DER LIEBENDE

Hermann Holzer geht in seiner langen, schmalen Stube auf und ab und

spricht seit einer halben Stunde. Ernst Bang liegt eben so lange auf dem

alten Studentensofa und betrachtet ihn. Manchmal hebt er ein wenig den

Kopf, wie um über die Worte des andern hinzusehen; denn diese

interessieren ihn nicht sonderlich. Der breite, blonde junge Mensch, der

immer auf demselben Fleck auf und nieder läuft, mit Schritten, als ob er

eine Anhöhe bestiege, scheint ihm viel wichtiger offenbar. Er möchte ihm

am liebsten zurufen: Bleib einmal stehen, bitte, damit ich dein Kinn

genauer sehe und deinen Mund ...

Natürlich ruft er es nicht, aber trotzdem bleibt Hermann Holzer stehen,

versammelt sich vor dem engen Fenster und deckt mit seinem schwarzen

Rücken den Himmel zu und die Schornsteine und den ganzen

Sonntagnachmittag. Die Stube dunkelt hinter ihm. Und er sagt: »Hol der

Teufel das ganze Examen. Ich bin schon wahrhaft nervös, glaub ich. Ich

fange an, Euch Konkurrenz zu machen, lieber Bang. Nehmt Euch in acht,

wenn ich mal nervös werde, dann thu ichs gründlich, -- wie alles. Dann

seid Ihr Zwerge gegen mich.« Und er dreht sich so schnell um, dass er

ein ganzes Stück Licht mit seinem Lachen hereinreisst in die rauchige

Dachstube.

Bang setzt sich wie erschrocken auf. Er ist sehr schlank und modisch

gekleidet. Jetzt besieht er langsam seine linke Hand und dann seine

rechte. Mit einem gewissen Eifer, als ob das ein Wiedersehen nach Jahren

wäre.

Holzer geht schon wieder auf und ab. »Heute muss auch noch die Antwort

kommen, ob ich Aussicht habe, den Privatunterricht bei Holms zu

übernehmen. Davon hängt viel ab. Ohne diesen Zuschuss kann ich nicht

daran denken, zu heiraten.«

Bang macht eine geräuschvolle Bewegung. Holzer wendet sich ihm

erwartungsvoll zu. Aber er erhält nur ein zerstreutes: »Ja, freilich

....« und fährt fort mit den Schritten und mit den Worten: »Ich denke

mir, dann erst wird's Ruhe geben. Dann wird man erst anfangen können,

was Vernünftiges zu arbeiten. Bis man so versorgt ist, sich um nichts zu

kümmern hat.« Pause ... und: »Helene versteht das ...« Pause. »Natürlich

werden wir irgendwo draussen wohnen ...«

Er ist gerade wieder vor dem Fenster.

Bangs feine Lippen wehren sich gegen ein Wort. Dann schlägt es nach

innen und treibt den jungen Menschen in die Höhe. Er steht eine Weile

ratlos, ehe er ein paar Schritte gegen den Freund zu macht. Als er neben

ihn tritt, sagt Holzer gerade: »Hör mal!«

Ein trauriges, slavisches Volkslied weht wie Rauch den Lichthof herauf.

Es ist, als ob das Lied sich auf die Fussspitzen stellte, um über Dächer

und Türme zu schauen ... irgendwohin.

Bang hebt unwillkürlich den Kopf und schliesst die Augen.

»Weisst Du, was das ist?« lacht Holzer.

Die Letzten · 第 7 / 21 题