Da erstand vor ihrem inneren Auge, wie im Morgengrauen deutlich erkennbar
-- die universellste, übergreifendste Gestalt, die keine Irrtümer und keine
Lücken in sich aufwies! Vielmehr auf unnennbar geheimnisvolle Weise alle
Widersprüche in sich aufhob, weil ihr nichts fremd war und nichts entzogen,
was tausendfach die Menschen scheidet und vereinsamt. Ja, es war ein
Mensch. Aber Himmel und Erde waren der Schlüssel zu ihm, und er erfüllte
die Welt. Allumfassendes, schweigendes Begreifen entströmte seinem Auge. Es
war ein Gott. Seine Züge aber! Die größten Denker und Meister aller Zeiten
hatten sie ihr entschleiert, weil alle menschlichen Heroen zu seinen
Kommentaren wurden, und ihre unbeschreibliche Bewandtnis zur Erläuterung!
-- Keine Philosophie, keine Äußerung auf dem Gebiete des menschlichen
Geistes, ja des Geistreichen, des Witzigen, des Profanen -- keine Kunst,
die nicht zu ihm gravitierte. Der Gedanke war so groß, daß sie erschauerte.
Und von der überschwenglichen Tragweite jenes schlichttönenden Ausspruches:
»In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen« war sie da wie von unendlichen
Schallwellen fortgerissen und durchleuchtet.
Nur eines trennte ihn von uns -- das Übel, das allen Gram erzeugt. Eines
mußte er uns entnehmen. Eines war göttergleich im Prinzip von ihm
ausgeschieden: die Qual.
Marie mochte ihre Gedanken nicht länger ertragen. Sie ging hinab in die
Straße, die starren Häuserreihen entlang, der heißen verödeten Stadt. Aber
das Licht, der Anblick des leeren, weißlichen Himmels erweckte Erinnerungen
und Leid. Zum Stachel war ihr da der taube Glanz des Tages, und jene
»Geister der Luft,« die den Menschen jagen und ihm das Himmelslicht
versteinern. Atemringend muß er es ertragen.
Nicht daß es sie jetzt nach Mitteilsamkeit drängte, nein, auszuruhen, zu
vergessen, sich zu freuen. Schönheit, Gebärde, Sprache, die Form eines
Auges, die Bewegung eines Armes, dies alles war ein Organismus, der sie
umfriedete. Dann wurde es still in der dumpfen Werkstatt, und Gedanken
feierten. Der Reiz der Nähe löste den gezogenen Blick von ihren Augen, und
ihr Geist erkannte rastend seine Heimat.
Denn es war ihr Geist, der in der Welt der Körper, der in dieser Welt sein
Element erkannte!
Allein in der Einsamkeit, die sie also bedräute, umschloß sie jetzt,
deutlich wie Felsenzacken gegen das Sonnenlicht, der Ring ihrer Gedanken.
Nicht länger von der Welt barer Vorkommnisse aus den Fugen gerissen,
erkannte sie die tröstliche Bedingtheit alles Elends. Erkenntnis sollte
_nicht_ den Pflock des Leidens tiefer in uns treiben! Alles war Folge, und
selbst Geschehnisse waren nicht unentrinnbar.
So weit, so anders erblickte sie die verlorenen Tore ihres Glaubens wieder.
Was immer das Dogma vom Geiste löste, erschien ihr da als ungeheuerster
Verrat. Nicht als Dualität, als Organismus erfaßte sie den Menschen und
seine Apotheose, nicht seine Trennung als sein Endziel. Ihrem
weltabgewandten und entsagungsvollen, aber stets verheißungsvollen Bildern
zugekehrten Auge wollte die unendliche Elastizität jenes Glaubens als sein
tiefinnerstes Geheimnis sich erschließen; des Paradoxalsten, eingedenk und
psychologisch tiefst Begründeten, was der Mensch zutage förderte: als das
»Maß aller Dinge« stellt er den Abstand zwischen ihm und der Gottheit,
Prometheus, die seligen Götter und den allgewaltigen Zeus. Quellen und
Haine belebt er mit übermenschlichen Wesen, scheu verehrend, was er selber
schuf. Ahnung war es, die ihn die eigenen Ideale, das eigene Ziel so fern
erkennen und den Olymp erträumen ließ! Solche Träume, mußten sie nicht das
Sehnen eines Gottes nötigen, zu tausendfacher Befreiung den Menschen zu
erlösen?
Neue Rundschau 1905.
REISEN
1904-1908