,,Das Geld ist in der Höhle!"
,,Tom -- Allmächtiger -- jetzt -- ist das Ernst oder Scherz?"
,,Ernst, Huck, so ernst wie alles bei mir. Willst du mitgehn und 's
rausholen?"
,,Denk' doch, daß ich will! -- Wenn's wo liegt, wo wir's leicht finden
können -- ohne den Weg zu verlieren --"
,,Huck, wir können's ohne die geringste Gefahr von der Welt."
,,Ist mal was! Aber, warum denkst du, daß das Geld --"
,,Huck, du mußt warten, bis wir drin sind. Wenn wir's _nicht_ finden, geb'
ich dir meine Trommel -- und alles, was ich sonst noch hab'; verlaß dich
drauf!"
,,'s ist gut -- ist 'n Wort. Wann wolln wir?"
,,Meinetwegen gleich, wenn du magst. Bist du stark genug?"
,,Ist's weit in der Höhle? Bin zwar schon drei bis vier Tage wieder auf den
Beinen, aber mehr als 'ne Meile -- Tom, ich glaub', mehr kann ich nicht."
,,'s sind ungefähr fünf Meilen auf dem gewöhnlichen Weg, aber den wolln wir
nicht gehn, Huck, sondern 'nen ganz kurzen, den niemand kennt außer mir.
Huck, ich werd' dich in 'nem Boot hinfahren. Werd' das Boot da anlegen und
's wieder zurückrudern, alles ganz allein. Brauchst dich gar nicht drum zu
kümmern."
,,Na, Tom, laß uns schnell hin!"
,,Schon recht, aber wir brauchen Brot und Fleisch und unsere Pfeifen, und
'nen kleinen Sack und zwei oder drei Drachenschnüre, und dann noch 'n paar
von den neuartigen Dingern, die sie Zündhölzer nennen. Sag' dir, ich hätt'
welche davon brauchen können, wie ich neulich drin war."
Kurz nach Mittag liehen sich die Jungen ein kleines Boot von einem Bürger,
der gerade abwesend war und machten sich auf den Weg. Als sie ein paar
Meilen unterhalb der Höhlenbucht waren, sagte Tom: ,,Sieh mal hier, dies
schroffe Ufer da sieht genau so aus, wie sonst an 'ner beliebigen Stelle --
kein Haus, kein Garten, nichts als Gestrüpp. Aber siehst du die weiße
Stelle, wo ein Erdrutsch mal gewesen sein mag? Na, das ist eins von meinen
Kennzeichen. Wollen landen."
Sie landeten. ,,Jetzt, Huck -- wo wir jetzt stehn, kannst du das Loch
berühren, aus dem ich neulich herausgekrochen bin. Schau mal, ob du's
finden kannst."
Huck suchte überall herum, fand aber nichts. Tom ging stolz auf ein dickes
Gewirr von Sumachbüschen zu und sagte: ,,_Hier_ ist's! Schau her, Huck. 's
ist die verborgenste Höhle in diesem gesegneten Lande. Daß du aber den Mund
hältst! Hab' ja schon immer Räuber sein wollen, aber ich wußt', daß ich
erst so 'n Ding haben müßt', wie das da, wohin man sich mal verstecken
kann. Jetzt haben wir's und müssen's geheim halten; höchstens darf's der
Joe Harper und Ben Rogers wissen, weil's doch 'ne rechte Bande sein muß,
oder 's hat gar keinen Schick. ,Tom Sawyers Räuberbande', 's klingt mächtig
großartig, Huck, was?"
,,Na, das will ich wohl meinen, Tom! Und _wen_ wollen wir berauben?"
,,Na, so ziemlich _alle_ Leute. Auf der Straße auflauern -- das ist so die
rechte Manier."
,,Und töten die Kerls."
,,Nein -- nicht immer. Sperren sie in die Höhle, bis sie sich auslösen."
,,Aus -- was ist ,auslösen'?"
,,Na -- Geld zahlen. Man zwingt sie, daß ihre Freunde für sie alles, was
sie auftreiben können, zusammenscharren; und wenn man sie 'n Jahr
festgehalten hat, und das Geld ist noch nicht da -- dann tötet man sie. 's
ist allgemeine Sitte so. Bloß die Frauen tötet man nie. Man sperrt sie ein,
aber man tötet sie nicht. Sie sind immer ganz verdammt schön und reich und
schrecklich furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren weg und alles, was sie
sonst haben, aber man nimmt bei ihnen immer den Hut ab und ist furchtbar
höflich. Niemand ist so höflich wie Räuber -- du kannst das in allen
Büchern lesen. Und dann -- dann verlieben sich die Weiber in uns, und wenn
sie ein oder zwei Wochen in der Höhle gewesen sind, hören sie auf, zu
heulen, und noch später kannst du sie gar nicht wieder los werden. Schmeißt
man sie 'raus, kehren sie sofort um und kommen zurück. 's ist in allen
Büchern so."
,,Na, das ist aber unangenehm, Tom. Glaub' doch, Pirat sein ist noch
besser."
,,Ja, 's ist besser in manchen Dingen, aber Räuber sind näher bei zu Hause,
und dann haben sie 'n Zirkus und all das andere."
Inzwischen waren sie herangekommen und krochen in die Höhle, Tom voran.
Sie gingen bis ans andere Ende des Ganges, befestigten ihre Drachenschnüre
und setzten den Weg fort. Wenige Schritte brachten sie an die Quelle, und
Tom fühlte einen kalten Schauder. Er zeigte Huck den noch an der Wand
klebenden Rest des Kerzendochtes und beschrieb, wie er und Becky das letzte
Aufflackern und Erlöschen der Flamme beobachtet hatten.
Die Jungen verfielen jetzt unwillkürlich in Flüsterton, denn die Stille und
Finsternis des Ortes lasteten schwer auf ihrem Geist. Sie gingen weiter und
bogen dann plötzlich in Toms anderen Gang ein, den sie bis zu dem
,,Abgrund" verfolgten, an dem Tom hatte Halt machen müssen. Die Lichter
zeigten ihnen jetzt, daß es ein solcher eigentlich nicht sei, sondern nur
ein steiler Lehmabhang, zwanzig oder dreißig Fuß tief.
Tom flüsterte: ,,Jetzt will ich dir was zeigen, Huck!" Er hielt die Kerze
in die Höhe und sagte: ,,Schau' so weit um den Felsvorsprung herum, wie du
kannst. Siehst du? Da -- auf dem großen Felsblock über dir --"
,,Tom, 's ist ein Kreuz!"
,,Na, und wo ist deine ,Nummer Zwei'? ,Unter dem Kreuz', he? Gerade dort,
wo ich den Indianer-Joe sein Licht hinhalten sah, Huck!"
Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und sagte dann mit
zitternder Stimme: ,,Tom, laß uns machen, daß wir von hier fortkommen!"
,,Wa -- a -- as? Und den Schatz hier lassen?!"
,,Ja -- hier lassen! 's ist sicher, Joes Geist spukt hier herum!"
,,Denkt nicht dran, Huck, denkt nicht dran! 's ist ja nicht der Platz, wo
er gestorben ist -- der ist weit von hier an der Mündung der Höhle -- fünf
Meilen von hier."
,,Nein, Tom, 's ist nicht so. Er geht um, wo 's Geld liegt. Ich weiß, wie's
bei den Geistern ist, _so_ machen sie's."
Tom begann zu befürchten, Huck könne recht haben. Mißbehagen beschlich ihn.
Aber plötzlich kam ihm eine Idee.
,,Schau doch, Huck, was für Schafsköpfe wir wieder mal sind! Indianer-Joes
Geist kann nirgends umgehn, wo 'n Kreuz ist!"
Diese Beweisführung schlug durch. Es ließ sich nichts dagegen sagen.
Tom machte sich als erster daran, rohe Stufen in die Lehmwand zu hauen.
Huck folgte. Vier Gänge öffneten sich von der kleinen Höhlung aus, in der
sich der bewußte große Felsen befand. Die Jungen untersuchten drei ohne
Erfolg. In dem der Basis des Felsens am nächsten befindlichen fanden sie
eine kleine Nische, in der sich eine Anzahl Wolldecken, ein alter Gürtel,
ein paar Schinkenschwarten und die sauber abgenagten Knochen von zwei bis
drei Hühnern vorfanden. Aber keine Geldkiste.
Die Jungen durchsuchten alles wieder und immer wieder -- aber vergebens.
Dann meinte Tom: ,,Er sagte, _unter_ dem Kreuz! Na, dies ist _beinahe_
unter dem Kreuz. Unterm Felsen selbst kann's nicht sein, denn der sitzt zu
fest."
Sie suchten immer wieder und wieder und setzten sich schließlich mutlos
nieder. Huck wollte nichts einfallen. Aber Tom sagte plötzlich: ,,Schau mal
her, Huck! Auf der einen Seite des Felsens sind 'n paar Fußspuren und
Kerzen-Spritzer, auf der anderen Seite sind _keine_! Was meinst du _nun_?
Bitt' dich, das Geld ist _unter_ dem Felsen! Werd' mal gleich im Lehm
nachgraben."
,,Kein übler Gedanke, Tom," entgegnete Huck mit Bewunderung.
Toms ,,echtes Barlow-Messer" war im Nu heraus, und er hatte noch nicht fünf
Striche getan, als er auf Holz stieß.
,,Hoho, Huck, hörst du das?" Huck begann ebenfalls zu graben und zu wühlen.
Ein paar Bretter waren bald ausgegraben und beiseite geworfen. Sie hatten
eine natürliche Spalte verborgen, die unter den Felsen führte. Tom kroch
hinein und leuchtete, so tief er konnte, vermochte das Ende der Spalte aber
nicht zu sehen. Er schlug vor, noch weiter zu forschen, kroch hinein und
geradeswegs hinunter. Er folgte allen Windungen des Spalts, erst nach
rechts, dann nach links, Huck immer hinterdrein. Plötzlich machte Tom eine
kurze Wendung und schrie:
,,Bei Gott, Huck, schau her!"
Es war die Geldkiste in einem kleinen Loch, daneben ein Pulverbehälter,
eine Menge Flinten in verschiedenen Hüllen, zwei Paar alte Mocassins, ein
alter Gürtel und ein paar Kleinigkeiten, alles gründlich durchnäßt durch
das heruntertropfende Wasser.
,,Gott im Himmel!" schrie Huck, mit den Händen im Gold wühlend, ,,sind wir
jetzt aber reich, Tom!"
,,Huck, ich hab' ja immer drauf gerechnet. 's ist aber fast _zu_ schön, um
dran zu glauben, aber wir haben's mal sicher -- endlich! Wollen's nicht
hier liegen lassen, sondern mitnehmen; laß mal sehen, ob ich die Kiste
aufheben kann!"
Die wog aber über 50 Pfund, Tom konnte sie mit großer Anstrengung ein
bißchen heben, an Fortschaffen aber war gar nicht zu denken.
,,Dacht's mir," meinte er. ,,Damals im Gespensterhaus trugen sie, schien's,
schwer genug daran -- merkt's wohl. Denk', 's wird gut sein, die kleinen
Beutel herzunehmen."
Bald war das Geld verpackt, und sie schleppten's heraus.
,,Nun laß uns noch Gewehre und sonst so 'n Zeug mitnehmen." schlug Huck
vor.
,,Nein, Huck, da lassen! Sind gerad' Sachen, die wir brauchen, wenn wir
erst Räuber sind. Nehmen's seiner Zeit zu unsern Orgien; 's ist ein
verdammt feiner Platz für Orgien."
,,Was sind Orgien?"
,,Weiß nicht. Aber Räuber halten immer Orgien. also müssen wir doch auch
welche halten. Nun komm' aber, Huck, wir sind hier lang genug gewesen. 's
ist schon spät, denk' ich. Bin außerdem mächtig hungrig. Im Boot wolln wir
essen und rauchen."
Sie schlüpften also hinaus ins Sumachgebüsch, lugten vorsichtig herum,
fanden die Luft rein und waren bald im Boot in vollem Schmausen und
Rauchen. Als die Sonne sank, stießen sie vom Ufer und machten sich auf den
Weg. Tom huschte im Zwielicht an die Küste heran, und kurz darauf landeten
sie in voller Dunkelheit.
,,Jetzt, Huck," sagte Tom, ,,wollen wir 's Geld auf dem Boden des
Holzschuppens der Witwe verstecken, morgen komm' ich dann, wir können's
zählen und teilen, und dann suchen wir im Wald 'nen Platz, wo wir's sicher
vergraben können. Jetzt halt dich mal ganz still und bewach das Zeug, bis
ich hinlauf' und Benny Taylors kleinen Schubkarren leih'. Bin in 'ner
Minute wieder da."
Er verschwand, kehrte sogleich mit dem Karren zurück, legte die zwei
kleinen Säcke drauf, befestigte zwei Drachenleinen dran und zog an, seinen
Schatz hinter sich. Als die Jungen das Haus des Wallisers erreichten,
standen sie still, um auszuruhen. Gerade, als sie sich wieder auf den Weg
machen wollten, kam der Walliser heraus und rief:
,,Hallo, wer da?"
,,Huck und Tom Sawyer."
,,'s ist gut! Kommt nur mit, Jungens, werdet schon überall gesucht. Na --
vorwärts, sputet euch mal! Will den Karren für euch ziehen. Alte
Ziegelsteine drin oder altes Metall?"
,,Altes Metall," stotterte Tom.
,,Dacht' mir's; alle Jungen machen sich mehr Mühe und brauchen mehr Zeit,
um für sechs Pence altes Eisen zusammenzuscharren, als sie brauchten, um
doppelt so viel Geld durch ordentliche Arbeit zu verdienen. Aber ist mal
die menschliche Natur so!"
Die Jungen hätten gern gewußt, wozu die große Eile sei.
,,Weiß nicht; werdet's sehn, wenn wir zur Witwe Douglas kommen."
Huck sagte ein wenig beunruhigt -- denn er war längst daran gewöhnt,
unschuldig angeklagt zu werden: ,,Mr. Jones, wir haben's gewiß nicht
getan!"
Der Alte lachte. ,,Na, weiß doch nicht, Huck, mein Junge. Weiß doch nicht,
seid ihr mit der Witwe gut Freund?"
,,J -- a! Wenigstens ist sie immer freundlich mit mir gewesen."
,,Na also! Warum dann Angst haben?"
Die Frage war noch nicht ganz von Huck beantwortet, als er sich mit Tom in
der Witwe Besuchszimmer gestoßen fühlte. Mr. Jones ließ die Karre draußen
und folgte.
Das Zimmer war glänzend erleuchtet und alles, was irgend dazu gehörte,
erschienen. Thatchers waren da, Harpers, Rogerses, Tante Polly, Sid, Mary,
der Pfarrer, der Redakteur und viele andere, und alle mit feierlichen
Gewändern angetan. Alle zeigten feierliche Mienen. Tante Polly wurde vor
Verlegenheit blutrot und schüttelte den Kopf zornig gegen Tom. Niemand
konnte indessen leiden wie die beiden Buben. Mr. Jones erklärte: ,,Tom war
leider nicht zu Haus, so gab ich ihn auf, stieß aber gerade bei meiner Tür
auf ihn und Huck -- so bracht' ich sie denn Hals über Kopf mit hierher."
,,Und 's war recht von Ihnen," entgegnete die Witwe. ,,Kommt mit, Jungen."
Sie zog sie in ein Schlafzimmer und sagte: ,,Jetzt wascht euch und zieht
euch ordentlich an. Hier sind zwei neue Anzüge -- Hemden, Strümpfe -- alles
da. Sie sind für dich, Huck, -- nein, keinen Dank, Huck! -- einer von Mr.
Jones, der andere von mir. Denk', sie werden euch beiden passen. Zieht sie
an. Wir wollen warten -- kommt runter, wenn ihr schön genug seid."
Damit ging sie.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
,,Tom, wenn wir 'n Seil finden, können wir famos durchbrennen," sagte Huck,
,,die Fenster sind nicht hoch!"
,,Unsinn -- wozu denn durchbrennen?"
,,Na, so 'ne Menge Menschen kann ich nicht aushalten. Kann ich nicht! Ich
will raus, Tom!"
,,Ach was 's ist ja gar nichts! Fürcht' mich nicht 'n bißchen. Will schon
für dich mit aufpassen."
Sid erschien. ,,Tom," sagte er, ,,Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich
gewartet. Mary hatte deine Sonntagskleider zurecht gelegt, alles wartete
nur auf _dich_. -- Sag' mal, ist das da nicht Lehm und Talg auf deinen
Kleidern?"
,,Na, Mr. Siddy, möcht' dir raten, nach deinen eigenen Sachen zu sehen! --
Wozu ist die ganze Geschichte da unten?"
,,'s ist einfach so 'ne Gesellschaft, wie die Witwe Douglas sie ja immer
mal gibt. Diesmal ist's für den Walliser und seine Söhne, von wegen heut
nacht. Und dann -- kann auch noch was sagen, wenn ihr's wissen wollt --"
,,Na, was denn?"
,,Der alte Jones wollt' der Gesellschaft heut abend 'ne große Sache
erzählen, aber ich hört 's ihn heut morgen Tante Polly als großes Geheimnis
anvertraun, denk' aber, 's ist kein großes Geheimnis mehr. Jedermann weiß
es -- auch die Witwe, obwohl sie alles tut, um 's nicht merken zu lassen.
Oho, Mr. Jones wollte dafür sorgen, daß Huck hier wäre -- konnt' mit seinem
großen Geheimnis nicht ohne den Huck fertig werden, wißt ihr!"
,,Geheimnis -- wovon?"
,,Na, daß Huck die Räuber angezeigt hat. Denk', Mr. Jones wird 'ne große
Sache aus seinem Geheimnis machen, aber, könnt' euch denken, 's wird ins
Wasser fallen."
,,Sid, _wer_ hat's verraten?"
,,Na -- wer weiß? Irgend jemand hat's gesagt, das ist doch genug."
,,Sid, 's gibt im ganzen Dorf nur _einen_, der gemein genug ist, so was zu
tun, das bist _du_! Wärst du an Hucks Stelle gewesen, du hättest dich
schleunigst davongemacht und niemand von den Räubern gesagt. Du kannst
nichts tun, was nicht gemein ist, und kannst's nicht vertragen, wenn andere
für was Gutes gelobt werden. Da -- keinen Dank -- wie die Witwe sagt!" Und
Tom packte Sid an den Ohren und half ihm unter Püffen aus der Tür. ,,Jetzt
geh, sag's Tante Polly und morgen rechnen wir dann ab!"
Wenige Minuten danach saßen die Gäste an einer langen Speisetafel; nach
guter, alter Sitte waren die Kinder -- ein Dutzend -- an einem kleinen
Seitentischchen zusammengesteckt. Zur rechten Zeit hielt Mr. Jones seine
Ansprache, worin er der Witwe für ihre Dankbarkeit dankte, und sagte dann,
es gäbe einen anderen, dessen Bescheidenheit --
Und so weiter und so weiter. Da alles die Geschichte kannte, so war die
Überraschung etwas mäßig, nur die Witwe selbst machte verzweifelte
Anstrengungen, zu tun, als wisse sie noch von nichts. Sie bewies Huck ihre
Dankbarkeit auf so stürmische und zärtliche Manier, daß ihm sein jetziger
Zustand noch weit entsetzlicher erschien als der Zwang der neuen Kleider
und des gesitteten Benehmens.
Die Witwe erklärte, Huck unter ihrem Dach aufnehmen und ihm eine
sorgfältige Erziehung geben zu wollen; und wenn sie so viel Geld
zurücklegen könne, wolle sie ihm später ein anständiges Geschäft übergeben.
Toms Zeit war gekommen. ,,Huck braucht's gar nicht -- Huck ist reich,"
sagte er.
Nur die gute Lebensart der Gesellschaft konnte bei diesem vermeintlichen
Witz ein allgemeines Gelächter hintanhalten. Aber das Schweigen war doch
ein wenig drückend.
Tom brach es. ,,Huck _hat_ Geld! Wenn Sie's nicht glauben -- Huck kann's
beweisen. O, Sie brauchen nicht zu lächeln, denk', ich kann's beweisen.
Warten Sie nur 'ne Minute."
Tom rannte hinaus. Die Gesellschaft schaute sich überrascht an und drang in
Huck, der stumm zu sein schien.
,,Sid, was ist's mit Tom?" fragte Tante Polly. ,,Er -- na, werd' ein
anderer klug aus dem Jungen. Ich kann's nicht --"
Tom erschien, sich mit den Säcken abschleppend, und Tante Polly ließ ihren
Satz unbeendet. Tom schüttete das Geld auf den Tisch und meinte trocken:
,,Da -- was hab' ich gesagt? Halb Huck seins -- halb meins!"
Dieser Anblick machte alle atemlos. Alles schaute nur, niemand konnte
sprechen. Dann folgten unartikulierte Laute des Entzückens. Tom sagte, er
könne es erklären, und tat's. Die Erzählung war lang, aber mächtig
spannend. Niemand unterbrach ihn, außer durch Ausrufe, wie sie hier
angebracht waren. Als er geendet hatte, meinte Mr. Jones: ,,Dachte 'ne
kleine, besondere Überraschung für diese Gelegenheit in Hinterhalt zu
haben, aber jetzt denk' ich, 's war nichts. Dies da läßt meins furchtbar
lumpig erscheinen -- kann's nicht leugnen."
Das Geld wurde gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über zwölftausend
Dollar. Das war mehr, als irgend einer der Anwesenden jemals beisammen
gesehen hatte, obwohl verschiedene unter ihnen waren, die über viel mehr
als das in Grundbesitz verfügten.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Der Leser kann sich vorstellen, was für ein kolossales Aufsehen Tom und
Huck in dem armen, kleinen Dörfchen St. Petersburg gemacht hatten. Eine
solche Summe, auf einem Fleck, schien nahezu unglaublich. Es wurde darüber
geschwatzt, disputiert, phantasiert, bis der Verstand mancher Bürger unter
dem Einfluß dieser ungesunden Erregung zu wanken begann. Jedes ,,verhexte"
Haus in St. Petersburg und der Nachbarschaft wurde durchstöbert, Balken für
Balken, die Grundmauern bloßgelegt und auf verborgene Schätze hin
untersucht, -- und nicht durch Kinder -- nein, durch Männer, verflucht
ernste, ganz unromantische Männer meistens. Wo Tom und Huck erschienen,
wurden sie gefeiert, bewundert, angestarrt. Sie konnten sich nicht
erinnern, daß ihren Bemerkungen bisher Wert beigelegt worden war; jetzt
aber waren sie gesucht und geschätzt; alles, was sie taten, erschien
bemerkenswert; augenscheinlich hatten sie die Fähigkeit verloren, etwas
Gewöhnliches zu tun oder zu sagen; noch mehr -- ihre Vergangenheit wurde
unter die Lupe genommen, und man erklärte, es sprächen ganz wunderbare
Begabungen aus allem, was sie bisher getan hatten. Sogar das Käseblättchen
brachte biographische Skizzen über die beiden Buben.
Die Witwe Douglas legte Hucks Geld zu sechs Prozent an, der Richter
Thatcher tat auf Pollys Wunsch dasselbe mit Toms Anteil. Jeder von ihnen
hatte jetzt ein Einkommen, das einfach märchenhaft erschien -- einen Dollar
für jeden Wochentag des Jahres und die Hälfte der Sonntage. Es war so viel
wie der Geistliche erhielt, -- nein, es war das, was er hätte erhalten
_sollen_, denn er bekam nicht alles. Für gewöhnlich genügten in diesen
einfachen Zeiten ein und ein viertel Dollar wöchentlich, um einen Jungen zu
ernähren, zu kleiden, zu waschen, ihm Wohnung zu schaffen und den
Schulbesuch zu ermöglichen. Richter Thatcher hatte eine hohe Meinung von
Tom gefaßt. Er sagte, kein gewöhnlicher Junge würde seine Tochter jemals
aus der Höhle herausgebracht haben. Als Becky ihrem Vater im strengsten
Vertrauen erzählte, wie sie Tom in der Schule vor Prügel bewahrt habe, war
er sichtlich bewegt; und als sie gar die heldenhafte Lüge, durch die Tom
ihre Schuld auf die eigenen Schultern geladen hatte, berichtete, sagte er
im Tone der Überzeugung, es wäre eine edle, großmütige, glänzende Lüge --
eine Lüge, die wert sei, von Geschlecht zu Geschlecht in Ehren gehalten zu
werden, unmittelbar nach George Washingtons berühmter Wahrheitsliebe.
Becky dachte, ihr Vater habe niemals so stolz und großartig ausgesehen, als
während er auf und nieder lief, mit dem Fuß aufstampfte und dies sagte. Sie
ging sofort davon und erzählte Tom davon. Der Richter hoffte, Tom einmal
als großen Gesetzgeber oder großen Soldaten oder so zu sehen. Er
versicherte, dafür sorgen zu wollen, daß Tom auf die Nationale
Militärschule und nachher auf die beste Gesetzesschule des Landes komme,
damit er sich dort für eine dieser Karrieren ausbilden solle -- oder auch
für beide.
Huck Finn wurde durch seinen Reichtum und durch den Umstand, daß er sich
unter dem Schutze der Witwe Douglas befand, in die Gesellschaft eingeführt
-- nein, hineingestoßen, hineingezerrt -- und seine Leiden wurden bald so
schlimm, daß er sie nicht mehr tragen konnte. Die Dienerschaft der Witwe
striegelte ihn rein und sauber, bürstete ihn und packte ihn nachts in ein
gräßliches Bett, in dem sich nicht ein einziger Fleck fand, den er hätte
ans Herz pressen und Freund nennen können. Er sollte mit Messer und Gabel
essen. Schüsseln, Becher und Teller sollte er benützen; aus Büchern lernen;
in die Kirche gehen; sich so manierlich ausdrücken, daß ihm die eigene
Sprache fremd erschien. So daß es ihm schließlich vorkam, als werde er
durch diese ,,Kultivierung" an Händen und Füßen gebunden.
Drei Wochen trug er sein Mißgeschick tapfer, dann schüttelte er es eines
Tages gewaltsam ab. Achtundvierzig Stunden hindurch suchte die Witwe in
höchster Bestürzung nach ihm. Das ganze Dorf war tief ergriffen; man suchte
überall herum und ließ den Fluß ab nach seiner Leiche. Früh am dritten Tage
schlenderte Tom zu ein paar alten, leeren Fässern, die hinter dem jetzt
unbenutzten Schlachthause vergessen ihr Dasein fristeten; in einem
derselben fand er den Flüchtling. Huck hatte da geschlafen; eben hatte er
mit einigen gestohlenen Kleinigkeiten sein Frühstück gehalten und lag jetzt
gemütlich da, die Pfeife im Munde. Er war ungekämmt, ungewaschen und in
dieselben Ruinen von Kleidern gehüllt, die ihm in den goldenen Tagen der
Freiheit und vollen Glückseligkeit ein so pittoreskes Aussehen gegeben
hatten. Tom schalt ihn, erzählte ihm von der durch ihn verursachten,
Bestürzung und drängte ihn, nach Haus zurückzukommen. Hucks Gesicht verlor
seinen ruhig-zufriedenen Ausdruck und wurde immer melancholischer.
,,Sag' nichts davon, Tom," bat er. ,,Hab's versucht, aber 's geht nicht,
Tom! 's ist nichts für mich, pass' nicht dafür! Die Witwe ist gut und
freundlich gegen mich; aber ich kann's nicht aushalten. Jeden Tag weckt sie
mich zur selben Zeit, läßt mich waschen -- sie schrubben mich noch zu Tode!
läßt mich im Bett schlafen; dann soll ich diese verdammten Kleider tragen,
die mich ersticken, Tom; sie scheinen gar keine Luft durchzulassen und sind
so verteufelt fein, daß ich nicht drin sitzen, liegen, mich nirgends
hinwerfen kann. Auf 'ner Kellertreppe bin ich nicht mehr hinuntergerutscht
seit -- na, 's ist wohl schon Jahre her! In die Kirche gehn soll ich und
schwitzen und schwitzen -- wie ich diese langweiligen Predigten hasse!
Nicht mal 'ne Fliege fangen darf man, nicht rauchen; dafür soll man alle
Sonntage Schuhe tragen! Wenn die Witwe ißt, läutet's, wenn sie zu Bett
geht, läutet's, wenn sie aufsteht, läutet's -- 's ist alles so gräßlich
regelmäßig -- das halt der Teufel aus!"
,,Na, Huck, das muß aber doch jeder."
,,Tom, ich will 'ne Ausnahme machen; ich bin nicht jeder, ich _kann's_
nicht aushalten! 's ist schrecklich, so gezogen zu werden. Und 's Essen
wird einem so bequem gemacht -- so macht's mir gar keinen Spaß. Soll
fragen, wenn ich fischen will, fragen, wenn ich baden will -- Herrgott, um
jedes und jedes fragen! Na, und dann nicht sprechen dürfen, wie man's
gewohnt ist. Könnt' ich nicht jeden Tag auf den Heuboden und dort 'n
bißchen schwatzen in _meiner_ Manier, ich müßt' krepieren, Tom! Die Alte
läßt mich auch nicht rauchen und nicht 'n _bißchen_ brüllen, nicht gähnen
-- nicht mal kratzen, wenn jemand dabei ist!" Dann mit einem Ausbruch ganz
besonderen Ingrimms: ,,Und das weiß der Henker -- beten tut sie den ganzen
Tag! Nie hab' ich so 'n Weib gesehen! Mußte fort, Tom, _mußte_! -- Tom, in
all das Elend wär' ich nicht gekommen, wär' nicht das Geld gewesen! Jetzt
sei so gut, Tom, nimm du's und gib mir zuweilen zehn Cent -- nicht zu oft,
denn ich geb' nichts um 'ne Sache, wenn sie nicht schwer zu kriegen ist;
und dann -- geh' hin, bitt' mich von der Witwe frei!"
,,Ach, Huck, du weißt doch, daß ich das nicht tun kann! 's wär'
unanständig; und dann, wenn du's noch 'ne Weile versuchst, wirst du dich
schon dran gewöhnen!"
,,Dran gewöhnen! Könnt' mich auch wohl an 'nen heißen Ofen gewöhnen, wenn
ich lang' genug drauf sitzen müßte! Nein, Tom, ich _mag_ nicht reich sein,
und ich will nicht in dem verdammten schläfrigen Hause wohnen. Hab' den
Wald zu lieb und den Fluß und die Berge -- und zu denen will ich zurück!
Verdammt! Jetzt, wo wir Geld haben und 'ne Höhle und alles, was wir als
Räuber brauchen, wirft einem so 'ne verrückte Tollheit alles übern Haufen!"
Tom ersah seinen Vorteil. ,,Na, weißt du, Huck, das Reichsein hat mich gar
nicht davon abgebracht, Räuber zu werden."
,,Nicht! All ihr guten Geister, sprichst du in wirklichem, todsicherem
Ernst, Tom?"
,,So todsicher, wie ich hier sitze! Aber, Huck, weißt du, wir können dich
nicht unter uns aufnehmen, wenn du nicht gut erzogen bist."
Hucks Freude war schon wieder zu Ende. ,,Könnt's nicht, Tom? Würd's nicht
als Pirat gehn?"
,,Ja, aber das ist 'n Unterschied. Ein Räuber ist viel was Nobleres, als
was so 'n Pirat ist -- für gewöhnlich. In den meisten Ländern sind sie
furchtbar nobel! 's sind Herzöge dabei und so was!"
,,Ach, Tom, du bist doch sonst immer so'n guter Kamerad gewesen! Du wirst
mich doch nicht ausschließen, Tom, nicht wahr? Du wirst doch _das_ nicht
tun, Tom --?"
,,Huck, ich möcht's ja nicht tun -- und ich _tät's_ auch nicht, aber was
würden die Leute sagen? Pah! würden sie sagen -- Tom Sawyers Bande! Schön'
lump'ge Kerle darunter! Sie würden dabei _dich_ meinen, Huck! _Das_ möchtst
du doch nicht, Huck, oder --?"
Huck schwieg eine Weile, in tiefes Nachdenken versunken. Schließlich sagte
er:
,,Na, dann will ich zur Witwe zurück -- auf 'nen Monat oder so, und sehn,
ob ich durchkomm' -- wenn ich dann eintreten kann, Tom."
,,'s ist recht, Huck, ist recht! Komm' mit, alter Dummkopf, und ich will
sehen, ob ich die Witwe bereden kann, dir 'n bißchen nachzulassen, Huck."
,,Willst du, Tom? Nein, _willst_ du?! 's ist wundervoll! Wenn sie mir nur
die schlimmsten Sachen nachläßt, will ich heimlich rauchen und fluchen und
sehen, daß ich durchkomm' -- oder krepieren. -- Wann willst du denn dran
gehen und 'ne Bande gründen?"
,,O, recht bald, Huck. Meinetwegen können wir noch diese Woche die Jungen
zusammentrommeln und die Einschwörung vornehmen."
,,Vornehmen -- was?"
,,Die Einschwörung."
,,Was ist das?"
,,Na, halt schwören, zusammenhalten, nie 'n Geheimnis zu verraten, wenn man
auch drum gevierteilt werden sollte -- und jeden zu töten, und seine ganze
Familie, der was schwatzt."
,,Großartig, Tom -- sag' dir's, einfach großartig!"
,,Na, ich glaub', 's ist's! Und das muß natürlich um Mitternacht sein, am
einsamsten, schrecklichsten Ort, den man finden kann. Ein Gespensterhaus
ist das beste, aber so was gibt's ja kaum noch."
,,Mitternacht ist gut, Tom!"
,,Ja -- 's ist gut. Und aufs Schwert schwören mußt du und mit Blut
unterzeichnen."
,,Na, das laß ich mir gefallen! 's ist ja tausendmal besser, als Pirat
sein. Na, Tom, will mich jetzt an die Witwe halten und alles tun, bis ich
verfaul'! Und wenn ich dann mal so 'n richtiger Räuber bin und alle Welt
von mir spricht, denk' ich, wird sie noch stolz sein, daß sie mich aus dem
Schmutz gezogen hat."
Schluß.
So endet diese Geschichte. Da es nur die Geschichte eines Jungen sein soll,
muß sie hier enden; sie könnte nicht weiter gehen, ohne die eines Mannes zu
werden. Wenn jemand eine Erzählung über erwachsene Leute schreibt, weiß er
genau, wo er aufzuhören hat -- bei der Heirat; schreibt er aber über ein
unreifes Kind, so muß er aufhören, wo er's für passend hält.
Die meisten der in diesem Buch vorkommenden Personen leben noch, sind
glücklich und mehren sich.
Vielleicht erscheint es eines Tages als angebracht, die Geschichte der
Jugend wieder aufzunehmen und zu sehen, was für Männer und Frauen aus ihnen
geworden sind; darum wird's am besten sein, von ihrem jetzigen Leben hier
nichts mehr zu verraten.