Mythus in eins verbindet, ja ihn zum phantasiegemäßen Ausdruck von jener
macht. Auf den Steinen des antiken Tempelchens sitzend, höre ich Gesang
um mich her, Laute von vielen Stimmen. Ich bin, wie durch einen leisen,
unwiderstehlichen Zwang, in meiner Seele willig gemacht, Zeus und den
übrigen Göttern Trankopfer auszugießen, ihre Nähe im Tiefsten
empfindend. Es ist etwas Rätselhaftes auch insofern um die
Menschenseele, als sie zahllose Formen anzunehmen befähigt ist. Eine
große Summe halluzinatorischer Kräfte sehen wir heut als krankhaft an,
und der gesunde Mensch hat sie zum Schweigen gebracht, wenn auch nicht
ausgestoßen. Und doch hat es Zeiten gegeben, wo der Mensch sie voll
Ehrfurcht gelten und menschlich auswirken ließ.
»Und in dem hohen Palaste der schönen Zauberin dienten
Vier holdselige Mägde, die alle Geschäfte besorgten.
Diese waren Töchter der Quellen und schattigen Haine
Und der heiligen Ströme, die in das Meer sich ergießen.«
Die schöne Wäscherin, die ich an einem versteckten Röhrenbrunnen
arbeiten sehe, auf meinem Heimwege durch den Park -- die erste schöne
Griechin überhaupt, die ich zu Gesicht bekomme! -- sie scheint mir eine
von Kirkes Mägden zu sein. Und wie sie mir in die Augen blickt, befällt
mich Furcht, als läge die Kraft der Meisterin auch in ihr, Menschen in
Tiere zu verwandeln, und ich sehe mich unwillkürlich nach dem Blümchen
Molly um.
Heut, den 5. April, hat ein großes Schiff dreihundert deutsche Männer
und Frauen am Strande von Korfu abgesetzt. Ein mit solchen Männern und
Frauen beladener Wagen kutscht vor mir her. Auf der Strada marina läßt
Gevatter Wurstmacher den Landauer anhalten, steigt heraus und nimmt mit
einigen lieben Anverwandten, eilig, in ungezwungener Stellung,
photographiergerecht, auf der Kaimauer Platz. Ein schwarzbärtiger
Idealist mit langen Beinen und engem Brustkasten erhebt sich auf dem
Kutschbock und photographiert. Am Eingange meines Gartens holt die
Gesellschaft mich wieder ein, die sich durch das unumgängliche
Photographieren verzögert hat. »Palais royal?« tönt nun die Frage an den
Kutscher auf gut Französisch. --
Und wie ich den Garten der Zauberin wieder betrete, von heimlichem
Lachen geschüttelt, fällt mir eine Geschichte ein: Mitridates steckte
einst in Kleinasien einen Hain der Eumeniden in Brand, und man hörte
darob ein ungeheures Gelächter. Die beleidigten Götter forderten nach
dem Spruche der Seher Sühnopfer. Die Halswunde jenes Mädchens aber, das
man hierauf geschlachtet hatte, lachte noch auf eine furchtbare Weise
fort.
Das eine der Fenster unseres Wohnsaales im Hotel Belle Venise gewährt
den Blick in eine Sackgasse. Dort ist auch ein Abfallwinkel des Hotels.
Der elende Müllhaufen übt eine schreckliche Anziehungskraft auf Tiere
und Menschen aus. So oft ich zum Fenster hinausblicke, bemerke ich ein
anderes hungriges Individuum, Hund oder Mensch, das ihn durchstöbert.
Ohne jeden Sinn für das Ekelhafte greift ein altes Weib in den Unrat,
nagt das sitzengebliebene Fleisch aus Apfelsinenresten und schlingt
Stücke der Schale ganz hinab. Jeden Morgen erscheinen die gleichen
Bettler, abwechselnd mit Hunden, von denen mitunter acht bis zehn auf
einmal den Haufen durchstören. Diese scheußliche Nahrungsquelle
auszunützen, scheint der einzige Beruf vieler unter den ärmsten
Bewohnern Korfus zu sein, die in einem Grade von Armut zu leben
gezwungen sind, der, glaube ich, selbst in Italien selten ist. Von
Müllhaufen zu Müllhaufen wandern, welch ein unbegreifliches Los der
Erbärmlichkeit! Mit Hunden und Katzen um den Wegwurf streiten. Und doch
war es vielleicht mitunter das Los Homers, der, wie Pausanias schreibt,
auch dieses Schicksal gehabt hat, als blinder Bettler von Ort zu Ort zu
ziehn.
Der Garten der Kirke liegt diesen Nachmittag in einer düstern
Verzauberung. Die blaßgrünen Schleier der Olivenzweige rieseln leis. Es
ist ein ganz zartes und feines Singen. Von unten tönt laut das eherne
Rauschen des Jonischen Meeres. Ich muß an das unentschiedene
Schlachtengetöse homerischer Kämpfe denken. Der Wolkenversammler
verdunkelt den Himmel, und eine bängliche Finsternis verbreitet sich
zwischen den Stämmen unter den Ölbaumwipfeln. Vereinzelte große
Regentropfen fallen auf mich. Der Efeu erscheint wie ein polypenartig
würgendes Tier, er schlägt in unzerbrechliche Bande: Mauern, steinerne
Stufen, Bäume! Es ist etwas ewig Totes, ewig Stummes, ewig Verlassenes,
ewig Verwandeltes in der Natur und in allem vegetativen Dasein des
Gartens. Die Tiere der Kirke schleichen lautlos, tückisch und
unsichtbar! der bösen, tückischen Kirke Gefangene! Sie erscheinen für
ewig ins Innere dieser Gartenmauer gebannt, wie Sträucher und Bäume an
ihre Stelle. Alle diese uralten, rätselhaft verstrickten Olivenbäume
gleichen unrettbar verknoteten Schlangen, erstarrt, mitten im Kampf,
durch ein schreckliches Zauberwort.
Aber nun geht eine Angst durch den Garten: etwas wie Angst oder nahes
Glück. Wir alle, unter der drohenden Macht des beklemmenden Rätsels
eines unsagbar traurigen und verwunschenen Daseins, fühlen den nahen
Donner des Gottes voraus. Mächtig grollt es fern auf; und Zeus winkt mit
der Braue ... Kirke erwartet Zeus.
Ehe man Potamo auf Korfu erreicht, überschreitet man einen kleinen Fluß.
Die Ortschaft ist mit grauen Häuschen und einem kleinen Glockenturm auf
eine sanft ansteigende Berglehne zwischen Ölbäume und Zypressen
hingestreut. Unter den Bewohnern des Ortes, die alle dunkel sind, fällt
ein Schmied oder Schlosser auf, der in der Tür seiner Werkstatt mit
seinem Schurzfell dasteht, blauäugig, blond und von durchaus kernigem,
deutschem Schlag, seiner Haltung und dem Ausdruck seines Gesichtes nach.
Das Tal hinter Potamo entwickelt die ganze Fülle der fruchtbaren Insel.
Auf saftigen Wiesenabhängen langhalmiger, üppiger Gräser und Blumen,
stehen, Wipfel an Wipfel, Orangenbäume, jeder mit einem Reichtum
schwerer und reifer Früchte durchwirkt. Die gleiche, lastende Fülle ist,
links vom Wege, in die Talsenkung hinein verbreitet und jenseit die
Abhänge hinauf, bis unter die allgegenwärtigen Ölbäume. Fruchtbare Fülle
liegt wie ein strenger Ernst über diesem gesegneten Tal. Es ist von
Reichtum gleichsam beschwert bis zur Traurigkeit. Es ist etwas fronmäßig
Lasttragendes in diesem Überfluß, so daß hier wiederum das Mysterium der
Fruchtbarkeit, beinahe zu Gestalten verdichtet, dem inneren Sinne sich
aufdrängt. Hier scheint ein dämonischer Reichtum wie dazu bestimmt,
verschlagenen Seefahrern sich für eine angstvolle Schwelgerei
darzubieten, panischen Schrecknissen nahe.
Gestrüppen, wilden Dickichten gleich, steigen Orangengärten in die
Schluchten hinunter, die von uralten Oliven und Zypressen verfinstert
sind und locken von dort her, aus der verschwiegenen Tiefe mit ihrer
süßen, schweren, fast purpurnen Frucht. Man spürt das Gebärungswunder,
das Wunder nymphenhafter Verwandlungen: ein Wirken, das ebenso süß, als
qualvoll ist.
Ich sollte hier der Orange von Korfu, als der besten der Welt begeistert
huldigen! -- Man gehe hin und genieße sie.
Die Straße steigt an und bei einer Wendung tut sich, weithin gedehnt,
eine sanfte Tiefe dem Blicke auf: die Ebene zwischen Govino und Pyrgi
ungefähr, mit ihren umgrenzenden Höhenzügen. Wälder von Olivenbäumen
bedecken sie, ja Gipfel, Abhänge und Ebene überzieht ein einziger Wald.
Der majestätische Ernst des Eindrucks ist mit einem unsäglich weichen
Reiz verbunden.
Eine Biegung der Straße enthüllt teilweise die blauleuchtende Bucht und
die Höhe des San Salvatore dahinter. Zum Ernst, zur Einfalt, zur
Großheit, darf man sagen, tritt nun die Süße. -- Wir wandeln unter die
Wälder hinein. Das Auge wird immer wieder gefesselt von dem
unvergleichlichen Linienreiz der zerlöcherten und zerklüfteten
Riesenstämme, von denen einige zerrissen und in wilde Windungen
zerborsten, doch, mit erzenem, unbeweglichem Griff in die Erde
verknotet, aufrecht geblieben sind.
Der Himmel ist grau und bewölkt. Wir entdecken in der Tiefe der
fruchttragenden Waldungen Kinder, Hirtinnen mit gelben Kopftüchern. Bis
an die Straße zu uns her sind kleine, wollige, unwahrscheinliche
Jesusschäfchen verstreut. Ich winke einer der kleinen Hirtinnen: sie
kommt nicht leicht. Ihr Dank für unsere Gabe ist ganz Treuherzigkeit.
Schemenhaft flüstern die Ölzweige. Weithin geht und weither kommt
ewiges, sanftes, fruchtbares Rauschen.
Wir unternehmen heut eine Fahrt nach Pelleka. Dort, von einem gewissen
Punkte aus, überblickt man einen sehr großen Teil der Insel, die Buchten
gegen Epirus hin und zugleich das freie Jonische Meer.
Heute, am Sonntag, lehnen etwa hundert Männer über die Mauer der Straße,
wo diese eine Kehre macht und gleichsam eine Terrasse oder Rampe der
Ortschaft bildet. Unser Wagen wird sogleich von einer großen Menge
erbärmlich schmutziger Kinder umringt, die zumeist ein verkommenes
Ansehen haben und schlimm husten. Mit uns dem gesuchten Aussichtspunkt
zusteigend -- wir haben den Wagen verlassen! -- verfolgen uns die Kinder
in hellen Haufen. Eingeborene Männer versuchen es immer wieder, sie zu
verscheuchen, stets vergeblich. Die Kleinen lassen uns vorüber, stehen
ein wenig, suchen uns aber gleich darauf wieder auf kürzeren Wegen,
rennend, springend, stürzend, einander stoßend, zuvor zu kommen, um mit
zäher Unermüdlichkeit uns wiederum anzubetteln.
Sie sind fast durchgängig brünett. Aber es ist auch ein blondes Mädchen
da, blauäugig und von zart weißer Haut: ein großer, vollkommen deutscher
Kopf, der als solcher auf einem Leiblschen Bilde stehen könnte. Bei
diesem Anblick beschleicht mich eine gewissermaßen irrationale
Traurigkeit, denn das Mädchen ist eigentlich die vergnügteste unter
ihren zahllosen dunklen Zufallsschwestern.
In Gruppen und von den Männern gesondert, stehen am Eingang und Ausgang
des kleinen Fleckens die Frauen von Pelleka. Sie machen in der stämmigen
Fülle des Körpers und der bunten Schönheit der griechischen Tracht den
Eindruck der Wohlhabenheit. Das reiche Haar, das ihre Köpfe in stolzer
Frisur umgibt, ist nicht nur ihr eigenes, sondern durch den Haarschatz
von Müttern, Großmüttern und Urgroßmüttern vermehrt, der als heilige
Erbschaft betrachtet wird.
Heut, soeben, begann ich den letzten Tag, der noch auf Korfu enden wird.
Zum Fenster hinausblickend, gewahre ich in der Nähe des Abfallhaufens
eine Versammlung von etwa zwanzig Männern: sie umstehen einen vom Regen
noch feuchten Platz, auf dem sich, wie kleine zerknüllte Lümpchen,
mehrere schmutzige Drachmenscheine befinden. Man schiebt sie mit
Stiefelspitzen von Ort zu Ort. Einer der Männer wirft vom Handrücken aus
zwei kupferne Münzen in die Luft, und je nachdem sie auf dem Kopfe der
Könige liegen, oder diesen nach oben kehren, entscheiden sie über
Verlust und Gewinn. Nachdem ein Wurf des Glücksspiels geschehen ist,
nimmt einer der Spieler, ein schäbiger Kerl, als Gewinner den ziemlich
erheblichen Einsatz vom Erdboden auf und steckt ihn ein.
Die Bevölkerung Korfus krankt an dieser Spielleidenschaft. Es werden
dabei von armen Leuten Gewinne und Verluste bestritten, die in keinem
Vergleich zu ihrem geringen Besitze stehen. Man sucht dieser Spielwut
entgegenzuwirken. Aber, trotzdem man das stumpfsinnige Laster, sofern es
in Kneipen oder irgendwie öffentlich auftritt, unter Strafe stellt, ist
es dennoch nicht auszurotten. Macht doch die ganze Bevölkerung
gemeinsame Sache gegen die Polizei! So sind zum Beispiel die
Droschkenkutscher auf der breiten Straße, in die unser Sackgäßchen
mündet, freiwillige Wachtposten, die den ziemlich sorglosen Übertretern
der Gesetzesbestimmungen soeben die Annäherung eines Polizeimannes durch
Winke verkündigen, worauf sich der Schwarm sofort zerstreut.
Ein griechischer Dampfer liegt am Ufer. Ein italienischer kommt eben
herein. Ihm folgt die »Tirol« vom Triester Lloyd. Menschen und Möwen
werden aufgeregt.
Die Einschiffung ist nicht angenehm. Wir sind hinter einem Berg von
Gepäck ins Boot gequetscht, und jeden Augenblick drohen die hohen Wogen
das überladene Fahrzeug umzuwerfen.
Selten ist der Aufenthalt an Deck eines Schiffes im Hafen angenehm. Das
Idyll, sofern nicht das Gegenteil eines Idylls im Schicksalsrate
beschlossen ist ... das Idyll beginnt immer erst nach der Abfahrt.
Eine schlanke, hohe, jugendschöne Engländerin mit den edlen Zügen
klassischer Frauenbildnisse ist an Bord. Seltsam, ich vermag mir das
homerische Frauenideal, vermag mir eine Penelope, eine Nausikaa, nur von
einer so gearteten Rasse zu denken.
Langsam gleitet Korfu, die Stadt, und Korfu, die Insel, an uns vorüber:
die alten Befestigungen, die Esplanade, die Strada marina am Golf von
Kastrades, auf der ich so oft nach dem königlichen Garten, nach dem
Garten der Kirke, gewandert bin. Der Garten der Kirke selbst gleitet
vorüber. Ich nehme mein Fernglas und bin noch einmal an dem lieblichen,
jetzt in Schatten gelegten Ort, wo die Trümmer des kleinen antiken
Tempelchens einsam zurückbleiben, und wo ich, seltsam genug bei meinen
Jahren, fast wunschlos glückliche Augenblicke genoß. Oft sah ich von
dort aus Schiffe vorübergleiten und bin nun selbst, der vorübergleitet
auf seinem Schiff. Über den dunklen Wipfelgebieten des Gartens steht die
Sonne hinter gigantischen Wolken im Niedergang und bricht über alles zu
uns und zum Himmel hervor in gewaltigen, limbusartigen Strahlungen, und
im Weitergleiten des Schiffes erfüllt mich nur noch der eine Gedanke: du
bist auf der Pilgerfahrt zur Stätte des goldelfenbeinernen Zeus.
Die ersten Stunden auf klassischem Boden, nachdem wir in Patras Morgens
gelandet sind, bieten lärmende unangenehme Eindrücke. Aber, trotzdem wir
nun in einem Bahncoupé, und zwar in einem ziemlich erbärmlichen, sitzen,
saugt sich das Auge an Felder und Hügel dieser an uns vorüberflutenden
Landschaft fest, als wäre sie nicht von dieser Erde. Vielleicht lieben
wir Träume mit stärkerer Liebe, als Wirklichkeit. Aber das innere Auge,
das sich selbst im Schlafe oft genug weit öffnet, legt sich mitunter in
den Wiesen, Hainen und Hügelländern zur Ruh, die sich einem äußeren
Sinne im Lichte des wachen Tages schlicht und gesund darbieten. Und
etwas, wie eines inneren Sinnes Entlastung spüre ich nun.
Also: um mich ist Griechenland. Das, was ich bisher so nannte, war alles
andere, nur nicht Land. Die Sehnsucht der Seele geht nach Land, der
Sehnsucht des Seefahrers darin ähnlich. Immer ist es zunächst nur
eingebildet, wonach man sich sehnt, und noch so genaue Nachricht, noch
so getreue Schilderung kann aus der schwebenden Insel der Phantasie kein
wirklich am Grunde des Meeres verwurzeltes Eiland machen. Das vermag nur
der Augenblick, wo man es wirklich betritt.
Was nun so lange durchaus nur ein bloßer Traum der Seele gewesen ist,
das will eben diese Seele, vom Staunen der äußeren Sinne berührt, die,
von dem Ereignis betroffen, rastlos verzückt, fast überwältigt
umherforschen ... das will eben diese Seele nicht gleich für wahr
halten. Auch deshalb nicht, weil damit in einem anderen Sinne etwas, zum
mindesten der Teil eines Traumbesitzes, in sich versinkt. Dies gilt aber
nur für Augenblicke. Es gibt in einem gesund gearteten Geiste keine
Todfeindschaft mit der Wirklichkeit: und was sie etwa in einem solchen
Geiste zerstört, das hilft sie kräftiger wiederum aufrichten.
Die Landschaft von Elis, durch die wir reisen, berührt mich heimisch.
Wir haben zur Rechten das Meer, hinter roter Erde, in unglaublicher
Farbenglut. Wie bläulicher Duft liegen Inseln darin: erst wird uns
Ithaka, dann Cephalonia, später Zakynthos deutlich. Wir werden an Hügeln
vorübergetragen, niedrigen Bergzügen, vor denen Fluren sich ausbreiten,
die mit Rebenkulturen bestanden sind. Die Berge zur Linken weichen
zurück hinter eine weite Talebene, die sie mit ihren Schneehäuptern
begleiten. Einfache, grüne Weideflächen erfreuen den Blick. Und
plötzlich erscheinen Bäume, einzelstehend, knorrig, weitverzweigt, die
für das zu erklären, was sie wirklich sind, ich kaum getraue. Aber es
sind und bleiben doch Eichen, deutsche Eichen, so alt und mächtig
entwickelt, wie in der Heimat sie gesehen zu haben ich mich nicht
erinnern kann.
Stundenweit dehnen sich nun diese Eichenbestände. Doch sind die jetzt
noch fast kahlen Kronen so weit voneinander entfernt, daß ihre Zweige,
so breit sie umherreichen, sich nicht berühren. In den einsamen
Weideländern darunter zeigen sich hie und da Hirten mit Herden.
Es kommt mir vor, als ob ich unter den vielen, die mit uns reisen, einem
großartigen Festtumulte zustrebte. Und durchaus ungewollt drängt sich
mir nach und nach die Vision eines olympischen Tages auf: der Kopf und
nackte Arm eines jungen Griechen, ein Schrei, eine Bitte, ein
Pferdegewieher, Beifallstoben, ein Fluch des Besiegten. Ein Ringer, der
sich den Schweiß abwischt. Ein Antlitz, im Kampfe angespannt, fast
gequält in übermenschlicher Anstrengung. Donnernder Hufschlag,
Rädergekreisch: alles vereinzelt, blitzartig, fragmentarisch.
Wir sind in Olympia.
Auf diesem verlassenen Festplatz ist kaum etwas anderes, als das sanfte
und weiche Rauschen der Aleppokiefer vernehmlich, die den niedrigen
Kronoshügel bedeckt und hie und da in den Ruinen des alten Tempelbezirks
ihre niedrigen Wipfel ausbreitet.
Dieses freundliche Tal des Alpheios ist dermaßen unscheinbar, daß man,
den ungeheuren Klang seines Ruhmes im Herzen, bei seinem Anblick in
eigentümlicher Weise ergriffen ist. Aber es ist auch von einer
bestrickenden Lieblichkeit. Es ist ein Versteck, durch einen niedrigen
Höhenzug jenseits des Flusses -- und diesseits durch niedrige Berge
getrennt von der Welt. Und jemand, der sich von dieser Welt ohne Haß zu
verschließen gedächte, könnte nirgend geborgener sein.
Ein kleines, idyllisches Tal für Hirten -- eine schlichte, beschränkte
Wirklichkeit! -- mit einem versandeten Flußlauf, Kiefern und kärglichem
Weideland, und doch: es mag hier gewesen sein, es weigert nichts in dem
Pilger, für wahr hinzunehmen, daß hier der Kronide, der Ägiserschütterer
Zeus, mit Kronos um die Herrschaft der Welt gerungen hat. -- Das ist das
Wunderbare und Seltsame.
Die Abhänge jenseit des Alpheios färben sich braun. Die Sonne eines
warmen und reinen Frühlingstages dringt nicht mehr mit ihren Strahlen
bis an die Ruinen, zu mir. Zwei Elstern fliegen von Baum zu Baum, von
Säulentrommel zu Säulentrommel. Sie gebärden sich hier wie in einem
unbestrittnen Bereich. Ein Kuckuck ruft fortwährend aus den Wipfeln des
Kronoshügels herab. -- Ich werde diesen olympischen Kuckuck vom zwölften
April des Jahres Neunzehnhundertundsieben nicht vergessen.
Die Dunkelheit und die Kühle bricht herein. Noch immer ist das Rauschen
des sanften Windes in den Wipfeln die leise und tiefe Musik der Stille.
Es ist ein ewiges, flüsterndes Aufatmen, traumhaftes Aufrauschen,
gleichsam Aufwachen, von etwas, das zugleich in einem schweren,
unerwecklichen Schlaf gebunden ist. Das Leben von einst scheint ins
Innere dieses Schlafes gesunken. Wer nie diesen Boden betreten hat, dem
ist es schwer begreiflich zu machen, bis zu welchem Grade Rauschen und
Rauschen verschieden ist.
Es ist ganz dunkel geworden. Ich unterliege mehr und mehr wieder inneren
Eindrücken gespenstischer Wettspiele. Es ist mir, als fielen da und
dorther Schreie von Läufern und Ringern aus der nächtlichen Luft. Ich
empfinde Getümmel und wilde Bewegungen; und diese hastig fliehenden
Dinge begleiten mich wie irgendein Rhythmus, eine Melodie, dergleichen
sich manchmal einnistet und nicht zu tilgen ist.
Plötzlich wird, von irgendeinem Hirtenjungen gespielt, der kunstlose
Klang einer Rohrflöte laut: er begleitet mich auf dem Heimwege.
Der Morgen duftet nach frischen Saaten und allerlei Feldblumen.
Sperlinge lärmen um unsere Herberge. Ich stehe auf dem Vorplatz des
hübschen, luftigen Hauses und überblicke von hier aus das enge,
freundliche Tal, das die olympischen Trümmer birgt. Hähne krähen in den
Höfen verschiedener kleiner Anwesen in der Nähe, von denen jedoch hier
nur eines, ein Hüttchen, am Fuße des Kronoshügels, sichtbar ist.
Man müßte ein Tälchen von ähnlichem Reiz, ähnlicher Intimität vielleicht
in Thüringen suchen. Wenn man es aber so eng, so niedlich und voller
idyllischer Anmut gefunden hätte, so würde man doch nicht, wie hier, so
tiefe und göttliche Atemzüge tun.
Mich durchdringt eine staunende Heiterkeit. Der harzige Kiefernadelduft,
die heimisch-ländliche Morgenmusik beleben mich. Wie so ganz nah und
natürlich berührt nun auf einmal das Griechentum, das durchaus nicht nur
im Sinne Homers oder gar im Sinne der Tragiker zu begreifen ist. Viel
näher in diesem Augenblick ist mir die Seele des Aristophanes, dessen
»Frösche« ich von den Alpheiossümpfen herüber quaken höre. So laut und
energisch quakt der griechische Frosch -- ich konnte das während der
gestrigen Fahrt wiederholt bemerken! -- daß er literarisch durchaus
nicht zu übersehen, noch weniger zu überhören war.
Überall schlängeln sich schmale Pfade über die Hügel und zwischen den
Hügeln hindurch. Sie sind wie Bänder durch einen Flußlauf gelegt, der
zum Alpheios fließt. Kleine Karawanen, Trupps von Eseln und Mauleseln
tauchen auf und verschwinden wieder. Man hört ihre Glöckchen, bevor man
die Tiere sieht, und nachdem sie den Gesichtskreis verlassen haben. Am
Himmel zeigen sich streifige Windwolken. In der braunen Niederung des
Alpheios weiden Schafherden.
Man wird an ein großartiges Idyll zu denken haben, das in diesem Tälchen
geblüht hat. Es lebte hier eine Priestergemeinschaft nahe den Göttern;
aber diese, Götter und Halbgötter, waren die eigentlichen Bewohner des
Ortes. Wie wurde doch gerade dieses anspruchslose Stückchen Natur so von
ihnen begnadet, daß es gleich einem entfernten Fixstern -- einer vor
tausend Jahren erloschenen Sonne gleich -- noch mit seinem vollen,
ruhmstrahlenden Lichte in uns ist?
Diese bescheidenen Wiesen und Anhöhen lockten ein Gedränge von Göttern
an, dazu Scharen glanzbegieriger Menschen, die von hier einen Platz
unter den Sternen suchten. Nicht alle fanden ihn, aber es lag doch in
der Macht des olympischen Zweiges, von einem schlichten Ölbaum dieser
Flur gebrochen, Auserwählten Unsterblichkeit zu gewähren.
Ich ersteige den Kronoshügel. Es riecht nach Kiefernharz. Einige Vögel
singen in den Zweigen schön und anhaltend. Im Schatten der Nadelwipfel
gedeiht eine zarte Ilexart. Die gewundenen Stämme der Kiefern mit tief
eingerissener Borke haben etwas Wildkräftiges. Ich pflücke eine
blutrote, anemonenartige Blume, überschreite das Band einer Wanderraupe,
fünfzehn bis zwanzig Fuß lang. Die Windungen des Alpheios erscheinen:
des Gottes, der gen Orthygia hinstrebt, jenseits des Meeres, wo
Arethusa, die Nymphe, wohnt, die Geliebte.
Die Fundamente und Trümmer des Tempelbezirks liegen unter mir. Dort, wo
der goldelfenbeinerne Zeus gestanden hat, auf den Platten der Cella des
Zeustempels, spielt ein Knabe. Es ist mein Sohn. Etwas vollkommen
Ahnungsloses, mit leichten, glücklichen Füßen die Stelle umhüpfend, die
das Bildnis des Gottes trug, jenes Weltwunder der Kunst, von dem unter
den Alten die Rede ging, daß, wer es gesehen habe, ganz unglücklich
niemals werden könne.
Die Kiefern rauschen leise und traumhaft über mir. Herdenglocken, wie in
den Hochalpen oder auf den Hochflächen des Riesengebirges, klingen von
überall her. Dazu kommt das Rauschen des gelben Stroms, der in seinem
breiten, versandeten Bette ein Rinnsal bildet, und das Quaken der
Frösche in den Tümpeln stehender Wässer seiner Ufer.
Immer noch hüpft der Knabe um den Standort des Götterbildes, das,
hervorgegangen aus den Händen des Phidias, den Wolkenversammler, den
Vater der Götter und Menschen darstellte; und ich denke daran, wie, der
Sage nach, der Gott mit seinem Blitz in die Cella schlug und auf diese
Art dem Meister seine Zufriedenheit ausdrückte. Was war das für ein
Meister und ein Geschlecht, das Blitzschlag für Zustimmung nahm! Und was
war das für eine Kunst, die Götter zu Kritikern hatte!
Die Hügel jenseits des Alpheios bilden eine Art Halbkreis, und ich
empfinde sie fast, unwillkürlich forschend hinüberblickend, als einen
amphitheatralischen Rundbau für göttliche Zuschauer. Rangen doch auf dem
schlichten Festplatz unter mir Götter und Menschen um den Preis.