Abb. 15. Bananafrau vom Logonefluß

mit Lippenpflöcken. Diese werden bereits kleinen Kindern in die Lippen

gesteckt und mit der Zeit durch immer größere Stücke ersetzt.]

[Illustration:

Phot. C. L. Temple.

Abb. 16. Bananafrau mit Lippenpflöcken.

Von der Seite sehen diese Frauen aus, als hätten sie eine Schnauze oder

einen Schnabel.]

Es fällt sehr schwer, sich über die sehr verwickelten religiösen

Verhältnisse der westafrikanischen Neger Klarheit zu verschaffen.

Dadurch, daß sie alles, was sie umgibt, für belebt halten und

unter diesen unzähligen übernatürlichen Kräften höhere und niedere

Gottheiten unterscheiden, wird die Sache sehr verwickelt. Neben

den Hauptgottheiten kennt man noch unzählige Scharen von Geistern,

Ahnengöttern, lokalen Haus- oder Schutzgottheiten und dergleichen. Bald

werden diese als Menschen, bald als Tiere oder als menschenähnliche,

phantastische Ungeheuer gedacht. In der Nähe von Nsan im Ekoilande

befindet sich ein kleiner See, der von den Geistern verstorbener Ekoi

in Gestalt zahlreicher Krokodile und Schlangen bewohnt sein soll. Der

besondere Schutzgott der Aschanti heißt Tando; er unterrichtet die

Stammesmitglieder von den geheimen Anschlägen ihrer Feinde. Früher

pflegte er sich gelegentlich in die Gestalt eines Knaben zu verwandeln

und sich dann von den Feinden gefangennehmen zu lassen; sobald er auf

diese Weise in ihr Land gekommen war, verwüstete er es durch die Pest,

die er mitbrachte. Ihm ist die Treiberameise heilig. Dagegen stehen die

Krokodile unter dem Schutze seiner Frau Katarwiri, eines Flußgeistes,

der als sehr boshaft und fett geschildert wird. Ein sehr gefürchteter

Geist der Aschanti ist der Sasabonsum, ein rotes Ungeheuer, das

unterirdisch in den Tiefen der Wälder haust an den Stellen, wo die Erde

rot ist, oder auch in Baumwollbäumen. In boshafter Weise überfällt

es die Wanderer, nimmt sie gefangen und verzehrt sie; die rote Erde

rührt von ihrem Blute her. Es wirft auch Bäume um, damit dadurch die

Vorübergehenden erschlagen werden, hebt die Erde auf, damit die auf

ihr stehenden Häuser umfallen, und treibt noch andere Grausamkeiten.

-- Der Kultus, den man diesen zahlreichen Göttern widmet, um sie bei

guter Laune zu erhalten oder wieder zu versöhnen, ist im allgemeinen

derselbe, wie wir ihn bereits bei anderen Naturvölkern kennen gelernt

haben. In der Hauptsache sind es Opfer, die man ihnen darbringt in

Gestalt von Lebensmitteln, zum Beispiel Getreide, Getränke, Hühner,

Ziegen, seltener Rinder, Palmöl und so weiter (Abb. 75). Man schlachtet

die Tiere für gewöhnlich und bestreicht mit ihrem Blute die Idole,

die die Götzen darstellen sollen, reibt diese auch mit Öl ein, oder

man stellt die Opfer vor ihnen auf. Die Frauen der Ibo bringen am

Jahresschluß dem Aro, der Gottheit des Jahres, alte Töpfe, Kleider,

Körbe und so weiter dar, in dem Glauben, daß sie damit Schmerzen,

Krankheit und Unglück im kommenden Jahre von sich abwenden können.

-- In Dahome macht die Schlangenanbetung den wichtigsten Teil der

Religion aus; die Pythonschlange gilt als das Sinnbild des Glücks und

des Gedeihens. Es gibt unter der dortigen Bevölkerung verschiedene

Priestersekten, in die jedes Kind, das mit einem dieser Kriechtiere in

Berührung gekommen ist, aufgenommen werden muß. Auch dem Ozean bringt

man Opfer in Gestalt von Getreide, Muschelgeld und Palmöl, früher

brachte man ihm aus wichtigen Anlässen auch Menschenopfer dar. Die

letzteren wurden -- heutzutage wird dieser scheußliche Brauch wohl kaum

mehr geübt -- in kostbare Gewänder gekleidet und aus einem Kanu einfach

ins Wasser geworfen. Auch dem bösen Geiste Sasabonsum wurden vormals

von den Aschanti nach einem Erdbeben Versöhnungsopfer in Gestalt von

Menschen dargebracht; beim Wiederaufbau der Häuser wurde zur Aufführung

der Fundamente Menschenblut benutzt. Ganz besonders schrecklich ging

es aber in dem früheren Königreich Benin im Bereiche des Nigerdeltas

zu. Hier wurden den Gottheiten der Sonne, des Regens und der Jahre

Menschenopfer dargebracht, und zwar in solchen Massen, daß man geradezu

von Menschenschlächtereien sprechen konnte. Nach den Schilderungen von

Augenzeugen besaß in der Blutstadt Benin jeder Häuserblock eine tiefe

Grube voll abgeschlachteter Leichen und Sterbender. Überall fand man

Menschenopfer umherliegen und namentlich Gekreuzigte an besonderen

Baumgerüsten hängen oder begegnete ihren Schädelresten oder wenigstens

Blutspuren an der Landstraße. Auch beim Tode eines Häuptlings oder wenn

man ihm später einmal ins Jenseits Nachricht von seinen Angehörigen

geben wollte, wurden Tausende von Opfern hinüberbefördert. Im Jahre

1897, nachdem der letzte König von Benin eine englische Gesandtschaft

hatte niedermetzeln lassen, wurde die Stadt im Sturm genommen und den

geschilderten Unmenschlichkeiten ein Ende bereitet.

[Illustration:

Phot. Gebr. Haeckel.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 52 / 203 题