Allgemeine

Biologie eines Süsswassersees.

Von Prof. Dr. =F. A. Forel= in Morges, Schweiz.

Ein See ist ein Mikrokosmus, eine Welt, die sich selbst genügt, in

welcher das Lebensspiel der verschiedenen Organismen sich hinreichend

im Gleichgewicht hält, um ein stabiles Verhältnis zwischen den

ausgeschiedenen und nutzbar gemachten Stoffen zu bilden, ohne dass

die Zusammensetzung des Mediums durch die in ihm wohnenden Wesen eine

Veränderung erlitte. Tiere und Pflanzen, höhere und niedere Organismen,

leben da gleichzeitig mit einander, jedes nach seiner Art, und gemäss

den ihm eigentümlichen Funktionen; jedes findet in dem Medium, von

dem es umgeben ist, die zur Lebensfristung notwendigen Elemente,

und jede Gruppe von Wesen vervielfältigt sich in Individuen, die um

so zahlreicher sind, in je grösserer Fülle die ihr unentbehrlichen

Elemente vorhanden sind.

Auf der andern Seite ist ein Süsswassersee kein ganz geschlossenes

Bassin, kein verschlossenes Gefäss. Vielmehr steht er in Verbindung

mit der übrigen Welt, sei es durch die atmosphärische Luft, welche

einen unaufhörlichen Austausch von Gasen mit ihm unterhält, sei es

durch seinen Abfluss, der ihm Wasser mit Substanzen in gelöstem und

ungelöstem Zustand entführt, sei es durch seine Zuflüsse, die ihm neue

Stoffe zuleiten. Er nimmt also an dem grossen Kreislauf der Materie

teil, der zwischen den verschiedenen Regionen des Erdkörpers besteht,

ebensogut in der organischen, wie in der anorganischen Welt. Zugang

und Verlust von Stoffen modifizieren die biologischen Verhältnisse des

Mikrokosmus; sie müssen konstatiert und ergründet werden, wenn man das

Spiel des Lebens in einer so abgegrenzten Welt verstehen, wenn man den

Kreislauf der Materie innerhalb der beschränkten Reihe von Wesen, die

den See bevölkern, bestimmen will.

Unter diesem doppelten Gesichtspunkt betrachten wir einen

Süsswassersee. Die vorliegende Studie soll als Einleitung in die Fragen

der allgemeinen und speziellen Biologie dienen, welche man in den

ferneren Abteilungen dieses Buches ausgeführt findet.

In erster Linie ist ein See ein beschränkter Raum, in welchem die

Lebewesen in angemessenen Proportionen sich entwickeln, derart, dass

ihre Ernährungsfunktionen in einer stabilen Weise im Gleichgewicht

bleiben. Während das Spiel des animalischen Lebens zuletzt zur

Oxydation der organischen Stoffe führt, welche zeitweilig in die

Körper der Tiere behufs Ernährung ihrer Gewebe eindringen, wird die

Kohlensäure reduziert durch das Spiel des vegetabilischen Lebens

infolge der dabei vorherrschenden Funktionen des Chlorophylls und

gleichartiger Substanzen, und sie wird in Stoffe verwandelt, die

den animalischen Organismen assimilierbar sind. Das Tier scheidet

Kohlenwasserstoffverbindungen und Stickstoff aus, nach dem Stande der

maximalen Oxydation und unter einer Form, welche es ihnen erlaubt, sich

in der sie umgebenden Flüssigkeit aufzulösen (Kohlensäure, Harnstoff,

gallenartige Substanzen etc.). Die Pflanze absorbiert diese durch das

Tier ausgeschiedenen Stoffe und eignet sie sich unter der Form des

Protoplasmas und der Kohlenwasserstoffverbindungen an. Die Pflanze

nährt sich also von den durch das animalische Leben aufgelösten Stoffen

ihrer Umgebung; das Tier hingegen von den Stoffen, die sich in den

Geweben der Vegetabilien bilden.

Wenn wir nun in einem abgegrenzten Raum Tiere und Vegetabilien in

normalen Verhältnissen zusammen antreffen, so halten sich diese beiden

entgegengesetzten Arten von Lebewesen im Gleichgewicht, und ein Reich

entspricht, jedes auf seine Rechnung, den biologischen Bedingungen

des andern. Das ist auch in einem See der Fall; die beiden organischen

Reiche sind hier repräsentiert durch reich entwickelte Tier- und

Pflanzengesellschaften, welche wir nach ihrem Wohnort und nach den

Verhältnissen des Raumes, denen sie unterworfen sind, in drei Gruppen

teilen können: Gesellschaften am Ufer, in der tiefen Region, und in

solche, die das freie Wasser bewohnen.

Die +littoralen Gesellschaften+ der Tier- und Pflanzenwelt befinden

sich in der Zone, die sich dem Ufer entlang hinzieht, rings um den See

vom eigentlichen Uferrande, bis zu einer Tiefe von 5-25 _m_, je nach

der Grösse des Sees. Je grösser der See ist, desto tiefer steigt die

Uferregion hinab.

Die Eigentümlichkeiten des Raumes, welche diese Region

charakterisieren, sind: felsiger, mit Kieseln bedeckter, sandiger oder

schlammiger Boden, beleuchtetes Wasser mit veränderlicher Temperatur,

je nach den Jahreszeiten; schwacher Druck; beträchtliche Bewegungen,

die durch Wellen oder Wasserströmungen hervorgerufen werden. Es ist

dies die Gegend, die vermöge der Veränderlichkeit des Bodens und der

wechselnden Verhältnisse der Wasserbewegung am reichlichsten mit

Abwechselung bedacht ist. Hier sind die Veränderungen der Temperatur

und des Lichtes am stärksten; hier können Pflanzen und Tiere die

verschiedenartigste Umgebung finden, welche die mannigfaltigen

Bedürfnisse der verschiedenen Typen befriedigt. Hier ist auch die

Pflanzen- oder Tierwelt am reichlichsten nach Menge und Abwechselung

vorhanden.

Man trifft hier, was die Pflanzen anlangt, alle Gruppen von

Wasserpflanzen, die fähig sind, sich dem lakustrischen Leben

anzupassen. Ohne eine genaue Aufzählung geben zu wollen, gruppiere ich

sie folgendermassen:

a) die grossen Gramineen und Cyperaceen (Schilfrohr und Cypergras),

deren straffe Stengel durchs Wasser hindurch aufsteigen, um die

Kronen ihrer Blüten und Blätter in der freien Luft sehen zu lassen;

b) die Wälder der grossen Phanerogamen, Nymphaeaceen, Potamogetaceen,

Halorageen, Ceratophylleen, Hydrocharideen etc., deren lange,

biegsame Stengel und zierliche Blätter schattige und pittoreske

Büsche bilden, welche sich bis zur Oberfläche des Wassers erheben;

c) die dichten und dunkeln Rasen der Characeen. Dieselben bilden

gegen das Eindringen der Fische fast unzugängliche Schutzorte. Die

Teppiche von festen Algen (_Chladophora_, _Ulothrix_, _Leptothrix_,

_Oscillarieen_), welche die unter Wasser befindlichen Steine und

Hölzer mit einem samtweichen, grünlichen, dichtanliegenden Überzug

bekleiden. Die inkrustierenden, in Kalkwasser lebenden Algen,

_Zonotrichia calcivora_, _Hydrocoleum calcilegum_, bilden eine sehr

interessante Abwechselung in diesem Teppich; unter ihrer Inkrustation

stellen die Kalksteine vertiefte Skulpturen dar, deren Deutung noch

ein ungenügend gelöstes Problem ist;

d) die niederen freien Algen, Diatomaceen, Desmidiaceen,

Vaucheriaceen, Palmellaceen etc., die mit einer leichten,

unbeständigen Schichte die verschiedensten Körper unter Wasser

bedecken und ihnen eine im allgemeinen bräunliche Farbe geben;

e) endlich die schwimmenden Algen: _Protoderma_, _Conferva_,

_Pandorina_ etc., welche auf einmal in gewissen Jahreszeiten und an

gewissen Stellen erscheinen, um schliesslich wieder zu verschwinden,

unter Bedingungen, welche die Botaniker uns noch nicht genug erklärt

haben.

Von Tieren findet man hier alle die, welche das lakustrische Leben

annehmen: Wasservögel, Reptilien, Amphibien, Fische, Insekten,

Hydrachniden, Entomostraken, Mollusken, Würmer, Hydren, Spongien, bis

hinab zu den untersten Protozoen. Das ist die klassische „lakustrische

Fauna“ der alten Schriftsteller, die einzige, welche man vor den

Untersuchungen der letzten dreissig Jahre kannte. Diese Fauna, deren

Arten von einem See zum andern ziemlich verschiedene Varietäten

darbieten, kann man wieder in partielle oder lokale Faunen einteilen,

im wesentlichen, je nach der Bodenbeschaffenheit und nach der

Vegetation, die der See besitzt. Man kann so unterscheiden die Fauna

der Felsenwände, die der mit Geröllen bedeckten Ufer, ferner die Fauna

des Sandbodens, des Schlammes, die des im Wasser wachsenden Waldes, die

des Rasens von Characeen etc. Ich mache hier nicht den Versuch, die

Arten und Gattungen aufzuzählen, welche diese allgemeine und lokale

Tierwelt bilden; ich verweise auf die ausführlichen Beschreibungen,

welche die gelehrten Mitarbeiter dieses Werkes geben werden.

Ich beschränke mich darauf, zunächst den unumgänglichen Charakter zu

bestimmen, welchen die littorale Fauna darbieten muss im Vergleich

mit anderen Faunen der lakustrischen Welt. Die Ufertiere, welche viel

beweglicheren und abwechslungsreicheren Bedingungen unterworfen sind

als diejenigen von anderen Regionen, sind und müssen in Wirklichkeit

viel stärker, thätiger und widerstandsfähiger sein. Sie setzen sich

am Boden oder auf untergetauchten Körpern fest, oder sind fähig,

sich zeitweilig festzusetzen; oder sie wissen sich zurückzuziehen an

verborgene und geschützte Plätze während der Wellenströme, welche

die Ufergegend aufwühlen. Ich mache sodann auf die bedeutende

Veränderlichkeit und den sehr speziellen Lokalcharakter der littoralen

Gesellschaften aufmerksam; sie sind verschieden von einer Station zur

andern und von einem See zum andern, je nach den örtlichen Bedingungen.

In der Uferregion findet man nicht nur den grössten Reichtum an

Lebewesen, sondern auch die grösste Zahl von verschiedenen Typen und

die grösste Mannigfaltigkeit innerhalb der Typen.

Endlich ist es die einzige Region eines Süsswassersees, wo die Flora

durch Pflanzen von hohem Wuchs vertreten ist.

Die +biologischen Gesellschaften der tiefen Region+, die

+Tiefsee-Fauna+ und +-Flora+, wohnen auf und in dem Seeboden, in der

gesamten Mulde vor der Uferregion, das heisst in Tiefen, welche 5-25

_m_ übersteigen, je nach der Grösse des Sees. In dieser Region ist

der Boden überall lehmig oder schlammig, weich, ohne Rauhigkeiten

oder feste und harte Körper; bei bemerkenswerter Einförmigkeit in

der physikalischen Zusammensetzung zeichnet er sich durch keine

Abwechselung aus, ausser etwa an einigen sehr seltenen Stellen, und in

einigen Seen nur durch felsige, vertikale Wände oder durch erratische

Blöcke. Abgesehen von diesen Ausnahmsfällen ist die Gesellschaft,

welche dort wohnt, wesentlich und einzig limikol (schlammbewohnend).

Es herrscht eine absolut und relativ beinahe vollständige Ruhe ohne

mechanische und molekulare Bewegungen, ohne Wellen, ohne wesentliche

Strömungen, ohne Licht, ohne Wärme. Die Veränderungen der Temperatur

sind hier entweder gleich Null oder nur sehr schwach. Die Dunkelheit

ist mehr oder weniger vollständig; es giebt keine direkte Verbindung

mit der äusseren Luft; der See zeigt hier keine periodischen

Veränderungen, weder für einzelne Jahreszeiten noch für das ganze

Jahr. Nächst dem Meeresgrund ist der Grund eines Sees die am wenigsten

bewegte Gegend, die man auf dem Erdball finden kann.

In dieser Region konstatieren wir eine noch ziemlich reichliche

Tierwelt, die mehr oder weniger allen Typen der Süsswassertiere

angehört. Als Beispiel will ich eine Übersicht über die Tierarten

anführen, die man aus der Tiefe des Genfersees kennt, ohne der

Endoparasiten zu gedenken.

Fische 14 +Wirbeltiere+ 14

------

Insekten 3

Spinnen 9

Crustaceen 16 +Arthropoden+ 28

------

Gasteropoden 4

Lamellibrancheen 2 +Mollusken+ 6

Anneliden 4

Nematoden 3

Cestoden 1

Turbellarien 18

Bryozoen 1

Rädertierchen 3 +Würmer+ 30

------

Hydroiden 1 +Cölenteraten+ 1

------

Infusorien 10

Rhizopoden 19

Cilio-Flagellaten 2 +Protozoen+ 31

------

Das sind mehr als hundert Tierarten.

Ihr Reichtum vermindert sich in dem Masse, als die Tiefe zunimmt; aber

wir haben solche, die am Grunde der tiefsten Seen aufgefischt worden

sind: im Genfersee in einer Tiefe von 309 _m_ (Forel), im Comersee bei

415 _m_ (Asper), im Baikalsee bei 1370 _m_ (Dybowski).

Der Ursprung dieser Tierwelt ist zu suchen in der Ansiedelung von

Individuen, welche sich in diese tiefe Region verirrt haben, die durch

einen Zufall weit von ihrem gewöhnlichen und ursprünglichen Wohnort

weggeführt wurden und die, weil widerstandsfähig gegen diese immerhin

starke Veränderung ihrer Lebensbedingungen, sich vermehrt und eine

Stammkolonie gebildet haben. Die Armut des Mediums und seine relative

Ruhe haben die ursprünglichen Typen ziemlich bedeutend modifiziert und

kleinere, schwächere Varietäten geschaffen. Was den Ursprung dieser

Tierwelt in der Tiefe betrifft, so findet man denselben für die weitaus

überwiegende Mehrzahl in der littoralen Fauna des Sees selbst, für

einige Arten in der Fauna der unterirdischen Wasser, der Höhlungen des

Festlandes, dessen Verbindungen mit dem See dadurch bewiesen werden.

Die Tiefen-Fauna der verschiedenen Seen hat +gleichartigen+ allgemeinen

Charakter, ein Ergebnis der Gleichartigkeit des Mediums, das in allen

Seen beinahe identisch ist; ihre spezielle Zusammensetzung wechselt von

einem See zum andern, und richtet sich nach den Ufertypen, von denen

sie herstammen, oder nach den lokalen Zufällen, welche die Bevölkerung

in die untere Region gebracht haben.

Die +Pflanzenwelt+ der tiefen Region ist sehr wenig entwickelt. Die

Rasen der Characeen hören auf in einer Tiefe von 20-25 _m_, an der

Grenze der littoralen und der tiefen Region. In der obern Zone dieser

letzteren bis zu 100 _m_ abwärts, findet man noch an der Oberfläche

des Schlammes eine bräunliche Schicht von niederen Algen (Palmellaceen,

Diatomeen, Oscillarien), welche den von mir so genannten +organischen

Filz+ darstellen und welche unter der Wirkung des schwachen Lichtes,

das in diese Schichten eindringt, noch ein gewisses Reduktionsvermögen

besitzen. Die felsigen Partien der tiefen Region sind bisher nur an

einem Punkte studiert worden, nämlich an der unterseeischen Moräne

von Yvoire im Genfersee in einer Tiefe von 60 _m_. Wir haben hier

ein aquatisches Moos gefunden, _Thamnium alopecurum_, Schimper, var.

+Lemani+ J. B. Schnetzler, sehr reich chlorophylliert und in schönem

Wachstum. Es ist sehr zu wünschen, dass analoge Forschungen an anderen

Orten gemacht werden, wo Felsenwände vorkommen, damit man durch

Erfahrung entscheiden kann, ob es wirklich ein Ausnahmefall ist, wie

man bisher geglaubt hat; oder ob die Abwesenheit von grünen Pflanzen,

die in einer Tiefe von mehr als 25 _m_ allgemein zu sein scheint,

einzig von der schlammigen, inkonsistenten Beschaffenheit des Bodens

abhängt und sich durch das seltene Vorkommen von festen Körpern, auf

welchen sich die fraglichen Moose festsetzen könnten, erklären liesse.

Die +pelagische Gesellschaft+ bewohnt die allgemeine, unbestimmte,

unbegrenzte Masse des Sees, von der Oberfläche an bis zum Grund, vom

Rande der Uferregion bis in die Mitte des Sees, in seiner ganzen

Ausdehnung, soweit er nicht in unmittelbarer Berührung mit dem Ufer

oder dem Grunde steht. Diese Gesellschaft besteht aus Schwimmtieren

und schwebenden Algen. Diese Organismen gehören einer kleinen Zahl von

Arten an; aber die Zahl der Individuen ist enorm. Von Tieren sind es

einige Arten von Fischen (Coregonen), Entomostraken, Rädertierchen,

Cilio-Flagellaten, Rhizopoden; von Pflanzen einige grüne Algen und

Diatomeen.

In der eigentlichen pelagischen Region ist die oberste Schicht, welche

mit der Luft am meisten in Berührung steht, auch die am reichsten

bevölkerte. Doch haben die Untersuchungen von Asper, Imhof und eigene

Beobachtungen bewiesen, dass die pelagische Fauna auch in den grössten

Tiefen unserer Seen noch gut vertreten ist. Es giebt keine Region, wo

das Leben gänzlich aufhört.

Einige dieser Wesen, speziell die Entomostraken, zeigen tägliche

vertikale Wanderungen; bei Nacht kommen sie an die Oberfläche des

Wassers herauf, bei Tag steigen sie von der helleren Zone wieder in die

unteren, finsteren Schichten hinab. Dort finden sie in der Dunkelheit

Schutz gegen die Jagd, welche ihre Feinde auf sie machen.

Die Verhältnisse des Mediums der pelagischen Region variieren mit

der Tiefe hinsichtlich des Drucks, der Bewegung des Wassers, der

Temperatur und des Lichtes. Eine einzige, überall sich gleichbleibende

Eigenschaft ist die Abwesenheit von festen Körpern, welche etwa

den Organismen einen Punkt zum Festsetzen oder einen Zufluchtsort

gewähren könnten. Von diesem Leben in einem unbegrenzten Medium

ohne feste Körper rührt es her, dass fast alle pelagischen Wesen

schwimmen oder im Wasser schweben; indessen haben wir einige an

den Ort gebundene Tiere zu nennen, nämlich unter anderen einige

Vorticellen, die sich an schwimmende Algen oder an Pflanzenreste

heften, welche von der Oberfläche des Wassers abgetrieben haben, sowie

einige Ektoparasiten der Fische und der pelagischen Entomostraken. Es

folgt aus der Durchsichtigkeit des Wassers in der pelagischen Region,

dass die meisten pelagischen Organismen, die Entomostraken und die

Rädertierchen insbesondere, durchsichtig sind; für gewisse Arten ist

die Durchsichtigkeit absolut. Man kann annehmen, dass dieser Mangel

an Farbe durch natürliche Zuchtwahl in einer Reihe von Generationen

erworben wurde; er ist in der That ein sehr wirksames Mittel, sich

gegen die Verfolgung von seiten der fleischfressenden Tiere zu

schützen; für letztere wiederum ist dieser Mangel an Farbe insofern

nützlich, als sie dadurch der Aufmerksamkeit ihrer Beute entgehen.

Während die littoralen Gesellschaften in jedem See ihre

Eigentümlichkeiten haben und aus verschiedenen Arten und Varietäten

zusammengesetzt sind, je nach den verschiedenen lokalen Verhältnissen

an jeder Station, und während die Tiefseefauna, gemäss ihrer Herkunft

von den littoralen Organismen, in jedem See lokalen Charakter hat,

eine Folge der absoluten Unabhängigkeit ihrer Differenzierung,

die sich auf dem Grunde eines jeden Sees als in einem speziellen

„Schöpfungszentrum“ vollzogen hat, zeigen die pelagischen

Gesellschaften einen sehr ausgesprochenen kosmopolitischen Charakter.

Man findet die gleichen Arten, die gleichen Varietäten in allen

Gewässern des Kontinents wieder. Die einzige Verschiedenheit, welche

man konstatieren kann, ist das Fehlen von einigen Typen in gewissen

Seen. Es ist wahrscheinlich, dass diese weite Verbreitung der

pelagischen Organismen durch passive Migrationen von einem See zum

andern erklärt werden muss, die von einem Transport durch die Federn

und Füsse und in den Gedärmen der Wandervögel herrühren. Während diese

auf der Oberfläche des Wassers schwimmen, nehmen sie die grösstenteils

sehr widerstandsfähigen Keime von pelagischen Tieren und Pflanzen auf

und tragen sie auf ihren periodischen Wanderungen durch die Lüfte

von See zu See. Das Fehlen von einigen Arten in gewissen Seen muss,

wenn es sich nicht durch eigentümliche Verhältnisse des Mediums, bei

Bergseen z. B. durch die hohe Lage, erklären lässt, als das Resultat

von zufälligen Umständen bei dieser Art der Besiedelung durch passive

Wanderung angesehen werden.

Ausser diesen Tier- und Pflanzengesellschaften mit einer

verhältnismässig höhern Organisation, die sich so in drei Gruppen

teilen, nach den Verhältnissen der Regionen, welche sie bewohnen, haben

wir noch im Wasser der Seen das Leben von elementaren Mikroorganismen

zu verzeichnen, Mikroben von der Gruppe der Schizomyceten, Pilze,

Bakterien, Vibrionen etc. Man trifft sie überall, in allen Schichten

von der Oberfläche bis zum Seegrund, vom Ufer bis in die Mitte des

Sees, in den littoralen, pelagischen und Tiefengewässern; in dieser

Hinsicht unterscheiden sich die Wasser der Seen nicht von den anderen

freien Gewässern, wo die Mikroben schwärmen. Ihre Zahl ist hier sehr

beträchtlich, doch weniger gross als in den meisten anderen natürlichen

Gewässern. Während man in dem Quellwasser der Ebene oft ihre Keime nach

tausenden zählt, ist ihre Zahl in dem helleren Wasser des Genfer- oder

Zürichersees von den Herren Fol, Dunant und Cramer durchschnittlich auf

36-38 Keime oder Kolonien pro Kubikcentimeter Wasser bestimmt worden.

Die biologische Funktion dieser Mikroben, ihre Rolle in der lebenden

Welt besteht darin, die Zersetzung, die Auflösung der animalischen

und vegetabilischen Kadaver, die nicht direkt von den Tieren verzehrt

werden, zu bewirken. Sie sind so die Agenten der Verwesung und bewirken

die Umbildung der organischen unauflöslichen Materie in Substanzen, die

im Wasser lösbar sind.

Es ist schwer, in allgemeiner Weise anzugeben, welches die nächsten

Glieder dieser Umsetzung sind; die letzten Glieder sind Kohlensäure,

Ammoniak, Salpetersäure und Stickstoff.

Wir haben also im Wasser eines Sees zahlreiche und verschiedene

biologische Gesellschaften, Tiere und Pflanzen, höhere Organismen und

Protisten, die neben einander leben, absorbieren und ausscheiden, die

aber alle sich von den von ihren Nachbarn ausgestossenen Produkten

nähren. Alle assimilieren, jedes in seiner Art, die zur Ernährung

der Gewebe nötigen Stoffe; alle stossen mit ihren Exkretionen die

Residuen ihres Ernährungslebens aus. Was so vielen verschiedenen Wesen

gestattet, neben einander zu leben und im gleichen Medium gleichzeitig

zu existieren, ohne dessen Vorräte zu erschöpfen, das ist die wichtige

Thatsache, dass ihre Produkte und Bedürfnisse entgegengesetzt sind und

zwischen den verschiedenen Gruppen sich im Gleichgewicht halten. Was

von den einen ausgeschieden wird, ist für das Leben der anderen nötig.

Die Residuen des Ernährungsprozesses der einen Gruppe werden nutzbar

für den Ernährungsprozess der andern. Die proportionelle Verteilung

der verschiedenen Typen von animalischen und vegetabilischen Wesen

regelt sich von selbst durch einen automatischen Prozess: Ein Überfluss

von Ernährungsstoffen begünstigt die überreichliche Entwickelung

von Wesen, welche sich dieselben nutzbar machen können; ein Defizit

solcher Materien führt infolge der Not eine Verminderung der nämlichen

Organismen herbei.

Das +biologische Gleichgewicht+ ist in einem See also dadurch möglich,

dass die verschiedenen Arten, die ihn bewohnen, verschiedene Typen der

entgegengesetzten organischen Reiche repräsentieren. In der littoralen

und in der pelagischen Region haben wir gleichzeitig Repräsentanten

von beiden Reichen, Pflanzen und Tiere; vermöge dieses Gleichgewichtes

finden die Ernährungsfunktionen der einen wie der anderen dort

hinlänglich, was sie brauchen. Nicht ganz so, scheint es, verhält

es sich in der Tiefenregion, speziell in den unteren Schichten von

100 _m_ an abwärts, wo wir keine Pflanzen mehr kennen. Wie können in

diesen Tiefenregionen die zur Ernährung nötigen Elemente für die noch

reiche Fauna, die dort wohnt, sich erneuern? Eine reiche und genügende

Quelle dieser Ernährung zeigt sich in den Kadavern der animalischen und

vegetabilischen Organismen der pelagischen Region, welche in die Tiefe

fallen und auf den Grund des Sees hinabkommen. Wir haben Anzeichen

davon in der enormen Zahl von chitinösen Häuten der pelagischen

Entomostraken, welche sich im Schlamm der grossen Tiefen zeigen. Die

organischen Reste des Ufers und diejenigen, welche durch die Zuflüsse

in den See hineingetrieben werden, sinken, nachdem sie durch die

Wellen und Strömungen auf der Oberfläche umhergetrieben worden sind,

von selbst in die grossen Tiefen hinab und tragen so ebenfalls zur

Erneuerung des Nahrungsstoffes für die Tiefenfauna bei.

Wie in dem Tierkörper die verschiedenen Gewebe der verschiedenen Organe

aus der Lymphe des Blutes die zu ihrer Ernährung notwendigen Stoffe

ziehen und der Lymphe die Produkte ihrer Desassimilation geben, so ist

in einem See das Wasser das Medium, in welchem alle diese Reaktionen

des Ernährungsprozesses für die darin wohnenden Organismen vor sich

gehen. Die +chemische+ Zusammensetzung dieses Wassers bietet also ein

grosses Interesse dar. Als Beispiel will ich diejenige des Genfersees

geben, die bis jetzt am besten studiert ist.

Ein Liter Wasser vom Genfersee enthält in aufgelöstem Zustand:

In Gasform:

Sauerstoff 6.65 _cc_

Stickstoff 14.69 „

Kohlensäure 2.85 „

An festen Substanzen:

Natrium- und Kaliumchlorid 1.8 _mg_

Schwefelsaures Natrium 15.0 „

Schwefelsaures Ammoniak Spuren

Schwefelsaures Calcium 47.9 „

Salpetersaures Calcium 1.0 „

Kohlensaures Calcium 73.9 „

Kohlensaures Magnesium 17.0 „

Kieselsäure 3.7 „

Thonerde und Eisenoxyd 1.9 „

Organische Materie, Verluste 11.9 „

--------------------

total 174.1 _mg_

Hinsichtlich der organischen Stoffe, welche durch übermangansaures Kali

nachweisbar sind, sind die beiden äussersten Ziffern bei verschiedenen

Analysen, die von verschiedenen Autoren gemacht wurden, 5.6 und 15.1

_mg_; die durchschnittliche Ziffer ist 10 _mg_ pro Liter.

Das Studium der allgemeinen physischen Beschaffenheiten des Sees,

dessen Resultat durch chemische Analyse von +Brandenburg+ und +Walter+

bestätigt ist, hat uns gezeigt, dass das Wasser der tieferen Schichten

des Sees dieselbe Zusammensetzung hat, wie das an der Oberfläche;

die festen und gelösten Substanzen bewegen sich hier in gleichen

Proportionen; die Gase sind hier ein wenig reichlicher; besonders giebt

es ein wenig mehr Sauerstoff: 7.08 und beträchtlich mehr Kohlensäure:

5.28 _cc_ pro Liter (J. Walter).

Berechnet man nach der Bunsenschen Formel die Quantität des

Gases, welches das Wasser vermöge seines einfachen Kontaktes mit

der atmosphärischen Luft in gelöstem Zustand auf der Höhe des

Wasserspiegels des Genfersees enthält, so kommt man zu folgenden

Ziffern -- pro Liter --

Sauerstoff Stickstoff Kohlensäure

bei + 5° _C_. 7.3 _cc_ 13.6 _cc_ 0.6 _cc_

bei +20° _C_. 5.7 „ 10.7 „ 0.3 „

Das Wasser des Lac Leman ist also in einem Zustande der Sättigung an

Sauerstoff und Stickstoff und enthält einen beträchtlichen Überschuss

an Kohlensäure.

Wir haben somit in einem Süsswassersee ein flüssiges Medium, bestehend

aus reinem Wasser, welches aufgelöst enthält:

1) +mineralische Stoffe+: diese sind für den Ernährungsprozess der

Organismen von noch nicht genügend aufgeklärter Bedeutung; wir können

sie beiseitelassen;

2) +Gase+, unter anderen: Sauerstoff, der zur Atmung der Tiere und

Pflanzen dient, und Kohlensäure, welche von den Pflanzen aufgenommen

und zerlegt wird;

3) +aufgelöste organische Substanzen+, nach dem Verhältnis von 10

_mg_ pro Liter. -- Was sind diese organischen Stoffe? Ihre Natur kann

variieren nach den zufälligen Umständen, die sie erzeugt haben; wir

können annehmen, dass es wesentlich sind:

a) stickstofffreie Substanzen: Zucker, Gummi, Cellulose,

Cholesterin, Humussubstanzen etc.;

b) stickstoffhaltige Substanzen: Albuminoide, Harnstoff, Kreatin

und analoge Produkte;

c) alle Zwischenstufen der Verwesung der stickstofffreien und der

stickstoffhaltigen Stoffe, welche sie zu den letzten Produkten

führen: Kohlensäure, Ammoniak, Salpetersäure und Stickstoff.

In diesem, also sehr zusammengesetzten Medium finden Pflanzen und

Tiere die Elemente ihrer Nahrung; anderseits lösen sich darin die

Ausscheidungs- und Zersetzungsprodukte der organischen Wesen auf.

Die organische Substanz, in ihrer allgemeinsten Bedeutung genommen,

läuft so durch die Körper der verschiedenen Wesen hindurch. Sie wird

von ihnen aus dem Vorrat geschöpft, den man unerschöpflich nennen

kann und der von dem sie umgebenden Wasser geliefert wird. Sie wird

diesem Vorrate zurückerstattet, nachdem sie für einige Zeit in den

Geweben von Tieren und Pflanzen assimiliert worden ist. Wir können die

aufeinanderfolgenden Phasen dieser Zirkulation der Materie in der Reihe

der Wesen folgendermassen charakterisieren:

+Ausgangspunkt+: Organischer Stoff, aufgelöst in Wasser: ternäre und

quaternäre Substanzen, Kohlensäure, Sauerstoff.

+1. Phase: Organisation der Materie.+ Die Pflanzen absorbieren die

Kohlensäure und reduzieren sie durch Assimilation in der Form von

Kohlenwasserstoffverbindungen, besonders von Cellulose und Stärke. Sie

absorbieren die stickstoffhaltige Materie und assimilieren dieselbe in

der Form des Protoplasmas; die Protisten absorbieren die organische

Materie und assimilieren sie in ihren Geweben; die Tiere absorbieren

durch ihren Verdauungsapparat die im Wasser aufgelöste organische

Materie, welche einen Teil ihrer Nahrung bildet. Alle lebenden Wesen

absorbieren Sauerstoff für ihre Atmung.

+2. Phase: Übergang der Materie von einem Wesen zum andern+: Die

Pflanzen sind die Nahrung der pflanzenfressenden Tiere, die kleinen

Tiere die Nahrung der fleischfressenden Tiere; die Reste von Pflanzen

und Tieren diejenige der Omnivoren. Die organisierte Materie geht also

von einem Wesen zum andern und macht eine Reihe von Inkarnationen

durch, ehe sie in die fundamentale Masse der toten Materie zurückkehrt.

+3. Phase: Auflösung.+ Alle lebenden Organismen geben direkt oder

indirekt die Stoffe ihrer Gewebe an das sie umgebende Medium ab.

Lebende Pflanzen und Tiere werfen ihre exkrementellen Ausscheidungen,

welche lösbar sind, ab; tote Pflanzen und Tiere, die nicht von den

Omnivoren verzehrt worden sind, gehen infolge der Verwesung in Stoffe

über, die im Wasser löslich sind.

Diese dritte Funktion führt uns zu einem Endpunkt zurück, nämlich

auf die im Wasser aufgelöste organische Materie, die schon unser

Ausgangspunkt gewesen ist. Wir haben also einen geschlossenen Kreis,

einen Cyklus: die organische Materie zirkuliert in der Reihe der

Lebewesen.

Ein solcher Prozess kann sich in einem geschlossenen Raum vollziehen

und sich ins Unendliche fortsetzen. Man kennt diese Süsswasser-

oder Salzwasseraquarien, bestehend in einem dicht verschlossenen

Glasbehälter, in welchem einige tierische und pflanzliche Organismen

zusammen den vollständigen Kreislauf ihres Lebens durchmachen. Ich

habe solche unter den Händen meines Kollegen und Freundes Prof. +G. Du

Plessis+, damals in Lausanne, mehrere Jahre hinter einander bis zur

Vollkommenheit funktionieren sehen.

Aber ein See ist durchaus nicht ein von allen Seiten geschlossenes

Gefäss. Er steht vor allem in Beziehung zur Atmosphäre und ein Teil der

organischen Materien, welche er einschliesst, zerstreut sich in die

darüber liegende Luft: Kohlensäure, das letzte Produkt der Respiration

der Organismen, und Sumpfgas sind der Endpunkt der Verwesung der

organischen Materien. Ein Teil dieser zwei Gase bleibt aufgelöst

im Wasser; aber ein anderer Teil verdunstet in die Atmosphäre. Die

Kohlensäure ist, wie wir bereits gesehen, im Seewasser überreichlich

vorhanden. Dieser Überfluss geht an der Oberfläche des Wassers in die

Atmosphäre über. Anderseits löst sich das Methan, in wie geringer

Menge es sich auch vorfindet, im Wasser auf, wo es oxydiert und in

Oxydationsprodukte höhern Grades verwandelt wird. Der Beweis dafür ist

der Umstand, dass es in der Analyse der Wassergase nirgends angeführt

wird. Wenn es sich aber in zahlreichen Bläschen loslöst, entquillt es

an der Oberfläche des Sees und verliert sich in die Atmosphäre.

Durch diesen Prozess geht eine gewisse Menge organischer Stoffe

verloren und ein mit der Atmosphäre in Verbindung stehender See würde

schliesslich der für die lebenden Wesen notwendigen Nahrungsmittel

ermangeln. Zwar enthält das in den See fallende Regenwasser, wie wir

gleich sehen werden, eine gewisse Quantität organischer Stoffe, durch

welche ein Teil dieser Verluste ersetzt werden würde. Allein wenn es

nur diesen Zufluss gäbe, so würde der Vorrat äusserst gering und die

biologische Bevölkerung eine sehr beschränkte sein.

Hier haben wir den zweiten Faktor des allgemeinen biologischen

Gleichgewichtes einzuführen, nämlich die Thatsache, dass der See an der

allgemeinen Zirkulation der Stoffe zwischen den verschiedenen Regionen

des Erdballs teilnimmt. Der See hat einen Abfluss und einen Zufluss

und er erhält und verliert durch dieselben eine bedeutende Quantität

organischer Stoffe; er steht in Verbindung mit der Atmosphäre und

erhält von ihr Gasstoffe und giebt sie ihr.

Jeder Süsswassersee hat einen Abfluss als notwendige Bedingung

seiner Existenz. In einem See ohne Abfluss konzentrieren sich die

Gewässer durch Verdunstung und ihr Salzgehalt steigt, bis die Salze

sich krystallisieren: Ein See ohne Abfluss ist ein Salzsee. Ein

Süsswassersee hat also einen Abflusskanal, der Tag für Tag, jahraus,

jahrein eine Menge aufgelöster und unlösbarer organischer Stoffe

ableitet. Ist es der Mühe wert, sie in Anschlag zu bringen?

Ich werde diese Frage beantworten, indem ich mich auf die Angaben über

den Genfersee stütze.

Die Wassermenge, die durchschnittlich im Jahre durch die Rhône bei Genf

abfliesst, beträgt ungefähr 10000 Millionen Kubikmeter. In einem so

bedeutenden Volumen enthält diese Wassermenge noch sehr beträchtliche

Stoffmassen, wie verdünnt diese auch sein mögen.

Das Wasser enthält durchschnittlich pro Liter 5 _cc_ aufgelöste

Kohlensäure. Für die 10 Milliarden _cm_ macht das 50 Milliarden Liter

Gas aus. Da das Gewicht eines Liters Kohlensäure 2 _g_ beträgt, so

stellt diese Quantität ein Totalgewicht von 100000 Tonnen Kohlensäure,

resp. 28000 Tonnen Kohlenstoff vor.

Im Durchschnitt finden sich in einem Liter dieses Wassers 10 _mg_

organische durch übermangansaures Kali oxydierbare Stoffe vor.

Mithin enthalten die 10 Milliarden _cm_ Wasser 100000 Tonnen

organische Stoffe, die darin aufgelöst oder im Zustande lebenden oder

abgestorbenen Staubes sind.

Dieses Wasser enthält durchschnittlich 36 Mikroben pro _cc_, das

macht für die ganze Wassermasse 380000000000000 Mikroben. Die Zahl

ist ungeheuer, aber ihr Gewicht sehr klein. Wäre die Behauptung

übertrieben, dass ihrer eine Million auf ein Milligramm geht? Wenn

dem so wäre, so würden die unter dieser Form dem See abfliessenden

organischen Stoffe nicht 380 Tonnen überschreiten.

Dieses Wasser enthält Tiere und Pflanzen. Um deren Zahl zu schätzen,

setze ich voraus, ihre Bevölkerungsdichtigkeit entspreche derjenigen

der pelagischen Region; indem ich mich auf die Beobachtungen Imhofs

stütze, finde ich durch Berechnungen, die ich ihrer Länge wegen hier

nicht vorbringen kann, dass jeder Kubikmeter durchschnittlich 400

Mikrozoen und 8000 Mikrophyten enthält. Wenn wir annehmen, diese

Mikroorganismen haben ein mittleres Gewicht von etwa 0.01 _mg_, so

erhalten wir ein Totalgewicht von 840 Tonnen für den Abfluss.

Demnach würde die Rhône jährlich aus dem Genfersee abführen:

100000 Tonnen Kohlensäure,

100000 „ oxydierbare organische Stoffe,

380 „ Mikroben,

840 „ Mikroorganismen,

somit im ganzen mehr als 200000 Tonnen. Dem muss noch folgendes

hinzugefügt werden: der Staub und die organischen Reste, die

abgestorbenen, im Wasser des Abzugskanals schwimmenden oder an das

Ufer geworfenen Tierkörper und Pflanzenteile; die von Menschen und

von fischfressenden Vögeln gefangenen Fische; die Insekten, die im

Larvenzustand im See sich entwickelt und denselben als vollkommene

Insekten verlassen haben, um von den insektenfressenden Säugetieren und

Vögeln (Fledermäusen und Schwalben) verzehrt zu werden. Um alles zu

sagen, fügen wir noch hinzu, dass eine gewisse Quantität organischer

Stoffe, die im Lac Leman sehr gering, in anderen Seen aber bedeutender

ist, durch Fossilisation im neuen Alluvium, das sich auf dem Grunde des

Sees bildet, absorbiert wird.

Diese Berechnungen sind nur annähernd richtig; auch beschränke ich mich

darauf, zu sagen, dass die im Wasser aufgelösten und suspendierten,

lebenden oder abgestorbenen organischen Stoffe, die jährlich

hauptsächlich durch den Abfluss dem Genfersee entzogen werden, mehrere

100000 Tonnen betragen.

Nun ist, wie wir sogleich erörtern werden, die Zusammensetzung des

Wassers eines grossen Sees eine stabile; auch führen die Monate

und Jahre keine Variationen in derselben herbei; die abfliessenden

organischen Stoffe werden folglich anderweitig ersetzt.

Welches sind nun die Quellen, welche dem See die hunderttausende von

Tonnen organischer Stoffe ersetzen, die der Abfluss ihm jährlich

entführt?

Er erhält dieselben:

Die Tier- und Pflanzenwelt des Süsswassers. Erster Band. · 第 8 / 112 题