Trotz der großen Übermacht gedachte Kapitän Jachmann seine drei
Schiffe, ‚Arkona‘, ‚Nymphe‘ und ‚Loreley‘, an den Feind zu bringen.
Mit der ‚Loreley‘, die mit zwei Geschützen besetzt war, zählte die
kleine Flotte insgesamt nur zweiundvierzig Kanonen. Zwischen Thiessow
und der Küste von Jasmund nahmen die kleinen Kanonenboote Aufstellung.
Ihre Aufgabe sollte sein, dem Feinde Verderben zu bringen, wenn er in
die Nähe des Landes kam. Gerade auf die Mitwirkung der Kanonenboote
gründete Jachmann seinen Angriffsplan; denn mußten die größeren
Schiffe die Rückfahrt antreten, verfolgt vom Feinde, so konnten die
Kanonenboote mit ihren guten gezogenen Geschützen erfolgreich
eingreifen. Das Mittagsmahl ging rasch vorüber, alle standen zu sehr
unter dem Ernst des Augenblicks. Nach der Mittagspause wurde unter
Volldampf die offene See erreicht, aber soviel die Matrosen auch
spähten und die Fernrohre den Horizont absuchten, vom Feinde war
nichts zu entdecken. Endlich, gegen 1½ Uhr, kam die Dänenflotte in
Sicht; sie hielt sich zwei Meilen vom Lande unweit von Stubbenkammer.
Eilig kletterten die preußischen Matrosen an den Strickleitern empor,
um den Feind zu erspähen, der mit einer stattlichen Zahl von sechs
Schiffen fast unbeweglich am Platze blieb. Sie hielten das Erscheinen
der Preußen für eine Erkundigungsfahrt; erst als sie einsahen, daß
die preußischen Schiffe einen Angriff planten, bildeten die Dänen
mit ihren Schiffen eine doppelte Kiellinie. Vom Führerschiff kam der
Befehl, den Feind in offener Ordnung anzugreifen. ‚Arkona‚ fuhr auf
dem rechten Flügel, ‚Nymphe‚ auf dem linken und die ‚Loreley‚ in der
Mitte. Näher und näher kamen die schweren Schiffsrümpfe des Gegners,
der sich in seiner Ruhe nicht stören ließ. Als der Generalmarsch auf
den preußischen Schiffen ertönte, eilte jeder, so schnell er konnte,
an seinen Posten; die Geschütze wurden ordnungsmäßig besetzt, dazu
die Reihen zur Beförderung der Geschosse gebildet. Auf den Verdecken
wurde in reichlicher Menge Sand gestreut, auch die Spritzen und Pumpen
mußten für den Notfall klar sein, und bald wich das Durcheinander
einer zielbewußten Ordnung. Ein jeder stand an seinem Platze und
erwartete den Beginn des Kampfes. Jetzt bemerkten auch die Dänen, daß
es Ernst wurde, und trafen ihre Vorkehrungen. Als das kleine preußische
Geschwader auf etwa fünftausend Schritt an den Feind heran war, sandte
ihm die ‚Arkona‘ den ersten Gruß aus dem Buggeschütz, doch die zu
große Entfernung ließ das Geschoß das Ziel nicht erreichen; einige
Male berührte es den Wasserspiegel und versank dann in die Tiefe.
Die Entfernung verringerte sich. Als der Pulverdampf sich verzogen
hatte, blitzte es von neuem auf der ‚Arkona‘ auf. Diesmal tat die
Kugel ihre Arbeit. Ein mächtiges Loch im Rumpf des dänischen Schiffes
‚Själland‘ zeigte die Wirkung der Dreißigpfündergranate und belebte die
Siegeszuversicht der preußischen Schiffe. Jetzt kam aber auch Leben
in den Feind. Die mächtigen Breitseiten der dänischen Führerschiffe
‚Själland‘ und ‚Skjold‘ überschütteten namentlich das preußische
Flaggschiff ‚Arkona‘ unter ohrenbetäubendem Lärm mit ihrem Geschoßhagel.
[Illustration: Das Seegefecht bei Jasmund. Angriff.]
[Illustration: S. M. S. ‚Nymphe‘.]
Kapitän Jachmann hatte rechtzeitig durch eine geschickte Wendung die
Breitseite der ‚Arkona‘ den Dänen zugewandt und brachte damit seine
Breitseitgeschütze zur Wirkung. Der erste Geschoßhagel der Dänen
richtete nur geringen Schaden an. Außer einzelnen Löchern im Bug wurden
nur Taue in der Takelage zerschossen. Inzwischen kamen ‚Nymphe‘ und
‚Loreley‘ näher an die Dänen heran und unterstützten die ‚Arkona‘ nach
besten Kräften. Aber im Getriebe des Kampfes näherten sich die Schiffe,
namentlich die ‚Nymphe‘, bedenklich dem Feinde, der sich jedoch
vorwiegend mit der ‚Arkona‘ befaßte. Das Glück war ihm nicht hold.
Wohl sauste Geschoßhagel auf Geschoßhagel über die ‚Arkona‘ dahin, die
meisten Geschosse blieben aber wirkungslos, weil sie zu hoch flogen und
jenseits des Schiffes ins Wasser fielen.
[Illustration: Das Seegefecht bei Jasmund. Rückzug.]
Auf den preußischen Schiffen herrschte trotz des starken Kampfgetöses
keine Überstürzung. Mit Ruhe beobachtete man die Wirkung der eigenen
Geschosse. Bald aber sollte es anders kommen. Eine dänische Granate
fuhr krachend durch ein Beiboot der ‚Arkona‘, platzte über der
Kommandobrücke und verbreitete um sich Tod und Verderben. Tödlich
traf sie den Steuermann, der verwundete erste Offizier fiel von der
Kommandobrücke, einzelne Granatsplitter schlugen dann durchs Deck,
töteten in der Batterie einen Matrosen und verwundeten zwei andere sehr
schwer. Es war der erste blutige Gruß, der dem Arzte im Schiffslazarett
Arbeit brachte. Die Fröhlichkeit und der Humor verschwanden im
Angesichte des Todes, aber ruhig und sicher blieb jeder auf seinem
Posten. Der dänische Führer erkannte, daß er so nicht zum Ziel kam;
noch feuerten alle Geschütze der ‚Arkona‘ unentwegt weiter, dazu
erwiesen sich ‚Nymphe‘ und ‚Loreley‘ als nicht zu verachtende Gegner.
Plötzlich wandte sich der Feind gegen die ‚Nymphe‘. Als die erste
Breitseite des dänischen Schiffes gegen die ‚Nymphe‘ herandonnerte,
glaubte die Besatzung, ihr letztes Stündlein sei gekommen, denn die
meisten Geschosse erreichten ihr Ziel. Entweder trafen sie den Rumpf,
oder durchlöcherten den Schornstein, oder zerschlugen die Takelage.
Fünf Mann erhielten leichte Verletzungen. Der größte Schaden aber war
die Zerfetzung des Schornsteins; die Feuerung fing an zu versagen,
der Dampfdruck ließ nach, und damit büßte das Schiff in seiner
Geschwindigkeit und seiner Lenkfähigkeit ein. Den Dänen entging der
errungene Vorteil nicht. Die Salven krachten von neuem. Auf der
‚Nymphe‘ ward das Boot am Hinterdeck zertrümmert, in der Takelage
zerplatzten die Geschosse und setzten Segel in Brand, dreimal trafen
die feindlichen Kugeln die Kommandobrücke, die Verwirrung wurde ständig
größer. Der Führer des mutigen Schiffes, Kapitänleutnant Werner,
wußte sich zu helfen. In aller Eile dichteten die Matrosen durch
Kupferplatten die Löcher am Schornstein, die durch Teer und Pech zu
größerer Glut angefachten Kesselfeuer erhöhten die Dampfkraft, und
damit wuchs die Möglichkeit, das verwundete Schiff aus dem Bereiche der
feindlichen Schiffsgeschütze zu bringen. Endlich konnte die Besatzung
aufatmen. ‚Arkona‘ und ‚Loreley‘ fügten während dieser aufregenden
Kampfesszene dem Dänenschiffe beträchtlichen Schaden zu, und die
‚Nymphe‘, nachdem sie leidlich wieder im Stand war, fuhr von neuem
in die Kampfeslinie hinein, und durch gutgezielte Schüsse aus dem
Buggeschütz brachte sie dem ‚Själland‘ schwere Beschädigungen bei. Eine
Granate durchschlug den ganzen Rumpf; nur noch eine letzte Salve aus
der Breitseite des Schiffes, dann schwiegen die Geschütze der Dänen.
Auf Seite der Dänen übernahm ‚Skjold‘ die Führung. Langsam vergrößerte
sich die Entfernung, und das Gefecht zog sich mehr und mehr in die Nähe
des Landes. Ein Eingreifen der preußischen Kanonenboote erfolgte nicht,
da die Dänen sich in zu großer Entfernung hielten.
In der späten Nachmittagsstunde fiel der letzte Schuß im nahezu
dreistündigen Kampf. Es war ein Ehrentag für die junge preußische
Flotte, die das erste Blatt ihrer Geschichte beschrieb. Brausender
Jubel umfing die heimkehrenden Schiffe, denn das eine war erreicht: die
feindliche Flotte hielt sich von nun ab in respektvoller Entfernung.
Am 20. März fand das Begräbnis der fünf Gefallenen unter allgemeiner
Teilnahme statt. Ein Denkmal erhebt sich über den Gebeinen der
Tapferen, die in dem ersten Seekampf für die Ehre der preußischen
Flagge fielen.