, wie er sich im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren
vorstellte. Sie war groß, blondhaarig, eine »Fernwirkung«. Ihr
starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die
Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentümliche Disharmonie.
Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erklärung dieses
Eindrucks ... Dabei hatte er sich langsam neben dem Mädchen, das den
Knaben an der Hand führte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom
Militär, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens
der Dame begegnete. Er wußte kaum, was er sprach. Vielmehr war er
einzig damit beschäftigt, unter dem Vorwande, daß er die Mütze des
Knaben studierte -- der Knabe ging zwischen ihm und dem Fräulein --
zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben über dem roten Bummerl
der Mütze die schöne weibliche Hüftenrundung im blauen Rock
auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem
Anflug willenloser Schläfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen
zu begleiten pflegt. Dabei hörte ein Widerstand, eine Art von
Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fühlbar zu machen. Plötzlich
hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die
Scheinbeschäftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er
brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und während sie durch
den Wald weiter dem Kurörtchen zuschritten, kitzelte er das Kind
links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum
Fräulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und
schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und
drehte sich mit wütendem Gelächter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu
boxen. »Wirst du nicht unartig sein!« ermahnte die Bonne und wollte
ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine
Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein plötzlich
die drei Hände. Die des Kindes löste sich gleich wieder los, um mit
aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschütztes Knie loszuschlagen;
aber die Finger des Fräuleins und Arnolds blieben fest beisammen,
verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, während auch
ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine
herrliche Gelegenheit für den kleinen Rangen, mit beiden Fäusten auf
Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold
mit gleichgültigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn
abschüttelte ...
Sie hieß Feistnig und stammte aus Deutschböhmen, aus dem Erzgebirge.
Ihre Eltern waren sehr arm, er solle nur ja nichts anderes dahinter
vermuten, ein armer Bauer, eine arme Spitzenklöpplerin; und deshalb
mußte sie dienen. Übrigens hatte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt
absolviert, ja gelernt hatte sie etwas, Gott sei Dank. Einer ihrer
Lehrer habe sie heiraten wollen, aber das hatte sie ausgeschlagen,
weil er ein Witwer war. »Ein Wittmann hat zwei Herzen.« Nein, das
mochte sie nicht. An Heiratsanträgen war kein Mangel. Mochte Gott
wissen, was die Leute an ihr fanden ... Arnold machte ihr ein
Kompliment ... Sie erzählte schon etwas von einem Berg und einem
Bach bei ihrem Heimatsdorfe. Wenn sich ein Mädchen in einer
Märznacht in diesem Bach wasche, dann werde sie schön. »Und das
habe ich ein paar Jahre hinter einander gemacht, so dumm war ich. Ja,
wenn man jung ist. Ja die Heimat ...« Diese sanfte Poesie fand
Arnold unausstehlich, diese schwärmerischen Augen. Zudem bemerkte er
mit Mißvergnügen, daß das Gespräch immer wieder stockte, daß es ihn
solche Mühe kostete, als müsse er jeden Augenblick es von neuem
anknüpfen. Er hatte das Gefühl, als mache er mit jeder seiner Fragen
eine wichtige und schwierige Erfindung, die indes von seiner Partnerin
nur ganz oberflächlich ausgeschöpft wurde; und im nächsten Moment
stand er schon wieder vor der Notwendigkeit, etwas Neues zu erfinden.
Also los, er gab sich einen Anlauf und fragte sie nach ihrem
Vornamen. Sie wollte ihn nicht sagen. Er bestand darauf. Nun aber
blieb sie seltsamerweise eigensinnig, gerade den Vornamen wollte sie
nicht sagen. »Warum denn nicht?« »Sie müssen nicht so neugierig sein.«
Er bat sie: »Nein, das ist aber nicht nett von Ihnen« und dachte
dabei: Endlich ein Gesprächsstoff gefunden! Sie lachte: »Muß ich
denn immer nett sein?« »Aber jetzt haben Sie mir schon so hübsch
erzählt.« »Wer zu viel weiß, wird bald alt.« Endlich gab sie es
ihm frei, zu raten. Er riet: Anna, Toni. »Das i wär richtig.« Er
strengte sich an und jetzt erst zum erstenmal empfand er eine Art
geistiger Erregung ihr gegenüber. Plötzlich wandte sie sich dem
Kleinen zu, der auch beschäftigt sein wollte und unaufhörlich an
ihrem Kleid riß. »Du, fang mich!« ... Sie lief voraus. Ihre Gestalt
war mächtig und dabei schlank in der Taille. Einfach, aber gerade
infolge der Glätte wie durchsichtig zeichnete der Rock, in der
Bewegung jetzt, ein reizendes Spiel langer Beine, das sich im
Ungegliederten fast geheimnisvoll verlor und erst an den sich
drehenden Hüften eine Fortsetzung fand. Der volle Busen lehnte sich
wie ein kleiner Polster neben den Baumstamm, an den sie sich
schmiegte, um sich umzudrehn und aus dem Versteck hervorzugucken, und
zugleich wirbelte es unten am Rocksaum weiß wie Wellenschaum aus dem
Innern hervor, um leichte spitze Füßchen. Dazu strömte der gewaltige
Geruch der Tannen im Abendwind, als verstreue ihn das Mädchen mit
ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn
bald lief sie davon, bald stand sie und rief das Kind, machte einen
Tanzschritt zur Seite. Arnold konnte es nicht lassen, er beteiligte
sich am Spiel. Zunächst stellte er dem Knaben die Wahl, ihn oder das
Fräulein zu fangen, und jauchzend trieb sich Gerhart hinter beiden her,
ohne sich zu entschließen. Er war noch zu jung für vernünftiges Spiel,
er wollte nur strampeln und schrein. Dann schrie Arnold -- mehr um sich
mit ihr als mit dem Knirps zu verständigen --: nun würden sie also
beide das Fräulein fangen, und jagte schon hinter ihr drein. Und dabei
hatte er eigentlich nur die Absicht, das Gespräch fortzusetzen, ihren
Widerstand wegen des Namens zu brechen. Aber schnell blieb Gerhart
zurück, das Fräulein floh immer entschiedener, Arnold bekam immer mehr
Lust sie einzuholen, sie bog, da er schon ganz nahe bei ihr war, mit
einem geschickten weiblichen Ruck zur Seite, ins Gehölz, er verfitzte
sich zwischen den Ästen, ihr nach, die ihm ins Gesicht schlugen, -- da
öffnete sich eine freiere Stelle und sie konnte ihm nicht mehr
entrinnen. Von hinten her umklammerte er sie, drückte sich an sie:
»Also wie heißen Sie, schnell, wie heißen Sie?« Sie suchte sich
loszumachen, ermattete und seufzte: »Lina,« wie besiegt ... damit fiel
ihr Rücken an seine Brust zurück, ihr Köpfchen hob sich, das bisher
wild geduckte, während der seine über ihre Schulter herüberkam. Das
hatte kaum eine Sekunde gedauert. Schon spürte er den fremdartigen
Geruch ihrer Haare, ihres Atems, und in demselben Augenblick erschien
es ihm widerstrebend bis zur Unmöglichkeit, einem unbekannten Menschen
plötzlich, unvermittelt so nahe an die Haut zu geraten. Eine bittere
Wolke schien ihm aus ihren dunkelroten, halbgeöffneten Lippen
emporzuquellen, die er jetzt knapp vor den seinen hatte, und allem
Widerstreben zum Trotz zog ihn dieser warme unangenehme ungesunde Dampf
in sich hinein, wie man manchmal Freude daran findet, die Fingernägel
über die eignen Finger schneidend und immer tiefer zu ziehn, vom
Schmerz nicht ablassen kann ... Er hatte sie auf den Mund geküßt. Sie
stieß ihn zurück, nun energisch und mit einer ganz erstaunlichen
Unfreundlichkeit, eilte wieder auf den Weg zurück ... Arnold glaubte,
sie beleidigt zu haben, folgte ihr langsam. Sie tat ihm leid. Eben
hatte er noch in einer leichten Stimmung von Verführungskünsten und von
Gedanken wie: »Na, man muß dem Mädel den Gefallen tun« herrschaftlich
geschwelgt, jetzt sagte er sich: Ich bin ein Barbar, was mag sie sich
von mir denken ... Sie führte nun den kleinen Gerhart an der Hand
und sprach kein Wort, die Augen niedergeschlagen. Er neckte wieder
den Knaben, ziemlich geistesabwesend, nur weil es ihm peinlich war,
ganz stumm zu sein. Allmählich redete auch sie: »Nun also, wirst du dem
Herrn die Hand geben, wirst du hübsch artig sein?« Ein Stein fiel
Arnold von Herzen, da er ihre unveränderte, etwas zu blendendweiche
Stimme wieder hörte; er erhob den Kopf: »Er ist artiger als Sie,
Fräulein Lina ... Lina« wiederholte er leiser und fuhr fort »er hat
keine Launen, benimmt sich artig, nicht war, du?« und bückte sich
zu dem Gesicht des Kleinen herab. »O Sie sollten ihn nur sonst kennen,
was, Geri? Er kann schon sein Stückl bestehn« ... So kam das
Gespräch wieder in Gang, ganz ruhig, als ob nichts geschehen wäre.
Es war so dunkel geworden, daß man einander nicht mehr die
Gemütszustände vom Gesicht ablesen konnte, das gab einen guten
Übergang zur Unbefangenheit, in die sich übrigens das Fräulein, so
schnell ging es, auch ohne Dunkelheit bald hinübergedreht hätte. Nun
klang ihr Lachen wieder wie vorhin, etwas übertrieben und künstlich,
bei jeder Wortwendung Arnolds, die nur ein wenig von der geraden
Ausdrucksweise abwich. Es war ein gewissermaßen tiefernstes, beinahe
tragisches Lachen und verwandt jenem speichelleckerischen, das
Schulkinder bei den kleinen Witzen des Lehrers hervorstoßen. In seiner
Pedanterie blieb es niemals aus, kroch einem wie ein Hund nach.
Arnold, der sich durch Linas Zurückweichen nach dem Kuß angezogen
gefühlt hatte, wurde wieder verdrießlich ... Endlich mündete die
Waldchaussee auf die Landstraße mit ihren Obstbäumen, bald war man
bei den ersten Häuschen von Waldbrunn angelangt, wo sich Arnold mit
einem Handkuß vom Fräulein, von Gerhart mit einem Backenzwickerl
verabschiedete.
Am nächsten Tag dachte er nur mit Unlust an diesen Vorfall. Was
für eine neue Störung!... Arnold war von wenig sinnlicher Anlage,
sein rasches Leben schien tieferen Eindrücken der Frauenschönheit
gleichsam zu entgleiten, so wie etwa ein reißender Bergbach von der
Sonne nicht bis auf den Grund durchwärmt werden kann. Es sind ja meist
die schwerblütigen Naturen, nicht, wie man meinen sollte, die
lebhaften, die an den Frauen untröstlich kleben bleiben ... Er
hatte zwar die ganze nicht eben umfangreiche Skala großstädtischer
Verderbtheit mitgemacht, mit den Freunden eben, war eine Zeit lang von
einer Dirne mit mehr als bezahlter Liebe geliebt worden, hatte
Stubenmädchen und Weinstubenkellnerinnen Sonntags ins Hotel geführt,
oder hatte in der Garderobe eines Klubhauses ein Familienmädchen
eilig abgeküßt, aber all dies ohne rechten inneren Anteil, nur
schnell und stundenweise und mit dem stets wachen Bewußtsein, daß
daran nicht viel sei. Das Vergnügen überhaupt war seine Sache nicht, er
strebte nach Anstrengungen, Leistungen, Wirkungsmöglichkeiten. --
Diesmal aber schien er an ein anständiges Mädchen geraten, die die
Sache ernst nahm, und das machte ihn unruhig. Ein langes Verhältnis
konnte etwa daraus entstehn, mit Zärtlichkeiten, Verpflichtungen,
gebundenen Rendezvous, kurz all den Dingen, zu denen er keine Zeit
und Lust hatte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders. Er sagte
sich, indem er ernst wie ein Kaufmann Aktiva und Passiva gegen
einander hielt: No ja, ein fesches G'stell, aber das Gesicht mutet
mich nicht an, eine typische Fernwirkung ... Den Fehler ihres
Gesichtes hatte er allerdings noch nicht herausgefunden, konnte sich
überhaupt nichts mehr an ihr genau vorstellen, nur noch die feine dünne
Empfindung seiner Fingerspitzen an ihrer leise aufrauschenden
Seidenbluse, als er sie umfaßt hatte, und diese Erinnerung regte ihn
freilich doch ein wenig auf. Ueberdies war sie ja so dumm, so
simpel. Arnold hielt die Weiber überhaupt für unfeine inferiore
Geschöpfe; lächerlich, mit ihnen sich abzugeben. Und mehrmals kam er
erleichtert auf den Gedanken zurück, daß ja nichts Großes zwischen
ihnen vorgefallen war, Gott sei Dank. Er stellte sich erschauernd sein
Gefühl heute vor, wenn ... Nein, das auf keinen Fall! Und doch
wußte er, daß es dazu gekommen wäre; gut, daß der kleine Junge
dabei war, o, er segnete ihn nachträglich. Und die ganze Sache wurde
ihm mehr und mehr unheimlich, da er fand, daß sie ihn doch von seinen
wichtigeren würdigeren Geschäften mehrfach in Träumereien abzog.
Am Nachmittag blieb er in seinem Wigwam, schrieb und kümmerte sich
um nichts anderes ... Da stand sie in der Tür, den Jungen an der Hand:
»Ich mußte mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen«. Er fand kein Mittel
unhöflich zu sein, auch nicht die Neigung dazu. Mit einem gewissen
Stolz (wie ehemals vor den Kurkapellen) setzte er sich zwanglos vor ihr
in Szene, zeigte ihr den beladenen Tisch, den riesigen Einlauf, das
ganze einfache Gehäuse, das so recht seine eigene Schöpfung war, die
einzige bisher. »Hier möchte ich ganz gerne wohnen« knüpfte er
bedeutungsvoll an ihren Scherz an, mit einem tiefsinnigen Blick
gleichsam in die eigene Seele »hier ist der einzige Ort auf Gottes
weiter Welt, wo ich mich zu Hause fühle ...« Sie fürchtete zu stören,
er hatte so viel zu tun, nicht wahr. Diese Zurückhaltung rührte ihn, er
erklärte, daß es nicht so arg sei, und las den halbfertigen Brief vor,
der auf dem Tisch lag, um ihr zu zeigen, förmlich herablassend, daß das
alles doch gar kein so besonderes Kunststück sei. »Das würde ich auch
zusammenbringen«, lachte sie. Er ermunterte zu einer Probe. »Gerhart,
spiel da draußen«, sie führte das Kind vor die Tür, wo noch große
Sandlöcher um die eingerammten Pflöcke offen lagen, »da hast du Mehl
und Zucker.« Und schnell kehrte sie zurück, entwarf ein paar Briefe,
nach kurzen Andeutungen, die Arnold machte. Ihre Intelligenz
überraschte ihn. »Da hätte ich ja einen perfekten Sekretär, das wünsche
ich mir schon lange, nur hab ich's bisher nicht so weit gebracht.« »Ich
komme jeden Nachmittag, wenn Sie wollen,« stimmte sie erfreut zu und
eifrig schrieb sie weiter, sorgfältige Buchstaben, wobei sie ihre
ohnedies großen hellgrauen Augen noch mehr herauswälzte. Arnold ging
zuerst auf und ab, blieb aber dann stehen und betrachte sie von der
Seite, irgend etwas fesselte seine Aufmerksamkeit, ohne daß er sich
darüber Rechenschaft ablegte, erst nach geraumer Weile bemerkte er, daß
es wieder diese im Verhältnis zur dünnen Taille reizend sich
vorbiegende weiche Linie ihrer Brust war. Er bemerkte es ärgerlich,
trat aber, noch halb im Taumel, hinter ihren Sessel und prüfte mit
schwerem Ernst, ja mit Bekümmernis, die Wölbung ihres Rocks um die
Hüften, dann die Falten der Bluse, denen man es anmerkte, daß darunter
der Leib eng geschnürt war, betrachtete voll Interesse die scharfe,
wenn auch nur wenig gehobene Kante, die der obere Rand des Mieders
deutlich in den Blusenrücken preßte, glitt zum Gürtel mit seinem Blick
und tiefer hinab, wo ihn das in jedem der zart eingewebten Rockstreifen
ausgedrückte Anschwellen und dann das im finstersten Schatten ganz
undeutliche Abschwellen zur Verzweiflung brachte. Endlich raffte er
sich auf; ein Coupletrefrain, oder war es nur ein Spottvers, ging
ihm im Kopf herum, immer lauter: »Er regt soch auf, hat nichts
davon.« O pfui, wie ordinär war das, wie ordinär erschien er sich,
ordinär, ordinär, und welch ein erbärmlicher Kontrast zu diesem
Mädchen, die in ihrem Eifer und Schülerschreiben im Grunde einen so
netten Anblick bieten mußte. -- »... regt soch auf, hat nichts
davon.« Wie ordinär! Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Und so sind
also die Männer. O wenn sie wüßte ... Wahrscheinlich hatte sie gar
keine Ahnung davon, welche ihr gewiß ganz entlegene Wirkung die
Profilansicht ihres Körpers, ihr Rücken auf diesen -- gebildeten
jungen Mann ausübte. Sie arbeitete da, zeigte voll harmloser
Beglücktheit, was für ein kluges Mädchen sie war ... Oder wußte
sie es? Verstellte sie sich so gut? In diesem Gedanken legte ihr
Arnold teuflische Krallenhände zu, Hörner unter der blonden,
welligen Frisur. Er entfernte sich von ihr, bis in die entfernteste
Ecke der Hütte, von wo aus er sie anrief: »Nun, sind Sie bald fertig?«
-- Jetzt erst bemerkte er, wie lange er nichts gesprochen hatte.
Was war denn vorgegangen? Wieder stieg der Coupletrefrain in seinem
Kopfe auf, so daß er sich schüttelte. -- Sie nahm es für Ärger und
beeilte sich noch mehr: »Ja, ja, gleich«, dabei legte sie eine Wange
auf den linken Arm, schob das Papier weit nach rechts und jagte
mit schräger Feder darüber hin. Als sie fertig war, bewegte sie den
kleinen Finger der rechten Hand hin und her: »... tut weh.«
»... regt soch auf«, dachte er unwillkürlich in demselben Moment,
durch den Rhythmus ihres kurzen Sätzchens aufgestachelt, wie ein
höhnisches Echo. »Bin's halt nicht gewöhnt«, setzte sie fort. Ihm
fiel der zweite Teil des Couplets ein, unaufhaltsam. »Wird das so
weitergehn?«, dachte er wütend. Zugleich spürte er eine kindliche
Wichtigtuerei aus ihren Worten heraus, die ihm gefiel, aber
nichtsdestoweniger seine Überlegenheit zurückgab. »Rufen Sie Gerhart«,
befahl er und hütete sich, ein »Bitte« dazuzusetzen. Er sah sie
streng an, mit einer energischen Miene, die eigentlich ihm selbst
galt. Sie ging an ihm vorbei, durch die Türe hinaus. An seinem
gespannten untätigen Stehnbleiben in diesem Moment merkte er, daß er,
wieder verlockt, sie blöde anstarrte ... Erst unterwegs dankte er
ihr für die Mühe. »Jetzt sind Sie so lange gesessen, da müssen Sie
Bewegung machen.« Das war natürlich der Übergang zu derselben
Fang- und Kußszene wie gestern, nur erleichtert dadurch, daß Lina
sofort von der Chaussee bereitwillig zwischen die Baumstämme einbog.
Sie wurde ihm von nun an unentbehrlich. Sie schrieb seine Memoranden
ins Reine, die er in flüchtiger Stenographie skizzierte, sie
übersetzte Französisches, sie machte ihm die Korrespondenz so weit
fertig, daß er nur noch lesen und unterschreiben mußte. So einen
Diener, einen Ausführer konnte er gerade brauchen, dem er nur die
Keime seiner zahllosen Ideen hinwarf, und schon wurden sie sorgsam
aufgelesen, gereinigt, aufgezogen. Alles ging richtig, der kleine
Gerhart spielte indessen draußen vor der Baracke, sie konnte sich mit
einem Blick durch die Türe oder unten durch die Bretterluken durch
schnell davon überzeugen ... Doch mit all ihrer Dienstfertigkeit war
sie Arnold nicht angenehm. Gerade dieses Nutzbringende an ihr,
diese Sklavennatur stieß ihn ab, weil er fühlte, daß er dadurch an
sie gefesselt war. Die Verehrung, mit der sie ihn umgab, fand er
unsinnig, ganz anders als die Anbetung der Freunde, die er doch zu
verdienen geglaubt hatte. Wie sie ihm von fern himmelnd mit den
Blicken folgte, wenn er die Gerüste inspizierte oder Besichtigenden
flink zur Hand war: das lähmte ihn fast. Ihre Kugelaugen waren wohl
auch das entscheidend Häßliche im Gesicht, diese wässrigen,
ausdruckslosen Glasbäuche, doch nicht minder mißfiel ihm, daß ihre
Nase und die Kinnwölbung rot waren, die Backen derb und, aus der Nähe
gesehn, nicht ganz glatt. Dafür entschädigte das reiche blonde Haar
und die auffallend volle, doch biegsame Figur; jedoch, weiter
betrachtet, war es gerade diese unlösliche Verbindung eines
weichen, anmutigen Leibes mit einem so durchaus ungraziösen Gesicht,
eines dämonisch Anziehenden mit einem eiskalt Abstoßenden, was
Arnold unheimlich und widerwärtig wie eine ätzende übelriechende
Flüssigkeit vorkam. Und mit diesem heillosen Eindruck wieder verbunden
ihre offenbare Sanftmut, die Ergebenheit: o es war eine Disharmonie in
allem. Und hatte er denn Zeit, das zu ordnen und zu entschuldigen,
wie ein Verliebter etwa?... O, diese Liebe machte ihn ganz und gar
nicht glücklich, nein, nur unruhig und niedergeschlagen. Er fühlte
sich schwach gegen dieses Mädchen, er beneidete sie manchmal, denn
sie war gewiß beseligt in ihrer aufrichtigen Neigung zu ihm. Sie
sprachen überdies nie über Liebessachen, es fiel ihm nicht einmal ein,
sie zu duzen. Als sie ihm gestand, sie sei einmal schon getäuscht
worden, der Bräutigam habe sie nach schmählichem Tun im Stiche
gelassen, erschrak er heftig. Zwar nicht wegen einer etwaigen Heirat,
dieser Gedanke lag wohl beiden gleich fern; aber daß sie schon einem
angehört hatte, mußte ihre Eroberung beschleunigen, und er selbst
war, das wußte er, im gegebenen Moment zu unbesonnen, um aus eigenem
Willen einzuhalten. So sah er die Gefahr vor sich und keine
Möglichkeit, ihr auszuweichen ... Zudem peinigte ihn der Gedanke,
daß dieses Verhältnis wenig standesgemäß sei, daß er es zu wichtig
nehme, und nur wenn ein Freund ihn neidisch fragte: »Du, wer war
denn gestern diese Fesche?« beruhigte er sich ein wenig. Von außen her,
durch die Wirkung auf andere mußte er sich ihre Schönheit und
Begehrenswürdigkeit deutlich zu machen suchen. Auf ihn selbst blieb
diese Wirkung erstaunlich oft aus. Dann mußte er sich ins Gedächtnis
rufen, wie er sich gestern oder vorgestern in ihrer Nähe in
Erregung wohlgefühlt hatte; sonst hätte er sie überhaupt nicht
ertragen. Oder er hörte gern zu, wenn sie erzählte, wie ihr einer
nachgegangen war, sie vergebens angesprochen hatte. Er forderte sie
selbst zu solchen Berichten auf, die ihm ihren Wert ins Bewußtsein
brachten. Daher hielt sie ihn für eifersüchtig, freute sich darüber,
wenn sie auch viel zu demütig war, um diese seine Schwäche irgendwie
auszunützen. Sie verschwieg ihm also lieber solche Begebenheiten; er,
der beinahe das Gegenteil von eifersüchtig war, mußte sie mit List
hervorlocken. So war ein versteckter Krieg entbrannt, ohne daß sie
es wußten ... Es war nicht zu vermeiden, daß seine Leidenschaft, die
auf bloße Sinnlichkeit ohne die leiseste Spur eines seelischen
Anteils gestellt war, in ihrer Stärke heftige Schwankungen zeigte, je
nach dem Wetter oder seinem Ausgeschlafensein. Sank sein Feuer, so war
es ihm schmerzlich, denn dann kannte er sich in diesem Verhältnis
überhaupt nicht mehr aus, wußte nicht, was er wollte und was das Ganze
bedeutete. Deshalb geriet er auch jedesmal in Unruhe, wenn Lina hie
und da schlecht aussah oder wenn ihr ein Kleid nicht paßte. Es
verdroß ihn, wenn ihre Gestalt in gewissen Stellungen nicht vorteilhaft
wirkte, er konnte dann den Gedanken nicht abweisen: Am Ende ist gar
nichts an ihr -- er fühlte sich wie betrogen. Manche Tage erschien
sie ihm zur Verzweiflung unscheinbar, eine Pustel entstellte den
Mundwinkel. Sorgsam kontrollierte er ihr Abmagern oder Zunehmen, bat
sie, nun in dieser Fasson innezuhalten, scheinbar scherzhaft, mit
verhülltem innerstem Ernst. Er fragte sie, ob sie gut schlafe, wie
viel sie gegessen habe -- alles nur zu dem einen Zwecke: um auf dem
Umwege über ihre Schönheit seine Behaglichkeit zu erlangen. Er hatte
auch einen gewissen zärtlichen unmerklichen Griff, um sie gleich beim
Kommen an der Taille anzurühren und rasch festzustellen, ob die
diesmalige gute Wirkung mit oder ohne Zuhilfenahme eines Korsetts
zustande gebracht sei. Dabei geriet er halb unbewußt in inbrünstige
Gedankengänge wie diese: »Da sie heute so wenig fesch aussieht, so
hat sie doch hoffentlich wenigstens kein Mieder an« -- oder: »Mein
Glück wäre vollständig, wenn der heutige süße Effekt ohne Mieder
hervorgebracht wäre.«
So kam es, daß er niemals an dem, was sie war, an ihrer natürlichen
und begrenzten Organisation ein endgiltiges Wohlgefallen fand.
Sondern oft, wenn er sie in Muße beobachten konnte (sie schrieb, er
diktierte) stellte er sich vor, wie ihre Nase oder die Hände etwas
besser zu machen wären, er probierte in Gedanken, ob ihre Brust
noch etwas voller reizend wäre oder schon unschicklich und übertrieben,
ob man ihr nicht mit Brillantohrgehängen oder mit einer Brille (o
diese Augen!) beispringen könnte. Er kleidete sie in Trachten
verschiedener Zeit, er operierte sie. Wie schwer war es doch, sich
in die Liebe hineinzureden. Da er den naturgemäßen Zusammenhang
ihrer Eigenschaften nicht kannte, auch sich keine Zeit dazu nahm,
über ihn nachzudenken, hatte er Angst, es könnte eines Tages ihre ganze
Schönheit plötzlich verschwunden sein. So war er stets angespannt,
stets auf dem Posten, nervös und erregt. Sie jedoch, natürlich
ohne jedes Verständnis für seine Qualen, störte ihn obendrein durch
Reden wie: »An mir ist ja nichts« oder »Ich weiß, daß ich nicht
schön bin«. Das war immer wie ein Fußtritt in seinen kunstvollen
Ameisenbau, dann kribbelten schnell seine Ideen und Reden heran, um
den Schaden wieder gut zu machen. Er stellte ihr vor, daß er
solche Selbsterniedrigung hasse, daß sie ja damit ihn selbst angreife
und blamiere, denn was sei er, wenn er mit einer, »an der nicht viel
sei«, so viel verkehre. Sie versprach zerknirscht es nie mehr
wieder zu tun, vergaß das aber schnell, da sie es im Grunde nicht
begriff, lobte ihn: »Was bin ich gegen Sie?«, sehr erstaunt, daß ihn
das ärgerte. Dann weinte sie. Er mußte sie trösten, doch wiederum
fand er bald den Unterschied gegenüber seiner früheren Trostwirkung
auf Freunde: Damals hatte es sich um Taten und Ermutigungen zur
Arbeit gehandelt, hier umfaßte der Trost die ganze Person und war eben
deshalb ein leeres Gerede ... Alles in allem empfand er ein Gemisch
von Mitleid, Dankbarkeit, Neugierde, Unmut, Eitelkeit, auch ein
wenig Hingezogenheit und starken Kitzel, all dies wechselnd und heftig,
wie es sich für sein unstetes Gemüt eben schickte.
Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen kritischen Punkt
gelangt. Aus nichtswürdigen Quellen häuften sich die Angriffe, anonyme
Briefe flogen, die Sicherheitsbehörden schritten ein. Ein
radikales Blatt sprach offen von »Schwindel und Bankrott«. Farman,
Blériot sagten ab und so hatte sich der Ausschuß an den jungen
hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, einen Belgier, der
einen Apparat eigener Konstruktion vorführen sollte. Er war
einverstanden und bald sah man in den Auslagen Photographien eines
hübschen Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines
Monoplans die Mütze schwenkte oder kühn wie Latham Zigaretten
rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in die Luft starrte,
die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen brachten seine Biographie, er
hatte sich öffentlich noch wenig hervorgetan, umso mehr privat,
auch zitierte man einen Ausspruch Paulhams, daß dieser junge Mann der
Einzige sei, der ihm jemals gefährlich werden könnte. Auf den
Plakaten führte er daher das ehrende Attribut »Der Rivale
Paulhams«, und bald war sein Name so sehr in aller Munde, daß man
ganz vergaß, ihn vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben,
daß man beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen
Beiklang herausschmeckte, den die Namen der großen Helden und
Meister haben: Ponterret!... Der Apparat kam, per Sonderzug, wurde
ausgestellt, photographiert, erklärt, von Mittelschülern
klassenweise offiziell besichtigt, unter sachverständiger Führung
des Physikprofessors. Endlich traf der Champion selbst ein, von der
Stadtvertretung begrüßt, übrigens sehr bescheiden und sympathisch,
nur auf seine Arbeit bedacht. Man beschrieb ihn in den Zeitungen,
wie er eigenhändig, selbst geschickter als seine Monteure, die
niedrigsten Dienste an seiner Maschine zu leisten sich nicht
scheute, keinen Bestandteil für unwichtig hielt, jede Schraube
tausendmal ausprobierte. Schon am nächsten Tag versuchte er einen
Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld daran. Bei der
nächsten Probe geriet die wertvolle Dogge des Fliegers in die Schraube,
die gerade angelassen wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb
auf der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, ließ Ponterret
sofort eine neue Schraube anmontieren, doch setzte der Motor bald
darauf aus, die Probe mußte abgebrochen werden. Die Journalisten
konnten nichts tun als immer wieder den »Piloten« beschreiben, der nach
solchem Mißgeschick mit kaltblütigem Lächeln vor dem Hangar auf- und
abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im
blauen Arbeitermantel, unter dem die gelben Lackstiefelspitzen
hervorschauten, unverdrossen ans Werk ging, die Verbindungsdrähte
wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret plagte sich
unermüdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten Proben mehrmals
aufs Spiel, er war zugleich liebenswürdig und energisch, mutig und auf
das Schlimmste gefaßt, er bot eine Vereinigung sämtlicher
Heroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten Erfolg, der
Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz und gut, Ponterret bot das
unserer Zeit schon etwas entfremdete, aber für die damalige
Kinderstammelperiode der Flugtechnik typische Bild des
hingebungsvollen, tüchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz
aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch von Komik
anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, dem vielleicht nur ein
kleiner Handgriff fehlt oder am Ende gar nur unglückliche Zufälle im
Weg stehn. Man wünscht ihm ja das Beste, man wünscht aber zugleich,
peinlich berührt, der beweinenswerte Held wäre hübsch zu Hause
geblieben, da man ja nicht die Möglichkeit hat, seine Handgriffe oder
Zufälle irgendwie günstig zu beeinflussen. Er stellt, man mag ihn
entschuldigen wie man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher
Unsicherheit und Machtlosigkeit dar; und das kann man ihm nie verzeihn
... Drei Tage vor dem angesetzten Schauflug brach Ponterret einen
Flügel seines Aeroplans, nun mußte man Ersatz aus Paris
herantelegraphieren, den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das
Publikum wurde allmählig ungeduldig. Zwei Holzhändler ließen es aber
bei akademischer Ungeduld nicht bewenden, sondern führten Exekution
gegen das Konsortium, das sie auf den Flugtag vertröstet hatte, und
ließen den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pfändung mußte natürlich
aufgehoben werden, denn der Apparat war Privateigentum des Fliegers.
Die Sache aber machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt
war, lachte.
Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er stürmte zu Philipp
Eisig um Aufklärung. »Was für Aufklärungen« erklärte heiter der Dicke.
»Es wird natürlich ein Reinfall.« -- »Was, du meinst, Ponterret wird
nicht aufsteigen.« -- »Aufsteigen muß er, das steht im Kontrakt,
das heißt: starten. Aber fliegen? Du hast es ja gesehn.« -- »Du
glaubst, nein?« -- »Was willst du von mir. _Ich_ kann nicht an
seiner Stelle fliegen.« -- »Aber wir sind doch verantwortlich, vor
der Öffentlichkeit. Man wird das Entree zurückgeben müssen, dann
liegen wir drin.« -- »Keine Idee. Man wird natürlich das Entree
nicht zurückgeben.« -- »Man wird es. Das verlangt der Anstand.« --
»Du bist ein Narr.« -- »So, dann trete ich aus. Einem betrügerischen
Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist nicht meine Art.« -- Nun
aber wurde Eisig ganz ernst und kühl, während man das Bisherige
immerhin noch als Ausdruck seiner spöttisch-mürrischen Sitten
hätte erklären können: »Das wirst du nicht.« -- »Ich werde es.« --
»So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, zunächst auch einmal
deine Verbindlichkeiten gegen mich zu erfüllen. Ich denke,« er
blätterte in einem Notizbuch, das er merkwürdig schnell zur Hand
hatte, »es sind jetzt bald tausend Gulden«. -- »Nur achthundert«
erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. -- »Ohne Zinsen!« --
»Du weißt, daß ich momentan kein Geld ...« -- »Ach was, momentan,
immer momentan ...« -- »Du hast mich doch heute zum erstenmal
gemahnt.« -- »Nun, und was folgt daraus? Ich brauche momentan Geld,
das ist die Sache, verstehst du. Alles andere ist mir ganz wurscht.
Sonst erfährt nämlich mein Alter, daß ich dort drüben Wechsel für
ihn einkassiert und für mich behalten habe. Lange genug schieb ich's
von einer Seite auf die andre, einmal muß das Loch zugeklebt werden.
Und da wird man aufs Entree verzichten, schöner Gedanke!...« --
Arnold erschauerte; je länger und begründeter Eisig sprach, desto
klarer wurde ihm, daß es sich da um sehr schmutzige Geschäfte
handelte. Jetzt erst sah er, in was er sich eingelassen hatte. Ja,
hätte er's nicht gewußt, jetzt hätte er es an Philipps Gesicht
erkannt, an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller
hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten Haaren darüber, durch
den Scheitel zu zwei gleichmäßigen dicken Polstern aufgeschichtet.
Was Jahre dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte
er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, und
verstand in einem Blitz den gründlichen Unterschied zwischen seinem
eigenen Abenteuerwesen und dem des Freundes. Wütend machte er sich
davon ...
An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer als sonst. Ihre
Güte und Unterwürfigkeit tat ihm wohl, schon die weiche klagende
Stimme verscheuchte ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein
befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. O, ein
Glück, daß er die hatte, so ein braves anständiges Mädchen! Er
drückte ihr warm die Hand, doch eilig, denn heute hatte er ihr
besonders viel zu diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so.
Es fiel ihm zugleich ein, daß er Unrecht tat, ihre Liebe so
auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam durch die
Unterredung mit Philipp geschärft. Sie tat ihm leid. Doch heftiger
erfüllte ihn wie ein Nebel die Angst um die eigene nächste Zukunft,
tausend Rettungspläne, das Notwendigste für den Moment. Es war, als
entfache das drohende Fiasko nun noch die letzten Reserven seiner
Willenskraft und Anspannung, seine äußersten Gedanken. Heute
bewunderte er sich selbst, und als er gegen Abend den Haufen der
fertiggestellten Briefe überschaute, darunter ein paar wirklich
gelungene, -- um vorzubeugen, Rückzug zu sichern -- atmete er
zufrieden auf ... Ein Schrei Linas erschreckte ihn. Der kleine
Gerhart war nicht da, verschwunden. Sie suchte vor der Hütte,
überblickte von den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn,
vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst alle Schuld an
dem gräßlichen Unfall, sie hatte heute weniger aufgepaßt als sonst,
das Kind mochte sich verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott
im Himmel, was war da zu tun! -- Arnold forschte indessen die Arbeiter
in der Nähe aus. Ja, man hatte den Kleinen auf dem Wege zum
Weidengestrüpp gesehn, das auf der andern Seite der Flugwiese in
menschenleerer Öde sich erstreckte, gegen den Fluß zu. Schon eilte
Lina in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten durch die
niedrige Wildnis, bückten sich unter verflochtenen Ästen durch,
rissen sich wund, schwitzten. Der Boden wurde schwarz und fett; setzte
man den Fuß auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die Weiden
standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, Lina bog sie auseinander,
hielt sie fest, um dem Nachfolgenden Raum zu geben, ließ sie aber
doch noch einen Augenblick zu früh los, so daß sie ihm gerade recht ins
Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. Sie waren über
glitschrige Steine an das Schilfufer des Flusses gelangt. Man sah
fast gar nichts mehr, denn der Tag war regnerisch gewesen und jetzt
gegen Abend erfüllte warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten
sie durch Binsen und Röhricht zurück, gerieten wieder in die Bäume ...
plötzlich erblickten sie, beide zugleich, durch eine dichte
Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind, das arglos ruhig auf einem
steinigen Plätzchen einen Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll
Kontrast zu der angstzerrissenen Stimmung der beiden, daß sie trotz
Ärgers und Kopfschüttelns und Hastens wie auf einen Schlag stehn
blieben und, wie man es einer Vision gegenüber tun mag, unter
langsamem Händeaufheben beide die Lippen zu einem notwendigen, gar
nicht lustigen Lächeln dehnten ... Den Sand hatte das Kind offenbar
in seinem kleinen Blechkübel vom Flugplatz hierhergetragen,
beschwerlich, in mehrmaligen Gängen, und es gefiel ihm so gut, in
dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es eigentlich von rechtswegen
gar keinen Sand gab, als ein kleiner Herrgott also, daß es Augen
und Ohren an sein Spiel verloren hatte ... Lina, aus dem Bann
erwachend, unterdrückte einen Jubelschrei, ihre Augen glänzten
dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den glücklichen Ausgang
dieses Zwischenfalls. Einen Moment lang fand er sie wirklich schön, in
diesem feuchten dunklen grünen Laubwerk, mit ihren glänzenden
roten Wangen, der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos,
den alten Stämmen, wie ein Bad, das alle Glieder in Wohlbehagen löst.
Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die Stirn, die Augenlider, und wenn
er sie verscheuchte, fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn
zurück, berührten ihn heftig zitternd, kleinen schweren Händchen
gleich. Es schien ihm, als trügen sie ihm Linas Körperduft näher,
als balle er sich um diese schwarzen Körperchen, ja als seien die
Fliegen nichts als kompakte Pillen dieses betäubenden Geruches, o
dieses gar nicht mehr fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau,
die er schon oft geküßt, geküßt, aber nur geküßt hatte, ... die jetzt
so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei ihm. Und das spielende
gerettete Kind so nah, so nichts ahnend, so unwissend, blind gegen
das, was jetzt sofort neben ihm geschehn wird: diese eigentümliche
Vorstellung, die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude
erfüllte, entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen überstandenen
Aufregungen dieses Tages mit. Plötzlich fühlte er sich sicher, nicht
wie sonst im Kurwäldchen von Menschen bedrängt. Eine seltsam qualvolle
Lust ergriff ihn, wie ein letzter Ausläufer der raschen Gehbewegungen
vorhin, die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte
vorwärts, über eine Wurzel, er faßte mit beiden Händen geradeaus
langend, die beiden Brüste des Mädchens, diese vorstehenden
nachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, faßte sie
mit einem Griff, dem man hätte anmerken können, daß er ihn in eben
dieser Art und mit dem glühendsten Feuer in Gedanken oft schon
ausgeführt hatte, er drückte sie wie Ballons, wie um sie auszupressen,
wie um sich an ihnen festzuhalten, über einem Abgrund schwebend
gleichsam, und nun, keuchend, heiß, außer sich, mit hüpfenden Augen,
die Haare gesträubt, singend, matt, verzückt, drängte er Lina an den
nächsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stückchen
herabsplitterte. Einen Augenblick später war sie sein.
Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden Übergang: eine maßlose
Wut gegen sich selbst. Also doch, also doch war es geschehn, trotz
allen Inachtnehmens, also doch, also doch ... Er war still,
während Lina sich abwandte und nach einer Weile, da nichts mehr
geschah, das Kind holte. Das Geschrei des kleinen Lausbuben, der
seine Bauten nicht verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er
begleitete sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit gefaßt,
daß er noch einiges sprach, was sanft klang, weil seine Wut sich
inzwischen in eine unsägliche Traurigkeit verwandelt hatte. Lina
flößte ihm mit jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm
unheimlich, bald weil sie nach seiner Meinung eine Wendung ins
Zärtliche machte, bald weil er sich von ihr verachtet glaubte. Und
dieses Kind, dieses Teufelskind war schuld an allem, diesen Gerhart
hätte er kaltsinnig erwürgen mögen. Los werden die zwei, das war
sein einziger Wunsch, den er durch Rücksichtnahme und galante,
dankbare Anwandlungen verfälschte, der aber zum Schluß den Abschied
doch bedeutend abkürzte. Arnold hatte das Gefühl, als müsse er auf die
Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden weit von sich
wegschicken. Er zwang sich noch zu einigen Phrasen; als aber Lina
immer noch nicht ging, drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet
rasch in immer schnelleren Schritt ... über die dunkle Ebene jagte er
seiner Baracke zu. Dort stürzte er nieder, konnte nicht mehr weiter.
O ein Wigwam, fragte er sich höhnisch, nein ein Brettersarg ist das!
Er trat ein. Ohnmacht und Reue erfüllten seine Seele, doch zugleich
erschienen wie von einem tieferen Grunde herauf unzusammenhängende
Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und lenkten den
armen wirren Geist in ihre Träumerei ... Da sah er sich, sah sich
als kleinen Knaben, an der Hand der teuren Mama im Schulsaal zum
erstenmal, bei der Aufnahme in die Schule. Und während ihn der
Lehrer für die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon den
Mund offen: warum hier zwei Tafeln übereinander seien, nicht eine,
wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. Freundlich belehrte ihn
der Herr Lehrer: »Ja, wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir
eben die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht man das,
so ...« und hatte es ihm gezeigt, während er sich zugleich lobend
zur Mutter wandte: »Ein aufgeweckter Junge.« O Gott, warum hatte ihn
denn damals jeder lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich über ihn
gefreut, und so unschuldig, spielend alles -- und jetzt war es doch
nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt
hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen so wohl getan
hatte, er konnte gar nicht mehr dafür als damals für seinen
kindlichen Reiz ... Zum erstenmal überblickte er sein ganzes Leben
und fand es erschreckend wie ein Gewitter in der Nacht, fand es
sinnlos, trostlos und sich selbst immer unter demselben Stachel
ungerecht leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug
übermächtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine Qualen! Wer stand
ihm bei! Wer hatte Mitleid mit der Unbesonnenheit des verblendeten
Kindes, mit dem Unseligen Mitleid!... Hätte er nur ein Herz
gehabt, einen Freund, Eltern, die ihn verständen! O auf die Berge
hätte er steigen mögen und wie Gießbäche seine Arme ausstrecken nach
einem guten menschlichen Herzen ... Doch nein, da hatte man ihn
immer weiter rennen lassen, zurück übersah er es bis hinab zu seiner
dunklen Fußballeidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter
hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war er bis
hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis hierher auf diesen
Fleck und auf diese Stunde, wie blind, während von allen Seiten die
Wände des Engpasses immer näher und drohender zusammenrückten, aber
blind immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurück mehr gab ...
Tränen entströmten ihm bei diesem Gedanken, er weinte, ein tiefes
Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfaßt, mit seiner reinen
verlorenen Jugend, ja mit der ganzen Welt ... Nur eine Weile. Dann
kehrte der Zorn zurück. Er erinnerte sich -- o war das nicht Warnung
genug gewesen? -- daß er schon mitten in dem kurzen Genuß vorhin den
Widerwillen gespürt hatte, den dieses verdammte Weib ihm einflößte,
einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, wie wenn man etwa früh in
den noch ungespülten Mund ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken
muß. Er spie aus ... Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes
Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts nutze. Und mit
einem gewaltigen Druck riß er mitten an dem Stoß, es ging nicht, da
teilte er ihn in zwei Lagen, hierin wenigstens konsequent, und
zerfetzte jede in kleine Stücke. Mochte alles werden, wie es wollte, er
gab's auf ...
Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, und nach
Amerika!... Da waren doch fünfzehntausend Mark nach Senff, ein
Kapital, ein Anfang!... Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald
zehn Uhr war, beschloß er, Lambert zu besuchen. Der hatte
kommissionsweise die Einkäufe vermittelt, sicher wußte er einen Käufer,
vielleicht war er sogar selbst geneigt ... Er klingelte. Jetzt erst
bemerkte er, wie unschicklich es war, mitten in der Nacht mit dieser
Verkaufsangelegenheit einzudringen; er faßte schnell den Plan, seine
Absicht zu maskieren. »Ich habe da ein Angebot«, rief er, »es muß
sofort entschieden werden, telegraphisch. Soll ich zwanzig Sätze
Jubiläumsmarken bestellen? Das macht so etwa fünfhundert Kronen.«
Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner Fachkenntnis,
rückte sich zurecht. In seinem taubengrauen Schlafrock mit
dunkleren Schnüren, im Lederfauteuil, jetzt Zigaretten anbietend und
der Sitte gemäß sofort sich erhebend, um einen Likör aus dem Kästchen
zu holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, ein
Beispiel für jene merkwürdige Leichtigkeit und Unbedingtheit, mit der
gewisse Naturen (es sind nicht immer die wertvollsten) den Übergang
von unverantwortlichem Knabentum zur würdigen repräsentativen
Mannheit vollziehn. Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem
wirren Moment er dem Gefestigten war, fühlte doch eine gewisse
lächerliche Schwäche an ihm heraus, in der er sich instinktiv sofort
festnistete: »Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, Sie wissen
ja ...« »Nun, ich glaube«, holte Lambert aus, »das ist ein gutes
Geschäft. Die Verwaltung gibt nur eine sehr beschränkte Anzahl aus.
Schließlich ist doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer
Staat, der an Jubiläen Geld verdienen will.« ... Wie langweilig
waren für Arnold diese selbstverständlichen Gedankengänge, mit denen
Lambert sich ein Ansehen gab. Seine aufgeregte Hast kämpfte mit der
Klugheit, den Schwätzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch ein:
»Ich weiß. Gut, aber das hat man bei der vorigen Emission auch gesagt.
Und da kamen Nachträge. Von Raritäten ist nicht viel zu spüren ...
Schlechte Spekulation. Ich hab's überhaupt satt. Wissen Sie nicht,
wie ich die ganze Sammlung loswerden könnte?« ... Lambert blieb noch
eine Weile im alten Geleise, sei es, daß er Arnolds Wendung für
eine bloße Gesprächslaune hielt, sei es, daß er auf eine so
fernliegende Abschweifung überhaupt nicht aufgepaßt hatte. Er
redete also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien,
bis ihn ein nochmaliges Andrängen Arnolds aufhielt. Nun erst ging er
mit gleichgiltiger Miene (auch Arnold blieb äußerlich ruhig) auf das
neue Thema ein: »Ja, das ist eine schwere Sache. Man müßte die
Sammlung ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang und dann
werden Ihnen die besten Stücke herausgeklaubt und der Schund
bleibt. Oder Sie tragen das Ganze zum Händler, der gibt Ihnen gar
einen Pappenstiel. Es bleibt also nur irgend ein großer Privatsammler.«
... »Ja, ein Privatsammler«, wiederholte Arnold gierig. »Wissen Sie
also einen?« ... Lambert überlegte ... »Für zehntausend,« begann
Arnold, und da Lambert überrascht lächelnd aufblickte, fuhr er
fort: »Für zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, Altsachsen
vollständig.« ... Lambert machte ein spitzfindiges Gesicht, wie am
Schlusse seiner Überlegung angelangt, als habe er es jetzt
herausgebracht: »Ja, wer legt aber so leicht zweitausend Kronen
auf den Tisch? Das ist ein schönes Geld. Das tut einem weh.« ... »Wie
kommt das aber?« fragte Arnold betrübt und kindlich ... Lambert
erging sich in Vergleichen. Sammelwert sei etwas anderes als Wert im
Allgemeinen. Und wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein
Schmuckstück, ein Möbelstück, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf,
auch für die besten, wie neuen Stücke ... Das Gespräch verlor sich
ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts Einrichtung, eine echte
Junggesellenwohnung, dabei sah er im Innern ein, daß hier nichts zu
holen war. Erschöpft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen,
fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine Gewandtheit
hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich empfahl er sich. Lambert
meinte im Weggehen: »Also wegen der Jubiläumsmarken können Sie ganz
unbesorgt sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige ich
mich.« ... Arnold hätte am liebsten laut aufgelacht. »Und unser Meeting
morgen«, fügte er noch hinzu, probierend, »das wird ein schöner Humbug,
was?« Er zwinkerte dabei. Auch Lambert lächelte verschmitzt und kniff
ein Auge halb zu, mit kleinen Fältchen: »No, das glaub ich.« Sie
schüttelten einander die Hände, wie in vergnügtem Einverständnis ...
»Und gegen dieses niederträchtige Leben«, sagte sich Arnold, indem er
Stufe um Stufe hinunterschritt -- Lambert leuchtete, über die
Geländerbrüstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, im finstern Gang
unten erschien etwas Undeutliches, Warmhauchendes, Mann oder Weib,
führte Arnold ans große Eisentor, stellte die Laterne auf den
Steinboden, steckte den Schlüssel ein und gab endlich mit leichter Hand
der massiven Pforte einen ganz kleinen Stoß -- »und gegen dieses
niederträchtige durchdachte kolossale Leben habe ich mit Spielereien
ankämpfen wollen, mit Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie
ahnungslos ich war ... ein Kind, in allem ...« Von neuem traten ihm
Tränen in die Augen.
Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der
vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte,
schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von
seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle?
Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. -- Ärgerlich warf
Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wäre so
das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon für fähig zu jeder
Dummheit.
Da trat sein Vater herein: »Weißt du es schon? Die Großmutter liegt
im Sterben ... Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein
bißchen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger.«
Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos.
»Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem fährt sie
morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der
Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt ...«
So viel Lärm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Plötzlich fiel ihm
ein: »Wenn du willst, begleite ich die Mama ...«
»Du wolltest?... Aber morgen ist ja euer Schauflug.«
»Ja richtig, der Schauflug!« Arnold machte, als ob er sich erst jetzt
darauf besänne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den
Mund männlich zusammen: »Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit
der Mama nach Wintertal.«
Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam
auf das Unvermeidliche vor: Die Großmutter sei ja schon vierundneunzig
Jahre alt, was für ein Leben ... man könne sich denken ... man müsse
froh sein ... einmal wäre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus
Altersschwäche ... nun diese Lungenentzündung, das würde sie wohl nicht
überstehn. -- Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende
förmlich von der Natur zu fordern, als Bestätigung seiner regelmäßigen
Ansichten ... »Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn
kann« schloß er »du bist ja ihr besonderer Liebling.«