VORWORT

Die Aufforderung des Verlegers der Philosophischen (s. III) Bibliothek

eine Neuauflage der vergriffenen _Ueberwegschen_ Übersetzung der

aristotelischen Poetik (1869) zu besorgen, traf mich mitten in der

Vorbereitung eines exegetischen und kritischen Kommentars des Büchleins

und einer ihn begleitenden ausführlichen Abhandlung zu dessen

Textgeschichte. Unter normalen Umständen hätte ich Bedenken gehabt, die

mir aufgetragene Aufgabe vor der Veröffentlichung jener Arbeiten, die

unter anderem die nähere Begründung und Rechtfertigung meines neuen

Textes bringen werden, zu übernehmen. Wenn ich dennoch diese Bedenken

habe fallen lassen, so geschah dies hauptsächlich aus folgenden Gründen.

Jener Übelstand schien insofern nicht allzu schwerwiegend, weil

derartige kritische Erörterungen philologische Leser zur notwendigen

Voraussetzung haben. Sodann gestatten es die zurzeit herrschenden, jedes

Maß überschreitenden Herstellungskosten wissenschaftlicher Werke

größeren Umfangs noch nicht, einen Erscheinungstermin für obige Arbeiten

auch nur annähernd im voraus zu bestimmen.

Freilich, an dem ursprünglichen Plane einer Neubearbeitung konnte nicht

festgehalten werden, denn es stellte sich gar bald heraus, daß eine

solche sehr unbefriedigend ausfallen müßte und so entschloß ich mich die

_Ueberwegsche_ Übertragung durch eine ganz neue zu ersetzen. Jene

beruhte nämlich noch auf dem _Bekkerschen_ Texte, der im wesentlichen

nur die Aldina wiedergab, während der meinige, obwohl durchaus

konservativ, selbst von dem _Vahlen_'s (1886) an fast 300 Stellen

abweicht, ein Ergebnis, das zum großen Teil der bisher nicht genügend

ausgebeuteten syrisch-arabischen Übersetzung zuzuschreiben ist.[1]

Sodann hatte sich _Ueberweg_, ebenso wie (s. IV) seine Vorgänger und

Nachfolger, nicht eng genug an den Wortlaut des Originals angeschlossen

und gab so einen m.E. irreführenden Eindruck von dem eigentümlichen,

lehrhaften Charakter der Poetik. Denn sie ist mit ihrer stark

elliptischen und wortkargen Ausdrucksweise und ihren oft stichwortartig

und aphoristisch hingeworfenen Gedanken und Lehrsätzen, ihrer

Entstehungsweise durchaus entsprechend, alles eher als ein Erzeugnis

attischer Kunstprosa. Wir haben nämlich in ihr, um kurz zu sagen, was an

einem anderen Orte ausführlich nachgewiesen werden soll, nicht ein

Exzerpt, sondern nur die Überbleibsel eines Kollegienheftes zu

erblicken, das auf aufmerksame und nachprüfende Leser keinerlei

Rücksicht zu nehmen brauchte und das oft nur leise Angedeutete der

weiteren mündlichen Ausführung überließ. Es kam endlich noch hinzu, daß

ich mir an sehr zahlreichen Stellen die Auffassung _Ueberwegs_ nicht

aneignen konnte. Eine Übersetzung soll aber, zumal die einer technischen

und schwierigen Schrift, wenigstens zum Teil einen Kommentar ersetzen.

Dementsprechend war ich vor allem bemüht, den auf eine neue Recensio

gegründeten Text so wort- und sinngetreu wiederzugeben, wie dies ohne

Schädigung des deutschen Ausdrucks nur irgend möglich war. Daß nun der

textkritische Anhang _Ueberwegs_ in Wegfall kommen mußte, versteht sich

von selbst. Dasselbe Schicksal traf aber auch die erklärenden

Anmerkungen, die im wesentlichen dazu bestimmt waren, wie der Verfasser

selbst angibt, "noch unerledigte Streitfragen ihrer Lösung zuzuführen".

Inwieweit sie diesen Zweck erreicht haben, mag hier unerörtert bleiben,

in jedem Fall waren auch sie, (s. V) einige rein sachliche Belege

ausgenommen, für den Leser, welchen die "Philosophische Bibliothek"

vorzugsweise im Auge hat, von keinem nennenswerten Nutzen. Sollte sich

jemand dennoch für diese besonders interessieren so ist ja die alte

Ausgabe in Bibliotheken leicht zugänglich. An deren Stelle sind nun

erklärende Verzeichnisse der Namen und Sachen getreten, die lediglich

das geben sollen, was mir für das unmittelbare Verständnis zweckdienlich

schien, wobei von einer Erläuterung oder gar Kritik der aristotelischen

Lehren natürlich abgesehen werden mußte, um den mir zu Gebote stehenden

Raum nicht zu überschreiten.

Was die ebenfalls neu hinzugekommene Einleitung anbelangt, so bezweckt

auch sie nur eine vorläufige Orientierung. Für die ausführlicheren

Darlegungen aller darin kurz behandelten Fragen muß ich wiederum auf die

obenerwähnten Arbeiten verweisen, in der Hoffnung daß deren Erscheinen

dennoch in absehbarer Zeit ermöglicht wird.

Meinem Mitleser, Herrn Professor E. Wüst (München), bin ich für seine

wertvolle Hilfe zu besonderem Dank verpflichtet.

München, Juli 1920.

Alfred Gudeman.

* * * * *

Über die Dichtkunst beim Aristoteles Neu übersetzt und mit Einleitung und einem erklärenden Namen- und Sachverzeichnis versehen von Alfred Gudemann 1921 · 第 7 / 65 题