Mark Twain

_Deutsch von H. Hellwag_

Vorwort des Autors.

Die meisten der hier erzählten Abenteuer haben sich tatsächlich zugetragen.

Das eine oder das andere habe ich selbst erlebt, die anderen meine

Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben gezeichnet, nicht weniger Tom

Sawyer, doch entspricht dieser nicht einer bestimmten Persönlichkeit,

sondern wurde mit charakteristischen Zügen mehrerer meiner Altersgenossen

ausgestattet und darf daher jenem gegenüber als einigermaßen kompliziertes

psychologisches Problem gelten.

Ich muß hier bemerken, daß zur Zeit meiner Erzählung -- vor dreißig bis

vierzig Jahren -- unter den Unmündigen und Unwissenden des Westens noch die

seltsamsten, unwahrscheinlichsten Vorurteile und Aberglauben herrschten.

Obwohl dies Buch vor allem zur Unterhaltung der kleinen Welt geschrieben

wurde, so darf ich doch wohl hoffen, daß es auch von Erwachsenen nicht ganz

unbeachtet gelassen werde, habe ich doch darin versucht, ihnen auf

angenehme Weise zu zeigen, was sie einst selbst waren, wie sie fühlten,

dachten, sprachen, und welcher Art ihr Ehrgeiz und ihre Unternehmungen

waren.

Erstes Kapitel.

,,Tom!"

Keine Antwort.

,,Tom!"

Alles still.

,,Soll mich doch wundern, wo der Bengel wieder steckt! Tom!"

Die alte Dame schob ihre Brille hinunter und schaute darüber hinweg; dann

schob sie sie auf die Stirn und schaute darunter weg. Selten oder nie

schaute sie nach einem so kleinen Ding, wie ein Knabe ist, _durch_ die

Gläser dieser ihrer Staatsbrille, die der Stolz ihres Herzens war und mehr

stilvoll als brauchbar; sie würde durch ein paar Herdringe ebensoviel

gesehen haben. Unruhig hielt sie einen Augenblick Umschau und sagte, nicht

gerade erzürnt, aber doch immer laut genug, um im ganzen Zimmer gehört zu

werden: ,,Ich werde strenges Gericht halten müssen, wenn ich dich erwische,

ich werde --"

Hier brach sie ab, denn sie hatte sich inzwischen niedergebeugt und

stocherte mit dem Besen unter dem Bett herum, und dann mußte sie wieder

Atem holen, um ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen. Sie hatte nichts als die

Katze aufgestöbert.

,,So ein Junge ist mir noch gar nicht vorgekommen!"

Sie ging zur offenen Tür, blieb stehen und spähte zwischen den Weinranken

und dem blühenden Unkraut, welche zusammen den ,,Garten" ausmachten,

hindurch. Kein Tom. So erhob sie denn ihre Stimme und rief in alle Ecken

hinein: ,,Tom, Tom!" Hinter ihr wurde ein schwaches Geräusch hörbar und sie

wandte sich noch eben rechtzeitig um, um einen kleinen Burschen zu

erwischen und an der Flucht zu hindern. ,,Also, da steckst du? An die

Speisekammer habe ich freilich nicht gedacht! Was hast du denn da wieder

gemacht, he?"

,,Nichts."

,,Nichts! Schau deine Hände an und deinen Mund. Was ist das?"

,,Bei Gott, ich weiß es nicht, Tante!"

,,Aber _ich_ weiß es, 's ist Marmelade. Wie oft habe ich dir gesagt, wenn

du über die Marmelade gingest, würde ich dich bläuen. Gib mir den Stock

her!"

Der Stock zitterte in ihren Händen. Die Gefahr war dringend.

,,Holla, Tante, sieh dich mal schnell um!"

Die alte Dame fuhr herum und brachte ihre Röcke in Sicherheit, während der

Bursche, den Augenblick wahrnehmend, auf den hohen Bretterzaun kletterte

und jenseits verschwand. Tante Polly stand sprachlos, dann begann sie

gutmütig zu lächeln. ,,Der Kuckuck hole den Jungen! Werde ich denn das

niemals lernen? Hat er mir denn nicht schon Streiche genug gespielt, daß

ich immer wieder auf den Leim krieche? Aber alte Torheit ist die größte

Torheit, und ein alter Hund lernt keine neuen Kunststücke mehr. Aber, du

lieber Gott, er macht jeden Tag neue, und wie kann jemand bei ihm wissen,

was kommt! Es scheint, er weiß ganz genau, wie lange er mich quälen kann,

bis ich dahinter komme, und ist gar zu gerissen, wenn es gilt, etwas

ausfindig zu machen, um mich für einen Augenblick zu verblüffen oder mich

wider Willen lachen zu machen, es ist immer dieselbe Geschichte, und ich

bringe es nicht fertig, ihn zu prügeln. Ich tue meine Pflicht nicht an dem

Knaben, wie ich sollte, Gott weiß es. ,Spare die Rute, und du verdirbst

dein Kind', heißt es. Ich begehe vielleicht unrecht und kann es vor mir und

ihm nicht verantworten, fürcht' ich. Er steckt voller Narrenspossen und

allerhand Unsinn -- aber einerlei! Er ist meiner toten Schwester Kind, ein

armes Kind, und ich habe nicht das Herz, ihn irgendwie am Gängelband zu

führen. Wenn ich ihn sich selbst überlasse, drückt mich mein Gewissen, und

so oft ich ihn schlagen muß, möchte mir das alte Herz brechen. Nun, mag's

drum sein, der weibgeborene Mensch bleibt halt sein ganzes Leben durch in

Zweifel und Irrtum, wie die heilige Schrift sagt, und ich denke, es ist so.

Er wird wieder den ganzen Abend Blindekuh spielen, und ich sollte ihn von

Rechts wegen, um ihn zu strafen, morgen arbeiten lassen. Es ist wohl hart

für ihn, am Samstag stillzusitzen, wenn alle anderen Knaben Feiertag haben,

aber er haßt Arbeit mehr als irgend sonst was, und ich will meine Pflicht

an ihm tun, oder ich würde das Kind zu Grunde richten."

Tom spielte Blindekuh und fühlte sich sehr wohl dabei. Zur rechten Zeit

kehrte er ganz frech nach Hause zurück, um Jim, dem kleinen, farbigen

Bengel, zu helfen, noch vor Tisch das Holz für den nächsten Tag zu sägen

und zu spalten -- und schließlich hatte er Jim die Abenteuer des Tages

erzählt, während Jim drei Viertel der Arbeit getan hatte. Toms jüngerer

Bruder (oder vielmehr Halbbruder) Sid war bereits fertig mit seinem Anteil

an der Arbeit, dem Zusammenlesen des Holzes, denn er war ein phlegmatischer

Junge und hatte keinerlei Abenteuer und kühne Unternehmungen. Während Tom

nun seine Suppe aß und nach Möglichkeit Zuckerstückchen stahl, stellte

Tante Polly allerhand Fragen an ihn, arglistige und verfängliche Fragen,

denn sie brannte darauf, ihn in eine Falle zu locken. Wie so viele

gutherzige Geschöpfe, bildete sie sich auf ihr Talent in der höheren

Diplomatie nicht wenig ein und betrachtete ihre sehr durchsichtigen

Anschläge als wahre Wunder inquisitorischer Verschlagenheit.

,,Tom," sagte sie, ,,es war wohl ziemlich heiß in der Schule?"

,,M -- ja"

,,_Sehr_ heiß, he?"

,,M -- ja."

,,Hattest du nicht Lust, zum Schwimmen zu gehen?"

Tom stutzte -- ein ungemütlicher Verdacht stieg in ihm auf. Er schaute

forschend in Tante Pollys Gesicht, aber es war nichts darin zu lesen. So

sagte er: ,,Nein -- das heißt -- nicht so sehr."

Die alte Dame streckte ihre Hand nach ihm aus, befühlte seinen Kragen und

sagte: ,,Jetzt, scheint mir, kann dir jedenfalls nicht mehr zu warm sein,

nicht?" Auf diese Art, dachte sie, habe sie sich von der vollkommenen

Trockenheit seines Kragens überzeugt, ohne ihre wahre Absicht von fern

merken zu lassen. Aber Tom hatte trotzdem begriffen, woher der Wind wehte.

So beeilte er sich wohlweislich, allen etwaigen Fragen zuvorzukommen.

,,Einige von uns haben sich den Kopf unter die Pumpe gehalten -- meiner ist

noch feucht -- fühl nur." Tante Polly ärgerte sich, eine so wichtige

Indizie übersehen zu haben; so hatte sie von vornherein ihre Waffen aus der

Hand gegeben. Dann kam ihr aber ein neuer Gedanke.

,,Tom, du hast doch wohl nicht den Kragen, den ich dir an die Jacke genäht

hatte, beim Unter-die-Pumpe-halten des Kopfes abgenommen? Mach doch mal die

Jacke auf!"

Toms Mienen hellten sich auf. Er öffnete seine Jacke. Sein Kragen saß ganz

fest.

,,Wirklich. Na 's ist gut, du kannst gehen. Ich hätte darauf geschworen,

daß du im Wasser gewesen seiest. Nun, dir geht es diesmal wie der

gebrannten Katze, ich habe dich zu Unrecht in Verdacht gehabt -- _diesmal_,

Tom."

Sie war halb verdrießlich, so aus dem Felde geschlagen zu sein, und doch

freute sie sich, daß Tom doch wirklich mal gehorsam gewesen war. Plötzlich

sagte Sidney: ,,Ich hab' aber doch gesehen, daß du seinen Kragen mit weißem

Zwirn genäht hast -- und jetzt ist er auf einmal schwarz!"

,,Freilich hab' ich weißen genommen -- Tom!"

Aber Tom hatte sich schon aus dem Staube gemacht. ,,Na, warte, Sidney, das

sollst du mir büßen," damit war er aus der Tür.

An einem sicheren Plätzchen beschaute Tom dann zwei lange Nadeln, welche

unter dem Kragen seines Rockes steckten, die eine mit schwarzem, die andere

mit weißem Zwirn.

,,Sie allein hätte es nie gemerkt," dachte er, ,,ohne diesen Sid. Einmal

schwarzen, das andere Mal weißen -- zum Teufel, ich wollte, sie entschiede

sich für einen, damit ich wüßte, woran ich wäre. Und Sid -- na, seine

Prügel sind ihm sicher; wenn ich's nicht tue, soll man mir die Ohren

abschneiden."

Tom war kein Musterknabe, aber er kannte einen und haßte ihn von Herzen.

Ein Augenblick -- und Tom hatte alle seine Kümmernisse vergessen. Nicht,

daß sie auf einmal geringer geworden wären oder weniger auf dem Herzen des

kleinen Mannes gelastet hätten, -- aber Tom hatte eine neue, wundervolle

Beschäftigung, und die richtete ihn auf und half ihm über alles hinweg --

für den Augenblick; wie eben ein Mann alles Mißgeschick beim Gedanken an

neue Taten verschmerzt. Diese neue Beschäftigung war eine ganz neue Art, zu

pfeifen, die ihm irgend ein Negerbengel vor kurzem beigebracht hatte, und

die jetzt ungestört geübt werden mußte. Die wichtige Erfindung beruhte auf

einem vogelartigen, schmetternden Triller, mit gleichzeitigem, durch

Zungenschlag hervorgebrachten Geschwindmarsch von Tönen. Der Leser weiß,

wie man diese delikate Musik ausübt -- oder er ist niemals jung gewesen.

Tom hatte mit Fleiß und Aufmerksamkeit bald den Trick heraus und

schlenderte, den Mund voll Harmonie und Stolz im Herzen, die Dorfstraße

hinunter. Er fühlte sich wie ein Sterngucker, der ein neues Gestirn

entdeckt hat. Nur daß keines Sternguckers Freude und Genugtuung so tief und

ungetrübt hatte sein können wie die Toms.

Der Sommerabend war lang und noch hell. Plötzlich hörte Tom auf zu pfeifen.

Ein Fremder stand vor ihm, ein Bursche, kaum größer als er selbst. Eine

neue Bekanntschaft, einerlei, welchen Alters und Geschlechts, war in dem

armseligen, kleinen St. Petersburg schon ein Ereignis. Dieser Bursche war

gut gekleidet -- zu gut für einen Werktag. Sonderbar. Seine Mütze war

zierlich, seine enganliegende blaue Jacke neu und sauber, ebenso seine

Hose. Er hatte Schuhe an, und es war erst Freitag! Er hatte sogar ein

Halstuch um, ein wahres Monstrum von einem Tuch. Überhaupt hatte er etwas

an sich, was den Naturmenschen in Tom herausforderte. Je mehr Tom das neue

Weltwunder anstarrte, um so mehr rümpfte er die Nase über solche

Geziertheit, und sein eigenes Äußere erschien ihm immer schäbiger. Beide

schwiegen. Wollte einer ausweichen, so wollte auch der andere ausweichen,

natürlich nach derselben Seite. So schauten sie lange einander

herausfordernd in die Augen. Endlich sagte Tom: ,,Soll ich dich prügeln?"

,,Das möchte ich doch erst einmal sehen!"

,,Das wirst du _allerdings_ sehen!"

,,Du kannst es ja gar nicht!"

,,_Wohl_ kann ich's!"

,,Pah!"

,,_Wohl_ kann ich's!"

,,Nicht wahr!"

,,_Doch_ wahr!"

Die Abenteuer Tom Sawyers · 第 2 / 25 题