mit Lippenpflöcken. Diese werden bereits kleinen Kindern in die Lippen
gesteckt und mit der Zeit durch immer größere Stücke ersetzt.]
[Illustration:
Phot. C. L. Temple.
Abb. 16. Bananafrau mit Lippenpflöcken.
Von der Seite sehen diese Frauen aus, als hätten sie eine Schnauze oder
einen Schnabel.]
Es fällt sehr schwer, sich über die sehr verwickelten religiösen
Verhältnisse der westafrikanischen Neger Klarheit zu verschaffen.
Dadurch, daß sie alles, was sie umgibt, für belebt halten und
unter diesen unzähligen übernatürlichen Kräften höhere und niedere
Gottheiten unterscheiden, wird die Sache sehr verwickelt. Neben
den Hauptgottheiten kennt man noch unzählige Scharen von Geistern,
Ahnengöttern, lokalen Haus- oder Schutzgottheiten und dergleichen. Bald
werden diese als Menschen, bald als Tiere oder als menschenähnliche,
phantastische Ungeheuer gedacht. In der Nähe von Nsan im Ekoilande
befindet sich ein kleiner See, der von den Geistern verstorbener Ekoi
in Gestalt zahlreicher Krokodile und Schlangen bewohnt sein soll. Der
besondere Schutzgott der Aschanti heißt Tando; er unterrichtet die
Stammesmitglieder von den geheimen Anschlägen ihrer Feinde. Früher
pflegte er sich gelegentlich in die Gestalt eines Knaben zu verwandeln
und sich dann von den Feinden gefangennehmen zu lassen; sobald er auf
diese Weise in ihr Land gekommen war, verwüstete er es durch die Pest,
die er mitbrachte. Ihm ist die Treiberameise heilig. Dagegen stehen die
Krokodile unter dem Schutze seiner Frau Katarwiri, eines Flußgeistes,
der als sehr boshaft und fett geschildert wird. Ein sehr gefürchteter
Geist der Aschanti ist der Sasabonsum, ein rotes Ungeheuer, das
unterirdisch in den Tiefen der Wälder haust an den Stellen, wo die Erde
rot ist, oder auch in Baumwollbäumen. In boshafter Weise überfällt
es die Wanderer, nimmt sie gefangen und verzehrt sie; die rote Erde
rührt von ihrem Blute her. Es wirft auch Bäume um, damit dadurch die
Vorübergehenden erschlagen werden, hebt die Erde auf, damit die auf
ihr stehenden Häuser umfallen, und treibt noch andere Grausamkeiten.
-- Der Kultus, den man diesen zahlreichen Göttern widmet, um sie bei
guter Laune zu erhalten oder wieder zu versöhnen, ist im allgemeinen
derselbe, wie wir ihn bereits bei anderen Naturvölkern kennen gelernt
haben. In der Hauptsache sind es Opfer, die man ihnen darbringt in
Gestalt von Lebensmitteln, zum Beispiel Getreide, Getränke, Hühner,
Ziegen, seltener Rinder, Palmöl und so weiter (Abb. 75). Man schlachtet
die Tiere für gewöhnlich und bestreicht mit ihrem Blute die Idole,
die die Götzen darstellen sollen, reibt diese auch mit Öl ein, oder
man stellt die Opfer vor ihnen auf. Die Frauen der Ibo bringen am
Jahresschluß dem Aro, der Gottheit des Jahres, alte Töpfe, Kleider,
Körbe und so weiter dar, in dem Glauben, daß sie damit Schmerzen,
Krankheit und Unglück im kommenden Jahre von sich abwenden können.
-- In Dahome macht die Schlangenanbetung den wichtigsten Teil der
Religion aus; die Pythonschlange gilt als das Sinnbild des Glücks und
des Gedeihens. Es gibt unter der dortigen Bevölkerung verschiedene
Priestersekten, in die jedes Kind, das mit einem dieser Kriechtiere in
Berührung gekommen ist, aufgenommen werden muß. Auch dem Ozean bringt
man Opfer in Gestalt von Getreide, Muschelgeld und Palmöl, früher
brachte man ihm aus wichtigen Anlässen auch Menschenopfer dar. Die
letzteren wurden -- heutzutage wird dieser scheußliche Brauch wohl kaum
mehr geübt -- in kostbare Gewänder gekleidet und aus einem Kanu einfach
ins Wasser geworfen. Auch dem bösen Geiste Sasabonsum wurden vormals
von den Aschanti nach einem Erdbeben Versöhnungsopfer in Gestalt von
Menschen dargebracht; beim Wiederaufbau der Häuser wurde zur Aufführung
der Fundamente Menschenblut benutzt. Ganz besonders schrecklich ging
es aber in dem früheren Königreich Benin im Bereiche des Nigerdeltas
zu. Hier wurden den Gottheiten der Sonne, des Regens und der Jahre
Menschenopfer dargebracht, und zwar in solchen Massen, daß man geradezu
von Menschenschlächtereien sprechen konnte. Nach den Schilderungen von
Augenzeugen besaß in der Blutstadt Benin jeder Häuserblock eine tiefe
Grube voll abgeschlachteter Leichen und Sterbender. Überall fand man
Menschenopfer umherliegen und namentlich Gekreuzigte an besonderen
Baumgerüsten hängen oder begegnete ihren Schädelresten oder wenigstens
Blutspuren an der Landstraße. Auch beim Tode eines Häuptlings oder wenn
man ihm später einmal ins Jenseits Nachricht von seinen Angehörigen
geben wollte, wurden Tausende von Opfern hinüberbefördert. Im Jahre
1897, nachdem der letzte König von Benin eine englische Gesandtschaft
hatte niedermetzeln lassen, wurde die Stadt im Sturm genommen und den
geschilderten Unmenschlichkeiten ein Ende bereitet.
[Illustration:
Phot. Gebr. Haeckel.