Auch das Christentum hat verschiedentlich an der ganzen Küste
Westafrikas Fuß gefaßt, und zwar bereits seit einer Reihe von
Jahrhunderten, seitdem nämlich im fünfzehnten Jahrhundert die
Portugiesen von den Kanarischen Inseln aus ihre Entdeckungs- und
Eroberungsfahrten längs der Küste ausdehnten. Dieser Umstand dürfte
auch dazu beigetragen haben, daß wir verschiedentlich in der Religion
der heidnischen Stämme Westafrikas Anklänge an die christliche Lehre
finden, vor allem immer wieder auf die Verehrung eines höchsten Wesens
stoßen, das zumeist für den Schöpfer und Lenker des ganzen Weltalls
gilt, für gewöhnlich mit guten Eigenschaften ausgestattet ist und
als der Herr über andere, mehr oder minder zahlreiche, niedere oder
örtliche Gottheiten angesehen wird. Die Ibo benennen dieses höchste
Wesen mit Chuku, die Edo mit Osa, die südlichen Stämme der Goldküste
mit Bobowissi, die Akposo in Togo mit Uwolowu, die Ewevölker mit
Mawu, die Analeute mit Buku, die Bakoke in Kamerun mit Ololume und so
weiter; die Ekoi verehren sogar zwei höchste Gottheiten: Obassi Osaw
(das heißt der vom Firmament) und Obassi Nsi (das heißt der von der
Erde). Außer diesen Hauptgottheiten werden von den westafrikanischen
Negerstämmen noch niedere Gottheiten, meistens die Vorfahren, auch
besondere Schutzgottheiten, sowie zahlreiche Geister verehrt. Gerade
die Geisterverehrung hat in Westafrika einen solchen Umfang wie wohl
nirgends angenommen (Abb. 32, 34, 35, 36 und 38). Man bezeichnet
diese Art von religiöser Anbetung als Fetischismus. Ein Fetisch (von
dem portugiesischen Worte _feitiço_ = Amulett abgeleitet) ist kein
wirklicher Gott oder Götze, auch keine Seele eines Ahnen, sondern ein
Geist, der in dem betreffenden Gegenstande, der dann auch seinerseits
Fetisch genannt wird, lebt, ein Zaubermittel, das mittels desselben
seine Wirksamkeit entfaltet (Abb. 39). Die westafrikanischen Neger
halten nämlich jeden beliebigen, für uns unbelebten Gegenstand
für beseelt von einem Geiste und treiben mit Hilfe eines solchen
Zauberei. Zu einem Fetisch kann also jeder beliebige Gegenstand
gemacht werden; dementsprechend begegnen wir darunter den nach unseren
Begriffen sinnlosesten Dingen. So bestand der Hauptfetisch der Adele
in Pereu (Togo) aus einem kleinen Holzschemel, an dem mit Hühnerblut
angeklebte Vogelfedern saßen und kleine Metallglocken hingen. Des
Fetischs Boffima in Sierra Leone, einer mit Leopardenhaut überzogenen
Knollenfrucht, gedachten wir bereits auf Seite 4. Der Fetisch Legba,
der vielfach in Dahome und in den Eweländern angetroffen wird und
für ein sehr wirksames Zaubermittel zur Erhöhung der Liebeslust
und der Zeugungskraft gilt, stellt eine ganz roh geformte sitzende
Figur mit auffällig entwickelten Geschlechtsteilen vor. Bei einer
Frau der Goldküste, deren Fetisch die Schuld an dem Tode mehrerer
Verwandten beigemessen wurde, fand sich unter ihrer Haarfrisur eine
kleine kupferne Pfanne mit einem Lehmkloß, in dem Papageienfedern
steckten. Ein besonderes Interesse dürften die Fetische der Loangoküste
beanspruchen. Es sind dies menschliche, auch wohl tierische Figuren
aus Holz, die meistens an ihrer ganzen Oberfläche mit Bandeisenstücken
oder Nägeln gespickt erscheinen (Abb. 40). Dieses Einschlagen der
Nägel verfolgt einen doppelten Zweck. Einmal will derjenige, der diese
Maßnahme an dem Fetisch vornimmt, dadurch seine Unschuld beweisen; er
schwört gleichsam bei seinem Fetisch. Der Geist im Holze soll die durch
das Einschlagen entstehenden Schmerzen genau wie ein Mensch fühlen und
würde sich an dem Betreffenden, der sie ihm zufügte, falls er einen
Meineid geschworen hätte, rächen, weil er ihm dann frevelhafterweise
Schmerzen bereitet hätte. Im anderen Falle, wo es sich darum handelt,
einen Dieb oder Mörder zu bestrafen, will man den Geist durch den ihm
beigebrachten Schmerz dazu zwingen, den Dieb oder Mörder zur Strafe zu
ziehen.
[Illustration:
Phot. The Sudan United Mission.