[Illustration:
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 343. Bückeburgerin im Brautstaat,
meistens einem alten Familienerbstück.]
Nach Beendigung der Trauung pflegt man meistens schnell nach Hause
zu eilen; fährt die Hochzeitsgesellschaft zu Wagen (Abbildung 349),
dann wird der Weg nicht selten in rasendem Galopp zurückgelegt,
offenbar, weil man den Unglück bringenden Mächten entrinnen will. Wie
auf dem Wege zur Kirche, so wird auch jetzt das junge Paar vielfach
mit Flinten- und Böllerschüssen oder Peitschengeknall begrüßt; in
Irland zündet man ihm zu Ehren große Strohgarben an. Häufig begegnet
man auch der Sitte, sowohl in Deutschland wie in England, daß den
Neuvermählten bei der Rückkehr allerlei Hindernisse in den Weg gelegt
werden; so zum Beispiel sperrt man die Landstraße mit Stricken (Abb.
350) oder Girlanden ab und nimmt von dem Paar ein Lösegeld, bevor
man es hindurchläßt. Je größer in Wales die Anzahl dieser Stricke
ausfällt, um so größeren Ansehens erfreut sich das junge Paar und
für um so großartiger gilt die Hochzeit. Beim +Betreten des Hauses+
findet die Hochzeitsgesellschaft nicht selten Tor und Tür verschlossen;
auch hier muß das junge Paar sich durch kleine Geschenke erst wieder
loskaufen. In Pommern müssen die Neuvermählten beim Betreten ihres
neuen Heims ein Stück Brot abbeißen, damit sie an dieser Gottesgabe
niemals Mangel leiden. In Österreich überreicht man der jungen Frau
einen Laib Brot und ein hölzernes Messer mit dem Ersuchen, ein Stück
Brot abzuschneiden, und weidet sich an ihrer Verlegenheit, wenn sie
nicht damit zustande kommt. Indessen hat man die Frau meistens im
voraus davon verständigt, und sie hat vorsorglich ein Taschenmesser
zu sich gesteckt, mit dessen Hilfe es ihr leicht gelingt, dem Wunsche
zu entsprechen. Das abgeschnittene Stück wird sorgfältig von ihr
aufbewahrt, damit stets genug Brot im Haushalt vorhanden sei. In
England pflegt man die junge Frau beim Betreten des neuen Heims mit
Reis zu überschütten, in Deutschland verschiedentlich mit Erbsen und
Getreidekörnern. In Irland wird über ihrem Kopfe ein Kuchen zerbrochen,
den ihre Mutter während der Trauung gebacken hat. Im schottischen
Hochland endlich wird ein Handtuch über ihren Kopf gelegt und darüber
der Inhalt einer Brotschüssel ausgeschüttet, nach dem die Umstehenden
haschen. Im nördlichen England verwendet man zu diesem Zweck statt
Brot knuspriges Gebäck, und in manchen Gegenden muß der älteste Mann
des Dorfes diese Handlung vornehmen. Hier und dort nimmt die junge
Gattin beim ersten Betreten des Hauses noch manche andere zeremonielle
Handlung vor, die vielfach auf alten überlieferten heidnischen
Vorstellungen von der Bedeutung der Hausahnen und dem Vertreiben böser
Mächte beruht. So muß sie sich zunächst vor den Feuerherd stellen oder
um ihn herumgehen und sich vor ihm verneigen, sodann die Dungstätte
auf dem Hofe betreten, in den Stall gehen und das Vieh füttern, sich
den Bienenstöcken vorstellen und so fort. -- An manchen Orten haben
sich noch andere, ganz merkwürdige Gebräuche erhalten (Abbild. 351 bis
353). Überall sind wohl Hochzeitsgeschenke üblich, die verschiedentlich
in Lebensmitteln und Wirtschaftsgegenständen für den neuen Haushalt
bestehen (Abb. 354).
[Illustration:
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 344.
Braut in hannöverscher Tracht.
Früchte, Blumen und Myrtenstrauß kennzeichnen sie als Braut und
unterscheiden ihren Anzug von der Festtracht der übrigen Mädchen.]
[Illustration:
Phot. The Folk-Lore Society.
Abb. 345. Szene vom Girlandentag in Castleton.
Die „Girlanden“ werden von einem Berittenen in altertümlicher Tracht
auf Kopf und Schultern durch die Stadt geführt.]
Hieran schließt sich das +Hochzeitsmahl+ (hierzu die Kunstbeilage und
Abb. 356), bei dem es häufig genug hoch hergeht und besonders auf
dem Lande Unheimliches im Essen und Trinken geleistet wird. Um ein
Beispiel aus Pommern anzuführen, so wurden im Jahre 1907 gelegentlich
einer Bauernhochzeit in Schwarzau laut Zeitungsbericht zur Bewirtung
der Gäste angeschafft -- und auch verzehrt: zweiunddreißig Zentner
Weizenmehl, vier Schweine von je zweieinhalb Zentnern, zwei Kälber,
drei Schafe, zweiunddreißig Gänse, acht Zentner große Fische, zehn
Zentner kleine Fische, vierundfünfzig Tonnen Bier, fünfhundert Flaschen
Wein und dreihundert Liter Branntwein.
[Illustration:
Phot. Rudolf Jobst, Wien.
Abb. 346. Hochzeitszug in Mayrhofen (Zillertal).
Nach alter Sitte wird dabei die Ausstattung der angehenden Eheleute
mitgeführt.]
Vor Beginn des Mahles pflegt in manchen Gegenden der Hochzeitsbitter
einen Hochzeitspruch oder eine „Abdankung“ herzusagen. Das Weinglas,
aus dem die Gesundheit des jungen Paares ausgebracht wurde, wird
hinterrücks über die Schulter geworfen, so daß es in möglichst
zahlreiche Stücke zerspringt, was Glück bringen soll, und zwar um so
mehr, je mehr Scherben es sind.
In Irland erscheinen manchmal nach dem Mahle eine Anzahl „Bettler“
oder „Strohknaben“, so genannt, weil sie sich in Stroh einwickeln; ihr
Anführer tanzt mit der Braut, und den übrigen werden Erfrischungen
vorgesetzt. Der +Tanz+ (Abb. 355) bildet wohl überall den +Abschluß des
Hochzeitsfestes+. In manchen Gegenden ist er besonders auf diesen Zweck
zugeschnitten. Den ganzen Abend über versucht man, der jungen Frau
allerlei Schabernack zu spielen, der darauf hinausläuft, sie dem Gatten
abspenstig zu machen, im besonderen sie ihm zu entführen; daher lassen
die Brautjungfern sie nicht aus dem Auge. Gelingt den jungen Burschen
ihr Spaß, dann führen sie die junge Frau in ein besonderes Zimmer und
geben sie erst wieder her, wenn ihre Wächter Geschenke spenden. In
Irland sucht die junge Frau ihrerseits nach dem Mahle zu entschlüpfen,
wobei ihr die verheirateten Frauen behilflich sind. Wird sie dabei von
den Gästen ertappt, dann muß sie den rechten Strumpf ausziehen und mit
demselben nach ihnen werfen. Wer dabei getroffen wird, dem steht die
nächste Heirat bevor.
[Illustration:
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 347. Hochzeitszug im Gutachtal (Schwarzwald),
wo die alten Trachten noch viel und gern getragen werden.]
Gegen Mitternacht geht die feierliche Handlung der +Kranzabnahme+ und
die sich daran anschließende der +Haubung+ vor sich. Für gewöhnlich
nehmen der Bräutigam, ein Brautführer und eine Brautjungfer der jungen
Frau den Kranz vom Kopfe ab, wobei in Nord- und Mitteldeutschland
ein Kreis um sie gebildet und unter Absingung eines eigens für diese
Gelegenheit bestimmten Liedes im Reigenschritt um sie herumgezogen
wird. Der Braut sind dabei die Augen verbunden, und sie bemüht sich,
während des Reigens eins der sie Umtanzenden zu erhaschen; wen
sie erhascht, der wird demnächst Bräutigam oder Braut. Nach der
Kranzabnahme setzen die verheirateten Frauen der Neuvermählten die
Haube auf, womit sie andeuten, daß sie sie nunmehr in ihre Gemeinschaft
aufgenommen haben. Meistens pflegt sich die Braut nach Möglichkeit
dagegen zu sträuben. In ähnlicher Weise wird das Sträußchen des jungen
Ehemannes vertanzt. Schließlich wird der Brautschleier noch zerrissen
und in kleinen Stückchen an die Gäste verteilt.
[Illustration:
Phot. Gerda Södersund, Leksand.