Abb. 378. Osterkirchgang in der Bretagne.]

Der Franzose kennt Weihnachtsbräuche im allgemeinen nicht; nur in den

wohlhabenderen Familien von Paris bürgert sich die Sitte des deutschen

Weihnachtsbaumes mit seinem Lichterglanz mehr und mehr ein. Das

einzige, was von der Heiligkeit des Weihnachtsfestes Zeugnis ablegt,

ist die Mitternachtsmesse, die man um zwölf Uhr nachts in der Kirche

abhält. Familienfestlichkeiten gibt es gar nicht. Früher speiste man

wohl gemeinsam zu Hause, ehe man sich zur Messe begab; jetzt aber wird

dieser „Reveillon“ mehr in die Wirtshäuser verlegt und hat dadurch

das in den Familien ihm etwa noch anhaftende Stimmungsvolle gänzlich

verloren. -- Auch in Frankreich kennt man bestimmte Gerichte für das

Weihnachtsmahl: getrüffelte Pute auf der Tafel der Reichen, geröstete

schwarze Blutwurst auf dem Tische der ärmeren Klassen. Man beschenkt

nur die Kinder, aber diese Freude wird ihnen nicht am Heiligen Abend,

wie es bei uns zumeist üblich ist, zuteil, sondern erst am anderen

Morgen. Vor dem Schlafengehen stellen sie ihre Pantöffelchen in den

Kamin und finden sie beim Erwachen mit allerlei Spielsachen und

Süßigkeiten vom Weihnachtsengel (_le petit Noël_), der hier die Stelle

unseres Weihnachtsmannes oder Knechts Ruprecht vertritt, angefüllt. Im

übrigen verläuft Weihnachten für die Kleinen sang- und klanglos; dazu

kommt, daß es für sie keine Weihnachtsferien gibt: am 24. nachmittags

wird die Schule geschlossen, und am 26. haben sich die Kinder schon

wieder zum Unterricht einzufinden, da die Franzosen einen zweiten

Weihnachtsfeiertag nicht kennen.

Eine charakteristische Erscheinung in Frankreich ist der Weihnachts-

beziehungsweise Neujahrsmarkt, der vom 20. Dezember bis zum 5. Januar

abgehalten wird (_les baraques_ genannt), eine Art Jahrmarktsrummel,

auf dem wie bei uns aus ähnlichem Anlaß in marktschreierischer Weise

alle möglichen Sachen, vor allem Kinderspielzeug, das in scherzhafter

Weise auf die in- und ausländische Politik anspielt, ausgeboten

wird und alle möglichen Dinge gegen Geld öffentlich zu sehen sind.

Neujahr ist dann der Tag, an dem sich die Erwachsenen in Frankreich

beschenken. Diese Etrennes bereiten den Franzosen sehr bedeutende

Ausgaben, denn die Zahl derer, die auf sie Anspruch machen, ist eine

recht beträchtliche. Nicht nur die Mitglieder der Familie, Verwandte

und Freunde werden mit einem Geschenk bedacht, sondern auch das

ganze Heer von Untergebenen und sonstigen Leuten, die im Hause zu tun

haben, die man aber sonst überhaupt nicht zu sehen bekommt, also die

Dienstboten, der Pförtner, der im Pariser Hause eine sehr wichtige

Rolle spielt, Briefträger, Zeitungsjunge, Laufburschen, Wäscherinnen,

Friseur und noch manche andere. Es leuchtet ein, daß diese Trinkgelder

eine ganz stattliche Höhe erreichen müssen, denn ausschließen kann

man sich von ihnen nicht gut, weil die Sitte sie einmal vorschreibt.

-- Während die Pariser Weihnacht unseren deutschen Silvesterabend an

Straßenlärm wohl noch bedeutend übertrifft, insofern hier die wildeste

Ausgelassenheit bis zum hellen Morgen herrscht, unterscheidet sich die

Pariser Silvesternacht keineswegs von den übrigen Nächten des Jahres.

Man kommt nicht zusammen, trinkt keinen Punsch, ißt keine Pfannkuchen,

gießt kein Blei, bringt kein Hoch auf das neue Jahr aus und lärmt nicht

auf der Straße; die Nacht verläuft vollständig ruhig, alles bereitet

sich anscheinend auf den folgenden Tag vor, der große Anforderungen an

den Geldbeutel stellt.

In Süditalien ist vielfach noch der Weihnachtsbrauch des Ceppo üblich.

In der Heiligen Nacht legt man feierlich auf den Herd des Hauses einen

großen Holzklotz, zündet ihn an und läßt ihn mehrere Nächte hindurch

brennen. Offenbar ist diese Sitte gleichbedeutend mit dem nordischen

Julblock und höchstwahrscheinlich in weit zurückliegenden Zeiten durch

Einwanderer germanischer Herkunft hierhin verpflanzt worden. Das

Volk bezeichnet Weihnachten häufiger mit Feste del Ceppo (Fest des

Holzblockes) als mit Natale (Geburtsfest des Herrn).

[Illustration:

Phot. J. Brocherel.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 169 / 203 题