Originalität ist ein rein relativer Begriff, ja in einem gewissen Sinne
gibt es eine solche überhaupt nicht, ist doch jeder Denker ein Erbe der
Vergangenheit[5] und irgendwie von Vorgängern, wenn nicht direkt
abhängig, so doch, und zwar oft unbewußt, beeinflußt. Andrerseits steckt
nicht minder häufig in der Art, wie ein Forscher den ihm vorliegenden
Stoff verarbeitet, in der Beleuchtung, in die er ihn rückt, in dem
Zusammenhang in den er ihn einreiht oder, falls er sich mit ihm im
Widerspruch befindet, in der Begründung seines entgegengesetzten
Standpunkts ein ebenso hoher Grad von Selbständigkeit und Originalität
als in dem ganz Neuen, das er im übrigen bringen mag. So ist denn
zweifellos auch die Poetik des _Aristoteles_ nicht wie Athene in voller
Rüstung aus dem Haupte des Zeus entsprungen, auch er hat, und zwar
nachweisbar, eine umfangreiche Literatur über seinen Gegenstand, vor
allem in den Schriften der _Sophisten_, schon vorgefunden und so weit
zweckdienlich verwertet oder auch zu widerlegen sich veranlaßt gefühlt.
Gegen das Verdammungsurteil, das _Platon_ gegen das Epos und Drama
geschleudert hat, bildet die Poetik als Ganzes gleichsam einen
stillschweigenden Protest, der in einer Anzahl Stellen sogar deutlich
und greifbar hervortritt, obwohl er den Namen seines Lehrers niemals
nennt.
Daß einzelne Gedankengänge _Platons_ über die Dichtkunst (S. XX) auf
_Aristoteles_ eingewirkt, seinen Theorien eine gewisse Richtung gegeben
und ihn bewogen haben zu ihm seinerseits Stellung zu nehmen, ist fast
selbstverständlich und allgemein anerkannt.
Wenn aber neuerdings in einem geistvollen und formvollendeten Buche,[6]
das sich nicht nur an fachkundige Leser wendet, der Versuch gemacht
worden ist, dem Verfasser der Poetik jede Originalität abzusprechen und
sie zu einem bloßen Echo platonischer Gedanken herabzusetzen, so muß
gegen diese tendenziöse Entstellung des wirklichen Tatbestandes der
schärfste Einspruch erhoben werden. Die Widerlegung dieser Verirrung
eines sonst trefflichen Gelehrten im Einzelnen kann hier nicht
unternommen werden, ich muß mich damit bescheiden, auf einige wenige
Punkte aufmerksam zu machen, die aber allein schon genügen dürften, die
angewandte Beweisführung in ein grelles Licht zu setzen und den Versuch
selbst ad absurdum zu führen. Angesichts seiner unten[5b] zitierten,
durch nichts gemilderten Behauptungen ist die Beobachtung geradezu
verblüffend, daß diese sich, soweit das Verhältnis des _Aristoteles_ zu
_Platon_ überhaupt in Frage kommen könnte, so gut wie ausschließlich auf
eine Anzahl Lehrsätze und Gedanken der ersten sechs Kapitel beschränken!
Sodann ist zu bemerken, daß _Platon_ sich zwar mehr oder minder
ausführlich über Zweck, Wirkung, Charakter und Ursprung der Dichtung
ausgesprochen hat, daß aber von (S. XXI) einer Technik der
Dichtkunst--und das ist doch wohl unsere Poetik--sich schlechterdings
nichts findet, was dem _Aristoteles_ als Grundlage oder Quelle der
Erkenntnis hätte dienen können. Selbst die platonische Auffassung der
nachahmenden Tätigkeit des Künstlers (Mimesis) weicht durch ihre
Verknüpfung mit der Ideenlehre von der des _Aristoteles_ sehr erheblich
ab. Und dasselbe gilt von einer großen Anzahl gelegentlicher Äußerungen,
wie über die furcht- und mitleiderregende Wirkung der Tragödie, über den
Unterschied zwischen dem Drama und dem Epos, über die der Dichtung
zugrundeliegenden Ursachen und über den Dithyrambus als nicht mimetische
Darstellung. Und selbst bei diesen Fragen ergibt oft die Art der
Betrachtung, daß _Platon_ sie nicht zuerst aufgeworfen, sondern zu
anderweitig bereits erörterten literarischen Problemen seinerseits, sei
es zustimmend, sei es ablehnend, Stellung nimmt. Mit welchen
Gewaltmitteln die Abhängigkeit des _Aristoteles_ von _Platon_ glaubhaft
gemacht werden soll, dafür sei wenigstens ein besonders krasses Beispiel
angeführt. Mit der dem _Aristoteles_ eigenen analytischen Schärfe werden
die Unterschiede In der nachahmenden Darstellung aller musischen Künste
festgestellt, nämlich in den Mitteln, den Gegenständen und der Art und
Weise (c. 1), eine Einteilung, die sich auch für die sechs Teile einer
kunstgerechten Tragödie bewährt (c. 6). Diese tief durchdachte
Unterscheidung soll nun nicht nur sachlich, sondern sogar im Wortlaut
dem _Platon_ entnommen sein. In der Rep. III 392^c schließt
nämlich _Sokrates_ eine längere Erörterung darüber, daß in seinem
Idealstaate nur Spezialisten als Lehrer Zulaß haben sollten, mit
folgenden Worten: "Wir sind nun, was die musische Bildung anbelangt,
völlig zu Ende gekommen und haben angegeben, was ausgesprochen werden
soll und wie." Inhaltlich haben, wie (S. XXII) man sieht, diese Worte,
wie auch der ganze Zusammenhang mit der aristotelischen Betrachtung auch
nicht das mindeste gemein und auch abgesehen davon, fehlt noch
fatalerweise das dritte Glied--die Mittel! Aber durch solche
Kleinigkeiten läßt sich _Finsler_ seine Kreise nicht stören.
_Aristoteles_ wird wiederholt beschuldigt auch die einfachsten
Redewendungen, wo der Gedanke sich griechisch kaum anders hätte
ausdrücken lassen, dem _Platon_ entlehnt zu haben. So z.B. daß die
Dichter Handelnde nachahmen (Rep. 10, 603°), obwohl gerade dieser
Gedanke gar nicht einmal platonischen Ursprungs sein dürfte, denn
_Aristoteles_ sagt ausdrücklich, daß bei der Ableitung des Wortes
"Drama", von der bei _Platon_ nirgends die Rede ist, "einige" auf eben
jene Tatsache sich berufen hätten.
Die Behauptung einer durchgängigen, fast sklavischen Abhängigkeit des
_Aristoteles_ von _Platon_ hält demnach vor einer unbefangenen und
vorurteilslosen Prüfung nicht Stand. Ein Einfluß des Lehrers auf seinen
Schüler in dem oben angedeuteten Sinne soll darum keineswegs in Abrede
gestellt werden, aber soweit die uns vorliegenden Lehren der Poetik in
Betracht kommen, hätte ihr Verfasser keinerlei Veranlassung gehabt,
einem "Pereant qui ante nos nostra dixerunt" Ausdruck zu geben.
Während uns _Platons_ Werke vollständig zum Vergleich vorliegen, sind
die sonstigen Vorgänger des _Aristoteles_ gänzlich verschollen und
selbst Schriften wie die eines _Demokrites_ "Über die Dichtung" und
"Über Rhythmen und Harmonie" oder des Sophisten _Hippias_ "Über Musik"
und "Über Rhythmen und Harmonien", die auf ähnliche Erörterungen
allenfalls schließen ließen, sind für uns nur leere Titel. Daß aber
eine reiche fachmännische Literatur, die, wie gesagt (S. XXIII)
hauptsächlich aus sophistischen Kreisen stammte, dem _Aristoteles_ zur
Verfügung stand, beweisen allein die Frösche des _Aristophanes_ (405),
die bereits eine staunenswerte, allgemeine Kenntnis über die Technik des
Dramas von Seiten des athenischen Theaterpublikums zur notwendigen
Voraussetzung haben.
Glücklicherweise gibt unsere Poetik selbst uns noch wertvolle
Andeutungen über frühere Schriftsteller auf diesem Gebiete, denn an
nicht weniger als 12 bezw. 13 Stellen beruft sich _Aristoteles_
ausdrücklich auf Vorgänger und zwar fünfmal mit Namennennung
(_Protagoras_, _Hippias_ von Thasos, _Eukleides_, _Glaukon_ und
_Ariphrades_). Bei vier von diesen handelt es sich meist um Einzelheiten
in betreff des Versbaues und des Sprachgebrauchs, bei _Glaukon_ dagegen
um eine von ihm unter Zustimmung des Verfassers gegeißelte falsche
Methode zahlreicher, literarischer Kritiker, die für uns zwar namenlos
sind, deren Existenz aber eben durch jenen Ausfall erwiesen wird.
Wichtiger für die Quellenfrage sind die übrigen Stellen, aus denen man
seltsamerweise bisher nicht die Konsequenzen gezogen hat, sondern sich
damit begnügte, sie als gleichsam isolierte Äußerungen zu betrachten,
die _Aristoteles_ nur erwähnt, um sie abzuweisen. Mit dem Motiv mag es
seine Richtigkeit haben, entspricht es doch durchaus der antiken
Zitiermethode, auf einen Vorgänger nur dann anzuspielen, und zwar meist
unter dem Deckmantel des Plurals ("einige behaupten, man sagt" u.ä.),
wenn man ihn bekämpfen oder widerlegen will. Sobald wir uns aber die
Umgebung, in der die betreffenden Stellen[7] stehen, genauer ansehen,
ergibt sich sofort daß es sich unmöglich nur um gelegentliche Urteile
handelte, sondern daß diese nur in ausführlichen Untersuchungen über
alle in unmittelbarem Zusammenhang (S. XXIV) stehenden Fragen abgegeben
sein konnten. Die Namen der Verfasser, wie die Titel ihrer Werke, sind
wie gesagt, sämtlich verloren, es sei denn, daß wir in dem Bericht über
die Ansprüche der Dorer auf die Erfindung der Komödie (c. 3) mit großer
Wahrscheinlichkeit die Chronica des _Dieuchidas_ von Megara, eines
älteren Zeitgenossen des _Aristoteles_, vermuten können.
Auch in anderen Partien der Poetik werden wir literarische Vermittler
voraussetzen müssen. So insbesondere über die Entwicklungsgeschichte des
Dramas (c. 4). Ja, in einer Kleinigkeit den kyprischen Dialekt
betreffend (c. 21, 3), dessen Kenntnis man doch nicht ohne weiteres dem
_Aristoteles_ wird zutrauen wollen, dürfte vielleicht der einmal als
Verfasser kyprischer Glossen zitierte _Glaukon_ aus bisher unbestimmter
Zeit sein Gewährsmann gewesen sein, falls nicht etwa eine Reminiscenz
aus _Herodot_ (5, 9) vorliegt. Ein ähnliches, kretisches Glossarium wird
auch wohl die Quelle für c. 25, 10 gewesen sein. Und so mag
_Aristoteles_ noch mehr Einzelheiten, auch der Theorie und Technik der
Dichtkunst, seinen Vorgängern verdanken als wir jetzt nachweisen oder
vermuten können.
Aber so mannigfach auch immer diese Anregungen gewesen sein mögen und so
viel positives Wissen _Aristoteles_ von früheren Forschern übernommen
haben mag, so trägt dennoch selbst unser unvollständiges Kollegienheft
allenthalben den echten Stempel seines Geistes unverkennbar an der
Stirn. Es enthält aber überdies so zahlreiche geistreiche Gedanken und
Lehrsätze von ewiger Gültigkeit, daß wir die Poetik auch fernerhin als
ein Meisterwerk auf diesem Gebiete und als ein köstliches Vermächtnis
eines der größten Geistesheroen der Menschheit werden einschätzen
dürfen.
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