KAPITEL I

1. "Wir wollen reden über die Dichtkunst, sowohl an (S. 1) (1447a) sich,

wie über ihre Arten, deren Wesen im einzelnen und wie die dichterischen

Stoffe gestaltet werden müssen, wenn anders die Dichtung kunstvoll sein

soll? ferner über Zahl und Beschaffenheit der Teile eines Dichtwerks und

desgleichen, was sonst noch in dasselbe Untersuchungsgebiet fallen mag.

Und zwar gehen wir, wie dies naturgemäß, von dem ersten zuerst aus.

2. Das Epos also und die Dichtung der Tragödie, ferner die Komödie, die

dithyrambische Poesie und der größte Teil der Auletik und Kitharistik,

sie alle sind in ihrer Gesamtheit _nachahmende Darstellungen_ (Mimesis).

3. Es besteht aber unter ihnen ein dreifacher Unterschied, nämlich in

bezug auf die verschiedenen _Mittel_, die verschiedenen _Gegenstände_

und die verschiedene _Art_ der Darstellung und zwar nicht in gleicher

Weise.

[Sidenote: c. 1, 4--6. Arten und Unterschiede der Dichtung.]

4. Wie nämlich manche sowohl mit Farben als auch mit Figuren, sei es auf

Grund künstlerischer Begabung, sei es infolge einer durch Übung

erlangten Geschicklichkeit andere dagegen mit der Stimme vieles

nachbildend nachahmen, so wird auch in den erwähnten Künsten insgesamt

die Nachahmung vermittelst des _Rhythmus_, der _Rede_ und der _Harmonie_

bewerkstelligt und zwar gesondert oder miteinander vermischt _Harmonie

und Rhythmus allein_ wenden beispielsweise die Auletik und Kitharistik

an und was es sonst noch an Künsten derselben Art geben mag, wie z.B.

die Kunst der Syrinx (Hirtenpfeife); allein (S. 2) mit _Rhythmus ohne

Harmonie_, die Kunst der Tänzer, denn diese ahmen mittelst rhythmischer

Körperbewegungen Charaktereigenschaften, Gemütsstimmungen und Handlungen

nach.

5. _Die Kunstform aber, die sich bloß der Rede bedient_, sei es der

ungebundenen, sei es der metrischen und, falls der letzteren, entweder

mehrere Versmaße miteinander verbindet oder nur _eine_ Versgattung

(1447b) anwendet, _hat bis jetzt keinen Namen_. Denn wir wüßten keine

gemeinsame Bezeichnung anzugeben für die Mimen eines _Sophron_ und

_Xenarchos_ und die _Sokratischen Gespräche_ einerseits, noch

andrerseits für eine nachahmende Darstellung in (jambischen) Trimetern

oder im elegischen Distichon oder in irgend welchen anderen Versmaßen

dieser Art. Allerdings knüpft man gewöhnlich an die betreffende

Versbezeichnung das Wort "dichten" und nennt so die einen

Elegiendichter, andere epische Dichter, indem man sie nicht auf Grund

der nachahmenden Darstellung zu Dichtern stempelt, sondern des

gemeinsamen Metrums wegen. Ja, man pflegt sogar denjenigen so zu nennen,

der irgend etwas aus der Medizin oder der Naturwissenschaft in Versen

darstellt und doch haben _Homer_ und _Empedokles_ nichts miteinander

gemein als das Metrum, so daß man zwar jenen mit Eecht einen Dichter

nennt, diesen aber vielmehr als einen Naturforscher bezeichnen sollte.

In ähnlicher Weise käme auch dem der Dichtername zu, der in seiner

nachahmenden Darstellung allerlei Versmaße verwendet, wie dies

_Chairemon_ in seinem Epyllion "Der Kentaur", in dem die

verschiedenartigsten Versmaße vorkommen getan hat. So mag also das

Urteil über diese Dinge lauten.

[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.]

6. Nun gibt es _einige Künste, die sich aller genannten

Darstellungsmittel bedienen_, (S. 3) ich meine nämlich des Rhythmus, der

gesungenen Rede und des Metrums, wie z.B. die _Dithyramben_-_und

Nomendichtung_, die _Tragödie_ sowohl wie die _Komödie_. Sie

unterscheiden sich aber wiederum darin, daß die beiden ersteren diese

Mittel durchgängig diese aber nur an bestimmten Teilen anwenden. Dies

sind also die Unterschiede der Künste nach ihren Darstellungsmitteln.

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Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 35 / 65 题