Die Tragiker hatten Götter als Zuschauer, und dadurch wurde nicht nur

die Grundverfassung ihrer Seele mit bedingt, sondern die Art des Dramas,

das sie hervorbrachten. Auch in diesem Drama traten Götter und Menschen

im Verkehr miteinander auf, und es ward damit, in einem gewissen Sinne,

das geheiligte Spiegelbild der ins Erhabene gesteigerten Volksseele. Was

wäre ein Dichter, dessen Wesen nicht der gesteigerte Ausdruck der

Volksseele ist!

Es ist der Vormittag des 20. April. Ich habe den Felsen des Areopag

erstiegen. Zwei Soldaten schlafen in einer versteckten Mulde. Esel

schreien; Hähne krähen. Der Ort ist verunreinigt. An einem Teile des

Felsens werden Vermessungen vorgenommen. Wieder liegt das weiße,

blendende Licht über der Landschaft.

Auf diesem Hügel des Ares, heißt es, ist über den Kriegsgott Gericht

gehalten worden, in Urzeiten, irgend eines vereinzelten Mordes wegen,

den er begangen hatte. Hier, sagt man, wurde Orestes gerichtet und

losgesprochen, trotzdem er die Mutter ermordet hatte. In nächster Nähe

soll hier ein Heiligtum der Erinnyen gewesen sein, der zürnenden

Gottheiten, die von den Athenern die Ehrwürdigen, oder ähnlich, genannt

wurden. Ihre Bildnisse sollen nicht schreckenerregend gewesen sein, und

erst Äschylos hat ihnen Schlangen ins Haar geflochten.

Es fällt wiederum auf, wie überladen mit Götterasylen der nahe

Burgfelsen ist: mit Nestern, Gottesgenisten könnte man sagen! Jeder

Spalt, jede Höhle, jeder Fußbreit Stein war für die oberirdischen,

unterirdischen oder auch für solche Gottheiten, die im Wasser leben,

ausgenützt. Es ist erstaunlich, daß sie hier untereinander Frieden

hielten. Vielleicht geschah es, weil Pallas Athene, als Höchstverehrte,

über den andern stand.

Man ist hier auf dem Areopag erhaben über der Stadt. Man übersieht einen

Teil von ihr und den Theseustempel. Man sieht gegenüber, durch ein Tal

getrennt, die Felsplatten der Pnyx. Man hört die zahllosen Schwalben des

nahen Burgfelsens zwitschern. Dies Zwitschern wird zu einer sonderbaren

Musik, wenn man sich an den ersten Gesang der Odyssee und an die

folgenden Verse erinnert:

»Also redete Zeus' blauäugigte Tochter, und eilend

Flog wie ein Vogel sie durch den Kamin ...«

und an die Neigung der Himmlischen überhaupt, sich in allerlei Tiere,

besonders in Vögel, umzuwandeln.

Ich lasse mich nieder, lausche und betrachte den zwitschernden

Götterfelsen, die Akropolis. Ich schließe die Augen und finde mich durch

das Zwitschern tief und seltsam aufgeregt. Es kommt mir vor, indem ich

leise immer wieder vor mich hinspreche: Der zwitschernde Fels! Die

zwitschernden Götter! Der zwitschernde Götterfels! als habe ich etwas

aus der Seele eines naiven Griechen jener Zeit, da man die Götter noch

ehrte, herausempfunden. Vielleicht, sage ich mir, ist, wenn man eine

abgestorbene Empfindung wieder beleben kann, damit auch eine kleine,

reale Entdeckung gemacht.

Und plötzlich erinnere ich mich der »Vögel« des Aristophanes, und es

überkommt mich zugleich in gesteigertem Maße Entdeckerfreude. Ich bilde

mir ein, daß mit dieser Empfindung: »der zwitschernde Fels, die

zwitschernden Götter«, im Anblick der Burg, der Keim jenes göttlichen

Werkes in der Seele des freiesten unter den Griechen zuerst ins Leben

getreten ist. Ich bilde mir ein, vielleicht den reinsten und

glücklichsten Augenblick, einen Schöpfungsakt seines wahrhaft

dionysischen Daseins, neu zu durchleben, und will es jemand bezweifeln,

so raubt er mir doch die heitere, überzeugte Kraft der Stunde nicht.

»... Tioto, tioto, tiotix!

Widerhallte der ganze Olympos.«

Frische, nordische Luft. Nordwind. Eine ungeheure Rauch- und Staubwolke

wird von Norden nach Süden über das ferne Athen hingejagt. Gegen den

Hymettos zieht der bräunliche Dunst, Akropolis und Lykabettos in

Schleier hüllend. Ich verfolge, vom Rande der phalerischen Bucht, ein

beinahe ausgetrocknetes Flußbett, in der Richtung gegen den Parnes.

Schwalben flattern über den spärlichen Wasserpfützen in lebhafter

Erwerbstätigkeit. Ich habe zur Linken die letzten Häuser und Gärten der

Ansiedelung von Neu-Phaleron, hinter einem Feld grüner Gerste, die in

Ähren steht. Zur Rechten, jenseit des Flußlaufs, gegen das ferne Athen

hin, sind ebenfalls ausgedehnte Flächen mit Gerste bebaut. Die Finger

erstarren mir fast, wie ich diese Bemerkung in mein Buch setze. Die

Landschaft ist fast ganz nordisch. Vereinzelte Kaktuspflanzen an den

Feldrainen machen den unwahrscheinlichsten Eindruck. Ich beschreite

einen Feldweg. Um mich, zu beiden Seiten, wogt tiefgrün die Gerste. Man

muß die Alten und das Getreide zusammendenken, um ganz in ihre sinnliche

Nähe zu gelangen, mit ihnen vertraut, bei ihnen heimisch zu sein.

Die Akropolis, mit dem Parthenon, erhebt sich unmittelbar aus der weiten

Prärie, aus der wogenden See grüner Halme, empor.

Ich kreuze die Landstraße, die von Athen in grader Linie nach dem Piräus

hinunter führt, und stoße auf eine niederländische Schänke, unter

mächtigen, alten Eschen, die an Ostade oder Breughel erinnert. Ich

erblicke, mich gegen Athen wendend, über dem Ausgangspunkt der Straße

wiederum die Akropolis mit dem Parthenon. Der Verkehr, mit Mäulern und

Pferden an hochrädrigen Karren, bewegt sich in zwei fast

ununterbrochenen Reihen von Athen zum Piräus hinunter und umgekehrt. Es

wird sehr viel Holz nach Athen geschafft. Unter vielen Mühen, in beinahe

undurchdringlichen Staubwolken, arbeite ich mich gegen eisigen Wind.

Hunde und Hühner bevölkern die Landstraße. Im Graben, im Grase, das eine

dicke Staubschicht überzieht, liegt, grau wie der Staub, ein todmüder

Esel und hebt seinen mageren Kopf mir zu. Kantine an Kantine begleitet

die Straße rechts und links in arger Verwahrlosung. Ich bin beglückt,

als ich einen tüchtigen Landmann, mit zwei guten Pferden, die Hand am

Pflug, seinen Acker bestellen sehe, ein Anblick, der in all diesem

jämmerlich verstaubten Elend erquickend ist.

Ich weiche dem Staub, verlasse die Straße, und bewege mich weiter, dem

Parnes zu, in die Felder hinein. Nun sehe ich die Akropolis wiederum und

zwar in einem bleichen, kreidigen Licht, zunächst über blühenden

Obstgärten auftauchen. Der Parthenongiebel steht, klein wie ein

Spielzeug, kreidig-bleich. In langen Linien schießen die Schwalben dicht

über das Gras der Auen und über die Ähren der Gerstenfelder hin. Ich muß

an den Flug der Götter denken, an den schemenhaft die ganze Landschaft

beherrschenden, zwitschernden Götterfels, und wie von Athene gesagt ist:

»Plötzlich entschwand sie den Blicken und gleich der Schwalbe von

Ansehn

Flog sie empor ...«

Wie muß dem frommen Landbewohner mitunter der Flug und der Ruf der

Schwalbe erschienen sein! Wie wird er seinen verehrenden Blick zuzeiten

bald gegen das Bild des Zeus auf dem nahen Parnes, bald gegen die ferne,

überall sichtbare, immer leuchtende Burg der Götter gerichtet haben! Von

dorther strichen die Schwalben, dorthin verschwanden sie in geschwindem

Flug. Und ähnlich, nicht allzuviel schneller, kamen und gingen die

Götter, die keineswegs, wie unser Gott, allgegenwärtig gewesen sind.

Auf dem heiligen Wege, von Athen nach Eleusis hinüber, liegt an der

Paßhöhe, zwischen Bergen, das kleine griechische Kloster Daphni. Ich

weiß nicht, welches rätselhafte Glück mich auf der Fahrt hierher

überkommen hat. Vielleicht war es zunächst die Freude, mit jedem

Augenblick tiefer in ein Gebiet des Pan und der Hirten einzudringen.

Überall duftet der Thymian. Er schmückt, strauchartig, die grauen

Steinhalden, auch dort, wo die wundervolle Aleppo-Kiefer, der Baum des

Pan, nicht zu wurzeln vermag. Aber Kiefer und Thymian vermischen überall

ihre Düfte und füllen die reine Luft des schönen Bergtals mit

Wohlgeruch.

Der Hof des Klosters, in den wir treten, ist ebenfalls von

weihrauchartigen und von grunelnden Düften erfüllt. Am Grunde schmücken

ihn zahllose, weiße und gelbe Frühlingsblumen, die ihre Köpfchen den

warmen Strahlen des griechischen Frühlingsmorgens darbieten. An einem

gestutzten Baum ist die Glocke des Klosters aufgehängt, Sommers und

Winters den atmosphärischen Einflüssen preisgegeben und darum bedeckt

mit einer schönen, bläulichen Patina. Ein Hündchen, im Winkel des Hofes,

vor seiner Hütte, wedelt uns an. Trotzdem es nach Bienen und Fliegen

schnappen kann, deren wohlig schwelgerisches Gesumm allenthalben

vernehmlich ist, scheint es sich doch in dieser entzückenden, gleichsam

verwunschenen Stille zu langweilen.

Antike Säulenreste, Trommeln und Kapitale, liegen umher, auf denen sich

Sperlinge, pickend und lärmend, umhertreiben. Sie besuchen den Brunnen,

an dem eine alte, hohe Cypresse steht, türkischer Sitte gemäß, als

Wahrzeichen.

Das Innere der Klosterkirche bietet ein Bild der Verwahrlosung. Die

Mosaiken der Kuppel sind fast vernichtet, die Ziegelwände von Stuck

entblößt. Aber der häusliche Laut der immerfort piepsenden Sperlinge und

warme Sonne dringt vom Hofe herein, dazu der Ruf des Kuckuck herab aus

den Bergen, und der kleine Altar, von gläubigen Händen zärtlich

geschmückt, verbreitet mit seinem braunen Holzwerk, mit seinen Bildchen

und brennenden Kerzen, einen treuherzig-freundlichen Geist der

Einfachheit.

Unsern Weg durch die Hügel abwärts fortsetzend, haben wir eine Stelle zu

beachten, wo vor Zeiten ein Tempel der Venus stand. Nicht weit davon

bemerken wir, unter einer Kiefer, in statuarischer Ruhe aufgerichtet,

die Gestalt eines Hirten, dessen langohrige Schafe, im Schatten des

Baumes zusammengedrängt, um ihn her lagern und wie ein einziges Fließ

den Boden bedecken.

Was mich auf dieser heiligen Straße besonders erregt, ist das Hallende.

Überall zwischen den Bergen schläft der Hall. Die Laute der Stimmen, die

Rufe der Vögel, wecken ihn in den schlafenden Gründen. Ich stelle mir

vor, daß jemand, den eine unbezwingliche Sehnsucht treibt, sich in die

untergegangene Welt der Hellenen, wie in etwas noch Lebendiges

einzudrängen, auf ein besseres Mittel schmerzhaft-seliger Täuschung

nicht verfallen könnte, als durch das verwaiste Griechenland nur immer

geliebte Namen zu rufen, wie Herakles einst den Hylas rief. Gleichwie

nun die Stimme des Hylas, des Gestorbenen, im Echo gespenstisch, wie

eines Lebenden Stimme, antwortete, so, meine ich, käme dem Rufe des

wahren Pilgers jedweder heilige Name, aus dem alten, ewigen Herzen der

Berge, fremd, lebendig und mit Gegenwartsschauern zurück.

Wir sind nun an den Rand der Eleusinischen Bucht gelangt, die durch die

Höhenzüge der Insel Salamis gegen das Meer hin geschützt, einem

friedlichen Landsee ähnlich ist. Ich habe niemals das Galiläische Meer

gesehen, und doch finde ich mich an Jesus und jene Fischer gemahnt, die

er zu Menschenfischern zu machen unternahm. Das biblische Vorgefühl

findet auf der weißen Landstraße längs des Seeufers unerwartet eine

Bestätigung, als das klassische Bild der Flucht nach Ägypten lebendig an

uns vorüberzieht: eine junge, griechische Bäuerin auf dem Rücken des

Maultiers, den Säugling im Arm, von ihrem bärtigen, dunkelhaarigen

Joseph begleitet.

Die Bucht liegt in einem weißlichen Perlmuttschimmer still und glatt und

die Augen blendend unter den schönkonturierten Spitzen von Salamis. Die

Landschaft, im Gegensatz zu dem Tale, aus dem wir kommen, ist offen und

weit, und scheint einem anderen Lande anzugehören. Dort wo ein seichter

Fluß, aus den Bergen kommend, sein Wasser mit dem der Bucht vermischt,

knieen eskimoartig vermummte Wäscherinnen, obgleich weder Haus noch

Hütte im weiten Umkreis zu sehen ist.

Wie sich etwa die Sinnesart eines Menschen erschließt, durch die

Scholle, die er bebaut, durch die Heimat, die er für sein Wirken erwählt

hat, oder durch jene, die ihn hervorbrachte, und festhielt, so

erschließt sich zum Teil das Wesen der Demeter im Wesen des

eleusinischen Bezirks. Denn dies ist den griechischen Göttern eigen, daß

sie mit innigen Banden des Gemüts weniger an den Olymp, als an die

griechische Muttererde gebunden sind. Kein Gott, der den Griechen

weniger liebte, als der Grieche den Gott -- oder weniger die griechische

Heimat liebte und in ihr heimisch wäre, als er!

Jesus, der Heiland und Gottessohn, Jesus der Gott, ist uns durch sein

irdisch-menschliches Schmerzensschicksal nahegebracht: ebenso den

Griechen Demeter. Man stelle sich vor, wie der Grieche etwa auf diesem

heiligen Boden empfand, der wirklich Demeters irdischen Wandel gesehen

hatte, wo ich, der moderne, skeptische Mensch, sogleich von besonderer

Weihe durchdrungen ward, als sich das Bild der Landschaft in mir mit

jener anderen Legende vermählt hatte, die mit einer Kraft ohnegleichen

heute Zweifler wie Fromme beherrscht.

Der heilige Bezirk, mit dem Weihetempel der Demeter, liegt nur wenig

erhaben über die Spiegelhöhe, am Rande der Bucht. Es sei ferne von mir,

dieses wärmste und tiefste Mysterium, nämlich das eleusinische,

ergründen zu wollen: genug, daß es für mich von Sicheln und schweren

Garben rauscht und daß ich darin das Feuer Apolls mit des Aidoneus

eisiger Nacht sich vermählen fühle. Übrigens ist ein wahres Mysterium,

das durch Mysten gepflegt und lebendig erhalten, nicht in Erstarrung

verfallen kann, ein ewiger Quell der Offenbarung, woraus erhellt, daß

eben das Unergründliche ganz sein Wesen ist.

Während ich auf den Steinfließen der ehemaligen Vorhalle des Pylon, als

wäre ich selbst ein Myste, nachdenklich auf und ab schreite, formt sich

mir aus der hellen, heißen, zitternden Luft, in Riesenmaßen, das Bild

einer mütterlichen Frau. Ihr Haarschwall, der die Schultern bedeckt und

herab bis zur Ferse reicht, ist von der Farbe des reifen Getreides. Sie

wandelt, mehr schwebend als schreitend, aus der Tiefe der fruchtbaren

eleusinischen Ebene gegen die Bucht heran, und ist von summsenden

Schwärmen häuslicher Bienen, ihren Priesterinnen, begleitet.

Die wahren Olympier leiden nicht, Demeter ist eine irdisch-leidende

Göttin, deren mütterliches Schmerzensschicksal selbst durch den

Richtspruch des Zeus nur gemildert, nicht aufgehoben ist. Auf ihren

Zügen liegt, unverwischbar, die Erinnerung ausgestandener Qual und es

kann eine größere Qual nicht geben, als die einer Mutter, die ihr

verlorenes Kind in grauenhafter Angst und Verzweiflung der Seele sucht.

Sie hat Persephoneia wieder gefunden und hier zu Eleusis, der

Weihetempel, auf dessen Boden ich stehe, ist der Ort, von dem aus sie

die Rückkunft der Tochter und ihre Befreiung aus den Fesseln des

Tartarus erzwang, und wo Mutter und Tochter das selige Wiedersehen

feierten. Aber sie genießt auch seither, wie gesagt, nicht das reine,

ungetrübte, olympische Glück. Nach leidender Menschen Art ist ihr Dasein

Genuß und Entbehren, Weh der Trennung und Freude der Wiedervereinigung.

Es ist unlöslich, für immer, gleichwie das Dasein der Menschen, aus

bitteren Schmerzen und Freuden gemengt.

Das ist es, was sie dem Menschengeschlecht und auch dem Spätgeborenen

nahebringt, und was sie mehr, als irgendeinen Olympier, heimisch gemacht

hat auf der Erde.

Es kommt hinzu, daß, während eines Teiles des Jahres, Aidoneus die

Tochter ins Innere der Erde fordert und dort gefangen hält, wodurch denn

die seligen Höhen des Olymps, die dem Kerker der Tochter ferne liegen,

den Füßen der Mutter, mit den eleusinischen Ufern verglichen, unseliger

Boden sind. Man ist überzeugt, daß Schicksalsschluß die Göttin in das

Erkenntnisbereich der Menschen verwiesen hat -- in ein beginnendes,

neues, höheres, zwischen Menschen und Göttern und zwar mit einem

Ereignis, das, unvergeßlich, das Herz ihres Herzens gleichsam an seinen

Schauplatz verhaftet hält.

Die »weihrauchduftende« Stadt Eleusis, die Stadt des Keleus, der Königin

Metaneira sowie ihrer leichtgeschürzten Töchter: Kallidike, Kleissidike,

Dämo und Kallithoa der »saffranblumengelockten« ist heut nicht mehr,

aber der Thymianstrauch, der überall um die Ruinen wuchert, verbreitet

auch heute um die Trümmer warme Gewölke von würzigem Duft. Und die

Göttin, die fruchtbare, mütterliche, umwandelt noch heut, in alter,

heiliger Schmerzenshoheit die Tempeltrümmer, die Ebene und die Ufer der

Bucht. Ich spüre die göttliche Erntemutter, die göttliche Hausfrau, die

göttliche Kinderbewahrerin, die Gottesgebärerin überall, die ewige

Trägerin des schmerzhaft süßen Verwandlungswunders.

Was mag es gewesen sein, was die offenen Kellergewölbe unter mir an

Tagen der großen Feste gesehen haben? Man verehrte hier neben Demeter

auch den Dionysos. Nimmt man hinzu, daß der Mohn, als Sinnbild der

Fruchtbarkeit, die heilige Blume der Demeter war, so bedeutet das, in

zwiefacher Hinsicht, ekstatische Schmerzens- und Glücksraserei. Es

bleibt ein seltsamer Umstand, daß Brot, Wein und Blut, dazu das

Martyrium eines Gottes, sein Tod und seine Auferstehung, noch heut den

Inhalt eines Mysteriums bilden, das einen großen Teil des Erdballs

beherrscht.

Ich liege, unweit von Kloster Daphni, unter Kiefern, auf einem

Bergabhange hingestreckt. Der Boden ist mit braunen Kiefernadeln

bedeckt. Zwischen diesen Nadeln haben sich sehr feine, sehr zarte Gräser

ans Licht gedrängt. Aber ich bin hierher gekommen, verlockt von zarten

Teppichen weißer Maßliebchen. Sie zogen mich an, wie etwa ein Schwarm

lieblicher Kinder anzieht, die man aus nächster Nähe sehen, mit denen

man spielen will. Nun liege ich hier und um mich, am Grunde, nicken die

zahllosen kleinen, weißen Schwestern mit ihren Köpfchen. Es ist kein

Wald. Es sind ganz winzige Hungerblümchen, unter denen ich ein

Ungeheuer, ein wahres Gebirge bin. Und doch strömen sie eine Beseligung

aus, die ich seit den Tagen meiner Kindheit nicht mehr gefühlt habe.

Und auch damals, in meiner Kindheit, schwebte eine Empfindung, dieser

ähnlich, nur feiertäglich durch meine Seele. Ich erinnere mich eines

Traumes, den ich zuweilen in meiner Jugend gehabt habe, und der mir

jedesmal eine Schwermut in der Seele ließ, da er mir etwas, wie eine

unwiederbringliche, arkadische Wonne, schattenhaft vorgaukelte. Ich sah

dann stets einen sonnigen, von alten Buchen bestandenen Hang, auf dem

ich mit anderen kleinen Kindern bläuliche Leberblümchen abpflückte, die

sich durch trockenes, goldbraunes Laub zum Lichte hervorgedrängt hatten.

Mehr war es nicht. Ich nehme an, daß dieser Traum nichts weiter, als die

Erinnerung eines besonders schönen, wirklich durchlebten

Frühlingsmorgens war, aber es scheint, daß ein erstes Genießen der

goldenen Lust, zu der sich die Sinne des Kindes erschlossen, das

unvergeßliche Glück dieser kurzen Stunde gewesen ist.

Ich liege auf olympischer Erde ausgestreckt. Ich bin, wie ich fühle, zum

Ursprung meines Kindestraumes zurückgekehrt. Ja, es ward mir noch

Höheres vorbehalten! Mit reifem Geist, mit bewußten, viel umfassenden

Sinnen, im vollen Besitz aller schönen Kräfte einer entwickelten Seele,

ward ich auf dieses feste Erdreich so vieler ahnungsvoll-grundloser

Träume gestellt, in eine Erfüllung ohnegleichen hinein.

Und ich strecke die Arme weit von mir aus und drücke mein Gesicht

antäos-zärtlich zwischen die Blumen in diese geliebte Erde hinein. Um

mich beben die zarten Grashalme. Über mir atmen die niedrigen Wipfel der

Kiefern weich und geheimnisvoll. Ich habe in mancher Wiese bei

Sonnenschein auf dem Gesicht oder Rücken gelegen, aber niemals ging von

dem Grunde eine ähnliche Kraft, ein ähnlicher Zauber aus, noch drang aus

hartem Geröll, das meine Glieder kantig zu spüren hatten, wie hier ein

so heißes Glück in mich auf.

Ich bin auf der Rückfahrt von Eleusis nach Athen wieder in diese

lieblichen Berge gelangt. Die heilige Straße liegt unter mir, die Athen

mit Eleusis verbindet. Herden von Schafen und Ziegen, die in dem grauen

Gestein der Talabhänge umhersteigen, grüßen von da und dort mit ihrem

Geläut, das, melodisch glucksend, an die Geräusche eines plaudernden

Bächleins erinnert.

In der Nähe beginnt ein Kuckuck zu rufen, zunächst allein: und heiter

gefragt, schenkt er mir drei Jahrzehnte als Antwort. Es ist mir genug!

Nun tönt aus den Kiefernhainen von jenseit des heiligen Weges ein

zweiter Prophet: und beide Propheten beginnen und fahren lange Minuten

unermüdet fort, sich trotzig und wild, über die ganze Weite des

Bergpasses hin, wahrscheinlich widersprechende Prophezeiungen zuzurufen.

Und wieder spüre ich um mich das Hallende. Die Rufe der streitenden

Vögel wecken einen gespenstisch verborgenen Schwarm ihresgleichen zu

einem Durcheinander von kämpfenden Stimmen auf und mit einer nur

geringen Kraft der Einbildung höre ich den Lärm des heiligen

Fackelzuges, von Athen gen Eleusis, aus den Bergen zurückschlagen.

Emporgestiegen zu den Gipfeln habe ich rings umher graues Geröll eines

Bergrückens, Krüppelkiefern und Thymian, Mittagshitze und Mittagslicht.

Unter mir liegen eingeschlossene Steintäler, verlassen und großartig

pastoral. Hohe peloponnesische Schneeberge, Hymettos, Likabethos und

Pentelikon schließen rings den Gesichtskreis ein. Der saronische Golf

und die eleusinische Bucht leuchten herauf mit blauen Gluten. In heißen,

zitternden Wolken, zieht überall würzig-bitterer Kräuterduft. Überall

summen die Bienen der Demeter.

Wir betreten heute, gegen zehn Uhr abends, im Lichte des Vollmonds die

Akropolis. Meine Erwartung, nun gleichsam alle Gespenster der Burg

lebendig zu sehen, erfüllt sich nicht: Es müßte denn sein, daß sie alle

in dem heiligen Äther aufgelöst seien, der den ganzen Tempelbezirk

entmaterialisiert.

Mehr wie am Tage empfinde ich heut, und schon auf den Stufen der

Propyläen, das Heiligtum, das Bereich der Götter. Ich zögere, weiter zu

schreiten. Ich lasse mich im tiefen Schlagschatten einer Säule nieder

und blicke über die Stufen zurück, die ich mir in die magisch-klare

Tiefe fortgesetzt denke. Zum erstenmal verbindet sich mir das Ganze mit

dem höheren Geistesleben, besonders des Perikleischen Zeitalters, dem

der Burgfelsen seine letzte und höchste Weihe verdankt. Das Wirkliche

wird im Lichte des Mondes schemenhaft unwirklich, und diesem

Unwirklich-Wirklichen können sich historische Träume leichter

angleichen.

Als vermöchte der Mond Wärme auszuströmen, so warm ist die Luft und dazu

klar und still: das Zwitschern der Fledermäuse kommt aus dem Licht-Äther

unter uns. Man fühlt, wie in solchem göttlichen Äther atmend und

heimisch in diesem heiligen Bezirk, erlauchte Menschen mit Göttern

gelebt haben. Hier, über den magischen Abgrund hinausgehoben, in einen

unsäglich zarten, farbigen Glanz, war der Denker, der Staatsmann, der

Priester, der Dichter, in Nächten wie diese, mit den Göttern auf

gleichen Fuß gestellt und atmete, in naher Vertraulichkeit, mit ihnen

die gleiche elysische Luft.

Man müßte von einem nächtlichen Blühen dieses am Tage so schroffen und

harten, arg mitgenommenen Olympes reden, von einem Blühen, das

unerwartet und außerirdisch die alte vergessene Götterglorie um seine

Felskanten wiederherstellt.

Der Parthenon, von der Hymettosseite gesehen, ist in dieser Nacht nicht

mehr das Gebilde menschlicher Bauleute. Diese scheinen vielmehr nur

einem göttlichen Plane dienstbar gewesen zu sein, das Irdische gewollt,

das Himmlische aber vollbracht zu haben. In diesem Tempel ist jetzt

nichts Drohendes, nichts Düsteres, nichts Gigantisches mehr, und seine

Steinmasse, seine irdische Schwere scheint verflüchtigt. Er ist nur ein

Gebilde der Luft, von den Göttern selbst in einen göttlichen Äther

hineingedacht und hervorgerufen. Er ist nicht aus totem Marmor

zusammengefügt, er lebt! von innen heraus warm und farbig leuchtend,

führt er das selige Dasein der Götter. Alles an ihm wird getragen,

nichts trägt. Oder aber, es kommt ein Gefühl über dich, daß, wenn du,

mit deinem profanen Finger, eine der Säulen zu berühren nicht

unterlassen könntest, diese sogleich zu Staub zerspringen würde vor

Sprödigkeit.

Griechischer Frühling · 第 4 / 10 段