DER NEUE SCHLAG

Woher es nur kommt, daß ich immerzu von den neuesten Schriften über

Modernismus und Frauenbewegung avisiert werde. Ich interessiere mich doch

viel mehr für Musik oder für Ausgrabungen. Aber es scheint ausgemacht, daß

diese beiden Probleme meine Sache seien. Da möchte ich mir denn ein Herz

fassen, und die mir zugesandten Broschüren einmal lesen.

Aber vorher möchte ich lieber selbst etwas sagen.

Wer denkt, lebt nämlich in so großer Not. Verurteilt, zwischen der Unrast

des Tatenlosen und der Verzagtheit zu bangen, bis er den festen Guß seiner

Gedanken bildete und mit einer leisen Mißachtung für sich selbst

einherzugehen, so lange er sich durch Veräußerung das Eigentumsrecht auf

seine eigene Meinung nicht erwarb.

In dieser Hinsicht aber habe ich es besonders schwer. Denn auf eine gewisse

allgemeine Unzugehörigkeit war ich im stillen von jeher eifersüchtig. Sie

ist die Feste, hinter die ich mich immer wieder verschanze. Wer sich zu den

einen gesellt, der trennt sich ja vom anderen, und ich will zu keinen

gehören, weil ich mich von niemand scheiden mag. Mein Indifferentismus ist

nur Selbstverwahrung. Es ist überall Gefahr, mit fortgerissen zu werden,

und jeder Zeitlauf bietet etwas, das man vertreten und festhalten möchte,

um sich freilich dann, letzten Endes, wieder von ihm loszusagen.

Darum fliehe ich vor den Dingen meine steile Schneckenstiege empor und

lasse mich ungern hin zu ihnen locken, so sehr liegt mir an ihrer

Perspektive. Nur oben, vor meinem schmalen Fenster mit dem weiten Ausblick,

kann ich endlos spinnen. Dort schnurren meine Rädchen, und der Faden geht

ihnen nie aus. Also abgetrennt wird mir so heimatlich zu Mute, als seien

alle Dinge mein, und als gehörte ich zu allen, selbst den weit

verschwimmenden hin. Denn nur im blauen Dunst der Ferne liegend, sind sie

mir deutlich und vertraut. Oft rücke ich dann meinen gesponnenen Flachs zur

Seite, stütze die Arme auf und halte Umschau.

Der bereitwillige Ernst, den man transzendentalen Fragen von neuem

entgegenbringt, ist, von meinem Fenster aus gesehen, ebenso merkwürdig, wie

die sich klärenden Umrisse der stets undeutlich gebliebenen Frauenpsyche.

Sie hat das eine mit der Religiosität gemein, daß allen beiden zwei höchst

entstellende Kutten, die der Frömmelei und der Abhängigkeit, übergeworfen

und als ihre elementaren Bestandteile erklärt wurden. Was ist da heute von

meinem Fenster aus -- im Vergleich zu gewissen sehr radikalen Umwälzungen

der Denkungsart, die sich bereiten, der Modernismus für eine beiläufige

Sache! Und was ist die Frauenbewegung im Vergleich zu ihrer Idee? Eine

Wolkenschicht, die sich vor einer Lichtfläche türmt. Beide Bestrebungen

verhalten sich zu den starken Dingen, von welchen sie getragen sind, wie

ein kleiner Reitervortrab zur Majestät der heranziehenden Heeresmacht.

Über den Modernismus will ich, um niemanden zu reizen, nicht weiter

improvisieren. Über die Frau aber bin ich doch sicherlich au fait. Infolge

gewisser zweifelhafter Züge sind die Akten über sie noch immer nicht

geschlossen. Ihre Gattung, meint Villiers de l'Isle Adam, begreift Wesen in

sich, die durchaus keine Menschen, allerdings auch durchaus keine Frauen

seien. Er tat sich auf diese Entdeckung viel zugute und ging so weit, daß

er in gewissen »gänzlich seelenlosen und unmütterlichen Larven« einen Spuk

der Natur erkannte und für den Mann das Recht beanspruchte, diese

problematischen Wesen, die mit jeder Generation einen hohen Prozentsatz

verheißungsvoller junger Leute zugrunde richten, wie andere schädliche

Reptile einfach umzubringen.

Die drastischen Ratschläge stammen ja immer von Träumern, und die besten

Ratschläge sind zumeist unausführbar. Dank der Unterarten ihrer Art läßt

sich jedoch über das Wesen der Frau, wie über etwas noch immer

Unerforschtes, noch immer diskutieren, noch immer keine Schlüsse ziehen,

die verallgemeinert im Guten wie im Bösen nicht widerruflich wären. So

flüchtig ist es, so viel feiner, und so viel gröber, und so schillernd, daß

solche Kenner wie die Franzosen heute noch von einem Mystère de la Femme

reden können. Wer spräche noch in diesem selben Sinne von einem Mystère de

l' Homme?

Nun wüßte ich auf der Welt nichts gegen die Frauenrechtlerinnen

einzuwenden, als daß sie nicht geheimnisvoller sind. Sie gemahnen an den

Unterschied zwischen dem Skulpturalen und dem Anatomischen. Der wäre doch

ein Tor, der sich beschweren wollte, daß die Anatomie nicht ästhetischer

sei.

Auch sage ich ja nichts!

Wenn ich aber gegen die Kutte sprach, so sehe ich in den schönen,

meinetwegen manchmal trügerischen Schleiern, mit welchen die Frau ihr

inneres Sein umflort, sehe ich im Geheimnisvollen ein Attribut des

Weiblichen.

Und deshalb glaube ich, daß die bevorstehende Evolution sehr abseits der

Bahn ihrer Vorkämpferinnen liegt; wie sich die Schlacht weitab von dem

kleinen Reitervortrab abspielt, von dem wir sprachen. Es sind nur die

Boten, die mutig heransprengend, als erste die Kriegsfahne entrollen, aber

an der Entscheidung keinen Teil haben. So wären jene Frauen überrascht,

ihre geringe Fühlung zu den Lenkern der kommenden Schlacht zu vernehmen;

einer Schlacht ohnegleichen, in der die Kämpfenden von keinem anderen als

dem Gegner geführt, von ihm selbst angefeuert und in der Kunst, sich zu

verschanzen, unterwiesen werden. So sehe ich es von meinem Fenster aus

kommen. Was sage ich? So ist es längst. Das Treffen ist in vollem Gang. Die

hohen Staubwolken des Tages umhüllen nur die Vielen, die ermattet

niedersinken, das Ringen dieser Kampfuntüchtigen und das Gewühl. Die laute

Gegenwart übertönt nur die Rufe der zu Tode Getroffenen. Aber von meinem

Fenster überblickt man schon das gespensterhafte Schauspiel. Denn sucht man

nach dem Feinde, gegen den diese immer Besiegten sich halten, so entdeckt

man ihn in ihrer eigenen Hohlheit und Verlassenheit; der Boden, auf dem sie

langsam vorrücken, wird ihnen nicht bestritten, die Burg, die sie stürmen

müssen, ist leer.

Daß es der Frau innerlich noch nie so schlecht erging, wie seitdem sie

äußerlich zu ihrem Recht gelangt und im eigenen Lager ihre gute Sache

vertreten sieht, ist natürlich ein rein zufälliges Zusammentreffen, und die

Entfremdung der Geschlechter ist ein Faktor und kein Ergebnis.

Eine Zeit ist sich selber nicht bewußt. Sie kann den Schein nicht gewahren,

den sie ausstrahlt. Sie hat keine Distanz zu sich selbst. Ihre

Schrittmacher sind stets die Kommenden. Wir sind das alte Spiel gewohnt.

Nur bei unserer heutigen, der Analyse so ergebenen Generation, die sich so

behorcht, befremdet es mit einem Male, daß sie sich nicht kennt, und das

nimmt den Sinn gefangen wie das Flimmern schräger Strahlen im Dunkel alter

Kathedralen. Wäre es nicht unendlich wichtig, daß eine solche Zeit selbst

zu dem Spiegel griffe, den ihr bisher erst die kommende entgegen hielt? Es

gibt etwas Neues unter der Sonne, und wir gehen unaufmerksam daran vorüber.

Unter den jüngsten Männern ist ein merkwürdiges Geschlecht nie Dagewesener

entstanden, die nicht Söhne ihrer Mütter, nicht als letzte Glieder einer

Kette sich an diese schmieden, sondern abbrechend mit allem bisherigen,

nicht als Werdende mehr, sondern als Gewordene im Leben einsetzen. Ein

neuer Schlag, andere Organismen, Zeitlose, die tiefer als Menschen je

zuvor, die Marke ihrer Zeit auf ihrer Stirne eingezeichnet tragen, in sich

Befangene, Gebundene, dem Transitorischen so streng Überwiesene, daß sie

nicht mehr zu Gestalten sich verdichten, sondern wie die Frauen zu

Gesichtern sich verflüchtigen. Alles Elementare ist bei ihnen so

zurückgedrängt, daß es zurückgewiesen wird, wie alles Unmittelbare, alles

Unvermittelte. Vom Konkreten wird abgesehen, man spaltet die Begriffe bis

zum Wahnwitz und verschmäht es zu summieren. Infolge eines so radikalen

Umsturzes steht nichts mehr an gewohnter Stelle, und die Sprache wird zu

einem ganz anderen Modus. Man operiert nicht mehr mit Worten, die etwas

zusammenfassen. Die sind tot. Ich ließ in solcher Gesellschaft absichtlich

Worte wie gut und böse oder tüchtig, achtbar und verdienstvoll fallen, nur

um herauszuhören, wie unerträglich platt sie in dieser Atmosphäre klangen.

Um das Einfachste zu sagen, wird hier ein dunkler, schwer faßlicher Monolog

gewunden, zu dem nur Gleichgeartete den Schlüssel haben, und den kein

Uneingeweihter Zeit noch Geduld besäße, zu enträtseln. Es ist wie

Ein-sich-Verständigen durch Chiffren, und es sieht aus wie Pose. Allein es

sind Getriebene, denen bisherige Werte wie Kulissen niederstürzten, und

denen die Tradition entzogen ist. Aus dem Schutte werden nun die Splitter

aufgelesen, die Stunden dem Tage vorgezogen und die Ideale von diesen

Idealisten verworfen. Das Nahe wird mit dem Fernglas betrachtet, und die

Minute wichtiger genommen als das Leben. Auf den Trümmern, die sie

geschaffen, ziehen sie nun ohne Messungen, ohne Zentren bedächtig einher,

wie jene langbeinigen Vögel der Düne, von welcher das flutende Leben sich

zurückzog.

Aber nur sachte. So wenig ich mich zu diesem neuen Schlag bekenne, so wenig

gehöre ich zu denen, welche da glauben, ihn negieren oder über ihn hinweg

sehen zu können. Etwa weil wir es nicht mit Goethe'schen oder Wagner'schen

Menschen zu tun haben, oder weil ihr Denken meist ein vergeudetes ist. Mit

ihnen hat der Weltgeist, als sei er der ewigen Fortsetzungen müde, eine

Lücke in dem unsterblichen Teppich der Menschheit gemeint und unvermittelt

ein neues Muster eingezeichnet, das sich wie eine Grisaille inmitten einer

Freske ausnimmt, das aber so tief darin verwoben ist wie wir selbst. Und es

wäre borniert, uns zu stellen, als sähen wir es nicht, denn wir wissen

nicht, wie es sich entrollen wird. Wenn diese neuen Leute ihre Unreife

durch Überreife bekunden und mit der Temperatur des Alters in Szene treten,

sind sie deshalb nicht minder jung. So manch verheißungsvoller Jüngling

ging aus seiner Sturm- und Drangzeit als Niete hervor, ohne den Mittag

seines Lebens zu beschreiten. So werden auch hier nur die wenigen Berufenen

ihren Werdegang erfahren und gleichsam mit einer anderen Schwenkung zur

Reife gelangen. Es ist, als ob ihr Tag mit dem Sonnenuntergang anhöbe und

als müßten sie nach einer Morgenröte gravitieren, um ihr Tagewerk zu

vollenden. Wie es anderen oblag, das Chaos ihrer Empfindungen zu klären, so

müssen diese die schwere Schale einreißen, die sie von ihren eigenen

Gefühlen trennt, den Weg zu ihrem eigenen Selbst sich bahnen und lernen

sich zu besitzen. Hier ist nicht alles Narretei. Wir sind hier nur

versucht, auch die Typen zu verwerfen, denn noch nie sah man so groteske

Kopien. Aber von meinem Fenster aus gesehen ist nichts, was eine so

gespannte Aufmerksamkeit erheischt wie diese auf Abwegen aufgepflanzten

Wegweiser, diese Abgeklärten, diese Manierierten, diese Verzichtenden. Denn

über den, um seine Jugend betrogenen, in Intellektualität versteinerten

Jüngling mit der kalten Maske, dem abgewandten, in Schwermut erstarrten

Auge, über ihn geht jetzt der Weg. Er glaubt, indem er gleichsam eine neue

Seitenlinie menschlicher Denkart involvierend sich losriß, von allem

Vorgedachten und bisherigem Tun und Wollen sich entzieht, er glaubt so

gewillt zu sein, und ist nur, wie er muß.

So kenne ich -- nur das Echte will ich nunmehr im Auge haben -- einen

jungen Patriarchen. Bei ihm ist ein unausgesetztes Konstatieren ohne

Parteinahme, unerschöpfliche Teilnahme ohne Anteilnahme. Er verzeichnet mit

derselben Kühle das Verruchte wie das Erhabene. Er faßt alles und läßt

alles entgleiten. Er wertet alles, ohne etwas abzuschätzen. Verlangt von

ihm Alles, nur kein Für und Wider. Er ist höchst sensibel, aber der Weg zu

seinen Gefühlen ist ihm verschüttet. Er gebietet über das Große und das

Starke, über die mächtigsten und die tiefsten Dinge. Nur Eines fehlt in

diesen Regionen: Gras, Blumen, Vogelsang; alles ebbte zurück nach dem Pol,

gefror zur Erkenntnis. So ist seine Erkenntnis zum Parasit geworden und

zeigt er noch Geist, wo der Sinn ein Ende fand, wie jene Bergsteiger, die

noch weiter klettern, ob schon das Ziel hinter ihnen liegt, nur um der Lust

des Kletterns willen. Und er muß stärkerer Fesseln sich entwinden, als der

Ungestüme, er ist in seinem Denken verstrickter, gebannter in seiner

Losgelöstheit als der Erdgebundene. Und so steht er, in sich gekerkert,

gleich einer Herme, da wo alle Wege sich kreuzen und der Sterbliche froh

vorüberzieht.

Daß die Männer des neuen Schlages vorwiegend unverliebter Komplexion sind,

ist kein Geheimnis, ist kein Märchen, sondern die große, allwichtige

Novität. Der ganze heutige Umschwung dreht sich um eine Witterungsfrage.

Zwar ist es, wie gesagt, ein Faktor und kein Ergebnis, daß heute die

jüngsten und schönsten, von Männern sehr umringten Frauen häufig ungeliebt

und unbegehrt ins Leben hineinwachsen. Aber es ist ein Ergebnis, daß sie in

der kälteren Zone, der sie nunmehr ausgesetzt sind, zu immer deutlicheren

Gestalten sich festigen, in dem Grade, als der Mann in seinen Umrissen

verblaßt.

Die Götter selbst woben dies Feld der marmornen Schlachtenlenker in unseren

Teppich ein. Wenn alle Klöster, alle Abgeschiedenheit und alle

Tugendübungen die Frau nicht lehren konnten, in ihrem Innersten des Mannes

zu entraten, so hilft ihr jetzt seine eigene Halbheit. Stets ist es doch

sein Wesen, das bestimmend auf die Frau zurückwirkt. Ihr Gefühl ist zu sehr

Widerhall. Als er für sie glühte, war sie die Schmachtende. Heute ist

vieles anders geworden, und die Rollen sind vielfach vertauscht. Es gibt

nicht mehr die Incomprise, sondern den Incompris. Ein moderner Cherubin

dürfte uns ein gar originelles Liedchen vorzusingen haben. Er strebt von

jeder weg, zu der's ihn zieht. Er liebt sie nicht mehr, bevor er sie noch

liebte. Er ist jener untreu, die er gerade im Arm hält. Kaum hat er sich

ihr abgewandt, schweift er zu der Betrogenen zurück. Er ist enttäuscht

zuvor, zuvor der großen Ernüchterung preisgegeben!

Er muß die Dinge fliehen, bevor er sich in ihnen verankerte. Nie wird er in

der Folge nach dem schimmernden Schleier greifen, mit dem Leukothea das

Herz des sinkenden Odysseus schwellte. Seine Erkenntnis läßt ihn alles

Künftige retrospektieren, und sein Wissen um die Dinge ist sein Irrtum.

Denn als Verführer ist der Geist weit mächtiger als die Leidenschaft. Wo

sie nur verblendet, darf er überzeugen, auch indem er das Leben zerpflückt,

selbst indem er uns irreführt. Wo immer der Geist seinen grellen Schein

hinrichtet, ist er unwiderlegbar. Und der Geist als Verführer ist es, der

seine Pulse hemmt, wie das Eis die Quelle zurückhält.

Im Kontakt mit einem derartigen Manne kristallisieren sich die Gefühle

selbst der leidenschaftlichsten Frau in ganz anderer Weise. Sie ist zu zart

besaitet, als daß es sie nicht reizte, ihn auf seinem dämmerigen Pfade zu

folgen, und noch stärker ist für sie der Reiz, aus der Sturzwelle des

Gefühls sich ungebrochen wieder aufzurichten. Ihr Wesen mag zwar in seiner

Nähe sich erfüllen, doch ohne daß seine Nähe sie verwirrt. Denn seine Liebe

besitzt nicht mehr die Glut, sie mit einem Bannkreis zu umziehen, der ihr

zu einer Welt ersteht. Obwohl sie nie zuvor ein so feines Verständnis, eine

so vollkommene Wertung erfuhr, fühlt sie sich bei ihm nicht mehr geborgen.

Zwar ist er nicht mehr roh, aber er ist nicht selten hysterisch, und er ist

nicht mehr ritterlich. Er hat ihr nicht mehr jenes Gefühl zu bieten, das

sie wie ein prangender Mantel umhing, sie idealisierte und ihrer schonte,

daß sie beglückt ihrer Unzulänglichkeit sich enthoben wähnte.

»Voyez si je puis me conduire«, schrieb Julie de Lespinasse, »éclairez-moi,

fortifiez-moi. Je vous croirai, vous serez mon appui, vous me secourrez. Le

Président Hénault, l'abbé Bon, l'archevèque de Toulouse, l'archevèque

d'Aix, Monsieur Turgot, Monsieur d'Alembert, l'abbé de Boismont, Monsieur

de M . . . voilà les hommes qui m'ont appris à parler, à penser et qui ont

daigné me compter pour quelque chose.«

Nichts von alldem! Nichts von den kleinen Selbsttäuschungen mehr, nichts

von artigem Betrug. Keine Stunde Weges wird der Frau mehr erspart. Selbst

muß sie die schwachen Arme emporrichten, sich zu krönen, schwere Schritte

selber gehen und ihren Fuß auf die steile Stelle setzen, über die er sie

früher hob. Ohne ihn muß sie bestehen können. Er hat zu viel mit sich

selber zu tun und keine Hand ihr entgegenzustrecken.

Es ist wohl müßig, daß ich noch ausführe, was mit der sonderbaren Schlacht

gemeint ist, auf die ich immer wieder zurückkomme, weil ich sie von meinem

Fenster aus sehe. Es sind ganz einfach die Frauen, die gegen ihre

vieltausendjährige innere Abhängigkeit, ihre eigene Leere, ihre lang

gehegte Unselbständigkeit den verzweifelten Ansturm führen, zu dem die

Gleichgültigkeit der Männer sie treibt. In diesem Ringen erstarken sie zum

ersten Male, seitdem die Alten mit begeisterter Hand die Gestalten der

Dianen und Walküren umrissen. Für die Frau, die, auf den starken Arm des

Mannes gestützt, ihm ihr Werden gleichsam überließ, war es keine Kunst,

sich zu entfalten. Ihre Blüte hatte nur den einen Fehler, daß ihr Wachstum

von der Gunst des Mannes abhing, dies gab ihrer Reife oft etwas so

Fragliches oder so Entlehntes. Denn wo die Akzidenz der Liebe eines Mannes

wegfiel, da verzehrte, verwischte sich ihr Wesen und verwehte. Die

Unfreiheit, die wie ein Makel an ihr haftete, beliebte ihm indes. Es

behagte dem Petrucchio, daß sie ihm in ihrer Verblendung die Entscheidung

über den Lauf der Gestirne zugestand. Es war nur eine Form der Verwöhnung,

sie so zu unterdrücken, daß sie den Mond statt der Sonne am Himmel zu sehen

willig war, wenn er es sagte, sie so unterzustellen, daß sie ihn kritiklos,

gleichsam auf Abzug liebte, als gäbe es nur ihn, als flutete die Welt nicht

von tausend anderen wertvollen Dingen.

In einem gewissen heroischen Stumpfsinn suchen ja Liebende zuletzt nichts

anderes als zu vergessen, daß der Tod seine höchst radikale Scheidung über

sie vollziehen und nicht vor ihnen zurückstehen wird, ob sie noch so innig

sich umschlingen. Er weiß es besser. Darum ertragen sie den Gedanken an ihn

nicht. Mit seinen Augen, die im Dunkeln sehen, weiß er besser, wieviel

Verblendung an ihrer Liebe haftet und wie weit er sie zu trennen hat. Denn

die geheime Hierarchie der Wesen und die inneren Akkorde, die im Gegensatz

zu den äußeren weiterspielen, geben jene große Kakophonie, nach der das

Leben sich nicht kehrt, weil es so blind ist für die inneren

Zusammengehörigkeiten wie der Tod für die äußeren. Darum greift das eine so

blind heraus, wo der andere so blind entreißt.

Aber darum kam ein Tag in unserer Geschichte, an dem wir des Spieles müde

wurden, an dem die Liebe für die Liebenden, wer hätte es gedacht?

tatsächlich an Wichtigkeit verlor, weil sie nicht mehr vergessen, sondern

der bittere Geschmack des Todes auf ihren Lippen zurückblieb und weil ihre

Gemüter zu belastet waren mit den Erfahrungen der Väter, zu wissend um den

bitteren Rauch, das jämmerliche Aschenhäuflein, zu dem ein Feuerwerk, das

sie zu oft für ewige Flammen hielten, in ihren betörten Herzen niedersank.

Was Wunder, wenn sich die Welt von Enttäuschungen, die sie zusammentrugen,

an ihren Söhnen rächte, und in Dingen der Liebe an Stelle der Illusion die

Skepsis trat? Allein das Wissen dieser verspäteten Zeugen, das sie

Künftiges nunmehr vorweg nehmen ließ, erwies sich als ein stärkerer Bann

als die frühere Verblendung. Das Feuer ihrer Adern wurde zum Fieber und

überhitzte ihr Gehirn. Ihr Arm erschlaffte, ihr Denken dissoziierte sich

und zerstörte oder untergrub ihr Schaffen. Und erst die Söhne werden an

diesen Söhnen lernen, daß keine Umbildung, daß nur eine Stilisierung des

Sinnlichen gilt.

Als die stets bereitwillig nachfühlende Frau die ungeheuerliche Wandlung im

Gemüt ihres Gefährten und einstigen Beschützers wahrnahm, entdeckte sie ein

Etwas in seinem Kaltsinn, das sich zu einem Zug ihres eigenen Wesens

verhielt.

Wenn der Mann unverkennbar dazu neigt, der errungenen Frau müde zu werden,

und wenn er ihr dies antun darf -- denn nur selten erweist sie sich als das

Ideal, das er erträumte -- so darf sie ihm den Schimpf durch jenen

geheimnisvollen Zug heimzahlen, der fast ein Trieb zu nennen ist, dem sie

einzig ihre Gleichberechtigung verdankt und der den Mann in seiner

Eigenliebe stärker trifft als alle Untreue; ein Zug, den er gerne verkennt

und von dem der gröbere Mann nicht weiß: ich meine die mystische Abneigung,

die mit ihrer Neigung für den Mann so sehr im Widerstreite liegt und ihrer

Schwäche so sehr entgegen ist und deshalb so selten überbietet.

Daß der Mann des Neuen Schlages der heutigen Frau, die er doch im Stiche

läßt, im ganzen sympathischer ist als der gestrige Mann, hat seinen

besonderen Grund. Ganz im stillen nämlich fand sie in der schrankenlosen

Hingabe, die er von ihr erheischte, ihr letztes höheres Genügen nicht. Wenn

sie den Rest in ihm herausfand, auf den ihr Innerstes feindselig lauerte,

und der des Todes war, fand sie es doch ein bißchen schnöde, in seiner

Endlichkeit so maßlos aufzugeben, einen Humbug, so zu ihm aufzublicken: So

war ihre Neigung, von ihm abzufallen, edlen Ursprungs wie sein Überdruß.

Und es handelt sich heute, ich sagte es schon, um das letzte Wort der

Frauenpsyche: ihren seltsam verwobenen, niemals ungetrübten Drang, auf ihre

eigene Schwäche, wie auf eine Schlange den Fuß zu setzen, und um jene

Siege, die Goethe das Ungeheuere nannte: denn die kalte Luft, die jetzt

über sie hinweht, ist ihrem Wachstum günstig, und, ihre Evolution könnte

sich sehr wohl dadurch vollziehen, daß die Männer immer degenerierter

werden. Wenn sein Wesen zeitweilig in die Brüche ging, wird dafür die Frau

endlich individueller. Ihr letztes Endziel ist doch der Mann. Keine Tugend

in ihr, die ihm nicht zugewendet wäre. Sie werden einander wieder begegnen.

Es wird künftig viel von Liebe, wenn auch nur wenig mehr von

Frauenrechtlerinnen die Rede sein.

Indessen lobe ich mir unsere unsentimentale, unschwärmerische Zeit, mit

ihrem zurückgedämmten aber nicht verlorenen Gefühl. Man ist nur Pessimist,

um seinen Optimismus zu rechtfertigen. Ich glaube an einen Fortschritt für

unsere Ära und sehe ein Element des Lebens in dem augenblicklichen Verfall.

Alles ist nach seiner Art. Unsere unprometheische Jugend steht im Zeichen

des Euphorion. Sie ist gefährdeter. Wer dürfte es wagen, sie unheldenhaft

zu nennen?

1911 Lose Vogel.

Wege und Umwege · 第 24 / 34 题