Von Professor Hans Petersen.]

Trotz der großen Übermacht gedachte Kapitän Jachmann seine drei

Schiffe, ‚Arkona‘, ‚Nymphe‘ und ‚Loreley‘, an den Feind zu bringen.

Mit der ‚Loreley‘, die mit zwei Geschützen besetzt war, zählte die

kleine Flotte insgesamt nur zweiundvierzig Kanonen. Zwischen Thiessow

und der Küste von Jasmund nahmen die kleinen Kanonenboote Aufstellung.

Ihre Aufgabe sollte sein, dem Feinde Verderben zu bringen, wenn er in

die Nähe des Landes kam. Gerade auf die Mitwirkung der Kanonenboote

gründete Jachmann seinen Angriffsplan; denn mußten die größeren

Schiffe die Rückfahrt antreten, verfolgt vom Feinde, so konnten die

Kanonenboote mit ihren guten gezogenen Geschützen erfolgreich

eingreifen. Das Mittagsmahl ging rasch vorüber, alle standen zu sehr

unter dem Ernst des Augenblicks. Nach der Mittagspause wurde unter

Volldampf die offene See erreicht, aber soviel die Matrosen auch

spähten und die Fernrohre den Horizont absuchten, vom Feinde war

nichts zu entdecken. Endlich, gegen 1½ Uhr, kam die Dänenflotte in

Sicht; sie hielt sich zwei Meilen vom Lande unweit von Stubbenkammer.

Eilig kletterten die preußischen Matrosen an den Strickleitern empor,

um den Feind zu erspähen, der mit einer stattlichen Zahl von sechs

Schiffen fast unbeweglich am Platze blieb. Sie hielten das Erscheinen

der Preußen für eine Erkundigungsfahrt; erst als sie einsahen, daß

die preußischen Schiffe einen Angriff planten, bildeten die Dänen

mit ihren Schiffen eine doppelte Kiellinie. Vom Führerschiff kam der

Befehl, den Feind in offener Ordnung anzugreifen. ‚Arkona‚ fuhr auf

dem rechten Flügel, ‚Nymphe‚ auf dem linken und die ‚Loreley‚ in der

Mitte. Näher und näher kamen die schweren Schiffsrümpfe des Gegners,

der sich in seiner Ruhe nicht stören ließ. Als der Generalmarsch auf

den preußischen Schiffen ertönte, eilte jeder, so schnell er konnte,

an seinen Posten; die Geschütze wurden ordnungsmäßig besetzt, dazu

die Reihen zur Beförderung der Geschosse gebildet. Auf den Verdecken

wurde in reichlicher Menge Sand gestreut, auch die Spritzen und Pumpen

mußten für den Notfall klar sein, und bald wich das Durcheinander

einer zielbewußten Ordnung. Ein jeder stand an seinem Platze und

erwartete den Beginn des Kampfes. Jetzt bemerkten auch die Dänen, daß

es Ernst wurde, und trafen ihre Vorkehrungen. Als das kleine preußische

Geschwader auf etwa fünftausend Schritt an den Feind heran war, sandte

ihm die ‚Arkona‘ den ersten Gruß aus dem Buggeschütz, doch die zu

große Entfernung ließ das Geschoß das Ziel nicht erreichen; einige

Male berührte es den Wasserspiegel und versank dann in die Tiefe.

Die Entfernung verringerte sich. Als der Pulverdampf sich verzogen

hatte, blitzte es von neuem auf der ‚Arkona‘ auf. Diesmal tat die

Kugel ihre Arbeit. Ein mächtiges Loch im Rumpf des dänischen Schiffes

‚Själland‘ zeigte die Wirkung der Dreißigpfündergranate und belebte die

Siegeszuversicht der preußischen Schiffe. Jetzt kam aber auch Leben

in den Feind. Die mächtigen Breitseiten der dänischen Führerschiffe

‚Själland‘ und ‚Skjold‘ überschütteten namentlich das preußische

Flaggschiff ‚Arkona‘ unter ohrenbetäubendem Lärm mit ihrem Geschoßhagel.

[Illustration: Das Seegefecht bei Jasmund. Angriff.]

[Illustration: S. M. S. ‚Nymphe‘.]

Kapitän Jachmann hatte rechtzeitig durch eine geschickte Wendung die

Breitseite der ‚Arkona‘ den Dänen zugewandt und brachte damit seine

Breitseitgeschütze zur Wirkung. Der erste Geschoßhagel der Dänen

richtete nur geringen Schaden an. Außer einzelnen Löchern im Bug wurden

nur Taue in der Takelage zerschossen. Inzwischen kamen ‚Nymphe‘ und

‚Loreley‘ näher an die Dänen heran und unterstützten die ‚Arkona‘ nach

besten Kräften. Aber im Getriebe des Kampfes näherten sich die Schiffe,

namentlich die ‚Nymphe‘, bedenklich dem Feinde, der sich jedoch

vorwiegend mit der ‚Arkona‘ befaßte. Das Glück war ihm nicht hold.

Wohl sauste Geschoßhagel auf Geschoßhagel über die ‚Arkona‘ dahin, die

meisten Geschosse blieben aber wirkungslos, weil sie zu hoch flogen und

jenseits des Schiffes ins Wasser fielen.

[Illustration: Das Seegefecht bei Jasmund. Rückzug.]

Auf den preußischen Schiffen herrschte trotz des starken Kampfgetöses

keine Überstürzung. Mit Ruhe beobachtete man die Wirkung der eigenen

Geschosse. Bald aber sollte es anders kommen. Eine dänische Granate

fuhr krachend durch ein Beiboot der ‚Arkona‘, platzte über der

Kommandobrücke und verbreitete um sich Tod und Verderben. Tödlich

traf sie den Steuermann, der verwundete erste Offizier fiel von der

Kommandobrücke, einzelne Granatsplitter schlugen dann durchs Deck,

töteten in der Batterie einen Matrosen und verwundeten zwei andere sehr

schwer. Es war der erste blutige Gruß, der dem Arzte im Schiffslazarett

Arbeit brachte. Die Fröhlichkeit und der Humor verschwanden im

Angesichte des Todes, aber ruhig und sicher blieb jeder auf seinem

Posten. Der dänische Führer erkannte, daß er so nicht zum Ziel kam;

noch feuerten alle Geschütze der ‚Arkona‘ unentwegt weiter, dazu

erwiesen sich ‚Nymphe‘ und ‚Loreley‘ als nicht zu verachtende Gegner.

Plötzlich wandte sich der Feind gegen die ‚Nymphe‘. Als die erste

Breitseite des dänischen Schiffes gegen die ‚Nymphe‘ herandonnerte,

glaubte die Besatzung, ihr letztes Stündlein sei gekommen, denn die

meisten Geschosse erreichten ihr Ziel. Entweder trafen sie den Rumpf,

oder durchlöcherten den Schornstein, oder zerschlugen die Takelage.

Fünf Mann erhielten leichte Verletzungen. Der größte Schaden aber war

die Zerfetzung des Schornsteins; die Feuerung fing an zu versagen,

der Dampfdruck ließ nach, und damit büßte das Schiff in seiner

Geschwindigkeit und seiner Lenkfähigkeit ein. Den Dänen entging der

errungene Vorteil nicht. Die Salven krachten von neuem. Auf der

‚Nymphe‘ ward das Boot am Hinterdeck zertrümmert, in der Takelage

zerplatzten die Geschosse und setzten Segel in Brand, dreimal trafen

die feindlichen Kugeln die Kommandobrücke, die Verwirrung wurde ständig

größer. Der Führer des mutigen Schiffes, Kapitänleutnant Werner,

wußte sich zu helfen. In aller Eile dichteten die Matrosen durch

Kupferplatten die Löcher am Schornstein, die durch Teer und Pech zu

größerer Glut angefachten Kesselfeuer erhöhten die Dampfkraft, und

damit wuchs die Möglichkeit, das verwundete Schiff aus dem Bereiche der

feindlichen Schiffsgeschütze zu bringen. Endlich konnte die Besatzung

aufatmen. ‚Arkona‘ und ‚Loreley‘ fügten während dieser aufregenden

Kampfesszene dem Dänenschiffe beträchtlichen Schaden zu, und die

‚Nymphe‘, nachdem sie leidlich wieder im Stand war, fuhr von neuem

in die Kampfeslinie hinein, und durch gutgezielte Schüsse aus dem

Buggeschütz brachte sie dem ‚Själland‘ schwere Beschädigungen bei. Eine

Granate durchschlug den ganzen Rumpf; nur noch eine letzte Salve aus

der Breitseite des Schiffes, dann schwiegen die Geschütze der Dänen.

Auf Seite der Dänen übernahm ‚Skjold‘ die Führung. Langsam vergrößerte

sich die Entfernung, und das Gefecht zog sich mehr und mehr in die Nähe

des Landes. Ein Eingreifen der preußischen Kanonenboote erfolgte nicht,

da die Dänen sich in zu großer Entfernung hielten.

In der späten Nachmittagsstunde fiel der letzte Schuß im nahezu

dreistündigen Kampf. Es war ein Ehrentag für die junge preußische

Flotte, die das erste Blatt ihrer Geschichte beschrieb. Brausender

Jubel umfing die heimkehrenden Schiffe, denn das eine war erreicht: die

feindliche Flotte hielt sich von nun ab in respektvoller Entfernung.

Am 20. März fand das Begräbnis der fünf Gefallenen unter allgemeiner

Teilnahme statt. Ein Denkmal erhebt sich über den Gebeinen der

Tapferen, die in dem ersten Seekampf für die Ehre der preußischen

Flagge fielen.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 43 / 97 题