BEI HILDEBRAND

Die expeditive Art, mit welcher die sehr beschäftigten oder sehr wertvollen

Leute die soziale Seite ihres Lebens liquidieren, habe ich schon früh

bewundern gelernt: sie hat nichts mit Ungeselligkeit zu tun; sie sind im

Grunde ebenso gesellig wie die Tagediebe. Aber ein Stachel, eine innerliche

Eile treibt sie an, sich dem Zusammensein mit ihren Mitmenschen --

gleichsam mit der Uhr in der Hand -- zu entziehen. Denn sie sind der Kürze

des Lebens, wie der zehn Talente, deren sie walten, vielfach unbewußt

vielleicht, stets eingedenk.

Aber ich weiß: Den Größeren gegenüber jeder Distanz entraten ist jetzt

Mode. Nun, ich begebe mich noch immer zu Hildebrand, wie ein anderer einen

Turm besteigt, weil ihn dort eine stillere Luft umweht: Dinge, die ihn

unten ärgern, sind hier auf eine Weile um ihre Existenz gebracht; und mag

er sich auch selbst hier oben unwichtiger dünken, so lobt er sich doch

gerade so unbewußte Pädagogen wie einen Aussichtsturm oder wie Adolf

Hildebrand.

Zwar ist es empfindlich, lediglich durch den Kontakt mit einem Anderen

augenblicklich des Abstandes bewußt zu werden, den er durch seine

Verdienste oder seinen Wert zwischen sich und uns geschaffen hat. Worte,

die man zu verlieren gewohnt ist, steigen befremdend in jener Zone unseres

Bewußtseins auf, die man Gewissen nennt, und vergeudete Stunden wollen sich

mit einem Male wie Rechnungen präsentieren. Dies alles nur, weil man sich

in Gegenwart eines Menschen sieht, der wie jeder andere Mensch -- ich

wünsche nicht zu übertreiben -- seine sichtlichen Grenzen hat, jedoch nicht

anders, jedoch genau wie ein Berg, der seine scharfen Linien in den Himmel

zieht, ausschließend, was nicht zu ihm gehört.

Auf ein so hohes Niveau hat Hildebrand seine Beschränkungen gebracht. Von

einem Berg zu versichern, daß er eine Erhöhung sei, könnte nicht öder sein,

als von Hildebrand behaupten zu wollen, er sei »gut«, so sehr ist er es

implicite; oder wenn einer sich bemüßigte, von ihm zu sagen, er sei »nicht

eitel«; denn der Mangel an _Beziehung_ zur Eitelkeit und an Talent zur

Selbstbespiegelung ist ja gerade der Grundton seines Wesens. Es fehlt ihm

jedes Verständnis für das Unwichtige, jede Fähigkeit, sich ihm zuzuwenden,

er sieht und hört und merkt es nicht einmal. Er hat für das Belanglose so

wenig Einstellung wie das Auge einer Ziege für die Schönheiten der

Landschaft. Aber die beste Idee der Atmosphäre, in die er hineinragt, geben

wohl die weiten, gedankenvollen Schweifungen seiner Brunnen und Monumente,

wie sein kleiner Tempel vor dem Münchener Nationalmuseum, der mitten im

Alltag wie ein mystischer Kreis seine verträumte und abgewandte Stille

zieht.

Über jenes ebenso beliebte wie gedankenlose Axiom, man müsse den Künstler

vom Menschen trennen, habe ich mich schon als Kind erbittert, lang bevor

ich noch ahnte, wie weit sich die Dépendancen des Musentempels (Vorhöfe,

Stallungen, Ökonomie etc.) ausdehnen können. Wer innerhalb des Bezirkes die

Pferde schirrt, gehört natürlich auch noch zum Personal, und es wimmelt im

ganzen Revier. Still wird es erst vor der inneren Halle, in die nur die

wenigsten von uns oder nur auf Minuten Zulaß finden. Hier wie in der

sichtbaren Welt kommt eben alles auf Rangstufen an. So kann einer mit

knapper Not ein Künstler sein. Wer es aber in erster Linie ist, dessen

äußeres Leben hat etwas Ungefähres und Zufälliges, als könnte ebenso gut

ein anderes, viele andere für ihn denkbar sein. Soweit grenzt sein Selbst

über das Maß der ihm zugemessenen Tage hinaus, so wenig erschöpfen und

enthalten sie ihn. Von seinem Leben trennt ihn jene latente

Unaufmerksamkeit, welche andere von ihrer Erkenntnis abhält und so viel

stärker mit ihrem Dasein sich identifizieren und verketten läßt. Es tut mir

leid, eine solche Platitude sagen zu müssen. Aber man verkennt doch im

allgemeinen immer noch, wie sehr der _Grad_ der Künstlerschaft den Künstler

als Menschen bestimmt -- und verschlingt.

So ist das Gedankliche, und im Gedanklichen das Architektonische bei

Hildebrand so überwiegend, daß sich ihm auch die Dinge, Menschen und

Ereignisse niemals außer Proportion darstellen. Nie widerfährt ihm, daß er

sie zu leicht oder zu wichtig nimmt. Sein für die Form so passioniertes, so

machtvoll gestaltetes Auge trägt diesen starken Sinn auch in die Welt des

Unsichtbaren über, und ist auch da, vergleichend, wägend immerzu tätig,

richtige Dimensionen einzuhalten, sie wieder herzustellen, das

Überflüssige, das Unwesentliche von den Dingen ausscheidend, naiv und

schöpferisch um ihre Perspektive und ihre Harmonie bemüht.

Eine Angelegenheit, die mich sehr stark beschäftigte, bis sie mir alles

verstellte und ich an nichts anderes mehr denken konnte, rückte plötzlich

wieder in die richtige Distanz, als ich eines Abends mit ihm zusammensaß.

Nicht etwa, daß es mir in den Sinn gekommen wäre, sie ihm zu erzählen,

sondern was mich wieder ins Gleise hob, war der überspringende Funke seines

Intellekts, dessen wunderbare, den wirren Schwankungen des Persönlichen

entzogene Helle das Maß der Dinge so still und unselbstisch kündet.

1913

Wege und Umwege · 第 26 / 34 题