Die Hochzeit des Freundes

Fridolin war jung, lang und hellblond. Etwas Ruhiges war in seinem Wesen.

Er war zu besonnen, um sich von einer Leidenschaft knechten zu lassen, und

zu leichten Sinnes, um sich über eine Torheit zu erregen, die er begangen

hatte.

Auf das engste vertraut fühlte er sich mit der Schönheit des Meeres. Er

meinte, daß es nichts Größeres, Rätselvolleres und doch dem Fühlen des

Menschen Vertrauteres gäbe als diese in ewigem Wechsel sich erneuende

Bewegung, und daß es nichts gäbe, was einen tieferen Frieden und zugleich

eine so herrliche Lust an der Fülle des Daseins verliehe. Am Meere trieb

er sich oft herum. Hier schien ihm alles verklärt von einem

unbeschreiblichen Glanz: der spritzende Gischt wie das wehende Dünengras

und die unheimlichen Vögel, die den Strand bevölkern; der scharfe Geruch

von Salz und trocknenden Fischen, der Strandhafer und die Disteln, mit

denen der Westwind spielt; das Mondlicht, das über das dunkle Wasser

hinschillert, mit unzähligen blitzenden Klecksen; und jene göttlich faulen

Stunden, da man, die brennende Pfeife im Munde, in einsamen Booten liegt,

ziellos dahintreibt und mit wunschlosen Augen in den Himmel schaut.

Was die Liebe anlangt, so ist zu sagen, daß ihn am ehesten jene Mädchen

entzündeten, aus deren gerade erwachenden Augen das blaue

Frühlingsleuchten strahlt, das von den Blüten des Sommers noch nichts

weiß; jene, deren zaghaft gegebene Hand ein reicheres Geschenk bedeutet

als das Glühen der Wissenden, und die, wenn sie tanzen, wie junge, im Wind

bewegte Zweige sind. Das Ende seiner Neigungen freilich war immer bitter,

denn es war die Entsagung. Er hatte noch keinen Sinn dafür, daß es hold

sei, das eigene Leben mit einem andern dauernd zu verketten. Er war zu

sehr in seine Jugend verstrickt, und sein Freiheitsgefühl war viel zu

groß, als daß er sich schon hätte entschließen können, einen mit Obacht

vorgeschriebenen Weg zu gehen.

* * * * *

Er hatte einen Jugendfreund mit Namen Wilibald. Dieser war jetzt Leutnant

in einem pommerschen Infanterieregiment und hatte sich mit der Tochter

eines hinterpommerschen Gutsbesitzers verlobt. Die Hochzeit stand nahe

bevor. Fridolin erinnerte sich einer hübschen Szene aus der Kindheit, wo

er mit dem Freunde in einem blühenden Holunderbusch gesessen hatte, in

dem sie, mit ernster Miene Zigaretten aus Kartoffelkraut rauchend und

unendlich wichtige Gespräche über die Zukunft führend, sich das Wort

gegeben hatten, daß einst der eine auf der Hochzeit des andern zugegen

sein werde. Nun machte sich Fridolin auf, um an der Hochzeitsfeier seines

Freundes teilzunehmen.

Er reiste mit einem andern Jugendgenossen, Paul, der auch geladen war. Es

war im März, und nach langen Regentagen waltete der Vorfrühling in seiner

ganzen Schönheit. Die Luft war erfüllt von Sonne und tausend seltsamen

süßen Ahnungen. Die werdende Natur schien mit Schleiern von Gold behangen

zu sein, nachdem das Auge sie wochenlang nur in Grau gesehen hatte. Paul

und Fridolin saßen plaudernd im Zuge, der sie nach Norden trug. Sie

ergingen sich in bunten Erinnerungen, und die Tage ihrer Kindheit standen

so klar vor ihnen auf, als hätten sie sie gestern erst preisgegeben.

Fridolin blickte durch das geöffnete Fenster des Zuges, durch das die

Sonne hereinkam, in die vorüberfliegende Landschaft. Er war überrascht von

dem, was er sah. Er hatte gemeint, auf dieser Reise in die ödesten Bezirke

zu geraten, und nun sah er sich unvermutet von einer Natur umgeben, die

mit seinem landschaftlichen Fühlen im schönsten Einklang stand. Ein

wundervoll blauer Himmel lag über der Erde, und die Strahlen der lange

entbehrten Sonne umwoben jedes Ding mit einem goldhaltigen Schimmer.

Braune Heideflächen, aus denen einzelne Birken, von dem ersten Glanz des

kommenden Laubes verklärt, hervorragten, wechselten mit kleinen

Nadelwäldern, Ackerstreifen und fetten Wiesen ab. Dann flog der Zug an

Mooren vorbei, in deren schwarzen Lachen die Sonne wie bleiches Silber

lag. Aufgeschichtete Torfhaufen sah man, und die vereinzelten Bäume, die

sich aus dem Moor aufreckten, waren verkrüppelte Wesen von spukhafter

Form, die, so dachte Fridolin, wenn man sie im Mondlicht sähe, etwas

Furchterregendes haben müßten. Hier und da stand ein bemooster, grünlich

schimmernder Windbock und ließ seine Flügel treiben. Über die Wiesen

schritt der Storch. Einzelne Gehöfte, von Linden oder Eschen umgeben, die

sie gegen die Winde schützten, lagen malerisch durch das Land verstreut.

Verblüffend waren die kleinen Seen, die zuweilen auftauchten. Ihr Wasser

war so märchenhaft blau, daß es schien, ein Stück des Himmels sei in sie

hineingefallen.

Blau und Gold waren die herrschenden Farben in der Landschaft. Die Höhen,

die in der Ferne auftauchten, waren ultramarin. Fridolin war es, er schaue

in eine Wunderwelt.

Am späten Nachmittag, als die Farben matter wurden und sich ein feines,

langsam zunehmendes Grau überall einzumischen begann, kam die kleine

Station, auf der man aussteigen mußte. Fridolin lehnte, als der Zug

einlief, aus dem Fenster, um Auslug zu halten. Der Bräutigam, in Uniform

mit Pelzkragen, stand auf dem Bahnsteig und winkte. Die beiden Freunde

waren nicht die einzigen, die den Zug verließen. Noch etwa fünf, sechs

andre Wagentüren öffneten sich, und Herren mit Hut- und Helmschachteln,

auch mehrere Damen stiegen aus. Wilibald begrüßte die einzelnen, stellte

vor und überwies das Gepäck an die Diener. Dann ordnete sich die kleine,

bunt zusammengewürfelte Kolonne in einer Reihe draußen wartender Landauer,

die sie dem ungefähr eine Stunde entfernt liegenden Gutshof zuführen

sollte.

Die Führung übernahm eine Jagdkalesche. Ein Paar schwarzbrauner Traber zog

sie. Wilibald saß auf dem Bock und hatte die Zügel in Händen. Neben ihm

saß Fridolin. Hinter ihnen ein Bruder der Braut, Paul und eine Reihe

Leutnants.

Erst kam eine Pappelchaussee. Rechts und links, auf hügeligem Gelände,

dehnte sich Feld und Heide. Ein kräftiger Wind strich von den Feldern her.

Wilibalds Augen glänzten. Er knallte die Peitsche über die Gäule hin, sah

zwischen den nickenden Köpfen durch und schien an etwas Fernes zu denken.

Plötzlich kehrte er das Gesicht zu dem neben ihm sitzenden Freunde und

blitzte ihn mit goldenen Augen an.

Da sprach Fridolin:

»Sie hat blaue Augen, und in ihrem Haar ist ein Ton wie Bernstein. Habe

ich recht?«

Wilibald nickte.

»Das Schönste ist ihr Lachen«, erwiderte er, »Es ist wie ein Quell unter

Blumen. In einer halben Stunde sind wir bei ihr.«

Der Wagen bog in einen sandigen Feldweg ein, um einen Hügel herum, und nun

fuhr man auf einmal mitten in die untergehende Sonne hinein. Sie ging ganz

ohne Strahlen hinüber, gleich einem riesigen Blutstropfen, der in einer

bläulich dunstigen Atmosphäre hing. Auf einer Höhe rechts von dem roten

Gestirn türmte sich ein armseliges Dorf empor, in wilden Linien. Weiße

Häuser und hochragende Dächer aus Stroh. Eine alte, dickköpfige Kirche

krönte das Ganze.

»Das ist Garzigar«, erklärte Wilibald, indem er mit der Peitsche

hinüberwies. »In der Kirche findet morgen die Trauung statt. Heute machen

wir noch einen Bogen darum.«

Fridolin war entzückt von diesem alten, hochgebauten Nest, das, die

mächtige Sonne zur Linken, wie eine trotzige Faust aus der Einsamkeit der

Heide ragte.

»Ich bin starr«, sagte er, »Ihr habt Punkte in diesem Lande, die

unbeschreiblich sind. Wenn ich Maler wäre, hier ließe ich mich nieder.«

Wilibald nickte. »Das Land ist schöner als man ahnt. Sind Dir die blauen

Töne der Ferne aufgefallen? Sie verschwinden fast nie.«

»Wie Ultramarin«, sagte Fridolin.

»Die Farbe kommt von der Feuchtigkeit der Moore und von der Nähe des

Meeres. 'Das blaue Ländchen' heißt die Gegend im Munde der Leute. An

manchen Tagen ist das Blau so fabelhaft, daß man mit dem Finger

hineintauchen möchte, in der Meinung, daß es abfärben müßte.«

»Sieh jetzt die Sonne hinter den Birken. Wundervoll.«

»Gleich ist sie hinüber. Jetzt taucht auch Obliwitz auf, unser einsamer

Gutshof. Dort neben dem Wäldchen die weißlichen Häuser. Auf dem höchsten

weht eine Fahne.«

Ein Hohlweg kam. Hinter ihm tat sich ein Moor auf, mit verkrüppelten

Kiefernbeständen und halb verfallenen Hütten. In den schwarzen Pfützen

blänkerte die Abendröte.

Ein Volk Avosetten fuhr auf und stürmte über das Moor in die Dämmerung.

Ein Hund schlug an und hörte nicht mehr auf mit Belfern. Man fuhr an

kleinen, strohgedeckten Arbeiterhäusern vorüber, die etwas abseits von dem

Gutshof lagen. Die feiernden Leute standen vor den Türen und zogen die

Mützen. Eine mit Tannengrün und Feldblumen umwundene Ehrenpforte wölbte

sich über den Weg. In großen bunten Lettern trug sie die Inschrift:

»Willkommen«. Mit Hurrarufen fuhr man darunter hinweg. Wenige Minuten

später bog man rasselnd in den weitläufigen Gutshof ein.

Im Herrenhause brannten schon die Lichter. Der Vater der Braut stand vor

der Tür und begrüßte die Ankommenden. Sein Verwalter, ein junger, blonder

Mensch, stand neben ihm. Im Hause wimmelte es schon von Gästen. Während

Paul und Fridolin den Korridor des Seitenflügels passierten, rauschte eine

Wolke junger Mädchen in hellen Kleidern an ihnen vorüber. Die Freunde

nahmen ein gemeinsames Zimmer in Beschlag, säuberten sich und zogen sich

um.

Während Paul sich rasierte, klopfte es.

Fridolin öffnete, der Bräutigam trat herein, im Überrock.

»Ihr müßt so fürlieb nehmen«, sagte er, »Es sind der Gäste zuviel. Wenn

Ihr Wünsche habt, wendet Euch an meinen Burschen. Morgen spielt Ihr

Brautführer. Paul ist für diesen Zweck ein Fräulein Gleiß zugefallen,

braunhaarig und lustig, mit hübschen Augen. Du, Fridolin, führst eine

große, blonde. Heute erkennst Du sie an einem blauen Kleid. Asta von

Sebnitz heißt sie.«

»Oho!« machte Fridolin, »das klingt ja ganz feudal.«

»Ist es auch«, entgegnete Wilibald. »Ostpreußischer Adel, kühl und

hochmütig. Du wirst ja sehen. Jetzt muß ich weiter. Macht schnell und

erscheint bald. Adio!«

Er stieß ein übermütiges Gejubel aus und verschwand.

Bald darauf begaben sich Paul und Fridolin in die Gesellschaftsräume.

Wilibald führte sie erst zu seiner Braut hinüber, die ein taubengraues,

mit rosa Seide durchsetztes Kleid angelegt hatte und, indem sie sich

sicher, aber durchaus mädchenhaft bewegte, ungemein reizend aussah.

Dann wurde weiter vorgestellt. Den Verwandten, den älteren Herrschaften,

den jungen Mädchen. Als alles vorüber war, zog sich Fridolin in eine

Fensternische zurück. Er sah durch die unverhüllten Scheiben auf den

dunkelnden Hof, wo ein Knecht ein paar Pferde in den Stall führte und zwei

Frauen blanke Eimer mit Milch trugen. Dann hielt er im Zimmer Umschau. Von

den Namen hatte er so viel wie nichts verstanden. Gern hätte er gewußt, wo

die Dame sei, die er morgen zu Tisch führen sollte. Ein blaues Kleid

sollte sie tragen. Er sah keins.

Paul trat zu ihm, nahm seinen Arm, und sie gingen ins Nebenzimmer. Hier

schien der Tummelplatz der Jugend zu sein. Man lachte, plauderte, und

kleine Gläser mit Sherry wurden herumgereicht. Die Freunde nahmen an dem

Tischchen Platz, an dem die Braut und der Bräutigam saßen. Ein Diener bot

Zigaretten an. Fridolin nahm eine zwischen die Lippen, beugte sich zu

Wilibald hinüber und fragte:

»Du, wo ist eigentlich dies Fräulein Asta?«

Wilibald sah sich um, dann sagte er:

»Dort drüben. Die Schlanke in Blau.«

Fridolin sah hinüber. In demselben Augenblick berührten sich Astas Augen

mit den seinigen. Aber nur flüchtig und offenbar zufällig. Sie blieb dabei

im Gespräch mit den andern.

Sie saß auf einem niedrigen englischen Lehnstuhl, in etwas lässiger

Haltung. Ihr Haar, von einem eigentümlich silberigen Aschblond, hing ihr,

zu einem dicken Knoten geordnet, im Nacken. Sie trug ein einfaches blaues

Kleid, ohne Schmuck. Die Bewegungen ihrer Glieder zeigten eine vornehme

Ruhe, und um den feinen Mund, dem man es ansah, daß er viel und gern zu

schweigen pflegte, lag ein stiller Ausdruck des Stolzes und eine süße,

seltsame Herbheit.

Fridolin sah sie im Profil, und zwar fast die ganze Gestalt. Sie schien

schlank zu sein wie eine Gerte und zerbrechlich wie Glas. In der einen

Hand, die schmal und matt über die Lehne des Stuhles hing, hielt sie eine

Rose von dunkler Glut. Sie paßte nicht zu ihr. Fridolin hatte das Gefühl,

als hätte diese Blüte von dem zartesten Gelb sein müssen.

Er folgte jeder Linie ihres Körpers mit Obacht und bemühte sich, jede

Einzelheit ihres äußeren Wesens in den Schatz seiner Erinnerung

aufzunehmen. Plötzlich wurde er verwirrt. Es war ihm auf einmal ganz

deutlich, als schöbe sich etwas in die Luft, das seine Fäden zwischen ihm

und jenem Mädchen zu spinnen begann. Er machte eine kleine, verlegene

Bewegung, errötete ein wenig, sah schnell fort und wandte sich plaudernd

an den Bräutigam. Dann mußte er doch wieder hinüberblicken. Sie hörte mit

Lächeln einem älteren Herrn zu und roch zuweilen vergnüglich an der Rose.

Fridolin wollte durchaus, daß sie ihn ansah. Sie tat ihm den Willen nicht.

Er versuchte es mit aller Gewalt durch die Energie seines Blickes zu

erzwingen. Sie dachte gar nicht daran, zu ihm hinüberzusehen.

Ein Diener meldete, daß serviert sei. Alles erhob sich. Zwei große, mit

Blumen überschüttete Tafeln waren gedeckt, eine für die Jugend, eine für

das Alter. Man setzte sich. Fridolin kam an die Seite eines älteren

Mädchens. Er suchte nach Asta und fand sie am andern Ende des Tisches. Sie

streifte ihn während der Dauer des Mahles mit keinem Blick. Er hatte das

Gefühl, daß es Absicht sei. Sie hatte hin und wieder ein reizendes Lächeln

über die Dinge des Gesprächs, wobei der eigentümlich herbe Zug um ihre

Lippen nicht verschwand. Sonst war ihr Wesen Ruhe und Gelassenheit. »Du

sollst mich noch ansehen«, dachte Fridolin voll Trotz, »Du sollst es noch

spüren, wie der Stolz und die Ruhe in Deiner Brust zerbrechen gleich einem

Gebäude aus Glas.«

Nach Tisch verteilte man sich wieder in den verschiedenen Zimmern. Als

Kaffee herumgereicht wurde, trat Fridolin kurz entschlossen auf Asta zu

und sprach:

»Ich werde das Vergnügen haben, Sie morgen zu Tisch zu führen.«

Sie maß ihn etwas verwundert mit den Augen.

»Ah --« machte sie, ohne daß sie Lust zu haben schien, sich in eine

Unterhaltung mit ihm einzulassen. Sie roch an der Rose in ihrer Hand,

blickte an ihm vorüber und nickte dem Bräutchen zu, das drüben in einem

Ring junger Mädchen saß.

Fridolin schwieg absichtlich. Da sah sie ihn wieder mit ihren ruhigen

Augen an, und in diesem Blick lag die Frage: Weißt Du sonst nichts zu

sagen?

Fridolin dachte: Das ist doch stark. Dann fing er mit Absicht vom Wetter

zu sprechen an, was sie mit Gleichgültigkeit über sich ergehen ließ.

Während der kleinen szenischen Aufführungen, wie sie an Polterabenden

üblich sind, stand er im Hintergrund, kaute nervös an seinem Schnurrbart

und hatte ungleich mehr auf die Schönheit eines blassen Profiles acht als

auf die dargestellten Dinge, welche die andern belachten. Astas fein

geäderte Schläfen fielen ihm auf. Es war ihm ein wohliges Gefühl, zu

verfolgen, wie sich ihr matter Glanz langsam in das üppige Haar verlor.

Nachher kam er noch einmal in ihre Nähe. Ein kleiner Kreis hatte sich auf

niedrigen Polsterstühlen zusammen getan, und einige Mädchen pafften

Zigaretten in die Luft. Die Braut hatte einen braunen Jagdhund

hereingelassen, ihren Liebling, den jeder zu verhätscheln bestrebt war. Am

meisten schien er sich zu Asta hingezogen zu fühlen, die auch am besten

mit ihm umzugehen wußte. Während sie ihm freundlich über Kopf und Rücken

fuhr, griff auch Fridolin nach ihm. Er tat es zu lebhaft, und das Tier

stieß einen Kleffer aus. Asta sah den Ungeschickten strafend an, stieß

seine Hand fort und sagte barsch:

»Lassen Sie den Hund.«

Fridolin richtete sich auf und maß sie mit kühlem Auge. Er fühlte sich

nicht veranlaßt, irgend etwas zu entgegnen. Es reizte ihn und wurde ihm

bald eine heimliche Freude, sie ebenso rauh und abweisend zu behandeln,

wie sie ihn.

Die Damen zogen sich zur Ruhe zurück. Die Herren gruppierten sich noch um

eine gemeinsame Tafel, rauchten und tranken Bier, russischen Kümmel und

Danziger Goldwasser. Als es eins schlug, gingen auch sie auseinander, um

sich für den folgenden Tag ihre Frische zu bewahren.

Fridolin wurde, während er zu Bett lag, das Gefühl von Astas heftig

stoßender Hand nicht los. Es war klar, sie hatte es mit Absicht vermieden,

freundlich zu ihm zu sein. Er sah nachdenklich einem viereckigen silbernen

Flecken zu, der langsam über die Tapete wanderte, ein Stück von dem

Mondlicht, das durch die unverhangenen Scheiben fiel. Dann lächelte er,

schloß die Augen und schlief langsam ein.

Nicht weit von ihm war das Zimmer, in dem Asta schlief. Sie war voll

Unruhe, wachte mehrmals auf, sah immer dieselbe lange, biegsame Gestalt

mit den ruhigen Augen, wollte sie nicht sehen, biß sich die Lippen wund

und lauschte auf den Frühjahrswind, der draußen in kurzen Stößen durch den

Garten fuhr.

* * * * *

Für den Mittag des nächsten Tages war die Trauung angesagt. Asta erschien

in rosa Seide. Sie sah blasser aus als gestern. Um den Ausschnitt der

Brust zog sich ein feiner Gazeschleier, und ein Hals kam zum Vorschein,

schlank und zart wie der Stengel einer Blüte. Fridolin trat zu ihr und

reichte ihr einen Strauß aus weißen Rosen. Sie drückte ihn wohlig an ihr

Gesicht und warf Fridolin einen Blick entgegen, über den er erschrak. So

hatte sie ihn noch nicht angesehen.

»Welch schöne Blumen«, sagte sie. Sie vergrub sich ganz hinein und sog den

Duft auf.

Fridolin schwieg. Sie warf einen Pelz über, und er half ihr in einen der

Landauer, die zur Kirche fuhren. Noch ein andres Paar saß mit in dem

Wagen. Sie waren ziemlich die letzten, die in der kleinen Kirche

anlangten. Bald kam das Brautpaar, man ordnete sich, und während die Orgel

einsetzte und die Kinder auf dem Chore sangen, schritt man langsam nach

vorn an den Altar. Asta hing am Arme Fridolins. Er fühlte sie kaum. Sie

ging gerade aufgerichtet, sehr stolz und sehr ruhig. Er sah mit flüchtigem

Blick ihr Profil, das feine Kinn, die süßen Schläfen, den Hals. Da

erlaubte er sich, ihren Arm ein wenig fester an sich zu drücken. Sofort

fühlte er, daß der Zug um ihre Lippen noch herber wurde.

Dann standen sie am Altar nebeneinander. Das Gefühl, sie so dicht an

seiner Seite zu haben, beglückte ihn. Nach einer Weile flüsterte sie:

»Mich friert.« Fridolin sah sich um, bemerkte einen Offiziersmantel über

einem Stuhl, nahm ihn und legte ihn um Astas Schultern. Nun war es reizend

zu sehen, wie sie in diesem Mantel, der sie so gut kleidete, dastand,

gerade und schlank, blauen Auges, jung, schön, einer spröden Knospe

vergleichbar.

»Schöner als jetzt«, sagte Fridolin leise, »können Sie niemals sein.«

Sie tat, als höre sie ihn nicht. Doch rieselte etwas durch sie hin, lau

und wohlig, und sie fühlte, es drohte etwas umzukippen in ihr. Für einen

Augenblick freilich nur.

Der Prediger sprach und die Orgel klang, und die Kinder sangen mit hellen

Stimmen, und die goldne Sonne fiel durch die bunten Scheiben auf die

Fliesen um den Altar her, und dann fuhr man lachend, von jagenden Pferden

gezogen, nach Hause zurück, und durch dies alles hindurch brauste es in

Fridolin: Asta, Asta, Asta!

In ihr war alles wieder aufgerichtet, stolz und still.

* * * * *

Als sie nachher bei Tisch nebeneinander saßen, quälten sie sich mit Worten

ab, von denen sie beide fühlten, daß sie klanglos, leer und nur gesprochen

waren, um ein gänzliches Schweigen zu verhindern. Er beobachtete ihre

feinen, zerbrechlichen Handgelenke und dachte dabei an Porzellan. Auch an

den Vorfrühling mußte er denken, der draußen sein Wesen trieb. Dann nahm

er sein Glas und hob es ihr entgegen.

»Auf unsere Jugend!« sagte er.

»Ja, Jugend«, erwiderte Asta, »es klingt wie Reichtum und Sehnsucht. Heut

sind wir traurig und voll unklarer Wünsche, und morgen möchten wir mit den

Lerchen in den Himmel steigen, möchten umarmen und zerdrücken, was um uns

ist, -- und unser Übermut ist grenzenlos.«

»Ich kenne diese Stimmung«, sprach Fridolin, »wenn ich sie habe, laufe ich

zu meinem Freund, rüttle ihn und brülle ihn an, daß er meint, ich sei

irrsinnig. Es ist wie eine Befreiung.«

»Und dann die Stunden des Hochmuts ...«

»So waren Sie gestern abend.«

»Das ist nicht wahr«, sagte sie ernst. Dann, nach einer Pause: »Ich wollte

Ihnen nur die Richtung geben, wie Sie sich zu mir verhalten sollten.«

»Sie waren schrecklich. Habe ich das verdient?«

»Ja. Vielleicht sollte ich auch jetzt nicht anders zu Ihnen sein.«

»Warum?«

»Weil ich zu wissen glaube, wer Sie sind. Ich glaube, es sind Mauern, die

sich zwischen meinem und Ihrem Gefühl erheben. Sie verstehen die Mädchen

vielleicht zu lieben, -- ihre Liebe zu achten verstehen Sie nicht.«

Fridolin war erstaunt. So offen hatte man noch nicht zu ihm gesprochen.

Eine Pause trat in der Unterhaltung ein. Sie sah ihn an und mußte lächeln.

Der Jagdhund war wieder im Zimmer, strich zu Asta hin und schmiegte sich

an ihre Füße. Sie neigte sich und fuhr mit der Hand liebkosend über sein

Fell. Auch Fridolin tat, als streichle er das Tier. In Wirklichkeit aber

griff er nach Astas Hand, löste sie energisch von dem Fell des Tieres los

und hielt sie fest. Sie ließ es geschehen, ihr war, als müßte sie ihm

wehren, aber ein schlaffes, willenloses Gefühl beherrschte sie. So saßen

sie eine Weile, schweigend, Hand in Hand, während die andern meinten, daß

sie mit dem Hunde beschäftigt seien. Fridolin sprach leise durch die Zähne

hin: »Asta«. Da war es, als besänne sie sich wieder; als bäume sich etwas

in ihr auf. »Lassen Sie mich los!« flüsterte sie energisch, indem sie sich

aufreckte. Und als Fridolin sich nicht bequemte, ihrem Verlangen

nachzukommen, noch einmal und heftiger: »Lassen Sie mich los!«

Fridolin gab die Hand frei. Sie sahen sich nicht an, und eine Weile

sprachen sie nichts. Dann kamen wieder die gleichgültigen Worte. Hinter

diesen aber brannte es rot in Fridolin: Ich liebe Dich! -- und sein Gefühl

war wirr und dunkel. Er wußte, hier war etwas seltsam Hohes und Keusches,

etwas, von dem er fühlte, daß man es lieben könnte sein Leben lang; dann

aber sah er blitzschnell Fesseln und enge Wege vor sich, und »Freiheit!

Freiheit!« sang sein Herz. Und auch in Asta sah es wirr aus. Wie ein Bach

im Frühling rauschte es in ihr; aber machtvoll trotzte sie dagegen auf:

»Ich will nicht!«

Den Kaffee nahm man im Gartenzimmer, jetzt einer Art Wintergarten, in dem

Palmen und Oleanderbäume standen. Es war fast dunkel geworden. Für eine

Weile öffnete man die Glasflügeltür, und nun konnte man über dem Garten

das Licht der ersten Sterne funkeln sehen. Der kühle Geruch taugenäßter

Wiesen drang herein. Eine Wiesenschnarre lärmte in der Ferne, in harten,

unmelodischen Lauten. Dann lauschte man einem Schwarm unsichtbarer,

schnellfliegender Kraniche, die aus der dunkeln Luft herunterschrien.

»Welch schöner Abend«, sagte Asta, »später werden wir Mondschein haben.«

Fridolin saß neben ihr, an einem Tischchen, hielt eine Tasse Kaffee in der

Hand und sah hinaus.

»Ja«, sagte er, scheinbar abwesend.

Dann, als man in der Nähe lauter wurde und lachte, neigte er sich

plötzlich zu dem Mädchen und sprach leis, aber heftig:

»Sie sind hart zu mir --«

»Wie können Sie das sagen --«

»Asta --«

»Nennen Sie mich nicht so. Sie haben kein Recht dazu. Was wünschen Sie?«

»Ich will --«, er schwieg und biß sich auf die Lippen.

Sie lächelte und zuckte die Achseln. Dann schüttelte sie nachdenklich das

Haupt. Dann sah sie ihn an, mit dem Ausdruck stiller Innigkeit. Ein Wort

sagte sie nicht. Aber Fridolin war es, als sollte er jetzt niederknien, um

ihre Hände zu küssen und seinen Kopf in ihren Schoß zu legen. Doch er

beherrschte sich, und schon eine Sekunde später hatten die dunkeln, sich

widersprechenden Gefühle wieder Raum in seiner Brust.

Gerade während diese stummen Wogen zwischen den beiden jungen Menschen hin

und wieder fluteten, trat der Brautvater in den Türrahmen, klatschte in

die Hände und rief: »Bitte tanzen!«

Man hörte schon den Flügel und einige Geigen herüberklingen. Alles stand

auf und begab sich in die größeren Zimmer zurück, wo die Tafeln

fortgeräumt waren. Einige Paare tanzten schon. Bald entfaltete sich ein

buntes Gewirbel. Fridolin lehnte dumpf an einem Türpfosten und sah dem

Treiben zu. Er sah Asta am Arm eines Leutnants vorüberschweben, blaß, mit

niedergeschlagenen Wimpern. Dann tanzte sie mit andern. Später, als sie

einmal ruhte, trat er vor sie hin, verbeugte sich und gab ihr den Arm. Sie

umschritten den kleinen Saal ein paarmal, darauf tanzten sie. Sie tanzte

leicht und lässig. Fridolin meinte, tausend blaue Blumen blühten unter

seinen Füßen. Nun war er in den matten Duft ihrer Haare eingehüllt und

hörte ihr weiches Atmen und fühlte die kleine schlanke Hand in seiner

liegen.

Er drückte sie an sich, mit Macht. Sie fühlte, daß ihr Stolz nahe daran

war, jämmerlich zu zerschellen, wie ein Kahn in der Brandung der See.

Zugleich aber lohte wieder die Empörung in ihr auf, und wieder siegte

dieses Gefühl, und sie sagte mit hartem Klang:

»Sie sind kühn, ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen.«

»Nein.«

»Sofort.«

»Ich will nicht.«

»Ich schreie, wenn Sie nicht aufhören.«

Er ließ ab, führte sie auf ihren Platz, verneigte sich und verließ dann,

ohne daß es auffiel, das Zimmer. Er warf sich einen Pelz über und ging

hinaus in die Mondnacht.

Die Gebäude des Gutshofes lagen weiß wie Milch in der kühlen Luft. Aus der

Ferne konnte man, wenn gerade ein Windhauch herüberwehte, die Musik hören,

zu der die Knechte und Mägde tanzten, denen dieser Tag auch ein Festtag

war. Fridolin schritt über den leeren, gepflasterten Hof und sah seinen

Schatten neben sich wandern. Er ging durch eine Pforte in das Feld und auf

ein kleines Gehölz von ragenden Kiefern zu, die sich wie drohende Recken

gegen den hellen Himmel abhoben. Unter diesen Kiefern lag ein kleiner

Friedhof, den verstorbenen Mitgliedern der Gutsfamilie als Ruhestätte

dienend. Das letzte der Gräber, das einige frische Kränze trug, war noch

ziemlich jung, hier hatte man die Mutter der Braut vor nicht viel mehr als

einem Jahre eingegraben. Hohe Eisenkreuze mit gepreßten Goldlettern

standen auf den Gräbern, überall wucherte Epheu, und auch an manchen

Kreuzen strebte er mit wilder Umarmung empor.

Fridolin schritt den schmalen Weg zwischen den Gräbern hin. Er empfand den

wundersamen Frieden dieser Stätte und sah vertraulich zum Mond auf, der

mit ihm langsam durch die Kronen der Kiefern schlenderte. Dann blieb er am

Rande des Gehölzes vor einem der Hügel stehen, und nun waren es die

Schatten ringsum, die ihn seltsam erfüllten. Welche Schatten! Da waren

zunächst, von übertriebener Länge und Geradheit, die Schatten der

Kiefernstämme, die sich fest und sicher weit über das Feld hinlegten, wie

Mastbäume oder wie schwarze Furchen; endlich verloren sie sich in einem

eigentümlichen Gewirr von Dunkelheit: das waren die Schatten der Kronen.

Viel unheimlicher als diese langen, toten Kiefernschatten aber waren die

Schatten der Kreuze. In ihnen nämlich schien ein verstecktes Leben zu

schlummern und nur darauf zu warten, daß es in einer geheimnisvollen

Stunde auferstünde, doch nicht ein frohes Leben, sondern ein Leben voll

düsteren Ernstes und gewaltsamer Entbehrung, ohne Lachen und ohne Licht.

Und dann glitt sein Auge auf seinen eigenen, kleinen, harmlosen Schatten

über, und er dachte daran, daß dieser Schatten ihm im Grunde ebenso fremd

sei wie die Schatten der Kiefern und Kreuze um ihn her, denn er hatte

nicht den geringsten lebendigen Teil an ihm. Und doch vermochte nur er ihm

Bewegung zu verleihen, wenn auch kein Leben, und wäre dieser Schatten

nicht, so wäre er nicht. Und wenn man jetzt, so dachte er, dorthin, wo er

selbst gerade stand, einen andern Menschen stellen würde, einen von ihm

gänzlich verschiedenen, der nur ungefähr die gleichen Formen des Körpers

hatte (oder auch eine leblose Puppe dieser Art), so würde der Schatten,

der dort läge, dem seinen zum Verwechseln ähnlich sein, so wie die

Schatten der Kreuze einander glichen, ohne daß man den einen vom andern

hätte unterscheiden können. Während Fridolin dies bedachte, wurde ihm auf

einmal siedend heiß. Gleich darauf breitete er beide Arme aus, so daß auch

sein eigener Schatten dem eines Kreuzes glich. Wenn jetzt hier jemand

käme, dachte er, dessen Auge nicht die Dinge, sondern nur die Schatten der

Dinge zu sehen vermöchte, so würde er nicht ahnen können, daß hier ein

Mensch stünde, sondern er würde wähnen, zwischen lauter Kreuzen zu

wandern.

Er ließ die Arme wieder sinken, sah sein Abbild mit einem heimlichen

Mißtrauen an und wurde unwillig über die Unruhe und das törichte Spiel

dieses Bildes, während ihn die unveränderliche Hoheit der übrigen

Schattenbilder mit Neid und Sehnsucht erfüllte. Er nahm sie noch einmal

alle in sich auf, dann aber hatte er der Schatten genug. Er schritt in das

freie Feld hinüber, das so hell vom Mondlicht übergossen war, als stünde

es voll weißer Blüten, und wanderte auf einem Rain entlang, indem seine

Füße den Tau von unzähligen Gräsern streiften. Die Felder und Wiesen

schliefen, nicht eine Grille war wach. Der Mond hing zwischen großen,

silberumrandeten Wolken. Jetzt tauchte eine die Wiesen durchquerende,

endlose Schlangenlinie niedriger Bäume auf, in deren Zweigen das Mondlicht

wie ein silberner Schleier hing. Fridolin unterschied, daß es Weiden

waren, und als er sie erreicht hatte, sah er, daß sie den Ufern eines

lautlos gleitenden Flüßchens folgten. Eine Holzbrücke führte über dieses

hinweg; Fridolin lehnte an das Geländer und sah in das Wasser, das schwarz

wie Tinte erschien, während es ein Ende weiter abwärts von einem

weißlichen Glanz überleuchtet war. Er suchte erst die kaum hörbar

flüsternden Weiden und dann das geheimnisvoll fließende Wasser mit den

Augen zu durchdringen, fühlte das lautlose Leben und die unaufhörlich

ziehende Veränderung, die unter ihm war, und der unbeschreibliche Zauber,

der über nächtlichen Flüssen liegt, trat auf einmal mit solcher Gewalt vor

ihn hin, daß ihm sein eigenes klopfendes Herz inmitten dieses großen,

unbegreiflichen Webens nur wie ein nichtiger Spuk erschien.

Als er jenseits über die Felder weiterschritt, tauchten ein paar

Arbeiterhäuser, hingeduckt wie schlafende Tiere, vor ihm auf; aber ehe er

sie erreichte, kam er an einen kleinen, etwas tiefer gelegenen, eirunden

Teich. Er schritt an seinen Rand hinab und streckte sich in das

Heidekraut. In der Mitte des Teiches lag der Mond, eine silberne Kugel.

Wenn ein Windhauch kräuselnd über die Wasserfläche fuhr, wurde aus der

Kugel ein breites Gitter von endlosen Silberstrichen. Drüben, nicht weit

vom anderen Ufer entfernt, reckte sich ein Ziehbrunnen schräg und schwarz

gegen den Himmel und schien die Einsamkeit dieser Stätte noch zu erhöhen.

Fridolin nahm ein Zweiglein Heidekraut zwischen die Lippen, sah in den

Teich und nach dem Ziehbrunnen hinüber und dachte an Asta.

Es war eine sinnlose Quälerei für sie beide, und es schien ihm klar, daß

es seine Pflicht war, ein Ende zu machen. Aber wie? Er fing an, seinen

Gefühlen mit Sorgfalt nachzugehen, und glaubte zu finden, daß er dieses

stolze Mädchen heftiger liebe als irgendein anderes zuvor. Dann aber

dachte er über die vergangenen Erlebnisse nach, dachte an die

Unzuverlässigkeit menschlicher Gefühle und besonders der seinigen, dachte

vor allem an die unerschütterte Freude am Erleben, die noch in ihm war und

die er als einen köstlichen Besitz empfand, und schließlich sagte er sich

mit aller Bestimmtheit: Preisgeben, preisgeben, Fridolin, es ist die

einzige Möglichkeit. Sei klug, du kennst dich ja, bleib einsam, das Leben

ist weit, und es blühen der Rosen viele; geh fort, sei traurig und klage;

aber bleibe einsam, unbeständiger Fridolin!

Er sprang auf, riß einen kleinen Kieselstein mit hoch und warf ihn

ärgerlich in den Teich, daß es plumpste und eine Garbe silberner Tropfen

aufsprang.

»Preisgeben«, murmelte er, -- und dann fing er an, sich selber gröblich zu

belügen, indem er sich vormachte, daß er vollkommen ausgesöhnt mit diesem

klugen Entschlusse sei, indem er ihn vor sich selber als den einzig

sinngemäßen pries und so tat, als wäre diese ganze Angelegenheit in ihm

klipp und klar.

Er schritt den Uferrand hinauf, blickte noch einmal auf den Teich zurück,

ging an den Ziehbrunnen, betastete ihn, machte einen Bogen um die

Arbeiterhäuser herum und sah, wie drüben auf dem Hauptweg ein sich

umarmendes Paar hinschritt, das sich wahrscheinlich aus der Schenke

fortgestohlen hatte, um einen heimlicheren Winkel für seine Liebe

aufzusuchen.

Auf mehreren Umwegen gelangte er in den Gutspark, blieb einen Augenblick

vor dem verödeten Sandsteinbecken des großen Springbrunnens stehen,

blickte zum Mond und den phantastischen Wolkenformen des Himmels auf und

sah dann die rötlich erleuchteten Fenster des Herrenhauses wieder vor sich

liegen. Er trat ganz dicht unter eins der Fenster und lauschte. Ein

unbestimmtes Surren von Stimmen schlug an sein Ohr, die Musik schwieg. Man

hatte aufgehört zu tanzen und vergnügte sich offenbar mit allerlei

zeitvertreibenden Spielen. Er schritt um das Haus herum, kam an das dunkle

Fenster seines Zimmers, stieß den Fensterflügel zurück und schwang sich

über das Gesims in die Stube. Er entkleidete sich im Dunkeln und legte

sich hin. Schlafen konnte er nicht; sein Blut wallte ruhelos hin und her.

Mitunter wurde ihm so heiß, daß er am liebsten aufgesprungen und ans

offene Fenster getreten wäre, um sich zu kühlen. Er sah Asta, hörte ihre

Stimme, fühlte ihre kleine weiße Hand, sah sich selber neben ihr, heftig

bewegt und unfähig, die Worte zu finden, die er suchte, fühlte den Stolz

ihres Auges, und einmal war er nahe daran, laut loszubrüllen wie ein

verzogenes Kind.

Lange lag er so. Endlich hörte er ein schnell anschwellendes Getümmel auf

den Korridoren und wußte, daß die Gäste sich jetzt zur Ruhe begaben. Hier

und da klappte eine Tür, Geträller war zu hören, ein feines Lachen, ein

Zuruf, ein Gähnen, dann wurde es wieder still. Eine Stunde später öffnete

man ungeschickt laut die Tür zu seinem Zimmer. Fridolin tat, als schliefe

er, aber durch die Wimpern hindurch beobachtete er genau, was vorging.

Zwei Leutnants, lachend und mit geröteten Gesichtern, schleppten Paul

herein, der völlig betrunken war. Der eine Leutnant, auffallend durch

abstehende Ohren und einen riesigen blonden Schnurrbart, trug einen

brennenden Leuchter in der Hand, den er schief hielt und von dem

infolgedessen das Wachs fortwährend auf die Dielen tropfte. Paul, der

nicht das geringste mehr von sich wußte, ließ alles mit sich geschehen.

Die Leutnants setzten ihn aufs Bett, zogen ihm allmählich sämtliche

Kleidungsstücke aus, nannten ihn eigentümlicher Weise immer »Majestät« und

lachten unmäßig dabei. Als ihr Opfer bis auf das Hemd entkleidet war,

schleppten sie es an den Waschtisch und gossen ihm eine Kanne Wasser über

den Kopf. Paul gab nicht einen Mucks von sich und hielt auch meistens die

Augen geschlossen, die so klein schienen wie die eines Ferkelchens. Die

Leutnants packten ihn ins Bett, deckten ihn zu, legten mit eigentümlich

pathetischen Gebärden einen Rosenstrauß auf seine Bettdecke, warfen einen

scheuen Blick auf Fridolin, nahmen den Leuchter und verließen dann,

nachdem sie erst so unnötig laut gewesen waren, merkwürdigerweise auf

Zehenspitzen und mit leisem Flüstern das Zimmer.

Paul schlief sofort und fing an zu schnarchen. Fridolin war erst belustigt

durch die groteske Szene, deren Zeuge er gewesen war, dann gewannen die

tieferen Bilder des verflossenen Tages wieder Raum in ihm, und er hörte

Asta immer von neuem mit der ganzen Energie ihrer Stimme zu ihm sprechen:

»Ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen. Sofort.«

Es währte lange, ehe er Schlaf fand. Er schlief leis und unruhig.

* * * * *

Am nächsten Vormittag sollte Asta reisen. Sie sahen sich noch beim

Frühstück, doch saßen sie so weit voneinander ab, daß sie kein Wort

miteinander wechseln konnten. Fridolin empfand es eigentlich als eine

Wohltat. Ihre Augen berührten sich mitunter. Asta schien ganz lustig zu

sein; die Bewegungen ihrer Hände und ihres Kopfes waren viel lebhafter als

gestern. Der Leutnant an ihrer Seite, es war der mit den abstehenden

Ohren, zog sie in eine Unterhaltung, die ihr volles Interesse zu haben

schien. Aber einmal bemerkte Fridolin, daß sie auf einen Augenblick die

Augen schloß, wie in einem starken nervösen Gefühl oder von einer heftigen

Ermattung ergriffen. Nach dem Frühstück trat er zu ihr, sah sie an, nahm

lächelnd ihre Hand und sagte leise: »Leben Sie wohl«. Dann führte er die

Hand an den Mund und biß hinein. Aber die Hand schien fühllos zu sein,

denn sie zuckte nicht einmal. »Leben Sie wohl!« sagte Asta und lachte.

Fridolin merkte trotz alledem, daß dieses Lachen nicht ehrlich war.

Er wollte den Abschied am Reisewagen nicht miterleben. Er ließ sich ein

Pferd aus dem Stall ziehen, einen jungen Rappen, und stieg in den Sattel.

Als er eben den Hof verlassen hatte, bemerkte er an seinem Ärmel einen

goldigen Blitz. Er sah nach und fand, daß es ein langes, aschblondes Haar

war, das nur von Asta stammen konnte. Die ganze Schönheit des blassen

Mädchens trat mit einem so wehmütigen Schimmer und so überwältigend vor

ihn hin, daß ihm war, er müsse liebkosend ihren Namen nennen und für alles

um Verzeihung bitten. Er gab das Haar dem Winde preis, biß die Lippen

zusammen, stach die Sporen mit unsinniger Heftigkeit in die Seiten des

Pferdes, so daß es sich bäumte, und jagte über Feld und Gräben, gleich

einem Besessenen.

Nachdem er auch die Heide durchquert hatte, wurde der Boden moorig, und er

mußte abbiegen. Er ritt in ein Wäldchen junger Birken ein, deren weiße

Stämme in der blauen, sonnigen Luft wie reines Silber glänzten, während

das Zweigwerk, braunrot und voll keimenden Saftes, von einem violetten

Duft durchwoben war. Dunkelgrüne Wacholderbüsche waren über den Waldboden

hin verstreut. Fridolin machte einigemal halt, um schöne Durchblicke durch

die hellen Stämme auf das Moor und die roten Dächer eines fernen Dorfes zu

genießen.

Draußen kam er auf eine sandige Höhe. Nahe dem Horizont erkannte er das

Dunkelblau eines kommenden Regens. Plötzlich drang ein Lärmen aus der

Luft. Er sah empor. Zwei große, weiße Vögel, blendend von der Sonne

beschienen, stürmten mit vorgereckten Hälsen durch die Luft und schrieen.

Als er weiter Umschau hielt, auf das Wäldchen zu seinen Füßen, auf das

rote Dorf, auf ein paar blaue, moorige Teiche und die Wege ringsher, sah

er in der Richtung nach Garzigar den Reisewagen mit den beiden Braunen.

Und wieder spornte er den Gaul und flog über Moor und Heide und Feld, und

als er dann endlich in Obliwitz einritt, ermattet und triefend gleich dem

Tier, auf dem er saß, rief ihm der Brautvater, der gerade aus dem

Schafstall kam, mit deutlicher Stimme entgegen:

»Wenn Sie glauben, junger Mann, daß ich noch einmal die Dummheit begehe,

Ihnen ein Pferd aus meinem Stall zu geben, irren Sie sich!«

* * * * *

Fridolin fuhr von Obliwitz direkt ans Meer. Er kletterte auf den Dünen

herum, legte sich an den Strand, trieb in Booten durch das sonnige Wasser,

das er selten so blau gesehen zu haben meinte, pflückte sich Sträuße von

Leberblümchen, die auf einigen Hügeln in blauen Mengen standen, und

fühlte, daß er an der See noch niemals so unruhig und verstört gewesen

war. Aus jedem Raunen des Wassers hörte er die Stimme eines Mädchens, das

blonde Haare hatte; wo er einen wehenden Halm sah, dachte er an dünne

Handgelenke, und die Bläue des Himmels sah er nur als Vergleich mit dem

Blau zweier jugendlicher Augen. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er

setzte sich hin und schrieb an Asta, daß er am nächsten Tage auf der

Heimreise um eine bestimmte Zeit mit dem Schnellzuge durch S. kommen

werde, der Stadt, wo sie bei Verwandten zu Besuch war. Er schrieb, der

sehnlichste Wunsch, den er habe, sei, sie am Bahnhof noch einmal

wiederzusehen.

Er fuhr, und als er sich S. näherte, stürmte sein Blut vor Erregung. Er

stand, als der Zug einlief, am Fenster und erkannte sie sogleich. Sie trug

ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Federhut und an den Händen gelbe

dänische Handschuhe. Merkwürdig, sobald er sie sah, hatte er seine Ruhe

wiedergefunden. Sie winkte ihm zu, er sprang, als der Zug hielt, herab,

ging ihr entgegen, nahm ihre Hand und küßte sie.

Was sie hierauf miteinander sprachen, war sehr einfach: Erkundigungen nach

ihrem Befinden, wie es ihm am Meere gefallen habe, wie ihr die

Hochzeitsfeier bekommen sei, wie lange sie noch bei ihren Verwandten zu

bleiben gedenke. Sie sagte, daß sie noch etwa vierzehn Tage in S. zu

bleiben gedenke, und er, daß er die See nie so schön gesehen habe, daß er

aber nicht in der richtigen Stimmung gewesen sei, sie zu genießen. Dann

hieß es »Einsteigen!«, sie gab ihm schnell die Hand, er küßte sie, indem

er den Handschuh zurückstreifte, auf den Puls. Dann bestieg er den Wagen,

der Zug setzte sich in Bewegung, und langsam verschwand ihre dunkle

Gestalt, während er winkte und noch bis zuletzt den herben Zug um ihre

Lippen sah.

Sie hatten nichts mehr gemein in ihrem späteren Leben. Wenn sie einst

sterben werden, wird keiner ahnen, daß sie in den Tagen ihrer Jugend

voneinander wußten.

Der Druck des Buches erfolgte in der Druckerei von Gebr. Mann zu Berlin.

Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.

[Anmerkungen zur Transkription:

Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet.

Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.

Das im Original am Ende des Buches befindliche Inhaltsverzeichnis wurde

zur besseren Übersicht an den Buchanfang verschoben.

Die Kurtisane Jamaica · 第 13 / 14 题