Der Franzose kennt Weihnachtsbräuche im allgemeinen nicht; nur in den
wohlhabenderen Familien von Paris bürgert sich die Sitte des deutschen
Weihnachtsbaumes mit seinem Lichterglanz mehr und mehr ein. Das
einzige, was von der Heiligkeit des Weihnachtsfestes Zeugnis ablegt,
ist die Mitternachtsmesse, die man um zwölf Uhr nachts in der Kirche
abhält. Familienfestlichkeiten gibt es gar nicht. Früher speiste man
wohl gemeinsam zu Hause, ehe man sich zur Messe begab; jetzt aber wird
dieser „Reveillon“ mehr in die Wirtshäuser verlegt und hat dadurch
das in den Familien ihm etwa noch anhaftende Stimmungsvolle gänzlich
verloren. -- Auch in Frankreich kennt man bestimmte Gerichte für das
Weihnachtsmahl: getrüffelte Pute auf der Tafel der Reichen, geröstete
schwarze Blutwurst auf dem Tische der ärmeren Klassen. Man beschenkt
nur die Kinder, aber diese Freude wird ihnen nicht am Heiligen Abend,
wie es bei uns zumeist üblich ist, zuteil, sondern erst am anderen
Morgen. Vor dem Schlafengehen stellen sie ihre Pantöffelchen in den
Kamin und finden sie beim Erwachen mit allerlei Spielsachen und
Süßigkeiten vom Weihnachtsengel (_le petit Noël_), der hier die Stelle
unseres Weihnachtsmannes oder Knechts Ruprecht vertritt, angefüllt. Im
übrigen verläuft Weihnachten für die Kleinen sang- und klanglos; dazu
kommt, daß es für sie keine Weihnachtsferien gibt: am 24. nachmittags
wird die Schule geschlossen, und am 26. haben sich die Kinder schon
wieder zum Unterricht einzufinden, da die Franzosen einen zweiten
Weihnachtsfeiertag nicht kennen.
Eine charakteristische Erscheinung in Frankreich ist der Weihnachts-
beziehungsweise Neujahrsmarkt, der vom 20. Dezember bis zum 5. Januar
abgehalten wird (_les baraques_ genannt), eine Art Jahrmarktsrummel,
auf dem wie bei uns aus ähnlichem Anlaß in marktschreierischer Weise
alle möglichen Sachen, vor allem Kinderspielzeug, das in scherzhafter
Weise auf die in- und ausländische Politik anspielt, ausgeboten
wird und alle möglichen Dinge gegen Geld öffentlich zu sehen sind.
Neujahr ist dann der Tag, an dem sich die Erwachsenen in Frankreich
beschenken. Diese Etrennes bereiten den Franzosen sehr bedeutende
Ausgaben, denn die Zahl derer, die auf sie Anspruch machen, ist eine
recht beträchtliche. Nicht nur die Mitglieder der Familie, Verwandte
und Freunde werden mit einem Geschenk bedacht, sondern auch das
ganze Heer von Untergebenen und sonstigen Leuten, die im Hause zu tun
haben, die man aber sonst überhaupt nicht zu sehen bekommt, also die
Dienstboten, der Pförtner, der im Pariser Hause eine sehr wichtige
Rolle spielt, Briefträger, Zeitungsjunge, Laufburschen, Wäscherinnen,
Friseur und noch manche andere. Es leuchtet ein, daß diese Trinkgelder
eine ganz stattliche Höhe erreichen müssen, denn ausschließen kann
man sich von ihnen nicht gut, weil die Sitte sie einmal vorschreibt.
-- Während die Pariser Weihnacht unseren deutschen Silvesterabend an
Straßenlärm wohl noch bedeutend übertrifft, insofern hier die wildeste
Ausgelassenheit bis zum hellen Morgen herrscht, unterscheidet sich die
Pariser Silvesternacht keineswegs von den übrigen Nächten des Jahres.
Man kommt nicht zusammen, trinkt keinen Punsch, ißt keine Pfannkuchen,
gießt kein Blei, bringt kein Hoch auf das neue Jahr aus und lärmt nicht
auf der Straße; die Nacht verläuft vollständig ruhig, alles bereitet
sich anscheinend auf den folgenden Tag vor, der große Anforderungen an
den Geldbeutel stellt.
In Süditalien ist vielfach noch der Weihnachtsbrauch des Ceppo üblich.
In der Heiligen Nacht legt man feierlich auf den Herd des Hauses einen
großen Holzklotz, zündet ihn an und läßt ihn mehrere Nächte hindurch
brennen. Offenbar ist diese Sitte gleichbedeutend mit dem nordischen
Julblock und höchstwahrscheinlich in weit zurückliegenden Zeiten durch
Einwanderer germanischer Herkunft hierhin verpflanzt worden. Das
Volk bezeichnet Weihnachten häufiger mit Feste del Ceppo (Fest des
Holzblockes) als mit Natale (Geburtsfest des Herrn).
[Illustration:
Phot. J. Brocherel.