Zehnfüsser (Decapoden)

ist bei uns nur durch den Flusskrebs vertreten, dessen Geschlecht

durch die schon seit einer Reihe von Jahren wütende Krebspest so

sehr dezimiert wurde, dass manche Flussläufe von diesen in Form und

Gebahren gleich originellen Scherenträgern ganz entvölkert sind. Der

Kopf unseres Flusskrebses ist mit den Brustringen und diese unter

sich zu dem Kopfbruststück verwachsen, welches an der Stirn in einen

Stachel ausläuft. Einige vertiefte Linien auf dem Cephalothorax deuten

noch die einst vorhanden gewesene Trennung in einzelne Segmente an.

Der gegliederte Hinterleib dient als Ruder zum Schwimmen und ist beim

Weibchen breiter als beim Männchen. Die ersten kurzen zweiästigen

Antennen werden von den zweiten weit überragt. Ausser einem Paar

Ober- und zwei Paaren Unterkiefern dienen als Mundwerkzeuge noch

drei Paar Kieferfüsse. Auf diese folgen die grossen Brustbeine,

deren Anzahl zu der Bezeichnung „Zehnfüsser“ Veranlassung gab. Die

ersten drei Beinpaare tragen am Ende Scheren, welche am ersten sehr

stark entwickelt sind und eine kräftige Waffe gegen Feinde bilden,

deren Wirkung manchem Leser bekannt sein dürfte. Die sechs Beinpaare

des Hinterleibes sind zweiästig: Das erste bildet beim Männchen ein

Begattungsglied, das letzte ist bei beiden Geschlechtern verbreitert

und giebt mit dem hintersten Körpersegment zusammen die sogenannte

Schwanzflosse ab. An den Hinterleibsbeinen tragen die Weibchen die

Eier. Die Ganglien des Bauchstranges sind in der Brustgegend nahe

zusammengerückt. Die zwei grossen Augen sitzen auf beweglichen Stielen.

Zum ersten Mal unter den Krebstieren treffen wir ein deutliches

Hörorgan an, welches im ersten Glied der kleinen Antennen liegt. Es

stellt ein kleines nach aussen sich öffnendes Bläschen dar, welches

im Innern mit feinen Härchen ausgekleidet ist und vom Krebs selbst

mit Sandkörnchen erfüllt wird. Diese dienen als Hörsteine und müssen

nach jeder Häutung, da die ganze Auskleidung des Bläschens entfernt

wird, erneuert werden; so lange dies nicht geschehen ist, ist der

Krebs taub. Mehrere Male wirft das Tier seinen Hautpanzer, welcher

ihm bei reichlicher Nahrung bald zu enge wird, ab und erscheint

dann, ehe genügend Kalk in der jungen Haut abgelagert ist, weich und

gewöhnlich rötlich gefärbt als sogenannter „Butterkrebs“. Da dieser

äusserst hilf- und wehrlos ist, kann es ihm passieren, dass er von

seinen eigenen Kameraden gefressen wird, wenn er in der Wahl eines

guten Versteckes nicht vorsichtig genug war. Im hintern Teile des

Cephalothorax liegt das (von oben gesehen) etwa fünfeckige Herz,

von dem aus ein reichverzweigtes Gefässsystem das Blut nach allen

Körperteilen leitet. Zum Atmen dienen verästelte Kiemen, welche am

Grunde der Kieferfüsse und Brustbeine entspringen und unter den nach

den Seiten heruntergebogenen Rändern des Cephalothorax verborgen sind.

Der Darm macht keine Windungen, ist aber am Anfang zu einem mit starken

Chitinzähnen ausgerüsteten Kaumagen erweitert, an dessen vorderer

Wand der zur Verstärkung der Haut nötige Kalk in Form von sogenannten

„Krebsaugen“ vorrätig gehalten wird. Die gelbliche, aus kleinen

Schläuchen bestehende Leber erfüllt einen grossen Teil des Vorderleibs.

Die eigentlich paarigen Geschlechtsschläuche verwachsen auf eine kurze

Strecke mit einander und münden beim Weibchen am Grunde des dritten,

beim Männchen am fünften Beinpaare nach aussen. Wie schon gesagt

entwickeln sich die Jungen unter dem Schutz des mütterlichen Schwanzes

und verlassen das Ei in einer dem erwachsenen Tiere sehr ähnlichen

Gestalt. Eiertragende Weibchen findet man bis in den Juni hinein, und

so lange sollten die Tiere eigentlich geschont werden und nicht nur

während der Monate, deren Name ein R enthält. Im September und in der

ersten Hälfte des Oktober ist das Fleisch der Krebse viel fester und

wohlschmeckender als im Mai, wo recht häufig die Tiere sich vom Winter

her noch nicht gehörig erholt haben.

Der Krebs kommt in allen unseren Gewässern, selbst in ganz kleinen

Bergbächen vor. Am liebsten hält er sich unter Steinen und in

selbstgegrabenen Löchern am Ufer während des Tages versteckt und

geht erst mit Einbruch der Dämmerung auf die Suche nach Nahrung.

Diese besteht hauptsächlich aus Aas und wenigen lebenden wirbellosen

Tieren. Dass er Fische und Frösche fange, mag sich zufällig hie und da

beobachten lassen; ich selbst war nie in der Lage, dies bestätigen zu

können. Trotzdem dass ich lange in grossen Aquarien kleine und grosse

Fische mit Krebsen zusammen hielt, konnte nie eine Verminderung der

Zahl der ersteren wahrgenommen werden. Der Krebs ist auch mit seinen

Scheren viel zu langsam, um rasch bewegliche Tiere erhaschen zu können.

Auf weite Entfernung wittert der Krebs im Wasser liegendes Aas und

seine Vorliebe für dieses wird beim Fange benutzt. Bekannt ist an ihm

das Vermögen, verlorengegangene Gliedmassen zu ersetzen. Wird der Krebs

an der einen oder andern Schere erhascht, so sucht er unter Darangabe

dieser oder unter Umständen beider zugleich zu entfliehen. Schon bei

der nächsten Häutung beginnt der Verlust sich zu ersetzen. Die neue

Schere erreicht aber nie wieder die Grösse der ersten. Auch im Kampfe

unter einander, welcher sehr ausdauernd und erbittert geführt wird,

verlieren die Krebse nicht selten ihre Hauptwaffe. Um eine ordentliche

Grösse zu erreichen und fortpflanzungsfähig zu werden, braucht der

Krebs 4-5 Jahre. In raschfliessenden Waldbächen bleibt er gewöhnlich

kleiner, als in Seen und Flüssen. Nützlich werden die höheren Krebse

dadurch, dass sie durch die Vertilgung von allerhand faulenden Stoffen

eine Art Reinlichkeitspolizei in unseren Gewässern bilden. Ausserdem

wird der Flusskrebs -- allerdings nicht von jedermann -- als Speise

hochgeschätzt.

Wir beschliessen hiermit unsere Betrachtungen über die Krebstiere.

Der Zweck derselben ist erreicht, wenn sie auch in weiteren Kreisen

Kenntnisse über den Bau und die Lebensweise der wesentlichsten bei uns

vorkommenden Krustaceenformen verbreiten.

Litteratur.

[Bei einigen Literaturstellen handelt es sich um allgemeine

Nachschlagewerke, denen im Text keine direkten Verweise

gegenüberstehen. Diese werden im Folgenden mit Zahlen gefolgt von

runden Klammern dargestellt. (Anmerkung des Bearbeiters)]

1) =W. Baird=, Natural History of the British Entomostraca. London

1850.

2) =C. Claus=, Über Bau und Entwicklung parasitischer Krustaceen.

Marburg 1855.

3) =S. Fischer=, Über das Genus Cypris und dessen bei Petersburg und

Reval vorkommende Arten. Petersburg 1851.

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 104 / 112 题